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Full text of "Festgabe Friedrich von Bezold zum 70 Geburtstag"

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FESTGABE 

FRIEDRICH VON BEZOLD 

DARGEBRACHT 

ZUM 70. GEBURTSTAG 

VON 
SEINEN SCHÜLERN, KOLLEGEN UND FREUNDEN 




KURT SCHROEDER, VERLAG, BONN UND LEIPZIG 

1921 



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Alle Rechte vorbehalten 



Druck der Dieterichschen Universitäts- Buchdruckerei (W. Fr. Kaestner) in Oöttingen 



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HOCHVEREHRTER HERROEHEIMRAT! 



u Ihrem 70. Geburtstag bringen Ihnen Ihre Schüler, Kolle- 
gen und Freunde die herzlichsten Glückwünsche dar! 

Anders, als wir gedacht hatten, müssen wir diesen Tag 
begehen. Gewiß, rauschende Feste entsprachen nie Ihrer 
schlichten Art; aber selbst zu einer Feier im kleinen Kreise, wie wir 
sie Ihnen und uns gern bereitet hätten, ist die ernste Zeit nicht an- 
getan. Zu schwer lasten auf uns allen die Erlebnisse der letzten 
vier Jahre und die Sorge um Deutschlands Zukunft. 

Umsomehr freuen wir uns, daß Ihre Arbeitskraft trotzdem 
unvermindert geblieben ist. Denn mitten im Getümmel des Welt- 
krieges errichten Sie der Rheinischen Universität, der Sie selbst 
nunmehr über zwei Jahrzehnte angehören, zu ihrem Säkularfest 
das literarische Denkmal. 

Freilich zwang Sie dieser ehrenvolle Auftrag, liebgewordene 
Studien über das 16. Jahrhundert und vor allem die geplante und 
weitgeförderte Biographie Jean Bodins zunächst ruhen zu lassen. 
Aber die Bonner Universitätsgeschichte reiht sich doch auch inner- 
lich Ihrem Lebenswerke ein. Nicht nur, daß Sie schon vor Jahr- 
zehnten der mittelalterlichen Entwicklung der deutschen Univer- 
sitäten eine tiefschürfende Untersuchung gewidmet haben, von 
vornherein haben Sie ja die Kulturgeschichte zu Ihrem bevorzugten 
Arbeitsgebiet erkoren. Wie Ihre Vorlesungen über die Kultur des 
Mittelalters und der Renaissance Ihnen selbst die liebsten und 
für Ihre Hörer die fesselndsten sind, so haben Sie die geistige 
Entwicklung vom Mittelalter zur Renaissance in einer ganzen Reihe 
von feinsinrttgen Einzelstudien aufgehellt. In den großen universal- 
historischen Rahmen eingespannt sind die Ergebnisse dieser For- 
schungen in Ihrer monumentalen „Geschichte der deutschen Re- 
formation" und in der strafferen, aber umfassenderen Darstellung 
von „Staat und Gesellschaft des Reformationszeitalters". 

Denn auch mit der politischen Geschichte waren Sie von Ihrer 



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Studienzeit her wohlvertraut. Schon in Ihren Erstlingsschriften 
über die Hussiten und vollends in dem für die Münchener Histo- 
rische Kommission herausgegebenen „Briefwechsel des Pfalzgrafen 
Johann Casimir" haben Sie sich als echten Schüler Ihres Lehrers 
Georg Waitz erwiesen. So zeugen Ihre Arbeiten von Ihrer Auf- 
fassung, daß erst die Verbindung von politischer und Kultur- 
geschichte die wahre Geschicjjtschreibung ausmache. 

Auf ein reiches, vielseitiges Schaffen können Sie stolz an 
diesem Tage zurückblicken. Ihre körperliche und geistige Frische 
berechtigt uns zu der Hoffnung, daß Ihnen im achten Jahrzehnt 
Ihres Lebens, nach Vollendung der Universitätsgeschichte, noch 
manche Früchte der Lebensarbeit reifen werden. Mit dem Dank 
für all die Anregungen und Förderungen, die Sie uns haben zu- 
teil werden lassen, verknüpfen wir den Wunsch, daß Ihnen noch 
ein langes Wirken beschieden sein möge, zum Heil für die von 
Ihnen gepflegten Wissenschaften und zum Segen für unser deut- 
sches Volk, das in Ihnen einen seiner bedeutendsten lebenden 
Geschichtschreiber verehrt. 

Bonn, im Dezember 1918. 



Prof. D. Dr. Hans Achelis, Bonn 
Prof. Dr. Oottfried Baist, Geh. Hofrat, 

Freiburg i. B. 
Dr. Gisbert Beyerhaus, Bonn 
Prof. Dr. Gustav von Bezold, Nürnberg 
Prof. Dr. Theodor Bitterauf, München 
Prof. Dr. Hermann Cardauns, Bonn 
Prof. Dr. Conrad Cichorius, Geh. Re- 
gierungsrat, Bonn 
Prof. Dr. Heinrich Dietzel, Geh. Regie- 
rungsrat, Bonn 
Dr. Hildegard Doerr, Düsseldorf 
Prof. Dr. Adolf Dyroff, Geh. Regierungs- 
rat, Bonn 
Prof. Dr. Georg Ellinger, Berlin 
Prof. Dr. Carl Enders, Bonn 
Prof. Dr. Richard Falckenberg, Geh. 

Hofrat, Erlangen 
Prof. Dr. Heinrich Finke, Geh. Hofrat, 
z. Prorektor der Universität Freiburg 
i. B. 
Prof. Dr. Eduard Firmenich - Richartz, 
Bonn 



Prof. Dr. Otto von Franque, Geh. Me- 
dizinalrat, Bonn 

Prof. Dr. Carl Garre, Geh.Med.-Rat, Bonn 

Dr. Helmut Goering, Bonn 

Prof. Dr. Leopold Carl Goetz, Bonn 

Prof. Dr. Walter Goetz, Oeh. Hofrat, 
Leipzig 

Prof. D. Dr. Eduard^Orafe, Oeh. Kon- 
sistorialrat, Bonn 

Prof. Dr. Karl Hampe, Geh. Hofrat, 
Heidelberg 

Prof. Dr. Josef Hansen, Geh. Regierungs- 
rat, Cöln 

Prof. Dr. Justus Hashagen, Bonn 

Dr. Hermann Hegels, Düsseldorf 

Prof. Dr. Josef Heimberger, Oeh. Justiz- 
rat, Bonn 

Privatdozent Dr. Hermann Henrici, 
Basel 

Prof. Dr. Alfred Herrmann, Posen 

Dr. Theodor Heuel, Essen 

Lina Hilger, Direktorin des Lyzeums, 
Kreuznach 






Original ftom 
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Oberlehrer Dr. Edmund Kahlenborn, 
Mülheim (Ruhr) ' 

Dr. Gerhard Kallen, Bonn 

Oberlehrerin Dr/Hildegard Katsch, 
Rostock 

Oberlehrerin Dr. Else Kemper, Barmen 

Dr. Hubert Klein, Coblenz 

Oberlehrer Dr. Wilhelm Konen, 
Düsseldorf 
i Prof. Dr. Georg Küntzel, Frankfurt a. M. 

Prof. Dr. Ernst Landsberg, Geh. Justiz- 
rat, Bonn 

Oberlehrer Dr. Paul Legers, Remscheid 

Oberlehrer Dr. Albert Lennarz, Studien- 
rat, Düren 

Prof. Dr. Wilhelm Levison, Bonn 

Prof. Dr. Berthold Litzmann, Geh. Re- 
gierungsrat, Bonn 

Prof. Dr. Friedrich Luckwaldt, Danzig 

Prof. Dr. Friedrich Marx, Geh. Regie- 
rungsrat, Bonn 

Prof. D. Johannes Meinhold, Geh. Kon- 
sistorialrat, Bonn 

Prof. Dr. Aloys Meister, Münster i.W. 

Prof. Dr. Rudolf Meissner, Geh. Regie- 
rungsrat, Bonn 

Oeh. Kommerzienrat HansOldenbourg, 
München 

Prof. Dr. Hermann Ottendorff, Direktor 
des Oberlyzeums, Neuwied 

Privatdozent Dr. Walter Platzhoff, Bonn 



Dr. Rudolf Reuter, Cöln 

Dr. Walter Ring, Duisburg 

Prof. Dr. Moriz Ritter, Geh. Regierungs- 
rat, Bonn 

Dr. Hans Rörig, Cöln 

Oberlehrer Dr. Johannes Ruetz, Studien- 
rat, Cöln 

Prof. Dr. Ludwig Schiedermair, Bonn 

Oberlehrerin Dr. Julie Schmidt, Duis- 
burg- Ruhrort 

Dr. Otto Schmithals, Cleve 

Prof. Dr. Aloys Schulte, Geh. Regierungs- 
rat, Bonn 

Oberlehrer Dr. FritzSpandau, Wiesbaden 

Oberlehrer Dr. Heinrich Steins, Posen 

Prof. Dr. Alfred Stern, Zürich 

Dr. Adolf von Stroell, Geheimrat, 
München 

Prof. Dr. Adolf von Strümpell, Geh. 
Medizinalrat, Leipzig 

Prof. D. Dr. Ulrich Stutz, Oeh. Justiz- 
rat, Berlin 

Prof. Dr. Rudolf Thurneysen, Oeh. Re- 
gierungsrat, Bonn 

Prof. Dr. Max Verworn, Oeh. Medizi- 
nalrat, Bonn 

Dr. Marianne Weller, Bonn 

Prof. Dr. Alfred Wiedemann, Oeh. Re- 
gierungsrat, Bonn 

Das Historische Seminar der Universität 
Bonn, Wintersemester 1918/1919. 



Mit diesen Worten haben wir Sie am 26. Dezember 1918 be- 
grüßt. Die schon damals geplante Festgabe, deren Druck durch 
die Zeitumstände immer wieder hinausgeschoben wurde, können 
wir Ihnen erst jetzt überreichen, nachdem wir in einem Ihrer 
dankbaren Schüler einen freudig zu Opfern bereiten Verleger ge- 
funden haben. Als ein Zeichen herzlicher Verehrung und treuer 
Gesinnungsgemeinschaft bitten wir unsere Gabe entgegenzunehmen. 
Zu Ihnen und Ihren wissenschaftlichen Idealen aufzuschauen ist 
uns grade in schwerer Zeit Trost und Freude. 

Bonn am 10. Mai 1921. 






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INHALTSVERZEICHNIS 

I. Chronos von Qeheimrat Professor Dr. Adolf Dyroff .... 1 
II. Die aegyptische Oeschichte in der Sage des Alter- 
tums von Geheimrat Professor Dr. Alfred Wiedemann .... 22 

III. Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars von Qeheimrat 
Professor Dr. Conrad Cichorius 59 

IV. Die Politik in den Jenseitsvisionen des frühen 
Mittelalters von Professor Dr. Wilhelm Levison 81 

V. Die angebliche Kölner Synode von 873 von Studienrat 

Dr. Oerhard Kallen 101 

VI. cuonio uuidi von Qeheimrat Professor Dr. Rudolf Meissner 126 

VII. Stilübungen zur Ketzerverfolgung unter Kaiser Frie- 
drich II. von Qeheimrat Professor Dr. Karl Hampe 142 

VIII. Ein Gutachten über die Verbesserung der Kurkölni- 
schen Zentralverwaltung von etwa 1440. Ein Beitrag 
zur Entstehung der Ratsbehörde und des Budgetwesens von Pri- 
vatdozent Dr. Hermann Aubin 150 

IX. Die Deutschen und die Anfänge des Buchdrucks in 

Spanien von Qeheimrat Professor Dr. phil. et jur. Aloys Schulte 165 
X. Erasmus und die Klevischen Kirchenordnungen von 

1532/33 von Professor Dr. Justus Hashagen 181 

XI. Simon Lemniu s als Lyriker von Professor Dr. Georg Ellinger 221 

XII. Der junge Friedrich und die Anfänge seiner Ge- 
schichtsschreibung von Professor Dr. Georg Küntzel . . 234 

XIII. Der Kuchenheimer Religionsklub (1791/92) von Privat- 
dozent Dr. Gisbert Beyerhaus 250 

XIV. Preußen und Bayern im Frühjahr 1813 von Professor 

Dr. Theodor Bitterauf 264 

XV. Ferdinand Rose (1815—1859). Ein vergessener politischer 
Philosoph und Vorkämpfer des Völkerbundgedankens von Studien- 
assessor Dr. Rudolf Reuter 290 

XVI. Die Stellung der Rheinlande in der deutschen Ge- 
schieh te von Prof. Dr. Walter Platzhoff 304 

XVII. DieVereinigtenStaaten und Europa. Ein geschichtlicher 

Rückblick von Professor Dr. Friedrich Luckwaldt 321 



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Chronos 

Von 

Adolf Dyroff 

Chronos ist ein gewaltiger Gott — das ist ein Lieblings- 
gedanke des frommen Dichters Sophokles. Groß, in Zahlen nicht 
faßbar, leicht schaffend, allmächtig nennt er ihn. Sophokles 
kann sich in der Hervorhebung der Kraft and Stärke der Zeit 
nicht genug tun: Das Verborgene bringt Chronos zu Tag, das Er- 
schienene birgt er ins Dunkel. Auf seinem Gange erzeugt er 
Nächte und Tage. Im Laufe eines Tages stürzt er das eine, 
erhöht er das andere. Alles vernichtet, nur die Götter verschont 
er. Alles sieht, viel Kluges erfindet er. Nicht Aisa, nicht Hei- 
marmene oder Pepromene, selbst Moira nicht genießen gleiche Ver- 
ehrung im Herzen des Atheners. Nur Tyche tritt bei ihm mit 
Chronos in den Wettkampf ein und vermag ihm den Rang doch 
nicht abzulaufen. Kaum reicht Zeus an ihn heran. Kein Zweifel, 
tief hatte sich die Vorstellung von der übermenschlichen Bedeu- 
tung der Zeit dem Gemüte des Tragikers eingegraben und kein 
Zufall ist es, daß das einem frommen, gläubigen Denker geschab. 
Religiös veranlagten Naturen hat sich in allen Weltaltern Chronos 
zu geweihter Stunde als Bote göttlicher, über die Menschheit wie 
über den Einzelnen weit hinausragender Herrlichkeit und Fürsten- 
macht geoffenbart. 

Reizvoll wäre es aus dem anmutigen Hochtale sophokleischer 
Weltweisheit über die im Morgentau philosophischer Anfänge 
stehender Hänge altgriechischer Lyrik, wo auch für des Sophokles l ) 
Gnomen manches Quellchen rann, durch die ewig brandende Fels- 
klamm des Herakleitos, dem Dike die ordnende Gewalt der Sternen- 



1) Far Sophokles geben die Sophoklcswörterbücber die Stellen. Vgl. Jos. 
Steffens, Entwicklung des Zeitbegriffs in der griechischen Philosophie bis 
Piaton nebst einer einleitenden Gründung auf vorphilosophische Anschauung. 
Bonner Dies. Berlin 1911, bes. S. 9 ff. 

1 



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2J '. : . ':■■ ':': ■:•..:/•'• ../Adolf Dyroff 

weit und der ätherische Zeus der Grenzhalter des Himmels ist, 
durch die fünf Schilifte auch des dunklen Pherekydes l ) hinaufzu- 
steigen zu der glänzenden Höhe des ersten europäischen Philo- 
sophen Anaximandros, der durch seinen Landsmann Thaies, den 
Propheten einer Sonnenfinsternis, über die Fruchtbarkeit der Stern- 
kunde belehrt und durch eigene astronomische Studien ermutigt, 
dem siderischen Chronos wohl zuerst das Szepter über die irdischen 
Dinge in die Hände legte. Lehrreich wäre es sodann von Sopho- 
kles weg durch die Jahrtausende hindurch in die fruchtbare Tief- 
ebene der philosophischen Gegenwart herabzuwandern. Kein Philo- 
soph von Bedeutung, der nicht sich an dem Problem der Zeit ver- 
sucht, keine philosophische Disziplin, die nicht, ausgenommen etwa 
die Schönheitslehre, ihre Strahlen in den dunklen Winkel geworfen 
hätte. Wie die großen Begriffe, Substanz, Kausalität, Kraft, Zweck, 
Raum hat der der Zeit im Laufe der Jahrtausende alle Wand- 
lungen der Philosophie miterlitten. Im Altertum bei Piaton, dem 
im hohen Alter plötzlich die Sonderbarkeit des „Jetzt" und des 
„Plötzlich" aufging, bei Aristoteles im Kampf der Skeptiker und 
der dogmatischen Schulen, wie im Mittelalter herrscht die ontolo- 
gische Behandlung. Sie gewinnt durch die Frage nach dem Ver- 
hältnis von Zeit und Ewigkeit bei den frühchristlichen Denkern 
jene eigentümliche Färbung, die in der Sage von dem Heisterbacher 
Mönch, der, dem Waldvogel lauschend, Jahrhunderte überhört, 
vielleicht am ergreifendsten sich abspiegelt 8 ). Augustinus hat hier 
Pate gestanden, Augustinus, dem biblische Stellen mehr noch als 
aristotelisches Vorbild die ertragreichsten Anlässe zu scharfer und 
tiefgehender Analyse boten. So beim Maß-, so beim Zeitbegriff, 
bei dem er, ähnlich wie beim Selbstbewußtsein etwas derb zu- 
greifend, doch wunderbare Eingebungen hat und die Beziehung der 
Zeit aufs Ich, auf die Gegenwart der Seele und den Anteil des 
Gedächtnisses genial erkennt. Leider schiebt man so gerne nicht 
die Stellen in den Vordergrund, wo er dem freilich feiner model- 
lierenden und auf modernste Bedürfnisse eingestellten Henri Poin- 
car<5 beinahe verglichen werden kann, sondern jenen mehr dem 



1) Über merkwürdige sachliche Beziehungen zwischen Pherekydes und der 
Vüluspä vielleicht spater einmal. 

2) Die berühmte Erzählung ist nicht bei Cäsarius zu finden, wie mir Alfons 
Hidka bestätigt, dem ich nicht nur den Verweis auf Erich Mai, Acta Germanica, 
Neue Reihe IV 11)12 u. J. Klapper, Erzählungen des Mittelalters. Breslau 
1014. S. 348, sondern auch den Text einer Leipziger Handschrift verdanke. 
Dort wird die Geschichte in den Anfang des Zisterzienserordens verlegt und der 
Mönch eingeführt, wie er über das Psalmenwort: „Mille anni ;t nachdenkt. 



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Chrouos 3 

beichtenden Psychologen and Schüler der Rhetorenschale anstehenden 
Satz: Si nemo ex ine qnaerat, scio, si quaerenti explicare velim, 
nescio. Oswald Spengler *), der mit beflissener Unwissenheit die 
ganze bis auf ihn geleistete Gedankenarbeit im negativen Sinne 
übersieht, nennt dieses Wort die einzige tiefe und ehrfürchtige 
Bezeichnung der Zeit, die er (bei Eisler?) in der älteren Philo- 
sophie gefunden hat — vermutlich, weil er den Kirchenvater für 
einen numidischen Magier hält. Das psychologisch-subjektivistische 
Ringen mit dem Proteus Zeit beginnt natürlich bei dem Paare 
Locke -Hume 8 ) und Leibniz und seitdem gehen metaphysische, 
logisch-erkenntnistheoretische, psychologische Bestimmungen bald 
neben- bald gegeneinander. Newton unterscheidet die absolute, 
wahre, mathematische Zeit von der relativen. Man trennt Dauer 
und Gegenwart, unteilbare Augenblicksgrenze und physikalischen 
Augenblickspunkt. Man reißt Raum und Zeit hart von einander 
los — so z. B. Spengler, der, seine Abhängigkeit von dem angeb- 
lichen Darchschnittsjournalisten Bergson nicht bemerkend, auch in 
seiner Zeitbetrachtung fragmentarisch bleibt — man unterscheidet 
zwischen beiden fein vergleichend, so besonders sorgfältig Max 
W entscher 3 ). Man betont die Nichtwieilerholbarkeit der Zeit. 
Man geht den psychischen Grundlagen der Zeitanschauung und den 
Möglichkeiten der Zeitmessung nach. Kein Mittel der Beobachtung 
und der Analyse blieb unangewendet, das Rätsel der Sphinx zu 
lösen 4 ). 

Die gegenwärtige Endwirkung des ganzen Verlaufs ist in 
weiten Kreisen die, daß die Zeit für etwas mehr oder weniger 
Subjektives, für ein Gebilde der menschlichen Geistesanlage oder 
wie man sonst das Subjektive heute nennen mag. angesehen wird. 



1) Der Untergang des Abendlandes. München 1920. S. 175. 

2) Für Hurae s. vorläufig die Lipps'ache Übersetzung des Traktats mit 
Namen- und Sachregister. 

3) Erkenntnistheorie. Berlin 1920. II. 32 ff. Von Älteren s. etwa Wilh. 
Windelband, Einleitung in die Philosophie. Tübingen 19U, 102 f. 

4) Die ganze Naturgeschichte des Begriffs zu schreiben muß ich mir hier 
versagen. Die geistvolle, die Zukunft zur Vergangenheit machende, Ich und Zeit 
in Verbindung bringende Philosophie Schellings, die Fr. Schlegels, Fr. Baaders 
tiefsinnige Abhandlung, Schopenhauers wesen- und marklose Sätze, die energische 
Arbeit der Neuscholastiker, der neuesten Philosophen wie Alexander v. Meinong, 
v. Kries, Volkelt, Keyserling und einzelnes Verschollene wirft für die Geschichte 
wenig ab. Anton Marty, Kaum und Zeit. Halle a. S., 1916, S. 197 ff. ist eine 
sehr förderliche Arbeit. Aber schon lange vor ihm haben die lateinisch schrei- 
benden Neuscholastiker und auch v. Hertling, dessen Metaphysik herausgegeben 
werden sollte, Carl Braig, Vom Sein. Freiburg i. Br., 1896, Treffliches gesagt. 

1* 



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4 Adolf Dyroff 

Mich dünkt auch, daß es bei der Zeit leichter gelingt, einen Glauben 
an bloße Subjektivität der Sache zu erwecken als beim Räume, 
obwohl W. Windelband seiner „Einleitung in die Philosophie" 
eine gegenteilige Ansiebt einverleibt hat 1 ). Zugeben könnte ich 
Windelband nur, daß auch in dieser Hinsicht Typen von Auf- 
fassungstendenzen bestehen, daß etwa Menschen, die dem optisch- 
haptischen Typus nahe stehen, sich die Greifbarkeit und ante-sub- 
jektive Wirklichkeit des Itatims und daß etwa Vertreter des aku- 
stisch-kinetischen Typus sich die Wirklichkeit der Zeit nicht gerne 
rauben lassen, Angehörige des optisch-kinetischen Typus aber 
überhaupt nicht wissen, was sie denken sollen. 

In Windelband selbst mag, da er sich so viel und so warm- 
herzig mit Geschichte beschäftigte, außerdem noch zu starker 
Macht das Bewußtsein gelangt sein, daß die Zeit des Historikers 
eben doch viel mehr ist als ein beiläufiges Merkzeichen der Tücke 
des Objekts, die den peinigt, der gleichzeitig zwei und mehr un- 
aufschieblichen Aufgaben genügen sollte und möchte, aber sich 
dazu durchaus außerstande weiß. Die Zeit des Historikers 2 ) ist 
ein hübsches Schulbeispiel dafür, wie sich die begriffliche Bedeu- 
tung vom Fachworten notwendig verschiebt, je nach dem wissen- 
schaftlichen Zusammenhang, in dem sie stehen. Muß für den Natur- 
forscher die Zeit als quantitatives Bestimmungsmittel zur Er- 
fassung von Ortsbewegungen eine wesentlich lokale und quantita- 
tive Färbung annehmen und ist es so verständlich, daß Minkowsky 
sich die Koordination der Zeitdimension mit den drei Raumdimen- 
sionen abrang, so gestaltet sich für den Historiker die Sachlage 
so, daß ihm die Zeit etwas anderes wird, je nachdem er sie ver- 
wendet 3 ). Auch ihm ist sie Bestimmungsmittel. 

Aber der Zweck der Bestimmung ist ein wesentlich verschie- 
dener. In unzählbaren Fällen dient die oft so mühsame und nur 
von einseitigen Wissenschaftsdogmatikern verächtlich behandelte 
Festsetzung zeitlicher Verhältnisse der Erkenntnis geschichtlicher 
Kausalität und geschichtlicher Würdigung. Wird sicher, daß eine 
geschichtliche Leistung zeitlich vor eine andere fällt, so ist damit 



1) S. 106. W. ist liier sicher von Kant, Kr. d. r. V. 63 f. Lehrb. angeregt, 
nur daß W. das psychologisch wendet, was Kant erkenntnistheoretisch gab. 

2) Als erster bat, soweit ich bisher sehe, Martin Deutinger die Zeit in ihrer 
Wichtigkeit für den Historiker dargestellt, etwas äußerlich zwar, aber doch Zeit 
and Geist scharf scheidend. 

3) Einen verdienstlichen Versuch bietet Martin Heidegger, Der Zeitbegrift' 
in der Geschichtswissenschaft. Zeitschr. f. Philosophie und Kritik. 161. . 1016. 
S. 17Sff. 



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Chronos 5 

ohne weiteres klar, daß trotz einer etwa offensichtlichen Ähnlich- 
keit beider die frühere von der späteren nicht abhängig sein kann 
und daß es sich höchstens umgekehrt verhält. Der Historiker 
erlebt aber nicht selten an sich und andern, daß der erste Schein 
für die falsche Auffassung spricht. Wo ist da eine Absicht der 
Lokalisation oder Quantifikation in der wissenschaftlichen Arbeit. 
Nur geschichtliche Zusammenhänge sollen auferbaut and als Bestes 
eine Wertung — Selbständigkeit oder ganze oder halbe Unselb- 
ständigkeit der geschichtlichen Tat — erlangt werden. Jn andern 
Fällen gilt die Anwendung der chronologischen Grundsätze der 
Auslegung geschichtlicher Quellen. Wenn die Werke einer Person 
gleichzeitig entstanden sind, so haben sie eine viel höhere Bedeu- 
tung für ihre gegenseitige Interpretation, als wenn sie zeitlich 
weit von einander abstehen. An dritter Stelle sei noch der zeit- 
lichen Verhältnisse als Grundlage für die Entscheidung von Echt- 
heitsfragen gedacht. Die logische Struktur und die metaphysischen 
Elemente solcher Gedankengänge liegen frei zu Tage. Nicht so 
steht es um die historische Anwendung der Entwicklungsidee. Die 
heutige Geschichtsauffassung kennt schwerlich mehr einen Ent- 
wicklungsbegriff, denn sie nimmt doch nicht Entwicklungen an, 
sondern setzt nur eine einzige aus unvordenklichen Zeiten bis in 
unausdenkliche Zukunft stetig fortlaufende Entwicklung voraus. 
Diese kontinuierliche Entwicklungslinie, in die alle konkreten Vor- 
gänge hineingeordnet werden, enthält die ebenso fortlaufende Zeit- 
linie in sich. Beide sind eine Konstruktion, an der das zergliedernde 
Denken wie die historischen Zeitbestimmungen und die komposito- 
rische Phantasievorstellung, um nur Auffallendes zu nennen," ihien 
Anteil haben. Die Zeitlinie ist gleichsam nur der starre innere 
Leitdraht, der mit dem lebendigeren und sanfteren Stoff der Er- 
eignisse umflochten wird. Wie unvollkommen dieses Bild der un- 
endlichen flließenden Entwicklung ist, soll an dieser Stelle nicht 
auseinandergesetzt werden. Aber daß in ihm Chronos, die nach 
Newton gleichmäßig fließende Zeit, eine ungebührliche Herrschaft 
ausübt, soll nicht verschwiegen sein. Die Eigenart der Syn- 
chronismen, die Damberger (1850 ff.) mehr noch als Ranke für 
wichtig hielt, kommt in der schematischen Zeitvorstellung nicht 
zu ihrem Rechte. Braig nimmt zwar seinen Wink, daß die ein- 
dimensionale Zeitlinie sich öfter zum Zeitstreifen verbreitere, so- 
fort wieder zurück. Aber Bernheim hat ein gewisses Recht für 
sich, wenn er neben das einfach chronologische und topische Ord- 
nungsprinzip noch ein synchronisches mit einem syntopischen ge- 
stellt wissen will. Freilich darf man nicht mit ihm an mehrere 



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6 Adolf Dyroff 

„Reihen von Zeitpunkten" ') denken unä auch Kreuzungen von ver- 
schiedenen Zeitreihen wären Gegenstände unvollziehbarer Vor- 
stellungen. Der Sachverhalt ist vielmehr der, daß zwei oder mehr 
Handlungsreihen, ohne ihre Selbständigkeit zu verlieren, auf die 
gleiche Zeitstrecke bezogen werden müssen, denselben Zeitabschnitt 
sozusagen ausfüllen. Ist dem aber so, so haben wir die wirk- 
lichen Handlungsreihen und besonderen Entwicklangen von der 
zeitlichen Bindung möglichst zu befreien, wollen wir sie in ihrem 
wahren Wesen erkennen. Und wir dürfen uns die mannigfaltigsten 
Verschlingungen und Kntwirrungen von Handlungs- oder Ereignis- 
fäden ausdenken, um den unbegrenzten Möglichkeiten geschicht- 
licher Zusammenhänge nachzukommen. So unentbehrlich die Zeit- 
behandlung der Dinge für den Historiker ist und so sehr der vor- 
bildliche akademische Lehrer eine seiner Hauptaufgaben in der 
Vermittlung chronologischer Gewissenhaftigkeit und Achtsamkeit 
an seine Schüler erblicken wird, so wenig kann das, was nur 
unumgängliche Bedingung ist, als das innere Wesen, das, was nur 
Ordnungsmittel ist, als inneres Ordnungsprinzip gewertet werden. 
Doch die „Zustände" *) scheinen ein erheblicher Einwand gegen 
unsere Auffassung zu sein. Denn wenn es dem Geschichtsbetrachter 
ohne viele Worte einleuchtet, daß die Persönlichkeiten und ihre 
Entwicklungen von der Zeit nur insofern abhängig sind, als sie 
eben Zeit zum Erreichen der geschichtlich beachtenswerten Wert- 
höhe und Auswirkung brauchen, daß die Zeitbestimmungen ihrem 
inneren Gehalt und dem Wert ihrer Leistungen gegenüber recht 
untergeordnet sind, scheinen Zustände, eben weil .sie unpersönlich 
sind, eine Macht der Zeit deutlich zu zeigen. Die Zustände der 
römischen Kaiserzeit, die der Renaissance und des Jahrhunderts 
unmittelbar vor der Reformation, die vor und nach der franzö- 
sischen Revolution tragen das Siegel des Zeitgeschichtlichen so 
offensichtlich an sich, daß es manchen schon preziös vorkommen 
mag, wenn man behauptet, es sei nur äußerlich angelegt. Und 
doch ist es so: Warum spricht man von Zeitgeschichte? Es ge- 
schieht aus verschiedenen Gründen. Neutestamentliche Zeitge- 
schichte — im Hintergrunde steht doch die Furcht, die Person 
des Erlösers möchte in den Strudel des Geschehens und der Ver- 
gänglichkeit gezogen werden, und so bringt man dort — mit 
übrigens sehr günstigen Wirkungen — alles unter, was sich aus 
der Zeit menschlich anschauen läßt. Zustände liebt man zu be- 



1) S. 511: „Die Wirkungen und Zusammenhänge der Ereignisse sind nicht 
an eine Reihe von Zeitpunkten gebunden 4 *. 

2) Hierüber Gutes bei Bernheim 13. 65. 4. 123. 



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Chronos 7 

schreiben, wo die großen Personen zurücktreten und eine Fülle 
min der bedeutender den Schauplatz mehr fülten als beherrscht. 
Gewiß vergißt man gerne, daß es fast immer irgendwie große Per- 
sonen gibt und daß wenn die Betrachtung eines Geschicks, wie 
es Cäsar erlitt, uns nicht mehr den Atem anhalten macht, doch 
ein Mann der Naturwissenschaft, der Philosophie, der Religion in 
seiner Sphäre noch fruchtbarer und nachhaltiger wirken konnte. 
Aber man sieht eben nur die Massenszenen auf der Bühne und 
meint, das einzelne Zeitalter als solches sei das Bestimmende. 
Tatsächlich haften Sitten, Gebräuche, Moden, Einrichtungen, Lebens - 
gewohnheiten, massenpsychische Erscheinungen stets an den Per- 
sonen und so nützlich die aufdeckende Helle ist, die von dem 
Scheinwerfer Kulturgeschichte ausstrahlt, ihr Licht fällt doch stets 
wieder auf Personen. Endlich ist nicht zu verkennen, daß die 
Vorliebe für Zustandsschilderungen und Kulturgeschichte bei ein- 
zelnen, freilich nicht allen Historikern aus einer stark demokra- 
tischen Gesinnung erHießt. Dem Demokraten ist der Heros unbe- 
quem und er drückt, ohne es zu sehen warum, die Personen zu 
Mosaiksteinchen zusammen, die, mit andern zusammengefaßt, ein 
hübsch nivelliertes Flächenbild ergeben. Wirkliche Geschichte ist 
das nicht. Das ist Geschichte aus dem Gedankenlaboratorium. 
Wehe dem Historiker, wenn Chronos seinen Herrn verstößt, und 
aufhört Diener zu sein. Doch hüte man sich, ihn zu verachten! 
Unsere jüngeren Geschlechter, die, die weit draußen im Krieg 
herumgekommen und stolz sind, Geschichte gemacht zu haben, und 
jene, die die Zukunft in der Hand zu halten wähnen, ja sogar 
Historiker scheuen sich nicht, ihren Antihistorismus bei jeder Ge- 
legenheit auszusprechen. Schon die einfache Erwägung lehrt aber, 
daß gerade die naturwissenschaftliche Anschauung, auf die man 
sich so viel zugute tut, zu historischer Forschung und Betrachtung 
nötigt. Die Naturwissenschaft fordert uns auf, den gegenwärtigen 
Zustand der Welt als Ergebnis aller vorhergegangenen Zustände 
zu nehmen und enthält somit für die Forschung als Leitmotiv in 
sich die Weisung, den jeweils gegenwärtigen Zustand aus den 
vorausgegangenen, zunächst aus dem nächstvorausgegangenen zu 
berechnen oder teilweise zu erklären. Grundsätzlich müßte darin 
bis zum ersten Anfang zurückgegangen werden. Da dies jedoch 
uns unmöglich und es auch methodisch unzulässig ist, bei späteren 
Zuständen immer wieder ab ovo Ledae zu beginnen, wird kein 
Historiker mehr in den Fehler mittelalterlicher Darsteller ver- 
fallen, die mit der Erschaffung der Welt anheben, und schon 
Görres hielt seinem Schüler Sepp scherzhaft vor. er habe aus den 



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8 Adol f Dyroff 

ägyptischen Sonnenjahren berechnet, wie groß die Schuhe der 
Apostel waren. Die Aufgabe der genetischen Erklärung wird indes 
noch weiter dadurch eingeschränkt, daß wir nicht einmal den 
gegenwärtigen Gesamtzustand der Welt ganz erfassen und in seine 
Bestandteile zerlegen können. So wird schon der Naturforscher 
in die engen Gassen von besonderen Kausalketten hineingetrieben. 
Und erst recht begegnet das dem Historiker. Sein Untersuchungs- 
gebiet sind vorerst menschliche Willenshandlungen und somit 
schränkten sich seine „Kausalketten" auf die Erforschung von 
Willensakten ein, also auf Anregungen solcher durch äußere An- 
stöße, durch Gefühle, persönliche Interessen und was alles einen 
Willen reizen und ihm Handlungen ablocken kann. Von der 
empirisch-realen Kausalität ist die Zeitlichkeit unabtrennbar — 
die Wirkung folgt der Ursache zeitlich nach — und so gelangen 
wir zur Anerkenntnis der Zeitmacht durch den erklärenden Histo- 
riker. Willensvorgänge stehen mit Funktionen der Großhirnrinde 
in irgendwelchen gesetzmäßigen Beziehungen; somit ist der Aus- 
gangspunkt der historischen Zeitlichkeit die des Nervenlebens. 
Ganz mit Recht wendet sich der Historiker in verzweifelten Fällen 
an den Astronomen, mit Recht deshalb, weil durch Vermittlung 
des Nervenlebens das sog. physikalische Geschehen mit dem psy- 
chischen zusammenhängt. Naturwissenschaft wird dem Historiker 
also immer zu Hilfe kommen dürfen, wo es sich um Natur n zufälle" 
und Naturereignisse als Bedingungen geschichtlicher Ereignisse 
handelt. An dieser Stelle müßte u. a. der Anteil des Wetters, 
des Klimas, der Landschaft an der Geschichte zur Sprache 
kommen, er ist nach den Zusammenstellungen Willi Helpachs in 
seiner Geopsychologie *) vorläufig sehr gering anzuschlagen. 

Die Tragweite dieser Gedankenführung, die trotz der Kürze 
des Vortrags einsichtig sein muß, ist nicht zu unterschätzen. Der 
Geschichtsforscher darf ruhig die Zeit als eine Realität benutzen 
und ist nicht auf die dürftigen Zugeständnisse angewiesen, die 
ihm Raum- und Zeitidealisten von der Art Wilhelm Schuppes 
machen. Das Nervenleben ist eine Realität und es ist als Träger 
der Zeit anzusprechen, auch vom Historiker. 

Damit soll nicht gesagt sein, daß alle Historiker Zeitrealisten 
sein werden. Es dürfte sich da ähnlich verhalten wie bei den 
Naturforschern. Wie in deren Kreise kantisch, neukantianisch 
oder skeptisch durchgebildete Denker aufs lebhafteste leugnen, daß 
die Naturwissenschaft die Realität des Raumes und der Zeit vor- 



I) Die geopsychischen Erscheinungen. 2. Aufl. Leipzig 1017. 



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Chronos 9 

aussetze, die andern hingegen eben das behaupten und meist die 
idealistische These nicht verstehen, so kann ich mir auch Zeit- 
idealisten unter den Historikern vorstellen — vielleicht gehört 
Bernheim dahin — und ist mir anderseits sehr wahrscheinlich, 
daß die weitüberwiegende Mehrzahl der Historiker Zeitrealisten sind. 
Die Haltung Kants ist überaus bezeichnend. Fürs erste ist 
scharf zu betonen, daß die Ausführungen der transzendentalen 
Ästhetik und der Prolegomena über die Zeit zunächst einer 
apriorischen Bewegungslehre gelten und mittelbar auf eine aprio- 
rische Grundlegung aller Naturwissenschaft zugeschnitten sind. 
Die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft legen 
diese innerste Tendenz der Kritik deutlich bloß. An die Zeit des 
Historikers mahnt der Philosoph dort mit keinem Worte. Nur 
um das Apriori der Mathematik ist es ihm zu tun. Bewegung 
und Veränderung als solche enthalten für ihn etwas Empirisches *) 
und scheiden deshalb aus seiner transzendentalen Betrachtang aas. 
Beachtenswert ist immerhin, daß er die subjektive Realität der 
Zeit zugibt*) und verschiedentlich die psychische Zeit wie die Be- 
ziehung des Selbstbewußtseins 3 ) zur Zeit, psycho! ogisierende mit 
erkenntnistheoretischer Betrachtung mischend 4 ), wenigstens streift. 
Seltsam aber mutet es an, daß in den nach 1781 erschienenen Ab- 
handlungen, die im 8. Band der Berliner Akademieausgabe ge- 
sammelt sind, zwar von historischer Zeit öfter die Rede ist und 
historische Zeitbegriffe auftreten, ohne daß Kant über die Ver- 
träglichkeit solcher offensichtlich realistisch gemeinten Ausdrücke 
mit den Bestimmungen der Vernunftkritik ein Wort verliert. Die 
„Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht* 
(1784) 5 ) geht freilich von dem Gedanken aus, daß von den Menschen 
keine planmäßige Geschichte möglich zu sein scheine, weil sie weder 
instinktmäßig noch auch nach einem verabredeten Plane verführen 
und geht recht wie ein dogmatisches Lehrbuch, nicht wie eine Ge- 
schichte vor. Sie ist von einer weitgehenden realistischen Teleo- 
logie getragen, die heute gegenüber der „Kritik der Urteilskraft" 
in Erstaunen versetzt. Aber Kant kann es doch nicht vermeiden, 

1) Kr. d. r. V. 60 Kcbrb. 

2) Ebd. 63 Kcbrb. 

3) Kr. d. r. V. S. 60, 61, 63, 72 u. ö. Kcbrb. 

4) Kr. d. r. V. 73, 303 Kehrb., Proleg. 60 Schulz und sonst. 

5) Hier sind S. 26 (7. Satz), vielleicht zum ersten Male, Kultiviertsein durch 
Kunst und Wissenschaft und Zivilisiertsein zu gesellschaftlicher Artigkeit und An- 
ständigkeit einander gegenüber gestellt — beiläufig ein Beweis meiner Ableitung 
dos Wortes Zivilisation von de eivilitate morum = Anstandslehre. 



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10 Adolf Dyroff 

von den „ersten wahren Schritten ans der Rohigkeit zur Kultur", 
von der „nach und nach" geschehenden Entwicklung der Talente 
(vierter Satz, S. 21), von der am spätesten erfolgenden Auflösung 
des der Menschengattung gestellten Problems der Herstellung einer 
allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft (Sechster 
Satz, S. 23) zu sprechen. In allerlei Wendungen bricht bald offen 
wie in „lange Zeit", „Zeitpunkt", der für unsere Nachkommen 
erfreulich ist (27), „für jetzt — künftig (28. 30), bis auf unsere 
Zeit" (29), „eine Zeitlang" (30), „nach einigen Jahrhunderten" (30) 
u. ä. (30 f.) bald versteckt, wie in „bisherig" (28. 27), im "Worte 
„zum ersten Male", in der Futurform des Verbums die naive rea- 
listische Zeitauffassung innerhalb dieses angeblich apriorischen Leit- 
fadens einer Geschichte (30) ernsthaft durch. Es' wäre ein Leichtes, 
aus der Rezension zu Herders „Ideen zur Philosophie der Ge- 
schichte der Menschheit" (1785), aus den Aufsätzen „Mutmaßlicher 
Anfang der Menschengeschichte" (1786) und zum ewigen Frieden 
(1795) die gleiche Voraussetzung einer über die einzelnen Menschen 
hinüberreichenden, also nicht von deren Erkenntnisvermögen ab- 
hängigen Zeit herauszulesen, um einen neuen Beleg für die in 
diesen und verwandten Schriften frisch-frühlich sich ergehende 
Metaphysik alten Stils beizubringen. Und Kant würde gewiß 
selbst Beifall lächeln, wenn man ihm zuriefe: 

Schreibst du Kritik der reinen Vernunft, 

Gibst du als Meister dich der Zunft. 

Schreibst du von dem, was war, was künftig, 

Dann sprichst du wohl rein unvernünftig? 
Daß er seiner kritischen Zeitlehre etwa später vergessen hätte, 
ist bei Kant ausgeschlossen. Zum Überfluß sehen wir in dem 
Schriftchen „Das Ende aller Dinge" (1794), das jenen Recht geben 
könnte, die einen Zusammenhang zwischen seiner „Kritik" und 
seinem Jugendpietismus argwöhnen, daß der wachsame Philosoph 
dann, wenn er es für nötig hält, seine kritischen Sätze über die 
Zeit wohl heranzuziehen weiß. Wir hören wieder, daß Veränderung 
nur in der Zeit stattfinden kann, daß wir ohne Widersprüche 
keinen einzigen Schritt aus der Sinnenwelt in die intelligible tun 
können, vernehmen aber als Neues, daß die Gesinnung kein Phä- 
nomen, sondern etwas Übersinnliches und mithin nicht in der Zeit 
veränderlich ist (333 f.) *). Trotzdem hat auch in diesem Zusammen- 
hange Kant eine ante- subjektive Dauer und Zeit im Auge. Chronos 
hat ihn gezwungen, wo er auf die historische Zeit gerät. Aber 



1) Hier ist eine der Wurzeln fiir Windelbands Gesehichtsphilosophie. 



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Chrono s 11 

der Zeitrealist unter den Historikern hat überhaupt keinen Grund, 
sich durch Kants erkenntniskritische Darlegung einschüchtern zu 
lassen *). Die bewundernswürdig umsichtige und unerbittliche Zeit- 
lehre, wie sie die „Kritik der reinen Vernunft" bietet, ist nicht 
so beschaffen, daß sie alles entscheidet. Sie beruht auf der un- 
beweisbaren Voraussetzung, daß unsere Bewußtseinsbilder von 
äußeren Dingen mit diesen keinerlei Ähnlichkeit haben, z. B. das 
Zinnoberrot, wie es im Bewußtsein ist, keine Ähnlichkeit habe mit 
der wirklichen Eigenschaft des Zinnobers 2 ). Sie setzt ferner die 
Möglichkeit einer intuitiven Erfassung der ante-subjektiven Zeit 
außer Rechnung. Wenn ich im Augenblicke die reale Zeit, die 
von der keineswegs erlebbaren unendlichen Zeit streng zu unter- 
scheiden ist, mit vollster Gewißheit erlebe, so erlebe ich sie als 
etwas mir Aufgedrungenes, in und mit der erfahrenen Veränderung 
Gegebenes. Dafür, daß eine Intuition vorliegt, sprechen u. a. zwei 
Umstände. Die Zeit widersteht jeder Definition: alle Definitions- 
versuche legen irgendwie die Bekanntschaft mit der Zeit schon zu 
gründe und münden durch ein offenes oder verstecktes Zeitmerkmal, 
wie „früher und später", „Folge" d. h. Zeitfolge, „Nacheinander", 
in eine Tautologie aus. Sodann führten bisher alle Unternehmungen, 
der objektiven Zeit mit den Mitteln des diskursiven Denkens Herr 
zu werden, die größten Schwierigkeiten ein, wie schon Piatons, 
mehr noch Augustinus 1 und Poincarös Bemühungen ersehen lassen 3 ). 
Unter Intuition ist hier eine wirkliche Erkenntnis verstanden, die 
z. B. eine sofortige Unterscheidung der Zeit von der Veränderung 
und vom Raum und eine Abstraktion 4 ) des Zeitcharakters und ge- 
wissser anderer Erlebnisteile aus einem augenblicklichen Gesamt- 
erlebnis heraus ermöglicht, nicht etwa nur eine bloße Kenntnis. 
Kant selbst hat zuweilen, wie mir scheint, neben seiner Interpre- 
tation der Zeitanschauung als einer Anlage der Sinnlichkeit oder 
als einer Bedingung für die Möglichkeit sinnlicher Erscheinungen 
die intuitive Erfassung der objektiven Zeit im Auge. Recht hat 
Kant, wenn er die Zeit weder als Gegenstand eines Allgemein- 
begriffs ) noch als Substanz zugibt. Wer eine substanzielle Zeit 

1) Nach den vielen früheren Beleuchtungen der Kantsehen Zeittheorie bietet 
Gust. Störring, Erkenntnistheorie, Leipzig 1920, S. 185ff. wertvoll Neues. 

2) Proleg. L, Anm. 2, S. 68, Schulz. Kant kann nicht einmal einen Sinn 
mit der gegenteiligen Auffassung verbinden. 

3) Diese Überzeugung hat sich mir gebildet, bevor ich von Schlicks und 
seiner Vorgänger Haltung (s. Gu6t. Störring a. a. 0. S. 103) Kenntnis erhielt. 

4) Störring a. a. O. S. 185. 

5) Auch Störring nimmt das a. a. 0. 185 an, insofern ihm der Begriff von 
der unendlichen Zeit etwas anderes ist als die meisten anderen Begriffe wegen der 



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12 Adolf Dyroff 

annimmt, kann die eigenartige Verflechtung der Zeit mit der Ver- 
änderung und der Bewegung, ihre wesentliche Verschiedenheit von 
den „Trägern" der Akzidenzien, ihr Verhältnis zu den Erschei- 
nungen, die Natur der „Zeiträume" und Zwischenzeiten und das- 
jenige Apriorische, das sich aas Kants Erörterungen notwendig 
ergibt, nicht erklären. Zu rasch indes hat Kant die Frage der 
Inhärenz der konkreten Zeiten abgetan. Wohl ist die Inhärenz 
der Zeitquanten weniger leicht klar zu machen als die der Raum- 
quanten. Aber wenn die Zeiten, wie Kant selbst mehrfach hervor- 
hebt, in und mit den Veränderungen da sind, so müssen sie auch 
mit diesen zusammen inhärieren. Doch neige ich lieber zu der 
von Kant nur ganz im Vorbeigehen *) abgewiesenen Ansicht, daß 
die Zeit eine reale Bedingung für die Individualität der Verände- 
rungen ist. Das allgemeinste Raumurteil, daß jeder Körper im 
gegebenen Augenblick nur seinen Raum einnimmt und sozusagen 
nicht daraus vertrieben werden kann oder vielmehr sein Raum- 
quantum immer mit sich trägt, deutet darauf, daß der konkrete 
Raum, d. h. der dem Körper zukommende Raumteil eine reale Be- 
dingung für die Individualität des einzelnen Körpers ist, und so- 
mit deutet das allgemeinste Zeiturteil, daß ein Geschehnis unwider- 
holbar und jede konkrete Zeit ganz individuell bestimmt ist, auf 
eine analoge Bedeutung der letzteren. Hie et nunc sind indivi- 
dualisierende Bestimmungen. Schuppe kommt dort, wo er über 
Zeit und Raum handelt, in seiner Weise dieser Auffassung ent- 
gegen 2 ). Nebenbei bemerkt, ist die häufig zu findende Behauptung, 
daß die Zeit nicht umkehrbar sei, richtig zu verstehen. Der 
Historiker wenigstens kehrt, sobald er Zeitmaße angeben will, 
genau so gut um, wie der Physiker, wenn er die Bewegung von 
a nach b mißt; die Berechnung von oben, d. h. aus der weiteren 
Vergangenheit nach unten, d. h. nach der Gegenwart hin ist dem 
Historiker nicht geläufiger als die von unten nach oben. 

„Die" Zeit des Historikers ist die reale Zeit und sonach hat 
sie einen Anfang und ein Ende, insofern sie nur aus endlichen 
minimalen Zeitquanten zusammengesetzt werden kann und der 
Historiker zu einer Weiterfortsetzung des Addierens über die 



völligen Gleichförmigkeit des unter ihm begriffenen Einzelnen. Auch von den 
Gegenständen der gewöhnlichen IndividualbegrifFe ist die unendliche Zeit ver- 
schieden. Die Kompositionsart ist eine wesentlich andere. 

1) Kr. d. r. V. 74 f. Kehrb. 

2) Wilh. Seh., Greifswalder Festrede 1882. Bei Schopenhauer ist die Zeit 
bald nur allgemeine Form — bald macht sie das Objekt im Verein mit dem Raum 
zum konkreten Etwas (W. als Wille I 40 ff., 365, II 60, III 41 f. Grisebach). 



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Chronos 13 

Grenzen der Erfahrung hinaus als Empiriker nicht berechtigt ist. 
Mit einer unendlichen, d. h. inathematisierten Zeitlinie hat der 
Geschichtsforscher nichts zu tun. Um die, ich weiß nicht von 
wem zuerst vorgeschlagene und in der Tat notwendige logische 
Trennung einer „idealen" Zeit, die ins unendliche fortläuft, von 
der realen endlichen Zeit ! ) braucht er sich nicht weiter zu kümmern. 

Die historische Zeitreihe ist für uns demnach ein durch lo- 
gische Arbeit erzeugtes Phantasiegebilde, das als Ordnungsschema 
für wirkliche Verhältnisse seinen hohen wissenschaftlichen Wert 
hat. Die konkreten Zeitmomente sind hingegen Realitäten und 
auf sie stützen sich alle historischen Beziehungsurteile zeitlichen 
Charakters. Nehmen wir nun zunächst ein durch den Verstand 
nicht auflösbares (irrationables, nicht aber irrationales) Element 
an, das sich wie in jeder Intuition, so auch in der der realen Zeit 
vorfindet, so erbalten wir hier eine der Grenzen unseres Ver- 
standeserkennens und im Grunde eine der Grenzen unseres Er- 
kennens überhaupt. Kant konnte diese Grenze ebenso wenig 
finden wie die in dem Erfassen der Materie, der Substanz, der 
Kausalität gelegenen Grenzen, weil er gerade in seinem Beweis 
von der Idealität und Apriorität dieser „Formen" den Schlüssel, 
der zu ihrem vollen Wesen führt, entdeckt zu haben glaubte. 
Heute dürften aber selbst Neukantianer und Kantverwandte der 
Zeit wie der Materie eine gewisse „Irrrationalität" zuschreiben 
und auf Wesensdefinitionen verzichten. Dieses unerreichbare Ultimum 
von vornherein beiseite schiebend wird der Historiker, wenn er 
Wissenschaft gewinnen und geben will, doch wenigstens von der 
Peripherie her sich dem Wesen der Zeit nähern müssen und wieder 
fehlt hier die Analogie zur Lage des Physikers nicht. Nur werden 
die historischen Zeiturteile individuellen Tenor haben, da seine 
Zeiten eben individuelle Zeiten sind. 

Die Wissenschaft strebt jedoch nach weitverbreiteter Ansicht 
zu einem Allgemeinen. Die Unwissenschaftlichkeit der Geschichts- 
kunde ist in der Tat Inhalt einer bald laut geäußerten bald still- 



1) Eine vollständige Erledigung der Frage darf ich hier nicht geben. Das 
zweite metaphysische Argument Kants (S. 53 Kehrb.) ist nicht gut gefaßt. Zeit 
kann zwar ohne die konkreten Erscheinungen, aber nicht ohne Bezug auf Er- 
scheinungen überhaupt angeschaut werden (vgl. Weatscher über die leere Zeit), 
wie Kant übrigens bald darnach selbst lehrt. Über die Realität des Raumes siehe 
die geistvollen und triftigen Ausführungen E. Studys, Die realistische Welt- 
ansicht und die Lehre vom Räume. Braunschweig 1914. — Ein Abfall vom 
Kantiani8mu8 vollzog sich bei Walter Rauschenberger, Der kritische Rea- 
lismus. Leipzig 1918. 



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14 Adolf Dyroff 

schweigend wirksamen Meinung. Demgegenüber soll nicht wieder- 
holt werden, daß die Wahrheit historischer Urteile nur leugnen 
kann, wer überhaupt Skeptiker ist oder sich zu dem schon im 
Altertum freilich mit nicht vollständigem Erfolg bekämpften Satz be- 
kennt, von Veränderlichem könne es keine absolut geltende Wahrheit 
geben, ein "Satz, der, folgerichtig durchdacht, auch jede Natur- 
wissenschaft aufheben würde, da Bewegungen und Reaktionen 
Veränderungen sind. Wiederholt soll ferner nicht werden, was 
Windelband und Rickert über die Natur der historischen Urteile 
ausführten. Wir wollen uns nur fragen : Wie überwindet der 
Historiker, der sich nicht auf die Bahn der Gescbichtsphilosophie 
wagen darf, die Zeit? Ihm fehlt ja von Anfang an ein Mittel, das 
der Naturforscher vielleicht besäße, den Raum zu bestimmen, ohne 
der Zeit weiter zu gedenken. Der Raum und der Körper ist für 
den Historiker nur Voraussetzung, nicht Gegenstand seiner Wissen- 
schaft. 

Ein Versuch, die historische Zeit wissenschaftlich zu über- 
winden, besteht darin, die Zeit einzuteilen. Alle dahingehenden 
Schritte sind nicht nur nicht ergebnislos geblieben, sondern mußten 
es sein. Denn da das historische Zeitganze eben nur als ein reales 
Individuum vorgestellt werden kann, ist eine begriffliche Einteilung 
gleich der in Botanik, Zoologie, Psychologie von vornherein aus- 
geschlossen. Nur eine Zergliederung (partitio) kann in Betracht 
kommen. Aber wo will ich in der gleichförmig fortlaufenden Zeit- 
strecke reale Grenzpunkte finden, wenn ich nicht wie der Mathe- 
matiker bald da bald dort an einem beliebigen Punkte abteilen 
will? Ein für den Historiker absurdes Verfahren! Anatomie, 
Botanik, Zoologie habet es da leicht: Sie haben organisierte Ganze 
vor sieb, ähnlich die Geographie, und selbst die überall vorkom- 
menden Verzahnungen zwischen den organischen Teilen erwiesen 
sich sehr bald für die Zergliederung als untergeordnet. Einsichtige 
Historiker und trotz Bernheim Philosophen erst recht haben sich 
immer gesagt, daß das Überwiegen der Logik bei der ordnenden 
Zergliederung der Zeit vom Übel sein muß. Wenn Hegelianer 
anders verfahren und um die richtige „Zeiteinteilung" Kämpfe 
führen, so tun sie das, weil sie ihr hegelianischer Geschichtslogi- 
zismus dazu zwingt. Bequemlichkeiten und äußerliche Zweck- 
mäßigkeiten, sowie ästhetische Gründe werden demnach den Ton 
angeben müssen, wenn man es auf eine Zeitgliederung abgesehen 
hat. Anders stellt sich die Sache dar, wenn man bedenkt, daß 
nicht die Zeit der Gegenstand der Geschichte ist, sondern konkrete 
Willenshandlungen , Personen und Wechselwirkungen zwischen 



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Chrono« 15 

diesen in Auswahl. Da die Personen die Träger der Handlangen 
sowie Ausgangs- und Aufnahmepunkte von Einwirkungen sind, 
wäre die Gliederung in Aren z. B. Cäsars, Karls des Großen, Bis- 
marcks das angemessenste. Lamprecht hatte insofern ein gesundes 
Gefühl, als er psychische Hauptlagen zugrunde legte; denn Willens- 
handlungen sind nun einmal psychische Dinge. Aber er bringt es 
nur zu Nomenclaturen. Ein wahrhaft sachlicher Maßstab muß eben 
fehlen, es sei denn, daß wir das innerste Wesen der Geschichte, 
ihre wahren Tendenzen kennten. Wir Menschen werden da stets 
in Relativitäten hängen bleiben. Vor allem wird je nach der Ver- 
schiedenheit der Kulturgebiete die Gliederung verschieden aus- 
fallen, wenn man auf die bewußten Tendenzen und Interessen der 
Menschheit achtet. Bekanntlich decken sich die Kreise der poli- 
tischen, der wissenschaftlichen und der wirtschaftlichen Hochblüte 
nicht immer, sondern kreuzen sich. Wir bekämen also eine Menge 
bald nebeneinanderherlaufender, bald sich schneidender, bald ganz 
auseinanderstrebender Gliederungen. Hier ist ein zweiter Punkt 
unserer Darlegung, wo ich die schöne Idee einer Universal- 
geschichte in größter Gefahr sehe. Denn nur eine großzügige 
umfassende Einheitsgliederung des Gesamtstoffs könnte zur Uni- 
versalgeschichte führen. Daß indes die ganze Frage für die Ge- 
schichtswissenschaft nur eine dienende, wenn auch keineswegs ver- 
ächtliche SteUe hat, bedarf keiner Bemerkung. 

Fruchtbarer ist die Idee, der Geschichtswissenschaft als Gegen- 
wert für die ihr von der Philosophie entzogenen historischen Ge- 
setze die Anwendung der Analogie zuzugestehen. Die Sätze : 
„Nichts Neues unter der Sonne" und: „Nichts wiederholt sich" sind 
beide in dieser Ausschließlichkeit und Allgemeinheit falsch. Wenn 
der Stoff der Historie menschliche Geistesakte sind, so kann es 
neben den zufälligen und individuellen Bedingungen der geschicht- 
lichen Ereignisse an immer wiederkehrenden nicht fehlen. Und 
die logische Form der Analogie erlaubt es, daß man sie für indivi- 
duelle Lagen verschiedener Zeiten gebraucht; Analogie gilt in 
erster Linie individuellen Dingen. Freilich bei bloßen Bildern, 
geistvollen Vergleichen und falschen „Gleichzeitigkeiten" darf man 
es nicht bewenden lassen. Analogie hat unter Beachtung aller 
von der Logik vorgeschriebenen Kautelen zu geschehen. Die 
historische, im besondern vergißt nicht der Eigentümlichkeiten der 
historischen Individuen, formt sich um entsprechend dem Charakter 
der Vorgänge, je nachdem es also sich um Schlachten oder Friedens- 
schlüsse oder diplomatische Verhandlungen oder wirtschaftliche 
Bewegung handelt, stellt sich um, wenn Zustände oder Situationen 



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16 Adolf Dyroff 

verglichen werden, setzt die Individualität der Zeitmomente und 
Momentfolgen, auch der Nervenlagen ebenso mit in die Rechnung 
ein wie die der örtlichen Verhältnisse. Verfährt die historische 
Wissenschaft so, bildet sie demnach eine speziell historische Logik 
der Analogie aus unter Berücksichtigung des allgemeinen Wahr- 
scheinlichkeitscharakters der Analogie und der logischen Maßstäbe 
für die Wahrscheinlichkeitsgrade derselben, so bedarf man der 
gewiß berechtigten Wehklagen Bernheims über verfehlte Analogien 
nicht mehr. Dann können, da letztlich alle unmittelbare Praxis 
auf Wabrscheinlichkeitsschlüsse angewiesen ist 1 ), auch wahrhaft 
pragmatische Folgerungen aus der Geschichte gewonnen und wird 
das nur aus überheblicher Unkunde oder theoretisch-praktischer 
Voreingenommenheit entspringende Gerede von der Gegenwarts- 
fremdheit der Geschichtswissenschaft bescheidener werden. 

Einen anderen Weg sich von den Fesseln der Zeit zu lösen, 
weist dem Historiker die Ethik. Jedoch ist darüber von Windel- 
band, dessen Präludium „Sub specie aeternitatis u überaus gewin- 
nend und geistvoll in mögliche Gedankengänge einführt, sowie von 
seinem Schüler Rickert so viel Förderliches und Anregendes ge- 
sagt worden, daß der Hinweis genügt. J. St. Mills Logik bietet 
nur erste Ansätze einer Grundlegung nach dieser Seite. Wenn 
aber die Ethik in Wirklichkeit ein inneres Band für die zunächst 
nur zeitlich verketteten Ereignisse liefern soll, so darf sie nicht 
mit der Rolle eines Auswahlprinzips abgespeist, sondern muß sie 
als wirkliche Lebensmacht in die geschichtliche Betrachtung hin- 
eingezogen werden. Schlossers Weltgeschichte zeigt da nun wieder, 
wie leicht der Historiker entweder in ein persönliches Moralisieren 
überspringt oder sich in Geschichtsphilosophie verstrickt. Deshalb 
müssen vermittelnde Disziplinen zwischen Geschichte und Ethik 
treten. Die Politik, so unvollkommen ihre formale Durchbildung 
noch sein mag, ist eines der unentbehrlichsten Hilfsmittel des 
Historikers zur Vertiefung des aufgereihten Stoffs, und zwar 
Politik nicht nur in dem engen Sinne einer politischen Technik, 
sondern in jenem umfassenden und ernsten Sinne, wie Piaton und 
Aristoteles sie verstanden wissen wollten. Nur wäre Politik allein 
zu einseitig, auch wenn sie die dauernden, apriorisch zu bestim- 
menden Mächte im geselligen Leben der Menschen erkennte und 
anerkennte. Die Rechtswissenschaft ist eine zweite Brücke zur 
Geschichte, die betreten werden muß. Sodann überhaupt eine all- 



1) Daß das auch für die unmittelbare Praxis der Experimente gilt, l>e- 
weist das auf Unvorsichtigkeit usw. zurückführende Fehlschlagen solcher. 



1 Original fron» 



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Chronos 17 

gemeine Kulturwissenschaft, die wir trotz unverächtlicher Vor- 
studien noch nicht haben, mit deren Elementen jedoch jeder Kultur- 
historiker arbeitet. Der Gegensatz zwischen .Kultur- und poli- 
tischer Geschichte ist kein wesentlicher so wenig wie der zwischen 
den sog. Kultur- und Staatsnationen. Politik ist Zusammenfassung 
aller Kultarbestrebungen eines Volkes zu einer lebenfördernden 
Einheit. Die eigentlichen Dienste, die diese Disziplinen der Ge- 
schichte zu leisten haben, sind aber nicht die, daß sie mit ihren 
allgemeinen BegriiFen Mittel zur Subsumption der geschichtlichen 
Verhältnisse beisteuern, auf diese Weise gewährt umgekehrt die 
Geschichte z. B. der Politik durch Beispiele ersprießliche Hilfe. 
Vielmehr eröffnen sie dem Blick wunderbare Perspektiven in den 
Zusammenhang der Vorkommnisse und leiten an, die unscheinbarsten 
Vorgänge und Verhältnisse in ein höheres Licht zu rücken. Die 
Schwierigkeiten der dadurch bedingten kompositorischen Gedanken- 
arbeit sind besonders groß und machen eine sorgfältige Zeitbehand- 
lung zum Erfordernis. 

Ob eine Astbetisierung der Gestaltenreihe an der Hand des 
Zeitfadens gelingen würde? Das sei wenigstens gefragt. Ge- 
schichtsphilosophische Bemühungen, vor allem die Rhythmisierung 
des Stoffs, die Hegel mit seiner Methode vornahm, die Vergleiche 
der Völkergeschichten und der Weltgeschichte mit einem Drama 
oder einem Roman, geniale Eingebungen von Dichterseelen sind 
Zeugen dafür, daß eine philosophische Geschichtsästhetik sich vor- 
bereitet. Aber wie sollten ihre Winke empirische Anwendung 
durch den Historiker finden ? So ist es besser angebracht, auf die 
Schätze, die der Psychologie entnommen werden können, noch kurz 
hinzudeuten. Diese kommt mit der Geschichtswissenschaft zu einem 
guten Teile überein. Protokolle, Beurkundungen, Tagebücher sind 
auch für den Psychologen von großem Belang. Die Analogien 
zwischen beiden Wissenschaften gehen noch weiter, als 0. Külpe 
annimmt, der eine Quellenkritik nach dem Vorbilde der historischen 
geradezu in das Programm der Psychologie einfügt 1 ). Aber wäh- 
rend der Psychologe die Protokolle anlegt, um allgemeine Be- 
griffe und Urteile herauszuschälen, also allgemein- menschliche 
Wirklicbkeitsverhältnisse darzustellen, richtet der Historiker seinen 
Blick auf die konkreten genetischen Zusammenhänge und sucht in 
kraftvollste Persönlichkeiten einzudringen. Wohl bedeuten ihm 
dieVerschmelzungen, Assoziationsketten, Kontrastwirkungen, Apper- 
zeptionen, „Beziehungen" des Psychologen etwas, jedoch auch sie 



1) Vorlesungen über Psychologie. Leipzig 1920, 41. 



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18 Adolf Dyroff 

sind ihm nur elastische Systeme, die ihn zu wirklichen Höhen, zu 
den Höhen konkreter menschlicher Geistigkeit und geistiger Wirk- 
samkeit emportragen sollen. Der Gegenstand der Geschichts- 
wissenschaft sind nicht formale Wertbeziehungen, nicht Ergebnisse 
von Wertungen, die immer irgendwie willkürlich bleiben, sondern 
real-objektive, vor der Person des Forschers und vor seiner Denk- 
arbeit existierende Dinge, die selbstbewußten und der Selbstbeein- 
flussung fähigen Personen, deren persönliche Leistungen und per- 
sönliche Wirkungen. 

Aber haben wir uns da nicht im eigenen Gedankennetze ver- 
fangen? Wir bezeichneten das Nervenleben als den wirklichen 
„Träger" der historischen Zeit, wie wir sie in der Erfahrung an- 
treffen. Wenn Wechselwirkungen zwischen Zellgruppen — und 
darin besteht, kurz gesagt, das Nervenleben — die Träger der 
realen historischen Zeiten sind, so muß man sich doch fragen, wo 
denn hier die Grenzen zwischen Physiologie und Geschichtswissen- 
schaft laufen. Die Antwort kann nur lauten: Der Physiologe 
kehrt zu den materiellen Vorgängen und mechanischen Erklärungs- 
mitteln zurück, der Historiker dagegen macht seine Betrachtung 
von der des Nervenlebens frei und erhebt sein Objekt in die gei- 
stige Sphäre. Doch nehmen wir nicht allgemein an, daß Kausalität 
von Zeit unablösbar sei? Wenn die historische Zeit mit der 
Nervenzeit zusammenfällt, so kommt der Historiker bei jenem Ver- 
fahren zwar aus der Zeit heraus, aber damit auch aus der Kau- 
salität. Entweder also leugnen wir historische Kausalitäten, wozu 
man sich kaum entschließen wird, oder wir müssen neben die 
Nervenzeit doch eine „geistige" Zeit setzen, was vielleicht des 
Guten zu viel ist und neue Bedenken auslösen wird, oder man hält 
das geistige Geschehen für unwirklich. Ich will mich nun nicht 
auf den tatsächlich in aller Kausalität enthaltenen irrationablen 
Faktor, der sich in den Ausdrücken „Auseinanderfolge" und „Her- 
vorbringen der Wirkung" ankündigt, nicht auf das irrationable 
Element in der Erinnerung, die, wie schon Augustinus sah, für die 
Bildung der Zeitvorstellung unumgänglich ist und, wie wir heute 
sagen, zu den Hauptquellen des Historikers gehört, auch nicht auf 
die Irrationabilität des Wirklichen an sich zurückziehen. Ich will 
auch nicht die Denkbarkeit inkausaler Verhältnisse zwischen Per- 
sonen 1 ) erörtern, nicht über den Unterschied von Realität und 
Wirksamkeit Betrachtungen anstellen. Ich gäbe dem Historiker 
Steine statt Brot. Betont sei nur, daß der Psychologe, der nicht 

1) Nicht kausal zu bearbeitende Dinge weist Theod. Ziehe n, Lehrbuch der 
Logik, Bonn 1920, S. 12, 250 ff., der Psychologie als Gegenstand an. 



i . Original from 



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ChronoB 19 

Materialist oder extremer Monist sein will, sich zunächst in der 
gleichen Verdammnis qualvoller Verlegenheit befindet wie der 
Historiker. Eine Erkenntnis aber darf ich nicht unterdrücken. 
Indem der Historiker die Dauer von Nachwirkungen geschichtlicher 
Leistungen über das zeitliche Dasein ihrer Urheber hinaus nach- 
weist, indem er zeigt, wie sich die verwirrende Menge momentaner 
Leistungen in ein reales System genetischer Zusammenhänge wirk- 
lich objektiv einordnen lassen müßte, hebt er uns wissenschaftlich 
doch aus der tierischen Enge instantaner Zeitlichkeiten heraus. 
Das bisher von uns so verächtlich behandelte Phantasiegebilde der 
umfassenden Zeitreihe erweist sich so plötzlich als Hebel, der die 
reale Zeit, d. i. die momentane Zeit kraftvoll überwinden hilft. 
Es gibt die Ahnung von einer Ewigkeit. Und dennoch müssen wir 
vorsichtig sein. Nicht die Dauer als solche, die das langweiligste 
und als solches das bedauerlichste Ding von der Welt ist, nicht 
das bloße Dasein der kontinuierlich an einander gefügten Zeit- 
momente gibt uns jenen Aufschwung zum Höheren. Nein, das macht 
das immerwährende Erfülltsein der Zeitreihe mit lebendigen gei- 
stigen Leistungen, mit Charakteren, das macht die stete reale Be- 
ziehung zwischen Zeitmomenten und den Ausflüssen einer uner- 
schöpflichen Quelle geistiger Kräfte. 

Tat ist mehr als Vorgang. Das Wesen einer politischen Lei- 
stung ist durch den Nachweis aller ihrer empirischen Bedingungen 
noch lange nicht erschöpft. Der Ariadnefaden der naturwissen- 
schaftlichen Kausalitäten leitet uns wohl durch die geschichtlos 
gewordene Wirklichkeit, die sog. Natur, d. h. die äußere Natur, 
niemals aber durch die Geheimnisse der Erhabenheiten genialer 
Originalitäten. Der historische Blick tut es, nicht vollkommen 
zwar, doch weit besser selbst als die Psychologie. Intuitiv nur 
wird der Historiker der Zeit ganz überlegen, intuitiv nur bezieht 
er die ewigen Wertideale auf die ihm in der Erfahrung gegebenen 
Fundamente seiner Wertungen. 

Zu den Inhalten solcher Intuition ist vor allem die historische 
Zweckmäßigkeit zu rechnen. Die ganze philosophische Welt ist 
seit Spinozas einschneidender und oft nachgebeteter Kritik an der 
Naturteleologie voll von dem Gedanken, daß die reale Zweck- 
mäßigkeit im Willensleben ihren Boden besitze. Auf den Zu- 
sammenhang zwischen Wille und Zeit hat Windelband, der, ein 
stark psychologisch interessierter Metaphysiker, realistischer denkt 
als der Meister logizistischen Verfahrens, Rickert, im folgenden 
Gedankengang aufmerksam gemacht: Alles Handeln ist auf das 
Zukünftige gerichtet; in einer zeitlosen Welt gäbe es nichts mehr 

2* 



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20 Adolf Dyroff 

zu tan. Der Wille mit seinem ganzen Streben wäre von ihr aus- 
geschlossen x ). Doch überlegen wir uns wohl, was das bedeutet. 
Die in die Zukunft gerichtete Zweckvorstellung beruht auf einer 
Umstiilpung des mechanischen Kausal Verhältnisses, das nur ein 
Fortschreiten vom Früheren zum Späteren kennt. Das liegt in 
dem Satze neuerer Philosophen wie Spinozas, daß alle Finalität 
umgekehrte Kausalität, und in Ebbingbaus' Definition, daß Wille 
vorausschauend gewordener Trieb 2 ) sei. Nur muß jenen Philo- 
sophen, zu denen auch Wundt gehörte, zur Erwägung gegeben 
werden, daß dann jede mechanische Kausalität von uns ohne wei- 
teres, gleichsam durch eine mathematische Umformung, in finaler 
Betrachtungsweise wiedergegeben werden könnte. Das ist nicht 
der Fall. Vielmehr ist die Möglichkeit solcher Umformung an eine 
Bedingung geknüpft: Ein Komplex von Teilursachen muß von An- 
fang an derart zusammengeordnet sein, daß mit Notwendigkeit die 
erscheinende Wirkung zu Tage tritt 3 ). Sonst können wir nicht 
von Zweckursache sprechen. Wir kommen nicht daran vorbei : 
Jede Zweckursache bedarf, um erkannt zu werden, eines Heraus- 
wachsens aus dem Banne der diskursiven Ursachenauffassung, be- 
darf einer Überwindung der physikalischen Zeitreihe, bedarf einer 
Intuition. Sonach bedürfen das eben die menschlichen Entschlüsse 
und geschichtlichen Kausalzusammenhänge. Der Historiker muß 
die Zukunfts Vorstellungen der geschichtlichen Personen in sich 
nachbilden; er darf sich nicht begnügen, die Urerfahrungen und 
Erinnerungen, aus denen jene Zukunftsvorstellungen entsprossen, 
rückwärts schreitend wiederherzustellen, sondern muß auch den 
einzigartigen Moment mit genialer Divination zu ergründen ver- 
suchen, in welchem dem Helden der von Marty freilich einseitig 
betonte Zukunfts gedanke aufblitzte. Er muß ferner das Trieb- 
hafte im geschichtlichen Handeln durchschauen. Er muß rückwärts 
schauend vorwärts schauen. Die geschichtlichen „Ideen" liegen in 
der weiteren Entwicklungslinie, die von der Intuition der originalen 
Entschlüsse und tatsächlichen Motivationen aus zu ziehen ist. Man 
drückt das hier Gemeinte oft in dem mißverständlichen Satze au?, 
der Historiker müsse seinem Helden kongenial sein. 

Ein Letztes noch! Irrationabel sind auch die geistigen Kräfte 
— von den naturwissenschaftlichen, deren Annahme sich auf einen 
Schluß stützt, sei nicht die Rede. Nun ist aber Geschichte nicht 

1) Einleitung in die Philosophie 107. 

2) Aber aller Triebakt hat schon die Richtung auf ein Nichtvorhandenes 
in sich. 

3) Vgl. Erich Becher, Naturwissenschaften 1018. 



1 Original from 



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Chronos 21 

zu verstehen ohne Einblick in die persönlichen Potenzen, aus denen 
sie hervorgeht. Es ist keine Sache logischer Arbeit, aber es ist 
auch keine bloße Geschmacksache zu entscheiden, ob Pompejus 
ebenso eine Potenz war wie Cäsar. Wiederum läßt den Historiker 
die bloße Zeitmessung, auch die äußerliche Messung der Zeitstrecke, 
durch die ein großer Mann nachwirkte, im Stich. Geniale „Einfüh- 
lung" in Überzeitliches ist erfordert. 

Dem genialen Blick der Intuition nur gelingt das schier un- 
ausführbare Werk, sich über die Zeit zu erheben zur Ewigkeit. 
Nenne man ihn magisch, nenne seine Tat Faszination. Es gibt 
Historiker, die ihn besitzen, nicht nur im Sinne der ästhetisch- 
künstlerischen Auffassung des gestaltlos Empirischen, sondern im 
Sinne tiefschauender Realerkenntnis. Und ihnen unterliegt Chronos. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage 

des Altertums 

Von 

Alfred Wiedemann 

Die Lust zu Fabulieren war den alten Aegyptern angeboren. 
Es ist ihnen dabei ergangen wie zahlreichen sonstigen Volks- 
schichten im Orient und im Abendlande. Nicht selten vermochten 
sie bereits nach kurzer Frist die Gebilde ihrer Phantasie nicht 
mehr yon Wirklichkeiten zu unterscheiden. Am deutlichsten läßt 
sich im Niltale diese Erscheinung bei den Fabelwesen verfolgen, 
bei Mischgestalten aus Bestandteilen von Tieren und Menschen, 
unter welchen die Sphinx die bekannteste geworden ist. Derartige 
Geschöpfe galten als tatsächlich vorhanden. Die Reliefs stellen 
dar, wie Panther mit langem Schlangenhals von Männern an 
Stricken festgehalten werden 1 ), wie ein weiblicher Vierfüßler mit 
Sperberkopf, dessen Schwanz in einer Blume endet, als Jagdbeute 
einen Strick um den Hals trägt, wie ein Jäger neben Gazellen, 
wilden Katzen, Hasen, einen langhalsigen Panther antrifft, aus 
dessen Rücken ein menschliches Gesicht und zwei breite Flügel 
herauswachsen 2 ). 

Diese Vermengung von Realität und Phantasie - Erzeugnis 
wurde durch eine religiöse Vorstellung gefördert. Nach aegyp- 
tischem Glauben belebten sich, sobald der Tote bestimmte Formeln 
sprach, alle Darstellungen an den Wänden der Gräber und diese 
Belebung machte nicht einmal bei den Hieroglyphenzeichen Halt. 
Man vermied es daher gelegentlich in deren Reihe gefahrdrohende 
Gestaltungen, wie bewaffnete Männer oder Schlangen, aufzunehmen 
und ersetzte deren Bild durch einen bewaffneten Arm oder eine 



1) Quibell, Hierakonpolis I. Taf. lü, 29; Aegypt. Zeitschr. 36 Taf. 12 
(Frühzeit). 

2) Newberry, Beni Hasan I Taf. 30; II Taf. 4, 13; vgl. Wilkinson, Mannere 
of the ancient Egyptians II S. 93; Rosellini, Mon. civ. Taf. 23 (farbig) (Mitt- 
leres Reich). 



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Die aegyptißche Geschichte in der Sage des Altertums 23 

halbe Schlange '), die auf jeden Fall unschädlich bleiben mußten. 
Was dem Toten möglich war, war es ebenso gut dem formeler- 
fahrenen Zauberer und konnte bisweilen auch anderen Sterblichen 
glücken. So konnte jedes noch so absonderliche Bild Leben ge- 
winnen. Eine Darstellung in Plastik, Relief oder Zeichnung gibt 
nicht nur eine bereits vorhandene Person oder Sache wieder; sie 
bildet gleichzeitig die Grundlage einer neuen Gestaltung, welche 
zu ihrer Betätigung nur des Zauberwortes oder Zauberwillens eines 
Gottes oder eines mit entsprechendem Wissen ausgerüsteten Men- 
schen bedarf. Die auf diese Weise sich entwickelnden Vorstellungs- 
kreise mußten die Grenze zwischen Tatsache und Gedankenbild in 
hohem Grade verwischen. Ihrer darf man nicht vergessen, will 
man nicht bei einer für die Sagenbildung sehr wesentlichen Frage 
zu einer unrichtigen Beurteilung des aegyptischen Volkscharakters 
gelangen. 

Der Aegypter betonte gern seine Wahrheitsliebe. Der König 
mußte die Wahrheit essen und trinken um ganz von ihr durch- 
drungen zu sein, er brachte sie täglich der Gottheit dar um auch 
diese mit Wahrheit zu erfüllen 2 ). Die aegyptischen Texte decken 
sich mit dieser moralischen Voraussetzung nicht. Sie wimmeln 
von Übertreibungen und frei erfundenen Prahlereien. Selbst die 
feierlichste Beschwörung der Genauigkeit einer Angabe gewährt 
keinen vollgültigen Beweis für deren Richtigkeit. Dieser Umstand 
berechtigt jedoch nicht dazu, das altaegyptische Volk für geradezu 
verlogen und noch unzuverlässiger. zu halten wie die heutigen, in 
dieser Beziehung in wenig gutem Rufe stehenden Aegypter 3 ). In 
seiner Erinnerung stellen sich dem Aegypter die Ereignisse so 
dar, wie er möchte, daß sie sich zugetragen hätten, und glaubt er 
bereits nach kurzer Zeit zu einer solchen Auffassung der Dinge 
vollkommen berechtigt zu sein. 

Bei der Schilderung seiner Kämpfe gegen die Hethiter be- 
hauptet Ramses II, im Widerspruch mit den Tatsachen, die Feinde 
allein vernichtet zu haben. Dann schließt er mit den Worten: 
„Ich schwöre es, so wahr mich liebt der Sonnengott, so wahr mich 
begünstigt mein Vater, der Gott Tum, alle Thaten, welche ich, 
der König, erzählt habe, die habe ich wahrhaftig vollführt in 



1) Beispiele bei Lacau, Acgypt. Zeiischr. 51 S. 1 ff. 

2) Stern, Aegypt. Zeitschr. 15 S. 72 ff., 113 ff.; Wiedemann, Ann. MusCe 
Guimet 10 S. 5Glff.; Moret, Rituel du Culte journalier en Kgyptc S. 138 ff. 

3) Lane-Zenker, Sitten der heutigen Aegypter II S. 135 ff. ; Lüttke, Aegyptens 
aeue Zeit I S. 64 ff. ; Croiner, Das heutige Aegypten II S. 140 ff. 



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24 Alfred Wiedemann 

Gegenwart meines Kriegsvolks und meiner Wagenkämpfer" 1 ). Die 
Tempelwände, an denen Ramses seinen Bericht und diese Ver- 
sicherung eingraben ließ, waren allgemein zugänglich, jeder Mit- 
kämpfer konnte die Unrichtigkeit der königlichen Angabe beweisen. 
Unter solchen Umständen wäre eine bewußte Lüge zwecklos und 
unklug gewesen. Der Herrscher war offenbar von seiner selbst 
erfundenen Heldentat so überzeugt, daß er sie seinen Untertanen 
nicht vorenthalten wollte. 

In weit höherem Maße wie bei zeitgenössischen Ereignissen 
fand naturgemäß eine unwillkürliche Umfärbung bei der Schilde- 
rung vergangener Begebenheiten statt. Sie bewirkte, daß der 
Aegypter auf eine treue Wiedergabe der älteren Geschichte seines 
Volkes sehr geringes Gewicht legte, daß eine ernsthafte Geschicht- 
schreibung bei ihm keinen Boden fand. In Folge dessen war die 
Unkenntnis der Vorzeit auch in gebildeten Kreisen auffallend groß. 
Schreiber, welche unter der 20. Dynastie die Gräber von Beni 
Hasan in Mittel-Aegypten besuchten, glaubten hier den Toten- 
tempel des Königs Cheops, der tatsächlich neben der großen Py- 
ramide zu Gize gelegen war, vor sich zu haben 2 ). Die Königs- 
listen in Tempeln und Gräbern sind Nichts als Verzeichnisse der- 
jenigen Gott gewordenen Pharaonen, denen die Nachfahren an 
dieser Stelle Gebete und Opfer darbringen wollten. Die bruch- 
stückweise erhaltenen annalistischen Tabellen aus dem Alten Reiche a ) 
haben kultische Bedeutung und stehen mit Festfeiern im Tempel 
von Heliopolis im Zusammenhang. Die Königsliste eines Turiner 
Papyrus sollte, soweit sich dies aus ihren Resten noch erkennen 
läßt, rechtlichen oder Steuerzwecken dienen und ihren Benutzer 
in Stand setzen, die Zeitdauer zu berechnen, welche von einem 
bestimmten Regierungsjahre eines Herrschers bis zu dem eines 
zweiten verstrichen war. 

Die fehlende Geschichtsüberlieferung mußte die Sage ersetzen. 
An die großen Männer der Vorzeit, ihre Taten und Werke, vor 
allem ihre Bauten, knüpfte sich ein umfangreicher Kreis von Er- 
zählungen. Ihre Entstehung setzte bisweilen bei Lebzeiten der 
Gefeierten ein, und wurde, wie dies eben von Ramses IL zu er- 
wähnen war, von einzelnen Königen selbst gefördert. Weit häu- 



1) Brugsch, Gesch. Aegyptens S. 500; Breasted, Ancient llecords of Egypt 
III S. 147; Roedcr, Aegypter und Hethiter S. 2G. 

2) Inschriften bei Lepsius, Denkm. VI. 22; Champollion, Not. descript. II, 
S. 423 ff.; vgl. Maspero, Etudes de Mythologie IV S. 127 f. 

3) Literatur bei Wiedemann, Das alte Aegypten, S. 388. 



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Die aegyptischc Geschichte in der Sage des Altertums 2{y 

figer entstanden die fraglichen Schilderangen erst in späteren 
Zeiten. Sie wurden dabei in einzelnen Zügen den Verhältnissen 
der jeweiligen Sagenzeit gerecht, bei zahlreichen anderen Episoden 
berichteten sie Ausschmückungen, welche allmählich die alte Über- 
lieferung umrankt hatten, und suchten den jeweils herrschenden 
Zeitauffassungen Rechnung zu tragen. Diese nicht selten geradezu 
tendenziöse Umformung ein und derselben Sage hat in muster- 
gültiger Weise Ranke l ) bei der Sesostris-Sage hervorgehoben, 
deren verschiedenen, griechisch erhaltenen Gestaltungen sich in 
absichtlichen Gegensatz zu anderen Weltmächten stellten : „Wie 
(die Sage) bei Herodot vorkommt, ist sie dazu bestimmt, den 
Persern einen aegyptischen König entgegenzusetzen, der die ihren 
übertroffen habe. Sesostris soll die Scythen überwunden haben, 
was diesen mißlungen war. Wie später Diodor sie vernahm, war 
sie dahin erweitert, daß auch der Ruhm Alexanders des Großen 
vor dem Ruhme eines Sesostris erbleichen mußte: diesem wurde 
eine Eroberung der Gangesländer zugeschrieben". 

Im Allgemeinen sind die verschiedenen Sagen jeweils nur in 
einer Fassung erhalten geblieben. In den Fällen aber, in welchen 
ßie längere Zeit im Gedächtnisse des Volkes lebten, werden sie 
vermutlich eine ähnliche Entwickelung und Veränderung durch- 
gemacht haben, wie die Sesostris-Sage und in späteren Jahr- 
hunderten die Sagen von Alexander und Karl dem Großen. Dem- 
gemäß wird in Aegypten der kulturgeschichtliche Hintergrund, 
auf welchem sich die Ereignisse abspielen, der Zeit entsprechen, 
in welcher die Sage die vorliegende Gestaltung erhielt, nicht ohne 
Weiteres dagegen den Verhältnissen der Epoche, in welcher die 
Sage zu spielen vorgibt. Die hierdurch veranlaßten Anachronismen 
werden jedoch, entsprechend dem Beharrungsvermögen und den 
geringen Veränderungen der kulturellen Verhältnisse im Niltale, 
keine sehr in das Gewicht fallende sein. 

Wann die Sagenbildung in Aegypten einsetzte, läßt sich bei 
der Geringfügigkeit der aus dem Alten Reiche erhaltenen profanen 
Literatur nicht feststellen. Daß die Gedankenprozesse, denen die 
Sagen ihre Entstehung verdankten, im Niltale seit der Frühzeit 
tiefgehende Bedeutung besaßen, zeigen die in reicher Fülle vor- 
liegenden religiösen Texte. In den um die Wende der 5. und 6. 
Dynastie zusammengestellten Pyramidentexten *) wird auf sehr 



1) Weltgeschichte I, 3. Aufl., S 25. 

2) Sethe, Die altaegyptischen Pyramidentexte, Leipzig 1908—10; mit sinn- 
entaprechender, wenn auch in Einzelheiten anfechtbarer Übersetzung Maspero, 



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26 Alfred Wiedemann 

zahlreiche Götterlegenden angespielt. Da für den alten Aegypter 
zwischen Gott und Mensch kein Unterschied besteht, er beide gleich 
auffaßt und von ihnen Entsprechendes berichtet, so läuft die Götter- 
legende der Menschensage völlig parallel. Wenn demnach zur 
Pyrainidenzeit die Götter einen derart reichen Kranz von Legenden 
besaßen, so erscheint die Annahme völlig berechtigt, daß sich gleich- 
zeitig an hervorragende menschliche Gestalten eine entsprechende 
Fülle von Sagen anschloß. Die einzelnen Formeln der Pyramiden- 
texte sind zum größten Teile nicht erst zur Zeit ihrer Sammlung 
entstanden, sie sind vielfach älter, einige setzen sogar die Zustände 
vor der Bildung eines aegyptischen Einheitsstaates voraus. Man 
kann daher die Anfänge der Legendenbildung und damit auch 
der Sagenbildung im Niltale mindestens in die Mitte des 4. Jahr- 
tausends v. Chr. setzen. 

In Folge der Einseitigkeit der vorliegenden Überlieferung ist 
von der ältesten Sagenscbicht nichts erhalten geblieben, so weit 
sich nicht einzelne ihrer Gedankengänge unter dem Schleier von 
Götterlegenden verbergen. Dies ist beispielsweise sicher der Fall 
in der Legende von der geflügelten Sonnenscheibe. Wenn diese 
auch als zusammenhängendes Ganzes nur in einer Fassung der 
Ptolemäer zeit erhalten geblieben ist 1 ), so sind doch ihr Ausgangs- 
punkt, die Übel abwehrende geflügelte Sonnenscheibe, und eine 
Reihe ihrer Einzelzüge bereits viel früher nachweisbar. Die Le- 
gende schildert die Besiegung der Feinde des Sonnengottes durch 
den sperberköpfigen Gott Horus von Edfu in Ober-Aegypten. Sie 
geht dabei aus von der in der Frühzeit erfolgten Eroberung des 
Niltales durch die Horus- Verehrer, die in Hierakonpolis bei Edfu 
einen ihrer Hauptsitze hatten. Damit vermischt sie in der jetzt 
vorliegenden Fassung Züge aus der um Jahrtausende später gleich- 
falls von Süden her erfolgten Niederwerfung des Fremdvolkes der 
Hyksos. 

In ihrer ursprünglichen Gestaltung liegen Sagen 3 ) erst aus 

Le8 Inscriptions des Pyramides de Saqqarah, Paris 1894 ; einzelne Formeln bei 
Röder, Urkunden zur Religion des alten Aegyptens, S. 185 ff. 

1) Brugsch, Die Sage von der geflügelten Sonnenscheine in Abh. Ges. Wiss. 
Gottingen XIV. Darstellungen der Sonnenscheibe aus verschiedenen Perioden bei 
Prinz, Altorientaliscbe Symbolik S. 11 ff., 42 ff. 

2) Maspero, Les Contes populaires de PEgypte ancienne, 4. Aufl. Paris 
1911; Flinders Petric, Egyptian Tales, London 1895; Wiedemann, Altacgyptiscbe 
Sagen und Märchen, Leipzig 1906; Budgc, The Literature o( thc ancient Egyp- 
tians, London 1914. Vgl. Spiegelberg, Die Novelle im alten Aegypten, Straß- 
burg 1898; Wiedemann, Die Unter haltungsliteratur der alten Aegypter, 2. Aufl., 
Leipzig 1903. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 27 

der ersten Blüteperiode der aegyptischen nichtreligiösen Literatur 
im Mittleren Reiche vor. Die Zahl der erhaltenen Texte ist so- 
wohl aus dieser Zeit wie aus der der zweiten Blüteperiode in den 
ersten Jahrhunderten des Neuen Reiches verhältnismäßig gering. 
Im Altertum war sie erheblich größer, wie vor allem aus den 
Bruchstücken ähnlicher Erzählungen hervorgeht, welche sich ver- 
einzelt auf Papyrus, häufiger auf Tonscherben 1 ) aufgezeichnet ge- 
funden haben, doch tritt auch unter deren Berücksichtigung der Um- 
fang der Sagenliteratur weit hinter dem der religiösen zurück. Diese 
Tatsache beruht nicht auf einer geringeren Beliebtheit derselben 
im Altertume, sie ist in andersartigen Verhältnissen begründet. 
Die große Mehrzahl der erhaltenen aegyptischen Texte stammt 
aus Tempeln und Gräbern und beschäftigt sich daher wesentlich 
mit Göttern und Toten. Die Trümmerstätten der Ortschaften 
blieben während Jahrtausenden allen Unbilden der Witterung aus- 
gesetzt. Besonders die Feuchtigkeit mußte in ihnen die wenig 
widerstandfähigen Papyri so gut wie überall vernichten, die Ober- 
fläche- der Scherben vielfach zum Abblättern bringen. 

Die geretteten Überreste wurden in Folge dessen zumeist in 
Gräbern gefunden. Diese zunächst auffallende Erscheinung beruht 
auf der im Niltale verbreitetsten Unsterblichkeits- Auflassung, der 
zu Folge sich das Fortleben des Toten wesentlich innerhalb seines 
Grabes in einer den irdischen Verhältnissen entsprechenden Weise 
abspielte. Wie hier der Mensch gelegentlich zu einem literarischen 
Papyrus griff, um sich die Zeit zu vertreiben, so erwartete man 
von ihm nach dem Tode ein Gleiches. Um ihm hierfür Lesestoff 
zu gewähren legte man Papyri mit besonders beliebten Erzählungen 
im Grabe nieder. Man konnte dabei freilich gelegentlich im Zweifel 
sein, welcher Text dem einzelnen Verstorbenen erwünscht sein 
werde, während andererseits die Beigabe zahlreicher Papyri sehr 
kostspielig gewesen wäre. So griff man denn in der thebanischen 
Blütezeit mehrfach zu einem anderen Auswege. Man legte kleine, 
aus Steingut gefertigte Modelle von Papyrusrollen in geschlossenem 
oder halboffenem Zustande 2 ) in das Grab nnd überließ es dem Ver- 



1) Spiegelberg, Hicratic Ostraka and Papyri found in the Ramcsseum Taf. 
1 ff. (vgl. Müller, Orient. Lit. Zeit. 2. Sp. 378); Daressy, Ostrava (Cat. Kairo), 
Kairo 1901; Hieratische Papyri aus den Kgl. Museen zu Rerlin III, 2, Leipzig 
1911; Gardiner, Theban Ostraca. Toronto 1913, S. 3 ff. ; u. s. f. 

2) Davies, Tomb of Queen Tiyi S. 30; Carter und Ncwberry, Tomb of 
Thoutmösis IV (Cat. Kairo) S. 114 ff.; Daressy, Fouilles de la VallCc des Rois 
(Cat. Kairo) S. 138 ff. 



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28 Alfred Wiedemann 

storbenen, sich diese Beigaben mit Hülfe von Zauberformeln in 
das ihm jeweils genehme literarische Erzeugnis zu verwandeln. 

Eine feste Grenze zwischen Sage und Märchen läßt sich in 
Aegypten so wenig ziehn, wie in zahlreichen anderen Literaturen. 
Beide werden in gleicher Weise und mit dem gleichen Ansprüche 
auf Glaubwürdigkeit vorgetragen. Im Niltale liegen alle hierher 
gehörenden Erzeugnisse in der Bearbeitung durch gebildete 
Schreiberschulen, nicht in volkstümlicher Gestaltung vor. Diese 
Tatsache erklärt ihre breite, pedantische und häufig leblose Vor- 
führungsart und die Erscheinung, daß sich alle Kreise der Be- 
völkerung vom Könige und Priester bis zum Arbeiter und Bauern 
in der gleichen gewählten und gesuchten Art benehmen und aus- 
drucken. 

Die an Könige anknüpfenden Berichte verfahren in doppelter 
Weise. In einer Reihe von Fällen nennen sie den Herrscher, von 
dem sie erzählen, wie Cheops, Usertesen L, Thutmosis III., mit 
Namen; in anderen, wie in der Erzählung vom Verwunschenen 
Prinzen 1 ) oder in der von den beiden Brüdern 2 ) sprechen sie all- 
gemein von dem Pharao, dem Könige, Seiner Majestät. Man ge- 
winnt jedoch auch bei der Durchsicht dieser letzteren Schriftwerke 
den Eindruck, daß der Berichterstatter nicht eine zeitlos erfundene 
Geschichte vortragen will, daß er vielmehr eine ganz bestimmte 
Persönlichkeit im Auge hat. Das Fehlen des Herschernamens 
wird demnach hier nicht dem märchenhaften Charakter des Vor- 
geführten entsprungen sein. Das aegyptische Volk sprach im 
täglichen Leben von seinem Herrscher als von Seiner Majestät oder 
dem Pharao ohne Beifügung des Namens, um diesen als einen der 
wichtigsten Seelenteile seines Trägers, nicht der Öffentlichkeit 
Preis zu geben. Es sollte nach Möglichkeit vermieden werden, 
daß er zur Kenntnis eines Zauberers gelangte, der ihn in böswilliger 
Absicht hätte benutzen können 3 ). In der Erzählung konnte der 
Name um so eher fehlen als ihre Schreiber nicht für die Nachweit 
tätig waren, sondern für ihre Zeitgenossen, welche naturgemäß 
sofort wußten, wer jeweils unter dem ungenannten Fürsten zu 
verstehen sei. 

Im Allgemeinen werden die Sagen objektiv, nur ausnahms- 

1) Maspero, a.a.O. S. 196 ff. ; Etudes egypticnnes I S. 1 ff.; Wiedemann, 
a. a. 0., S. 78 ff. 

2) Maspero, a. a. Ü., S. lff; WiedemanD, a.a.O. S. 58 ff. 

3) Vgl. Lefebure, Melusine 8 S. 218 ff.; Wiedemann, L'Egypte (Revue) 1 
S. 573 ff. ; Musron 15 S. 19 ff. ; Korresponden/.bl. Deutsche Ges. für Anthrop. 48 
8 18 ff. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 29 

weise unter Betonung einer persönlichen Anteilnahme des Ver- 
fassers an den Geschicken seines Helden, vorgetragen. Nicht 
selten kleidet man dabei das Ganze in eine Rahmenerzählung. 
Eine Reihe von Leuten tragen nach einander Geschichten vor, 
welche sich um ein einheitliches Thema drehen, wie etwa um die 
Künste berühmter Zauberer der Vergangenheit und Gegenwart x ). 
Daneben erscheint, wie in der Saneha-Geschichte 2 ) die Ichform, 
welche dem Berichte eine lebhaftere und lebenswahrere Färbung 
geben sollte. In anderen Fällen verflocht man die Erzählnng mit 
einer Art Prophezeiung. Die geschilderten Zustände waren über 
alle Maßen traurige, zum Schlüsse wurde aber das Kommen eines 
Retters verheißen, der aller Not ein Ende bereiten und die glück- 
lichen Verhältnisse herbeiführen sollte, welche der Verlasser als 
zu seiner eigenen Zeit bestehend voraussetzt 3 ). Vielfach spielt 
im Verlaufe des Berichtes die Wichtigkeit magisch wirkender Ge- 
genstände eine Ausschlag gebende Rolle, wie des Herrscherstabes 
Thutmosis' III. 4 ), des Panzers des Inaros & ), des Amulettes des 
Gottes Chunsu von Theben 6 ). 

Auf geschichtliche Genauigkeit wird, ebenso wie meist in 
den Sagen anderer Länder, sehr wenig Gewicht gelegt. Der Pa- 
pyrus Westcar verkürzt die zweite Hälfte der 4. Dynastie in völlig 
unhistorischer Weise, die Bentrescht-Stele gibt Ramses IL die 
Titulatur des um über ein Jahrhundert vor ihm lebenden Thut- 
mosis 1 IV., u. s. f. Zahlreiche Berichte tragen einen ätiologischen 
Charakter, knüpfen an bestimmte Bauwerke und Sitten an und 



1) Erman, Die Märchen des Papyrus Westcar, Berlin 1890; Maspero, a. a. 0. 
S. 22 ff. ; Wiedemann, a. a. 0. S. 1 ff. 

2) Maspero, Les Memoires de Sinouhit, Kairo 1908; Gardincr, Rec. de Trav. 
rel. ä l'Egypt. Bd. 82—4, 36; Maspero, a.a.O. S. 72 ff. ; Wiedemann, a.a.O. 
S. 34 ff. 

3) Weil!, Journ. asiat. X. 16 S. 266 ff. Einen entsprechenden griechischen Papy- 
rustext bildet das sog. Töpferorakel (Rcitzenstein, Nachrichten Ges. Wiss. Göttingen 
1904 S. 309 ff. ; Wilcken, Hermes 40 S. 544 ff.). Die astrologischen, um 170-100 v. 
Chr. in Aegypten verfaßten (Kroll, Neue Jahrb. f. Philo!. 7 S. 577 ; vgl. Boll, Sphaera 
S. 375; Darmstadt, De Nechepsonis-Petosiridis Isagoge quaestiones, Leipzig 1916) 
Prophezeiungen des Nechepso und Petosiris gehören nicht hierher. Für das Er- 
lösermotiv im Allgemeinen vgl. Lietzmann, Der Weltheiland, Bonn 1909. 

4) Eroberung von Joppe (Maspero, Etudes ^gypt. I S. 49 ff. ; a. a. 0. S. 115 ff. ; 
Wiedemann, a.a.O. S. 112 ff.). 

5) Spiegelberg, Der Sagenkreis des Königs Petubastis, Leipzig 1910; Maspero, 
a.a.O. S. 231 ff. 

6) Bentrescht-Stele (Maspero, a.a.O. S. 183 ff. ; Wiedemann, a.a.O. S. 86 ff.; 
Roeder, Urkunden zur Religion des alten Aegyptens S. 169 ff). 



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30 AlfredWiedemaon 

Buchen deren Entstehung and Eigenheit zu erklären. Daneben 
sind sie vielfach bestrebt, moralisierend und belehrend zu wirken. 
Dies tun sie entweder als Ganzes wie die Erzählung vom Ver- 
wunschenen Prinzen, welche allem Anscheine nach die Unabänder- 
lichkeit des von den Göttern verhängten Schicksals erweisen soll, 
oder in einzelnen ihrer AasTdhrangen. So sollen die Vorträge des 
beredten Bauern *) auf die Pflichten eines ehrlichen, auch dem Armen 
gerecht werdenden Beamten hinweisen. 

Die Sagen beschäftigen sich mit Ereignissen aus dem ge- 
samten Verlaufe der aegyptischen Geschichte, wobei sie nicht 
ungern die Vorgänge und die Persönlichkeiten der Könige mit 
leichter Ironie zu schildern bestrebt sind. Die eine, um wenigstens 
der wichtigsten dieser Texte zu gedenken, erzählt eingehend, wie 
eine von dem Sonnengotte geschwängerte Priesterfrau zu Heliopolis 
mit Hülfe von Gottheiten Drillinge gebar, welche später als echte 
Gottessöhne eine neue Dynastie begründeten 2 ). Ein zweiter Text 
entwirft ein Bild der traurigen Zustände in der Zeit der Anarchie, 
welche nach dem Zusammenbruche des Beamtenstaates des Alten 
Reiches eintrat 3 ). Ein dritter geht von den Vorgängen bei der 
Thronbesteigung Usertesen' I. aus und erzählt die Schicksale des 
Saneha, der bei dieser Gelegenheit Mitwisser eines Staatsgeheim- 
nisses wurde, nach Asien floh und erst nach langer Zeit von dem 
Könige zur Rückkehr nach Aegypten ermächtigt wurde. Wieder 
eine andere, nur in Bruchstücken erhaltene Sage führte in phan- 
tastischer Form die Streitigkeiten vor, welche die Erhebung Ober- 
Aegyptens gegen die Fremdherrschaft der Hyksos einleiteten 4 ). 
Dann wird die Eroberung der Stadt Joppe durch Thutiä, einen 
durch eine längere Reihe von Texten als eine wichtige historische 
Persönlichkeit verbürgten Feldherrn Thutmosis' III. geschildert. 
An die Beziehungen Ramses' II. zu Asien knüpft die Bentrescht- 
Stele an. 

Eine Reihe von Sagen liegt nur in demotischer Fassung, in 
Abschriften aus den Jahrhunderten um Christi Geburt, vor. Wenn 
sich auch ihre Entstehungszeit im Einzelnen nicht feststellen läßt, 
so ist es doch so gut wie sicher, daß sie in ihren wesentlichen 



1) Vogelsang uad Gardincr, Die Klagen des Bauern, Leipzig 1908; Maspero, 
a. a. 0. S. 47 ff. 

2) Papyrus Westcar Taf. 0—11; Maspero, a.a.O. S. 38ff. ; Wiedemann, 
a. a. 0. S. 47 ff. 

3) Papyrus Leiden J. 344; vgl. Erman, Sitz.-Ber. Akad. Berlin 1919, Nr. 42. 

4) Papyrus Sallier I S. 1 ff. ; ergänzt und übersetzt Maspero a. a. 0. S. 288 ff. ; 
Ktudes «Sgypt. I S. 195 ff. (vielfach sehr hypothetisch). 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 31 

Zügen aegyptisch-nationalen Ursprunges sind und vielfach aus 
älteren Zeiten stammen. Die wichtigsten erhaltenen Beispiele 
erzählen von dem Prinzen Setna-Chamois, einem zaaberkundigen 
Sohne Ramses' II., und von dessen Sohne Senosiris *). Sie schildern 
den verunglückten Versuch des Prinzen, einem Toten sein Zauber- 
buch zu rauben, und erörtern eingehend, unter Beifügung von 
allerhand mit dem eigentlichen Thema nur in losem Zusammen- 
hange stehenden Episoden, Streitigkeiten der Aegypter mit # den 
Negern. Im Verlaufe der Ausführungen wird auch eine Unter- 
weltsfahrt des Setna und seines Sohnes berichtet, deren einer Zug 
in auffallender Weise an die biblische Parabel vom armen Lazarus 
erinnert 2 ). Eine zweite Sagenreihe 3 ) beschäftigte sich in sehr 
breiter Form mit Vorgängen aus der Zeit der inneren Zwistig- 
keiten, welche um die Wende des 7. Jahrhunderts Jahrzehnte lang 
Aegypten durchtobten und erst mit der Thronbesteigung Psam- 
metich' I. ihr Ende fanden 4 ). Wieder ein anderer Text enthielt 
eine Erzählung, welche dem Könige Amasis, als er nach einer 
durchschwelgten Nacht in Folge unmäßigen Trinkens arbeitsun- 
fähig war, vorgetragen wurde 5 ). 

War die Zahl der geschichtlichen Sagen bereits im alten 
Aegypten eine große, so wuchs sie noch in hohem Grade, als zahl- 
reiche Griechen als Söldner und Kaufleute in das Land eindrangen 
und hier Wohnsitze fanden. Ihre Phantasie und die ihrer helle- 
nischen Nachfahren hat sich mit Aegypten stets auf das Leb- 
hafteste beschäftigt. Schilderungen aus dem Niltale, besonders 
wenn sie in ihren Ausführungen eine gewisse Romantik, etwas 
Geheimnisvolles, darboten, waren sicher, einen dankbaren Hörer- 



1) Griffitb, The Stories of the High-Priests of Memphis, Oxford, 1909; Krall, 
Demotische Lesestücke I Taf. 2 ff . ; Maspero, a.a.O. S. 123 ff. Die eine Er- 
zählung auch Maspero, Ktudes de Myth. 111 S. 349 ff. ; Wiedemann, a.a.O. 
S. 118 ff. 

2) Vgl. Gressmann, Vom reichen Mann und armen Lazarus in Abh. Akad. 
Kerlin 1918, Nr. 7. Daß bereits die ältere griechisch-aegyptische Sage das Motiv 
der Unterweltsfahrt kannte, zeigt Herodot IL 122. 

3) Krall, a.a.O. I Taf. 17; II Taf. 10 ff.; Spiegelberg, Der Sagenkreis des 
Königs Petubastis, Leipzig 1910; Maspero, a. a 0. S. 231 ff. 

4) Die klassischen Autoren, an ihrer Spitze Herodot, zeigen, daß auch über 
letzteres Ereignis, besonders über das Eingreifen der Kleinasiaten and Griechen 
zahlreiche Sagen verbreitet waren. 

5) Spiegelberg, Die sog. demotische Chronik S. 26 ff.; Maspero, a.a.O. 
S. 300 ff. 



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32 Alfred Wiedemann 

und Leserkreis zu finden, denn „jede Erzählung und Geschichte 
über Aegypten ist für hellenische Ohren ganz besonders lockend" 1 ). 

Die bei den klassischen Autoren erhaltenen Sagen entstammen 
verschiedenen Quellenreihen, welche aber nicht unabhängig von 
einander verliefen, sich vielmehr vielfach gegenseitig beeinflußten 
und durchkreuzten. Ein Teil der Sagen ist griechischen Ursprungs. 
Die hellenischen Reisenden und Einwanderer brachten sie mit sich 
in Jas Niltal, und knüpften sie hier an bestimmte Persönlichkeiten 
und Orte. Sie gestalteten sie dabei meist dem neuen Schauplatze 
entsprechend nm, so daß sie in zahlreichen ihrer Ausführungen 
wie echt aegyptische Lokalsagen anmuten. Bei anderen Er- 
zählungen handelt es sich um solche, welche sich im Lande selbst 
gebildet hatten. Von diesen entstammte ein Teil dem aegyptischen 
Altertume und hatte sich im Volksmunde oder auch in literarischer 
Bearbeitung bis in die Spätzeit hinein erhalten. Andere Berichte 
entstanden erst zur Zeit der fremdländischen Besiedelung in grie- 
chischen Kreisen und bewegten sich daher in ihrer Denkart in 
dem Wissens- und Interessenbereiche der Fremden oder derjenigen 
Aegypter, welche aus Handels- oder sonstigen Beweggründen zu 
diesen Ausländern in nähere Beziehungen getreten waren. End- 
lich versiegte auch im damaligen aegyptischen Volke die sagen- 
bildende Tätigkeit nicht und wurde manche ihr entspringende Er- 
zählung auch den ortsansässigen und reisenden Hellenen zugänglich. 

Ihre Kenntnis der Sagen gewannen die Fremden ebenso wie 
ihr Wissen von der aegyptischen Religion und Geschichte nur in 
Ausnahmefällen unmittelbar von der national empfindenden ein- 
heimischen Bevölkerung. Die Verschiedenheit der Sprache, die 
Fremdenverachtung, welche sich in der Spätzeit im Niltale sehr 
verstärkte, setzten einem engeren Verkehr eine schwer überwind- 
liche Schranke entgegen. Als Vermittler dienten die SQliijvhg 
Herodots, eine Bevölkerungsklasse, welcher im Altertume, ähnlich 
wie in der Neuzeit dem Dragoman, neben der Übersetzungstätigkeit 
die Führung der Fremden zu den Sehenswürdigkeiten des Landes 
oblag. Neben ihnen kamen die von Herodot als ighg bezeichneten 
priesterlichen Beamten in Betracht, Türhüter, Kustoden und ähn- 
liche Angestellte, welche dem Reisenden im Bereiche ihres Tempels 
als Erklärer dienten. Diese Gewährsmänner waren insgesamt, 
schon aus materiellen Gründen, auf die Fremden und ihre Gunst 
angewiesen, sie richteten daher auch ihre Aussagen nach deren 
Wünschen ein. In Folge dessen war ihre Zuverlässigkeit sehr 



1) Heliodor, Aetbiopica IL 27. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 33 

gering und sind einzelne von ihnen bereits im Altertume als Auf- 
schneider und Lügner gekennzeichnet worden 1 ). 

Eine Verwertung des Niltales als Schauplatz von Sagen er- 
folgte bereits vor seiner systematischen Erschließung für den 
griechischen Handel. In den homerischen Gedichten trifft Menelaus 
auf der Insel Pharus mit dem Meergreis Proteus zusammen 8 ), in 
welchem spätere Zeiten einen König Aegyptens erkennen wollten 3 ). 
In andere Sagenkreise gehörten ursprünglich vermutlich der bei 
Homer auftretende Hinweis auf die Geschenke, welche Alkandra, 
die Gemahlin des Polybos von Theben, Menelaus und Helena 
übergab, und derjenige auf das Heilmittel, das Helena der Poly- 
damna, die Gattin des Thon, verdankte 4 ). Da alle sonst mit der 
Helena-Sage verknüpften Züge in das Delta verlegt erscheinen, 
so wird auch bei dem eben genannten Theben an einen unter- 
aegyptischen Ort 6 ) zu denken sein. Auf die gleichnamige ober- 
aegyptische Stadt dagegen beziehen sich zweifelsohne die viel an- 
geführten Verse 6 ), welche des hunderttorigen Thebens und seiner 
20000 "Wagenkämpfer gedenken. 

Diese Worte müssen aus sehr früher Zeit herrühren, da sie 
voraussetzen, daß der Name der Stadt den Hörern als der eines 
weithin berühmten Ortes geläufig war. Dies war bei Theben 
bis tief in die mykenäische Zeit hinein der Fall. Damals waren 
während Jahrhunderten von Theben aus die Kriegsscharen aus- 
gezogen um die Nachbarländer zu überfallen und auszuplündern. 
Später erlebte die Stadt im 10. Jahrhundert eine kurze Nach- 
blüte um dann einem unaufhaltsamen Rückgange anheim zu fallen 7 ). 
Die Art und Weise, in welcher die homerischen Verse eingeschoben 
werden, zeigt, daß der Dichter bei ihnen nicht einen beliebig her- 
angezogenen Vergleich im Auge hat, vielmehr auf eine wohlver- 
traute Tatsache hindeuten will. Es liegt daher nahe, in ihnen 



1) Vgl. Maspero, Ktudes de Myth. III S. 343 ff.; Wiedemann, Herodots 
/weites Buch S. 28 ff. 

2) Odyssee IV 351 ff. 

3) Herodot II 112 (Wiedemann, a.a.O. S. 431 ff). 

4) Odyssee IV 125 ff., 227 ff. 

5) Es handelt 6ich vermutlich um die Hauptstadt des 17. unteraegyptischen 
(iaus, welche den gleichen aegyptischen Namen, Uas-t, wie das oberaegyptische 
Theben, meist mit dem Zusatz „das nördliche" trug (Brugscb, Dictionnaire g£o- 
grapbique S. 163 f., 27, 30; vgl- auch Herodot II 166). 

6) Ilias IX 383 f. 

7) Übersicht der Geschichte der Stadt bei Dümichen, Geschichte des alten 
Aegyptens S. G5 ff. : Brugscb, Geographische Inschriften altaegyptischer Denk- 
mäler I S. 175 ff. 

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34 Alfred Wiedemann 

eine Anspielung auf eine sehr frühe Gestaltung der Sesostris-Sage 
zu vermuthen, in deren Entstehungszeit Theben noch seine volle 
Bedeutung als Landeshauptstadt besaß. 

Wie Homer, so haben auch die sonstigen epischen Cyklen und 
die großen Tragiker nicht selten Aegyptens, seiner Götter, seiner 
Bewohner, seines lebenspendenden Stromes gedacht. Aeschylos 
ließ Jo nach Kanobus an der aegyptischen Meeresküste gelangen 
und hier den Epaphos gebären. Dann behandelte er die Geschicke 
der 50 aegyptischen Gatten der Danaiden 1 ). Sophocles schrieb ein 
Stück Me'pvcüv oder Ai&toxcg 2 ), in welchem Aegypten gewiß eine 
Hauptrolle gespielt haben wird. Euripides dichtete eine Helena, 
in welcher er die wahre Helena während des trojanischen Krieges 
bei Proteus in Aegypten verweilen und dann von Menelaus ent- 
führen ließ. 

Während bei diesen Dichtern jeweils nur einzelne Sagen und 
deren Episoden mit dem Niltale in Verbindung gesetzt werden, 
liegen die Verhältnisse bei Herodot ganz anders 3 ). Erfüllt von 
einer tiefeingewurzelten Verehrung für die alten Überlieferungen 
und die Weisheit Aegyptens hegte er ein lebhaftes Interesse für 
das Land und Volk auch in denjenigen Zeiten, in welchen es nicht 
in unmittelbarer Beziehung zu der hellenischen Welt stand. Dem- 
entsprechend sind hier seine Angaben weit umfassender und reich- 
baltiger wie dies .bei seinen Vorgängern gewesen war. In der 
Art ihrer sachlichen und stilistischen Vorführung gliedern sich die 
bei ihm erhaltenen Sagen in zwei auffallend verschiedene Klassen. 
Die eine, deren ausgedehntestes Beispiel die Erzählung von Rhamp- 
sinit und dem diebischen Baumeister ist, wird lebhaft und anschau- 
lich, mit einer gewissen Naivität der Auffassung vorgetragen. 
Trotz ihrer literarisch ausgebildeten Fassung verleugnet sie nicht 
eine ursprünglich volkstümliche Grundlage und Empfindungsweise. 

Als typisches Beispiel der zweiten Klasse kann die auffallend 



1) Prometheus v. 846 ff., Schutzflehende. Vgl. für Jo's Aufenthalt in Aegypten 
und die Darstellungen ihrer Ankunft in Pompejanischen Wandgemälden Engel- 
mann in Röscher, Lex. der Myth. II Sp. 267 f., 278 und Linforth, Epaphos and 
the Egyptian Apis in University of California Publications in Classical Philology 
II S. 81 ff. 

2) Clinton, Philological Museum 1832 S. 80 f.; Welckcr, Die griechischen 
Tragödien S. 136. 

3) Für Herodot und Aegypten vgl. Maspero, Etudes de Myth. III S. 333 ff. ; 
Wiedemann, Herodots zweites Buch, Leipzig 1890; Sourdille, La durce et lYtendue 
des voyages d'Hi'rodote en Egypte, Paris 1910; Herodote et la religion de l'Egypte, 
Paris 1910. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 35 

umfangreiche Umdichtang derHelena-Sage ^gelten, deren aegyptische 
Episoden die griechischen Schriftsteller, auch abgesehen von ihren 
bereits erwähnten Bearbeitungen, vielfach beschäftigt haben. Sie 
erscheint in ähnlicher Auffassung wie bei Herodot vor ihm, um 
600 v. Chr., bei Stesichorus, ebenso wie lange nach ihm, um 
100 n. Chr., als die Erzählung eines aegyptischen Priesters, bei 
Dio Chiysostomus. In der von Herodot wiedergegebenen Fassung 
bilden die ihr gewidmeten Kapitel eine mit dem Bewußtsein tief 
eindringlichen Wissens vorgetragene, pedantisch moralisierende 
und rationalisierende Abhandlung, die ohne weiteres einen gelehrten 
Ursprung verrät. Man empfindet zugleich bei ihrer Durchsicht, 
wie wenig die hier gewählte Erzählungsart Herodot zusagte. Wenn 
er den Bericht überhaupt aufnahm, so lag dies offenbar daran, 
daß ihm seine Angaben einen derart wohlverbürgten Eindruck 
machten, daß er sie nicht zu übergehen wagte. Andererseits hat 
er es aber nicht vermocht, sie seiner sonstigen, unmittelbar emp- 
findenden Ausdrucksweise einzugliedern. Sie erscheint daher im 
Ganzen seines Werkes als ein scharf abgegrenzter Fremdkörper. 
Diese Tatsachen zwingen zu dem Schlüsse, daß Herodot an 
dieser Stelle so gut wie wörtlich einer seiner literarischen Quellen 
folgte. Dabei kann hier nur sein großer Vorgänger, Hekataeus 
von Milet, in Betracht kommen, dessen Werk den gleichen pe- 
dantischen Ton, die gleiche Freude am Besserwissen und weisen 
Belehren, und zugleich denselben oberflächlichen Rationalismus 
zeigte 2 ), wie die fraglichen Abschnitte des herodotischen Werkes. 
Eine Entlehnung der Helena- Episode aus Hekataeus 3 ) lag um so 
näher als auch dieser sich einen Teil der Helena-Sage in Aegypten 
hatte abspielen lassen. Nach seiner Angabe trug der Ort Kauopus 
an der Delta-Küste seinen Namen von dem Fährmann des Menelaus, 
der Pharus den seinen von dessen Untersteuermann, u. 8. f.*). Leider 
läßt sich nicht feststellen, woher Hekataeus seinerseits seine Kennt- 



1) Für Helena in Aegypten vgl. Stoll in Röscher, Lex. der Myth. I 1940 ff., 
1948 f.; Wiedemann, Herodots zweites Buch S. 435 ff. 

2) Vgl. hierfür besonders die triviale Umdichtung des Kerberus in frg. 346 
Müller aus Pausanias III 25, 5. 

3) Dies vermutete bereits von Gutschmid, Kleine Schriften I S. 46; vgl. 
Diels, Hermes 22 S. 441 ff. 

4) Hekataeus scheint gern Sagen an Stellen lokalisiert zu haben, an denen 
ihm ein Ortsname an eine Sagengestalt anzuklingen schien. In Folge dessen 
stammt vermutlich auch die Angabe Herodot II 91 über die Verehrung des Per- 
seus in Chemmia aus Hekataeus, der von einem in dieser Gegend vorkommenden 
Ländernamen Pers (Wiedemann, Sphinx 18 S. 199 f.) gehört haben wird. 

3* 



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36 Alfred Wiedemann 

nisse schöpfte, ob er sie als ausgestaltetes Ganzes bei einem älteren 
Schriftsteller, der mit Stesichorus zusammengehangen haben könnte, 
vorfand, oder ob er vereinzelte ihm zugänglich gewordene Be- 
merkungen selbst erst zu einem System ausgestaltete. Jedenfalls 
aber zeigen die Bruchstücke, daß der Bericht literarischen Ursprungs 
ist. Falls bei seiner Herstellung volkstümliche Elemente ver- 
wendet wurden, so sind diese derart umgearbeitet worden, daß 
sich ein solcher etwaiger Kern nicht mehr herausschälen läßt. 

Ganz anders wie bei dieser Klasse der herodotischen Sägen- 
erzählungen steht es bei einer langen Reihe anderer Berichte. Sie 
gehen auf tatsächliche Volksüberlieferungen zurück, welche dem 
Verfasser durch Vermittlung seiner Gastfreunde und Fremdenführer 
zugänglich geworden waren. Bei der Art dieser Gewährsmänner 
und der mangelnden kritischen Schulung Herodots ist es schwer, 
wenn nicht unmöglich, festzustellen, ob die jeweilige Sage in ihrer 
Durchführung auf national -aegyptischer oder auf griechischer 
Grundlage ! ) aufbaut, oder ob, was vielfach der Fall gewesen sein 
wird, sich in ihr Einflüsse beider Völker und ihrer dichterischen 
Tätigkeit vermengten. Auf Einzelheiten und eine Zerlegung der 
Sagen nach ihrer Herkunft kann hier nicht eingegangen werden, 
nur ein Zug, der auch für die Beurteilung anderer nach Aegypten 
verlegter Sagen von Wichtigkeit ist, verdient an dieser Stelle 
Berücksichtigung. Es ist dies daß starke Betonen des sexuellen 
Elementes, welches eine Reihe der Sagen zeigen und welches dem 
Leser gelegentlich als tatsächliche Zote, meist aber in Gestalt 
einer breit ausgesponnenen Schilderung zweideutiger Begebenheiten 
entgegentritt. 

Es ist eine in einem orientalischen Lande sehr auffallende 
Tatsache, daß in der echtaegyptischen Überlieferung das erotische 
Element einen sehr geringen Umfang einnimmt 2 ). Es wird zwar 
in den Texten vielfach von geschlechtlichen Dingen gesprochen, 



1) Man ist gelegentlich in der Annahme griechischen Ursprungs für die 
herodoteischen Sagen sehr weit gegangen und bat beispielsweise die Rhampsinit- 
Sage für eine in das Niltal übertragene Wandersage erklärt. Aber, ganz abge- 
sehen von der Fülle gut beobachteter aegyptischer Gebräuche, ist ihr Kernpunkt, 
das Vorhandensein verschiebbarer Steine, welche den Eingang zu Schatzkrypten 
verbargen, echt aegyptisch (vgl. die Stellen bei Maspero, Contes S. XLIIff.). Wenn 
ähnliche Einrichtungen in andern Ländern mit entsprechenden Sagen verknüpft 
sind, so darf man nicht vergessen, daß gleiche Sagenzüge nicht notwendiger Weise 
gleichen Ursprung zn verraten brauchen; sie können sehr wohl an verschiedenen 
Orten selbständig entwickelt worden sein. 

2) Für die sittlichen Zustände im alten Aegypten vgl. Heyes, Bibel und 
Aegypten S. 129 ff., 137 ff. ; Wiedemann, Das alte Aegypten S. 99 ff. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 37 

die Zeugungsgottheiten werden ohne Scheu naturalistisch darge- 
stellt, dies geschieht jedoch stets in sachlicher Weise und ohne 
Lüsternheit. Die einzige Urkunde, welche auf den ersten Blick 
erotischen Zwecken gewidmet zu sein scheint, ist ein Papyrus 
etwa der 20. Dynastie zu Turin, welcher unter Beifügung kurzer 
Beischriften mehrere Symplegmata in karrikierten, mit humoristisch 
gedachten Einzelheiten verbundenen Stellungen vorführt l ). Diese 
Darstellungen bilden aber nicht den alleinigen Inhalt des Pa- 
pyrus, sie erscheinen als die Fortsetzung einer Reihe von satyri- 
schen Bildern 2 ), welche Tiere die Handlungen verrichten lassen, 
die sonst in den Reliefs von Menschen ausgeführt werden: die Er- 
oberung einer Festung, die Darbringung eines Opfers, das Hüten 
von Tieren, eine Musikkapelle, u. s. f. Ein solcher Zusammen- 
hang macht es wahrscheinlich, daß es sich auch bei dem zweiten 
Teile des Textes nicht um ausgesprochen erotische Vorführungen 
handelt, daß vielmehr auch hier parodistische Gedankengänge 
Ausdruck finden. Ihr Ursprung wird daher nicht in sexuellen 
Empfindungen, sondern in der bekannten, noch den heutigen Be- 
wohnern des Landes eigenen witzelnden und dabei wenig wählerischen 
Denk- und Ausdrucksweise des aegyptischen Volkes zu suchen sein. 
Das Zurücktreten des Erotischen im Niltale fand sein Ende 
mit dem Eindringen des Griechentums, welches seiner andersartigen 
Auffassung derartiger Vorgänge auch in aegyptischen Kreisen Ein- 
gang verschaffte. In der demotisch erhaltenen Sage vom Prinzen 
Setna wird dessen intimer Verkehr mit der Zauberin Tabubai mit 
offenbarem Wohlgefallen geschildert, nicht, wie dies in älteren 
Texten geschehen wäre, einfach als Tatsache berichtet 3 ). In sehr 
großer Zahl haben sich aus der Spätzeit bis in die koptische Pe- 
riode hinein Statuetten gefunden, welche erotische Einzelgestalten 
oder Gruppen darstellen. Äußer aus roh gebranntem Thon be- 
stehen sie vielfach aus dem üblichen aegyptischen Steingut und 
sind in aegyptischem Style gefertigt worden 4 ]. Entsprechende 

1) Der Papyrus ist so gut wie unveröffentlicht. Die Wiedergabe einer Seite 
bei Pleyte und Rossi, Les Papyrus de Turin Taf. 145 läßt die anstoßigsten Dinge 
fort und gibt daher kein entsprechendes Bild des Urtextes. 

2) publ. Lepsius, Auswahl der wichtigsten Urkunden Taf. 29; vgl. Devtfria, 
Mtmoires II S. 13 ff. 

3) Wenn im Papyrus Westcar dem König Snefru geraten wird, er solle, um 
6ich zu erfreuen, Mädchen, die als Kleidung nur Perlennetze tragen, vor sich auf 
einem Teiche rudern lassen, so betont der Text nicht das Geschlechtliche. Es 
ist an die Freude an schonen bewegten Körpern zu denken, wie sie der Aegypter 
auch bei der Vorführung von gymnastischen Leistungen und Tanzen empfand. 

4) Beispiele u. a. Leemans, Monumens egyptiens du Musve de Leide I Taf. 18. 



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38 Alfred Wiedemann 

Stücke ans älteren Zeiten fehlen. Für die Tatsache, daß die Her- 
stellung derartiger Bildwerke im Niltale unter griechischem Ein- 
flüsse stattfand, spricht es auch, daß viele der Gruppen päderasti- 
sche Vorgänge zeigen. Die Päderastie aber, die auf griechischem 
Boden eine sehr große Bedeutung besaß 1 ), wird in den früheren 
Perioden im Niltale nur in seltenen Ausnahmefällen erwähnt 8 ). 

Besonders zahlreiche hierher gehörige Stücke sind im Bereiche 
der memphitischen Necropole von Gize bis nach Saqqara zu Tage 
getreten. Bei letzterem Orte wurden Gemächer aufgedeckt, an 
deren Wänden große flache Bilder des entblößten Gottes Bes und 
einer nackten weiblichen Gestalt angebracht waren. In diesen 
Räumen stellte man erotische Figuren her und dienten allem An- 
scheine nach die Kammern selbst entsprechenden Zwecken 3 ). An 
ein ähnliches Freudenhaus knüpft vermutlich die Erzählung Herodot 
II 126 von der Tochter des Cheops an. Nach dem griechischen 
Berichte hätte sich diese Jedem preisgeben müssen, um Geld für 
den Pyramidenbau ihres Vaters zu beschaffen. Sie habe sich dabei 
von jedem Liebhaber einen Stein schenken lassen und mit diesem 
Ertrag für sich selbst eine Pyramide errichtet. 

Dieser Bau der Prinzessin rjent-sen liegt unweit der Pyramide 
des Cheop3 zu Gize. In den Überresten des zugehörigen Tempels 
haben sich beachtenswerter Weise zahlreiche Phalli ans gebranntem 
Ton gefunden, deren Vorhandensein auf eine erotische Verwendung 
dieser Räume hindeutet. Auf dieser Tatsache wird die Volkssage 
von dem schimpflichen, aber ertragreichen Gewerbe der Königs- 
tochter aufgebaut haben. Damit fügt sich die Erzählung einem 
Sagenkreise ein, aus welchem Herodot einige Angaben entlehnte 
und welcher dann, unter Hineinverflechtung von allerhand anderen 
Sagen- und Märchenmotiven lange Zeit in der klassischen Literatur 
nachwirkte. Er war bestrebt, die Pyramiden, die eindruckvollsten 
Werke Aegyptens, ihren königlichen Erbauern abzusprechen und 
ihnen niedere Herkunft zuzuschreiben. So wurden sie mit einem 
Hirten Philitis in Verbindung gebracht 4 ) und wurde von der dritten 
Pyramide erzählt, dieselbe rühre von der Hetaere Rhodopis her 
oder sei für sie von einigen ihrer vornehmen Liebhaber errichtet 



1) Vgl. Forberg in den Anmerkungen zu seiner Ausgabe des Antoninus 
Panormitanus, Hermaphroditus, Coburg 1824 S. 231 ff. ; Bethe, Rhein. Mus. *J2 
S. 438 ff. 

2) Wiedemann, Spbinx 14 S. 39 ff. 

3) QaibeK), Excavations at Saqqara 1905-0, Frontispiece, Taf. 26—9, 
S. 12 ff. 

4) Herodot II 128. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Alterturas 39 

worden 1 ). Diese Berichte entstanden in griechischen Kreisen ; der 
Gedanke Herodots, die Aegypter wollten aus Haß die Pyramiden- 
könige nicht nennen, trifft nicht zu. Gerade in der saitischen 
Zeit hat im Anschlüsse an die damaligen archaisierenden Bestre- 
bungen in Kunst, Religion, Sprache, der Kult der Herrscher der 
4. Dynastie mit neuer Kraft eingesetzt. Besonders klar läßt sich 
bei der in Rede stehenden Geschichte von der Tochter des Cheops 
der fremdvölkische Ursprung erkennen. Da in dem aegyptischen 
Nationalstaate der Pharao als oberster Herr über das Eigentum 
seiner Untertanen zu verfügen vermochte, konnte sich hier keine 
Sage bilden, der zufolge der Herrscher gezwungen gewesen wäre, 
sich Geldmittel auf derart unsittliche Weise zu verschaffen. Ahnlich 
wie hier werden griechisch beeinflußte Erzähler auch bei zahl- 
reichen der sonstigen erotischen Episoden in den klassischen An- 
gaben über aegyptische Sagen vorauszusetzen sein; sie werden 
diese als Ganzes zusammengestellt oder mit einzelnen sexuellen 
Zügen ausgeschmückt haben. 

Aus der Vereinigung der altaegyptischen und der in griechi- 
scher Zeit entstandenen Berichte erwuchs allmählich eine ausge- 
dehnte Sagengeschichte des Niltales, welche neben der tatsächlichen 
Geschichte des Landes einherlief, häufig sogar an deren Stelle 
trat. In Folge dessen haben nicht nur naiv empfindende Erzähler, 
wie Herodot, sondern auch kritischere Forscher in zahlreichen 
Fällen geglaubt, in derartigen Sagen den Niederschlag historischer 
Begebenheiten zu sehn und ihre Angaben als Tatsachen in ihre 
Werke aufgenommen. Als der Oberpriester und Tempelschreiber, 
und damit Kenner der aegyptischen Urkunden, Manetho kurz nach 
271 v. Chr. auf Wunsch des Königs Ptolemaeus Philadelphus seine 
aegyptische Geschichte zusammenstellte, nahm er auf die zu seiner 
Zeit verbreiteten Sagenkreise weitgehende Rücksicht. Er schloß 
sich der üblichen Ansicht über die Bedeutung des Sesostris an, 
obwohl ihn die Einsicht in die monumental beglaubigten Taten 
der Pharaonen eines Besseren belehren mußte 2 ). Er versuchte 
Danaus und Aegyptus mit Seti I und dessen angeblichen Bruder 



1) Wiedemann, Herodots zweites Buch S. 485 f. ; Marx, Griechische Märchen 
von dankbaren Tieren S. 43 ff. 

2) Den Versuch von Sethe, Sesostris, Leipzig 1900, in den Angaben über 
SeBOBtris eine Schilderung der Taten Usertescn' I zu sehen, hat Maspcro, Revue 
critique 1901 S. 481 ff. mit Recht zurückgewiesen. Auch die ältere Gleichstellung 
mit dem historischen Ramses II erscheint ausgeschlossen. Sesostris ist eine 
Sagengestalt, für deren Bildung man von den verschiedensten Pharaonen Einzel- 
züge entlehnte, die man dann in willkürlicher Weise mit einander verband. 



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40 Alfred Wiedemann 

Armais gleichzustellen, was angesichts der Denkmäler ein vergeb- 
liches Unterfangen war 1 ). Er ließ sich die Hyksos als Israeliten 
in Jerusalem festsetzen, obwohl nach den hergebrachten chrono- 
logischen Ansätzen zwischen den beiden Ereignissen etwa 500 Jahre 
verflossen waren. Nicht anders wie Manetho verfuhren so gut 
wie alle späteren Schriftsteller. Bis zu der Entzifferung der 
Hieroglyphen, durch welche die altaegyptische Überlieferung selbst 
der kritischen Durchforschung zugänglich wurde, haben die aegyp- 
tischen Sagen regelmäßig als ein wesentlicher Bestandteil der 
aegyptischen Geschichte gegolten. 

Kurz vor Manetho war ein anderer für die Sageniiberlieferung 
wichtiger Schriftsteller tätig, der unter Alexander dem Großen 
und Ptolemaeus I lebende Hekataeus von Abdera 2 ). Sein Werk ist 
im Urtexte nur bruchstücksweise erhalten, es hat aber Diodor für 
6eine Schilderung Aegyptens als Hauptquelle gedient und liegt 
in Folge der schematischen Arbeitsweise dieses Compilators bei 
ihm teilweise in wörtlichem Auszuge vor. Auch die zahlreichen 
Anspielungen Diodors auf aegyptische bei Herodot nicht erwähnte, 
einen wachsenden griechischen Einschlag zeigende Sagen werden 
daher im allgemeinen diesem jüngeren Hekataeus entlehnt sein. 

Neben Hekataeus und Manetho beschäftigte sich im Verlaufe 
der hellenistischen Zeit eine lange Reihe anderer Schriftsteller 
mit den Geschicken des Niltals. Die damals entstandene sehr aus- 
gedehnte Literatur ist bis auf vereinzelte Bruchstücke verloren 
gegangen, ihr Einfluß auf die Folgezeit ist ein sehr großer ge- 
wesen. Auf ihnen beruhen großenteils die Hinweise auf aegyp- 
tische Geschichte und Sage, Religion und Kultur bei den Kirchen- 
schriftstellern 3 ) und sonstigen späteren Autoren. Es liegt keinerlei 
Anhalt für die Entscheidung der Frage vor, ob jemals im Alter- 
tume der Versuch gemacht worden ist, die zahlreichen, in diesen 
Schriften verzeichneten Sagen zu sammeln. Keinesfalls geschah 
dies in der Weise, daß man neben die politische Geschichte des 
Niltals eine Sagengeschichte gestellt hätte. Wohl aber liegt die 



1) Für den zeitlichen Ansatz der Zerstörung Troja's durch Manetho, der 
Polybua für den König Thueris, den Sa-Ptah der 19. Dynastie, erklärte, vgl. Unger, 
Chronologie des Manetho S. 223 ff. 

2) Vgl. für ihn Wiedemann, Geschichte Aegyptens S. 101 ff. ; Aegyptische 
Geschichte S. 119 f.; Schwartz, Rhein. Mus. 40 S. 223 ff. ; Jacohy bei Pauly- 
Wissowa, Real-Encyclopädie VII Sp. 2750 ff. 

3) Vgl. für diese Zimmermann, Die aegyptische Religion nach den Dar- 
stellungen der Kirchenschriftsteller, Paderborn 1912; Wiedemann, Anthropos 8 
S. 427 ff. 



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Die aegyptische Geschiebte in der Sage des Altertums 41 

Vermutung nahe, daß es eine Art Florilegium gab, welches eine 
Reihe dieser fabelhaften Berichte in übersichtlicher Weise ver- 
zeichnete. Für das Vorhandensein einer derartigen bequem zu- 
gänglichen Sammlung spricht die Tatsache, daß die aegyptischen 
Sagen in der hellenistischen Zeit nicht nur in der Literatur eine 
Rolle spielen. Auch die bildende Kunst, deren Erzeugnisse An- 
spruch darauf erhoben, bei ihren Beschauern allgemeines Ver- 
ständnis zu finden, ist von ihnen befruchtet worden. 

In den Fresken von Pompeji, in römischen Mosaiken 1 ) und 
Terracotta-Reliefs aus den Jahrhunderten um Christi Geburt finden 
sich in erheblicher Zahl Darstellungen, deren Sinn sich nur mit 
Hilfe der im Niltale spielenden Sagen feststellen läßt. Ihre Vor- 
lagen *sind zweifelsohne in Aegypten selbst, vor allem in Alexandrien, 
entstanden und haben von hier aus ihren Weg in das sonstige 
römische Reich gefunden. 

Eine der Sagen, die sich am frühesten zu verbreiten vermochte, 
war die von dem Könige Busiris, der die in Aegypten anlangenden 
Fremdlinge den Göttern zu opfern pflegte. Als er dieses Schicksal 
auch Herakles zu bereiten gedachte, befreite sich dieser von seinen 
Banden und erschlug den aegyptischen Herrscher und seine Ge- 
nossen 2 ). Die Sage war bereits flesiod bekannt, Euripides ver- 
wendete sie dramatisch, und von dieser Zeit an wird ihrer häufig 
gedacht. Bereits im Altertum erkannte man, daß Busiris keiner 
geschichtlichen Persönlichkeit entsprach, sein Auftreten auf Er- 
findung beruhe 3 ). Der Ausgangspunkt der Sage war der Fremdenhaß, 
welcher sich im Laufe der Zeit in wachsendem Maße zwischen den 
Aegyptern und den Ausländern entwickelt hatte, wenn sich dieser 
auch in der Spätzeit kaum in Menschenopfern Luft gemacht haben 
wird. Dann aber bildete die Erzählung eine Art Gegenstück zu 
der bereits bei Homer 4 ) verzeichneten Überlieferung, daß die 
fremden Seefahrer die aegyptische Küste als Räuber und damit 
als strafwürdige Menschen zu betreten pflegten. Die weitgehende 



1) Auch iu dem großen Mosaik von Palestrina (D. Santo Pieralisi, Obsci vazioni 
sul Mosaico di Palestrina, Rom 1856), welches eine aegyptische Landschaft mit 
zahlreichen Einzelgruppen darstellt, sind anscheinend aegyptische Sagenmotive 
verwendet worden, doch bedarf deren Erörterung einer gesonderten Untersuchung. 
Für die Darstellung der Nillandschaft in der antiken Kunst vgl. besonders Lum- 
broso, L'Egitto dei Greci e dei Romani, 2. Aufl., S. 9 ff. 

2) Hiller von Gaertringen bei Pauly-Wissowa, Real-Entyclopädie III Sp. 1074flf. ; 
Stoll bei Röscher, Lei. der Myth. I Sp. 835 ff. ; Wiedcmann, Aegypt. Gescb. S. 726 ff. 

3) Eratosthenes bei Strabo XVII 802; Diodor I 86. 

4) Odyssee 14. 257 ff. 



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42 Alfred Wiedemann 

Verbreitung der Sage erkennt man am besten daraas, daß ihre 
Szenen, besonders die Tötung des Busiris und seiner Diener *), auf 
zahlreichen griechischen Vasen eine, meist stark parodistisch auf- 
gefaßte Darstellung gefanden haben. 

Eine zweite in der Sage beliebte Persönlichkeit bildete der 
geschichtlich beglaubigte, aber wenig bekannte König Bocchoris 2 ). 
Er galt vor allem als gerechter und kluger Richter, dessen Tätig- 
keit Freskenreihen zu Rom und Pompeji darstellen, wobei eine der 
Episoden an das im Alten Testamente (I Könige 3. 16 ff.) ein- 
gehend geschilderte Urteil Salomonis erinnert 3 ). Die Gestalt des 
Mannes hat in der Zeit Hadrians auch eine dichterische Behand- 
lung durch den Alexandriner Pancratis gefunden 4 ), doch ist über 
den Inhalt seines Werkes nichts genaueres bekannt. 

Eine weitere Freske zu Pompeji 5 ) stellt Szenen aus dem Leben 
des angeblichen Begründers der aegyptischen Monarchie Menes dar. 
Ob dieser Menes als eine geschichtliche Persönlichkeit anzusehn 
ist oder ob ihn die aegyptische Sage erfand, um ihn als Ktistes 
an die Spitze ihrer Königsreihe zu stellen, läßt sich nicht mehr 
mit Sicherheit entscheiden. Wenn ihm in der Spätzeit göttliche 
Verehrung gezollt wurde 6 ), so kann das 6eine Geschichtlichkeit 
naturgemäß nicht verbürgen. Jedenfalls tragen alle Einzelheiten, 
die von ihm berichtet werden, einen durchweg sagenhaften Cha- 
rakter und entsprechen den Taten, welche von der späteren Über- 
lieferung so gut wie überall den ersten Reichsgründern zuge- 
schrieben werden. 

Die erwähnte pompejanische Freske läßt sich verschiedene 
Vorgänge im Kreise der in der hellenistischen Kunst gern als humo- 
ristische Gestalten verwendeten Pygmaeen 7 ) abspielen. Zunächst 



1) Reinach, Repertoire des Vases peintea I S. 169, 316, 397. 

2) Moret, De Bocchoride rege, Paris 1903; Maspero, Histoire ancienne de 
: Orient classique III S. 233, 244 «f. 

3) Loewy, Rendiconti Acad. dei Lincei 5 Ser. VI S. 27 ff., Taf. 1—2; für das 
sog. salomonische Urteil vgl. Lumbroso, Atti Acad. dei Lincei, Scienze Morali, 
3 Ser. XI S. 303 ff. ; Archivio per lo Studio delle Tradizioni popolari II S. 569 ff. ; 
L'Egitto dei Greci e dei Romani, 2. Aufl. S. 16; Samter, Jahrb. Archäol. Inst. 
XIII S. 48 ff. 

4) Athenaeus XI 55. 478. 

5) Niccolini, Le case ed i monumenti di Pompei, IV. Supplemento Taf. 2; 
Wiedemann, Proc. Soc. Bibl. Arcb. 34 Taf. 34. 

6) Stele Serapeum im Louvre nr. 328; publ. Chassinat, Rec. de Trav. rel. 
ä l'Egypt. 21 S. 69. 

7) Vgl. für die vielfach nach Aegypten verlegten Pygmaeen-Szenen Jahn, 
Archaeol. Beiträge S. 418 ff; Waser in Röscher, Lex. der Myth. III Sp. 3283 ff. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 43 

erblickt maji einen Pygmaeen, welcher auf einem Krokodil durch 
einen See reitet und soeben samt seinem Reittier an das Land ge- 
zogen werden soll. Es ist die Flucht des Menes auf einem Kro- 
kodile über den Mörissee, welche hier dem Künstler vorschwebte. 
Zum Danke für diese Rettung soll der König die Stadt Krokodilo- 
poiis gegründet, die Verehrung der Krokodille im Lande einge- 
führt und ihnen den See überlassen haben 1 ). Im Anschlüsse an 
diese Angaben erscheinen in der Freske an der Stelle, an welcher 
das Krokodil das Land erreicht, mehrere Baulichkeiten, auf deren 
entgegengesetzter Seite ein Pygmaee einem Krokodil einen Kuchen 
hinhält. Sein Tun erinnert an die Art der Fütterung des heiligen 
Tieres in einem See bei Arsinoe-Krokodilopolis, wie sie der um 
25 v. Chr. Aegypten besuchende Strabo (XVII 811) als zu seiner 
Zeit üblich schildert. In entsprechender Weise stellt auch ein 
römisches Mosaik 2 ) eine Frau dar, wie sie einem Krokodil, dem 
sie die eine Hand auf das Haupt gelegt hat, Nahrung reicht. 
Hinter einem Baume steht weiter nach rückwärts ein Knabe mit 
gesenktem Haupte, dem eine zweite Frau zuzureden scheint. Diese 
Gruppe entspricht anscheinend einer anderweitig 3 ) überlieferten 
Erzählung, der zufolge ein Weib in Aegypten ein Krokodil aufzog 
und mit diesem gepriesen wurde. Als später das Tier ihr Kind 
auffraß, habe sie sich darüber gefreut, daß ein Gott dasselbe ver- 
zehrte. 

In der erwähnten pompejanischen Freske erscheint weiterhin 
ein Nilpferd, welches eben im Begriffe steht, einen Pygmaeen zu 
verschlingen, während ein anderer Pygmaee es mit einer Lanze 
zu stechen sucht und ein dritter voll Entsetzen die Hände in die 
flöhe hebt. Es ist das Ende des Menes, den nach Manetho ein 
Nilpferd verschlang, dem die Gruppe gewidmet ist. Endlich sieht 
man auf der Freske ein großes Schiff. Ein solches Fahrzeug wird 
in den bisher bekannten Angaben über Menes nicht erwähnt. Da 
es aber üblich ist, dem sagenhaften Reichsgründer die wichtigsten 
Erfindungen zuzuschreiben, so liegt es nahe, die Grundlage dieser 
Darstellung in einem Berichte zu suchen, der in Menes den Ent- 
decker des für die aegyptische Kulturentwickelung unbedingt er- 
forderlichen Schiffsbaus sah. 

Nach anderweitiger literarischer Tradition 4 ) hätte Menes die 



1) Diodor I 80. 

2) Rom. Conservatoren-Palast, Phot. Alinari nr. 27191; publ. Wiedemann, 
a. a. 0. Taf. 35. 

3) Maximus Tyr., Diss. VIII 5. 

4) Diodor I 45; Plutarch, de leid. 8. 



Original from 



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44 Alfred AViedemann 

Kunst erfanden, eine Mahlzeit zuzurichten und seine Untertanen 
gelehrt, liegend zu essen. Es ist dies eine Behauptung, welche 
auf Grund griechisch-römischer Sitten aufgestellt worden sein maß, 
da die Aegypter nicht liegend, sondern auf einem Stuhle sitzend 
oder, in Ermanglung eines solchen, auf der Erde kauernd ihre 
Nahrung zu sich zu nehmen pflegten. Auf die erwähnte sagen- 
hafte Überlieferung gehen eine Reihe der aus der Zeit etwa des 
Kaisers Augustus stammenden sog. Campana-Reliefs 1 ) zurück. Die 
betreffenden Stücke stellen eine Nillandschaft dar, welche durch 
Nilpferd, Krokodil, Rundhütten *), auf deren First Ibise stehn, 
u. 8. f. charakterisiert wird. Vor einer der Hütten liegt eine Frau 
in bequemer Haltung auf einem Ruhebett und erwartet offenbar 
das Mahl, welches sie in der von Menes empfohlenen Haltung ein- 
zunehmen gedenkt. 

Einige Reliefs aus der gleichen Denkmälerklasse 8 ) zeigen ein 
andersartiges Ereignis. Ein Krokodil ist im Begriff, einen jämmer- 
lich schreienden, die Arme verzweifelt ausstreckenden Pygmaeen 
zu verschlingen, während zwei andere Pygmaeen sich in einem 
Boote zu retten suchen. Auch hier liegt die Illustration zu einer 
Episode aus der aegyptischen Sagengeschichte vor. Wie Manetho 
berichtet, war Achthoes, der Gründer der 9. aegyptischen Dynastie, 
der gewalttätigste aller bisherigen Herrscher. Zuletzt wurde er 
von 'Wahnsinn geschlagen und von einem Krokodil umgebracht 4 ). 

In der hellenistischen Zeit haben sich die griechischen und grie- 
chisch gebildete Kreise in Aegypten nicht darauf beschränkt, ältere 
Sagen in Literatur und Kunst zu verwerten. Es bildeten sich damals 
eine längere Reihe neuer sehr verschiedenartiger Sagen aus. Der 
Beginn eines vermutlich ausgedehnten hierher gehörenden Werkes 
ist in einem griechischen Papyrus des 2. Jahrhunderts v. Chr. er- 



1) Kekule von Stradonitz, Die antiken Terracotten IV, Rohden und Winne- 
feld, Architektonische romische Toureliefs der Kaiserzeit S. 155 ff,, Taf. 27, 140 ; 
Bottari und Foggini, Museo Capitolino III Taf. 90, S. 430; u. a. m. 

2) Vgl. für diese aus Rohr errichteten Hütten Drexel in Germania 2 S. 116 f. 

3) Rohden, a. a.D. fig. 29J. 

4) Vielleicht bezieht sich auf den gleichen Vorgang die Freske bei Jahn, 
Die Wandgemälde des Columharium in der Villa Pamtili (Abh. Akad. München, 
Philos.-philol. Kl. 8) Taf. 7 nr. 20, in der ein Krokodil drei Pygmaeen überrascht; 
die bärtige Gestalt, die zu fliehen sucht, würde Achthoes sein. In der Nähe dieser 
Freske steht eine Darstellung des sog. Salomonischen Urteils (a. a. 0. Taf. 3 nr. 9), 
welches, wie die Staffage zeigt, nach Aegypten verlegt ist, demnach mit Bocchoris 
in Verbindung steht. 



Original ftom 

u 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 45 

halten geblieben J ). Der Text schildert zunächst einen Traum, den 
der ägyptische König Nectanebus in seinem 16. Regierungsjahre 
hatte. Er glaubte zu hören, wie sich der Gott Onuris über die 
Nichtvollendung seines Tempels in Sebennytos beschwerte. Um 
den Gott zu beruhigen, gab der erwachte Herrscher nach kurzen 
Verhandlungen dem Schriftgelehrten Petesis den Befehl, die Ar- 
beiten in dem Bau zum Abschlüsse zu bringen. Allein, dieser 
Mann tat seine Pflicht nicht. Er wollte, ehe er an das Werk 
ging, erst seinem Vergnügen nachgehen und lustwandelte im süd- 
lichen Teile des Tempels, wo er ein schönes Mädchen antraf. Mit 
dieser Angabe bricht das erhaltene Stück der Erzählung ab. Da 
das 16. Regierungsjahr des Nectanebus sein letztes war und er 
dann vor den Persern fliehen maßte, so enthielt das Folgende ver- 
mutlich eine sagenhafte Schilderung des Unterganges der aegyp- 
tischen Freiheit. Petesis wird, von Liebe betört, die Tempel- 
ausschmückung vernachlässigt haben und Onuris, der als kriegeri- 
scher Gott galt, verließ infolge dessen den Pharao, der nunmehr 
seinen Feinden unterliegen mußte. 

Eine andersartige Sagengestaltung steht in Aegypten mit den 
im Lande von Alters her sehr beliebten sog. Moralischen Papyris 
in Verbindung. Es sind dies Sammlungen, in welchen Weisheits- 
sprüche, Vorschriften für das Benehmen im Verkehr mit Göttern 
und Menschen, Regeln für den guten Ton in allen Lebenslagen, in 
bunter Folge mit einander wechseln. Die Aufstellung der Sprüche 
wird vielfach Göttern oder historisch verbürgten weisen Männern 
der Vorzeit zugeschrieben. Unter den letzteren erscheint beispiels- 
weise IJor-dudu-f, eine auch sonst wohlbekannte Persönlichkeit. 
Er gilt als Sohn des Cheops oder des Mykerinus und soll uralte 
religiöse Texte entdeckt haben 2 ). Im Papyrus Westcar spielt er 
als Bekannter und Einführer eines zauberkundigen Propheten eine 
Rolle. Seine Sprüche bezeichnete man in der Folgezeit *) als 
dunkel, wie überhaupt die Knappheit der Ausdrucksweise diese 
Sprichwörter schwer verständlich macht. In der Ptolemaeerzeit 
galt als der Verfasser einer derartigen Sammlung der bereits in 



1) Papyrus Leiden U bei Leemans, Papyri Graeci Musei Lugdun i-B ata vi 
I S. 122 ff.; übersetzt Maspcro, Contes S. 306 ff. ; vgl. besonders Wilcken in Mi- 
langes Nicole S. 579 ff. — Der in Bruchstücken eines Papyrus aus der Mitte des 
I. Jahrhunderts n. Chr. erhaltene Ninus-Roman (Wilcken, Hermes 28 S. 161 ff.) 
behandelt den sagenhaften Gründer Ninive's nnd gedenkt nur nebenbei eines 
Feldzuges gegen Aegypten. 

2) Totenbuch cap. 64 Z. 30 ff.; vgl. Birch, Aegypt. Zeitschr. ö S. 54 ff. 

3) Papyrus Anastasi I Taf. 10 Z. S. 



. l , Original ftom 

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46 Alfred Wiedemann 

altaegyptischen Texten wegen seiner Weisheit hoch gepriesene 
Amenophis, der Sohn des Paapis *), ein Zeitgenosse des Königs 
Amenophis , III. Eine griechische Tonscherbe aas dem 3. Jahrhun- 
dert v. Chr. verzeichnet eine Reihe von Weisheitssprüchen dieses 
Amenotes, wie sie ihn nennt, von denen sich einige als Parallelen 
zu den sog. Sprüchen der sieben griechischen Weisen erwiesen 
haben 2 ). Da der gleiche Amenophis auch in einer der Sagen über 
den Auszug der Juden aus Aegypten als Prophet auftritt 3 ), so 
hat sich allem Anscheine nach an ihn und seine Weisheit ein 
ausgedehnter Legendenkreis angeschlossen. 

Den größten Umfang unter allen im hellenistischen Aegypten 
an einen Herrscher des Landes angeknüpften Sagen gewann die 
im Altertume wie im Mittelalter im Morgen- und Abendlande in 
den verschiedensten Ausgestaltungen verbreitete Alexandersage. 
In Aegypten selbst blieb diese" bis in späte Zeit hinein verbreitet. 
Es liegen noch eine Reihe koptischer, auf ein griechisches Vor- 
bild zurückgehender Bruchstücke einer von dem üblichen Texte 
stark abweichenden Bearbeitung einzelner Episoden der Sage vor 4 ). 
Der Ursprung der einzelnen Bestandteile der ausgearbeiteten Ge- 
samtsage ist im Allgemeinen schwer festzustellen. Sicher gehn 
jedoch diejenigen Abschnitte auf aegyptische Quellen zurück, welche 
sich mit der Erzeugung des großen Makedonen beschäftigen und 
diese dem unter der Maske des Jupiter Amon auftretenden letzten 
einheimischen Könige Aegyptens Nectanebus II. zuschreiben. Sie 
verfahren dabei in ausgesprochen ironisierender Weise und wollen 
die von Alexander selbst begünstigte Behauptung, er sei nicht 
der Sohn des Menschen Philipp, sondern sei berechtigt, einen Gott 
Vater zu nennen, verspotten und verdrehen Ä ). Ihnen zu Folge 
wäre der Herrscher in Wahrheit der Abkömmling eines Betrügers 
und ein Bastard gewesen. Dabei erscheint diese Parodie in ihrer 
breiten Ausgestaltung nicht als eine selbständige Erfindung. Sie 

1) Vgl. für ihn Sethe in Aegyptiaca S. 107 ff. ; Wiedemann, Urquell, Neue 
Folge 1 S. 289 ff. 

2) Wilckcn in Aegyptiaca S. 142 ff. 

3) Manetho bei Josephus, c. Apion. I 2C. 

4) von Lemm, Der Alexanderroman der Kopten, St. Petersburg 1903; Mas- 
pero, Coutes S. 311 ff. — Die syrische und aethiopische Fassung (Budge, The 
Life and Exploits of Alexander the Great, Cambridge 1889; vgl. Weymann, Die 
aethiopische und arabische Übersetzung des Fseudocallisthcnes, Kirchheim N.-L. 
1901, Diss. Heidelberg) gehen durch arabische Vermittelung auf Pseudo-Callisthene« 
zurück. 

5) Für die Sage und das Fortleben ihrer Motive in den Literaturen der 
Folgezeit vgl. Weinreich, Der Trug des Nektanebos, Leipzig 1911. 



i . Original from 



. UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 47 

erweckt vielmehr den Eindrnck als habe man gesucht, in ihr ur- 
sprünglich andersartige Berichte zu verwerten und umzugestalten. 

In der Tat liegen noch Andeutungen vor, welche auf ältere 
hierfür in Betracht kommende Erzählungen hinweisen. Die eine 
derselben wurde von Plntarch ! ) einer unbekannten Quelle entlehnt 
und hat es vermocht, sich neben der Fassung des Alexanderromans 
zu erhalten und bis zu Giulio Romano hinab die bildende Kunst 
zu befruchten 2 ). Sie läßt tatsächlich den Gott, der bei dieser 
Gelegenheit Drachengestalt annahm, den Vater Alexanders werden. 
Philipp selbst habe die Umarmung beobachtet und zur Strafe für 
seine Neugier ein Auge eingebüst. Eine zweite Fassung sprach 
anscheinend Von einer Erzeugung Alexanders durch Nectanebus I 
und vermied auf diese Weise die Unmöglichkeit, daß ein um 343 
aus dem Niltale entfliehender Herscher auf seiner Flucht den 356 
geborenen Alexander erzeugte. Ein aegyptisches Denkmal aus 
der beginnenden Ptolemäerzeit faßt den makedonischen Helden 
als den zu neuem Herscherdasein erwachten Nectanebus I auf und 
gibt damit eine Parallele zu dem bei Pseudo-Callisthenes verzeich- 
neten Orakel, der flüchtige König Nectanebus werde wieder nach 
Aegypten kommen, nicht gealtert, sondern verjüngt 3 ). 

Der Grandgedanke, dem Könige einen Gott zum Vater zu 
geben, ist, ebenso wie zahlreiche andere Züge der sagenhaften 
Frühgeschichte Alexanders echt aegyptisch. Im Niltale galt seit 
dem Alten Reiche dauernd der Pharao als der leibliche Sohn des 
Sonnengottes, welcher, nach der ausführlichsten Schilderung des 
Zeugungsvorganges, für dieses Erscheinen auf der Erde die Gestalt 
des scheinbaren weltlichen Vaters des künftigen Herschers an- 
nahm 4 ), sich dabei aber durch seinen guten Geruch der Mutter 
als Gott offenbarte 5 ). Seit der 5. Dynastie nennen sich im An- 



1) Alexander cap. 2 f.; vgl. Lucian, Dia!, mort. 13.1; Justin XI, 11.3; 
XII, 16. 2. 

2) Wiedemann, Wochenschrift für klass. Philol. 34 Sp. 732 ff. 

3) Wiedemann, a. a. 0., Sp. 591 f. 

4) Der gleiche Gedanke findet sich in der griechischen Sage von der Er- 
zeugung des Herakles, für welche Zeus die Gestalt des Amphitryon annahm (vgl. 
Stoll bei Röscher, Lex. d Myth. 1 Sp. 24G ff., 321 ff. und für die literarischen 
Verwendungen der Episode v. Rcinhardstaettner, Plautus. Spätere Bearbeitungen 
plautinischer Lustspiele, S. 115 ff.). Die klassische Auffassung des Geschlechts- 
verkehrs zwischen Gott und Mensch erörterte Fehrle, Die kultische Keuschheit 
im Altertum (Religionsgeschichtliche Versuche G) S. 3 ff. 

5) Naville, Deir el bahari II Taf. 4Gff., S. 12 ff.; Maspero, fitudes de Myth. 
VI S. 263 ff. — Für den Geruch vgl. Lohmeyer, Vom göttlichen Wohlgeruche i» 
Sitzungsber. Akad. Heidelberg 1919, Nr. 9. 



1 Original from 



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48 Alfred Wiedemann 

Schlüsse an diese Vorstellungsreihe die Pharaonen regelmäßig Sohn 
der Sonne, ond diesem Beispiele sind die Ptolemäer ebenso wie die 
römischen Kaiser gefolgt. Der griechisch schreibende Asklepiades 
von Mendes 1 ) (in Aegypten) übertrug die gleiche Anschauung auf 
Angustus, wenn er berichtete, dessen Mutter Atia sei von Apollo 
in Schlangengestalt geschwängert worden. 

Auffallend muß es auf den ersten Blick erscheinen, daß der 
in den älteren aegyptischen Schilderungen der Theogamie als 
Mensch auftretende Gott in der hellenistischen Alexandersage 
die Gestalt eines schlangenartigen Wesens annimmt. Es wird dies 
mit der wachsenden religiösen Bedeutung zusammenhängen, welche 
diesem Geschöpfe im Verlaufe der aegyptischen Geschichte zu teil 
wurde. Außerdem hat bei dem Ersätze, abgesehen von der auch 
bei den Griechen gelegentlich erscheinenden Verbindung der 
Schlange mit phallischen Erscheinungen, allem Anscheine nach 
auch die im Niltale in hellenistischer Zeit allgemein verbreitete 
Ansicht 2 ) mitgewirkt, der Agathodaimon und seine lokalen Neben- 
formen besäßen Schlangengestalt. Im Allgemeinen gilt freilich 
die Schlange in älterer Zeit im Niltale als eine von Göttinnen 
bevorzugte Verkörperungsform. Daneben treten jedoch auch männ- 
liche Schlangen als Gottheiten auf, unter denen eine der wich- 
tigsten die Schlange Neheb-ka oder Neheb-ka-n war, welche mit 
dem alten Sonnengotte Sokaris in Verbindung stand. Sie wird 
gewöhnlich mit menschlichen Armen und Beinen und mit erigiertem 
Phallus, also als Zeugungsgottheit, dargestellt 3 ). Die Vermutung 
liegt nahe, daß sie es war, welche in der Alexandersage und dann 
bei Angustus an die Stelle des menschengestaltigen Gottes getreten 



1) Bei Sueton, üetav. 94; vgl. Dio Cass. XLV 1 und hierzu Kampers, Ale- 
xander der Große S. 43. Wenn Ähnliches von Scipio Africanus (Gcllius VII 8; 
Livius XXVI 18; Dio Cass. frg. 56; Aurelius Victor 49) und anderen Helden 
(Pausanias IV 14. 7) erzählt wird, so ist dies eine Übertragung des göttlichen 
Ursprungs vom Könige auf sonstige hervorragende Sterbliche, welche in Aegypten 
in der Vergöttlichung von Menschen neben der von Pharaonen (vgl. u. a. AViede- 
mann, Orient. Lit.-Zeit. 3 Sp. 361 ff.) ihre Parallele findet. 

2) Sie tritt auch im Alexanderroman des Pseudo-Callisthenes I 32 Müller, auf. 

3) Andere Darstellungen zeigen Neheb-ka, der dabei als Mischwesen und 
drachenartig erscheint, anders zusammengesetzt, doch bleibt der Schlangenleib 
stets die Grundlage, vgl. das Äm-duat bei Leftfbure, Le Tombeau de SCti I« I 
Taf. 24 und dazu Maspero, £tudes de Myth. II S. 76 f. und Budge, The Egyptian 
Heaven and Hell I S. 74, 79; Vignette zum Todtenbuch cap. 149; Lanzone, Diz. 
di Mitol. S. 431 ff. Gelegentlich (Pleyte, Chapitres supplcmentaires du Livre des 
Morts chap. 162—3 S. 63; Leemans, Actes du Congrcs des Orient. Leiden IV 
S. 123) erhält das Geschöpf den Sperberkopf des Sonnengottes. 



t . Original ftom 



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Die aegyptische Geschichte in der Soge des Altertums 49 

ist. Ein derartiger Ersatz mußte dem Znsammensteller der Sage 
um so erwünschter erscheinen , als die Zeugung durch ein tier- 
gestaltiges Wesen den übernatürlichen Ursprung des Helden ohne 
weiteres als unumstößliche Tatsache erwies ! ). 

Mit dem Einsetzen der hellenistischen Zeit gewann eine Reihe 
bis dahin im Niltale nicht weiter berücksichtigter Überlieferungen 
für die Sagenbildung große Bedeutung. Es waren dies die Er- 
zählungen des Alten Testamentes, welche bei der wachsenden 
Zahl der Juden im Lande weiteren Kreisen bekannt wurden. 
Größere israelitische Ansiedlungen waren bereits früher vorhanden 
gewesen, wie der zufällig bekannt gewordene Bestand eines jüdi- 
schen Tempels auf Elephantine vor 525 v. Chr. gezeigt hat 2 ). 
Jetzt wurden, vor allem durch die Übersetzung des Pentateuch, 
dann auch der übrigen Bücher des Alten Testaments, die heiligen 
Schriften der Juden den Griechen und griechisch gebildeten Aegyp- 
tern leicht zugänglich gemacht. Daß ihre Angaben es vermochten, 
sogar die national-aegyptische Legende zu beeinflussen, zeigt die 
Veranschlagung der Dauer einer großen Hungersnot in der aus 
der späteren Ptolemäerzeit stammenden Inschrift von Sehel 3 ) auf 
7 Jahre, eine Zahl, welche der Joseph-Erzählung entlehnt worden ist. 

Die Verwertung des israelitischen Materials erfolgt in den 
Sagen der hellenistischen Zeit in doppeltem Sinne je nachdem der 
Erzähler judenfreundlich gesinnt war, oder, wie sich dies in der 
Mehrzahl der Fälle verfolgen läßt, judenfeindliche Empfindungen 4 ) 
hegte. Den ersteren Gesichtspunkt vertreten vor allem diejenigen 
Berichte, welche sich auf die Angaben der alexandrinischen und 
palästinensischen Juden stützen, also die mit dem Talmud, der rab- 
binischen und später der muhammedanischen Tradition zusammen- 



1) Für die griechische Auffassung der Schlange vgl. Küster, Die Schlange 
in der griechischen Kunst und Religion (Religionsgeschichtliche Versuche 13 
Heft 2) Gießen 1913; Marx, Griechische Märchen von dankbaren Tieren S. 95 ff. 

2) Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Christi 111 4. Aufl., 
S. 24 flf. ; übersichtliche populäre Darstellung Heyes, Eine jüdische Kolonie auf der 
Nilinsel Elephantine in Der Aar II 1 S. 673 ff. 

3) de Morgan, Catalogue des Monuments de l'Egypte ancienne I 1 S. 79 ff. ; 
Brugsch, Die biblischen sieben Jahre der Hungersnot, Leipzig 1891. Geschicht- 
lich hat diese sagenhafte, unter einen der ersten Könige Aegyptens verlegte 
Hungersnot mit der biblischen naturgemäß Nichts zu tun. 

4) Vgl. für eine derartige Beurteilung des jüdischen Volkes Staehclin, Der 
Antisemitismus des Altertums in seiner Entstehung und Entwicklung, Basel 1905; 
Wilcken, Zum alexandrinischen Antisemitismus (Abb. Ges. Wiss. Leipzig, 27 
nr. 23). Leipzig 1909. 

4 



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60 Alfred Wiedemann 

hängenden Erzählungen *). Bei ihrer Ausarbeitung wurden ver- 
hältnismäßig wenige außerbiblische Elemente herangezogen, sie 
suchten vielmehr ihre Ergebnisse möglichst ausschließlich durch 
Ausdeutung der biblischen Texte zu gewinnen. Nur wenige, 
griechisch gebildete Juden, wie Josephus, waren bestrebt ihren 
Rahmen weiter zu spannen und durch Verwertung heidnischer 
Schriftsteller die alttestamentlichen Angaben zu ergänzen und auf 
diesem Wege die Bedeutung des jüdischen Volkes und seiner 
großen Männer in ein helleres Licht zu rücken. 

In den judenfeindlichen Kreisen war die Kenntnis des Alten 
Testaments selbst meist wenig erheblich. Wenn sie auch gelegentlich 
auf dessen Berichte zurückgriffen, so suchten sie doch vor allem 
in ausgesprochen tendenziöser Weise, unter Heranziehung son- 
stiger Literatur und auch freier Erfindungen die Unwürdigkeit 
und die schlechten Eigenschaften der Juden zu erweisen. Vor 
allem diejenigen Taten, in denen die jüdische Überlieferung be- 
sondere Ruhmestitel für ihre Nation sah, wurden als schmählich 
und eines ehrenhaften Volkes unwürdig gekennzeichnet. Während 
die erstere Auffassung der israelitischen Geschichte sich wesent- 
lich in den hebräischen und später arabischen Schriftwerken findet, 
beherrscht die letztere mit wenigen Ausnahmen, wie Josephus, 
Philo nnd dann die aus zweiter Hand schöpfenden Kirchenschrift- 
steller, die griechischen und römischen Schriftwerke. 

Für die in Aegypten spielenden Sagenkreise kamen im wesent- 
lichen drei alttestamentliche Persönlichkeiten in Betracht: Abra- 
ham, Joseph und Moses. Verhältnismäßig am wenigsten wußte 
man von Abraham zu berichten, dessen Aufenhalt im Niltale nur 
kurz gewesen war 2 ). Das Zusammentreffen Sarahs mit dem Pharao 
wurde in ausgeschmückter Weise erzählt und vor allem die mate- 
rielle Veranlassung zu dem Zuge des Patriarchen nach Aegypten, 
die Hungersnot, in den Hintergrund gedrängt. Er habe die dor- 
tigen Ansichten über die Götter erkunden wollen, und die Aegypter 
in der Arithmetik, Astronomie und Astrologie unterrichtet 3 ). 



1) Vgl. für diese Ginzberg, The Legende of tlie Jews, Philadelphia 1909—13; 
Baring-Gould, Legends of the Old Testament Character from Talmud etc., London 
1872; Grünbaum, Neue Beiträge zur semitischen Sagenkunde, Leiden 1893; 
Wünsche, Aus Israels Lehrhallen, Leipzig 1907 — 10; Weil, Biblische Legenden 
der Muselmänner, Frankfurt a. M. 1845. 

2) Die Sagen über Abraham stellte B. Beer, Leben Abrahams nach Auf- 
fassung der jüdischen Sage, Leipzig 1859 in Gestalt einer fortlaufenden Erzäh- 
lung zusammen. Vgl. Wünsche, a. a. 0. f I S. 14 ff. 

3) Josephus, Ant. Jud. I 8; Artapanus bei Euseb, Praep. evang. IX 18. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 51 

Beliebter war Joseph. Bei ihm hat sein Verhältnis zu Poti- 
phars Weib nnd seine Ehe mit Asnath, der Tochter des Priesters 
Potiphera zu On-Heliopolis, von Alters her großes Interesse er- 
regt. Die Eheschließung, die Bekehrung der Frau zum Juden- 
tume, der Kampf Josephs mit dem Sohne Pharaos um ihren Besitz, 
der Sieg Josephs und seine Thronbesteigung in Aegypten wurden 
bereits frühzeitig in einer gesonderten Schrift behandelt 1 ). Zahl- 
reiche orientalische Legenden bauten bis in das späte Mittelalter 
hinein den Stoff in der verschiedensten Weise aus, wobei die ara- 
bischen und die von diesen beeinflußten Bearbeitungen meist As- 
nath und Potiphars Weib als ein and dieselbe, Zuleicha genannte, 
Persönlichkeit schildern 1 '). Die christliche Dichtung 8 ) und Kunst 
haben immer wieder auf den Stoff zurückgegriffen und ihn in 
ihren Werken zu verwerten gesucht. 

Ein zweiter Zug, der die Kunst bis in das 17. Jahrhundert 
hinein vielfach beschäftigte 4 ), war die in dem Alten Testament 
erzählte Mitführung der Leiche Josephs durch die Aegypten ver- 
lassenden Israeliten. Endlich wurden in Verbindung mit den 
finanztechnischen Maßnahmen des jüdischen Staatsmanns auch die 
Pyramiden in sagenhafter Weise herangezogen. Einer Reihe ara- 
bischer Schriftsteller b ) galt Joseph als ihr Erbauer, christliche 
Reisebeschreibungen in den Orient, an ihrer Spitze das um B70 
entstandene Itinerar des Antoninas von Piacenza 6 ) bezeichnen sie, 
in Übereinstimmung mit einer Reihe von Historikern, wie Gregor 
von Tours 7 ), als seine Kornspeicher. Es ist dies eine Auffassung, 
welche noch in den auf die Miniaturen der Cotton-Bibel zuriick- 



1) Schürer, a. a. 0-, S. 31)9 ff. 

2) Weil, a.a.O., S. 106 ff. Für Firdussi's (939—1020) Yüsuf und Zalikhä 
(hcrauBgeg. von H. Etht*, fasc. 1, Oxford 1908, Anecdota Oxoniensia, Aryan. Ser. 
I 6 fasc. 1, deutsch von Schlecht* -Wssehrd, Wien 1889) vgl. Zeitschr. der 
Deutsch. Morgl. Ges. 41 S. 577 ff. Weit jünger ist Dschami (1414—92), Joseph 
und Sulelcha, deutsch von Rosenzweig, Wien 1824. 

3) Alexander von Weilen, Der biblische Joseph im Drama des XVI. Jahr- 
hunderts, Wien 1887. 

4) z. B. Franz Francken d. J. (1531—1642), Der Sarg Josephs (Gallerie 
Braunschweig nr. 103), Die Israeliten am roten Meer (Karlsruhe nr. 172), Der 
Untergang der Aegypter (Braunschweig nr. 102). — Für die jüdischen Sagen über 
die Auffindung des im Nil versenkten Sarges Josephs durch Moses vgl. Grün- 
baum, a. a. 0., S. 149 ff. 

5) z. B. Ma^oudi, Lcs Prairies d'Or ed. Barbier de Meynard II S. 365. 

6) cap. 43: Bei Memphis befinden sich: horrea XII Joseph plena. 

7) Ilistoria Francorum 1 10. 

4* 



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52 Alfred Wiedemann 

gehenden Mosaiken von San Marco zu Venedig ihre bildliche Dar- 
stellung gefunden hat 1 ). 

Am umfangreichsten waren die Sagen, welche sich an die 
Persönlichkeit und an die Taten des Moses anschlössen *). Wenn 
Salomo bis in späte Zeit hinein als der Inbegriff aller Weisheit 
galt, so erschien Moses nicht nur als der Gesetzgeber seines Vol- 
kes, sondern auch als sein Hauptheld in den verschiedensten Be- 
ziehungen. In Aegypten spielte sich vor allem seine Geburt und 
Kindheit und dann die Befreiung seines Volkes aus der Knecht- 
schaft ab. Erstere haben die talmudischen und rabbinischen 
Schriften in der eingehendsten Weise geschildert und dabei ihre 
Ergebnisse in sonderbar pedantischer und doch wieder hemmungslos 
phantastischer Arbeitsart aus Abgaben der biblischen Texte zu 
gewinnen gesucht 3 ). Die Kenntnis ihrer Aufstellungen hat im 
allgemeinen, soweit sich dies verfolgen läßt, die rein jüdischen 
Kreise nicht zu überschreiten vermocht. Nur eine Episode bildet 
eine sehr beachtenswerte Ausnahme. Es ist dies der nach den 
älteren Quellen im Interesse Aegyptens unternommene Zug Mosis 
gegen Aethiopien. Seinen Abschluß fand dieser mit der Ehe des 
Moses und der Tharbis, der Tochter des Aethiopenkönigs, und 
mit der Übergabe von dessen Hauptstadt Saba, die später Kam- 
byses Meroe nannte. 

Zu der Annahme einer solchen Unternehmung gab zunächst 
jedenfalls die Bemerkung des Pentateuch 4 ), Moses habe eine Ku- 
schitin zur Frau gehabt, Veranlassung. Dann aber entsann man 
sich wohl auch, daß unter den Königen Ramses IL und Merneptah, 
die man als die Pharaonen der Bedrückung und des Auszuges an- 
zusehen pflegte, ein Mann Namens Mes-su als Königlicher Schreiber 



1) Wiedemann, Proc. Soc. Bibl. Arch. 34 S. 304 ff., Taf. 37—8. — Interessant 
ist, daß hier, ähnlich wie in zahlreichen anderen mittelalterlichen Darstellungen, 
die Pyramiden weit steiler erscheinen als sie dies in Wirklichkeit sind. Offenbar 
haben die Künstler dabei die ihnen geläufigere Gestaltung der Cestius-Pyramide 
in Rom auf Aegypten übertragen. Genau das Umgekehrte zeigt siel» gelegentlich 
bei modernen Künstlern (vgl. z. B. II. Allmers, Römische Schlendertage, 10. Aufl., 
Tafel „Ccstiuspyramide"), welche, durch das bei ihnen festgewurzelte Gedanken- 
bild der ägyptischen Pyramiden veranlaßt, der Cestius-Pyramide eine schrägere 
Böschung geben als dieselbe tatsächlich zeigt. 

2) De-Benedetti, Vita e Morte di Mose, Leggende Ebraiche, Pisa 1879; 
B. Beer, Leben Mosis nach Auffassung der jüdischen Sage, Leipzig 1863 (nur ein 
Bruchstück, aus dem Nachlaß); Wünsche, a. a. 0., I S. 61 ff. 

3) Wiedemann, On the Legends concerning the Youth of Moses in Proc. 
Soc. Bibl. Arch. 11 S. 29 ff., 267 fl'. 

4) IV Mos. 12 1. 



. l , Original ftom 

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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertums 53 

und Königsohn von Kusch, d. h. Statthalter von Aethiopien, eine 
nicht unbedeutende Rolle gespielt habe l ). Sein Name, der auch 
sonst während des aegyptischen Neuen Reiches nicht selten ist *), 
erinnert, wie bereits Lepsius 3 ) sah, an das biblische Moses, wenn 
auch die israelitische Überlieferung 4 ) für diesen Namen eine andere, 
freilich sprachlich unmögliche Volksetymologie vorschlägt, die ihn 
mit dem hebräischen Worte mo, aegyptisch ma, „Wasser" in 
Verbindung setzen will. Tatsächlich hatte der aegyptische Mes-su 
mit dem biblischen Moses Nichts zu tun, auch werden von ihm 
nicht die Großtaten berichtet, welche die Legende dem Moses 
zuschreiben möchte. Für die Ausbildung der Sage konnte aber 
das gleichzeitige Auftreten eines ähnlich genannten hervorragenden 
Mannes in Aethiopien mithelfen, nunmehr an den jüdischen Helden 
einen längeren Bericht über seine Leistungen am oberen Nile zu 
knüpfen. 

Die Gestaltung der bei Josephus 5 ) in griechischer Fassung 
erhaltenen Erzählung über den Aethiopenzug Mosis legt in ihrer 
Ausführlichkeit die Vermutung nahe, daß hier eine ältere, ur- 
sprünglich von einer anderen Persönlichkeit handelnde Sage in 
einer mehr oder weniger starken Umformung auf Moses übertragen 
worden ist. Man wird dabei am meisten geneigt sein, an eine 
romanhaft ausgeschmückte Schilderung des Zuges des Kambyses 
gegen Aethiopien zu denken, um so mehr als dieser Königsname 
in sehr wenig begründeter Weise in dem Berichte erwähnt wird. 
Die Kambyses feindliche Sagenform über dieses Unternehmen, wie 
sie Herodot und andere von ihm abhängige Schriftsteller ver- 
zeichnen 6 ), ist freilich bestrebt, dasselbe, ebenso wie die sonstigen 
weitergehenden Eroberungszüge des Perserkönigs, als gescheitert 
hinzustellen. Eine Reihe von dieser Auffassung nicht beeinflußter 
Angaben aus dem Altertume beweist demgegenüber, daß tatsäch- 
lich der König seine wesentlichen Ziele erreichte und die Haupt- 

1) Vgl. für ihn Petri, History of Egypt III S. 95, 106; Wiedemann, Orient. 
Lit.-Zeit. 3 Sp. 173 f. Einen Königlichen Schreiber des Schatzhauses von Kusch 
nennt eine Sandsteinplatte aus Anibe in Nubien im Museum zu Leipzig. 

2) Meist entstammt derselbe einer Verkürzung von Namen wie Rä-mes-su, 
Ptah-mes-su, u. s. f. „Der Gott N. zeugte ihn". In anderen Fällen wird er einem 
mes „Kind" entsprechen. 

3) Chronologie der Aegypter, S. 32G ; vgl. Freudenthal, Hellenistische Stu- 
dien I S. 155. 

4) II Mos. 2, 10; Josephus, Ant. Jud. II 9; Philo Jud., de vita Mosis I 4; 
Suidas s. v. p&v; Etym. Gudianum s. v. Mutvain. 

6) Ant. Jud. II 10. 

G) Herodot III 17 ff.; Diodor 111 3; Lucan, Puarsal. X 280 ff. 



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54 Alfred Wiedemann 

stadt des Aethiopenreiches einzunehmen vermochte 1 ). Andererseits 
liegen ausgedehnte Überreste eines koptischen Kambyses-Eomans 
vor, welche die Einleitung zu einer Schilderung der Eroberung 
Aegyptens durch diesen Herscher bildeten 2 ). Sie beweisen, daß 
sich die Sage auf dem Boden des Niltales eingehend mit den 
Geschicken des Vernichters der nationalen Selbständigkeit des 
Volkes beschäftigte. Diese Bestrebungen werden nicht lange nach 
seinem Tode eingesetzt haben, sie riefen vermutlich auch die Vor- 
lagen in das Dasein, deren Angaben die jüdischen Berichterstatter 
für ihre Moses-Legenden zu Rate zogen. 

Die bei Josephus verzeichnete und ebenso die hiervon viel- 
fach abweichende Schilderung des Aethiopenzuges bei Artapanus 3 ) 
enthielt für den nationalistisch empfindenden Juden einen schweren 
Anstoß. Sein Volksheld Moses kämpfte, wie bereits zu betonen 
war, für die verhaßten Aegypter. So entstand denn in unbe- 
kannter Zeit eine jüdische Version der Sage, welche zwar an 
dem Aethiopenzuge festhielt, diesen störenden Funkt aber ent- 
fernte 4 ). Ihr zu Folge wäre Moses auf seiner Flucht vor Pharao 
zu dem Könige der Idumaeer gekommen, der in seine von dem 
Zauberer Bileam und dessen auch in der griechischen Literatur 
öfters als Jannes und Jambres erwähnten Söhnen Janis und Mam- 
ris 5 ) besetzte Hauptstadt im Lande Kusch nicht zurückzukehren 
vermochte. Nach dem Tode ihres Herschers erwählten die Ku- 
schiten Moses zu seinem Nachfolger und gaben ihm die Witwe 
des Verstorbenen zur Frau. Dank seiner Klugheit gelang es 
Moses, die Stadt einzunehmen und 40 Jahre lang als König von 



1) Duncker, Gesch. des Altertums II S. 766 f., 782 ff.; Lincke, Forschungen 
zur alten Geschichte I S. 3; Wiedemann, Aegypt. Gesch. S. 670 f. 

2) Aegypt. Urkunden aus den Museen zu Berlin. Koptische Urkunden I 
S. 33 ff.; vgl. Schaefer, Sitzungsbcr. Akad. Berlin 1890, S. 727 ff.; Lemm, Kleine 
kopt. Studien § 18 (aus Bull. Acad. Petersburg 13 S. 64 ff.); Moeller, Aegypt. Zeit- 
schr. 39 S. 113 ff. — Für mittelalterliche Sagen über Kambyses vgl. Lincke in 
Aegyptiaca S. 41 ff. Die Kambyses-Sage bei dem Ende des 7. Jahrhunderts tätigen 
Johannes von Nikiu (Zotenberg, Notices et Extraits des Manuscrits de la Bibl. 
nat. 24,1 S. 391 ff., Jouni. asiat. VII Ser. 10 S. 505 ff.) läßt Kambyses gegen 
Nubien kämpfen, dessen König sich ihm unterwirft. Er dringt hier aber nicht 
tiefer in Aethiopien ein, auch fehlt jeder Hinweis auf analoge Taten des Moses. 

3) Müller, Fragmenta Hist. Graec. III S. 221. 

4) Am ausführlichsten Midrasch vom Leben und Tode Mosis, übers. Wünsche, 
a. a. 0., I S. 68 ff. 

5) Wiedemann, a.a.O., 11 S. 34 f. ; Schürer, a.a.O., S. 402 ff. — Die von 
L. Koch, Die Geschichte Bileame und seino Weissagungen, Straßburg 1892 zu- 
sammengestellten jüdischen Sagen geben auf diese Dinge nicht ein. 



C, I Original from 

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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertuma 



55 



Kusch zu herrschen. Da er aber während dieser Zeit seine Gattin 
nicht berührte, so überließ er zuletzt auf Wunsch des Volkes den 
Thron seinem Stiefsohn und begab sich zu Jethro nach Midian. 

Die Juden feindlichen Sagenformen knüpfen sich vor allem an 
den Auszug der Israeliten aus Aegypten. Sie erklären dieses 
Ereignis für eine Vertreibung von Aussätzigen, Siechen und aller- 
hand Gesindel, und bringen nicht selten mit ihm andere, tatsäch- 
lich davon völlig unabhängige Ereignisse in Verbindung. So vor 
allem ausführliche Berichte über die weit frühere Befreiung des 
Landes von der Fremdherrschaft der Hyksos. Dann aber auch 
Einzelzüge aus andersgearteten Sagen, wie bespiclsweise die Per- 
sönlichkeit des bereits erwähnten weisen Amenophis, die einer 
Richtiges und Erfundenes vermischenden Erzählung entlehnt ist, 
welche an die Religionsreform Amenophis' IV. und die hierdurch 
veranlagten Wirren anknüpfte. Wann und von wem die Grund- 
form der hellenistischen Exodussage aufgestellt wurde, läßt sich 
nicht mehr feststellen. Eine Reihe von Abschnitten aus verschie- 
denen ihrer Ausgestaltungen hat Josephus seinen Werken ein- 
verleibt, andere sind bei sonstigen Schriftstellern des Altertums 
erhalten geblieben. Dabei wurden als Gewährsmänner Manetho, 
Hekataeus, Chaeremon, Lysimachns genannt, doch zeigt der In- 
halt deutlich, daß die bekannten Männer dieses Namens nicht die 
Verfasser der betreffenden Machwerke gewesen sein können *). 
Man kann nur darüber im Zweifel sein, ob die Schriften als 
Ganzes Fälschungen sind, oder ob es sich um umgearbeitete echte 
Werke handelt. Jedenfalls erscheinen ihre Ausführungen jetzt viel- 
fach in ausgesprochen judenfeindlichem Sinne, und an den Stellen, 
an denen dies nicht der Fall ist, werden gelegentlich ungereimte 
Behauptungen eingeschoben, um dem Judenfreunde eine Polemik 
gegen die Angriffe ihrer Verfasser leicht zu machen. 

Mag es sich aber hier um pseudepigraphe oder um inter- 
polierte Werke handeln, auf alle Fälle geht aus ihrem Vorhanden- 
sein hervor, daß die in ihnen verwerteten Sagenkreise in hellenisti- 
scher Zeit sehr weite Verbreitung gewonnen hatten. Unter ihren 
Einzelbemerkungen ist besonders die mehrfach auftretende Be- 
hauptung viel erörtert worden, der Gott der Juden habe die Ge- 
stalt eines Esels. Sie wurde in der Folgezeit auch von Männern 
wiederholt, welche damit eine geschichtliche Tatsache wiederzu- 



1) Vgl. für diese häutig behandelte Literatur, S.phürer, a.a.O., S. 472 ff. 
528 ff.; für das Werk des Pseudo- Hekataeus S. 604 ff. ; Elter, Gnomologiorum 
Graecorum historia S. 159 ff. ; Christ, Abh. Akad. München 21 S. 485 ff. 



1 Original from 



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56 Alfred Wiedemann 

geben glaubten *). In den Sagen wird sie in unverkennbar juden- 
feindlichem Sinne verwendet, doch lag ihr allem Anscheine nach 
ursprünglich eine derartige Tendenz fern und beruhte sie auf einer 
Verwechslung. Man wird das Judentum mit einer auch ander- 
weitig verbürgten Sekte in Zusammenhang gebracht haben, welche 
einen Seth oder Sabaoth genannten Gott in seiner Verkörperung 
als Esel oder als Mensch mit Eselskopf verehrte 2 ). 

Das Absterben des Heidentumes unterbrach die sagenbildende 
Tätigkeit im Niltale an sich nicht. An den Aufenthalt der hei- 
ligen Familie im Lande auf der Flucht vor Herodes knüpften aus- 
gedehnte Erzählungen an, welche teilweise in dem in der ersten 
Hälfte des 7. Jahrhunderts zusammengestellten, arabisch erhaltenen 
apokryphen Kindheitsevangelium 3 ) Verwertung gefunden haben. 
Andere Teile der Legenden sind bei verschiedenen späteren Schrift- 
stellern erhalten geblieben und finden noch in der muhammedani- 
Bchen Volksüberlieferung ihren Niederschlag. Sie erzählen die 
wunderbare Errettung der Flüchtlinge zu Heliopolis durch eine 
Spinne, welche ihr Netz vor die Baumhöhlung spann, in welcher 
sich die heilige Familie vor den Häschern des Herodes verborgen 
hatte. Sie sprechen von der Balsamstaude, welche aus den Wasser- 
tropfen erwuchs, die beim Waschen der Windeln des Christus- 
kindes zu Boden fielen ; von den Götterbildern, welche umstürzten, 
sobald der Heiland in ihre Nähe kam ; u. s. f. An die Sagen über 
Christus, in welche vielfach noch Züge aus den altaegyptischen 
Religions Vorstellungen hineinverwoben worden sind, schloß sich 
eine fast unübersehbare Menge von in Aegypten spielenden Hei- 
ligenlegenden an. In diesen spielt jedoch die Erinnerung an die 
Vorzeit so gut wie keine Rolle mehr, so daß sie an dieser Stelle 
nicht weiter in Betracht kommen können. 



1) Tacitus, Hist. V 4; Plutarch, Symp. 45; Apion bei Josepbus, c. Ap. II 7. 

2) Vgl. Wünsch, Sethianische Verfluchungstafeln aus Rom, S. 86 ff., 108 ff.; 
AViedemann, Bonner Jahrbücher 79 S. 221 f. 

3) Vgl. für dieses (lateinisch in Evangelia apocrypha ed. Tischendorf S. 171 ff.) 
und sonstige Apokryphen über die Kindheit Christi, 0. Schade, Liber de infantia 
Mariae et Christi salvatoris, Königsberg 1SG9; Hennecke, Handbuch zu den neu- 
testamentlichen Apokryphen, Tübingen 1904. Für die Legenden überhaupt u. a. 
Maqrizi, Description de FEgypte, übers, von Bouriant, S. 681 f. ; de Sacy, Abd- 
allatif, Relation de FEgypte S. 89; Ebers, Aegypt. Zeitachr. 15 S. 48 (koptisches 
Gedicht); Jullian, Der Muttergottesbaum zu Matarieh, deutsch von zur Haide, 
RegenBburg 1906 (populär); Loret, Sphinx 6 S. 99 ff. Das Umfallen der Götter- 
bilder zu Hermopolis bei Christi Ankunft erwähnen auch Kirchenschriftsteller 
wie Eusebius, Athanasius, Sozomenus. Für den Lebbach-Baum zu Ahnäa, unter 
welchem angeblich Maria Christus gebar vgl. de Sacy, a. a. 0., S. C6 f. 



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Die aegyptische Geschichte in der Sage des Altertunis 57 

Die volkstümliche, sagenhafte Ausgestaltung der aegyptischen 
Geschichtsüberlieferung hat im Verlaufe der frühchristlichen Zeit 
zugleich mit dem Schwinden des Interesses an dem heiduischen 
Aegypten überhaupt ihren Abschluß gefunden. Was in den arabi- 
schen und sonstigen orientalischen mittelalterlichen Geschichts werken 
von den früheren Königen und Geschicken des Niltals berichtet 
wird, ihre Herrscherlisten l ) und sonstigen Angaben haben für die 
volkstümliche Sagenkunde ebenso wenig Wert wie für die wirk- 
liche Geschichte. Sie gehen von Buchgelehrsamkeit aus und ver- 
binden die im Koran vorkommenden Personennamen, die Bezeich- 
nungen aegyptischer Städte, vereinzelte Entlehnungen aus älteren 
Schriftstellern in willkürlicher Weise zu wenig erfreulichen Phan- 
tasiegebilden. 

In den ersten Jahrhunderten n. Chr. hatte das Niltal im all- 
gemeinen in der Literatur eine veränderte Bedeutung gewonnen. 
Es hörte auf der Schauplatz von Sagen zu sein, welche an Per- 
sönlichkeiten und Bauten der Vorzeit, an Sitten und Gebräuche 
anknüpften; es wurde statt dessen ein beliebter Hintergrund für 
die Romandichtung. Für eine solche Verwertung erschien das 
alte Wunderland der Pyramiden mit seinen eigenartigen Einrich- 
tungen, Tempeln und Gräbern, seiner absonderlichen, geheimnis- 
vollen Religion, seiner angeblich uralten Weisheit in erster Reihe 
berufen. So entstanden denn bereits im Altertume in Aegypten 
spielende Romane, von denen in den im 3. Jahrhundert n. Chr. 
verfaßten Aethiopischen Geschichten des Heliodor 2 ) ein charak- 
teristisches, umfangreiches Beispiel erhalten geblieben ist. Nicht 
nur in der außeraegyptischen Welt waren Erzählungen beliebt, 
welche sich ihre Ereignisse im Niltale zutragen ließen. Papyrus- 
funde haben gezeigt, daß der älteste der vollständig vorliegenden 
griechischen Romane überhaupt, die spätestens vom Anfange des 
2. Jahrhunderts n. Chr. stammenden 3 ) Geschicke des Chaereas und 
der Kallirhoe von Chariton auch in Aegypten Leser fanden. Sie 
werden dieses Interesse in den hellenistischen Kreisen im Lande 
der Schilderung eines aegyptischen Aufstandes und der Tapferkeit 



1) Vgl. für diese und ihre Quellenreihen Stern, Aegypt. Zeitschr. 15 S. 81. 

2) Vgl. für den Verfasser Rohde, Der griechische Roman, 3. Aufl., S. 453 ff. ; 
Münscher bei Pauly-Wissowa-Kroll, Real-Encycl. VIII 1 Sp. 20 ff. — Auch Xeno- 
phon von Ephesus (um 250 n. Chr.) läßt einen großen Teil seines Romans in 
Aegypten spielen. 

3) Christ, Gesch. der griech. Literatur II 5. Aufl., S. 041. Für den Roman 
selbst vgl. Rohde, a. o. 0., S. 517 ff., G23; Calderini, Caritone di Afrodfsia, Turin 
1913. 



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58 Alfred Wieaemann, Die aegyptische Geschichte in der Sage usw. 

der Griechen im Kampfe gegen die Perser zu verdanken gehabt 
haben. 

Mittelalter und Neuzeit haben fortan immer von neuem Land 
und Leute in Aegypten in ihre Dichtungen hinein verwoben und 
dabei Werke geschaffen, welche gelegentlich weit über die Nation 
ihrer Verfasser hinaus bekannt geworden sind *). So vermochte 
sich der 1732 erschienene Sethos des Abbe Terrasson (geb. 1670 
zu Lyon, gest. 1760 zu Paris) eine Zeitlang neben dem Tälämaque 
F^nelon's und den Voyages de Cyrus Ramsay's 2 ) zu behaupten und 
fand in mehrere Sprachen Übersetzungen. In unserer Zeit haben 
die aegyptischen Romane von Georg Ebers während Jahrzehnten 
Hunderttausende von Lesern gefunden und, Dank der Verwertung 
aegyptischer Motive, bei den verschiedensten Kulturvölkern eine 
Verbreitung errungen, wie sie nur selten literarischen Erzeug- 
nissen zuteil geworden ist. 



1) Für das Fortleben aegyptischer Motive in der ßpäteren, besonders der 
englischen Literatur vgl. Hoops, Orientalische Stoffe in der englischen Literatur 
in Deutsche Rundschau 128 (1906) S. 255 ff. ; in der französischen P. Martino, 
L'Orient dans la Litte*rature franewse aux XVII. et XVIII. siecles, Paris 1906. 

2) Paris 1727 (Amsterdam 1732), von der englischen Ausgabe erschien die 
9. Auflage London 1763. 



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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 

Von 

Conrad Cichorius 

Über Caesars einziges Kind, seine Tochter Julia ans seiner 
ersten Ehe mit Cornelia der Tochter Cinnas, liegen uns Nach- 
richten nur ans der kurzen Zeit ihrer Ehe mit Pompeins vor. 
Diese ist im Frühjahr 59 geschlossen und obwohl sie nar ans politi- 
schen Gründen eingegangen war nnd trotz des sehr beträchtlichen 
Altersunterschiedes der beiden Gatten zu einer überaus glück- 
lichen geworden. Aber bereits im Jahre 54 starb Julia nach der 
Geburt eines Kindes, das ihr schon kurz darauf im Tode folgte, 
und damit begann auch das Verhältnis zwischen ihrem Vater und 
ihrem Gatten sich zu lockern. 

Um über Julia sicherer als es bisher geschehen ist urteilen 
zu können ist es meiner Ansicht nach vor allem geboten zunächst 
die Frage über ihr Alter von neuem zu untersuchen. Ihre Geburt 
wird allgemein 83 oder 82 v. Chr. angesetzt, obwohl man es dabei 
von jeher als befremdlich empfunden hat, daß sie dann bei ihrer 
Verheiratung schon 24 oder 23 Jahre alt gewesen sein müßte. 
Damit wäre sie aber nach römischen Begriffen eigentlich bereits 
eine alte Jungfer gewesen, denn als das übliche Heiratsalter er- 
gibt sich auf Grund zahlreicher sicherer Nachrichten das von 
durchschnittlich 13 bis 14 Jahren. Bedenkt man welche große 
Bedeutung eheliche Verbindungen in politischer Hinsicht für die 
großen römischen Familien hatten, so wäre es direkt unverständ- 
lich, wenn Caesar seine einzige Tochter so außerordentlich lange 
unvermählt gelassen hätte. 

Worauf beruht nun aber die Ansetzung von Julias Geburt in 
die Jahre 83/82? Sie ist einzig aus der Notiz bei Sueton Caes. 1 
erschlossen, wo es von Caesars Heirat mit Cornelia heißt annum 
agens seztutn <Iccimnm (85/84) patreni amisit, sequentibusqnc consulibus 
(84 oder, da Caesar erst 100 geboren war, wahrscheinlicher 83) 
. . . Corneliam Cinnae qualer consulis filiam dtixit uxorem, ex qua 



Original from 
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60 Conrad Cichorius 

Uli mox lulia natu est. Indem man mox mit „bald darauf 4 * über- 
setzte nahm man den frühesten möglichen Zeitpunkt an und ge- 
langte auf 83 oder 82 als Julias Geburtsjahr. Allein mox hat 
neben seiner Hauptbedeutung „bald" auch nicht selten (vgl. Georges 
Handwörterb. B II 1030) die von „alsdann" „späterhin" „in der 
Folge" „im Laufe der Zeit". Dieser Gebrauch findet sich nun 
gerade bei Sueton häufiger und gerade aus ihm stammen zum 
großen Teile die bei Georges dafür angeführten Belegstellen. Da- 
bei umfaßt der mit mox abgeschlossene Zeitraum nicht selten eine 
recht- beträchtliche Reibe von Jahren, so Suet. Tib. B3 einen 
solchen von 7 Jahren (von 26—33 n.Chr. vgl. Tac. ann. IV 53), 
ferner Suet. Tib. 26 {nee amplius [Tiberius] quam mox [zwischen 

14 und 31 n. Chr.] tres consulaius gessit) einen solchen von 17 
Jahren, endlich besonders bezeichnend Suet. Nero 6, wo Kaiser 
Gaius bei der Geburt seines Neffen, des späteren Kaisers Nero im 
Jahre 37 als Namen für diesen den seines Oheims Claudius vor- 
schlägt, a quo mox (d. h. nach 11 Jahren 48 n. Chr.) principe Nero 
adoptatus est. Demnach ist aus dem ganz farblosen allgemeinen 
mox bei Sueton Caes. 1 für die Geburt der Julia chronologisch 
gar nichts zu entnehmen und mox braucht auch hier nur zu be- 
sagen, daß „im Laufe der Zeit" „später" aus dieser Ehe Julia 
hervorgegangen sei. 

Die Geburt von Caesars Tochter ist also zunächst nur im 
allgemeinen zu begrenzen zwischen 83, dem nach dem Zeitpunkte 
der Eheschließung der Eltern frühesten möglichen Termine, und 
68, dem Todesjahre der Mutter Cornelia. Dieser Zeitraum von 

15 Jahren läßt sich nun aber nicht unwesentlich dadurch beschrän- 
ken, daß in Folge zweimaliger mehrjähriger Abwesenheit Caesars 
von Italien eine ganze Reihe von Jahren als Geburtsjahr Julias 
ausscheidet. Zuerst hatte Caesar unter der Herrschaft Sullas, 
wo für den Schwiegersohn von dessen politischem Gegner Cinna 
der Aufenthalt in Rom nicht ungefährlich oder zum mindesten 
sehr unbehaglich sein mußte, wahrscheinlich im Jahre 81, die 
Hauptstadt verlassen um im Osten wie üblich längere Zeit Kriegs- 
dienst zu tun l ). Wir finden ihn während der Belagerung von 
Mytilene 81 und noch bei der 80 erfolgten Einnahme der Stadt 
im Stabe des M. Minucius Thermus, dazwischen zweimal zu län- 
gerem Aufenthalt am bithynischen Königshofe und endlich noch 78 



1) Für die Belegstellen ist hier wie im folgenden überhaupt auf Drumann- 
Groebe Geschichte Roms und auf die betreffenden Artikel bei Pauly-Wiasowa- 
Kroll von Münzer, Geizer, Groebe zu verweisen. 



i . Original from 



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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 61 

im kilikischen Piratenkriege unter P. Servilius Isauricus. Von 
dort ist er auf die Kunde von Sullas Tode 78 in größter Eile nach 
Rom zurückgekehrt. Zum zweiten Male war Caesar während 
seines längeren Studienaufenthaltes erst in Rhodos dann in Asien 
von Rom abwesend. Er trat diese Reise nach dem ins Jahr 76 
fallenden Prozeß des C. Antonius an, die Heimkehr erfolgte als 
der im Jahre 74 ausgebrochene dritte mithridatische Krieg bereits 
einige Zeit im Gange war, denn Caesar hat in diesem Kriege in 
Asien Truppen gegen Mithridates gesammelt. So kann er frühe- 
stens in der zweiten Hälfte von 74 zurückgekehrt sein. 

Unter diesen Verhältnissen kommen innerhalb des Zeitraumes 
von 83 und 68 nur drei verschiedene Abschnitte für die Geburt 
der Julia in Betracht, wobei jedes Mal neun Monate nach der 
Abreise zuzurechnen, neun Monate nach der Rückkehr abzurechnen 
sind. Zunächst die Jahre 83 bis c. 80; allein hiergegen spricht, 
daß Julia dann bei ihrer Verheiratung schon zu alt gewesen wäre. 
Sodann die Zeit von 77 bis 75, aber auch in diesem Falle wäre 
Julia 59 noch um mehrere Jahre älter gewesen als es sonst in 
Rom üblich war. Endlich sind als dritter möglieber Zeitabschnitt 
die Jahre 73 — 68 ins Auge zu fassen, doch kommen die letzten 
Jahre, mindestens seit 71, deshalb nicht mehr in Betracht, weil 
Julia dann als sie die Gemahlin des Pompeius wurde, noch ein 
Kind von 8 — 11 Jahren gewesen wäre. Die größte Wahrschein- 
lichkeit dürfte unter diesen Umständen wohl 73 oder 72 bean- 
spruchen. Dann hätte Julia bei ihrer Verheiratung 13 oder 14 
Jahre gezählt und also gerade im herkömmlichen Heiratsalter ge- 
standen. 

Die Ehe mit Pompeius ist nun aber nicht die erste für Julia 
geplante Verbindung gewesen. Schon vorher war von ihrem Vater 
Caesar ein anderes Heiratsprojekt in die Wege geleitet worden, 
das bisher merkwürdig wenig Beachtung gefunden hat. Erst ganz 
neuerdings hat Münzer (Rom. Adelsparteien und Adelsfamilien 
S. 338 f.) es einer eingehenderen aber wie mir scheint nicht sehr 
überzeugenden Erörterung unterzogen. 

Eine Reihe von Autoren (Suet. Caes. 21 Plut. Caes. 14 Pomp. 
47 Appian b. c. II 14 Dio 38, 9) berichten auf das bestimmteste, 
daß als der Plan einer Ehe mit Pompeius auftauchte Julia schon 
verlobt war und zwar mit einem Servilius Caepio. Obwohl die 
Hochzeit dicht bevorstand — nach Plutarch handelte es sich nur 
noch um wenige Tage — , wurde die Verlobung ganz plötzlich aus 
politischen Gründen aufgelöst und zur Festigung des neuen Car- 
tells zwischen Caesar und Pompeius dessen Verheiratung mit Julia 



| . Original from 



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1 ••- • --- .-. .. 



62 Conrad Cichorium 

verabredet. Als Zeitpunkt dieser ißt etwa Ende April oder An- 
fang Mai 59 zu erschließen; in dem damals (vor dem 10. Mai) ge- 
schriebenen Briefe an Atticus II 11, 1 erwähnt sie Cicero bereits 
(quid enim ista repentina affinitatis coniunctio?) und dazu stimmt, 
daß nach Plut. Pomp. 48 Caesars Amtsgenosse Bibalus sich nach 
den gegen ihn inscenierten Unruhen 8 Monate lang, also von Mai 
bis Dezember, in seinem Hause eingeschlossen hatte ; diese Unruhen 
fallen aber noch vor die Auflösung von Julias erster Verlobung. 
Dem Caepio wurde als Entschädigung für Julia die Hand von 
Pompeius Tochter Pompeia zugesichert, obgleich auch diese schon 
mit Faustus Sulla, dem Sohne des Dictators, verlobt war und also 
zuvor auch ihre Verlobung gelöst werden mußte. 

Über die Person jenes früheren Bräutigams der Julia fehlt 
jede nähere Angabe. Nur Sueton sagt, daß Caesar durch seine 
vel praecipua opera paulo ante Bibulum impugnaverat. Was hierunter 
zu verstehen ist kann angesichts des paulo ante nicht zweifelhaft 
sein. Bibulus hatte das Agrargesetz seines Mitconsuls Caesar auf 
das heftigste bekämpft und in jeder gesetzlichen und ungesetzlichen 
Weise es zu verhindern sich bemüht. Am Abstimmungstage ver- 
suchte er dies nochmals persönlich und wurde dabei samt den bei 
ihm befindlichen Volkstribunen und sonstigen Begleitern von den 
Anhängern Caesars tätlich bedroht und angegriffen, einzelne wurden 
sogar verwundet (Plut. Caes. 14 Pomp. 48. App. b. c. II 11 Dio 38, 6). 
Appian, der diese Vorgänge am ausführlichsten schildert, sagt da- 
bei ausdrücklich, Bibulus habe den Hals entblößt und Caesars 
Freunde aufgefordert ihn lieber zu töten, wenn er Caesar von 
seinem ungesetzlichen Vorhaben nicht abzubringen vermöge (ixäkst 
tovg KaCaagog tpCXovg ini xo iQyov). Auch vorher schon hatte Bi- 
bulus mehrfach in Lebensgefahr geschwebt (Plut. Caes. 14 xokkaxig 
ixwdyvevöe .... kitl xf^g äyoQ&g äjto&uveiv). Zu jenen Freunden 
Caesars, die die Angriffe auf Bibulus leiteten, muß nach der Sue- 
tonstelle zu schließen vor allem sein präsumptiver Schwiegersohn 
Caepio gehört haben. Man möchte ihn sich am ehesten wie die 
andern meist jungen vornehmen Parteigenossen der Machthaber 
vorstellen, die in jenem Jahrzehnte für diese auf den Straßen Roms, 
wenn nötig mit dem Schwerte, einzuschreiten stets bereit waren. 
Sonst wissen wir über Julias Bräutigam auch nicht das mindeste. 
Nur der Schluß ist gestattet, daß er sehr vornehmer Abkunft ge- 
wesen sein und die denkbar einflußreichsten Beziehungen gehabt 
haben muß, wenn ihm in einem Jahre zwei der glänzendsten Par- 
tien der römischen Nobilität zugefallen sind und wenn der un- 
streitig allervornehmste junge Mann der römischen Gesellschaft, 



i . Original ftom 



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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 63 

der Sohn des großen Sulla, za seinen Gunsten auf seine Braut 
verzichten mußte. Um so auffallender ist es, daß von diesem 
Caepio weder vorher noch nachher je wieder in unserer Über- 
lieferung die Rede ist. Das erstere wäre ja erklärlich, wenn es 
sich wirklich um einen noch jungen Mann handelte, der noch nicht 
in die Amtercarriere eingetreten war, aber das völlige Verschwinden 
seit 59 muß auf jeden Fall befremden. In noch höherem Maße 
gilt dies von der Tatsache, daß Caepio dann auch die Tochter des 
Pompeius nicht geheiratet hat und diese vielmehr die Gattin ihres 
ursprünglichen Bräutigams Faustus Sulla geworden ist. 

Der Versuch die Persönlichkeit des Servilius Caepio näher 
zu bestimmen muß sich auf eine Prüfung aller Nachrichten grün- 
den, die wir über Angehörige der Familie der Caepiones jener 
Zeit besitzen und es ist dabei die sehr schwierige, durch mehrfache 
Adoptionen komplizierte Genealogie der Familie neu zu unter- 
suchen. Dies ist um so wichtiger, weil es sich hierbei um die 
nächsten Verwandten einer Reihe der bedeutendsten Politiker des 
damaligen Roms, des Cato Uticensis, des Lucullus, des Redners 
Hortensius, des Cäsarmörders Brutus handelt und- es ist um so not- 
wendiger, weil hier in mancher Beziehung Auffassungen herrschen, 
die wie ich glaube wissenschaftlich nicht aufrecht zu halten sind. 
Zumal hat Friedrich Münzer in seinem großen Werke Römische 
Adelsparteien und Adelsfamilien Stuttgart 1920 neue Hypothesen 
zu dem Probleme aufgestellt, die mir nicht unbedenklich erscheinen. 
Bei dem großen, wohlverdienten Ansehen, das Münzer. als hervor- 
ragender Kenner der römischen Familiengeschichte genießt, ist 
es geboten, diese Bedenken sofort geltend zu machen. Daß die" 
abweichende Auffassung in vielen Einzelheiten, nicht nur bezüglich 
, der Caepiones, die Anerkennung und Bewunderung für die groß- 
artige Leistung, die in glücklichster Weise ganz neue Gesichts- 
punkte zur Beurteilung der römischen Adelsgeschlechter und der 
Bedeutung ihrer Familienpolitik für die allgemeine Geschichte 
Roms erschlossen und verwertet hat, nicht im mindesten beein- 
trächtigen kann, sei ausdrücklich betont. 

Die Familie der Caepiones, nach dem im dritten Jahrhundert 
erfolgten Übertritte des einen Zweiges der Servilier zur Plebs die 
einzige patrizische Linie des Geschlechts, hatte ihre höchste Blüte 
im zweiten Jahrhundert gehabt, wo in den drei Jahren von 142 
bis 140 unmittelbar nacheinander drei Brüder Caepio das Consulat 
bekleidet hatten. In der nächsten Generation setzte dann 105 
mit dem politischen Sturze und der späteren Verbannung des be- 
rüchtigten Consuls von 106 Q. Caepio ein Niedergang ein. Inner- 



Original From 



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64 Conrad Cichoriu9 

halb eines kurzen Zeitraumes haben bald darauf nicht weniger als 
drei Mitglieder der Familie auf der Höhe des Lebens stehend den 
Tod gefunden, ein Cn. Caepio, wahrscheinlich kurz vor 100, durch 
Schiffbruch (s. vor allem Münzer S. 253 f.), zwei andere im Bun- 
desgenossenkriege, der eine Q. Caepio (der Sohn des Consuls von 
106, quaestor 100, praetor wahrscheinlich 91), im Jahre 90 in 
einer Feldschlacht gegen die Marser, der andere Q. Servilius (Cae- 
pio), wie ich glaube sein Vetter, als Proconsul bei Aasbruch der 
Erhebung 91 in Asculam (Liv. per. 72, App. b. c. I 38, vgl. Voll. 
II 15,2); denn daß auch dieser zweite, der an den angegebenen 
Stellen nur als Q. Servilius bezeichnet wird, ein Caepio war, ist 
aus seinem Praenomen Quintus zu schließen, das nur von dem 
Zweige der Caepiones gefuhrt wird. Nach dem Jahre 90 finden 
sich nur noch einige spärliche Nachrichten über Angehörige der 
Familie. Es ist für unsere Untersuchung erforderlich, diese alle 
und zwar zunächst jede einzeln für sich allein einer Prüfung zu 
unterziehen, um festzustellen, ob sie sich auf den Bräutigam der 
Julia beziehen können. 

Zeitlich reichen am weitesten die Angaben über einen Caepio 
zurück, der als Bruder des M. Cato, des späteren Uticensis, be- 
zeichnet wird und die sich, aus vorzüglicher Quelle entlehnt, in 
Platarchs Biographie des Cato cap. 1 — 11 finden. Es wird hier 
von dem ganz einzig dastehenden innigen Verhältnisse der beiden 
Brüder berichtet, die bis zum zwanzigsten Lebensjahre Catos nie 
auch nur einen einzigen Tag voneinander getrennt gewesen sind. 
Im Spartakuskriege tritt Cato dem Bruder zuliebe, der als Mili- 
tärtribun beim Heere des Consuls L. Gellius steht, als Freiwilliger 
ein und vor allem wird eingehend das Ende des Caepio geschildert, 
der auf dem Wege nach Asien, wahrscheinlich im Jahre 67, zu 
Ainos in Thrakien stirbt, ohne daß der damals als tribunus militum 
in Macedonien dienende Bruder ihn noch lebend antrifft. Ergrei- 
fend sind der Schmerz und die Trauer Catos um den toten Bruder 
und die letzten Ehren beschrieben, die er für ihn veranstaltet. 

Um das Verhältnis der beiden Brüder und zumal die befremd- 
liche Namensverschiedenheit beider zu verstehen muß ein Blick 
auf die vorhergehende Generation geworfen werden. 

Die Eltern des im Jahre 95 geborenen Cato, die beide vor 
91 verstorben sind, waren M. Porcius Cato, ein Urenkel des Cen- 
sorius, und Livia die Schwester des Reformtribunen von 91 M. Li- 
vius Drusus, in dessen Hause die verwaisten Kinder der Livia 
bis zu seinem Tode im Jahre 91 Aufnahme gefunden haben. Livia 
ist zweimal vermählt gewesen, außer mit Cato auch noch mit dem 



Original from 



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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 65 

früheren nahen Freunde and späteren Todfeinde ihres Bruders, 
dem oben erwähnten Q. Servilias Caepio, dem Quaestor von 100, 
dessen Schwester Servilia wiederum die Frau des Drusus war. 
Die Ehe Livias mit Caepio ist geschieden worden, während sie 
den Gatten Cato durch den Tod verlor. Über die zeitliche Folge 
der beiden Ehen Livias gehen die Meinungen auseinander, obwohl 
der Sachverhalt völlig klar und zuletzt wieder von Münzer durch- 
aus zutreffend dargelegt ist. Catos Stiefschwester Servilia aus 
der Ehe der Livia mit Caepio hat schon im Jahre 85 ihren Sohn 
M. Brutus geboren. Wäre Caepio nun der zweite Mann ihrer 
Mutter gewesen, so hätte Servilia frühestens 94 geboren sein und 
also keinesfalls schon 86 geheiratet und 85 mit höchstens 9 Jahren 
einen Sohn gehabt haben können. Daher fällt die Ehe mit Caepio 
vor die mit Cato und ist Servilia älter als M. Cato gewesen. Be- 
züglich Caepios des Bruders Catos sind nun zwei Probleme zu 
untersuchen, von denen das erste merkwürdigerweise noch gar 
nicht aufgeworfen zu sein scheint. Es ist dies die Frage, ob er 
der leibliche oder der Stiefbruder Catos gewesen ist. Das letz- 
tere scheint allgemein als selbstverständlich angesehen zu werden, 
so vor allem auch von Münzer, und zwar offenbar auf Grund des 
Namens Caepio. Gleichwohl muß dies als ganz unmöglich be- 
zeichnet werden. Es soll gar kein Gewicht darauf gelegt werden, 
daß Q. Caepio wohl kaum bei Lebzeiten seinen leiblichen Sohn 
seinem erbitterten Feinde Drusus anvertraut haben wird , auch 
darauf nicht, daß die ganze Schilderung des Verhältnisses bei Plu- 
tarch weit besser auf leibliche als auf Stiefbrüder paßt. Aber 
vier Tatsachen widerlegen, eigentlich jede einzelne für sich schon, 
jene Auffassung. Zunächst werden bei Plutarch Cato 1 die Kinder 
der Livia aus ihren beiden Ehen in folgender Weise aufgezählt : 
(Kaxtov) xaxeksCy&jj yove&v ÖQtpavbg (icz aöekcpov KatnCmvog xal 
IIoQxCag aÖ€k<pf}g ' ijp öi xal SeQßiklu Kdxcovog dfiofitlxQtog ädsX<p^. 
Kai itdvxeg ovtot nagd yhßi'o) Jqovou) xQOtpr^v xal Slaixav tl%ov, 
&tüp plv ovxi xf\g iirjXQog. Wenn Drusas hier fälschlich statt als 
Bruder als Oheim der Livia bezeichnet wird, so ist dies einer der 
nicht seltenen Irrtümer Plutarchs hinsichtlich der römischen Ver- 
wandtschaftsverhältnisse. Ganz klar und unter einander scharf 
differenziert sind in jener Aufzählung einander gegenübergestellt 
einerseits Porcia, Porcius Cato (beide sicher Kinder des M. Cato) 
und Caepio, andererseits mit den Worten „es war aber auch eine 
Stiefschwester Catos Servilia vorhanden" Livias Tochter aus ihrer 
früheren Ehe. Caepio ist also nicht nur 6/iofitjrpiog des Cato ge- 
wesen wie Servilia, sondern auch biioitdxQiog. Zweitens ist nach- 

5 



. ! . Original ftom 

UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



66 Conrad Cichorius 

dem die beiden Brüder bis zum Jahre 75 gemeinsamen Hanshalt 
und gemeinsame Vermögensverwaltung gehabt hatten, damals bei 
Begründang eines getrennten Hausstandes, vermutlich anläßlich 
von Catos Verheiratung mit Atilia, auch eine Teilung der väter- 
lichen Erbschaft erfolgt (Plut. 4 ii€toixij6ag xal vstpänEvog [ioiqccv 
%&v jiatQcocov), wobei auf Catos Anteil 120 Talente entfielen. Dies 
ist natürlich nur verständlich, wenn beide Söhne desselben Vaters 
waren, nicht aber wenn Cato der Erbe des M. Cato, Caepio der 
des Q. Caepio war. Hierzu stimmt drittens die Angabe bei Plu- 
tarch 11, daß nach dem Tode des Bruders Caepio dessen Vermögen 
an seine im Kindesalter stehende Tochter und an seinen Bruder 
Cato gefallen ist. Waren beide Stiefbrüder, so wäre doch die 
leibliche Schwester des Caepio Servilia und nicht der Stiefbruder 
Cato Erbe gewesen. Endlich müßte allein schon entscheidend der 
Bericht Plutarchs (c. 3) über das freundliche Interesse sein, das 
Sulla den Brüdern Cato und Caepio bewies itvfö öl kuI q>CXog 5>v 
6 ZvXlag ittxTQixbg avrotg. Wenn Sulla der Freund ihres 
Vaters gewesen ist, so können die Knaben nicht verschiedene Väter 
gehabt haben. Also ist Caepio als ein Porcius Cato geboren und 
hat seinen späteren Namen erst auf Grund einer Adoption durch 
einen Servilius Caepio erhalten. Wer dieser gewesen ist, ob etwa 
der 91 umgekommene Q. Servilius (Caepio) oder ein anderer, läßt 
sich nicht mehr feststellen, nur daß es nicht der geschiedene Mann 
seiner Mutter war, darf als sicher betrachtet werden. Ebensowenig 
kennen wir das praenomen des jungen Caepio, denn für die her- 
kömmliche auch von Münzer geteilte Annahme, daß er Quintus 
geheißen habe, gibt es keinen Anhalt; er kann ebensogut ein Cn. 
Caepio gewesen sein. Der Umstand, daß der Knabe auch nach 
seinem Übertritt in die gens Servilia im alten Familienkreise wei- 
terlebte, legt übrigens den Gedanken nahe, daß es sich dabei um 
eine der häufigen testamentarischen Adoptionen handelte. 

Mit der Feststellung, daß Caepio der leibliche Bruder Catos 
war, ist nun auch für die Entscheidung einer anderen Frage eine 
neue Basis gewonnen, nämlich für die nach dem Altersverhältnis 
der beiden Brüder. Münzer und alle andern, die in ihm einen 
Sohn aus der früheren Ehe der Mutter sehen, müssen Caepio na- 
türlich für den älteren halten; dieses Argument fällt ja nun aber 
jetzt weg. Dazu erweckt die Schilderung des Verhältnisses zwi- 
schen den Beiden bei Plutarch unwillkürlich den Eindruck, daß 
Cato der ältere ist; schon das Wort evvouc „Wohlwollen", das 
Cato für Caepio gehegt habe, würde wenig passen, wenn es vom 
jüngeren gegenüber dem älteren gesagt wäre. Als bestätigend 



i . Original frorn 





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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 67 

tritt hinzu, daß Cato das praenomen seines Vaters Marcus führte, 
da stets der älteste Sohn den Namen des Vaters erhielt. Caepio 
war also der jüngere Sohn und mag ursprünglich Gaius oder 
Lucius geheißen haben. In ihm den älteren zu sehen wurde man 
vor allem auch durch den Umstand veranlaßt, daß Caepio im Jahre 
72 bereits tribunus militum war, während Cato damals als ein- 
facher Soldat diente und erst 68 jene militärische Charge erhielt. 
Allein irgend welche Schlüsse für das Lebensalter der Beiden 
können hieraus nicht gezogen werden. Es beweist nur, daß Caepio 
früher — wohl im herkömmlichen Alter von 17 Jahren als tiro — 
eingetreten war und im Jahre 72 bereits die 5 militärischen 
Dienstjahre hinter sich hatte, die die Vorbedingung für den tri- 
bunus militum bildeten. Von Cato dagegen wird bei Plutarch ja 
ausdrücklich berichtet, daß er erst 72, also erst mit 23 Jahren, 
und nur dem Bruder zuliebe, als Freiwilliger ins Heer getreten 
ist; er konnte deshalb erst 68/67 Militärtribun werden. Da Catos 
Geburtsjahr 95 war, kann Caepio frühestens 94 geboren sein, aber 
auch kaum viel später, weil beide Eltern ja schon einige Zeit vor 
91 gestorben sind und er 72 schon Offizier ist. Caepio zählte also 
bei seinem Tode im Jahre 67 höchstens 27 Jahre und damit ist zu- 
gleich auch den von Münzer S. 333 f. im Anschluß an Frühere auf- 
gestellten Kombinationen über seine Amterlauf bahn der Boden ent- 
zogen. Münzer nimmt an, Caepio habe jene Reise nach Asien 67 
als Quaestor gemacht und hält es sogar für denkbar, daß er einer 
der beiden Flottenquaestoren des Pompeius im Piratenkriege und 
mit dem bei Florus I 41, 10 unter den damaligen Legaten des 
Pompeius aufgeführten Caepio identisch sei. Es ist nicht erst nötig 
die andern hiergegen sprechenden sehr gewichtigen Gründe aufzu- 
zählen, da alles schon an dem Alter des Caepio scheitert, denn 
er hat' bei seinem Tode das für die Quaestur herkömmliche Mini- 
malalter von 31 Jahren noch lange nicht erreicht gehabt. Ich 
möchte eher glauben, daß er als tribunus militum zur Flotte des 
Pompeius unterwegs war. Der Ort seines Todes, Ainos in Thra- 
kien, führt darauf, daß er nach der Propontis zu reisen beabsich- 
tigte und also das nördliche Kleinasien sein Ziel gewesen ist. Nun 
befehligten damals nach Florus a.a.O. als Legaten des Pompeius 
an der Propontis ein Porcius Cato — vielleicht der Vetter, den 
Cato nach Plut. 6 beerbt hat, nicht wie Münzer meint Cato selbst — , 
an der asiatischen Küste ein Caepio, wie sich unten zeigen wird, 
ein naher Verwandter der beiden Brüder. Man könnte vielleicht 
annehmen, daß Caepio unter dem Befehle eines dieser beiden Ver- 
wandten den Feldzug mitzumachen gedachte. Der Bräutigam von 

5* 



| Original From 



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68 Conrad Cichorius '• 

Caesars Tochter kann Catos Bruder nach dem bisherigen nicht 
gewesen sein, da er 59 schon längst tot war. Er hat nur eine 
Tochter hinterlassen und so ist mit ihm seine Linie der Caepiones 
überhaupt ausgestorben. 

Ein weiterer sicherer Caepio jener Zeit ist Q. Caepio Brutus. 
So hieß seit seiner Adoption durch einen Caepio der junge M. Ju- 
nius Brutus, der 85 v. Chr. geborene Sohn des 77 im Bürgerkriege 
de9 Lepidus getöteten M. Brutus und der Stiefschwester Catos 
Servilia, der Tochter des Q. Servilius Caepio (quaestor 100) und 
der Livia. Allerdings hat er diesen Namen nur offiziell und nur 
in amtlichen und ähnlichen Urkunden geführt und wird genau wie 
z. B. der von seinem Oheim Caecilius adoptierte Pomponius Atti- 
cus, der Freund Ciceros, auch weiterhin zumeist mit seinem frü- 
heren Namen Brutus und nicht dem] neuen Caepio bezeichnet (s. 
Münzer S. 337 f. und Geizer P.W. X 975). Über die Adoption 
selbst ist nichts näheres bekannt, nur bezüglich ihres Zeitpunktes 
läßt sich meiner Ansicht nach eine Vermutung wagen. Daß sie 
im August 59 schon erfolgt war steht fest. In einem Briefe an 
Atticus (II 21) vom August dieses Jahres nennt Cicero bei Gele- 
genheit der DenunciationsafFaire des Vettius unter den von diesem 
Beschuldigten auch Brutus und zwar in der Form Q. Caepio hie 
Brutus. Er hält offenbar eine derartige nähere Bezeichnung für 
notwendig und nimmt an, daß Atticus sonst nicht ohne weiteres 
ersehen werde, welcher Q. Caepio gemeint sei. Ein solches dem 
Namen beigefügtes hie pflegt nun zu besagen, daß der so bezeich- 
nete zur betreffenden Zeit allgemeiner Gesprächsgegenstand ge- 
wesen ist und zwar gibt der dem Namen beigefügte Zusatz je- 
weils den Anlaß an, aus dem von ihm damals überall gesprochen 
wurde. Ich begnüge mich für diesen Gebrauch drei Beispiele aus 
Luciliu8 anzuführen: v. 418 M Qnintus Opimius ille Jugurthini pater 
huius, womit auf die große Skandalaffaire, die Bestechung durch 
Jugurtha, hingewiesen wird, in die eben damals der Consular L. 
Opimius verwickelt war. Ferner v. 412 M. Lucius Cotta senex crassi 
pater huius, worin wie ich glaube nachweisen zu können eine An- 
spielung auf die Anklage gegen den Statthalter L. Aurelius Cotta 
eben zur Zeit der betreffenden Satire enthalten ist. Endlich 
v. 422 M Cassius Gahts hie, operarius, quem Cephalonem dieimus, wo 
die Anspielung für uns nicht mehr verständlich ist. Also ist von 
M. Brutus im August 59 in Rom viel gesprochen worden und zwar 
in bezug auf seine beiden Namen Q. Caepio und Brutus. Dies ist 
am einfachsten so zu verstehen, daß eben damals die Adoption des 
Brutus stattgefunden hatte und Cicero dem fern in Epirus wei- 



i . Original ftom 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 69 

lenden Freunde den noch ungewohnten neuen Namen in dieser 
Form bezeichnet. 

In Brutus hat nun Münzer S. 338 f. überraschender Weise den 
als Bräutigam der Julia genannten Servilius Caepio erkennen 
wollen, obwohl er selbst zugeben muß, daß sich hiergegen ohne wei- 
teres mehrere schwere Bedenken erheben. Zunächst die Tatsache, 
daß Brutus den Namen Servilius überhaupt nicht geführt hat und 
daß bei ihm Caepio direkt an die Stelle des Gentilnomens getreten 
ist. In dem Traktat de praenominibus 2 wird ausdrücklich als 
Beispiel für solche Verwendung des cognomen als nomen gentile 
der Fall des Caepio Brutus angeführt (Geizer a.a.O.) und dies 
findet sich durch Inschriften bestätigt (so z. B. durch eine aus 
Oropos (I. G. VII 283) , wo Brutus Kötvrog Katnlmv (nicht Etgovl- 
Xiog) Kolvtov vlbg Bgovtog genannt wird. Der Schwiegersohn Cae- 
sars führte aber wie Sueton und Plutarch Caes. 14 beweisen noch 
den Gentilnamen Servilius. Dazu tritt weiter das Bedenken, daß 
unsere so ausführliche Überlieferung über Brutus und Caesar von 
einem solchen verwandtschaftlichen Verhältnisse zwischen Beiden 
nichts weiß. Selbst in der umfangreichen Brutusbiographie Plutarchs 
wird eine Verlobung des Brutus vor seiner Ehe mit Claudia mit 
keinem Worte erwähnt, obwohl gerade Plutarch an zwei Stellen in 
andern Viten von der Verbindung der Julia mit Caepio erzählt. Für 
ihn sind also dieser Caepio und Brutus zwei ganz verschiedene Per- 
sonen. Den dankbaren Effekt hätte sich die rhetorische Geschichts- 
schreibung und die sonstige Literatur der Folgezeit gewiß nicht 
entgehn lassen, wenn sie den späteren Mörder Caesars als seinen 
früheren Schwiegersohn hätte hinstellen können. Nebenbei be- 
merkt hätte das ja schon bei den Altersverhältnissen der Betei- 
ligten unmögliche (vgl. z. B. Drumann IV 20) Gerücht, Brutus sei 
der Sohn Caesars aus seiner Liebschaft mit Servilia, gar nicht 
entstehen können, wenn Caesar ihn mit seiner Tochter verlobt 
hätte. Endlich spricht gegen Münzers Hypothese der politische 
und persönliche Standpunkt des Brutus zu den beiden Machthabern 
im Jahre 59, Wie er zu Caesar stand, ergibt .sich daraus, daß 
der Denunziant Vettius, der im Auftrage Caesars handelte, unter 
den angeblichen Verschwörern mit in erster Linie den Brutus 
nannte, also glauben durfte, daß dies Caesar erwünscht sei. Schon 
Cicero äußert in dem erwähnten Schreiben an Atticus vertraulich 
die Vermutung, daß es nur durch eine nächtliche Vermittelung der 
Servilia bei ihrem Freunde Caesar bewirkt worden sei, wenn der 
Angeber bei den weiteren Vernehmungen Brutus nicht mehr mit 
nannte. Aber Vettius hätte unter der Beschuldigung ein Attentat 



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70 Conrad Cichorius 

gegen Pompeius geplant zu haben doch den Brutus überhaupt gar 
nicht nennen können, wenn dieser, wie Plutarch (Pomp. 47) es 
von Caepio berichtet, damals der präsumptive Schwiegersohn des 
Pompeius gewesen wäre. Allein es ist noch aus einem andern 
Grunde einfach ausgeschlossen, daß Brutus mit diesem Caepio iden- 
tisch gewesen ist. Den Vater des Brutus hatte nämlich 77 ge- 
rade Pompeius, nachdem er sich diesem ergeben hatte, in treu- 
losester Weise töten lassen. Der junge Brutus hat deswegen 
einen glühenden Haß gegen ihn als den Mörder seines Vaters gehegt 
und bis zum Jahre 48, wie Plutarch an zwei Stellen (Pomp. 64, 
Brut. 4) erzählt, ihn nie gegrüßt, nie ein Wort mit ihm gesprochen. 
Und da sollte er 59 die Tochter des Pompeius als Braut erhalten 
haben ! 

Neben dem Bruder und dem Neffen Catos ist nun noch ein 
dritter Caepio als dessen Zeitgenosse mit Sicherheit anzunehmen, 
das ist der Adoptivvater des Brutus, der, wie der spätere Name 
des letzteren zeigt, Q. Caepio geheißen hat. Über seine Person 
ist zunächst nichts direkt überliefert, doch hat Münzer mit glän- 
zendem Scharfsinn hier eine wichtige Feststellung ermöglicht. 
Eine Inschrift zu Ehren des Q. Hortensius, des Sohnes des Red- 
ners, die ins Jahr 43 zu setzen ist (bull. d. corr. III 154 u. XXXIII 
467 Dessau 9460 Münzer P. W. VIII 2469 u. 82 Rom. Adelsf. 342), 
nennt diesen „Oheim des Caepio", d. h. des Q. Caepio Brutus {xbv 
$uov KatTtiGjvog). Dies kann mit Münzer nur so gedeutet werden, 
daß, da Brutus leibliche Mutter Servilia war, Hortensia, die auch 
sonst bekannte Schwester des Q. Hortensius, mit Brutus Adoptiv- 
vater Q. Caepio verheiratet und also seine Adoptivmutter gewesen 
ist. Damit ist für die weitere Untersuchung bezüglich der Person 
dieses Q. Caepio ein Anhaltspunkt gewonnen. Meist hält man 
Catos 67 verstorbenen Bruder Caepio für den Adoptivvater des 
Brutus, allein wenn Brutus erst 59 adoptiert worden ist, so wäre 
dies schon zeitlich unmöglich. Dazu tritt ein weiterer Grund, den 
auch Geizer betont. Wir wissen ja, daß beim Tode jenes Caepio 
im Jahre 67 sein Vermögen an seine Tochter und an seinen Bruder 
Cato gefallen ist. Hätte er einen Adoptivsohn hinterlassen oder 
hätte er auch nur einen solchen in seinem Testamente an Sohnes- 
statt angenommen, so wäre unbedingt dieser sein Haupterbe ge- 
worden. Münzer sucht diese Schwierigkeit durch die künstliche, 
sehr bedenkliche Annahme einer postumen, „fiktiven Adoption" 
zu beheben. Mehrere Jahre nach Caepios Tode und nach dem von 
Münzer, freilich ohne jeglichen Grund, angenommenen seiner Tochter 
soll die Familie — man fragt sich vergebens wer dies gewesen 



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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 71 

sein soll — um „dem gleichsam nach seinem eigenen Tode kinder- 
los gewordenen Vater nachträglich einen Sohn zu erwecken" den 
Brutus als Sohn des Caepio adoptiert haben. Dieser Modus ist 
nach römischem Rechte ganz undenkbar und Münzer wird seine 
Hypothese wohl selbst nicht aufrecht erhalten können. 

Den Adoptivvater des Brutus hält nun Geizer für den Bräu- 
tigam der Julia, aber auch dies ist nicht möglich. Zunächst muß 
Q. Caepio als er 59 den Brutus adoptierte doch ein Mann in höheren 
Lebensjahren gewesen sein, sodann aber war er ja bereits mit 
Hortensia verheiratet. Denn daß er diese, wie Gelzer annimmt, erst 
nach 59 geheiratet haben sollte, wird man angesichts ihres Alters 
nicht glauben wollen. Ihr Vater, der 114 geborene Redner Hor- 
tensius erscheint nämlich schon im Jahre 91 bei Cicero de orat. 
III 228 als Schwiegersohn des Catulus und ihr Bruder war im 
Jahre 45 bereits Praetor. Sie kann also schon in den neunziger 
Jahren geboren und seit c. 80 v. Chr. verheiratet gewesen sein. 
Auch der Ausweg, daß Q. Caepios Ehe mit Hortensia vor 59 ge- 
schieden worden ist, fällt dadurch weg, daß ihr Bruder noch im 
Jahre 43 als Onkel des Brutus bezeichnet wird. Dies wäre er 
ja aber überhaupt nie gewesen, wenn Hortensia 59 nicht mehr die 
Gattin des Q. Caepio gewesen wäre. 

Somit bleibt die Person von Brutus Adoptivvater vorläufig 
noch ganz unbestimmbar. Doch sei erwähnt, daß mehrfach die 
naheliegende Vermutung geäußert worden ist, er sei ein Bruder 
von Brutus Mutter Servilia gewesen. Nur könnte es sich dann 
einzig um einen Stiefbruder aus einer früheren Ehe ihres Vaters, 
des Quaestors von 100 Q. Caepio, handeln, weil nach der Stelle 
bei Plntarch Cato 1 Servilia das einzige Kind aus seiner Ehe mit 
Livia gewesen sein muß. Da Servilia nach dem Geburtsjahre ihres 
Sohnes Brutus zu schließen um 100 geboren ist, würde die Geburt 
dieses ihres Stiefbruders noch ans Ende des zweiten vorchristlichen 
Jahrhunderts fallen und das würde auch für das anzunehmende 
Alter von Brutus Adoptivvater Q. Caepio passen. Endlich darf 
vorausgesetzt werden, daß letzterer im Sommer 59. wo er Brutus an 
Sohnesstatt angenommen hat, selbst keinen leiblichen Sohn besaß. 

Außer den bisher besprochenen drei Caepiones wird nun noch 
an zwei Stellen der Literatur je ein zeitgenössischer Träger des 
Namens erwähnt ohne daß es sich ersehen ließe wer damit ge- 
meint ist. 

Zunächst erscheint, wie schon oben S. 07 erwähnt wurde, bei 
Florus I 41, 10 unter den Legaten des Pompeius im Seeräuber- 
kriege von 67 ein Caepio als Befehlshaber im Meeresbezirke an der 



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72 Conrad Cichorius 

kleinasiatischen Küste (Asiaticum Caepio). In der andern Liste 
der Legaten bei Appian Mithr. 95, die aber ebenso wie die des 
Florus unvollständig ist, ist sein Name aasgefallen. Diese Le- 
gaten sind zuletzt von Groebe Klio X 376 f. untersucht worden, 
doch glaube ich, daß sich ihre Zahl, ihre Namen und die Vertei- 
lung ihrer Kommandobezirke noch sicherer bestimmen lassen als 
es bisher geschehen ist. Alle hatten praetorischen Rang erhalten, 
müssen aber, da sie sämtlich aus der Reihe der Senatoren genom- 
men waren (Plut. Pomp. 25) t bereits curulische Amter bekleidet 
haben. Tatsächlich erweisen sich alle, deren Personalien sich noch 
feststellen lassen, als Consularen, Praetorier oder Quaestorier, also 
sind es lauter Männer, die noch im zweiten Jahrhundert (aller- 
spätestens im Jahre 99) geboren waren. Damit erledigt sich 
Münzers schon oben abgelehnte Vermutung, daß der bei Florus 
bezeugte Caepio mit Catos Bruder identisch sein könne und 67 
Quaestor des Pompeius gewesen sei. Der Caepio bei Florus steht 
doch ausdrücklich in der Reihe der Legaten und einem Quaestor, 
der beim Stabe des Oberbefehlshabers seinen Platz hatte, wäre 
auch gar kein selbstständiger Kommandobezirk zugewiesen worden. 
Sodann ist Catos Bruder, da er wie sich gezeigt hat jünger als 
Cato war, im Jahre 67 höchstens 27 Jahre alt gewesen, hätte also, 
wie schon oben betont wurde, noch gar nicht die Quaestur be- 
kleiden können und endlich läßt sich der Legat des Pompeius auch 
noch nach dem Tode von Catos Bruder nachweisen, was auffal- 
lender Weise bis jetzt fast völlig übersehen worden ist. Während 
des dritten mithridatischen Krieges befehligte nämlich im Jahre 
66 die Flotte des Pompeius im schwarzen Meere ein Legat Ser- 
vilius, vgl. Plutarch Pomp. 34, wo es heißt, daß als Pompeius in 
seinem Kaukasusfeldzage nach Kolchis gelangt sei itQog xbv <X*ä<5tv 
avxtxt 2J£Qovlktog asctfvTijöe tag vavg E%cov aig icpQOVQEt xbv II6vxov. 
Soviel ich sehe hat einzig Br. Bartsch in seiner Dissertation Die 
Legaten der röm. Republik vom Tode Sullas bis zum Ausbruche 
des zweiten Bürgerkrieges Breslau 1908 S. 36 diesen Servilius, 
allerdings ohne nähere Begründung, mit dem Legaten des Pompeius 
(Servilius) Caepio aus dem Piratenkriege identifiziert. Von vorn- 
herein müßte es als wahrscheinlich bezeichnet werden , daß Pom- 
peius, als er unmittelbar im Anschluß an den Seeräuberkrieg 67 
in Asien das Kommando gegen Mithridates übernahm, seine Le- 
gaten aus diesem ersten Feldzuge zum Teil auch für den zweiten 
beibehalten hat. Tatsächlich lassen sich von den noch festzustel- 
lenden Legaten aus dem Jahre 67 nicht weniger als 4 mit Sicher- 
heit auch als Legaten im mithridatischen Kriege nachweisen, näm- 



Original ftom 



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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 73 

lieh Q. Metellus Nepos, M. Pupius Piso, L. Lollius and A. Plau- 
tias. Daß gerade die Flotte einem der bereits als Flottenbefehls- 
haber fungierenden Legaten weiter unterstellt geblieben sein wird, 
kann eigentlich als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Also 
wird Servilins wohl sicher mit Caepio identisch und 66, wenn 
nicht schon 67, mit seiner Flotte vom aegaeischen Meere nach 
dem Pontas gesegelt sein. Den Legaten Caepio hat man bereits 
mehrfach, so zuletzt Geizer, für den Adoptivvater des Brutus und 
für einen Bruder der Servilia gehalten. Was über beider Alter 
und demgemäß ihren damaligen Rang zu vermuten war, stimmt 
so gut zusammen, daß die Annahme noch eines weiteren Caepio 
neben jenem Adoptivvater durch nichts geboten ist. 

Endlich wird ein Caepio noch in besonders bedeutsamem Zu- 
sammenhange und von einem besonders gewichtigen zeitgenössi- 
schen Gewährsmanne an einer Stelle erwähnt, die seit 3 1 /* Jahr- 
hunderten der Deutung die allergrößten Schwierigkeiten bereitet 
hat und die sich doch vielleicht als ganz einfach herausstellen 
dürfte. Cicero wählt als Einkleidung für den Dialog des dritten 
Buches seines Werkes de finibus bonorum et malorum die Situa- 
tion, daß er im Jahre 52 bei einem Besuche der Bibliothek in der 
benachbarten tusculanischen Villa des wenige Jahre zuvor gestor- 
benen L. Lucullus, die damals im Besitze von dessen höchstens 
etwa 10 — 12 jährigen Sohnes M. Lucullus war, mit Cato zusam- 
mentrifft. Von den reichen Bücherschätzen dieser Bibliothek sagt 
er dabei III 8 f. zu Cato: Et quidetn, Cato, hanc totem copiam iam 
Lucullo nostro notam esse oportebit; nam his libris eum tnalo quam 
reliquo ornatu villae delectari. Est enim mihi magnae curae (quam- 
quam hoc quidem proprium tuum munus est) ut ita erudiatur f ut et 
patri et Caepioni nostro et tibi tarn propinquo respondeat. 
Laboro autem non sine causa; nam et avi eius memoria moveor 
(nee enim ignoras quanti fecerim Caepionem t qui, ut opinio mea 
fert, in prineipibus iam esset, si viveret), et Lucullus mihi 
versatur ante oculos, vir cum omnibus excellens, tum mecum amicitia 
et omni voluniate sententiaque coniunetus. Praeclare^ inquit, facis, 
cum et eorum memoriam tenes, quorum uterque tibi testamento li- 
ier os suos commendavit et puerum diligis. Quod autem meum munus 
dicis, non equidem recuso, sed te adiungo socium. Addo etiam illud % 
multa iam mihi darc signa puerum et pudoris et ingenii t sed aetatem 
vides. Uns interessirt hiervon die Person des von Cicero er- 
wähnten Caepio. Es ergibt sich für ihn aus dem Zusammenhange 
ohne weiteres soviel als sicher : 1) er war im Jahre 52 schon tot, 
aber er hätte normaler Weise damals noch am Leben sein können 



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74 Conrad Cicho riu s 

und hätte 2) dann seinem Alter und Range nach zu den führenden 
Staatsmännern (in principibus) gehört, also zu den Männern wie 
etwa Caesar, Pompeius, Cicero. Das ist mit Recht auf das Consulat 
bezogen worden, das Caepio nicht mehr erreicht hat, aber das er 
hätte erreichen können, wenn ihm ein längeres Leben beschieden 
gewesen wäre; er ist also wohl als Praetorier gestorben. All dies 
führt für ihn auf dasselbe Jahrzehnt von 110 — 100 als Geburts- 
zeit, während dessen auch jene drei Politiker geboren sind. 3) Bei 
seinem Tode hat Caepio Kinder, wenn wir den Plural liberos wört- 
lich zu nehmen haben, mindestens zwei hinterlassen. 4) Cicero 
muß er nahe gestanden haben (Caepioni nostro und quanti fccer im 
Cacpioneiu), wenn er ihm und Cato in seinem Testamente seine 
Kinder anempfiehlt. B) Der junge L. Lucullus ist sein Enkel, 
dessen Mutter, die Gemahlin des M. Lucullas, müßte also seine 
Tochter und eine Servilia gewesen sein. Daß Lucullus nach seiner 
Rückkehr aus dem Orient c. 65/64 in zweiter Ehe eine Servilia 
geheiratet hat und daß aus dieser Ehe mindestens ein Sohn stammte, 
wird uns auch bei Plutarch Cato 24, 29, 54, Luc. 38, berichtet. 
Prüfen wir nunmehr diese einzelnen Feststellungen daraufhin, ob 
sie auf einen der drei zeitgenössischen Caepiones passen oder ob 
sie zur Annahme eines weiteren von ihnen verschiedenen Mannes 
des Namens nötigen. Caepio Brutus scheidet ohne weiteres schon 
deshalb aus, weil er 52 ja noch am Leben und eben ihm Ciceros 
Werk de finibus gewidmet ist. Catos Bruder, den Münzer auch 
hier wieder erkennen will, ist ausgeschlossen, weil er 67 nur ein 
einziges Kind, ein kleines Mädchen hinterließ, das nicht schon 
65/64 den Lucullus geheiratet haben kann. Dagegen paßt wie- 
derum alles ausgezeichnet auf den vermutlichen Adoptivvater des 
Brutus Q. Servilius Caepio, wie anzunehmen war den Legaten des 
Pompeins. Dieser würde nach dem was sich oben für seine Lebens- 
zeit ergab, etwa zwischen 110 und 100 geboren sein und hätte 
nach Lebensjahren und zu erwartender weiterer Amterlaufbahn 
52 wohl zu den principes gehört. Daß er Cicero näher gestanden 
hätte könnte beim Schwiegersohne von dessen Freund Hortensius 
nicht verwundern. Er hat ferner bei seinem Tode mindestens 
einen Sohn, den Adoptivsohn Brutus, hinterlassen, aber seinem 
Lebensalter nach könnte er sehr wohl auch eine leibliche Tochter 
Servilia gehabt haben , die um 65/64 den Lucullus heiraten und 
von ihm den Sohn Marcus sowie einen früh verstorbenen Lucius 
(vgl. Drumann-Groebe IV 188) haben konnte. 

Freilich scheint einer Beziehung der Ciceroßtelle auf diesen 
Caepio zunächst eine große Schwierigkeit im Wege zu stehen. 



C. | Original from 

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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 75 

Plutarch bezeichnet nämlich an allen vier Stellen, wo er die Ge- 
mahlin des Lucallus nennt, sie als böblq»}, als Schwester Catos. 
Dann müßte sie eine Tochter des älteren Q. Caepio, des Quaestors 
von 100, und der Livia gewesen sein. Allein bei einer näheren 
Betrachtang jener^Stellen erheben sich wie mir scheint gegen diese 
Auffassung Plutarchs so schwer wiegende, freilich bisher noch 
nicht bemerkte Bedenken, daß ihre Glaubwürdigkeit auf das ern- 
steste erschüttert erscheinen muß. War Servilia die Schwester 
Catos, so stammte sie aus der ersten Ehe der Livia und konnte 
wie die nicht nach 99 geborene Servilia, die Mutter des Brutus, 
spätestens kurz nach 100 geboren sein. Sie würde also bei ihrer 
Heirat mit Lucullas und der Geburt ihres Sohnes, die mehr als 
20 Jahre nach der des Sohnes ihrer Schwester erfolgt wäre, schon 
in der zweiten Hälfte der Dreißiger gestanden haben, was zwar 
nicht unmöglich, aber nach dem römischen Brauche recht unwahr* 
scheinlich wäre. Auch ihr sittenloser Lebenswandel , der dann 
ihre Scheidung von Lucallus veranlaßt und sich auch noch lange 
nachher in skandalösester Weise fortgesetzt hat, spricht dagegen. 
Hier kommt zumal die Erzählung bei Plutarch Cato 54 in Be- 
tracht. Danach hätte Cato, als er 49 einen Truppentransport nach 
Kleinasien führte, Servilia und ihren Knaben mit bis Rhodos ge- 
leitet and die Tatsache, daß sie die Reise unter seiner Obhut und 
seiner Aufsicht machte, habe sie trotz des Rufes ihrer Sittenlosig- 
keit vor jedem Verdachte bewahrt; freilich habe Caesar (in seinem 
Anticato) gerade diese gemeinsame Reise dann zum Anlasse für 
Verdächtigungen gegen Cato benutzt. Wäre Servilia damals 50 
oder noch mehr Jahre alt gewesen, so wären diese Nachrichten 
ja direkt grotesk und von vornherein durchaus unglaubwürdig ge- 
wesen. Nicht minder grotesk wäre die sich dabei notwendig er- 
gebende Auffassung , daß der im Jahre 90 als Praetorier und ein- 
flußreicher Staatsmann gefallene Q. Caepio seine Kinder dem damals 
16jährigen eben erst mit der toga virilis bekleideten Cicero, dem 
unbekannten und noch unbedeutenden Rittersohne aus Arpinum, 
letztwillig als Beschützer anvertraut haben sollte. Aber als Haupt- 
argument gegen Plutarchs Bezeichnung der Servilia, der Frau des 
Lucullus, als Schwester Catos muß wieder die eigene ausdrück- 
liche Angabe Plutarchs in cap. 1 derselben Catovita geltend ge- 
macht werden, wo bei Aufzählung der Geschwister Catos nach 
Nennung der leiblichen Geschwister zugefügt wird i]v öi xal &p- 
ßtfo'tt Kdzavog 6/io/njTptog aöekcpi'j. Die sehr gut unterrichtete 
Quelle Plutarchs kannte also nur eine einzige Stiefschwester des 
Cato, nämlich die Mutter des Brutus. Demnach besteht ein schroffer, 



Original from 



UNIVERSITY 0F CALIFORNIA 



76 Conrad Cichoriua 

nicht zu überbrückender Widersprach zwischen den Angaben Ci- 
ceros, der als den Großvater des jongen Lucullus einen ihm selbst 
etwa gleichalterigen, erst kürzlich verstorbenen Caepio bezeichnet 
and die also auf Servilia als jüngere Frau deuten, und denen Plu- 
tarchs zu konstatieren, die auf einen um eine Generation älteren, 
seit fast 40 Jahren toten Mann dieses Namens und auf eine dann 
fast 50 jährige Tochter führen. Nur einer der Beiden kann Recht 
haben, der andere muß sich irren. Wer dies gewesen ist, ist nicht 
einen Augenblick zweifelhaft. Cicero schreibt als Zeitgenosse und 
wie er selbst sagt als naher Bekannter der betreffenden Persön- 
lichkeiten und vor allem widmet er gerade dieses Werk dem Brutus, 
dem allernächsten Verwandten der Familie. Es ist daher, obwohl 
Münzer dies für denkbar zu halten scheint, unbedingt ausgeschlossen, 
daß Cicero dem Brutus gegenüber einen so plumpen Fehler be- 
gangen haben sollte. Der Versuch die Schwierigkeit durch die 
schon im 16. Jahrhundert vorgeschlagene Textänderung avuneuli 
statt avi beheben zu wollen wäre unmethodisch und ist außerdem 
schon deshalb abzulehnen, weil wie Münzer darlegt gegen die Form 
avuneuli sprachliche Bedenken bestehen. Ganz anders als bei Ci- 
cero liegt die Sache bei Plutarch, der den Verhältnissen dieser 
um 200 Jahre zurückliegenden Familienverwandtschaften doch sehr 
fremd gegenübersteht, der nur aus literarischen Quellen seine 
Kenntnis davon entnimmt oder erschließt, und dem daher oft 
genug Irrtümer untergelaufen sind. Demnach müssen wir uns 
an die Angaben Ciceros halten und also statuieren, daß Ser- 
vilia, die Gattin des Lucullus, nicht die Schwester Catos son- 
dern eine andere Verwandte von ihm gewesen ist. Welcher Art 
diese Verwandtschaft war, ergibt sich ? nachdem wir uns einmal 
von der falschen Auffassung Plutarchs frei gemacht haben, aus der 
Cicerostelle ohne weiteres. Servilia kann nur die Tochter, nicht 
wie nach Plutarch zu folgern wäre, die Schwester des Q. Caepio, 
des Legaten von 67 und 66, gewesen sein und würde, wenn dessen 
Geburt zwischen 110 und 100 fällt, selbst schon zu Ende der 80 er 
Jahre geboren sein können. Sie wäre dann eins der Kinder ge- 
wesen, die Caepio in seinem Testamente Cicero anempfohlen hatte ; 
mit Cato wäre sie als Stiefenkelin seiner Mutter Livia und als 
Adoptivschwester seines Neffen Brutus verwandt gewesen. Der 
Irrtum Plutarchs erklärt sich unschwer. Er fand in seinen Quellen 
Nachrichten über eine sittenlose Servilia, Schwester Catos, d.h. 
die Mutter des Brutus, und er fand andere, wiederum den Lebens- 
wandel der betreffenden rügende Angaben über eine Verwandte 
Catos Servilia ohne nähere Bezeichnung des Verwandtschaftsgrades, 



I Original From 



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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 77 

nämlich über die Gemahlin des Lucullas. Er hat diese verschie- 
denen Berichte durcheinander geworfen und irrtümlich noch eine 
zweite Schwester Catos Servilia angenommen, die mit Lucullus 
verheiratet gewesen sei. Die von ihm gebotenen Nachrichten an sich 
sind dabei durchaus richtig. Es braucht nicht einmal an eine Ver- 
wechslung der Begriffe Schwester und Nichte, ideXtp^ und aöeXtpidfi 
gedacht zu werden, sondern Plutarch hat einfach die jüngere Ser> 
vilia eine Generation zu früh angesetzt. Daß wir ihm einen solchen 
Fehler unbedenklich zutrauen dürfen, lehrt in denkbar schlagender 
Weise die Tatsache, daß ihm eben in der Cato-Vita an einer an- 
deren Stelle ja ein ganz gleichartiges Versehen gerade bezüglich 
eines nahen Verwandten Catos schon längst nachgewiesen ist. In 
cap. 1 nennt er (vgl. oben S. 65) den Oheim Catos Livius Drusus, 
den Bruder seiner Mutter, statt deren dSektpbg ihren falog, Onkel, 
und Niemand hat je Bedenken getragen diese Bezeichnung als 
einen einfachen Irrtum des Autors zu verwerfen. Übrigens ist es 
für das den Gegenstand unserer Untersuchung bildende Problem, 
die Frage, wer der Bräutigam der Julia gewesen ist, gleichgiltig, 
ob Servilia die Stiefschwester oder die Nichte Catos war. 

Um zu diesem Problem selbst zurückzukehren, so hat sich 
gezeigt, daß der im Jahre 59 erst von Caesar, dann von Pompeius 
als Schwiegersohn ausersehene Servilius Caepio mit keinem der 
drei uns sonst bezeugten, zeitlich etwa in Betracht kommenden 
Männern dieses Namens identisch gewesen sein kann. Wir müssen 
in ihm also einen weiteren Caepio erkennen, der eben nur wegen 
seiner Rolle im Jahre 59 in der Literatur erwähnt wird. Auch 
über seine Persönlichkeit ergibt sich eine nahe liegende Vermutung. 
Der einzige damals, d. h. zwischen 67 und der Adoption des Brutus, 
etwa im August 59, noch nachweisbare Träger des Namens, der 
ehemalige Legat des Pompeius war mit Hortensia verheiratet und 
hatte mehrere Kinder, wie deren Erwähnung in seinem Testamente 
beweist. Diese Kinder werden damals bereits in heiratsfähigem 
Alter gestanden haben und als eins von ihnen wurde oben Ser- 
vilia, die Frau des Lucullus, nachzuweisen versucht. Caepio muß 
aber außer dieser Tochter mindestens noch ein weiteres Kind ge- 
habt haben. War es ein Sohn, so kann auch er etwa Ende der 
80 er Jahre geboren sein und wäre also im Jahre 59 gerade im 
üblichen Alter für eine Verlobung und auch alt genug gewesen, 
um bei den politischen Unruhen im Interesse Caesars eine aktive 
Rolle zu spielen. So darf wohl die Frage aufgeworfen werden ob 
nicht dieser anzunehmende junge Caepio der Schwiegersohn Caesars 
gewesen sein könnte. Daß er eine ebenbürtige Partie für Julia 



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Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 79 

gewesen wäre ist nicht zu bezweifeln, stammte er doch aus alier- 
ältestem patrizischem Adel, war Enkel des Hortensias, Urenkel 
des Cimbemsiegers Catulus, Schwager des Lucullus. Vor allem 
aber ist zu bedenken, daß er der Neffe der Servilia, der alten 
Freundin und wie die M^disance behauptete der Geliebten Caesars 
gewesen wäre, dem sie noch bis in seine letzten Lebensjahre nahe 
stand (Suet. 50 vgl. Cic. ad Att. XIV 21). Sie hatte gerade im 
Jahre 59 einen großen Einfluß auf Caesar ausgeübt, schreibt Cicero 
(vgl. oben S. 69) es doch ihrer Intervention bei Caesar zu, daß 
die Anzeige gegen ihren Sohn Brutus fallen' gelassen wurde und 
erzählt doch Sueton Caes. 50, daß Caesar ihr eben in diesem Jahre 
eine Perle im Werte von 6 Millionen Sesterzen zum Geschenk 
gemacht habe. Sie wird es gewesen sein, die die Verlobung zwar 
nicht wie Münzer glaubt ihres Sohnes, wohl aber ihres Neffen mit 
Caesars Tochter zustande gebracht hat. 

Nunmehr lassen sich auch die Schwierigkeiten, die oben hin- 
sichtlich des Caepio, des Bräutigams der Julia, testgestellt wurden, 
vielleicht beheben. Daß er vor 59 nicht erwähnt wird ist ohne 
weiteres verständlich, wenn er damals noch so jung war und also 
noch keine Amter hatte bekleiden können. Schwieriger sind die 
Fragen zu beantworten, warum er nach 59 nie mehr begegnet, 
warum er dann auch die Tochter des Pompeius nicht geheiratet hat, 
am auffallendsten endlich ist es, daß sein Vater Q. Caepio im Sommer 
dieses Jahres den M. Brutus adoptiert hat, was doch völlig unver- 
ständlich gewesen wäre, wenn Caepio selbst einen leiblichen Sohn 
hatte. Für all dies dürfte die einfachste Erklärung durch die 
Annahme gewonnen werden, daß der junge Caepio kurz nach 
jenen Ereignissen noch im Sommer 59 gestorben ist. Damit wäre 
zunächst Pompeia wieder frei geworden und konnte ihren früheren 
Bräutigam Faustus Sulla schließlich doch noch heiraten. Das Fehlen 
aller weiteren Nachrichten über ihn erklärte sich dann ganz ein- 
fach. Vor allem aber würde damit die Adoption des Brutus ver- 
ständlich. Mit dem jungen Caepio wäre im Sommer 59 der letzte 
Sproß der patrizischen Servilier dahingegangen; sein Vater durfte 
auf eigene Nachkommenschaft wohl nicht mehr rechnen und so 
drohte das alte Geschlecht auszusterben. Um dies zu verhindern 
hätte Caepio seinen Neffen Brutus, der mütterlicherseits von den 
Servilii Caepiones abstammte, adoptiert. Diese Adoption und da- 
mit auch der Tod des jüngeren Caepio müßte dann zwischen April 
oder Mai 59, wo die Verlobung der Julia gelöst. wird, und dem 
August 59 stattgefunden haben, wo Cicero in seinem Briefe an 
Atticus auf sie als etwas anscheinend noch neues hindeutet. Frei- 



Original frorn 
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80 Conrad Cichorius Ein Heiratsprojekt im Hause Caesars 

lieh der damit verfolgte Zweck ist nicht erreicht worden, da auch 
Brutus Caepio dann kinderlos gestorben ist, nachdem sein Adoptiv- 
vater Q. Caepio schon in den 50 er Jahren, sicher vor 52 *), dahin- 
geschieden war. So hat nur noch die plebejische Linie der gens, 
die der Vatiae bezw. der Isanrici weiterbestanden, bis auch sie 
dann im ersten nachchristlichen Jahrhundert, anscheinend unter 
Tiberius, ausgestorben ist. 



1) Falls sich die Mitteilung über eine an einen Caepio erfolgte Geldzahlung, 
die Cicero im Jahre 68 seinem Bruder Quintus in dem Briefe ad Qu. fr. I 3, 7 
anzeigt, wie anzunehmen ist auf den Adoptivvater des Brutus bezieht (diesen selbst 
nennt Cicero ja sonst nur Brutus) so wäre Caepio in jenem Jahre noch am Leben 
gewesen, sein Tod fiele also zwischen 58 und 52. 



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Die Politik in den Jenseitsvisionen 
des frühen Mittelalters 

Von 

Wilhelm Levison 

Mehr vielleicht als irgend eine andere Zeit des Abendlandes 
ist das Mittelalter von dem Gedanken an das Leben nach dem 
Tode erfüllt. Erst durch die Rücksicht auf das Jenseits erhält 
das Diesseits seine rechte Bedeutung. Und nicht nur in der Stunde 
des Todes und des jüngsten Gerichtes berühren sich beide Welten, 
auch für den Lebenden treten sie nicht selten in unmittelbare Be- 
ziehung. Im Wunder greift die übersinnliche Welt in das irdische 
Leben ein; in der Vision ist es einzelnen Menschen vergönnt, schon 
im Diesseits einen Einblick in das jenseitige Leben zu gewinnen. 
Und mit dem Gedanken an das Fortleben nach dem Tode ver- 
bindet sich die Vorstellung von einer Vergeltung in der anderen 
Welt, die sich so in Himmel und Hölle scheidet, denen sich bald 
das Fegefeuer als dritte Stätte der Abgeschiedenen anreiht. In 
der Visionsliteratur finden die Abstraktionen des Dogmas einen 
anschaulichen Ausdruck ; hier hat die religiöse Dichtung des 
Mittelalters eines ihrer eigensten Gebiete gefunden. Es ist eine 
lange Entwicklnngsreihe, deren Anfänge weit in vorchristliche 
Zeiten zurückreichen und neuerdings von philologischer 1 ) und theo- 
logischer Seite eifrig untersucht worden sind; hellenische und 
hellenistische, jüdische und christliche Prophetien und Apokalypsen, 
aber auch die Nekyia der Odyssee und das sechste Buch der 
Aeneis, Piaton und Ciceros Somnium Scipionis gehören in diesen 
Zusammenhang, während Lukian nur als Vorbild ganz anders ge- 
arteter Byzantinischer Hadesfahrten in Betracht kommt. Im Abend- 
lande bezeichnet Dantes gewaltige Dichtung den Höhepunkt der 

1) Ich denke außer an Iiohde's Psyche namentlich an Albrecht Dieterichs 
Nekyia (2. Aufl. 1913) und Eduard Norden's Erklärung des 6. Buches der Aeneis 
(2. Aufl. 1916). 

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82 Wilhelm Levison 

Entwicklung, und so hat sich denn auch die Danteforschung mit 
der mittelalterlichen Visionsliteratur beschäftigt, seit das Bekannt- 
werden der Visio Alberici zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Auf- 
merksamkeit auf diese „Vorläufer" des großen Florentiners hinge- 
lenkt hat. So haben u. a. Labitte 1 ), Ozanam 2 ) und d' An- 
co na 3 ) dort die Anschauungen aufgewiesen, in denen die Dichtung 
Dantes teilweise wurzelt. Wright 4 ) hat die Bedeutung der Vi- 
sionen als Quelle der Kulturgeschichte im allgemeinen hervorge- 
hoben, Fritzsche 5 ) hat eine nützliche Übersicht über den Stoff 
veröffentlicht, die sich allerdings in der Hauptsache auf Inhalts- 
angaben beschränkt und bei der Mitte des 12. Jahrhunderts Halt 
macht 6 ). Eine Geschichte der mittelalterlichen Jenseitsvisionen 
hätte im einzelnen darzulegen, wie die Vorstellungen von der an- 
deren Welt allmählich in immer reicherer Ausgestaltung erwachsen 
sind, müßte zeigen, was in den einzelnen Visionen überkommener 
Besitz, was besondere Zutat ist, hätte ebenso die Beziehungen der 
Visionäre zu ihren Vorgängern wie zu den Verhältnissen der 
eigenen Zeit aufzuweisen. Die folgenden Zeilen haben sich eine 
bescheidenere Aufgabe gewählt, indem eine zeitlich begrenzte Zahl 
von Jenseitsvisionen in einer bestimmten Hinsicht betrachtet werden 
soll. Einmal werden im wesentlichen nur diejenigen Visionen 
berücksichtigt, die dem Fränkischen Reiche und seinen Nachbar- 
ländern angehören, also etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundert bis 
zum Ende des 9. entstanden sind; dann aber sehe ich von den bei 
aller Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit doch gleichartigen Grund- 
bestandteilen vieler solcher Visionen, den Jenseitsschilderungen, 
ab, also gerade von den Teilen, auf denen vor allem die litera- 
rische Bedeutung der Visionen beruht, und beschränke mich auf 
ihre Beziehungen zur Zeitgeschichte. An den Hauptbeispielen soll 
gezeigt werden, wie sich die Tagesfragen des Diesseits darin geltend 
machen und dort nicht nur einen unwillkürlichen Widerhall finden, 
sondern wie die Visionen auch selbst geradezu in den Dienst der 

1) Charles Labitte, La divine comddie avant Dante (Etudes littoraires I, 
1846, S. 193—263). 

2) A. F. Ozanam, Dante et la philosopbie catholique au treizieme siecle, 
2. Aufl., 1845, S. 324 ff.; Oeuvres V«, 1Ö72, S. 397 ff. 

3) Alessandro d'Ancona, 1 precursori di Dante, 1874. 

4) Thoraas Wright, St. Patrices Purgatory, 1844. 

5) C. Fritzsche, Die lateinischen Visionen des Mittelalters bis zur Mitte des 
12. Jahrhunderts (Romanische Forschungen II, 13S6, S. 247—279 und III, 1887, 
S. 337—369). Dazu ein Nachtrag von E. Peters, eb. VIII (1896), 361—364. 

6) Vgl. u. a. auch Gius. Jac. Ferrazzi, Manuale Dantesco (Enciclopedia 
Dantesca) IV, Bassano 1871, S. 242— 254 und V, 1877, S. 172— 181 ; Fr. X. Kraus, 



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Die Politik in den Jengeitsvisionea des frühen Mittelalters 83 

Tagesinteressen gestellt, einem Worte Friedrich vonBezolcTs 1 ) 
nach mißbraucht werden, „um heilsamen Schrecken zu erregen oder 
gelegentlich sehr bestimmte materielle Forderungen durchzusetzen*. 
Wechselnd und mannigfaltig wie die Absichten, die darin ihren 
Ausdruck finden, werden auch die Bilder sein, die hier vorüber- 
ziehen; gemeinsam ist ihnen der Rahmen, die Beziehung zu einer 
übersinnlichen Welt; aber die Wünsche und Ziele des Diesseits, 
die sich die andere Welt zum Schauplatz wählen, sind jeweilig 
verschieden; so liegt es an dem Gegenstand, wenn auch die fol- 
genden Ausführungen mitunter nur durch ein loses Band zusammen- 
gehalten zu sein scheinen- 

• Man hat von der Heiligenliteratur der Merowingerzeit gesagt, 
daß sie zwar roh, aber (im allgemeinen) auch noch naiv ist, zwar 
der höheren Bildung entbehrt, aber auch höhere Heachelei nicht 
kennt 2 ), während mit der größeren Entfaltung der Hagiographie 
in der Karolingerzeit auch Erfindung und Fälschung um sich greifen. 
Dasselbe gilt von den Jenseitsvisionen; die der Merowingerzeit 
sind Träume oder Erzeugnisse einer krankhaft erregten Phantasie, 
deren Inhalt den herrschenden Jenseitsvorstellungen entspricht und 
daher unbefangen als wirklich hingenommen wird. Schon bei 
Gregor von Tours finden sich zwei Visionen, welche diese Art 
der Entstehung deutlich zu Tage treten lassen. Der Held der 
einen ist Bischof Salvias von Albi (f 584), auf dessen Erzäh- 
lungen Gregors Bericht zurückgeht 3 ). Indem Salvias sich über- 
mäßigen Entbehrungen unterwirft, wird er von heftigem Fieber 
ergriffen und glaubt nun den Himmel zu durchwandern; die Vision 
mit ihrem Reichtum an Lichtglanz und Himmelsdüften spiegelt so 
die Jenseitshoffnungen des Mannes wieder, aber Beziehungen zu 

Dante, 1897, S. 426 ff. ; Ernest J. Becker, A contribution to the comparative study 
of the medieval visions of Heaven and Hell, with special reference to the Middle- 
English versions, Dissertation Baltimore 1899; Karl Voßler, Die göttliche Komödie 
II, 1, 1908, S. 743ff.; M. Landau, Hölle und Fegefeuer in Volksglaube, Dichtung 
und Kirchenlehre, 1909; H.Gunter, Legenden-Studien, 190G, S. 147 ff.; ders., Die 
christliche Legende des Abendlandes, 1910, S. 108 ff., 213 f. Unzugänglich war mir 
Marcus Dods, Forerunners of Dante, Edinburgh 1903. 

1) Über die Anfänge der Selbstbiographie und ihre Entwicklung im Mittel- 
alter (Zeitschrift für Kulturgeschichte I, 1894, S. 157; Aus Mittelalter und Renais- 
sance, Kulturgeschichtliche Studien, 1918, S. 207). 

2) C. A. Bernoulli, Die Heiligen der Merowinger, 1900, S. 149. 

3) Historia Francorum VII, 1 (ed. Arndt, SS. R. Merov. I, 290 f.). Das 
Kapitel über Salvius wird später auch gesondert abgeschrieben und geht irrtüm- 
lich auch unter dem Namen Audomars; vgl. eb. V, 747 und Fr. Wilhelm und 
K. Dyroff, Die Lateinischen Akten des hl. Psotius (Münchener Museum I, 1911/12, 
S. 197). 

6* 



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84 Wilhelm Levison 

bestimmten Vorgängen oder Personen des Diesseits jfehlen voll- 
ständig. Anders die zweite Vision, die Gregor überliefert hat, 
und deren Kenntnis er keinem Geringeren als König Gunt- 
chramn verdankt (585), der darin das Ende seines 584 ermordeten 
Brnders Chilperich im Traume voraus geschaut hat; die Feind- 
schaften, die das Haus der Merowinger zerfleischten, sind hier in 
das Jenseits projiziert 1 ). Guntchramn sieht, wie drei Bischöfe 
Chilperich in Fesseln herbeischleppen und in einen Kessel voll sie- 
denden Wassers hineinstürzen, wo der König spurlos verschwindet. 
Gregor und andere Bischöfe hören Guntchramns Erzählung mit 
schanderndem Erstaunen an, an der Tatsächlichkeit des Vorgangs 
zweifeln weder der König noch die Zuhörer ; stand der Inhalt der 
Vision doch im Einklang mit der Beurteilung Chilperichs in kirch- 
lichen Kreisen, wie ihn denn der Bischof von Tours als den Herodes 
und Nero seiner Zeit bezeichnet hat. Gregor äußert keine Folge- 
rungen, aber unausgesprochen liegen sie in seiner Erzählung; wenn 
er erklärt, die malitia Chilperichs habe sein Verderben herbeige- 
führt. Wie nahe mußte es einer weniger naiven Zeit liegen, der- 
artigen Visionen nicht nur eine Nutzanwendung zu geben, sondern 
sie zur Einwirkung auf die Lebenden überhaupt erst zu erfinden. 
Den größten Einfluß auf die Vorstellungen des Mittelalters 
von der anderen Welt hat Papst Gregor der Große durch seine 
Dialoge ausgeübt, in deren viertem Buch er das Fortleben der 
Seele und ihre Schicksale nach dem Tode behandelt; es ist be- 
kannt, wie die Lehre vom Fegefeuer durch ihn an Verbreitung 
und Geltung gewonnen hat. Wie Gregor nach einem Worte Har- 
nack's 2 ) überall „das Geistige auf das Niveau eines grob-sinnlichen 
Verständnisses herabgedrückt" hat, wie Wundergeschichten über- 
haupt den wesentlichen Inhalt der Dialoge ausmachen, so sollen 
Visionen als Stütze von dogmatischen Sätzen dienen (Dial. IV, 36), 
sollen zeigen, daß nicht nur für carnalia, sondern auch für spiri- 
talia ein Beweis per ezpcrimentum möglich sei (eb. IV, 1). Man hat 
Gregors Dialoge nicht mit Unrecht das klassische Buch der Vi- 
sionäre genannt; die Einzelzüge, die er bei der Schilderung des 
Jenseits vorgebracht hat, werden immer von neuern wiederholt, 
gern beruft man sich zur Beglaubigung ähnlicher Geschichten auf 
seinen Vorgang, ohne sich dessen bewußt zu sein, wie sehr die 
Vorstellungen der Visionäre oft eben in seinen Erzählungen An- 
regung und Nahrung gefunden haben, ein Verhältnis, das bisweilen 
schon im bloßen Wortlaut zu Tage tritt. Im einzelnen gehören 

1) Gregor a. a 0. VIII, 5 (S. 320). 

2) Lehrbuch der Dogmengeschichte III*, 1910, S. 258. 



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Die Politik in den Jenseitsv isionen des frühen Mittelalters - 85 

seine Schilderungen der jenseitigen Welt nicht hierher; nur die 
bekannte Erzählung vom Schicksal Theoderichs des Großen 
muß wegen ihrer Beziehungen zur politischen Geschichte Erwäh- 
nung finden, sie soll bei Gregor als Beleg für den Satz dienen, 
daß das körperliche Feuer auch unkörperliche Geister erfassen 
könne- Theoderichs Streben, die Römer mit der Herrschaft der 
Ostgoten auszusöhnen, war gescheitert; in den letzten Jahren seiner 
Regierung war der Gegensatz zwischen Römern und Barbaren, 
Katholiken und Arianern zum offenen Ausbruch gekommen, der 
Hochverratsprozeß und die Hinrichtung von Boethius und Sym- 
machus, der Tod von Papst Johannes im Gefängnis hatten tiefen 
Eindruck gemacht. Die kirchliche Sage hat sich denn dieser Er- 
eignisse bemächtigt; der Gegensatz gegen den Arianer findet in 
der von Gregor überlieferten Vision seinen Ausdruck 1 ). Ein Ein- 
siedler auf der Insel Lipari bei Sizilien sieht am Todestage des 
Gotenkönigs, wie dieser barfuß und mit gefesselten Händen von 
Symmachus und Papst Johannes herbeigeschleppt und in den Vulkan 
der Insel hinabgestürzt wird; im Leben scheinbar Sieger, wird 
Theoderich so im Tode doch der Besiegte seiner Opfer. Die Ge- 
schichte ist oft nacherzählt worden und hat Schale gemacht. So 
berichtet man im 9. Jahrhundert zu Saint-Denis eine ähnliche Vi- 
sion, deren Held König Dagobert I. ist, der Gründer und Wohl- 
täter des Klosters 2 ). Auch hier sieht ein Einsiedler auf einer 
kleinen Insel bei Sizilien, wie Dagobert von bösen Geistern unter 
Mißhandlungen zu einem Vulkan gebracht wird; aber er entgeht 
dem Schicksal Theoderichs, da die Heiligen Dionys, Mauritius und 
Martin, gegen deren Kirchen er sich besonders freigebig erwiesen 
hat, nnter Donner und Blitz zu seiner Hilfe erscheinen und die 
Seele zum Himmel emportragen. Entgegengesetzte Tendenzen 
kirchlicher Sage finden so in gleicher Weise in der Form der Vi- 
sion entsprechenden Ausdruck. 

Gregors Bedeutung für die Entwicklung dieser Literatur- 
gattung tritt aufs deutlichste schon in der Vision des Barontus 
vom Jahre 678/79 zu Tage, die im Kloster Longoretus (heute Saint - 
Cyran, dep. Indre) in der Gegend von Bourges entstanden ist, der 
ersten Fränkischen Vision, die anders als die wenig älteren Ge- 
sichte des im Frankenreich heimisch, gewordenen Iren Furseas 8 ) 

1) Dial. IV, 31 (SS. R. Langob. S. 540). 

2) Gesta Dagobert! I. c. 44 (SS. R. Merov. II, 421 f.): vgl. S. 3% und Krusch, 
Forschungen zur Deutscheu Geschichte XXVI (lÖöO), 165 f. 

3) Die Visionen des FurseuB, deren Inhalt hier nicht in Betracht kommt, 
sind in die bereits von Beda (Hist. eccl III, li») ausgeschriebene Vita Für sei 



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86 - Wilhelm Levieon 

nicht in den Rahmen eines größeren Werkes eingefügt ist, sondern 
als selbständiges, in sich abgeschlossenes Ganzes auftritt 1 ). Es 
handelt sich wirklich um die Fieberphantasien eines Mönches, nicht 
am bewußte Erfindung, und in seiner Unmittelbarkeit veranschau- 
licht das kleine, wenig beachtete Denkmal wie wenige andere den 
Durchschnitt der religiösen Vorstellongswelt jener Zeit. Diesseits 
und Jenseits gehen in der krausesten Weise in einander über, die 
Eindrücke des Klosterlebens verbinden sich mit den an Gregor ge- 
nährten Jenseitshoffnungen und -befürchtungen zu einem bunten 
Bilde. Auch im Paradiese liest der Priester in der Kirche die 
Messe, helfen geweihte Kerzen gegen die Nachstellungen der Teufel, 
und recht irdisch mutet es an, wenn der Apostel Petras, als gate 
Worte bei den bösen Geistern nichts ausrichten, energisch zam 
Schlüsselbunde greift (er führt hier drei Schlüssel) und damit er- 
folgreich die Köpfe der armen Teufel bearbeitet; wie sehr hier 
alles ins Grobsinnliche verzerrt ist, das besagt genügend die eine 
Tatsache, daß der Niederschrift der Vision mit ausdrücklichem Hin- 
weis eine Abbildung dieser vom Visionär geschauten Himmels- 
schlüssel beigegeben ist. Und nun machen sich darin aach die 
Wünsche und Gegensätze des Tages geltend. Im Paradies findet 
Barontus verstorbene Klosterbrüder, und mit dem stolzen Bewußt- 
sein, daß nie ein Angehöriger seines Klosters dem Teufel anheim- 
gefallen ist, verbinden sich recht irdische Gedanken, wenn bei den 
Tagenden des Abtes Frankard nicht vergessen wird, wie viele 
Schenkungen durch seine Einwirkung den Klosterbesitz vermehrt 
haben. Damit gehört es in eine Reihe, wenn Barontas in der 
Hölle zwei Bischöfe Vulfoleod und Dido erblickt. Beide sind auch 
sonst bekannt; sie waren wenige Jahre vor der Vision gestorben, 
Vulfoleod als Bischof von Boarges, also als Diözesanbischof des 
Visionärs, Dido als Bischof des Nachbarsprengeis Poitiers. Der 
Gegensatz zwischen Weltgeistlichkeit und Mönchtam tritt hier 
wie so oft im Mittelalter entgegen, obgleich in diesem Falle die 
näheren Ursachen unbekannt sind; wenn aber Vulfoleod in Gestalt 

aufgenommen; doch hat Krusch sie von deren Ausgabe (SS. R. Merov. IV, 423 ff. ; 
vgl. eb. S. 779 f. und VII, 837 ff.) ausgeschlossen und nur in der Einleitung S. 425 f. 
zusammenfassend gewürdigt, so daß man für die Visionen auf die älteren Aus- 
gaben zurückgehen muß. 

1) Vgl. meine Ausgabe der Visio Baronti, eb. V, 368—394; vgl. VII, 846. 
Die auf Tafel I von Band V wiedergegebenen Bilder der aus St. Remi in Reims 
stammenden Petersburger Handschrift erinnern in der ganzen Art der Ausführung 
an den berühmten Utrecht-Psalter, dessen Herkunft aus dem Reimser Kreis ja 
Adolf Goldschmidt und Graf Paul Durrieu gezeigt haben ; auf die Ähnlichkeit hat 
mich schon vor Jahren Dom Henri Quentin hingewiesen. 



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Die Politik in den Jenseitevieionen des frühen Mittelalters 87 

eines Bettlers in der Hölle sitzt, so wird man sich wohl nicht 
weit von der Gedankenrichtung des Mönches entfernen mit der 
Annahme, daß nach seiner Meinung der Bischof im Diesseits kein 
sonderlicher Freund der Armut, vielmehr recht habgierig gewesen 
ist: in Besitzstreitigkeiten seines Klosters wird man vielleicht den 
Anlaß dafür erkennen dürfen, daß Barontus die Bischöfe als Ver- 
dammte in der Hölle zu erblicken glaubt. Die ganze Art der Vi- 
sion bürgt dafür, daß es sich um ein Erzeugnis naiven Glaubens 
handelt, dessen Aufzeichnung dann natürlich auf die Besserung 
der sündigen Menschheit hinwirken will; wenn aber solche Er- 
zählungen Glauben fanden, wie leicht konnte man dann dazu 
kommen, ähnliche Geschichten für praktische Zwecke zu erfinden 
oder zurechtzumachen. 

Welche Wirkung man sich von den Visionen versprach, zeigt 
auch Beda, der im fünften Buch seiner Kirchengeschichte (V, 12 
bis 14) die Erzählung unterbricht, um drei Visionen einzuschalten, 
die sich damals zugetragen haben sollen ; wie er sonst etwa Wunder- 
geschichten einfügt, so hier die Visionen ad excitationem viventium 
de motte animae, ob salutem legentium sive audientittm, •und er schließt 
mit dem Wunsch, daß die drei Erzählungen recht wirksam sein 
möchten ; sie gehören denn auch zu den verbreitetsten Erzählungen 
dieser Art. Erwähne ich noch einen ähnlichen Bericht des Bo ni- 
fatius 1 ) und die Vision einer Unbekannten, die ebenfalls mit den 
Briefen des Bonifatins und seines Schülers und Mainzer Nach- 
folgers Lullus überliefert ist 2 ), beide reich an Einzelzügen in der 
Schilderung des Jenseits und beide voll persönlicher Hindeutungen 
auf Verstorbene und Lebende, deren Sünden gegeißelt werden, so 
ist die Grenze der Karolingerzeit erreicht und damit diejenige 
Zeit, in der die eigentlich politischen Visionen aufkommen. Zu- 
nächst sind sie freilich auch weiterhin harmlos; der Eindruck von 
Ereignissen und Personen auf den Visionär spiegelt sich darin 
wieder, ohne daß man an dessen gutem Glauben zu zweifelq 
brauchte. So sieht ein Mönch Rotchar Karl den Großen 
mitten unter den Heiligen und erfahrt von ihm, daß ihn die Für- 
bitte der Gläubigen von Strafe befreit und an diese Ruhmesstätte 
gebracht habe 3 ). Weniger gut ergeht es Karl in einer der hervor- 



1) Briefe des hl. Bonifatius und Lullus Nr. 10 (her. von Tang), Epistolae 
Belectae I, 1916, S. 7 ff.). Über eine aus Italien stammende Bearbeitung s. Neues 
Archiv 32, 1907, S. 380 ff. 

2) Eb. Nr. 115 (S. 247 ff.). 

3) Die Visio Rotcbarii, von der Mabillon, Acta sanetorum ordinis S. Bene- 
dict IV, 1 (1677), 667 f. einen Auszug mitgeteilt hatte, hat Wattenbach heraus- 



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88 Wilhelm Levison 

ragendsten Visionen des nennten Jahrhunderts, der Visio Wettini, 
in der auch öffentliche Angelegenheiten eine gewisse Rolle spielen. 
Im Jahre 824 erkrankt der Mönch Wetti anf der Reichenan und 
stirbt nach fünf Tagen, nachdem er am Tage vor dem Tode in 
Fieberphantasien das Jenseits durchwandert zu haben glaubt. Wir 
besitzen zwei Aufzeichnungen über seine Gesichte, in Prosa von 
Heito, in gebundener Rede von Walahfrid Strabo *), Wie wenig 
man hier noch an eine Ausbeutung des Visionsglaubens dachte, 
dafür ist es bezeichnend, daß man sich ängstlich bemüht, keinen 
Anstoß zu erregen, und sich nicht getraut, die Namen derer zu 
nennen, denen in der Vision ein unerfreuliches Los zuteil wird: 
Heito unterdrückt die Namen überhaupt, während Walahfrid sie 
in den Anfangsbuchstaben der Verse versteckt. Auch Wettis Ge- 
danken beschäftigen sich mit dem Schicksal Kaiser Karls; er muß 
im Fegefeuer seine Ausschweifungen büßen, und der Visionär sieht 
mit Erstaunen, daß ein so großer Mann, der unter den Zeitgenossen 
nicht seinesgleichen hatte, hier schmähliche Strafe erdulden muß; 
aber er vernimmt doch die tröstliche Kunde, daß der Kaiser 
dennoch für dfe ewige Seligkeit bestimmt sei. Grafen müssen ihre 
Habgier und Ungerechtigkeit büßen , während Karls Schwager 
Gerold, der 799 im Kampf gegen die Avaren gefallen war, an 
ehrenvoller Stelle unter den Märtyrern erscheint, und man versteht 
diese Anschauung des Visionärs um so mehr, wenn man liest, daß 
Gerold einst dessen Kloster reich beschenkt und dort auch sein 
Grab gefunden hatte. Vergegenwärtigt man sich noch, daß bei 
Wetti ein Bischof Adalhelm im Fegefeuer dafür bestraft wird 
daß er einer Vision keinen Glauben geschenkt hat, so liegen die 
Elemente auf der Hand, die zu einer Ausbeutung des Visions - 
glaubens veranlassen konnten: wie man hier im gaten Glauben 
dem einen im Jenseits die Seligkeit, dem anderen die Qualen des 
Fegefeuers oder der Holle zuteil werden ließ, so mochte man auch 
ähnliche Dinge mit Absicht erfinden, um von gewissen Handlungen 
abzuschrecken oder zu anderen anzuspornen. Dies ist denn in der 
Tat im 9. Jahrhundert mehr als einmal geschehen. 



gegeben, Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, Neue Folge XXII (1875), 73 f. 
Der 1731 zum großen Teil verbrannte Cottonianus Otho A. XIII enthielt den- 
selben Text; vgl. SS. R. Merov. V, 374 f. (vgl. VII, 846). 

1) Heide herausgegeben von E. Dümmler. MG. Poetae II, 267—275 und 301 
bis 334. Vgl. K. Plath, Zur Entstehungsgeschichte der Visio Wettini des Walah- 
frid (Neues Archiv XVII, 1892, S. 261—279) — Eine von K. Hampe herausge- 
gebene, Heito gewidmete Vision (Neues Archiv XXII, 1897, S. 628— 633) entbehrt 
der Beziehungen zur Zeitgeschichte. 



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Die Politik in den Jenseitsvisionen dos frühen Mittelalters 89 

Es lag dies in der Richtung, welche die Literatur in der 
Karolingerzeit genommen hatte. Die Schrift war eine Waffe ge- 
worden, deren man sich mit Geschick bediente, um auf die Gegen- 
wart einzuwirken. Es entstehen Streitschriften, zunächst auf theo- 
logischem Gebiet im Zusammenhang mit dem Wiedererwachen 
dogmatischer Interessen; bald greift man auf andere Gebiete hin- 
über. Das Mittelalter sieht damals seine erste Publizistik ent- 
stehen, wenn sie sich auch weder nach Inhalt noch nach Umfang 
etwa mit den Streitschriften aus der Zeit des großen Kampfes 
zwischen Kaisertum und Papsttum vergleichen läßt. Nicht nur 
die Erörterungen allgemeinerer Art nehmen zu, wie die meist auf 
erbauliche Mahnungen beschränkten „Fürstenspiegel" ; während der 
Wirren zur Zeit Ludwigs des Frommen treten Streitschriften 
hervor, die auf den Augenblick berechnet sind, wie die Pamphlete 
Agobards von Lyon zu Gunsten der aufständischen Söhne des 
Kaisers. Und man ist auch nicht sonderlich wählerisch in den 
Mitteln, um wirkliche oder angebliche Rechte durchzufechten; ist 
doch das 9. Jahrhundert eine Zeit großer Fälschungen: es genügt 
an Pseudo-Isidor zu erinnern oder an die Bischofsgcschichte von 
Le Mans mit ihren dreisten Erfindungen von Begebenheiten und 
Urkunden, und in dieselbe Reihe gehört teilweise z. B. auch Hink- 
mars Vita Jicmigiij wo mehr als ein Wunsch des Reimser Kirchen- 
fürsten als in der Vergangenheit verwirklicht hingestellt wird. 
Wenn man durch die Erfindung von Präcedenzfällen Eindruck zu 
machen hoffen durfte, um wie viel mehr mußte da der Hinweis 
auf das Jenseits und die Berufung auf die Autorität überirdischer 
Gewalten wirksam sein! Nicht immer mochte man dem Glauben 
der Zeitgenossen so plumpe Mittel zumuten können wie den an- 
geblichen Brief des Apostels Petrus, der einst den päpstlichen 
Wünschen auf die Hilfe König Pippins gegen die Langobarden 
beschwörend hatte nachhelfen müssen l ). Ein öfter anwendbares 
und wohl noch eindrucksvolleres Mittel bot die Vision dar, um 
die Gestalten von Himmel und Hölle in den Dienst des Tages zu 
stellen, im Sinne von Vergils Wort : 

Discitc iustUiam moniti et non temnere divos. 
Denn Gläubige fanden Visionäre in dieser Zeit immer; Zweifel 
begegnen nur vereinzelt, wenn etwa Walahfrid sich gegen solche 
wenden muß, welche die Gesichte Wettis für leere Träume er- 
klärten 2 ). Für die Bedeutung, die das 9. Jahrhundert den Visi- 

1) Codex Caroliuus Nr. 10 (MG. Epist. III, 501 ff.). 

2) Vgl. auch die Unterscheidung der Libri Carolini III, 20 (Migne 9tf, 1172) 
zwischen Visionen und Träumen und dazu den Brief Papst Hadrians, MG. Epist. 
V, 20 (c. 13). 



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90 Wilhelm Levison 

onen beilegte, ist es bezeichnend, daß König Aethelwnlf von Eng- 
land die Vision eines Priesters für wichtig genug hält, um sie 
Ludwig dem Frommen mitteilen zu lassen 1 ). Dessen Sohn Ludwig 
der Deutsche sieht 874 in einem Traumgesicht, wie sein Vater im 
Fegefeuer gepeinigt wird; er läßt daraufhin an die Klöster seines 
Reiches die Aufforderung ergehen, dem verstorbenen Kaiser durch 
Gebete zu Hilfe zu kommen *). Bei diesem Ansehen der Visionen 
ist es denn begreiflich, daß der Visionsglaube nicht weniger miß- 
braucht worden ist als der nahverwandte Wunderglaube. Von der 
Beurteilung der mittelalterlichen Visionen gilt nun das Gleiche 
wie von der der Wunder. Ein falscher Rationalismns, der hier 
überall Betrug und nichts als Betrug witterte, ist heute über- 
wunden, an die Stelle bloßer Verneinung psychologische Erklärung 
getreten ; die Tatsachen, die einem vermeintlichen Wunder zu 
Grunde lagen, kümmern uns weniger als der Glaube, der irgend 
welche Vorgänge als Wunder erscheinen ließ. Und doch bleibt 
daneben in manchen Fällen eine Auffassung berechtigt, wie sie be- 
sonders im 18. Jahrhundert begegnet, nur daß sie den Teil für 
das Ganze nahm, die Annahme bewußten Betruges über Gebühr 
verallgemeinerte. Die Grenzen sind freilich im Einzelfalle nicht 
immer leicht zu ziehen, und wenn nunmehr gerade solche Beispiele 
hervorgehoben werden sollen, in denen es sich nicht um Selbst- 
täuschung, sondern um die bewußte Täuschung anderer handelt, 
so kann bei dieser Einschätzung ein gewisses Maß subjektiven Er- 
messens nicht ausgeschaltet werden, und ich muß darauf gefaßt 
sein, daß andere im einzelnen anders urteilen und an dem guten 
Glauben eines Visionärs oder auch an dem beliebten Begriff einer 
Volkssage festhalten werden, wo ich absichtliche Erfindung zu 
praktischen Zwecken und nicht nur Parteinahme, sondern auch den 
Zweck der Propaganda und bewußte Ausbeutung von Leichtgläubig- 
keit zu erkennen glaube. 

Wie schwer hier in der Tat bisweilen die Grenze zu ziehen 
ist, möge das nächste Beispiel zeigen. Die Bestimmungen über die 
Teilung des Reiches, die Karl der Große für den Fall seines Ab- 
lebens 806 getroffen hatte, waren durch den Tod der beiden älteren 
Söhne hinfällig geworden; Ludwig der Fromme wurde Beherrscher 
des ganzen Reiches, nur in Italien gebot unter seiner Oberhoheit 
Bernhard, der junge Sohn seines verstorbenen Bruders Pippin. 
Nach dem Erlaß des Reichsgesetzes von 817, das den Gedanken 
der Reichseinheit mit dem Fränkischen Erbfolgerecht zu verbinden 

1) Annales Bertiniani a. 839 (ed. Waitz S. 18 f.). 

2) Annales Fuldenses ed. Kurze S. 82. 



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Die Politik in den Jenseitsvisionen des frühen Mittelalters 91 

sucht, erhebt Bernhard die Fahne des Aufrohrs; die Empörung 
scheitert, er wird 818 von einer Reichsversammlung zum Tode 
verurteilt, vom Kaiser zur Blendung begnadigt und stirbt nach 
wenigen Tagen an deren Folgen. Die Phantasie des Volkes be- 
schäftigte sich mit dem Schicksal des unglücklichen Königs; in 
Italien schrieb man die Schuld an seinem Untergang der Kaiserin 
Irmingard zu, die einige Monate nach Bernhard starb, so daß ihr 
Tod leicht als Strafe des Himmels gedeutet werden konnte. Auf 
diesem Hintergrunde erhebt sich nun die kleine Visio paupcrculae 
mulicris '), die Vision eines armen Weibes im Gau von Laon, die 
in der Ekstase durch das Jenseits geführt wird und lauter Dinge 
sieht, die das Karolingische Hau9 betreffen. Auch hier muß Karl 
der Große wie bei Wetti Qualen erdulden, von denen ihn aber 
Ludwig der Fromme durch gute Werke erlösen kann. Übel er- 
geht es Ludwigs 816 verstorbenem Schwiegersohn Picco (Bego), 
dem wegen seiner unersättlichen Habgier Teufel (nach dem be- 
rühmten Vorbild des Mithridates) flüssiges Gold in den Mund 
gießen. Die Kaiserin Irmingard ist von drei Mühlsteinen nieder- 
gestreckt und beauftragt die Visionärin Ludwig um Beistand an- 
zugehen. Endlich gelangt diese zur Mauer des irdischen Paradieses 2 ), 
in das niemand Einlaß findet, dessen Namen nicht mit goldenen Buch- 
staben an der Mauer verzeichnet steht. Da ist der Name König 
Bernhards mit leuchtenden Lettern angeschrieben, so daß er die 
anderen Namen überstrahlt, vor allem den des Kaisers, der kaum 
mehr entziffert werden kann, obwohl er einst vor allen hervor- 
leuchtete, ehe Ludwig den Mord an Bernhard beging: lllius intcr- 
fectio istius oblitteratio fuit. Damit wird die Frau ins Diesseits 
zurückgeschickt mit dem Auftrag, was sie erfahren, dem Kaiser 
getreulich zu berichten. Sie wagt es nicht, den Befehl auszu- 
führen, und folgt ebensowenig einer zweiten Mahnung ; beim dritten 
Mal wird sie mit Blindheit gestraft und erhält das Augenlicht erst 
wieder, als sie Ludwig ihre Vision erzählt. 

Dieser Abschluß der Geschichte ist vielleicht für ihre Beur- 
teilung entscheidend. Die Vision zeigt, welchen Eindruck der Tod 
Bernhards hinterlassen hat, und sicherlich handelt es sich um Er- 
findung, aber doch möglicherweise um harmlose Erfindung ohne 
praktischen Zweck. Man hat allerdings auch hier einen solchen 
angenommen und nicht ohne Grund. Ludwig hat 822 zu Attigny 

1) Bei Wattenbach, Deutschlands Geschichtequellen im Mittelalter 1 6 (1893), 
277 f. 

2) Ober das irdische Paradies s. Arturo Graf, Miti leggende c superstizioni 
del medio evo 1, 1892. 



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92 Wilhelm Levison 

wegen des Verfahrens gegen seinen Neffen öffentliche Kirchenbuße 
getan, and mehr: als er 833, von seinen Söhnen der Herrschaft 
beraubt, zu Soissons abermals und nunmehr unfreiwillig sich der 
Kirchenbuße unterzieht, da enthält das Sündenverzeichnis, das ihm 
die Bischöfe aufgenötigt haben, auch den Vorwurf, daß er den 
Tod Bernhards zugelassen habe, obwohl er ihn hätte verhindern 
können, und wie in der Vision wird das Verschulden des Kaisers 
als homicidium bezeichnet. Man hat in diesen Tagen der Demüti- 
gung mit allen Mitteln der Überredung und des geistigen Zwangeö 
auf ihn eingewirkt, um ihn zur Buße zu veranlassen. So liegt 
der Gedanke recht nahe, daß auch die Vision nur ein Mittel war, 
um Ludwig zu beeinflussen, der den Visionsglauben seiner Zeit 
sicherlich im vollsten Maße teilte, und man mag auch geltend 
machen, daß die Aufforderung, Karl dem Großen und Irmingard 
durch gute Werke Linderung zu verschaffen, doch ausdrücklich an 
den Kaiser selbst gerichtet ist. Wenn mir trotzdem der praktische 
Zweck der Vision nicht sicher erscheint, so bestimmt mich zu 
diesem Urteil die Geschichte von dem dreimaligen Befehl, von der 
Erblindung und Heilung der Visionärin, die allzu sehr an ähnliche 
legendenhafte Erzählungen erinnert, und mindestens müßte die 
Vision doch wohl nachträglich in diesen Rahmen eingefügt worden 
sein. Es ist unzweifelhaft eine Tendenzdichtung, in der für den 
toten Bernhard gegen Ludwig Partei ergriffen wird, und politisch 
ist die Vision durch ihren Inhalt; ob sie aber auch politischen 
Absichten ihre Entstehung verdankt, muß dahin gestellt bleiben. 
Um so unbedenklicher kann diese Frage bei den Revelationen 
des Audradus Modicus 1 ) bejaht werden, der dem Martinkloster 
zu Tours angehörte und 847 Chorbischof von Sens geworden ist. 
Er hat seine zu verschiedenen Zeiten kundgegebenen Offenbarungen 
später zu einem einheitlichen Ganzen verarbeitet, dem Kraft und 
eine gewisse Größe innewohnt; aber hier bleibt über die Ziele der 
Visionen ebensowenig ein Zweifel wie über die Wege, die Audrad 
zu deren Verwirklichung eingeschlagen hat. Er erscheint wie ein 
Prophet, dem eine legal io für die Barche übertragen ist; dabeisind 
die nur in Bruchstücken erhaltenen Visionen, denen heute eine 
Schilderung des Jenseits fehlt, erfüllt von Anspielungen auf Er- 
eignisse der Jahre 840 bis 853, die nachträglich zu Zeichen Gottes 
und zu Strafgerichten umgedeutet werden, um auf ein dieser Deu- 

1) Die Bruchstucke seiner Revelationen hat L. Traube gesammelt, 0. Roma 
nobili6 (Abhandlungen der Münchener Akademie der Wissenschaften, Pbilos.-philol. 
Klasse XIX, 1892, ö. 374—391), der auch seine Gedichte herausgegeben hat, 
MG. Poetae Latini 111, 67 ff, 739 ff. 



C Original Frort! 



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Die Politik in den Jenseitsvisionen des frühen Mittelalters 93 

trag entsprechendes Verhalten hinzuwirken, und neben Wünschen 
allgemeinerer Art wie nach Herbeiführung des Friedens treten 
recht bestimmte Ziele des Propheten zu Tage. Das Martinkloster, 
dem Audrad angehört hatte, stand damals wie so viele Stifter und 
Klöster Frankreichs unter der Leitung eines Laien *), was in dieser 
wilden Zeit weder dem wirtschaftlichen noch dem geistlichen Leben 
der Insassen förderlich sein konnte; nun fiel dieser Laienabt, Graf 
Vivian, 851 auf einem Feldzuge in der Bretagne, und das Streben 
der Kongregation ging dahin, die Einsetzung eines neuen Laien- 
abtes zu verhindern und wieder ein geistliches Oberhaupt zu er- 
halten, die überirdische Welt soll diesen Wünschen größere Au- 
torität verleihen. Da erscheint Christus selbst und hält über die 
Franken Gericht ab, und an König Karl den Kahlen ergeht der 
Befehl, die Kirchen ihrem status wiederzugeben, jedem ordo sein 
gebührendes Haupt zu bestellen; seine Niederlage in der Bretagne 
wird ihm prophezeit als Strafe dafür, daß er bisher Kirchen de 
suo statu entfremdet habe, und für die Zukunft wird ihm alles 
Gute in Aussicht gestellt, wenn er alle die Kirchen in statum 
suum wieder einsetze, welche der Herr im Kriege gegen die Briten 
von ihren Laienäbten befreien werde — es wird sogar ausdrück- 
lich auf Vivian und das Martinkloster Bezug genommen. Deut- 
licher können sich Visionen schwerlich als Erfindungen verraten, 
die im Stile der Propheten zur Erreichung bestimmter Zwecke 
gemacht worden sind, und recht naiv berichtet Audrad, wie seine 
Gesichte dem König hinterbracht werden. Wirklich schien er seinen 
Zweck zu erreichen : 853 versprach Karl unter dem Eindruck dieser 
Revelationen, St. Martin und alle anderen Kirchen, die gerade frei 
wären, keinem Laien zu übertragen und binnen zwei Monaten ihrer 
Bestimmung zurückzogeben. Was sich durch menschliche Über- 
redung nicht erreichen ließ, schien so durch Berufung auf die in 
der Ekstase erhaltenen Befehle des Himmels erreicht zu sein. 
Schließlich hat Karl sein Versprechen doch nicht ausgeführt. 
Dieser Mißerfolg hat Audrad freilich nicht abgehalten, noch 
ein zweites Mal den Visionsglauben des Königs auf die Probe zu 
stellen; diesmal sollen Visionen die Weihe eines mißliebigen 
Bischofs von Chartres verhindern, und es ist für den Geist der 
Zeit recht bezeichnend, daß Audrad seine Absichten zwar nicht 
durchgesetzt, aber doch einen Aufschub bewirkt hat, daß man es 



1) Über Laienäbte vgl. jetzt Karl Voigt, Die karolingischc Klosterpolitik 
und der Niedergang des westfränkiseben Königtums (Stutz, Kirchenrecbtliche Ab- 
handlungen 90/91), 1917; über Tours S. 35, 93. 



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94 WilhclmLevison 

für nötig hält, dem König einen Bericht über die sehr durchsich- 
tigen Visionen zu senden, denen man wie auch anderen Revela- 
tionen des Verfassers Schwung des Entwurfes und Kraft der Durch- 
führung nicht absprechen kann. 

Audrad ist nicht der einzige in jener Zeit, der den Glauben 
an die objektive Wahrheit der Visionen für die Fragen des Dies- 
seits auszunutzen versucht hat; ganz besonders scheint man es in 
Reims verstanden zu haben, den Visionsglauben derart zu ver- 
werten, und handelt es sich bei den Revelationen Audrads doch 
nur um die Wünsche eines engeren Kreises, so spielen die Reimser 
Visionen in die große Politik hinein. Vor allem ist in diesem Zu- 
sammenhang Erzbischof Hink mar von Reims zu nennen, sicher- 
lich einer der hervorragendsten Männer seiner Zeit, aber auch er 
in seinen Mitteln nicht allzu wählerisch 1 ). Wie mehr als eine 
falsche Urkunde in seinen Werken zum ersten Mal auftaucht, so 
begegnet bei ihm zuerst auch die berühmteste der politischen Vi- 
sionen des 9. Jahrhunderts, die Visio Euc/terH, vor allem bekannt 
durch die Erörterungen über die sogenannte Säkularisation des 
Kirchenguts unter Karl Martell. Bischof Eucherius von Or- 
leans, der Angehörige eines mächtigen Geschlechts, das Karl 
längst unbequem geworden war, wurde 732 von ihm nach dem 
Sieg über die Araber in die Verbannung geschickt und ist 738 
fern von seinem Bischofsitz in klösterlicher Haft gestorben. Wir 
besitzen eine alte kurze Lebensbeschreibung des Mannes, in der 
von der Vision noch nichts verlautet 2 ); Hinkmar berichtet nach 
mehr als einem Jahrhundert zuerst von einer solchen. 858 war 
Ludwig der Deutsche in das Reich seines westfränkischen Bruders 
eingefallen, der nach Burgund fliehen mußte. Der zunächst siegreiche 
König forderte die Bischöfe des Westreiches auf, zu Reims vor 
ihm zu erscheinen; sie schicken jedoch von Quierzy aus eine von 
Hinkmar verfaßte ablehnende, ebenso stolze wie mutige Antwort 5 ). 
Wohl entschuldigen sie ihr Ausbleiben, richten aber dann die ein- 
dringlichsten Ermahnungen an Ludwig, der sich fragen möge, ob 
er sich auch von der Art des Feldzuges gegen seinen Bruder ge- 
nügende Rechenschaft gegeben habe. Daran knüpfen sie die Auf- 
forderung, Rechte und Besitz der Kirchen unangetastet zu lassen, 



1) Vgl. namentlich seine Biographien von C. von Noorden und H. Schrörs. 

2) Vgl. meine Ausgaue der Vita Euchcrii, SS. R. Merov. VII, 41—53. Die 
Vision ist in wenigen Handschriften später (hinter c. 9, S. 51) aus der Vita Rigo- 
berti c. 13 (cb. S. 70) eingefügt worden, die selbst von dem Schreiben von Quierzy 
abhängig ist. 

3) MG. Capitularia II, 427 ff.; die Vision S. 432 f. 



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Die Politik in den Jenseitsvisionen des frühen Mittelalters 95 

und um dieser Mahnung besonderen Nachdruck zu verleihen, ver- 
weisen sie auf das Schicksal Karl Martells, der der ewigen Ver- 
damnis anheimgefallen sei, weil er zuerst den Kirchen Besitzungen 
genommen und an Laien gegeben habe. Und zum Beweise wird 
erzählt, wie Bischof Eucherius in der Ekstase ins Jenseits entrafft 
wird und sehen muß, wie Karl in der Tiefe wegen der Beraubung 
der Kirchen gepeinigt wird und nicht nur für das eigene Ver- 
schulden Strafe erduldet, sondern auch die Sünden derer büßen 
muß, welche die von ihm geraubten Besitzungen für ihr Seelenheil 
geschenkt hatten. Die Wahrheit der Vision wird dann auch im 
Diesseits bestätigt, als Eucherius das Geschaute dem heiligen Boni- 
fatius and dem Abt Fulrad von Saint- Denis berichtet; sie lassen 
Karls Grab öffnen, ein Drache kommt hervor, während das Innere 
leer ist und wie vom Brande geschwärzt erscheint. Eine Kritik 
der Vision erübrigt sich, zumal man bereits im 17. Jahrhundert 
mit einer solchen begonnen hat; man hat daraufhingewiesen, daß 
Eucherius drei Jahre vor Karl gestorben ist und mindestens ein 
Jahrzehnt, ehe Fulrad an die Spitze von Saint-Denis getreten ist. 
So hat schon Hadiian Valois von einer fabula ad terrendos pueros 
firla geredet 1 ), und heute streitet man nur noch, ob hier eine auf 
den Augenblick berechnete Erfindung Hinkmars vorliegt oder ob 
dieser in gutem Glauben eine ältere, etwa an Karls Grab zu Saint- 
Denis haftende Überlieferung wiedergegeben hat 2 ). Gleichviel, es 
kommt wenig auf den ersten Urheber der Fabel an. Auch wer 
diese Vision für eine Volkssage hält, wird den Zweck der Ver- 
wendung in dem Schreiben von 858 nicht bestreiten können; auch 
diese Vision ist nicht nur dem Inhalt nach politisch, sie soll auch 
in bestimmtem Sinne politisch wirken. 

Es ist nicht das einzige Mal, daß Hinkmar sich eines solchen 
Mittels bedient hat, und wird man bei den Revelationen des Au- 
dradus und der Vision des Eucherius gern das Wort von Hauck 9 ) 
gelten lassen, daß nicht die Herrschsucht, sondern die Not der 
Kirche die Theologen jener Zeit zu Betrügern gemacht habe, so 
handelt es sich bei der Visio Bernoldi wenigstens zugleich auch 

lj Valesius, Herum Francicarum tomus III (1658), 543. 

2) Ähnlich zuletzt Hcinr. lioffmann, Karl der Große im Bilde der Geschicht- 
schreibung des frühen Mittelalters (Ehering, Historische Studien 137), 1919, S. 16, 
der kaum mit Recht einen Zusammenhang zwischen den Visionen des Eucherius 
und des "Wetti annimmt. Über den Zusatz der Englischen Überlieferung in dem 
Schreiben des ßonifatius an Konig Athelbald von Mercien (Briefe des hl. Bonifatius 
Nr. 73, ed. Tangl S. 153) als 'Vorstufe' der Erfindung vgl. Tangl, Neues Archiv 
40, 191G, S. 720 ff. 

3) Kirchengeschichtc Deutschlands II 3 , 1912, S. 54Ü. 



C iooglc 



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96 Wilhelm Lcvison 

um den persönlichen Ehrgeiz des tatkräftigen Erzbischofs, unter 
dessen Eigenschaften der Wille zur Macht nicht am wenigsten 
hervortritt. Hinkmars Verhältnis zu Karl dem Kahlen war in 
dessen letzten Jahren wiederholt getrübt gewesen, sein Einfluß 
hatte abgenommen. Als nun Karl 877 gestorben war, da ereigneten 
sich „zu gelegener Stande" 1 ) die Visionen eines gewissen Ber- 
nold; Hink mar will sie von dessen Beichtvater erfahren haben, 
er selbst hat sie aufgezeichnet und für ihre Verbreitung gesorgt 2 ). 
Und nun die Hauptsache des Inhalts, indem ich auch hier von 
allem Beiwerk absehe. Bernold findet im Jenseits Karl den Kahlen 
im kläglichsten Zustand: er liegt im Schmutze da, von Würmern 
zerfressen, und beauftragt den Visionär, Hinkmar mitzuteilen, er 
erdulde deshalb diese Qualen, weil er auf die guten Ratschläge 
des Erzbischofs und seiner anderen Getreuen nicht gehört habe, 
und läßt um seinen Beistand bitten. Der Visionär kommt nun zu 
einer Kirche, wo er in seltsamer Durchdringung von Diesseits und 
Jenseits Hinkmar findet im Begriff, die Messe zu lesen; er richtet 
den Auftrag aus und kehrt zu Karl zurück, und siehe da: Hink- 
mars Fürbitte wirkt erstaunlich, Karl sitzt heil und gesund da, 
mit königlichen Gewändern angetan. Auch bei dieser Vision hat 
man den guten Glauben Hinkmars verteidigt, wenn man auch nicht 
bestreiten konnte, daß er die Vision im eigenen Interesse verbreitet 
hat; „keinesfalls mißfielen ihm die Erzählungen Bernolds", hat 
v. Noorden vorsichtig geäußert 3 ). Um dieselbe Zeit hat der Erz- 
bischof an Karls Nachfolger Ludwig ein Schreiben gerichtet, in 
welchem er dem König vor allem die Wahl guter Ratgeber emp- 
fiehlt und auch sich selbst zur Verfügung stellt. Er mahnt ihn, 
für seine Sünden Buße zu tun, damit er nicht wegen Unbußfertig- 
keit Strafe erdulden müsse: „Wie ihr solches in der Gegenwart 
hören und sehen könnt und Furcht hegen müßt, daß es euch nicht 
ähnlich ergehe". Ob Hinkmar damit nicht auch auf die Vision 
Bernolds hat hindeuten wollen? Jedenfalls scheint mir bei dieser 
Vision mit der Frage Cui honet das Urteil über die Art ihrer Ent- 
stehung gesprochen; sie ist „ein Produkt des Verstandes, die den 
Namen Vision nur nach ihrer Einkleidung verdient" 4 ). Die Nutz- 

1) v. Noorden, Hinkmar S. 352. 

2) Visio Bernoldi unter den Opera Ilincmari ed. Sirmond II (1645), 805 biß 
809. Ausgeschrieben von Flodoard, Historia Remensis eedesiae III, 3. 18 (SS. 
XIII, 476, 509). 

3) a. a. 0. S. 353. 

4) Elisabeth Peters, Quellen und Charakter der Paradiesesvorstellungen in 
der deutschen Dichtung vom 9. bis 12. Jahrhundert (Germanistische Abhandlungen 
48), 1915, S. 111. 



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_. UNIVERS 



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Die Politik in den Jenseitsvisionen des frühen Mittelalters 97 

anwendung liegt doch allzu offen zu Tage: wenn König Karl es 
schwer büßen muß, daß er die guten Ratschläge Hinkmars nicht 
beachtet hat, so war es eine deutliche Mahnung an den Nachfolger, 
den lona consilia desselben größeren Einfluß zu gewähren. 

Noch ein letztes Beispiel möge es veranschaulichen, welche 
Rolle nicht nur die Politik in den Visionen, sondern auch die Vi- 
sionen in der Politik des frühen Mittelalters gespielt haben. Auch 
nach der Zeit Hinkmars hat man in Reims Visionen als Mittel 
politischer Werbung angewandt; das lehrt vor allem eine kleine 
Schrift von der "Wende des 9. und 10. Jahrhunderts, die Vision 
Kaiser Karls III. Karl hatte als letzter der Karolinger noch 
einmal das Reich Karls des Großen in fast dem ganzen Umfange 
vereinigt; sein Sturz im Jahre 887, den er nur um wenige Wochen 
überlebte, besiegelte die Trennung der verschiedenen Reichsteile. 
Neben Ost- und Westfranken bilden Italien und die beiden Bur- 
gund selbständige Reiche; die Herrschaft Italiens war beinahe 
beständig ein Gegenstand des Kampfes, gegen Berengar von Friaul 
erhebt öich ein Gegner nach dem anderen, Wido von Spoleto und 
sein Sohn Lambert, dann 900 der junge Ludwig von Niederbur- 
gund (890 — 928), durch seine Mutter ein Enkel Kaiser Ludwigs II. 
und Urenkel Lothars I., der Sohn Bosos von Niederburgund, nach 
dessen Tode Karl III. ihn 887 an Sohnes statt angenommen hatte. 
901 erlangte er zu Rom die Kaiserkrone; doch der Kaisertraum 
nahm 905 unter den Waffen Berengars ein schnelles Ende, und 
^Ludwig III. mußte Italien als blinder Mann den Rücken kehren, 
um noch viele Jahre in Bnrgund ein wenig beachtetes Dasein zu 
führen. Seiner Frühzeit gehört die Vision Karls III. an 1 ), die 
man geradezu als Manifest zu Gunsten Ludwigs bezeichnen kann, 
hervorgegangen aus den Kreisen der Reimser Kirche, deren Erz- 
bischof Fulko (883 — 900), der Nachfolger Hinkmars, an den welt- 
lichen Händeln regen Anteil nahm, und es kann nur zweifelhaft 
erscheinen, ob die Vision ihren Ursprung dem sonst unbekannten 
Versuche einer Reimser Partei verdankt, unmittelbar nach dem 

1) Der beste Text (nicht ohne Lesefehler) bei L. Deschamps, Notice sur un 
manuscrit de la bibliothöque de Saint-Omer (Mdmoires de la Society des antiquaires 
de la Morinie V, 1841, S. 185—190). Die Vision haben Hariulf, Chronicon Cen- 
tulense III, 21 (ed. Lot S. 144—148) und Wilhelm von Malmesbury, Gesta regum 
Anglorum II, 111 (MG. SS. X, 458; ed. Stubbs I, 112—116) aufgenommen. Vgl. 
meine Aufsätze, Neues Archiv XXVII (1902), 399—408, 493-502, sowie R. Pou- 
pardin, Le royaume de Provence sous les Carolingiens (Bibliotbfcque de TEcole 
des bautes tftudes 131), 1901, S. 324— 332 und in der Biblioth^que de l'Ecole des 
chartes 64, 1903, S. 284—288, endlich meine Bemerkungen, Neues Archiv XXVIII 
(1903), 251 und XXIX (1904), 523. 

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98 Wilhelm Levison 

Sturze Karls III. 888 dem kleinen Ludwig die Nachfolge zu ver- 
schaffen, oder ob sie mit dem Zuge nach Italien zur Gewinnung 
der Kaiserkrone in Zusammenhang steht und dem Jahre 900 an- 
gehört, in dem er zum ersten Male die Alpen überschritt 1 ). Die 
Vision will als Kundgebung Karls III. selbst erscheinen, der er- 
zählt, wie sein Geist in der Nacht plötzlich vom Körper getrennt 
und durch das Jenseits geführt wird, dessen Schilderung in Einzel- 
heiten an Beda erinnert. Sie vertritt aufs eifrigste die Ansprüche 
des Burgunders, aber zugleich vom Standpunkt der Reimser Kirche 
aus; ihr Patron Remigius ist neben dem Apostel Petrus im Jen- 
seits und Diesseits der einflußreichste Heilige : Ludwig der Deutsche 
verdankt ihm die Linderung der Qualen, die er in der anderen 
Welt erdulden muß, Kaiser Lothar und Ludwig IL sind durch 
seinen Beistand ganz davon befreit worden; nur durch ihn, dem 
Gott magnum apostolatum des Frankenvolkes verliehen hat, hat das 
Königshaas noch Bestand, dessen letzte Angehörige mit nicht sehr 
großer Hochachtung als quisquiliae bezeichnet werden. Zuletzt ge- 
langt Karl zu seinem Oheim Kaiser Lothar, der ihm verkündet, 
daß die Kaisergewalt demnächst von ihm genommen werden solle 
und er ihren Verlust nur kurze Zeit überleben werde. Und an 
diese Prophezeiung post eventum wird die nachdrückliche Erklärung 
geknüpft, jener Urenkel Lothars Ludwig müsse nach Erbrecht das 
Imperium Eomanorum erhalten, und als ob damit das Ziel der Vi- 
sion noch nicht deutlich genug bezeichnet wäre, erscheint nun 
Ludwig selbst in der anderen Welt, und Karl muß ihm durch eiif 
Symbol omnem monarchiam Unperii übertragen. Damit ist der 
Zweck der Vision erfüllt, der Geist des Kaisers kehrt denn auch 
sogleich in den Körper zurück, und er wiederholt im Diesseits 
nachdrücklich den Hinweis auf die jetzt mit höherer Autorität 
umkleideten Rechte Ludwigs III. auf das Kaisertum. Die Erinne- 
rung an den entthronten Kaiser, Heiligenverehrang, die Furcht 
vor den Schrecken der Hölle und des Fegefeuers werden hier in 
dem Rahmen einer Vision zu gemeinsamer Wirkung zusammenge- 
faßt; fand man die Geschichte des Diesseits zur Begründung von 
Ludwigs Ansprüchen nicht genügend, so greift auf dem Wege der 
Vision die jenseitige Welt in die irdischen Geschicke ein, vielleicht 
das beste Beispiel für die Art, wie der Glaube an die Möglichkeit, 
in der Ekstase einen Einblick in die Geheimnisse des Jenseits zu 
erhalten, benutzt wurde, um geistige Eroberungen zu machen. Die 



1) Für 888 ist Poupardin eingetreten, für 900 habe ich selbst mich ausge- 
sprochen. 



Original from 



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Die Politik in den Jenseitsvisionen des frühen Mittelalters 99 

besondere Rolle, die hier dem heiligen Remigius beigelegt wird, 
steht in dieser Literatur nicht allein da; eine andere Reimser Vi- 
sion, die des Mönches Raduin 1 ), die sich vor allem gegen die 
verhängnisvolle politische Betätigung von Hinkmars Vorgänger 
Ebo wendet, schließt wenigstens in ihrer heutigen Gestalt mit der 
Erklärung der Jungfrau Maria, Christus habe Remigius auctorüas 
über das Frankenreich übertragen; wie er das Volk durch seine 
Lehre bekehrt habe, so besitze er auch die unverbrüchliche Gabe, 
ihm den König oder Kaiser zu setzen — die Vision dient so viel- 
leicht dem durch Rinkmar begründeten, schließlich durchgesetzten 
Anspruch der Reimser Erzbischöfe, den französischen König zu 
weihen 8 ). 

Auf der einen Seite stehen also Visionen von subjektiver Wahr- 
heit, naiv hingenommene Erzeugnisse einer erregten Phantasie, zu 
deren Inhalt auch die Eindrücke des öffentlichen Lebens beige- 
steuert haben; ihnen stehen andere gegenüber, die mit Bewußtsein 
erdacht sind, um auf die politischen Geschehnisse einzuwirken, bei 
denen man weniger von Dichtung als von Erdichtung reden muß. 
Die Karolingerzeit ist die klassische Zeit der politischen Jenseits- 
visionen, der politischen: denn der Höhepunkt der Literatur- 
gattung überhaupt liegt bekanntlich bedeutend später. Die Visionen 
nehmen an Zahl wie an Umfang zu, die Schilderungen des Jen- 
seits werden ausführlicher, die Qualen des Fegefeuers und die 
Höllenstrafen immer erfinderischer ausgemalt, die Allegorie spielt 
hinein, es fehlt auch nicht an Parodien. Aber die Politik tritt 
gegenüber der Karolingerzeit darin zurück. Wohl tragen die Vi- 
sionen im allgemeinen einen moralisierenden Charakter und wollen 
insofern auf die Gegenwart einwirken, die Sünden werden ge- 
geißelt, die Furcht vor Strafe gegen sie wachgerufen, auch die 
Zeitgenossen müssen bisweilen zu dem Inhalt beisteuern, wenn 
z. B. die Wirren Frankreichs im 10. Jahrhundert sich in den Vi- 
sionen der Flothilde abspiegeln oder im 11. Jahrhundert Otloh auf die 
Höllenstrafen der Landfriedensbrecher hinweist und Kaiserin Theo- 



1) Visio Raduini bei Flodoard II, 19 (SS. XIII, 471) uad nach gesonderter 
Überlieferung bei Fr. Du Chesne, Ilistoriae Francorum scriptores III (1641), 394 f. 
und Holder-Egger, Neues Archiv XI (1886), 262 f. 

2) So R. Holtzmann, Französische Verfassungsgeschichte (v. Below und 
Meinecke, Handbuch der Mittelalterlichen und Neueren Geschichte), 1910, S. 119. 
Wegen des Gegensatzes zwischen dem sich gegen die Teilnahme am politischen 
Getriebe wendenden Anfang der Vision und dem Schlüsse vermutet Krusch, 
Reimser Remigius-Fälschungen (Neues Archiv XX, 1995, S. 663 Anm. 3), in dem 
letzteren einen späteren Zusatz. Über Raduin vgl. auch das von Krusch, eb. 
S. 565 ff. herausgegebene Einschiebsel zur Vita Remigii. 

7* 



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100 Wilhelm Levison Die Politik in den Jenseitsvisionen usw. 

phano im Fegefeuer für die Förderung des Kleiderluxus büßen 
läßt. Aber die Politik spielt doch im ganzen seit dem 10. Jahr- 
hundert in den Visionen eine untergeordnete Rolle; teilweise sind 
in dieser Hinsicht namentlich in Italien Prophetien an ihre Stelle 
getreten, während die Jenseitsvisionen aus Offenbarungen mehr 
und mehr zu Dichtungen werden, deren Interesse „vorzugsweise 
phantastisch" *) ist, so die großen lateinischen Visionen des 12. und 
13. Jahrhunderts wie die des Tnagdalus oder des Mönches von 
Eynsbam. In Dantes „im Stoff wie in der Form beispiellosem" 
"Werk 2 ) erreicht die Literaturgattung ihren Höhepunkt, wenn man 
es überhaupt dieser Reihe einordnen darf, und hier finden bekannt- 
lich auch die politischen Gegensätze und Kämpfe der Zeit ihren 
Widerhall, indem der Dichter von seinem ethischen und politischen 
Standpunkt aus die Strafen der Hölle, die Bußen des Fegefeuers 
und die Belohnungen des Himmels verteilt und seinen Gedanken 
dadurch mehr Leben und Nachdruck verleiht, daß er Verdammten 
und Seligen das Antlitz von Zeitgenossen gegeben hat. Aber ein 
großer Unterschied trennt dabei Dante von mehr als einem der 
politischen Visionäre des frühen Mittelalters: das poerna sacro des 
großen Florentiners war nicht nur Dichtung, sondern gab sich 
schon durch die Form als solche zu erkennen; die dem Dichter 
enthüllten Geheimnisse sollten wirksam werden „nicht im Namen 
der Offenbarung oder gar der Gottheit selbst, sondern im Namen 
der Musen und des Apollo" 3 ), und trotz Boccaccio's*) Anekdote 
von den Veroneser Frauen, welche die Wirkung der Glut und des 
Bauches der Hölle noch an Dantes Gesichtsfarbe und krausem Bart 
zu sehen glaubten, wurden die subjektiven Elemente seiner Dich- 
tung sicherlich nicht verkannt. Dichtung, wenn auch bescheidene, 
waren auch die Visionen von Eucherius, Bernold und Karl III. ; 
aber sie erhoben den Anspruch, für objektive Wiedergabe der 
Wirklichkeit genommen zu werden. 

1) Voßler a. a. O. II, 1, S. 779. 

2) Fritz Kern, Dante, 1914, S. 148. 

3) Voßler a. a. 0. S. 748. 

4) Vita di Dante c. 8 (ed. Fr. Macri-Leone, 1888, S. 43). 



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Die angebliche Kölner Provinzialsynode 

von 873 

Von 

Gerhard Kallen 

Die Frage, ob am 26. September 873 Erzbischof Willibert eine 
Provinzialsynode nach Köln berufen habe, um anter anderm die 
Domweihe vorzunehmen, wird nicht zum erstenmal gestellt. Eine 
Hauptschwierigkeit für ihre Beantwortung sah man bisher darin, daß 
nach dem Bericht der höchst zuverlässigen Fuldaer Annalen drei 
Jahre vorher am gleichen Ort, am gleichen Tag, zu gleichem Zweck 
dieselben Bischöfe sich versammelten 1 ). Nur zwei Lösungen sind 
denkbar: Entweder man muß eine Möglichkeit finden, beide Kon- 
zilien in Einklang mit einander zu bringen, oder eines von ihnen 
muß fallen gelassen werden. Beides hat man versucht. 

Diejenigen, welche zwei Konzilien annehmen, behaupten, daß 
die beiden Synoden scharf von einander zu sondern seien. „Die 
erste Synode war eine königliche, welche die rheinischen Erz- 
bischöfe zu Köln abhielten, die zweite eine speziell kölnische, 
welche der Erzbischof von Köln veranstaltete, wozu er außer den 
sächsischen Bischöfen, auch die Metropoliten von Mainz und Köln 
einlud* (C. Hegel). Die doppelte Domweihe wird verschieden er- 



1) Aünales Fuldenses (Scriptores rer. Germ.) heraus von Fr. Kurze (1891) 
S. 72 zu 870 : Habita est autem et eynodus in civitate Colonia iussu Hludowici 
regis VI die Kalendarum Octobrium, praesidentibus metropolitanis episcopis pro- 
vinciarum Liutberto Mogontiensium, Bertulfo Trevirorum, Williberto Agrippinen- 
sium cum ceteris Saxonie episcopis. Ubi cum plurima ad aecclesiasticam utilitatem 
pertinentia ventilassent, etiam domum saneti Petri eatenus minime consecratam 
dedieaverunt, Feruntur etiam in eadem nocte, quaodo basilica mane erat conse- 
cranda, yoces malignoruin spirituum audiri inter se loquentium et valde dolentium 
se ab obsessis diutissime sedibus expelli debere. — Vergl. über diese Quelle und 
ihre Herkunft S. Hellmann, Die Entstehung und Überlieferung der Annales 
Fuldenses, Neues Archiv, 1908, Bd. 33, S. 741, Bd. 34, S. 63ff. Gegen ihn 
Fr. Kurze, Ebda., 1911, Bd. 36, S. 345 ff. 



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102 •*• ■ : ; • :* • ;';"-:: ; G.S r h ä r d K a 1 1 e n 

klärt: als Weihe verschiedener Kirchen oder Kirchenteile, als re- 
conciliatio des entweihten Domes, endlich als kirchenrechtliche 
Notwendigkeit, da erst 873, im Besitz des Palliums, Willibert 
zur Weihe berechtigt gewesen sei 1 ). 

Von den Forschern hingegen, die nur ein Konzil für möglich halten, 
wurden früher höchstens die Fuldaer Annalen, aber nie die Konzils- 
akten von 873 verdächtigt 8 ). Erst die Feststellung Op per manns, 
daß mehrere Urkunden, die im Zusammenhang mit dem angeblichen 
Konzil von 873 überliefert sind, sich als spätere Fälschung erweisen, 
hat auch das Vertrauen in dessen Echtheit in etwa erschüttert 3 ). 
Aber trotz der Zweifel an der echten Überlieferung hält man an 
der Echtheit der Beschlüsse von 873 fest. Auch A. Hauck 
schränkt in der Neuauflage seiner Kirchengeschichte zwar seine 
frühere einseitige Verurteilung der Fuldaer Annalen ein: „Sind 
die Kölner Urkunden echt, was aber nicht feststeht, so muß 
man einen Irrtum der Fulder Annalen annehmen. Die Synode 
von 870 ist dann ganz zu streichen"*). Aber dieser Zweifel hält 
ihn nicht ab, späterhin, ohne weiteres die Echtheit der Synodal- 
beschlüsse voraussetzend, aus der Bestätigung der Abmachungen 
Günthers in der von 873 überlieferten Form weitgehende Schlüsse 
auf die Lockerung und Auflösung der vita communis im Bistum 
Köln bereits für das neunte Jahrhundert zu ziehen 5 ). 

Angesichts dieser verworrenen Beurteilung und der wider- 
spruchsvollen Quellen bescheidet sich R. Parisot zu dem Be- 
kenntnis: „On se trouve donc en pr£sence de difficultös, qu'il est 
impossible de rösoudre d'une fa«?on satisfaisante" e ). 

1) Vergl. hierzu A. J. Binterim, Pragmatische Geschichte der deutschen . . . 
Diözesankonzilien. Mainz 1837, III, S. 143)1'.; Derselbe, Die alte und die neue 
Erzdiözese Köln. Mainz 1828, S. 108 ff. — Die Chroniken der Niederrheinischen 
Städte, XIV. C. Hegel. Cöln, Bd. III, S. CCXLIXff., gegen H. Düntzer, Bonner 
Jahrbücher, 1873, Heft 53/54, S. 205 ff. j 1876, Heft 57, S. 162 ff. 168. — Von son- 
stigen etwa noch C. Hefele, Conziliengeschichte *. Freiburg 1879, S. 494. E. 

Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reichs *. Leipzig 1887, II, S. 368 ff. 

2) Zuerst vorgeschlagen von N. Schaten, Annalium Paderbornensium, 
Pars I, Monasterii Westf. 1774, S. 117 ff. 

3) 0. Oppermann, Kritische Studien zur älteren Kölner Geschichte II, 
Westdeutsche Zeitschrift 1901, Bd. 20, S. 121 ff.; 1902, Bd. 21, S. 114. Auch K. 
H.Schäfer, Pfarrkirche und Stift (Kirchenr. Abh., Heft 3). Stuttgart 1903, S. 36. 

4) A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands, 1890, II, S. 655; 1912, 11»+*, 
S. 733 f. 

5) Derselbe a. a. 0., IV 3+4 , S. 356 (übereinstimmend mit der ersten Auflage 
von 1903, S. 339). 

6) R. Pari sot, Le royaume de Lorraine sous les Carolingiens 843/923. 
Paris 1899, S. 405 ff. 



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Die angebliche Kölner Provinzialsynode von 873 103 

a) Die Quellen und ihre Überlieferung. 

Die Urkunde, von der u. E. die Lösung der schwebenden 
Fragen allein abhängt, ist die dem Erzbischof Willibert zuge- 
schriebene Bestätigungsurkunde der Abmachungen, die sein Vor- 
gänger Günther mit dem Kölner Bistums- und Domklerus getroffen 
hatte. Noch niemand hat sie bisher einer genaueren Prüfung 
unterzogen. Sie bildet den Hauptteil der sogenannten Konzils- 
akten. Außer ihr rechnet man noch dazu die Bestätigung, welche 
auf dem Konzil Bischof Altfrid von Hildesheim für die von ihm 
vollzogene Gründung des Stifts Essen sich erbat, und schließlich 
die Schenkungs- und Bestätigungsarkunde der Äbtissin Regenbierg 
für das Stift Gerresheim. 

Im Zusammenhang mit dem Konzil stehen aber auch zwei Ur- 
kunden für St. Kunibert in Köln, in denen diesem Stift auf Bitten 
Williberts Zehntberechtigungen in den Bistümern Mainz und Trier 
zugestanden werden ! ). 

Die Konzilsakten als Ganzes gehen auf späte Abschriften, 
angeblich solche des 15. Jahrhunderts, zurück und sind erst aus 
Kopien des 17. Jahrhunderts überliefert. J. H. Heister fand in 
der Bibliothek seines Onkels, des berühmten A. Gelenius, eine um- 
fangreiche Hs. eines gewissen Hermann v. Wesel, von dem er be- 
richtet, daß er durch Kaiser Friedrich III. (1440—1493) zum Ka- 
nonikus an St. Severin in Köln und St. Marien in Aachen gemacht 
worden sei. Mehr war bisher von diesem Stiftsherrn nicht bekannt. 
Herr Professor Dr. H. Keussen in Köln hatte die Güte, mir als 
Ergebnis seiner Forschungen mitzuteilen, daß Hermann v. Wesel 
identisch ist mit dem in der Matrikel der Universität Köln im 
Jahre 1465 Genannten 2 ), daß er in den Farragines Gelenii 20, 595 
als Dr. Trevirensis, canonicns s. Severini und 1479 — 98 als can. b. 
Mariae in Aachen bezeichnet, 1605 endlich im Schreinsbache Petri 
Generalis ab tot erwähnt wird, in welchem er noch 1487 ebenfalls 
als can. S. Severini begegnet. Einen Hinweis auf jene Kölner Hs. 
dürfen wir wohl in der Bemerkung von Roth erblicken, daß Ge- 
lenius i. J. 1637 eine damals im Archiv von St. Severin befindliche 
Handschrift des Hermann v. Wesel benutzte 8 ). 



1) Tb. La com biet, Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins. 
Düsseldorf 1840, I, nr. 66. 67. 

2) H. Keussen, Die Matrikel der Universität Köln 1389/1559 (Publ. der 
Gesellschaft für Rhein. Gesch. VIII). Bonn 1892, S. 558. 

3) Roth, Stift, Pfarre und Kirche zum hl. Severinus, S. 187 A. 2. Auch 
diese Mitteilung verdanke ich Herrn Prof. Keusseu. 



Original Frort! 



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104 Gerhard Kallen 

Die genannten Akten veröffentlichte nun als erster Heister 
am Schlüsse seiner Suffraganei Colonienses (1641) '). Wohin die 
Hs. gekommen ist, die also angeblich Gelenias noch 1637 in Händen 
hatte, bleibt verborgen. Sparen führen noch Münster i. W. 2 ). Da- 
gegen besitzt das Kölner Stadtarchiv noch eine spätere handschrift- 
liche Fassung dieser Akten in den Annales Metropolis Coloniae 
Ayrippinensis des Jesuiten Hermann Crombach f 1680 3 ). Diese 
Abschrift stimmt wörtlich mit der Fassung bei Heister überein. 
Nur fehlen bei Crombach die ausführlichen Pönformeln, während 
er die Essener Urkunde vollständiger wiedergibt als Heister; im 
Anschluß daran bringt er die Trierer für Cunibert von 874. 
Beigeheftet ist die vollständige Urkunde für Gerresheim. Crom- 
bach, dem außer Heister kein Druck vorliegen konnte, hat also 
aus den Hss. selbst geschöpft, vielleicht oder wahrscheinlich aus 
denselben wie dieser. 

Ein dritter Hinweis endlich auf die handschriftliche Über- 
lieferung dieser Akten findet sich in einem Zusatz zu der aus dem 
17. Jahrhundert stammenden Hs. H. der Münsterischen Bistums- 
cbronik. Sie soll sich in Münster in der Überwasserkirche befunden 
haben 4 ). Wie sich weiter unten ergeben wird, steht aber diese Hs. 
jedenfalls in engem Zusammenhang mit der Kölner. 

Für die Urkunde Williberts kennt man keine weitere Vorlage 
als die genannten Gesamtakten. Dagegen verwahrt das Düssel- 
dorfer Staatsarchiv sowohl die angeblichen Originale der Essener 
und Gerresheimer wie der Urkunde, welche den Kanonikern von 
St. Kunibert in Köln gewisse Zehntberechtigungen im Mainzer 
Bistum zusichert. Die entsprechende Urkunde des Stifts für Trier 
ist nur in einem Kartular erhalten. Auf diese Originale und das 
Kartular geht der Druck bei Lacomblet zurück 5 ). 



1) J. II. Heister, Suffraganei Colonienses, Coloniae 1641, S. 139 ff. Auf 
Heister beruht der im allgemeinen genaue Druck bei J. Hartzheim, Concilia 
Germaniae (1760), II, S. 356 ff. Unvollständig bei P. Jörres, Urkundenbuch des 
Stifts Gereon zu Cöln, 1893, S. 3 ff. 

2) S. unten S. HO. 

3) Hs. Kölner Stadtarchiv, Chroniken und Darstellungen Nr. 109. 

4) J. Ficker, Die Münsterischen Chroniken des Mittelalters. Münster 
1851, Bd. I, S. 17, dazu jedoch S. XXII. 

5) Lacomblet, I, nr. 66. 67. 68. 69. Die Essener Urkunde wird von 
K. Janicke, Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim, I. Leipzig 1896, S. 10 ff. 
in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts verlegt. — A. Werminghoff, Ver- 
zeichnis der Akten fränkischer Synoden von 843—918, Neues Archiv, 1901, Bd. 26, 
S. 647 f. führt zum Jahre 873 sämtliche Drucke der beiden Urkunden für Cöln 
und Essen an. 



Original from 



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Die angebliche Kölner Provünzialsynode von 873 105 

Alle diese Nebenurkunden, von denen ältere Hss. vorhanden sind, 
hat man mittlerweile als Fälschungen entlarvt. Die Essener Ur- 
kunde wird bereits von Mab il Ion verworfen 1 ). Späterhin hat 
man sich darüber gestritten, ob nicht wenigstens eine echte Vor- 
urkunde anzunehmen ist 2 ). J. Heineken, die sich hiermit zu- 
letzt eingehend befaßt hat, kommt zu dem Ergebnis, daß man in 
der erhaltenen Urkunde die Umarbeitung einer echten Vorlage zu 
erblicken habe, deren Entstehung nicht vor dem 11., vielleicht erst 
im 12. Jahrhundert anzunehmen sei. Ein Znsammenhang mit der 
Kölner Synode sei wegen der gleichlautenden Zeugenliste anzu- 
nehmen. Dieselbe Verfasserin spricht auch das letzte Urteil über 
die Gerresheimer Urkunde. Sie weist deren übrigens ebenfalls schon 
früher angenommene Fälschung aus Schrift und Inhalt nach. Die 
urkundliche Niederschrift verlegt sie ins 13. Jahrhundert 3 ). 

Die beiden Urkunden für Kunibert werden von 0. Opper- 
mann in einer eingehenden, höchst lehrreichen Untersuchung als 
Fälschungen des 11. Jahrhunderts bezeichnet 4 ). Er weist auf ihren 
Zusammenhang mit dem Kölner Konzil einerseits und einer gleich- 
falls für Kunibert bestimmten Urkunde Annos II von 1074') ander- 
seits hin. Nach seiner Ansicht hat letztere als Vorlage für die 
beiden älteren gedient und sind alle drei Urkunden abhängig von 
der Willibert -Urkunde von 873. Der Kürze halber wollen wir 
nach Oppermann diese hinfortan mit W 873 bezeichnen. Schade, 
daß Oppermann nicht auch die Essener Urkunde mit in den Kreis 
seiner Untersuchungen gezogen hat. Da er übrigens in einer 
zweiten Untersuchung die Unechtheit der Anno -Urkunde selbst 
behauptet und auch die Echtheit von W 873 in Frage stellt 6 ), so 
müßte sich dadurch bei sonst gleichbleibenden Voraussetzungen 



1) Mabillon, Annales Ordinis S. Benedicti. Paris 1706, Bd. III, L. 34, S. 22. 

2) Vergl. darüber H. Breßlau, Handbuch der ürkundcnlehre t\ S. 695; 
Tb. Ilgen, Sphragistik (Meisters Grundriß des Oeschicbtsw.), 1912-, S. 9; W. 
Ewald, Siegelkunde (Below-Meineckes Handbuch), 1914, S. 37. 

3) J. Heineken, Die Anfänge der sächsischen Frauenklöster. Dissert. 
Göttingen 1909, S. 36 ff. 42 ff. 44 ff. 

4) Oppermann a. a. 0., 1901, Bd. 20, S. 120 ff. 

5) Lacomblet, I, nr. 218. 

6) Oppermann a.a.O., 1902, Bd. 21, S. 49. 69. Auf Seite 114 behält er 
den Beweis dafür einer späteren Untersuchung vor. Ebda. 1903, Bd, 22, S. 204 
ebenso wie Annalen des Histor. Vereins für d. Niederrhein scheint er jedoch noch 
an der Echtheit der Kouzilsbestimmungea festzuhalten. Auf eine Anfrage teilt 
mir Herr Prof. Oppermann mit, er halte nunmehr „das Formular der Urkunde, 
also auch die s. Zt. angezweifelte Pön, für echt, den Kontext aber für verfälscht 
in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts". 



i , Original froni 

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106 Gerhard Kallen 

auch die neugewonnene Datierung der beiden Kunibert -Urkunden 
von 874 noch verschieben. 

Bei der Knappheit des zur Verfügung stehenden Raums mögen 
für die Nebenurkunden diese Feststellungen genügen. Als gesichert 
dürfte für sie alle der Nachweis der Fälschung gelten; wie weit 
wir sonst den Ergebnissen folgen, wird sich aus der näheren Unter- 
suchung von W 873 leicht ergeben. Um das Verständnis der fol- 
genden Ausführungen zu erleichtern, folgt als Beilage ein Abdruck 
nach Heister (1641) mit den wichtigsten Parallelstellen verwandter 
Urkunden. Wörtliche Übereinstimmungen und größere fremde Be- 
standteile sind durch den Druck hervorgehoben. 

b) 873 oder 870? 

Eine erste Frage betrifft die Datierung: Gehört die Urkunde 
W 873 in das Jahr 873? Die bisherige Forschung hat das nahezu 
ausnahmslos angenommen, die davon teilweise stark abweichenden 
Datierungen der Vorlage willkürlich verändert und auf Schreib- 
fehler des Abschreibers bezw. Fälschers zurückgeführt. So steht 
z. B. in der Hs. der Essener Urkunde deutlich das Datum 877 *). 

Einen wichtigen Anhaltspunkt für die Datierung von W 873 
bietet die ausführliche Zeugenliste. Sie ist maßgebender noch als 
die Regierungsjahre des Königs und die widerspruchsvollen Indik- 
tionen, die in jener Zeit auch in echten Unkunden nicht selten 
ungenau wiedergegeben werden. Und da stoßen wir auf bemerkens- 
werte Unrichtigkeiten: Der Bischof von Verdun wird fälschlich Her- 
nardus statt Berardus genannt 2 ). Bischof Gerolphus (= Erlulf) von 
Verden kann 873 nicht mehr im Amte sein. 868 nimmt er noch an 
einer Wormser Synode teil 5 ). Vom 26. Februar 874 aber kennen 
wir ein unanfechtbares Original von Bischof Wikbert von Verden. 
Anderseits nennt das höchst zuverlässige Necrologhan Vcrdense J 4 ) den 
10. Mai als Todestag Erlulfs. Da nun zwischen dem 27. Sept. 873, 
dem Tag der Kölner Synode, und dem 26. Februar 874 kein 10. Mai 



1) Schon Crombach nimmt die Änderung vor. Später auch Eccardus, 
Commentarii de rebus Franciae orientalis Wirzeburg. 1729 f., II, S. 582. — Bin- 
terim, Die alte und die neue Erzdiözese Köln, S. 110 ff. — Lac o nablet, um- 
gekehrt von der Urkunde I, 67 ausgehend, verlangt für das Konzil das Jahr 874, 
offenbar wegen der (VII.) Indiktion. 

2) Ilauck, II*** S. 806 ff. 

3) Böhmer-Mühlbacher-Lechner, Die Regesten des Kaiserreiches 
unter den Karolingern 1,3*. Innsbruck 1908, nr. 1468a. — Fr. Wichmann, 
Untersuchungen zur älteren Geschichte des Bistums Verden (Zeitschr. des bist. 
Ver. für Niedersachsen), 1904, S. 300. 

4) Hs. Hannover B 96. 



Original ftom 



UNWERSITY OF CALIFORNIA 



Die angebliche Kölner Provinzialsynode von 873 107 

liegt, so hat man im Vertrauen anf die unbedingte Echtheit von 
W 873 gar angenommen, Erlulf müsse vor seinem Tode resigniert 
haben 1 ). Löst sich der Widerspruch nicht einfacher, wenn man 
annimmt, daß das Konzil 873 gar nicht stattgefunden hat? 

Die Tatsache, daß am 26. Sept. 873 Erlulf nicht mehr Bischof 
von Verdun sein konnte, wiegt als Verdachtsgrund gegen die Da- 
tierung 873 um so schwerer, als wir auch bei Münster und Osna- 
brück noch Fehler feststellen können. W 873 nennt als Bischof 
von Münster Hodölfus (am Rande stehen nach Heister noch die 
Lesarten Odolfus, Hedolfus, Hodölfus). Diesen Hodölfus kennt nur 
die Kölner Urkunde, und er ging von da in alle Bistumslisten 
über 2 ). Bereits Crombach bemerkt die Schwierigkeit und sagt 
in dem kurzen Kommentar, den er der Urkunde folgen läßt: Ho- 
dölfus vel Odolphus et Bertolfus etiam dictus a(nno) 870 successit 
Luberto Monasteriensi. Desgleichen bei Osnabrück: Eybertus Osna- 
brugensis ab aliis Lubertus genannt. Auch bei Heister findet sich 
wieder nach der Hs. am Rande die richtige Namensform verstüm- 
melt angegeben. In der Liste selbst hat zuerst Eccardus die Na- 
men verbessert, die Irrtümer lediglich als Abschreibefehler aus einer 
vielleicht unleserlichen Vorlage erklärend, zumal die zweite Silbe 
jeweils richtig getroffen sei 3 ). Tatsächlich stirbt in Münster Lubert 
am 27. April 870. Ihm folgt als Bischof Bertold 4 ). Ebenso kennen 
wir Egibert als gleichzeitigen Osnabrücker Bischof (vor 864 — 885). 

Unser Vertrauen in die Genauigkeit der Urkunde erleidet 
durch solche Fehler einen gewaltigen Stoß. Der Fall des Bischofs 
Erlulf beweist, daß das Konzil 873 nicht stattgefunden haben 
kann. Dagegen lassen sich sämtliche Zeugen mit dem Jahre 870 
in Einklang bringen. Wenn wir daher die Frage der Echtheit 
vorläufig noch dahingestellt sein lassen, so ergäbe sich immerhin 
die Möglichkeit, daß die Akten der Kölner Synode auf das Jahr 
870 zurückgehen. Die Schwierigkeit des doppelten Konzils, die 
Unterscheidung zwischen Reichs- ond Provinzialsynode, auch die 
doppelte Domweihe wären aus der Welt geschafft. 

Wir können es ruhig dahingestellt sein lassen, wer im Jahre 
870 die Domwe ihe vorgenommen bat. Der zuerst von Floß 5 ) 

1) Fr. Wich mann, a. a. 0., S. 301. 

2) Hauck, a. a. 0., Bd. IL — P. Garns, Series episcoporum ecclesiae ca 
tholicae. Ratisbonae 1873, S. 294. 

3) Eccardus, a. a. 0. 

4) Annales Xantenses (Script, rer. Germ.) heraus von B. v. Simson, 1909, 
S. 30 zu 870: Eodem anno V kal. Mai beatus episcopus Ludbertus Saxoniae . . . 
de hac luce migravit ad dominum. — Kicker, a. a. O., S. 8 f. 

5) H. J. Floß, Die Papstwahl unter den Ottonen. Freiburg 1*58, S. 102. 



Original frorn 
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108 Gerhard Kaileu 

herausgegebene und von ihm dem Jahre 873 zugeschriebene Brief 
Johanns VIII. an Willibert, der diesem die erfolgte Übersendung 
des Palliums ankündigt, gehört nach der neuen Veröffentlichung 
dieser Akten in den Monumenta Germaniae ins Jahr 874. Noch 
am 1. Sept. 873 war Willibert von demselben Papste nach Rom 
geladen worden, sich zu verantworten. Das Pallium wird ihm in 
diesem Schreiben noch verweigert '). Es ist daher kaum anzunehmen, 
daß er im Besitze desselben bereits am 26. September eine Synode 
geleitet habe. Daraus ergibt sich auch, wie überflüssig die von 
C.Hegel und andern vorgebrachten kirchenrechtlichen Bedenken sind. 

c) Die Akten des Konzils von 873 sind eine spätere 

Fälschung. 
Da nun dieselben Fehler, die wir in W 873 feststellen konnten, 
auch bei den Bischofsnamen der als Fälschung bekannten Essener 
Urkunde begegnen, so ist die weitere Frage nach der Echtheit 
der Willibert -Urkunde selbst durchaus berechtigt. Die Neben- 
einanderstellung von W 873 und der Essener Urkunde zeigt, daß 
die Übereinstimmungen nicht auf die Namen der Zeugen beschränkt 
bleiben. Auch die ausgesucht heftigen und ausführlichen Ver- 
fluchungen der Pönformel finden sich in beiden Urkunden; es ist 
dieselbe Pönformel, die Oppermann in der oben erwähnten Unter- 
suchung als Vorlage für die Anno-Urkunde von 1074 in Ansprach 
nahm. Bei der Frage nach der ältesten Fassung dieser schreck- 
lichen Verwünschungen wird man wohl über Vermutungen kanm 
hinauskommen. Wie oben bemerkt, hat nachträglich Oppermann 
selbst die Anno-Urkunde als Fälschung erkannt. W. Ewald wies 
sie dann später dem Beginn des 12. Jahrhunderts zu, wohin auch 
das gefälschte Siegel gehört 2 ). Daß nun W 873 die Vorlage ge- 
wesen sei, wie Oppermann gleichzeitig unter der Voraussetzung von 
deren Echtheit annimmt, wird doch mehr als fraglich. Denn es 
dürfte abgesehen von allem andern ganz allgemein feststehen, daß 
dem 9. Jahrhundert in Deutschland Androhungen geistlicher Strafen 
von solchem Umfang noch sehr auffallend sind, diese vielmehr öfter 
erst im 11. Jahrhundert in ßischofsurkunden begegnen. Umgekehrt 
verläuft die Entwicklung in Frankreich, wo unter den Capetingern 
die Verfluchungen in der Urkunde sehr beliebt sind, im späteren 
Mittelalter aber gänzlich verschwinden 8 ). 

1) Mon. Germ. Epistolae VI, 1 herausg. von E. Dümraler, S. 256, nr. 13, nr. 12. 

2) W. Ewald, Die Siegel des Erzbischofs Anno II von Köln. Westd. 
Zeitschr., 1905, Bd. 24, S. 31 f. 

3) 0. Redlich, Urkundenlehre (Below-Meinecke, Handbuch). München 1907, 



Original from 



UNIVERSITYOF CALIFORNIA. 



Die angebliche Kölner Provinzialeynode von 873 109 

Man hat eher den Eindruck, als ob der Verfasser mit Fleiß 
die Strafen, mit denen in der hl. Schrift, namentlich in den Psalmen, 
Gott den Sünder bedroht, insbesondere anch die auf Lacomblet I 69 
nnd I 218 verteilten, in W 873 noch einmal zusammengefaßt habe, 
um seiner Pönformel den nötigen Nachdruck zu verleihen, zumal 
sich in ihr einzelne Verwünschungen sogar wiederholen (z. B. erubes- 
cant et conturbentur). Im ersten Teile der Urkunde sind deutlich 
zwei Formeln aneinandergereiht, die beide mit Amen abschließen. 

An die Verwünschungen reiht sich nun ein höchst merkwürdiger 
Abschnitt an: (His peractis . . ,). Die Anwesenden, so heißt es, 
priesen Gott: quod suae sanciae ecclesiae taleni dignattis est conferre 
pastorem. "Wird hier etwa wieder bezug genommen auf die Hand- 
lungsweise des Erzbischofs Günther, der schon im ersten Teile der 
Urkunde so gelobt wurde? So ist wohl die bisherige Meinung, 
weil ja sonst jeder Zusammenhang mit dem Vorhergehenden fehlen 
würde. Daß ein solcher tatsächlich nicht vorhanden ist, und daß 
wir es in dem mit His peractis eingeleiteten Abschnitt mit einem 
Stück von ganz fremder Herkunft zu tun haben, wurde noch von 
niemand bemerkt. Schon der ganz andere Stil weist darauf hin. 
Der durch die langen Pönformeln geschützte Teil der Urkunde ist 
in der ersten Person abgefaßt (. . . iussimus, habuimus, firniavimus 
usw.). Nun tritt an deren Stelle plötzlich die dritte Person. Es 
folgt ein Bericht. Und hier liegt u. E. das Bruchstück eines 
Protokolls über die Wahl Williberts (869/70) vor. Darauf 
deuten auch die noch folgenden Verwünschungen hin, die, aus dem 
Neuen Testament und den Vätern entnommen, alle einen unwürdigen 
Bischof bedrohen. Noch deutlicher aber ergibt sich das aus der 
Unterschrift Williberts selbst : . . . qui hoc praesens regularis elec- 
tionis conscriptum fieri iussi consentiens subscripsi. Auch das 
anschließende Gebet Manu Williberti : Miserere Domine . , . paßt 
hierhin. Dazu stimmen endlich die Namen der Zeugen. Lediglich 
die Datierung ist durch den Verfasser von W 873 hinzugefügt und 
eingeschoben. 

Es ist wohl möglich daß Williberts Wahl nachträglich auf dem 
Konzil von 870 erneut Gegenstand der Verhandlungen gewesen 
ist '). Bekanntlich mußte er nämlich drei Jahre auf die Anerkennung 



S. 357 ff. — Fritz Boye, Archiv für Urkunden forschung. Leipzig 191G, Bd. 6, 
S. 77 ff., 129 ff. 

1) Vgl. über die Wahl den ausführlichen Bericht bei Regino Chronicon 
(Script, rer. Germ.) herausg. v. F. Kurze, 1890, S. 98 ff. Dazu den höchst 
wichtigen Briefwechsel mit der Kurie aus den Jahren 870/374 bei Floß, Papst- 
wahl, S. 60 ff. Mon. Germ. Epistolae VI, I, S. 242 ff. 



Original From 



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110 Gerhard Kallen 

äes Papstes warten, der u. a. gerade die regularitas der Wahl 
bestritt. Vergeblich verwandten sich für den trefflichen Mann die 
deutschen Bischöfe, Klerus und Volk, König Ludwig selbst beim 
Papst. Auch von Willibert ist ein Brief erhalten, durch welchen 
er alle Zweifel des Papstes an einer rechtmäßigen Wahl und an 
seiner Rechtgläubigkeit beseitigen möchte 1 ). Wodurch aber hätte er 
die Regularität seiner Wahl besser dartun können als durch ein 
von den Bischöfen bekräftigtes Protokoll? Für die Datierung des 
Schriftstücks, das auf Geheiß Williberts angefertigt worden ist, 
käme in erster Linie die in den Fuldaer Annalen erwähnte Sy- 
node von 870 in Betracht. Möglich bleiben aber auch immerhin 
die Jahre 870 (27. April 870 stirbt Lubert, der Vorgänger Bertolds 
(Hodolfs) von Münster), bis 873 (vor 874 stirbt Erlulf von Verden). — 

Zu den Quellen über die Wahl Williberts, also zu Regino und 
zu der erwähnten Aktensammlung in den Mon. Germ. Epistolae 
VI, 1 gesellt sich somit eine neue bisher unverwertete Nachricht, 
die übrigens gleichzeitig einen höchst interessanten Beleg für ein, 
wenn auch nachträglich abgefaßtes, Protokoll einer Bischofswahl 
im Frühmittelalter überhaupt liefert. 

In unserm Aktenstücke schließt das Wahlprotokoll mit dem 
Gebet Williberts ab. Die jetzt folgende Corroboratio gloriosissimo- 
rum ist eine ganz gewöhnliche Inhaltsangabe. Interessant daran ist 
höchstens, daß in der oben erwähnten Münsterschen Chronik der 
Inhalt und Schluß (tenor et conclusio) der Akten, die der Uber- 
wasserkirche zugeschrieben werden, mit denselben Worten wie hier 
in W 873 wiedergegeben wird 2 ). Wir würden nämlich, die Richtig- 
keit der chronikalischen Nachricht vorausgesetzt, damit eine weitere 
Spur für das Schicksal jener verschollenen Kölner Hs. Hermanns 
von Wesel oder wenigstens einer Abschrift davon entdeckt haben. 

So macht die ganze Willibert-Urkunde einen in ihrer Kompi- 
lation höchst verdächtigen Eindruck. Dieser wird sehr verstärkt 
durch eine genauere Prüfung des Hauptinhalts der Urkunde, der 
Bestätigung nämlich der Anordnungen des Erzbischofs Günther 
durch Willibert. Bevor man die ebenfalls darauf bezugnehmende 
Urkunde Lothars II von 866 kannte, war man für die Beurteilung 
von W 873 ziemlich ratlos 3 ). Die Königsurkunde macht trotz der 
späten und unsichern Überlieferung in den Farragines Gelenii und 

1) Floß, S. 100 f. Mon. Germ. Epistolae VI, 1, S. 255, nr. 11. 

2) S. oben S. 104. 

3) Vgl. z.B. S. Call es, Annales ecclesiasüci. Viennae 1756, III, S. 539 : 
Praestare non ausim scnsum obscurissimi documenti me satis assecutum. — Bin- 
terim, Diözcsankonzilien, Bd. III, S. 149. 



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Die angebliche Kölner Provinzialaynode von 873 111 

trotz der falschen Datierung daselbst einen echten Eindruck 1 ). 
Sie entspricht in ihrer Form dem Gebrauche der Kanzlei Lothars, 
in ihrem Inhalt gleichartigen, sogar durch eine Formel aus der 
Kanzlei Ludwigs des Frommen bezeugten Anordnungen 2 ). 

Was macht aber aus den in der Königsurkunde überlieferten 
Tatsachen "W 873? Hier wird deren Sinn gänzlich verändert. 
866 wurden außer bestimmten Stiftern des Bistums auch die Dom- 
kanoniker durch den Bischof in ihrer Stellung gesichert. W 873 
macht nun matricis Ecclesiae . . . rebus . . . singulis monasteriis ad hunc(l) 
— hier herrscht offenbar noch die Vorstellung des episcopatus aus der 
Urkunde von 866 — pertinentibus Zuwendungen (. . . delegavit atque 
contradidit), die später als Schenkung (ex donatione . . .) bezeichnet 
werden. Die Domkirche wird nicht nur unter den Bedachten über- 
gangen, sondern sie tritt sogar selbst als Geschenkgeberin auf. 

Zu diesen grundsätzlichen Verschiedenheiten des Textes kom- 
men nun aber noch ganz äußerlich angeschlossen (Praeterea . . .), 
mehrere Zusätze, von denen die Königsurkunde überhaupt nichts 
weiß. Die Stifter erhalten eine Reihe höchst wichtiger Rechte 
und Freiheiten. Es handelt sich im wesentlichen um das freie 
Wahlrecht der Kanoniker. Anscheinend mit Absicht ist allgemein 
von de sua electione die Rede. Gemeint sind wohl die Dignitäre 
und Beamten des Stifts überhaupt. Aber sie treten doch hier 
hinter den Propst zurück, der von allen Dignitären als der vor- 
nehmste zu gelten hat, und dem alle unterworfen sein sollen. Den 
Kanonikern soll die freie Verfügungsgewalt über eigene Häuser 
zustehen usw. 

Es sind das aber alles Rechte, die für eine Zeit, in der sonst 
noch die vita communis und die gemeinsame Vermögensverwaltung 
galt und der Bischof den Propst ernannte, sehr auffällig erscheinen 
müssen. Darum hat die Kölner Urkunde von 873 in der gesamten 
Literatur auch berechtigtes Aufsehen erregt. Gerade mit Bezug- 
nahme auf Köln sagt Hauck, daß die vita communis alsbald nach 
ihrer Einführung an den wichtigsten kirchlichen Zentralpunkten 
wieder außer acht gelassen wurde 3 ). 

1) Am richtigsten, aber unter falschem Datum abgedruckt bei Würdtwein, 
Nova Subsidia diplomatica. Heidelberg 1784, Tom. IV, S. 23 f. Meiner Ansicht 
nach, die ich in einer Abhandlung über die Güterordnung Günthers von c. 866 
zu begründen gedenke, haben Würdtwein und Gelen dieselbe, heute verschollene 
Vorlage benutzt. — Ungenau die Drucke bei Jörres, a. a. 0., S. lf.; Ennen 
und Eckert 2, Quellen zur Geschichte der Stadt Köln 1860, I, S. 447 f. 

2) Mon. Germ. Legum Sect. V. K.Zeumer, Formulae Merowingici et Ka- 
rolini aevi, S. 304, Form. Imperiales, nr. 25. 

3) Hauck, IV*", S. 356. 



Original Frort! 



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112 Gerhard Kallen 

Im Vertrauen auf die Echtheit von W 873 hat man nicht be- 
dacht, daß die in dieser Urkunde vorausgesetzte Aufteilung der 
pratbenda canonicorvm in die praebendae für das 9. Jahrhundert 
eine Unmöglichkeit und erst eine Folge der Veränderung der wirt- 
schaftlichen Verhältnisse darstellt, die etwa im 10. Jahrhundert 
beginnt und Im 11. zu einem vorläufigen Abschluß gelangt. Die 
alte Naturalleistung wird allmählich zu einer festen Rente umge- 
gestaltet. Mit dem Aufkommen der Obödienzen (== selbständige 
kleine Wirtschaftszentren) lockert sich die Zentralwirtschaft in 
den Kapiteln '). Dadurch wird aber allmählich auch der bisherigen 
Machtstellung des Propstes der Boden entzogen. Wenn die Kano- 
niker wirtschaftlich von ihm unabhängig werden, so liegt das Be- 
streben nahe, ihn allmählich ganz aus dem Kapitel zu verdrängen. 
Daß er sich dagegen wehrt, ist natürlich, und so sehen wir etwa 
vom 11. Jahrhundert ab überall den Propst im Kampf mit Dekan 
und Kapitel, ein Ringen, von dem der Brief des Lütticher Dekans 
Wazo aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts einen so drastischen 
Beleg gibt *). 

Es bedarf wohl kaum eines besondern Hinweises, daß dieser 
Kampf über viele Jahrzehnte sich hinzieht und mancherorts selbst 
im 14. Jahrhundert hoch nicht zur Rohe gekommen ist. An der 
Kölner Domkirche haben nach dem ausdrücklichen Zeugnis des er- 
wähnten Wazo aber noch zu Beginn des XI. Jahrhunderts geradezu 
mustergültige Zustände geherrscht 3 ). 

Ohne daß wir noch auf die Frage der Kanonikerhäuser ein- 
gehen, möge das Gesagte zum Beweise genügen, daß der Inhalt 
von W 873, soweit er von der Königsurkunde von 866 abweicht, 
mit der rechtlichen und wirtschaftlichen Lage der Stifter im 
9. Jahrhundert nicht vereinbar ist. Diese Annahme gewinnt eine 
starke Stütze durch die Beobachtung, daß in der Behandlung dieser 
der Urkunde Lothars II unbekannten Rechtsfragen wieder völlige 
Übereinstimmung besteht zwischen W 873 und der Essener Fäl- 
schung. Auch das Stift Essen erhält: Freie Wahl der Äbtissin; 
ihre Rechte werden festgelegt, und endlich wird den Kanonissen 
freies Verfiigungsrecht über ihre Häuser gewährt. 

1) Vergl. hierzu G. Rückert, Die Präbende am Domkapitel zu Augsburg, 
Archiv für die Geschichte des Ilochstifts Augsburg 1916 fl. t Bd. 5, S. 186 ff. 198 ff. 

2) Mon. Germ. Scriptores VIT, Anselmi Gesta episcoporum Lcodienaium, 
S. 211 ff. Vergl. zu dem Brief Neues Archiv 1895, Bd. 20, S. 223 f. 

3) M. G. a. a. 0., S. 214: . . . ipse dominus episcopus claustrum saepe de- 
ambulans scolas visitat . . . disciplina claustri specialiter appcnditur praelato, nee 
tarnen deest invitatus praepositus instante scrupulo. Stipendium cottidianum cum 
ceteris officialibus exhibet praepositus . . . 



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Die angebliche Kölner Provinzialsynode "von 873 113 

Essen genoß als hochadliges Damenstift mit den andern auf 
Reichsgut errichteten Klöstern Gerresheim und Quedlinburg schon 
früh besondere Vorrechte. Nach ihrem Muster wird z. B. 987 
Vilich gegründet *). Dieselben Freiheiten, deren sich die freiherr- 
lichen Kanonissenstifter schon balct erfreuen, erringen, wie wir 
feststellten, die Kanoniker erst vom 11. Jahrhundert ab. Wenn 
wir aus diesen allgemeinen Erwägungen heraus geneigt sind, die 
Essener Fälschung als Vorlage für W 873 anzusprechen, so be- 
stärkt uns hierin besonders ein höchst auffallender Zusatz: Die 
Willibert -Urkunde sichert die Testierfreiheit jedem Kanoniker zu 
„sive nobilis, sive ignobilis esset". Die Unterscheidung hätte in einem 
ausschließlich freiherrlichen Damenstift keinen Sinn gehabt. Bei 
der vielfach wörtlichen Übereinstimmung beider Urkunden erklärt 
sich diese Erweiterung aber dann ganz zwanglos, wenn wir an- 
nehmen, daß der Verfasser von W 873 einem Stift angehörte oder 
für ein solches die Urkunde anfertigte, das nicht ausschließlich 
freiherrlich war. Daraus würde dann freilich weiter folgen, daß die 
Urkunde gar keine Bestätigung einer für mehrere Stifter gültigen 
Anordnung Günthers sein kann, sondern daß sie zu Gunsten eines 
einzigen Stifts oder gar nur einer Partei dieses Stifts angefertigt 
wurde; mit andern Worten: W 873 ist eine Fälschung. 

Aus den erwähnten sachlichen Gründen', auch wegen ihres 
Zusammenhanges mit der Essener Fälschung kann sie nicht vor 
dem Ende des 11. Jahrhunderts entstanden sein. Dem Fälscher 
waren die abweichenden Verfügungen Günthers sicher bekannt, wie 
sich aus dem Vergleich mit der Urkunde Lothars ergibt. Nur so- 
weit sie mit dieser übereinstimmt, beruht W 873 daher auf echter 
Vorlage; eine solche kommt in Betracht auch für den Abschnitt 
aus dem Wahlprotokoll und für die Nachricht, die sich auf die 
Domweihe bezieht. 

Fraglich bleibt es aber, ob dem Verfasser sonstige Synodal- 
akten von 870 bekannt, oder ob solche überhaupt jemals vorhanden 
gewesen sind. Man hat, gestützt auf Abbo von Fleury, von Mabillon an 
bis in die neueste Zeit einen einsamen Disziplinarkanon dem Kölner 
Konzil von 870 oder 873 zuschreiben wollen 2 ). Aber dieser von 
Abbo mit der Inskription ex Concilio Coloniae cap. LVI über- 



1) Mon, Germ. D.O. III, nr. 32 (nach dem Original); Lacomblet, I, nr. 122 
(nach einer Abschrift des 12. Jahrhunderts). 

2) Abbo Floriacensis abb. Collectio canonum c. 36 bei J. Mabillon , Vetera 
analecta. Nova ed. (Paris. 1723), S. 143, Man si, XVI, 566, Migne, Lat. t Bd. 139, 
494. — Dazu zuletzt A. Werminghoff, Verzeichnis, Neues Archiv 1901, Bd. 26, 
S. 646. 

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114 Gerhard Kallen 

lieferte Kanon: Ut nemo episcoporum ist, wie mir mein Freund 
Privatdozent Dr. Friedrich Heyer in Bonn freundlichst mit- 
teilt, nichts anderes als c. 36 de6 Konzils von Meaux (845) *), dem 
er auch in andern Kanonessammlungen bis auf Gratians Dekret 2 ) 
zugeschrieben wird. % 

Das Schicksal dieses Kanons macht uns aber nun auch vor- 
sichtig gegenüber der Nachricht des Bayern Johann Turmair, 
genannt Aventin. Seine Angaben zum Jahre 870 gehen der Fas- 
sung nach auf die Fuldaer Annalen zurück, aber daneben bezeichnet 
er als eine besondere Aufgabe der Synode die "Wierherstellung der 
kirchlichen Disziplin 3 ). Irgend ein greifbarer historischer Wert 
kommt aber weder dieser noch anderen Angaben zu. 

d) Der Ort der Fälschung. Ergebnisse. 

Dem aufmerksamen Beobachter wird es nicht entgangen sein, 
daß von den im Zusammenhang mit den Konzilsakten genannten 
Urkunden 3, nämlich die beiden von 874 und die von 1074, sämt- 
lich Fälschungen, für St. Kunibert in Köln ausgestellt worden 
sind. Das Urkundenmaterial dieses Stifts am Ausgang des 11. und 
zu Beginn des 12. Jahrhunderts unterliegt überhaupt den stärksten 
Bedenken. R. Knipping hat zuerst auf mehrere gefälschte 
Kunibert-Urkunden'zwischen 1106 und 1135 aufmerksam gemacht. 
Er faßt sie als eine besondere Gruppe zusammen. Als charakteri- 
stisch für sie hebt er die eigenartigen Verfluchungen hervor 4 ). 
Wie überhaupt in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die 
Hauptmasse der Urkunden durch den Empfänger hergestellt wurde, 
so verdanken auch die von Kunibert ihre Entstehung der Stifts- 
kanzlei und weisen deshalb vielfach dieselbe Hand auf. 

Oppermann bestätigt durch seine Forschungen nicht nur die 
Ergebnisse Knippings, sondern fügt dem Kreis der Fälschungen 
die obengenannten 3 und eine Urkunde Sigewins von 1080 hinzu 5 ). 



1) Mon. Germ. Capitularia II (herausg. v. A. Boretius"-V. Krause), 1897, 
S. 411. 

2) Vergl. E. Friedberg zu C. 11 q. 3 c. 41 Nemo episcoporum.. 

3} Johannes Turmair, Sämtliche Werke, Bd. II, Annales, herausg. von S. 
Riezler, 1881, S. 592. Über die Quellen, Bd. III, S. 536 ff- 

4) R. Knipping, Beiträge zur Diplomatik der Kölner Erzbischöfe des 
12. Jahrhunderts. Dissert. Bonn 1869, S. 18 ff. — Derselbe, Annalen des Hist. 
Vereins für den Niederrhein, 1898, Bd. 65, S. 204. 208. 

5) Lacomblet, I, nr. 229; Oppermann, Westdeutsche Zcitschr., a.a.O. 
und ebenda 1902, Bd. 21, S. 64 ff. Die Fälschungen für Kunibert sind sorgfältig 
zusammengestellt von Fr. Geschcr, Der Kölnische Dekanat und Archidiakonat 



Original from 







Die angebliche Kölner Provinzialsynode von 873 115 

Ihm sind bereits die Anachronismen in der Trierer Urkunde auf- 
gefallen. Aber nachdrücklicher noch, als von ihm geschieht, maß 
auf deren engen formellen und inhaltlichen Zusammenhang mit 
W 873 hingewiesen werden. Handschriftlich ist sie nur in einem 
Kartular des Stifts erhalten. Die gleichzeitige Mainzer Urkunde 
für Kunibert, von der wir noch das angebliche Original besitzen, 
zeigt eine überraschende Ähnlichkeit in der Schrift mit der gleich- 
falls unechten Anno -Urkunde von 1074, die ja zu Beginn des 
12. Jahrhunderts gefälscht wurde x ). Und von derselben Hand, 
die sich übrigens auch in andern Kunibert- Urkunden des beginnen- 
den 12. Jahrhunderts feststellen läßt, wie bereits eine flüchtige 
Prüfung der Kunibert - Urkunden im Düsseldorfer Staatsarchiv 
ergab, ist auch die Essener Urkunde geschrieben 2 ). Wenn diese 
nun tatsächlich am Ausgang des 11. oder zu Beginn des 12. Jahr- 
hunderts in Kunibert gefälscht worden ist, was liegt näher, als 
auch den Ursprung von W 873 um diese Zeit hier zu suchen? 
Der Fälscher von W 873 hätte alsdann auch die Essener Urkunde 
auf dem Gewissen. Eine ausgedehnte Fälschertätigkeit für Damen- 
stifter sagt übrigens schon Oppermann dem Stiftsschreiber von Ku- 
nibert um 1100 nach 8 ). 

Der Hinweis auf Kunibert, der sich aus einer in erster Linie 
formellen Untersuchung der Urkunden ergab, findet seine Stütze 
auch in den tatsächlichen Verhältnissen. Auf dieses Stift, das 
nicht freiherrlich, sondern gemischt war 4 ), paßt der Zusatz: sive 
nobilis, sive ignobilis esset, vortrefflich. Hier scheint ferner um 
1100 der Propst in dem Auseinandersetzungsprozesse zwischen ihm 
und dem Kapitel bereits eine Einbuße in seiner Macht erlitten zu 
haben. In den von Knipping für gefälscht erklärten Urkunden 
von 1106 und 1135 werden dem Stift Kirchen inkorporiert mit 
der ausdrücklichen Bestimmung: ut nullus prefati monasterii prepo- 
sitits aliquod sibi speciale ius in dono predicte aecclesiae usurpet, sed 
decanas secundum communcm et liberam fratrum elcctionem b ). Daß 
hier ein der Urkunde W 873 z. T. entgegengesetzter Standpunkt 

in ihrer Entstehung und ersten Entwicklung (Kirchenrechtliche Abhandlungen, 
Heft 95). Stuttgart 1920, S. 27 f. 

1) Lacomblet, I, nr. 66 und 218. Vergl. auch die Westdeutsche Zeit- 
schrift, 1901, Bd. 20, Tafel 2 wiedergegebenen Schriftproben. 

2) Düsseldorfer Staatsarchiv, Frauenstift Essen, Nr. 1. Ihre Beschreibung 
bei Heineken, a. a. 0., S. 37 ff. 

3) Mitteilung an Heirn Dr. Fr. Gescher; abgedruckt a.a.O., S. 27. 

4) A. Schulte, Der hohe Adel im Leben des mittelalterlichen Köln (Sitz.- 
Ber. der Bayer. Akademie). München 1919, S. 27 ff. 

5) Lacomblet, I, nr. 268, 322. 

8* 



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116 Gerhard Kallen 

vertreten wird, daß also in gleichzeitigen Fälschungen verschiedene 
Richtungen zum Ausdruck kommen, erregt kaum Bedenken. Viel- 
mehr weisen die Urkunden darauf hin, daß der Kampf der Parteien 
in diesem Stift damals besonders aktuell war. Man hat in W 873 
fast den Eindruck, als ob im Kampf gegen den Dekan der Propst 
die Kanoniker auf seine Seite zu ziehen gesucht habe. Wir wissen 
übrigens, daß in Kunibert die Pröpste noch im 14. Jahrhundert 
versucht haben, ihre alte Machtstellung wiederzugewinnen *). 

Als besonders wichtig muß aber endlich der Umstand be- 
zeichnet werden, daß in Kunibert am Ausgang des Mittelalters 
die Nachrichten von einem im Jahre 873 bezw. 874 abgehaltenen 
Kölner Konzil tatsächlich bekannt waren und bereits für richtig 
gehalten wurden. Die jüngere Mindener Bischofschronik berichtet: 
Anno ergo 873, indictione VII. Cdloniae celebrato synodo ad dedicationem maioris 
tcclesiae a tribus Theutoniae Metropolitanis nocte precedenti cum dedicari deberet, 

auditae sunt malignorum spirituum voces Postca vero Herum concüio 

synodali anno sequenti ibidem celebrato et hie praesul veneratidus 
[= Dietrich v. Minden] interfuit, ... ut apud sanetum Cuni- 
bertum in Colonia in quodam libro inveni 2 ). 

Der erste Satz geht auf die Fassung in der älteren Chronik 
zurück, die ihrerseits abhängig ist von Heinrich von Herford 3 ). 
Dieser schöpft aus Sigebert von Gembloax, und dessen Quellt end- 
lich sind die Fuldaer Annalen, obwohl er das Datum der Synode 
um ein Jahr (871) verschiebt. In dem obengenannten zweiten 
Satze erblicken wir eine starke Stütze für unsere Ansicht, W 873 
sie in Kunibert gefälscht worden. Aus dem mit den Fuldaer 
Annalen übereinstimmenden Text des ersten Satzes ergibt sich, 
daß der Verfasser die von diesen überlieferte Synode irrtümlich 
dem Jahre 873 zuschreibt. Die umstrittene zweite Synode verlegt 
er ins Jahr 874, wie das ja auch in den beiden Urkunden für 
Kunibert von 874 geschieht. 

Fassen wir unsere Ergebnisse zusammen, so dürfte als z. T. 
gesichert, z.T. höchst wahrscheinlich gelten: 1) Nach dem Bericht 
der Fuldaer Annalen, der allein zuverlässig ist, hat Erzbischof 
Willibert zur Einweihung der Domkirche und zur Erledigung 

1) 0. R. Redlich, Annalen des hist. Ver. für den Niederrhein, 1902 t 
Heft 74, S. 102 ff. 

2) K. Lüffler, Mindener Geschichtsquellcn I. Münster 1917, S. 37, 98. 
Für unsere Frage ist es gleichgiltig, ob diese Stelle, wie man bisher annahm, auf 
Hermann von Lerbecke (f c. 1420), oder ob sie auf Heinrich Tribbe (t 14»»4] 
zurückgeht. Vergl. hierzu Löffler, S. XVII ff., XXX ff. 

8) A. Pott hast, Liber de rebus memorabilibus . . . Henrici de Hervordia. 
Göttingen 1659, S. 62 zum Jahre 871. 



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Die angebliche Kölner Provinzialsynode von 873 117 

wichtiger Bistumsangelegenheiten nox eine Synode, und zwar im 
Jahre 870, abgehalten. Auch das Datum des 26. September stimmt, 
wie sich aus dem mittelalterlichen Festkalender der Kölner Kirche 
ergibt 1 ). 2) Die Urkunde W 873 erweist sich in der überlieferten 
Form als eine spätere Fälschung. Zusammen mit der Essener 
und einer Reihe anderer Fälschungen ist sie frühestens am Ende 
des 11., wahrscheinlich aber erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts 
in der Stiftskanzlei von St. Kunibert entstanden. 

e) Grund der Fälschung. 

Bei der Frage nach dem Grund der Fälschung werden wir 
auf Vermutungen beschränkt bleiben, die nur solange berechtigt 
sind , als sie nicht besserer Erkenntnis Platz machen müssen. 
Diese kann aber nur auf Grund einer systematischen Untersuchung 
urkundlichen Materials, die der Zukunft noch vorbehalten bleibt, 
beruhen. Denn nicht nur für Kunibert, auch für andere Stifter 
und Klüster ist im 11. und 12. Jahrhundert in erheblichem Um- 
fange gefälscht worden; erinnert sei nur an die große Zahl der 
falschen Anno-Urkunden, an die Fälschungen von St. Maximin in 
Trier u. a. m. 

Es ist die Zeit, in der zuerst der Urkundenbeweis — vielleicht 
im Zusammenhang mit dem eindringenden römischen und kano- 
nischen Recht — auch im Bereiche der Privaturkunde beginnt eine 
Rolle zu spielen 2 ). Für die ältere Zeit fehlten Urkunden. Eid 
und Zeugenbeweis, standen an erster Stelle. Jetzt aber war jedes 
Kloster, jedes Stift bemüht, für ältere Schenkungen und Rechts- 
verhältnisse urkundliche Belege beizubringen. Daher gibt es auch 
für soviele Kaiserurkunden der älteren Zeit Kopien des 12. Jahr- 
hunderts. Als aber allmählich die älteren Rechts- und Besitztitel 
alle z. T. durch echte Bestätigungen, z. T. durch umfangreiche 
Fälschungen gesichert waren, fiel der Grund für diese weg. Und 
so wird es erklärlich, daß vom 13. Jahrhundert ab Fälschungen 
seltener werden. Die echten Urkunden dieser Zeit beziehen sich 
meist auf neue Rechtsgeschäfte. 

Dazu kommt ein zweiter Gesichtspunkt. Für die mittelalter- 
liche Rechtsanschauung war es charakteristisch, daß Recht immer 
gutes, altes Recht war 8 ). „Für ein in Frage stehendes sub- 



1) G. Zilliken, Der Kölner Festkalender (H. 119 der Bonner Jahrbücher), 
S. 23. 100. 

2) Vergl. dazu \V. Ewald, Siegelkunde, S. S6ff. 

3) Vergl. hierzu Fr. Kern, Über die mittelalterliche Anschauung vom 
Recht (Historische Zeitschrift, 1916, Bd. 115), S. 496 ff. 505. 



Original from 



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118 Gerhard Kallen 

jektives Recht war seine Zugehörigkeit zum Väterbrauch ungefähr 
dasselbe, was heute der Nachweis sein würde, daß dasselbe aus 
einem gültigen Staatsgesetz fließe." Hierauf beruht das Interesse, 
das die Träger subjektiver Rechte an einer immer wieder er- 
neuerten Bestätigung früherer Privilegien hatten. Denn nur gutes, 
von altersher überkommenes Recht galt als solches. Bei der 
mangelhaften Kritik des Mittelalters und dem Fehlen geordneter 
Archive war es verhältnismäßig leicht, Rechtsakte früherer geist- 
licher und weltlicher Herrscher zu fälschen. Als besonders wichtig 
und begehrenswert erwiesen sich solche älteren Rechtstitel danach 
sowohl für den, der um die Anerkennung eines neu entstandenen 
oder entstehenden Rechtes kämpft, als auch für denjenigen, der ein 
altbegründetes Recht behaupten und verteidigen muß. In Kunibert 
war sogar beides der Fall. Der Zug der Zeit ging dahin, den 
Propst aus dem Kapitel zu verdrängen, und er wehrte sich mit 
allen Mitteln dagegen. Sein Hauptgegner war der Dekan. Den 
Kanonikern anderseits, die durch die wirtschaftliche und rechtliche 
Entwicklung des 11. Jahrhunderts eine freiere Stellung gewonnen 
hatten, mußte es höchst willkommen sein, die Entstehung ihrer 
jungen Rechte in früheren Jahrhunderten glaubhaft zu machen. 
Man muß solche formellen Fälschungen wie die vorliegende 
scharf von sachlichen Fälschungen scheiden. Als Beurkundungs- 
fälschungen bilden sie u.E. eine besondere Art mittelalterlicher 
Urkundenfälschungen. Man erfand kein neues Recht, sondern be- 
stehendem oder entstehendem Recht soll der Stempel des guten 
alten Rechts aufgedrückt werden. 

f) Folgerungen. 

Wenn der versuchte Nachweis, daß die Synode von 873 mit 
ihren verfrühten Privilegien eine spätere Fälschung sei, sich als 
stichhaltig erweist, dann ist hinfortan der Behauptung, daß bereits 
für das 9. Jahrhundert seit der Guntherschen sogenannten Güter- 
teilung in Köln eine Auflösung der vita canonica bezeugt sei, die 
heute in fast allen Lehr- und Handbüchern des Kirchenrechts und 
der Kirchengeschichte vertreten wird, der Boden entzogen. 

Aber auch für eine neue Beurteilung der Abmachungen de3 
Erzbischofs Günther mit seinem Klerus wird damit der Weg frei- 
gelegt. Für sie kommt nunmehr einzig und allein die Königs- 
urkunde von 866 in Betracht. 



i . Original froni 

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Die angebliche Kölner Provinzialsynode von 873 



119 



Beilage. 

MoNÜMENTÜM SYN0DI MAGNAE ANNO INCARNATIONIS DOMINICAE 873 InDICTIONE 
8(!) SÜB PJISSIMO REGE LüDOüICO, ANNO IMPERII EIDS 33. APOD CoLONIAM 
AöRIPPINAH COLLECTAK VI. CaL. Od. EX PERVETUSTO BlBUOTBECAE Ge- 
LENIANAE CODICE SCR1PTO MANU HERMANNI DE WeSAUA V(liu) Cl(aRISSIMI} 

quem Friedericus III. S. Severini Coloniae et B. Mar(uk V(irginis) 
Aquisgrani canonicum fecit. 

Nach Heister, Suffragami Coloniemes (1641) S. 139 ff. 

In nomine sanctae et individuae trinitatis Willibertns divina praedesti- 
nante dementia Coloniensis civitatis orcbiepiscopus. 

König Lothar II bestätigt die G üter- 
ordnung Erzbischof Güntbers (866). 

Nacli Wii rdtwein, Nova Subsidia 
IV, 23. 

. . . Igitur oranium fidelium 
sancteDei eccleaie ac nostromm 
presentium videlicet et futuro- 
rum noverit industria, quia 
Guntbarius venerabilis Agrip- 
pinensis ecclesie gubernator et pius 
rector nostris detulit obtutibus quan- 
dam conacriptionem, in qua contine- 
batur, qualiter ipse cum clero 
sancti Petri in memorata Agrippinenai 
civitate consistenti et reliquis sanctc 
eccleaie fidelibua laicia cum 
conaenau parique voto ordina- 
verint atque aolemniter roborando sta- 
tuerint utl deinceps Canonici in 
eadem sancta matre ecclesia seu et 
in ceteria raonasteriia tarn infra 
ip8am civitatem, quam que et extra, 
que ad eundem Epiecopatum et ec- 
cleaiam sancti Petri pertinere nos- 
cuntur, id est ... (folgen die Namen 
der einzelnen Stifter) . . . deinceps 
absque alicuius sumptuumin- 
d i g e n t i a pro omnibus temporibus 
consistere quivisaent, deprecana 
nostram pietatem, ut eandem conscrip- 
tionem per nostram confirmare non 
dedignaremur pragroaticum. Verum 
nos eius Ordinationen! pie exami- 
nando ratam atque necessariam esse 
arbitrantes . . . etatuimua . . . ut ec- 



W 873. 

Noverit omnium Sanctae 
Dei ecclesiac fidelium prae- 
sentium scilicet et futurorum 
industria, qualiter Guntba- 
rius sedis nostrae Venerabilis 
Pastor , divino ductus amore, 
unacum consensu et voluntate 
suorum clericorum ac laico- 
rum nostrae matricis ecclesiae rebus 
privatim singulis monasteriis ad 
nunc pertinentibus, ac canonice 
in eis commorantibus aumptuum 
suorum neceaaaria habenda dele- 
gavit atque contradidit: quatenus 
deinceps videlicet eadem mona- 
steria et iidem canonici futuris 
temporibus perpetualiter inde 
consistere quivissent, absque 
alicuius sumptua indigentia. 






Original from 
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120 



Gerhard Kallen 



TT 873. 

Praeterea quidem et hoc quisque 
ecclesiae amator agnoscat . qualiter 
iam fatus vir pastoralis (sumptibua 
necessariis, ut praelibatum est in prae- 
aignatorum ius clericorum, ex dona- 
tione ordinabiliter atque regulariter 
delegatis atque distributia) illia 
concesait atque donavit, ultra licitum 
fore cum 8ecura potestate et libero 
arbitrio inter ae ordinäre et f acere 
tarn de aua clectioue quam de 
omnibus suis rebus absque eiua con- 
sultu et imperio. Similiter vero cunc- 
tis innotescat, quod idem aupra me- 
mo rat us pastor in futurum praeca- 
vena, ne praelati, ordine regiminis 
confuse utendo , aliquando inter se 
fortem' dissenaionem indc incur- 
rerent, ac ne ob hoc statutum clerici 
tandem instabiles denuo sicut priua, 
absque correctionis et incrcpationis 
timorehuc illucque vagabundi 
liberiuB diacurrerent decrevit, 
ut praeposito in sibi subiectia nullus 
nee praclatione, nee potestate auper- 
poneretur, aed idem potiuB in arabobus 
super oranea praeatantissiraus habere- 
tur t ac insuper eorundem Subiec- 
torum res communes interius, 
exteriuaque ipse solus cum c o n - 
s i 1 i o prudentum bencvolentiumque 
frati-um gubernans, diligenterque 
providens, totum in suam asau- 
meret reservandam custodiam, quidquid 
ex his debiti proveniret, et sie postea 
summa cura atque diligentia id 
ipsum in ill or um u tili täte m mi- 
nistrando dispensaret. 

Nihilominus, ecilicet ipse idemque 
beatae et dignae memoriae vir et di- 



cleaias predia rillas aive omnes res, 
quas iam prefatus vir venerandua 
Guntharius tarn in eadem aaneta 
matre ecclesia, quam que et in reli- 
quis Deo dicatis locis ... ob u'tilic 
tatem canonicorum et stabilitatem 
earundem ecclesiarum Christi d i v i u o 
duetus fervore per aue d e 1 e g a - 
tionis ordinationem et nobilium 
virorum aseensionem corroboravit . , . 



Altfrid, Bischof von Hildesbeim 
lässt sich seine Stiftung Essen be- 
stätigen (877!). 

Nach Lacomblet 1, nr. 69 (zu 874). 

. . . sanetimonialium congregatio- 
nem coadunans eique uictue et uesti- 
tus necessaria prouidere spiritualem 
quoque matrem quae regulariter prae- 
sideat eidem , ex eadem praeficere 
curaui. Ne uero poat mei execssum 
futuris saeculia de electione aba- 
tissae diasenaio oriatur, ex decreto 
papae Sergii et eius sueeeesoria Adri- 
ani aancitum est et eorum privilegiis 
confirmatum. ut nee praece. nee pra*- 
cio. nee ullo omnino umquam modo 
alterius congregationis sanctimonialis 
supradictis sanetimonialibus praepo- 
natur. sed quaeeunque ex eisdem et 
in dei servitio potiasima. et in 
eiusdem aeccleaiae rebus iuste dis- 
ponendis aptissima reperietur. h^c ex 
communi omnium ibidem deo tamu- 
lantium electione seeundum dei timo- 
rem suis sororibus praeficiatur. Quod 
autem consuetudinarium ius tarn supra- 
dictis aororibus quam clericis ibidem 
seruientibus in administrandis suis 
rebus imposuerim. et perpetualiter ob- 
servandum velim , paucis absolvam. 
Posseasiones aecclesiae traditas 9iue 
tradendas interiores et exte- 
riores tarn mobiles quam immobiles 
cum consilio deumtimentium s um - 
ma cum dilig entia abbatiasa pro- 
curet. reditusque earum tarn in aua 
quam in sororum equabili distribuat 






Original from 
UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Die angebliche Kölner Provinzialsynode von 873 



121 



vini consilü inspiratione adinonitus 
firma ac perpetua lege sancivit, ut 
nullus unquam Pontifex sine illorum 
coDScientia sive consensu de ipsa 
substantia, xninimam unquam 
praebendam alicui per potentiam 
tribueret, aut itetn in domibus, 
sive in aedificiis in urbe vel ex- 
terius circa urbem sibi htm a quibus- 
libet in eleemosynam datis, seu 
deinceps donandis, aut usquam 
alibi in caeteris universis illorum 
locis in omnibus rebus absque 
cousensu et communi cunctorum vo- 
luntate quidquam eis per potentiam, 
sive per aliquam vim destrueret, illo- 
rum donationem seu traditionem, quam 
inter se in clauatro de qualibuscun- 
que suis rebus, testibus adhibitis 
fecissent, hoc Ulis quasi in ius hae- 
reditarium firrniter concedens, quate- 
nus quisque illorum sive nobilis, sive 
ignobilis esset, usque in sempiternum 
liberum haberet arbitrium suam 
mansionem cum caeteris Qui- 



ll tili täte, id suminopere cauens 
utpote deo rationem redditura ut de 
communibus earum rebus nee 
unam ininimam prebendam abs- 
que earum consilio utilitate ali- 
cui tradat. ne quod absit penuria 
familiaris rci urguente ruptis saneti- 
monie habenis liberius hac etil- 
lac absque dei timore uageu- 
tur. Si qua uero sanetimonialis ibi- 
dem habet propriam domum. aut 
aliquod aedificium. uel a ae emp- 
tum. uel dono sibidatum. uel ali- 
quas res undelibet iuste adqui- 
eitoe. nihil omnino ex omnibus supra- 
dictis neque abbatissa neque aliquis 
ei auferat neque ullo modo auferendum 
suadeat sed eadem sanctimonialis li- 
bero arbitrio suam domum et 
euneta q u c inibi possidot Bo- 
ro r i b u q vcl amico ad eandem 
aecclcsiam pertineuti absque ullius 
conti* adictione siue morti Bit pro- 
xima siue uite, quoeunque modo vo- 
luerit tradat... Anno incarna- 



buseunque rebus donare seultionia dominicae DCCCLXXVII 
etiam tradere euieunque suocon- 
fratri voluisset, post obitum suum 
possidendam absque ullius epis- 
copi consultu sive contradictione. 
Huius itaque ordinationis ac 
concessae electionis atque rnemorialis 
decreti praesens, conscriptum ob 
memoriam et eleemosynam nostri fieri 
volentes, iussimus illud in conspectu 
totius synodalis conventus publice 
recitari, quem simul nobiscum ko- 
dier no die collectum habuimus 
ob nostrae ecclesiac dedica- 
tionem faciendam, et ob plu- 
rima divina traetanda nego- 
tia, id est, coram Luitber ( to 
saneto viro Mogunt ie nsis ec- 
clesiae archi episcopo, nee non 
Bertolpho Trevirensis eccle- 
siae arc hi episcopo ac coram 
plurimis aliis episcopis tarn 
«suis quam nostris suffraga- 
n e i s a ) , nee non coram caeteris 



sub piissimo rege Hludowico 
anno imperii eius XXXVI apud 
Coloniam civitatem V. Kaien- 
darum octobrium in ipsa die 
dedicationis basilicae saneti 
Petri ego Altfridus episcopus hoc Pri- 
vilegium coram domno Williberto prae- 
d icte civitatis arcbiepiflcopo r e c i t a u i . 
Nee non et coram (folgen die anwe- 
senden Erzbiscfiöfe und Bischöfe) ... et 
coram aliis compluribus sacri or- 
dinis uiris, qui ob supradicte 
ecclesiae dedicationem c o n - 
venerant. ... acciamantibus om- 
nibus ita hanc Constitutionen! salu- 
briter atque ordinabiliter institutam 
ut non modo addi verum etiam 
aliquid dirainui dampnosum videretur. 
omnes unanimiter huius con- 
scripti ... violatorem in perpetui 
anathematis foveam, detruaimus .... 



a) collectum — suffraganeis übereinstimmend mit Lacomblet I t nr. 67. 






Original front 
UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



122 



Gerhard Kallen 



omnibus sacri ordinie viris prae- 
ato habitie, quatenua illorum comrauni 
examinatione probaretur, si esset 
a nobia recipiendum, necne. 

Cunctis autem unanimiter di- 
iudicantibus, non s o 1 u m recipiendum 
fore, verum etiam digne et iußte 
aecundum regulam adimplendum, eo 
quod regulariter atque rationabiliter 
in omnibua ordinatum haberetur, tara 
nostra mann subtus id firmavimus 
quam etiam propriis singulorum ma- 
nibus roborari fecimua. 



W $7.1. 

Unde iuxta illorum iu- 
dicii authoritatem una 
cum ipsifl proferre dam- 
nationis sententiam fir- 
missimedecrevirnus, quis- 
quis quasi ecclesiastici 
ordinis violator et con- 
temptor hoc in perpetuum 
ausu temerario vel infrin- 
gere, vel diaturbare ag- 
grederetur. Et ideo qui- 
cunque successorum no- 
strorum id scienter facere 
praeaumpserit, omnibus- 
que consiliariis eius, quo- 
rum consilio hoc nefas 
egerit, De us conteret 
dentes,eoruin et in ore 
ipaorum molascon- 
fringet Dominus. 
Ad nihilum deveni- 
ent tamquam aqua 
decurrens. Convertan- 
tur ad vesperam et fa- 
mem patiantur ut 
c a n e 8. Ac propter haec 
opera eorum, opera inu- 
tilia,etopuainiqui- 
tatis in manibus eo- 
rum ait. Pedes eo- 
rum ad malum cur- 
rant : cogitationes 



Lacomblet I, nr. 69 

(für Essen). 

... Ex anetoritate Dei 
omnipotentis patris et 
filii et apiritua aaneti et 
sanetorum apostolorum 
exeoramunicamua et ana- 
thematizaniua omnes qui 
sua praesumptione. vel 
aliquo malo ingenio hanc 
Constitutionen! scienter 
uiolare praesumpserint 
eos omnes et eorum con- 
aentaneos a consortio dei 
aequestramus. ita ut non 
habeant partem cum eo 
neque cum sanetis eiua. 
deleantur de libro 
dei et cum iustis eiua 
non scribantur. ob s eu- 
ren tu r oculi eorum, 
ne uideant. aures eo- 
rum et nares sie o b - 
struantur ut non 
audiant. neque ol- 
f a c i a n t. guatue eo- 
rum et tactus inu- 
tileafiant. destruat 
eo8 deus. et migrare 
faciat de tabernaculia eo- 
rum et euellat radi- 
cem eorum de terra 
uiuenti um. ven iat 
mors super illos et 



SCHENKÜNGSTOKTTNDK 

Ankos II für St. Kü- 

NIBKRT (1074). 

Lacomblet 1, nr. 218. 

Si quis ergo tantillum 
eupplementi. quod fratri- 
bus predicti8 impendimus. 
clericus siue laicus acta 
vel conailio subtraxerit. 
aut si quis succeasor no- 
ster quod absit. hoc per- 
miserit. et non defende- 
rit noverit se alligatum 
saneti Cuniberti. demen- 
tia, et Ewaldorum. mei- 
que banno aecundum sub- 
ieetaverba. Deus con- 
teret denteB eorum in 
ore ipsorum. et mo- 
laa eorum confrin- 
get dominus, ad n i - 
chelum devenient 
tanquam aqua de- 
currens. et famem 
patientur ut caneß. 
opera eorum inuti- 
lia. et opus iniqui- 
latis in manibus eo- 
rum sit. pedes eorum 
ad malum currant. 
cogitationes inuti- 
lea habeant. vasti- 
taa et contritio in 
uiis eorum. uiampa-« 
eis nesciant. in te- 
nebrisambulent. sa- 



( ioogle 



Original frorn 
-UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



Die angebliche Kölner Provinzialsynode von 873 



123 



cor um inutiles: va- j discedant in infernum ui- 
stitas et contritio ! uentes. preualeant super 



in vii.s eorum. Viam 
.pacis n e s c i a n t, et non 



eos peccatores et diabolus 
stet a dexteris eorum et 



sit iudicium in gressibus i oratio eorum fiat in pec- 
eorum, semitae eorum | catum. et dies eorum 
incurvatae sint, intene-lpauci. mendicent et 
bris ambulent et pal- , eiciantur de habitationi- 
pent sicut caeci parietem, bus suis et deripiant al- 



et quasi absque oculis 
attrectent. Salus e 1 o n - 



ieni labores eorum. cla- 
ment ad Deum et non 



gata sit ab Ulis, mal- ■ miseriatur eorum. sed po- 
tiplicatae sint iniquitates j tius disperdat de terra 
eorum coram te, Domine. < memoriam eorum. indu- 
Vermis eorum nonj antur perpetua confusione 
morietur, et ignis| etreferentia. sintinterom- 



eorum non extingue- 
lur in aeternum, Do- 
mine. Fiant corruentes 



nes miseros misernmi. et 
interperditosperditissimi. 
induant hanc maledictio- 
in tempore furoris tui ■ nem sicut vesümentum. 
Domine et duplici con- et inlret sicut aqua in 
tritione contere eos Do- j interiora eorum. et sicut I an t. nares 
mine Deus noster. Amen. ' oleum in ossibus eorum. od orentur. 



dolores eorum in caput 
ipsorum, et in verticem 



Decidant a cogitatio- fiat eis sicut vestimentum 
nibus suis, convertantur I quo operientur. et sicut 

zona qua procingentur. et 
in die iudicii primi depu- 
eorum iniquitates eorum j tentur in ignem aeternum. 
descendant. Pones eas ' ubi uermis eorum non 
Domine in clibanum ig- moriatur. et ignis eo- 
nis in tempore vultus tui: |rum non extingua- 
fructum eorum de'tur. sed ciucientur cum 



terra per des: eru- 
bescant et contur- 
bentur, et deducantur 



diabolo et angelis eius 
sine tine. annuente do- 
mino nostro ihesu 



in infernum: muta fiant ! ehr ist o. quiuiuit et 



labia eorum. Fiant tan- 
quam pulvis ante faciem 



lus elongata sit ab 
eis. uermis eorum 
non morietur. et ig- 
nis eorum non ex- 
tinguetur in aeter- 
num. domine. fruc- 
tum eorum de terra 
per des. veniatmors 
super illos. destrue 
illos in finem.etdis- 
perge illos in vir- 
tute tua domine. o b - 
scurentur oculi eo- 
rum ne uideant. fi- 
ant dies eorum pau- 
ci. maledicti in agro. 
maledicti in domo, 
maledicti fruetus 
eorum. habeant ocu- 
los et non videant 
aures et non audi- 
et non 
g u 8 1 u m 



et saporemnesciant. 
sensum et non intel- 
ligant. de libro ui- 
uentium deleantur. 
et in ignem aeternum qui 
paratus est diabolo et an- 
gelis eius. tristes a dei 
conspectu discedant. Te 
praestante domino 
nostro iesu Christo 
qui u i u i s et regnas i n 
saecula saeculorum. 
Amen. 



regnat in saecula 

saeculorum. Amen, 
venti: Fiant viae illorum tenebrae et lubricum, venia t mors super illos, 
Destrue illos in finem, et disperge illos in virtute tua Do- 
mine. Evelle eos de terra et radicem eorum de terra viven- 
tium. Fiat mensa eorum coram ipsis in laqueum: obscurentur oculi 
eorum ne videant: effunde super eos iram tuam. Fiat habitatio eorum 
deserta. Appone iniquitatem super iniquitatera eorum. Deleantur de 
libro viventiura. Fiant cum illis, qui dixerunt Domino Deo: Recede 
a nobis, scientia viarum tuarum nolumus. Imple facies eorum ignominia, 
erubescant et conturbentur in saeculum saeculi. Fiant dies eo- 
rum pauci et anni eorum non memorentur amplius. Maledicti sint 
in agro, maledicti in domo, maledictus fruetus eorum. Ha- 
beant oculos et non videant, aures et aon audiant, nares et 






Original from 
UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



124 Gerhard Kallen 

n o n odorentur, gustuin et aaporem nesciant, ßenaum ut nou 
intelligant, t actum inutilem atque insensibilem, praeBtante te, 
lesu Chris te, qui vi vis et dominaris per cuncta saecula. Amen. 

His ita rite peractis prostraverunt se in terram, ado- 
rantcs Dominum atque laudantes dicebant: Benedictus Do- 
minus, quod suae sanctae ecclesiae talem dignatus est c o n - 
ferre Pastorcm. Tunc surgentes in medio Luitbertus atque 
Bertholphus archiepiscopus dixerunt: Osanctissimi Patres! 
licet adhuc de authoritate sanctorum Patrum parvam dum- 
uationis sententiam inferre? Kespondentibus omnibus: licet: 
Luitbertus archiepiscopus dixit: Quisquis. ut ante dict um 
est, vel ecclesiastici ordinis violator et contemptor hoc 
perpetuum infringere aggredietur, vel quieunque aueeeeao- 
rum nostrorum id potestative seu qualicunque modo vel 
ingenio irritum facere praesumpseri t, fiat ei iuxta apostoli 
sententiam dicentis: Qui nos conturbat, portabit Judicium 
quieunque estille: et iterum: utinam abscindantur, qui nos 
conturbant. Insuper sciat se irrevocabili auathemate in- 
nexum haberi, et in extrem a e ultionis die cum diabolo et 
Angelie eius cruciandum, iuxta hoc, quod S. Basilius de 
pastoribus ecclesiae dixit: Si i s , qui praeest, fecerit, aut 
cuiquam quod a Domino prohibitum est facere iusserit, vel 
quod praeeeptum est praeterierit, aut potestative manda- 
verit saneti Apostoli Pauli sententia ingerenda est ei di- 
centis: Etiamsi nos, aut Angelus de coelo evangelizaverit 
vobis praeterquam quod evangelizavimus vobia anathema 
sit. Si quis prohibet nos facere quod a Domino praeeep- 
tum est, et a sanetis Patribus traditum est: vel rursum im- 
perat fieri, quod Dominus et sanetissimi Patres fieri p r o - 
hibent, execrabile sit Deo et omnibus, qui diligunt Domi- 
num. Item de eodem de cuius supra episcopus dixit: Qui 
Clero praeest si praeter voluntatem Dei praeterquam quod 
in ecripturis sanetis evidenter praeeipitur, vel dicit ali- 
quid vel imperat, tan quam falsus testis Dei aut sacrilegus 
habeatur. 

Actum Coloniae in supradieta civitate V. kaleud. octobr. 
die sub piissimo Hege Ludewico anno imperii illius XXXIII, 
anno domiuicae i ncarnation is DCCLXXIIL, indictione VII*). 

Ego \V~ Hubertus praedietae civitatis Coloniensis archi- 
episcopus, qui hoc praesens regularis electionis conscriptum 
fieri iussi consentiens subscripsi. 

Ego Luitbertus Moguntiensis ecclesiae archiepiscopus 
consentiens subscripsi. 

Ego Bertolphus Treverensis ecclesiae archiepiscopus 
consentiens subscripsi. 

EgoBernardusVirduuensis ecclesiae episcopus similiter. 

Ego Alfridus Hildinisheimensis ecclesiae episcopus si- 
militer. 



a) indictione VII. Lacomblet I, nr. 67. 



Original Frort! 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Die angebliche Kölner Provinzialsynode von 873 125 

Ego Theodoricus Mimidonensis ecclesiae episcopus ai- 
m i 1 i t e r. 

Ego Gerolphus Firdensis ecclesiae episcopus similiter. 

Ego LuithardusPaderbornensis ecelesiae episcopus si- 
militer. 

Ego Hildigrimus Halverstadensia ecclesiae episcopus 
similiter. 

Ego *H odolpbueMimigernafurdensis ecclesiae episcopus 
similiter. 

Ego Odilboldue Traiectensis ecclesiae episcopus simi- 
liter. 

Ego*LubertusOenabrugensis ecclesiae episcopus simi- 
liter. 

Lutbertus presbyter similiter. Sibaldus presbyter et 
praepositus similiter Kverardus presbyter similiter. Hun- 
dolphus presbyter similiter. Reginhardus presbyter simi- 
liter. Ego Adelwinus indignus diaconus ad vicem Adel- 
boldi presbiteri atque cancellarii subscripsi. 

Et manu Williberti: Miserere üomine; miserere misero 
Williberte indigna agenti et digna patienti, assidue pec- 
canti et tua flagella quotidie sustinenti. Memento meiDeus 
in bono, Deus, ne deleas miserationes meas, quas feci in 
Domo Dei mei et in caeremoniis eius. Amen. 

Corroboratio gloriosissimorum archiepiscoporum, Domini Wiliberti Colo- 
niensis, Luitberti Moguntinensis, Bertolphi Trevirensis nee non et aliorum 
episcoporum ac suffraganeorum suorum cum caeteris sacri ordinis viris quam 
plurimis ac nobilibus laicie, de sumptibus Canonicorum et de electione per- 
petualiter habenda ac regiminis regularis ordinatione, ut si qui eam infrin- 
gere conentur, sicut infra scriptum, teneantur summo anathernate usque in 
perpetuum , nisi poenitendo resipiscant; extinguaturque lncerna eorum in 
perpetuum. Amen. 



i . Original from 

,A '* UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



cuonio uuidi 

Von 

Rudolf Meissner 

Als Georg Waitz im Jahre 1841 in der Merseburger Dom- 
bibliothek die beiden seither nach dem Fundort bezeichneten Zauber- 
sprüche entdeckte, zweifelte niemand daran, daß uns hier unmittel- 
bare poetische Zeugnisse deutschen Heidentums, unschätzbare Reste 
der vorchristlichen Vergangenheit gerettet seien. In diesem Sinne 
wurden sie von J. Grimm veröffentlicht und gedeutet (Kl. Schriften 
2, 1 ff.). Der zweite Spruch mit den sieben deutschen Göttern 
und Göttinnen erschien besonders bedeutsam. Er brachte nicht 
nur eine Bereicherung des Namenmaterials; in dem Spruch wird 
ein Stück Götterleben vorgeführt, die Gottheiten sind z.T. in 
ihrem gegenseitigen Verhältnisse bestimmt, der Zusammenhang 
mit nordischen Vorstellungen ist festgestellt, der deutsche Wodan 
erscheint wie der nordische Odin als der geistig überragende 
Führer der Götterschar. Balderes im zweiten Verse, als Eigen- 
name genommen, schien zu beweisen, daß dieser bisher nur aus 
dem Norden bekannte Gott auch bei den Deutschen in Ansehen 
gestanden hat. Von dieser Auffassung aus betrachtete man nun 
auch die zahlreichen andern auf germanischem Gebiete erhaltenen 
Sprüche und Segen, die ihrer Anlage nach, in der Verbindung 
eines erzählenden Teiles mit der einer den Zauber bewirkenden 
Schlußformel, den Merseburger Sprüchen verwandt waren. Man 
nahm an, daß Christus, Maria, die Heiligen in diesen Sprüchen an 
die Stelle heidnischer Götter und Göttinnen getreten seien. In 
der neueren Zeit ist eine grade entgegengesetzte Anschauung zur 
Herrschaft gekommen, und diese Wandlung ist eben vom zweiten 
Merseburger Spruch ausgegangen, der in zahlreichen christlichen 
Fassungen verbreitet ist l ). Die Möglichkeit der Umbildung christ- 

1) Für das nordische und finnische Gebiet vgl. jetzt: R. Th. Christiansen, 
Die finnischen und nordischen Varianten des zweiten Merseburger Spruches. 
Folklore Fellows Communications No. 18 (1915). 



Original from 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



cuonio uuidi 127 

lieber Formeln durch Einschiebung heidnischer Namen möchte ich 
nicht so schroff ablehnen wie es z. B. Steinmeyer tut (Die kleineren 
althochd. Sprachdenkmäler, Berlin 1916, S. 368). Wie die Re- 
zepte der Heilkunde mögen auch wirksame Zauberformeln seit 
uralter Zeit gewandert sein, warum nicht von Christen zu Heiden? 
Es ist ja bekannt, daß das Volk grade den fremdgläubigen gern 
geheime Künste zutraut. Fremde Namen wurden bei der Über- 
nahme entstellt oder auch unter Einwirkung schon vorhandener 
einheimischer Formeln durch vertraute ersetzt. Auch können 
fremde Namen neben heimischen in Segen vorkommen; so haben 
heidnische Exorcismen die Namen Salomo und Jesus aufgenommen. 
Harnack, Mission u. Ausbreitung 3 1, 142. Es ist ferner möglich, 
daß bekehrte Heiden in christliche Formeln die Namen der alten 
Götter eingesetzt haben, die nicht nur für sie, sondern auch für 
ihre Bekehrer keine Wabngebilde, sondern sehr lebendige Wesen 
waren, sei es, weil man im Stillen grade für derlei Zauber ihrer 
"Wirksamkeit mehr traute als den christlicben Helfern, sei es 
wirklich aus Scheu, weil man sich durch den Gebrauch heiliger 
Namen in solchen von der Kirche offiziell verbotenen Zauber- 
formeln zu versündigen glaubte. Ein c. 1880 in Norwegen auf- 
gezeichneter Spruch gegen Schlangenbiß schließt statt mit der 
sonst häufigen Anrufung der Dreieinigkeit mit den Worten: i 
naenet Thor, Odin og Frigga. Die Frau, von der der Spruch 
stammt, sagte der Sammlerin, daß man sich nicht durch die An- 
rufung der heiligen Namen versündigen dürfe (iklcc at tage Guds 
navn forfa'ngelig), mit den drei heidnischen Namen sei der Spruch 
wirksam (Bang, Norske Hexeformularer No. 127). Mit dieser Auf- 
fassung steht hier freilich im Widerspruch, daß der epische Teil 
des Spruches von Jesus berichtet, der von einer Natter gestochen 
wird. Aber wenn man auch nicht wie früher hinter jedem Hei- 
ligen oder Christus einen heidnischen Gott und hinter Maria unsere 
Fria, hinter drei Frauen die Norneu usw. vermuten darf, so ist 
es doch ebenso einseitig und mechanisch, von vornherein jeden 
heidnischen Namen oder jede heidnische Vorstellung als verdächtig 
anzusehen. Zauber, Zaubersprüche und -formein gehören zum Ur- 
besitz der Menschheit, ja es finden sich gewisse Stileigentümlich- 
keiten der Formeln über die ganze Erde verbreitet, ohne daß an 
eine Übertragung und Nachbildung zu denken wäre. Hierher ge- 
hört vor allem die auf dem Wesen des Analogiezaubers beruhende 
Erzählung eines Vorganges, die Schilderung einer Situation gleicher 
Art, deren Ausgang sich durch Aussprechen der Formel wieder- 
holen soll. Um auf ganz entlegene Beispiele hinzuweisen — 



Original Frort! 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



128 Rudolf Meissner 

Th. Koch-Grünberg hat im Archiv für Anthropologie NF 13, 371 ff. 
Proben der Zaubersprüche der Taulipang-Indianer (Nordbrasilien) 
mitgeteilt, in denen durchaus wie in den nnsrigen die Wirkung 
durch die (hier sehr breite) Erzählung eines entsprechenden Vor- 
gangs der Vergangenheit verbürgt wird, nur daß hier immer in 
die Erzählung schon die Beziehung auf die gegenwärtige Situation 
verflochten wird. Dagegen stimmt wieder die Verwendung des 
Dialogs und die Wiederholung von Sätzen und Wortgruppen zum 
Stil unserer Sprüche. Auch bei den altchristlichen Exorcismen 
galt neben dem Namen des Herrn die Erzählung eines Vorgangs 
aus seinem Leben als wirksam: l6%vetv . . . tg5 6v6naxt Yiq6ov pstä 
ttjs ixuyyeXtag röv tceqX avtbv ißroQt&v Origenes bei Harnack, 
Mission und Ausbreitung des Christentums 3 1, 144. Wir haben 
für die Germanen Zeugnisse genug, die uns nicht daran zweifeln 
lassen, daß der Zauberspruch als poetische Form ausgebildet war. 
Von diesem Reichtum sollte sich bei dem unzerstörbaren, auch 
von den Bekehrern geteilten Glauben an die Wirkung der heimi- 
schen, altüberlieferten Sprüche gar nichts, auch nicht in Ver- 
stümmlung und Umformung erhalten haben, alles soll erst durch 
die Bekebrer zugeführt sein? Für diese an sich so wenig wahr- 
scheinliche Ansicht läßt sich auf germanischem Gebiet der Beweis 
nicht führen, wir werden vielmehr uns zu denken haben, daß der 
Strom der Überlieferung aus verschiedenen Zuflüssen gebildet wird; 
altheimisches und fremdes mengt sich in mannigfaltiger Durch- 
kreuzung und Umbildung, weder das eine noch das andere hat schon 
für sich den Ansprach auf Ursprünglichkeit. 

eiris sazun idisi satsun hera duoder 

suma Juxpt heptidun suma heri lezidun 

suma clubodun umbi cttonio ituidi, 

insprinc haptbandun invar uigandun* 
Der erste Merseburger Spruch hat bis in neuste Zeit unange- 
fochten als rein heidnisch gegolten: ,in Deutschland ist nur ein 
Spruch in rein heidnischer Form erhalten: der erste Merseburger 
Zauberspruch; schon der zweite, der auf eine gemeingermanisch 
verbreitete Besegnung gegen Beinverrenkung zurückgehen muß, 
ist wahrscheinlich in einem Punkt christlich modifiziert*. Helm, 
Altgermanische Religionsgeschichte, Bd. 1 (Heidelberg 1913) S. 107. 
J. Schwietering hat in einem 1917 erschienenen Aufsatz den Ver- 
such gemacht, auch für diesen Spruch christlichen Ursprung nach- 
zuweisen. (Zeitschr. f. deutsches Alt. 55, 148). Als älteste er- 
reichbare Fassung erscheint ihm die lateinische Formel : tres virgines 



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cuonio uuidi 129 

circumibant, duae alligabant, una resolvebat (Useners Verbesserung, 
cod. : revolvebat). Eine Dreizahl von Frauen kommt in zahlreichen 
Zauberformeln vor, sie wird zurückgeführt auf die drei zu Christi 
Grabe gehenden Marien. Die Leintücher, in die der Leib des 
Heilands gehüllt ist, werden als Fesseln gedeutet, in die seine 
Menschlichkeit geschlagen ist, bei seiner Auferstehung werden sie 
gelöst, im Gegensatz zu Lazarus, der »gebunden aus dem Grabe 
steigt' (s. die von Schwietering S. 152 zitierte Gregorstelle). 
Volkstümliche Auffassung soll das Binden bei der Grablegung 
(hapt heptidun) und das Lösen am Ostermorgen (clubodun umbi 
cuonio uuidi) den Mariemrftst zugewiesen haben. Bei heri leeidun 
läßt es Schwietering unentschieden, ob sich die Worte ursprünglich 
aäf das Bannen der Grabeswächter beziehen, oder ob sie dem ver- 
änderten Zweck des Spruches (Befreiung eines Gefangenen) auf 
einer späteren Entwicklungsstufe hinzugefügt sind. Die Worte 
insprinc haptbandun, invar vigandun sind eigentlich an Christus 
gerichtet: »entspringe den (Todes-)banden, entfahr (siegreich) den 
Feinden (der Hölle) 1 . Fr. v. der Leyen (Bayrische Hefte für 
Volksk. 1,270 ff.) hat das wenig widerstandsfähige Gebäude dieser 
Erklärung leicht zu Fall gebracht. Wer wird sich mit einer künst- 
lichen christlichen Deutung bemühen, bei der die Einzelzüge bald 
im eigentlichen Sinne zu nehmen sind, bald einer besonderen In- 
terpretation bedürfen, wenn die einfache Übersetzung einen durchaus 
verständlichen Zusammenhang ergibt? Das ist der Fall, wenn 
auch im Einzelnen Zweifel für die Worterklärung zurückbleiben. 
Einigkeit besteht über den Zweck des Spruches: ein in der Ferne, 
bei Feinden gefesselt liegender soll aus seinen Banden befreit 
werden (Helm, Beitr. 35, 317). Es ist ein Segen, wie ihn Gröa 
für ihren Sohn sprechen will, wenn -er einmal in Gefangenschaft 
gerät (Grögaldr 10). Die lösenden Worte sind insprinc haptbandum 
invar uigandum. Etwas anders wird ein Segen schließen, durch 
den der Gefesselte sich selbst befreit (Hdv. 149). Voraus muß 
die Schilderung eines Vorgangs gehen, der durch die Zauberkraft 
der Analogie zu wirken vermag; es muß also die Befreiung aus 
Banden erwähnt sein. Dieser Sinn kann, wenn der Spruch voll- 
ständig überliefert ist, nur in der dritten Langzeile liegen. Es 
ist aber wenig wahrscheinlich, daß etwas fehlt, da die typische 
Dreiheit der wirkenden Frauengruppen eine weitere Ausdehnung 
"der Erzählung verbietet. Auch ist zu beachten, daß der Tätig- 
keit der dritten Gruppe in der Verteilung der Sätze auf die 
Halbverse ein Übergewicht gegeben wird. Die typische Dreizahl 
ist mit dem gleichen Wort bezeichnet, und die dritte Gruppe 

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Original Frort! 



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130 Rudolf Meissner 

nimmt wie im Mers. Spruch einen ganzen Langvers ein in einer 
Strophe des Brot (4): sumir ulf svido, sumir arm sniäo, sumir 
Gothormi af gera deildo. Daß im Merseb. Spruch der dritten 
Gruppe, wie Kögel meint, die Befreiung der Gefangenen erst da- 
durch gelingt, daß sie den Zauberspruch der vierten Langzeile 
sprechen, ist eine Auffassung, die die klare Ordnung des Spruches 
zerstört. V. 1 — 3 sind Vergangenheit, V. 4 ist Gegenwart; grade 
weil die in V. 3 geschilderte schwierige Befreiuung gelungen ist, 
wirken nun auch in der Gegenwart die Worte des V. 4. 

Anders deutet Wallner (Ztschr. f. d. Alt. 50, 214) den er- 
zählenden Teil. Die idisi sind ihm hexenhafte Schlacht weiber, die 
sich nur feindselig betätigen, suma hapt heptidun, ,sie flochten 
unsichtbare Zauberbande', suma heri lezidun, ,andere lähmten dtfs 
Heer mit Schrecken', suma clübödun umbi cuonio uuidi, ein dritter 
Haufen ist dabei, ,die festgebannten durch Anlegung von Fesseln 
wehrlos zu machen' (den Sinn des Fesseins wollte schon Wilken 
Germ. 21, 224 in die Zeile legen). Hier also vollzieht sich in dem 
erzählenden Teil eine Handlung, die der zweite abwehren soll. 
Wallner bezeichnet ihn daher als Gegenzauber. Gegen diese Er- 
klärung ist anzuführen, daß erstens eine unklare Ausdrucksweise 
vorausgesetzt wird, indem hapt in hapt heptidum unsinnlich (Zauber- 
gespinnst), cuonio uuidi sinnlich (Fesseln, Ketten) verstanden werden 
muß, und haptbandum in der letzten Zeile müßte doch wohl beides 
bezeichnen. Zweitens aber, und das scheint mir das entscheidende, 
widerspricht ein solches Verhältnis der beiden Teile dem Wesen 
des Analogiezauber 8. Hierin stimme ich Helm (Beitr. 35, 317) 
durchaus bei, ebenso glaube ich, daß er die Langzeile 3 ihrem 
Wortsinne nach gegen Wallner einleuchtend erklärt hat, wobei 
nur noch der erste Bestandteil von cuonio uuidi dunkel bleibt. 
Die hier gemeinten Fesseln sind aus Zweigen geflochten, es ist 
ganz treffend gesagt, daß man an ihnen ,herumklaubt', um das 
Geflecht zu lösen. Ich sehe die Steigerung in der Tätigkeit der 
drei Gruppen darin, daß durch diese besondere Ausdrucksweise 
die dritte Tätigkeit als die schwierigste bezeichnet wird. Wie 
sie damals gelang, so soll es Such jetzt sein. 

Die Kraft die von der Vorstellung des früheren Vorgangs 
ausgeht, wird wesentlich gestärkt, wenn die durch suma aufein- 
ander bezogenen Gruppen alle drei in einer Richtung, d. h. zu 
Gunsten einer Seite wirken. V. 2 beweist die kriegerische 
Situation, heri lezidun. Zur Erklärung dieser Halbzeile sind WalL 
ners (Z. f. d. A. 50, 216) Hinweise auf die nordischen Hexenweiber 
wertvoll, die durch Zauber die Gegner auf die Stelle bannen und 



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- .UMVEBSITY 0F CALIFORNIA 



cuonio uuidi 131 

sie in lähmende Angst versetzen. Die Frauen der ersten Gruppe 
fesseln die auf Freundesseite gemachten Gefangenen, die der dritten 
befreien die in die Gewalt der Feinde geratenen. Diese alther- 
gebrachte Erklärung ist bisher nicht erschüttert worden. Wallner 
und Neckel (Walhall 83) wie vor ihnen J. Grimm (Myth. 4 1, 332) 
fassen hapt heptidun unsinnlich, was an sich wohl möglich wäre. 
Ganz in diesem Sinne wird hapt Hav. 148 gebraucht, während es 
149 fjpturr variiert. Dann würden hapt heptidun und heri lezidun 
eine Tätigkeit mit gleicher Wirkung bezeichnen, die Zauberbande 
(hapt) dienen eben auch dazu, das siegreiche Vorschreiten der Feinde 
zu hemmen. So ist auch die Auffassung Neckeis. Es werde dann 
mit ,überraschender Wendung 1 fortgefahren: „wer fesseln kann, 
kann auch entfesseln, also befreit den Gefangenen". Die disjunc- 
tive Bedeutung des dreimaligen sunia (wie in Brot 4 und Fafn. 
13) läßt sich aber auf keine Weisa wegerklären. Bei allen drei 
Gliedern handelt es sich um zauberisches Wirken, das von un- 
sichtbaren Wesen ausgeht. Die idisi geben den von andern 
den Gefangenen angelegten Fesseln durch zauberische Mitwirkung 
Unlösbarkeit und unsichtbar lockern sie die Bande der bei den 
Feinden in Fesseln liegenden, sodaß die Gefangenen den Banden 
entspringen und wieder kämpfen können. Die Frage nach der 
Natur der idisi hängt damit zusammen; Wallner kann in ihnen 
gradezu die hinter den kämpfenden auf der Wagenbarg stehenden 
germanischen Frauen sehen, wie wir sie aus den historischen 
Quellen kennen. Unter diesen befanden sich natürlich zauber- 
kundige, die durch ihre Sprüche den Feind zurückzuhalten suchten. 
Unsere idisi aber müssen Wesen höherer, mächtigerer Art sein, 
wobei daran zu denken ist, daß dem germanischen Glauben die 
scharfe Scheidung zwischen sterblich und unsterblich fremd ist. 
Gegen eine solche Auffassung kann nicht angeführt werden, daß 
der Gebrauch der deutschen und englischen Poesie eine ursprüng- 
liche Einschränkung von idis nicht vermuten läßt. Im Merseburger 
Spruch sind ,erhabene Frauen* gemeint; ob idis mit nord. dis 1 ) etwas 
zu tun hat oder nicht, ist für das Verständnis des Spruches 
ohne Belang. Herf jgtur und Hlplck (Grimn. 36, B) als Walküren- 
namen können aus V. 2 b des Mers. Spruches gedeutet werden, aber die 
besonderer Vorstellung, die sich mit dem nord. valkyrja verbindet, 
ist fern zu halten 2 ): weibliche Wesen überragender Art werden 



1) Vgl den Aufsatz von Erik Brate in der Zeitschr. f. d. Wortf. 13, 143. 

2) Das Bitte ze, sigetcif, sizad to eorpan des angels. Bienensegens heranzu- 
ziehen, um die idisi als Walküren zu erweisen (Ehrismann, Gesch. d. d. Lit. 97, 3), 

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132 Rudolf Meissner 

hier im Mersebnrger Spruch durch ein Wort höheren, feierlichen 
Klanges bezeichnet, das an sich in gehobener Sprechweise auch 
eine Frau ohne übernatürliches Vermögen bezeichnen kann. 

In der Einzelerklärung beschäftigt sich die Diskussion seit 
der Entdeckung der Sprüche hauptsächlich mit hera duoder in V. 1 
und mit cuonio uuidi (V. 3). hera duoder zu erklären ist bisher nicht 
gelungen (vgl- die letzten Versuche : Roethe, Berl. Sitz.-Ber. 1915, 
278 ff.; Kluge, Beitr. 43,145; Brückner, Zeitschr. f. d. Alt. 57,282); 
da dem Verse die Bindung durch Stabreim fehlt, muß die Über- 
lieferung als unsicher gelten, cuoniowidi ist von jeher in Verbin- 
dung gebracht worden mit ahd. awauuithi im keronischen Glossar 
(laqueari, catena, strikhi, khunauuithi; loconie, catene, uuithi, Jchuna- 
uuithi Steinmeyer- Sievers 1, 204, 31. 37. In dem Reichenauer Codex 
steht chunuuidi] hierzu murennle, catenule tcretes L chunuuit 3, 349, 
7), got. kunavida (iv akvoet, in kunavidom Eph. 6, 20) und ags. 
cynevidde (es glossiert redimiculum Bosworth-Toller 185'). Die im 
Angels. bezeugte Bedeutung kann im Analogiezauber nicht in Frage 
kommen (J. Grimm in der Mythologie dachte an Kränze für die 
Sieger) 1 ), es muß sich um Fesseln und zwar, da eine Steigerung 
gegen V. 2 a vorliegt, um Fesseln besonderer Art handeln. Un- 
glücklich ist der Versuch Wallners (Zeitschr. f. d. Alt. 50, 214), 
die Bedeutung , Ketten' einzuführen. Helm (Beitr. 35, 314) bat 
mit Recht darauf hingewiesen, daß catena durch ein genau ent- 
sprechendes Wort garnicht wiedergegeben werden konnte. Es 
können nur entweder Stricke oder wahrscheinlicher aus Zweigen 
geflochtene Fesseln gemeint sein. Der zweite Bestandteil des got. 
Wortes gehört zum st. v. gawidan, ahd. tcetan, binden, flechten, ist 
also mit dem ahd. uuidi nicht unmittelbar zu vergleichen, obgleich 
ursprüngliche Verwandtschaft kaum bezweifelt werden kann; das 
ahd. Wort stimmt im Dental zum angelsächsischen tuidde und alt- 
fries. withthe. Die beiden letzteren Wörter sind schwache Femi- 
nina, die Verdopplung ist durch ein j des Suffixes bewirkt; ihnen 
entspricht das altnord. schwache Fem. vidja, neben dem ein starkes 
Fem. (/ö-Stamm) vid. Gen. vidjar steht. Im Gotischen ist nur der 
Dativ des Plurals überliefert, nach dem der Nom. -vida (ö-Stamm) 
angesetzt wird. Ahd. uuidi ist als ein weiblicher kurzsilbiger 
i-Stamm anzusehen, die verkürzte Form (nach dem langsilbigen 



scheint mir nicht rätlich, da si^eicif eine heroisierende Personifikation der Bienen 
selbst ist, vgl. ADglia NF 28, 379. 

1) Eher wäre Strabo VII, 2, 3 heranzuziehen gewesen; die Kriegsgefangenen 
werden bei den Kimbern vor der Opferung bekränzt (*atet<svtya<sat Ö'aijrovg 



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cuonio uuidi 133 

Typus) ißt wid (mhd. wit). Das ahd, vuitta, Haarband (Graff 1, 745) 
würde einem altsächs. uuiddia (uuidäia) entsprechen, und in MSD 8 
2, 44 wird, aus metrischen Gründen vorgeschlagen, eine solche 
Form im Mers. Spruch einzusetzen, doch scheint mir das schon 
wegen der allein bezeugten eingeschränkten Bedeutung nicht mög- 
lich ; auch bleibt fraglich, ob uuitta überhaupt germanisch ist. Der 
Zusammenhang im Mers. Spruch erfordert gegenüber dem allge- 
meinen Ausdruck hapt in 2* einen engeren Sinn, und zwar müssen 
Fesseln gefährlichster Art gemeint sein, denn in dieser Zeile 
sammelt sich die wirkende Zauberkraft. Wir müssen diesen 
Sinn in dem dunklen ersten Bestandteil suchen, doch schon der 
zweite weist uns den richtigen Weg. Die Wiede ist bei allen 
germanischen Stämmen die ursprünglich aus Zweigen- geflochtene 
Halsschlinge zum Erwürgen und Hängen (Rechtsaltertümer 2, 259, 
vgl. Fornm. s. 7, 13 var. lect, wo allerdings vidinn statt des er- 
warteten vidin steht, he het-hi on hencgene astreccan and ärawan 
swa swa widdan Quelle bei Bosworth-Toller 1256*). Besonders die 
zähen Zweige der Eiche werden dazu benutzt (im wcere alze senfte 
ein eichin tcit umb sinen kragen Walth. 85, 13; ez ist ein wide eichin, 
darzuo ein hölier galge Sal. u. Mor. 536, 3; vgl. die unten ange- 
führte friesische Stelle); bi der wide heist also bei Androhung des 
Hängens (Walther 12, 19). Gefangene, Besiegte tragen daher die 
Wiede um den Hals zur Bezeichnung, daß sie eigentlich dem Tode 
geweiht sind und das Leben nur als Gnadengeschenk empfangen: 
servi cum torquibus vimineis circa collum quasi ad suspensionem prae- 
parali Wiponis gesta Chuonradi imp. cap. 16. tha lethogade hi us 
fon MedbaU, tha deniska kininge, and fon dere clipskelde and fon 
there etszena tviththa, ther alle Frisa and tha hiara halse drogon 
Fries. Rechtsqu. 639, 9. ze jungest gewan der künig doch die stat, 
das sü alle koment an des küniges gnode und truogent seile und wydc 
an den hclsen und viclent dem kütiige zuo fuoze D. St. Chron. 
8, 463, 15. Die Wiede erhält sich in rechtlicher Bedeutung in 
Zeiten hinein, in denen die primitive Zweigfessel durch vollkom- 
menere und handlichere abgelöst wird. Aber auch in ältester Zeit 
— das dürfen wir als germanische Eigenart ansehen — wird die 
Feßlung in rechtlichem oder kultischen Sinne kein gleichgültiger 
Vorgang gewesen sein. Und wenn es richtig ist, das in V. 3 die 
höchste Steigerung des erzählenden Teils enthalten sein muß, kann 
der Gegensatz gegen das allgemeine hapt nur darin gesucht werden, 
daß hier in V. 3 Bande gemeint sind, aus denen es eigentlich kein 
Entrinnen gibt: cuonio uuidi sind also Todesfesseln. Dieser 
Sinn muß durch den ersten Bestandteil deutlich werden. 



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134 Rudolf Meissner 

Es kann nach der Übereinstimmung des got. "Wortes mit den 
ahd. Glossen keinem Zweifel unterliegen, daß in der Stammsilbe 
ein u stehen muß. Die Verschreibung erklärt sich leicht, wenn 
dem Schreiber der erste Bestandteil nicht mehr klar war und er 
an cuoni dachte (vgl. unten das über kunawidi und cynewiäde be- 
merkte). Daß hier wo eine lautliche Differenzierung des kurzen u 
bezeichnen sollte, ist nicht wahrscheinlich. Das Metrum verlangt 
keinen langen Stammvokal. Der Halbvers ist ein B-vers, vgl. 
untar heriun tuem Hi. 3 b . Das gotische und das in den Glossen 
bezeugte Wort ißt ein Compositum, mit dem gleichen Vokal in 
der Fuge; daß aber im Ahd. ein a-Stamm vorliegt, ist wegen des 
Stammvokals wenig wahrscheinlich. Die Fälle der unterbliebenen 
Brechung des u (Braune, Ahd. Gr. § 32, Anm. 3; Franck, Alt- 
fränk. Gr. § 21, 5; Lessiak, Anz. f. d. Alt. 34, 214) sind doch 
andersartig. Es liegt daher näher, das a der Kompositionsfuge 
für unursprünglich anzusehen. Man hat in cuoniouttidi eine er- 
starrte Composition von höchster Altertümlichkeit sehen wollen 
und Namen wie Ariovistus, Chariovaldus, Inguiomerus verglichen 
(Zeitschr. f. d. Phil. 4, 466). Gehen wir von den ahd. Verhält- 
nissen aus, so kann man cunio nur als einen gen. plur. auffassen, 
wofür auch die getrennte Schreibung in der Hs. (cuonio uuidi) 
sprechen kann. 

Ich stelle diesen gen. plur. cunio zu ags. cywe-, ahd. kuni- in 
ahd. kunirkhi (St. S. 2, 56, 7; 4, 315, 30), ags. cynerice, wo der 
erste Bestandteil, später durch ,König* ersetzt, einen persönlichen 
Inhalt gehabt haben muß. Besonders im Ags. tritt das sehr deutlich 
hervor, man vergleiche : cynebot, -gild, regia compensatio, cynegetvwdu, 
vestes regiae, cynecyn, gens regia, cynelic, regius u. ä. Für das west- 
germanische ist ein männlicher i-Stamm kuni (germ. kuniz) anzu- 
setzen, neben dem kuning steht wie altn. konungr neben konr. 
Beide sind ihrer ursprünglichen Bedeutung nach identisch, das 
n#-Suffix ist hier wie in vielen anderen Fällen nur eine Art von 
traulicher Determination, es gibt dem Worte einen Empfindungs- 
accent. Wie kuning neben *kuni y m. steht ahd. goting (colinc, tri- 
bunus St. S. 1, 88, 16) neben got. gudja, altn. godi. Die Bedeu- 
tungen von kuning und goting verbinden sich für die ältesten Zu- 
stände zur Einheit. Neben nidr, Abkömmling hat das Altnordische 
in gleichem Sinne nidjungr. Dieser Empfindungsgehalt des ng- 
Suffixes tritt deutlich z.B. in der Verbindung mit Kurzformen 
von Namen hervor, ferner in hypokoristischen Bildungen wie nd. 
vatting, mutting, norw. jentungen, das Mädchen. Beim Adj.: efter 
al den t&rre l&rdom I propper i Jer arminger Kielland, Veerker * 



Original fron» 



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cuonio uuidi 135 

2, 199. konr, das ausschließlich in der poetischen Sprache sich 
erhält, bezeichnet in Verbindung mit Genitiven den Abkömmling, 
ja geradezu den Sohn (kominn er hingat konr Sigmundar Reg. 13), 
aber auf die aus der Beziehung zu ags. cyne, ahd. kuni zu er- 
schließende Bedeutung princeps weist der Gebrauch des allein- 
stehenden konr in der nordischen Dichtung zurück: 

spurdi Helgi 

Hjgrleif at pvi: 

hefir pti kannada 

koni öneisa? 

enn angr konungr 

gdrum sagäi usw. (H. Hu. I, 23). 
Hier stehen sich konr und konungr dem Sinne nach völlig gleich, 
die edelsten, die Führer sind gemeint (vgl. hvi pik kalla konir H. 
Hj. 14). Die germanische Dichtung ist aristokratisch, man schwächt 
ihre Auffassung ab, wenn man hier nur ein Heiti für ,Mann* sieht. 
Der Plur. bragnar, der natürlich auch im Sinne von ,Helden* ge- 
braucht werden kann, bezeichnet doch eigentlich die Fürsten. 
"Wenn Eilifr Godrünarson den von ihm gefeierten Fürsten einen 
kon mceran nennt (Skjalded. I, B, 139), so denkt er freilich an den 
Namen des Fürsten (Hökon), aber die Umschreibung des Namens 
wird eben grade dadurch bedeutsam, daß in konr der Sinn der 
sozialen Würde beschlossen liegt. Dagegen scheint der Dichter 
der Rfgspula ausschließlich von dem Sinne ,Sohn, Abkömmling' 
auszugehen, der auch in den Namen seiner Brüder liegt (Burr, Barn, 
Jod, Adal, Arfi, Mggr, Nidr, Nidjungr, Sonr, Sveinn, Kundr). Konr 
steigt auf zu einer Würde, die höher ist als die seines Vaters 
Jarl, Der jüngste Sohn, wie so oft im Märchen, erwirbt unter 
den gleichnamigen Brüdern den Preis, der Dichter nennt ihn Konr, 
um durch das zu ihm passende ungr den Namen konungr entstehen 
zu lassen. 

konr flektiert nach der i-Deklination, hat aber das t>, das ur- 
sprünglich im Wechsel mit a im Paradigma auftrat, durch alle 
Formen durchgeführt. Ein o zeigt auch ahd. chonut, gencalogia St. 
S. 2, 328, 6. Zu diesem kuniz kann mindestens ein Teil der mit 
Kuni- gebildeten Namen gestellt werden, vgl. die mit Erla- zu- 
sammengesetzten wie Erlabaldj -praht, -frid. Das im Altnord, als 
Verstärkung auftretende kyn- (vgl. kynfroär, sehr weise, kynbirtr, 
sehr blank, kyndömr bemerkenswertes Gericht, Urteil in der Kampf- 
kenning brynju kyndömr) stelle ich nicht zu kyn, Geschlecht sondern 
zu germ. *kunis\ vgl. die ags. Verstärkungen mit /rea, dominus 
(freabeorht, freagleaiv) neben verstärkendem cyne- : cyneuord, vor- 



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136 Rudolf Meissner 

treffliches, passendes Wort (Rätsel 44, 16), cynebald (hs. cyningbald 
Beow. 1634), audacissimus ; hierher gehört vielleicht El. 610 rex 
genidlan (für cyning-, d. i. cynegcnidlan ?). In ahd. kunauuidi ist 
a in der Kompositionsfuge an Stelle eines älteren % getreten, wofür 
es zahlreiche Analogieen gibt, wenn auch der Übergang in einem 
60 alten Denkmal zunächst auffällt (Gröger, Kompositionsfuge 
S. 197). Schwieriger ist das a in dem gotischen Worte zu beur- 
teilen, vermutlich flektierte das got. Masc. *kuns konsonantisch. 

Wollen wir uns den Bedeutungsinhalt dieses Wortes klar 
machen, dessen Zusammenhang mit got. kuni, altn. l-yn, ags. kyn, 
alts. ahd. kunni nicht zweifelhaft sein kann, müssen wir uns in 
die ältesten Zustände der Germanen versetzen: der tcuniz (oder 
huningaz) kann nur ein Vorsteher, Führer, Häuptling der gens in 
seiner kriegerischen, rechtlichen und priesterlichen Funktion sein. 
Ans den berühmten, vielbesprochenen Eingangsworten des 7. Kap. 
der Germania dürfen wir für unsern Zweck den Satz über die 
Priester herausnehmen: ccternm neque animadvertere neque vincire, 
ne verberare quidem nisi saccrdotibus permissum, non quasi in poenam 
nee ducis iussu, sed velut deo imperante, quem adesse bellantibns cre- 
ditnt. Es handelt sich hier um ein Vorgehen gegen die Angehörigen 
des eigenen Heeres, wobei animadvertere die Todesstrafe bezeichnet. 
Durch die Worte nee ducis inssu ist nicht gesagt, daß der Herzog 
bei der Verurteilung der Verbrecher nicht mitwirkte, denn das 
non quasi gehört auch zu ducis iussu, die Ausführung der Strafe, 
will Tacitus sagen, war Sache der Priester. Wenn nun auch die 
mit velut deo imperante usw. gegebene Erklärung eine eigne Aus- 
deutung sein und nicht auf Erkundigung beruhen mag, so könnten 
doch diese Worte im wesentlichen richtig die germanische Auf- 
fassung bezeichnen, insofern die Todesstrafe eine Opferung wäre 
und der Verbrecher den Göttern dargebracht würde, um ihre Rache 
von der Heergemeinde abzuwenden (Amira, Grundr. 2 S. 147). An 
diese Tacitusstelle knüpft bekanntlich die Diskussion über die 
Frage an, ob die Germanen eine sakrale Todesstrafe gekannt 
haben. Die Opferung des Verbrechers könnte nur den Sinn gehabt 
haben, den Zorn der Götter von den Opfernden abzuwenden, der 
sich gegen sie gerichtet haben würde, wenn sie den Frevler am 
Leben gelassen hätten. So wird er durch die Tötung den Göttern 
zur beliebigen Behandlung überlassen. Wird jemand, der das 
Heiligtum eines Gottes irgendwie entweiht, diesem geopfert, so 
ist damit die sittliche Sphäre natürlich nicht berührt, der Gott 
nimmt nur Rache. Anders liegt es bei den Kriegsverbrechen, von 
denen Tacitus im Kap. 7 spricht, womit Kap. 12 zu verbinden ist. 



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cüonio uuidi 137 

Wenn die durch Hängen und im Sumpf versenken vollzogene Strafe 
eine Opferung ist, erscheinen die Götter als Hüter einer gewissen 
Ordnung der Dinge, als eine Art von sittlichen Mächten, die eine 
Verletzung dieser Ordnung an der Gemeinde rächen, wenn diese 
nicht die Eache auf die Schuldigen ablädt. Mogk in seinem wert- 
vollen Aufsatz über die Menschenopfer bei den Germanen (Abh. d. 
sächs. Ges. d. Wiss. phil. hist. Kl. 27, 603 ff.) weist eine solche 
Auffassung durchaus ab. Die Strafe für die das Bestehen der 
Gemeinde gefährdende Verbrechen liege lediglich in der Ausstoßung 
aus der Gemeinde. Der Ausgestoßene werde aber dadurch zum 
geeigneten Opferobjekt wie der Sklave oder Kriegsgefangene (kul- 
turelle Milderung des Menschenopfers a. a. 0. 606) J ). Im Opfer 
liege niemals der Sinn einer Strafe und Sühne, sondern immer nur 
der einer Gabe, durch die entweder Schädigung abgewendet, bei 
allmählicher Erhellung des Gottesbegriffes Segen erwirkt werden 
soll, oder die eine ausdrücklich gegebene oder auch gefühlte Ver- 
pflichtung einlöst. Die Erörterung dieser schwierigen Frage kann 
ich deshalb unterlassen, weil durch ihre Entscheidung nicht berührt 
wird, was meiner Ansicht nach aus den Germaniastellen für den 
ersten Merseburger Spruch zu entnehmen ist. Die Hinrichtung 
der Verbrecher (hängen, versenken im Sumpf, zu letzterem vgl. 
die bekannte Stelle der Kjalnesingasaga, z. B. bei Maurer, Bekehrung 
2, 196) geht in kultischen Formen vor sich: Tacitus muß 
es aufgefallen sein, daß die Tötung von Männern vollzogen wird, 
die priesterliche Funktion ausüben, denn dafür fehlte jede Analogie 
im römischen Heere. Wenn auch in dem Satze ceterum ncque animad- 
vertere neque vincire, ne verberare quidem nisi sacerdotibus permissum 
das vincire wohl als Strafart aufgefaßt werden muß, so ergibt sich 
doch aus dem kultischen Charakter der durch die ^sacerdotes' voll- 
zogenen Tötung, daß auch die Fesseln der zum Opfertode be- 
stimmten und bewahrten durch diese sacerdotes, d. h. die als Priester 
fungierenden Vorsteher angelegt wurden. Ebenso darf- man sich 
den Vorgang bei den Kriegsgefangenen denken. Der zum Opfer- 
tode bestimmte wird in Fesseln bis zur Kulthandlung aufbewahrt 
(at kann mundi hafdr vera til Uöta Fornm. s. 2, 85; vgl. Frazer, 
The golden bough 8 6, 353; 396 ff.). Germanischer Art entspricht 

1) Wenn Caesar (B. G. 6, IC) von den Galliern sagt: supplicia eorum, qui 
in furto aut in latrocinio aut aliqua noxa sint comprehensi, graliora dis inmor- 
talibus esse arbitrantur, sed cum eius gener is copia defecil, etiam ad innocentium 
supplicia descendunt, dreht er also das Verhältnis um, es ist ein Zurückgreifen 
auf das wertvollere Opfer; und zugleich trägt er den Begriff der Sühne in die 
Opferhandlung hinein. 



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138 Rudolf Meissner 

es, wie schon bemerkt wurde, daß die Feßlung zum Opfer nicht 
eine gleichgültige Zweckhandlung war. Die Verwendung der 
Wiede beim Hängen, dessen kultischer Charakter sich ja in man- 
cherlei Zügen auch nach Verwandlung zur bloßen Strafe erhält, 
zeigt deutlich die ursprüngliche rituelle Bedeutung dieses Wortes. 
Freilich ist diese Bedeutung nun eingeschränkt auf die Halsschlinge. 
Das Erwürgen durch die Wiede ist hier grade so aufzufassen wie 
in andern Fällen die - Verwendung eines Steinmessers statt des 
Eisens. Die Steigerung in V. 3 des Mers. Spruches ist nun klar, 
cunio uuidi hat eine kultische Bedeutung, der Kriegsgefangene, der 
mit ihnen gebunden wird, ist eine homo sacer, er ist zum Opfer- 
tode bestimmt, er trägt Todesfesseln. In hapt heptidun ist nur 
von der Sicherung der Kriegsgefangenen die Rede, die ja nicht 
alle geopfert zu werden brauchten, sondern auch von den Siegern 
zur Vermehrung ihrer Unfreien verwendet wurden. Es ist durchaus 
nicht notwendig, sich die mit den cunio uuidi gefesselten unmittelbar 
hinter dem feindlichen Heer zu denken, ebenso gut mag man sich 
vorstellen, daß die dritte Gruppe der idisi fern der Schlacht tätig 
ist, dort wo die Gefangenen, die zum Opfertod bestimmt sind, be- 
wacht werden. 

In diese Auffassung der 3. Langzeile fügt sich nun die oben 
vorbereitete Deutung des ersten Bestandteiles der Fesselbezeich- 
nung vortrefflich ein: es sind Fesseln, die von einem als 
Priester fungierenden Haupte einer gentilen Gemein- 
schaft dem zum Tode bestimmten Verbrecher oder 
Kriegsgefangenen angelegt werden. Wie aber ist der 
Plural im Merseb. Spruche aufzufassen? Gewiß nicht im eigent- 
lichen Mehrheitssinne, sondern nach der Art des in der altgerman. 
Dichtung verwendeten sog. poetischen Plurals. So kann in den 
Kenningar, die mit einem Genitiv gebildet sind, der gen. plur. 
verwendet werden, ohne daß die Vorstellung der Mehrheit erfordert 
wird, z.B. Skoyulborda ßollr, arbor clipei Skjaldedigtn. I B, 512, 1,2; 
punnisunga Gunnr, dea velaminis 162, 24, 2 (vgl. meine Kenningar 
S. 39, und zur kühnen Verwendung des Plurals überhaupt Detter- 
Heinzel zu Vsp. 6, 5 und Bugge zu Sig. sk. 14, 6). apkutio hüs, 
fanum (St. S. 2, 763, 17) ist ein Haus, wie es Abgötter haben, 
braucht aber nicht den Sinn zu haben, daß mehrere Götzen in dem 
Hause stehen, kann dem Sinne nach mit apgothüs {idolium, apgothüs 
St. S. 2, 436, 28) gleichbedeutend sein; vgl. umpo hosun, ituibis- y 
uuibi-, uutbhosun St. S. 1, 596, 18. Emphatischer Plural liegt auch 
in arbeo laosa (Hi. 22) vor. 






Original from 
M1VEKSITY OF CALIFORNIA 



cuonio uuidi 139 

Ein aus solchen Verbindungen losgelöster und erstarrter gen. 
plor. ist fröno, and ich. glaube, daß er seinem ursprünglichen Sinne 
nach dem cunio des Mers. Spruches etwa gleichgestellt werden 
darf. Die alten Belege zeigen, daß er zunächst die Bedeutung 
von dominicus, publicus hat: pondcre publico, mit fröno uuägo St. S. 

1, 419, 50; vgl. Lexer, mhd. Handwb. 3, 535; rei publicae, vröno 

2, 294, 6; rei publicae, frönedinc vel kunicriche 3, 411, 63; res pu- 
blica, kunicriche vel fröniz reht 3, 415, 23; publicus, fröno 2, 555, 64; 
2, 660, 39; 2, 572, 57 ; usus publicus, diu fröna giuuonaheit 2, 431, 56; 
fiscus, frönagelt 2, 431, 58; ad bipennem publicam, te thero frono acus 
2, 583, 49; dominae (adj.), vröno St. S. 2, 486, 71; dominicus census, 
frönescat 3, 722, 34; vgl. then fröno Uns 4, 288, 1. Der Frohnhof 
ist die sala dominica, curti<9bninica (fiscus, frönohof St. S. 3, 636, 2); 
von dem schon erstarrten vröno ist das verb. vrönen, pablicare, 
proscriberc abgeleitet (z.B. St. S. 2, 611, 14; 4, 246, 23). Auch 
in der geistlichen Sphäre geht der Gebrauch von der Bedeutung 
dominicus aus, Gott ist der Herr xaz 1 iZoxtfv) vgl. die Verwendung 
von truhtin: daz fröno gipet ist die oratio dominica (Exhort.), das 
fröno crüci das Kreuz des Herrn; heilig ist jeder Altar, der Fron- 
altar aber ist der Hochaltar, der Altar des Herrn usw. Das er- 
starrte vröno zeigt dann auch die Bedeutung vornehm (an Stand, 
Geburt), edel, z. B. : fröno joh friero Franchöno in der Würzb. Mark- 
beschr., so auch ei dcru itis fröno (S. Maria bei Otfrid 1, 5, 6 mit 
der Variation zi ediles frouun). Von dieser Bedeutung geht die 
Ableitung vrönisc, magniftcus, venustus aus. Im Fries, ist frana 
ohne Flexion auch substantivisch im Sinne von ,Beamter ( , er ist 
der Vertreter des ,Herrn', des Königs oder Grafen. Zu vröno 
geholt vrö in der ehrerbietigen Anrede frö min. Die Samariterin 
spricht so zu Christus, dessen göttliche Art sie nicht kennt (Otfrid 
2, 14, 27), ebenso redet Maria den als Gärtner erscheinenden Christus 
an (5, 7, 49 ebenso Hei. 5924). Der allgemeine Sinn ist hier also 
noch deutlich, auch bei der Anrede an einen Engel (Otfr. 1, 5, 35; 5, 
7, 35). Auch außerhalb der Anrede kommt das Wort mit Flexion 
(nicht im Plural) im Heliand vor, gewöhnlich in der Einschränkung 
auf Gott oder Christus; die altgermanische Bedeutung tritt z. B. 
in folgender Stelle (3996) deutlich hervor: that ist thegnes cust, 
that hie mid is frahon samad fasto yistande. Im lebendigsten Ge- 
brauch erscheint das Wort in der angelsächsischen Dichtung (nur 
im Sing.) den weltlichen Herrn, den Eheherrn, in prägnantem 
Sinne Gott bezeichnend, beachte folcfrea neben folccyning, gudfrea 
neben gudcyning, dann Verbindungen wie Scildinga, Deniga, Jngwina 
frea im Beow. Die Anwendung im praegnanten Sinne für Gott 



Original Frort! 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



140 Rudolf Meissner 

findet sich schon in der gotischen Bibel; hier begegnet auch der 
Plural, z.B. Eph. 6, 9: jah jus fraujans, im Gegensatz zu den 
Knechten. Der Hausherr (olxoSetHtÖTijg) heißt heiwafrauja Mark. 
14, 14. Das Wort ist also eine altgermanische Herrenbezeichnung, 
und zwar mit besonders ehrendem Sinne, sonst hätte sich nicht 
in Anlehnung an dieses Wort der nord. Göttername Freyr fest- 
setzen können. Die germanischen Herrennamen, in primitiven Ver- 
hältnissen bescheidene Würde bezeichnend, nehmen Teil an der 
gesellschaftlichen Entwicklung, die ihnen nach und nach höheren 
Inhalt gibt. Im Norden kann ein konungr noch zu historischer 
Zeit ein sehr kleiner Häuptling mit geringer Machtfülle sein. Die 
Erstarrung von vröno und seine Umwandlung in ein Adj. wäre 
gar nicht möglich, wenn es nicht in- rormelhaften Verbindungen 
aus ältester Zeit überliefert gewesen wäre. Die Glossierung mit 
publicus zeigt, daß der Sinn des Gen. gewesen sein muß : von Vor- 
stehern im Namen der vertretenen Gemeinschaft bestimmt, ge- 
ordnet, gesetzt, angewandt. Der Plur. erscheint hier also in gleich 
freier Weise gebraucht wie in cunio, und es ist mir eine Bestäti- 
gung meiner Erklärung von cunio, daß man vröno an seiner Stelle 
im Mers. Spruch mit uuidi verbinden könnte, ohne den Sinn zu 
verändern 1 ): Fesseln die von den Vertretern der öffentlichen Ge- 
walt den zum Opfertode bestimmten augelegt werden, vgl. die 
oben angeführte Prudentius-Glosse (seit foret praebenda cervix) ad 
bipennem publicam, te thero fröno acus. Wir dürfen in cunio uuidi 
einen uns aus ältester Zeit und durch einen glücklichen Zufall 
geretteten Ausdruck des germanischen Rechtes sehen. 

Der eigentliche Sinn dieser Verbindung, der im Zauberspruch 
in richtigem Zusammenhange bewahrt und daher für uns faßbar ist, 
mußte in abd. Zeit längst vergessen sein, denn der erste Bestand- 
teil war unverständlich geworden. In der gotischen Bibel, in der 
auch sonst von Fesseln die Rede ist, steht das entsprechende Wort 
nur Eph. 6, 20 (iv cckvoei). Wenn ukvaeaiv Luc. 8, 29 mit eisarna- 
banäjontj Marc. 5, 3. 4 mit naudibandjom, alvöiv II. Tim. 1, 16 mit 
naudibandjo wiedergegeben wird, darf man an der Epheserstelle 
wohl einen emphatischen Sinn annehmen, der in den Zusammenhang 
gut paßt, da der zum Martyrium bereite Apostel von sich selbst 
spricht. Allerdings wäre derselbe Ausdruck auch in dem Briefe 
an Timotheus zu erwarten. Während im Ker. Gl. kunauuidi im 
allgemeinen Sinn von Fessel, Kette erscheint, zeigt die Glosse 
murenuhj catenule teretes } chunuitit (St. S. 3, 349, 7) eine Bedeutungs- 



1) Vgl. ags. cynewise, res publica neben abd. vronedinc iu gleichem Sinne. 



ji 



Original from 
UNIVtHSIItUHALlhUHNIA 



Rudolf Meissner, cuonio uuidi 141 

farbung eigentümlicher Art. murenula ist eine zum Schmück ge- 
tragene Halskette. Daß teil die Bedentang eines Scbmuckbandes 
annehmen bann, i6t aus dem späteren Deutsch bezeugt (Lexer, mhd. 
Handwb. 3, 948) ; derselbe Übergang findet sich bei dem gleich zu 
besprechenden cynewidde. Ob aber in der ahd. Glosse noch die 
Nachwirkung einer dunklen Erinnerung an die um den Hals ge- 
legte Todesfessel zu spüren ist, mag dahingestellt bleiben. Bei 
cynewidde, redimiculum ist deutlich, daß die zahlreichen mit cyne- 
zusammengesetzten Wörter, in denen cyne- den König in dem spä- 
teren erhöhten Sinne bezeichnete, die ursprüngliche Bedeutung 
umgebildet haben (im Sinne etwa des allerdings nicht ganz deut- 
lichen freawrasn Beow. 1451), nachdem unter völlig veränderten 
Lebensverhältnissen der Zusammenhang des Wortes mit der Wirk- 
lichkeit aufgehört hatte. 

Nachtrag. 

Zu S. 134: (durch die Diminutivbildung im Berndeutschen wird) 
,nicht sowohl eine Modifikation des Begriffs, als vielmehr das 
persönliche Verhältnis des Sprechenden zu diesem Begriff zum 
Ausdruck gebracht*. W. 0. E. Hodler, Beiträge zur Wort- 
bildung und Wortbedeutung im Berndeutschen (Diss. von Bern 
1911) S. 90. 

Zu S. 135 : vgl. auch noch bragnar, prineipes neben bragningr, prineeps. 

Zu S. 139: erst nachträglich sehe ich, daß Ehrismann in der Z. f. 
d. Wf. 7, 193tf. die Bedeutung von fröno im Wesentlichen 
gleich, in Einzelheiten schärfer und mit reicherem Material 
bestimmt hat. 



Original from 
UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



Stilübungen zur Ketzerverfolgung 
unter Kaiser Friedrich II 

Von 

Karl Hampe 

In der Handschrift Nr. 275 (früher 1043. 743) s. XIII. ex. der 
Reimser Stadtbibliothek x ) findet man in jener Briefsammlung, aus 
der Rodenberg im Neuen Archiv XVIII, S. 179 fF. vorläufige Mit- 
teilungen, sowie die Korrespondenz des Kardinals Thomas von 
Capua als Friedensunterhändlers von S. Germano zum Abdruck 
gebracht, aus der ich selbst in den Sitzungsberichten der Heidel- 
berger Akademie, phil.-hist. KL 1913 und 1917 weitere Stücke 
herausgegeben habe, auf fol. 33 col. b die beiden folgenden Briefe: 

Papa mittit imperatori epistolam istam super 
facto Patarenorum de regno. 

Inter cetera tormentorum genera et diversos morbos nichil 
adeo pessimum humane conditioni prorsus et horribile reperitur, 
quam seva et abominabilis infectio leprosorum. Hec enim est, que 
patrem sequestrat a filiis, fratrem a fratribus et virum penitus 
ab uxore, ubi non valet illa legis auctoritas: Quos Deas coniunxit, 
homo non separet 2 ). Hec cogit hominem thalamos et palacia relin- 
quere, agros et vineas et viridaria fugere et universa mundi gaudia 
praeterire. Hec itaque corrumpit et inficit membra, ut non tantum 
pacientibus, sed etiam inspicientibus horribile penitus videatur; et 
qui solet ab uxoris dulcedine amplexibus et basiis recreari, iam 
ab ea conspuitur et fit illi abhominabilis in aspectu. Quid plura? 
Extra civitatem et castra pelluntur et ab hominum consortio se- 
questrantur. 



1) Ihren Gesamtinhalt hat Wattenbach, Neues Archiv XVIII, S. 493 ff. be- 
schrieben. 

2) Vgl. Math. 19,6; Marc. 10, 9: Quod ergo Dens etc. 



Original FfOm 



-UlttVEftSITYOF CALIFORNIA 



Stilübungen zur Ketzerverfolgung unter Kaiser Friedrich II 143 

Huic ergo morbo Patarenorum lex 1 ) pessima comparatur. Quia 
tribus modis diabolus homines decipit: Uno modo penitenciam et 
sacrificium denegando, quibus a peccatis *) absolvitur et ad Celeste 
convivium 3 ) invitatur. Secundo modo per infructuosam abstinentiam 
corpora macerando. Tertio modo, dum ad finem solum*) devenimus 5 ) 
et martiriam sponte sascipimus, ei 6 ) velud invidos 7 ) se crudeliter 
interimunt et occidunt. 

Quia ergo hiis tribus regi tartareo deservitur et a Deo vivo 8 ) 
receditur, tribus modis eos duximus puniendos: Primo, ut eorum 
facultates et quelibet bona amittant. Secundo, ut de eorum ne- 
phandis corporibus 9 ) fiat diabolo Holocaust um, cai in vita sua se 
penitus tradiderunt. Tertio, ut eorum anime sicut corpora infer- 
norum incendiis tribuantur. 

Quia ergo in regno vestro 10 ) Sicilie 11 ), Calabrie, Apulie et 
Terre Laboris istarum gencium latitat multitudo, sicnt per eorum 
papam didfcimus manifeste ad veram fidem conversum, ad eos de- 
struendos properare ,2 ) non possumus, nisi evaginaveritis vestrum 
gladium ex utraque parte acutum. Quapropter benedictam fideli- 
tatem vestram rogamus et in remissionem vobis iniangimus pecca- 
torum, ut, ubicumque inventi fuerint, eos faciatis ignis incendio 
concremari, facultates eorum ad opus vestre curie capientes, ut in 
vinea Domini non labrusce, sed uve 13 ) et rose penitus adolescant. 

Remissa domini imperatoris ad papam. 

Eins in Christo sanctissimo ac reverendo patri ac domino et 
cetera salutem et reverenciam. 

Sicut novi et veteris pagina instruimur assidue 14 ) testamenti, 
Romanum imperium demoniis et ydolis 15 ) antiquitus immolabat et 

1) Offenbar im Sinne von „Ordnung", „Gemeinschaft" ; ebenso in der Antwort. 

2) So wohl statt des in Abkürzung ähnlichen dictis Hs. 

3) Abendmahl. 

4) Da die Möglichkeit nicht abzuweisen ist, solum im Sinne von dierum zu 
fassen, wage ich nicht zu ändern. 

5) Folgt vcl percenimua Hs., was nur Abschreibervariante sein dürfte. 

6) et Hs. 

7) So vielleicht statt nudos Hs., mit dem ich nichts anzufangen weiß ; vgl. 
etwa Eccli. 18, 33; er/s cnim invidus tüae tuae od. auch Friedrich II. in Huillard- 
Breholles II, 422 et veluti aliorum saluti nequiter invidentes. 

8) adeo unio Hs., vgl. die Antwort. 9) operibus (in Abkürzung) Hs. 
10) nfostjro Hs. 11) Stätte Hs. 12) prepararc IIa. 

13) labrusca sed uva Hs. ; vgl. Js. 5,2.4. 

14) Trotz des ungeschickten Ausdrucks kaum zu ändern. 

15) Korr. aus iddolia Hs. 



Original from 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



144 Karl Hampe 

ad tantam 1 ) insaniam vertebatur, ut relicto vero et vivo Deo in- 
clinaret sculturis marmoreis et metallicis 2 ) et ad ultimum ad sanc- 
torum pemiciem et 8 ) seva martiria omne Studium et sollicitudinem 
exibebat. Denique placuit divine clemencie, ut a capite et fönte 
neqnicie oriatur 4 ) aqua purissima, qua sordes et maculas ablueret 
viciorum. Extunc christiana fide recepta et omni errore penitus 
derelicto ad errorum confusionem adeo potenter invaluit, ut di- 
versis penis et diversis cruciatibus hereticos confunderet et puniret, 
Quos nos volumus in manu et virga ferrea tamquam vas figuli 
prorsus confringere s ) et ad seva penarum genera replicare 6 ). 

Nunc autem, si ita est, prout dicitis, quod 3 ) in regno nostro 
Patarenorum lex pessima vigeat, que Deo et hominibus est exosa, 
faciatis idem diligenter inquiri per vestros episcopos et prelatos 
et penam, quam eis imponetis, faciemus ita plenius observari, ut, 
cum in Tusciam et Lonbardiam 7 ) rumor advenerit, unde erroris et 
scandali fluit unda, omnes penitus contremiscant. 



Diese angebliche Antwort Kaiser Friedrichs IL erweist sich 
sofort als Stilübung, wenn wir sie mit dem im Register Papst 
Gregors IX. üb. IV nr. 131 überlieferten, unzweifelhaft echten 
Stücke Eeg. Imp. V, 1852 vom 28. Febr. 1231 vergleichen. Der 
Fall, daß wir hier über denselben Gegenstand ein wirkliches 
Schreiben des Kaisers und eine davon ganz unabhängige Stilübung 
besitzen, ist jedoch methodisch so lehrreich, daß ich es für zweck- 
mäßig halte, jenes Schreiben nach dem Drucke von Huillard-Br£- 
holles III, 268 hierher zu setzen: 

Sanctissimo in Christo patri Gregorio Dei gratia sunimo pontifici 
Fredericus eadem gratia Romanorum imperator semper augustus, Hieruaalem 
et Sicilie rex salutern et reverentiam filialem. 

Celestis altitudo consilii que mirabiliter in sua sapientia cuncta dis- 
posuit, non immerito sacordotii dignitatem et regni fastigium ad mundi 
regimen sublimavit, uni spiritualis et alten materialis conferens gladii po- 
testatem, ut hominum ac dierum excrescente malitia et humanis mentibuB 
diversarum super*titionum erroribus inquinatis uterque iustitie gladius ad 
correctionem errorum in medio surgeret et dignam pro meritis in auctores 
scelerum exerceret ultionem. Sane cum omni honorificentia venerandis 
apicibus vestre paternitatis acceptis et earum tenore cognito iuste non 
potuimus non moveri, velut qui ad laudem bonorum, ad vindictam vero 
malefactorum collatum nobis a Domino ensem iustitie baiulamus, dum 



1) iotam He. 2) metalli Üb. 3) fehlt IIa. 

4) So statt orereiur Ha. 5) Vgl. Apoc. 2,27; aucb Jerera. 19,11. 

6) Trotz des ungeschickten Ausdrucks kaum zu ändern. 

7) Tuscia et Lonbardia Hs. 



Original From 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Stilübungen zur Ketzerverfolgung unter Kaiser Friedrich II 145 

nostris est auribus per easdera sacraa litteras intimatum, quod heretice labis 
morbus paulatim serpene ut Cancer pro magna parte Italiam et specialiter, 
quod dolentes referimue, in regno noßtro Sicilie Neapolim et Aversam 
partesque vicinas dicitur infeciese, sicut per quemdam ab eodem errore 
tandem Domino inepirante conversum apostolice beatitudini accepimus reve- 
latum. Super quo tanto vehementius arjxiamur, quanto vicinior apostolice 
ac impcriali sedi tanti superstitio invenitur erroris, ut in cireuitu matris 
insultent impii et ante faciem eius proh pudor! in i muri am iidei perfidia 
tarn obstinata consurgat, dum hericii foveas habeant ' i et lamie nudent 
mammas, ut lactent catulos infelicea*). 

Quia igitur ex apostolice provisionis instantia, qua tenemiui ad extir- 
pandam hereticam pravitatem, potentiam nostram ad eiusdem heresis exter- 
minium preeibus et monitis excitatis, ecce ad vocem virtutia vestre zelo 
Iidei, quo tenemur, ad fovendam ecclcsiasticam unitatem gratanter assur- 
gimus, beneplacitis veetris devoris affectibus coneurrentes, illam diligentiam 
et sollicitudinem impensuri ad evellendum et dissipandum de predictis civi- 
tatibus pestem heretice pravitatis, ut auetore Domino, cui gratum inde 
obsequium prestare confidimus, ac vestris coadiuvantibus meritis nullum in 
eis vestigium supersit erroris ac finitimas et remotas, quascumque previa 
fama partes attigerit, inflieta pena perterreat, et ornnibus innotescat nos 
ardenti voto zelare pacem ecclesie et adversus hostes iidei et ad gloriam 
et honorem matris ecclesie ultore gladio potenter accingi. 

Datum Tarenti, XXVIII. februarii, IV. indictionis. 



Betrachten wir einige Einzelheiten der Stilübung, so verrät 
gleich die unkanzleimäßige Inscriptio mit dem vorangestellten 
Ä Eius u denselben Verfasser, der auf fol. 34 col. a der Hs. ein 
Schreiben von Prälaten der ganzen Welt an den Papst mit den 
Worten „Eorum in Christo sanetissimo ac reverendo patri" be- 
gonnen hat, und im Anfang des Textes kehrt etwa der Hinweis 
auf das alte und neue Testament ähnlich in einer Friedrich IL 
zugeschriebenen Stilübung auf fol. 33 v wieder. Alle formalen 
Verstöße und Ungeschicklichkeiten der Stilübung hier aufzuzählen, 
lohnt sich nicht. Lehrreicher ist der inhaltliche Vergleich mit 
dem echten Stücke. Die Arenga des Stilisten nimmt von dem 
früher heidnischen, jetzt aber christlichen und ketzerverfolgenden 
Imperium in recht schulmeisterlicher Weise ihren Ausgangspunkt, 
der echte Friedrich IL, dem so oft geflissentlich betonten Pro- 
grammpunkt seiner damaligen Politik entsprechend, von dem ein- 
trächtigen Zusammenwirken beider Schwerter. Dagegen will er 
gegen die Häretiker, von deren Erfolgen in Neapel, Aversa und 
Umgegend er durch den Papst mit Empörung vernommen hat, 
sofort selbst vorgehen, während der Stilist, der ohne nähere ört- 



1) Vgl. Isai. 34, 15. 2) Vgl. Thren. 4, 3. 



10 



i , Original from 

UNIVERSITY 0F CALIFORNIA 



146 Karl Kampe 

liehe Bestimmung von Patarenern im Königreich Sizilien spricht, 
dem Kaiser die ganz unmögliche Aufforderung an den Papst in 
den Mund legt, er möge durch seine (des Papstes) Bischöfe und 
Prälaten die Sache untersuchen lassen. Nie würde der echte 
Friedrich sizilische Bischöfe anders, denn als seine eignen, denen 
er selbst Weisungen zu geben hatte, bezeichnet oder wohl gar die 
Sendung außersizilischer Bischöfe in sein Reich erbeten haben. 
In dem vorliegenden Falle hat er nach Richard von S. Germano 
in der Tat den Erzbischof von Reggio neben seinem Marschall 
Richard Filangieri mit der Ergreifung jener Ketzer selbst beauf- 
tragt 1 ). Auch die Festsetzung der Strafart konnte man nicht, 
wie es in der Stilübung geschieht, von der Kirche erwarten, die 
zwar auf die weltlichen Gewalten in dieser Hinsicht stark ge- 
drückt, aber ihnen im Einzelfalle die Behandlang des überführten 
Ketzers, ihren Grundsätzen getreu, doch stets zugeschoben hat. 
Besser geglückt sind dem Stilisten die Schlußworte. Während der 
echte Friedrich nur allgemein von dem weithin fortwirkenden Ein- 
druck spricht, den sein Vorgehen gegen die Ketzer machen werde, 
weist die Stil Übung im besonderen auf Taszien und die Lombardei, 
den ursprünglichen Herd der Ketzerei, hin. Das ist an sich ganz 
im Sinne des Kaisers gedacht, und es wäre möglich, daß der Ver- 
fasser bereits die im September 1231 veröffentlichten Konstitutionen 
von Melfi gekannt habe, wo es lib. I tit. 1 (Huill. IV, 6) heißt: 
„adeo quod ab Jtalie finibus, presertim a partibus Lombardie, in quihus 
pro certo perpendimus ipsorum nequitiam amplius abundare, iam usque 
ad regnum nostrum Sicilie sue perfidie rivulos derivarunl"*). 

Der kurz vor Ende Februar 1231 abgesandte echte Brief 
Gregors IX.. der zu Friedrichs Antwort und Maßnahmen den 
Anlaß gegeben hatte, ist verloren 3 ). Das ist um so bedauerlicher, 
als gerade in jener Zeit, in der er geschrieben ist, im Kopfe des 
Papstes der Gedanke der kirchlichen Inquisition gegen die Ketzer 
entstand, den er dann in den folgenden Jahren schrittweise ver- 

1) Rycc. de S. Germ, etwa zum März 1231 (Oktavau6g. S. 104): Imperator 
pro capiendis Patarenis apud Neapolim mittit Reginum archiepiscopum et 
Ryccardum de Principatu marescalcum suum, de quibus aliqni sunt inventi et 
vineulis maneipati. Für den Zusammenhang * der Dinge vgl. auch Winkelmann, 
Jahrb. Friedrichs II. Bd. II, S. 29*5 ff. 

2) Auch Friedrichs Erlaß vom März 1224, R. I. V, 1523, hatte sich gegen 
die Ketzer in der Lombardei gerichtet. Die Stelle Constit. 1, 1 : „inquisüione 
notatos — a viris ecclesiasticis et prelatis examinari iubemus u könnte dem Sti- 
listen auch bei den Worten „facialis (dem diligenter inquiri per vestros episcopos 
etprelatos* vorgeschwebt haben, auch wenn er die Anweisung dem Papste zuschiebt. 

3) Vgl. R. I. V, G834. 



Original from 



UNiVElK iry OF CALIFORNIA 



Stilübungen zur Ketzerverfolgung unter Kaiser Friedrich II 147 

wirklicht hat. Da würde uns jede einschlägige Äußerung wertvoll 
sein. Daß das oben gedruckte angebliche Papstschreiben nicht 
jener echte Brief ist, brauche ich wohl nicht ausführlicher zu 
beweisen. Spricht schon die enge Verbindung mit der Stilübung 
der kaiserlichen Antwort dagegen, so bieten Form und Inhalt 
genug der Unmöglichkeiten. Der Plural der Anrede statt des allein 
üblichen Singulars ist, um von allem anderen abzusehen, formell, 
das Fehlen eines besonderen Hinweises auf Neapel* und A versa als 
Ketzer statten, der doch in Friedrichs echter Antwort voraus- 
gesetzt wird, inhaltlich allein schon vollkommen ausreichend, um 
das Stück als Stilübung sicherzustellen. 

Immerhin haben wir es hier mit einem Schriftstück zu tun, 
das aus einer gewissen Kenntnis der Dinge heraus verfaßt ist, 
und das uns daher als bescheidener Beitrag zur Ketzergeschicjite 
jener Zeit willkommen sein mag. Denn wenn wir auch allen 
Anlaß haben, solchen Schul erzeugnissen mit Vorsicht zu begegnen, 
so sind es doch gleichwohl zeitgenössische Äußerungen, die darum 
noch nicht schlechthin wertlos sind, weil sie in ungeschickter Weise 
versuchen, einen wirklichen Papstbrief, dessen ungefährer Inhalt 
zu den Ohren des Verfassers gedrungen sein muß, wiederzugeben. 

Gleich die einleitende Schilderung der seit dem zwölften Jahr- 
hundert in Europa weitverbreiteten Leprakrankheit und ihrer Be- 
handlung dürfte auf persönliche Anschauung des Stilisten zurück- 
gehen. Was er dann über die damit verglichene ansteckende 
Ketzerei der Patarener ausführt, ist auch nicht aus der Luft ge- 
griffen. Die Verwerfung von Beichte und Meßopfer, die er ihnen 
vorwirft, ist ebenso bekannt, wie ihre übermäßige Enthaltsamkeit, 
namentlich in betreff aller jener Nahrung, die nicht von Pflanzen 
oder Wassertieren herrührte, so daß die Ketzer vielfach ja schon 
durch ihr bleiches Aussehn auffielen. Auch die Neigung zur Selbst - 
tötung oder die Beendigung des Lebens durch die Nächstangehörigen 
auf dem Sterbebette vermittelst der sog. „Eudura* oder „Privation", 
nachdem durch den Akt der Häretikation einmal die Reinheit der 
Seele erlangt war, die nicht wieder durch Berührung mit dem 
Irdischen gefährdet werden sollte, gehört zu den vielfach bezeugten 
und allgemein verbreiteten Kennzeichen der Ketzerei *). Auch an 
dieser Stelle möchte man bei dem Verfasser Bekanntschaft mit 
den Konstitutionen von Melfi vermuten, wo es 1, 1 von den Ketzern 
heißt: „crudelius etiam seviunt in se ijisos, dum preter animarum 



1) Vgl. z. B. H. C. Lea, Gesch. der Inquisition im Mittelalter, deutsche 
Übers., I (1905) S. 105. 

10* 



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148 Karl Hampe 

dispendiwn corpora denique seve mortis illecebris, quam per agnitionern 
veram et vere fidei firmitatem possent evadere, vite prodigi et necis 
improvidi sectatores involvunt; et quod ipso diclo durissimum, super- 
stites etiam non terrentur exemplo". Auch für die bei der Schilde- 
rung beliebte Dreiteilung fand er dort ein Vorbild. 

Als Strafen setzt der Stilist diesen ketzerischen Sünden gegen- 
über: Konfiskation des gesamten Vermögens, Feuertod der Leiber, 
Höllenpein der*Seelen. Auch diese Strenge entsprach den neuen 
Bestimmungen im Königreich Sizilien, die bald auf das deutsche 
Reich ausgedehnt und auf Betreiben der Kurie in die Gesetzgebung 
der übrigen europäischen Staaten aufgenommen wurden 1 ). 

Die Bezeichnung des Königreichs Sizilien nach den alten Teilen, 
aus denen es sich zusammensetzte, als „regnum Sicilie, Calabrie, 
Apulie et Terre Laboris" würde Gregor IX. selbst wohl in einem 
Schreiben an den Herrscher des längst zur Einheit zusammen- 
geschweißten Reiches nicht gebraucht haben; unrichtig und ganz 
unmöglich ist sie jedoch auch für diese Zeit nicht; schreibt doch 
z. B. Honorius III. am 24. April 1222 den Bischöfen in Apulia, in 
Calabria, in Terra Laboris, in Sicilia 2 ), und Gregor IX. spricht am 
24. Sept. 1239 von den Venezianern „in regno Scicilie, ducatu Apulie, 
Calabria, principatu Capuc", wobei nur der Prinzipat an die Stelle 
der Terra di Lavoro getreten ist 3 ). 

Sehr merkwürdig ist die Stelle: „sicut per eortlm papam didi- 
cimus manifeste ad veram fidern conversum" ; sie muß in der Tat im 
wirklichen Papstbrief ganz ähnlich gelautet haben, denn Friedrichs 
echte Antwort greift darauf ja mit den Worten zurück: „sicut 
per quemdam ab codem errore tandem Domino inspirante conversum 
apostolice beatitudini accepimus revclatum". Der Stilist zeigt sich hier 
also als wohlunterrichtet, „nur nennt er statt des unbestimmten 
quendam den „Papst" jener süditalischen Ketzer als Angeber. 
Ketzerpäpste kommen in Schriften über Ketzerei mindestens aus 
späteren Zeiten wiederholt vor 4 ), mögen ihre Häupter nun so von 
ihnen selbst oder nur von ihren Gegnern benannt sein. Für die 
frühere Zeit verdient diese Belegstelle Beachtung. Wenn schon 
einmal durch die Übereinstimmung mit Friedrichs Brief, den der 



1) Zur Einführung der Strafe des Feuertodes für Ketzer vgl. außer Lea: 
Ficker, Mitt. d. Inst. f. öst. Gesch. I, 177 ff., IV, 203 ff. ; Winkelmann ebda IX, 136 ff. ; 
H. Köhler, D. Ketzerpolitik der deutschen Kaiser u. Könige 1152—1254, 1913 
S. 34 ff. 

2) M. G. Epp. sei. I, 130. 3) Ebda I, 737. 

4) Man vergleiche etwa nach dem Register die einschlägigen Stellen in 
I>öllingers Beiträgen zur Sektengeschichte des Mittelalters Bd. 2 (1S90). 



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Stilübungen zur Ketzer Verfolgung unter Kaiser Friedrieh II 149 

Stilist selbst ja keinesfalls kannte, erwiesen ist, daß er über den 
Vorgang selbständig unterrichtet war, so kommt er für die Be- 
zeichnnng „per eorum papam" als vollgültige zeitgenössische Quelle 
in Betracht. Dieser Abfall und Verrat des Ketzerpapstes im 
Norden des sizilischen Königreiches war offenbar in weiteren 
Kreisen bekannt geworden. Daß der Papst selbst in seinem 
Schreiben an Friedrich ihm, nach dessen Antwort zu schließen, 
die Ehre einer solchen Bezeichnung vermutlich nicht zuerkannt 
hat, begreift sich ohne weiteres. 

Am Schlüsse mag die an den Kaiser gerichtete Aufforderung, 
das weltliche Schwert zur Verfügung zu stellen und allenthalben 
mit den Strafen des Feuertodes und der Gütereinziehung bis zu 
völliger Ausrottung gegen die Ketzer vorzugehen, dem echten 
Papstbrief wieder einigermaßen entsprochen haben. 

So sehen wir, daß auch einer an sich trüben Quelle einige 
Tropfen brauchbaren Wassers mit Vorsicht abzugewinnen sind, 
und gerade daß in diesem Einzelfalle einmal die Möglichkeit vor- 
liegt, Beides mit Bestimmtheit von einander zu scheiden, gibt 
diesen Stilübungen einen gewissen methodischen Wert. 



Original from 



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Ein Gutachten über die Verbesserung der 
kurkölnischen Zentralverwaltung von 

etwa 1440 

Ein Beitrag zur Entstehung der Ratsbehörde und des 

Budgetwesens 

Von 

Hermann Aubin 

Die deutschen Landesherren hatten im 13. und 14. Jh. die 
Aufgabe gelöst, eine Lokalverwaltung zu schaffen, welche in 
dauernder Abhängigkeit von ihnen blieb. Woran die Könige ge- 
scheitert waren, das gelang ihnen, indem sie den Feudalismus aus 
den Amtsstellen mit Hilfe eines neuen, vertragsmäßig und auf 
Zeit angestellten Beamtentums verdrängten. Ihrem Unternehmen 
kam zu Hilfe, daß es in eine Zeit fortschreitender Geldwirtschaft 
fiel. 

Schon allein die Erstarkung des über und durch die Amt- 
leute geübten Regimentes mußte verstärkte Arbeit auch an der 
Zentrale hervorrufen und deren Organisation wird sich dem an- 
passen müssen. Andere Einflüsse traten hinzu. Tatsächlich be- 
ginnt die Zentralverwaltung sich umzubilden. Eigene Amter 
derselben hatten ursprünglich nur für die Hofverwaltung in den 
Ministerialenämtern bestanden. Die allgemeine Landesverwaltung 
war vom Fürsten persönlich mit dem Rate seiner Umgebung ge- 
führt worden. Nun wachsen in manchen Territorien einzelne Hof- 
beamte in die Landesverwaltung hinein, indem sich ihre Hofämter 
organisch ausweiten, der Marschall wird zum Anführer des Heeres, 
der Kämmerer zum Finanzbeamten. Denselben Aufstieg erlebt 
manchmal der Hofmeister, der ziemlich allgemein seit dem 13. Jh. 
die feudalisierten Ministerialen in der obersten Leitung des Hofes 
zu ersetzen berufen wird. Das Anwachsen der schriftlichen Ge- 
schäftsführung hebt den Kanzler empor und für die Kassenfüh- 
rung tritt seit dem 14. Jh. als dritter Einzelbeamter ein Rent- 



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Ein Gutachten über d. Verbesserung d. kurköln. Zentral Verwaltung etc. 151 

meister hinzu. Wird das Hofmeisteramt meist anscheinend noch 
in alter Form zu Lehen gegeben, so stehen Kanzler und Rent- 
meister, ersterer Anfangs stets und letzterer oft dem geistlichen 
Stande entnommen, dem neuen, in der Lokalverwaltung mit solchem 
Erfolg verwandten Beamtentume näher. Mit dem Kanzler kommt 
zugleich gelehrte Bildung und größere Stetigkeit in die Zentral- 
verwaltung. Der Rentmeister aber, indem er die Kassenführung 
ordnet und mehr und mehr zentralisiert, hat ganz wesentlich zur 
Stärkung der Zentralverwaltung und damit der Territorialgewalt 
überhaupt beigetragen. 

Eine grundsätzliche Änderung in der Organisation der Zen- 
tralverwaltung ist aber erst an der Wende zur Neuzeit erfolgt l ). 
Es ist bekannt, welche neuauftretenden Bedürfnisse damals zur 
Bildung der kollegialen Ratsbehörde mit z.T. gelehrten, jedenfalls 
auf Zeit berufenen Mitgliedern und weiter zur Scheidung in den 
Hof rat, das Hofgericht, die Finanzkammer und, in den protestanti- 
schen Territorien, das Konsistorium geführt haben 2 ). 

Diese Bedürfnisse haben sich natürlich schon eine Zeitlang 
geltend gemacht, ehe sich ihre Wirkung bis zur Verwaltungsreform 
verdichtete. Weshalb diese ja auch in den größeren Territorien 
früher, in den kleineren später erfolgte. Einen Querschnitt nun 
durch den Zustand der Zentralverwaltung, wie sie in der Zwischen- 
zeit in einem der ersten Reichsfürstentümer bestand , bietet ein 
Aktenstück des Düsseldorfer Staatsarchivs 3 ). Es handelt sich um 
ein auf 1436 bis 1441 zu datierendes Gutachten von Ratgebern 
des Erzbischofs Dietrich v. Mors (1414—1463) über die Verbesse- 
rung der kurkölnischen Regierung, welches sich fast ausschließlich 
mit der Zentral Verwaltung befaßt. Hier legen einmal die Zeit- 
genossen selbst die Finger an die Wunden. Die Gründe der spä- 
teren Reform hat man ja bisher meist aus den allgemeinen Zeit- 
umständen und gleichsam ex eventu erschlossen. Es sei gleich 
gesagt , daß das zuerst von G. v. Below gezeichnete Bild durch 

1) In den großen Rahmen einer Schilderung von Staat und Gesellschaft des 
Reformationszeitalters hat F. v. ttezold diese Vorgange hineingestellt in der Kultur 
der (legenwart II, V, 1, 1908. 

2) G. v. Uclow, Die Neuorganisation der Verwaltung in den deutschen Ter- 
ritorien des IG. Jahrhunderts. Hist. Taschenbuch, G. Folge, G. Bd., lbS7. 

3) Kurköln VII, No. 5 a, Papier, 6 Blatter, Reinschrift Die Namen der Rat- 
geber stehen am nächsten dem Stuck Lacomblct, l'rkundenbuch 4, 218 von 1435. 
Die nähere Datierung, bei welcher mich Geb. Rat Ilgen in Düsseldorf and Prof. 
Keussen in Köln unterstutzt haben, ergibt sich aus der Titulatur des Johann up 
ine Gravc als Propst v. Rees. Sein Vorganger dürfte 14'5G/37 resigniert haben, 
1441 war Johann schon Propst v. Xanten. 



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152 Hermann Aubin 

unser Aktenstück vollauf bestätigt wird. Dennoch halte ich dies 
für würdig, seinem Inhalt nach mitgeteilt zu werden, denn es ge- 
währt einen Einblick, wie die Zeit selbst die Schäden des her- 
gebrachten Regimentes empfand, die allgemeine Ansicht wird durch 
die Beleuchtung aus einem besonderen Falle lebensvoller 1 ) und 
wir können ermessen, bis zu welchem Grade der Intensität bereits 
gegen die Mitte des 15. Jh. in einem wichtigen Territorium West- 
deutschlands die Notwendigkeit einer Verwaltungsreform gediehen 
war. 

Das Gutachten wird erstattet über Erfordern des Erzbischofs, 
weil „die arbeit yme zo swaire werde an synen synnen ind live, 
an synen renten, slossen ind kosten syns huyß ind mit vyl anderen 
stucken". Damit war ein Programm aufgestellt, welches Gliede- 
rung der Antwort in die Punkte: Entlastung des Landesherren, 
Finanzwesen, Lokal Verwaltung, Hofstaat nahelegte. Indessen läßt 
das Gutachten einen strengeren Gedankengang vermissen. Äußer- 
lich zerfallt es in drei Teile, weil zwischen die lose aneinander- 
gereihten Items ein geschlossener Abschnitt mit der Überschrift 
„die ordenancie vur dat huyß* eingeschoben ist. Diese Hof Ordnung 
ist systematisch aufgebaut ; man spürt, daß die Räte sich hier auf 
dem vertrautesten Boden bewegen. Hält man dazu, daß die Hof- 
ordnung fast die Hälfte des ganzen Stückes ausmacht, so bekommt 
man gleich einen Begriff, wie sehr die Hofhaltung immer noch im 
Mittelpunkt der Zentralverwaltung steht. Wenn ich aber zunächst 
versuche, nach unserer Quelle darzustellen, wie letztere beschaffen 
war und wie sie funktionierte, so ziehe ich von der Hofverwaltung 
nur das heran, was für die Landes Verwaltung von Belang ist 2 ). 

Der Aufbau der kurkölnischen Zentralverwaltung unter Die- 
trich v. Mors stimmt in den Hauptzügen durchaus mit jenem in 
anderen Territorien überein. Allerdings haben hier weder die 
alten, nur noch zu Ehrendiensten einberufenen Erbbeamten, noch 
die im täglichen Dienst an ihre Stelle getretenen Hofbeamten als 



1) Ein ahnliches Material gestattete jungst Tkeod. Mayer, die Anfänge der 
Verwaltungsreform an der Zentrale unter Sigismund und Maximilian von Tirol 
eingehender zu schildern, Forsch, z. inn. Gesch. Österreichs, Heft 14, 1920. Schott- 
lnüller, Die Organisation der Zentralverwaltung in Cleve-Mark, 1897, hat das ihm 
in den Katsordnungen von 1486 und 89, von denen bes. erstere unserem Stücke 
verwandt ist, zur Verfügung 6tehende nicht in diesem Sinne ausgenutzt. Vgl. 
Küch, Beitr. z. Gesch. d. Kiederrheins 12, S. 284 ff., welcher sich aber die Ge- 
schlossenheit des Rates vor 148G zu groß vorstellt. 

2) Ich gebe im Folgenden nur im Gutachten selbst enthaltene Tatsachen, 
keine weiteren Schlüsse oder Vermutungen. 



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,A ,( UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



Eiu Gutachten über d. Verbesserung d. kurköln. Zentralverwaltung etc. 153 

solche irgendwelche Zweige der Landesverwaltung an sich ge- 
zogen. Sie nehmen an ihr nur insoweit teil, als sie vielleicht 
Räte des Kurfürsten sind '). Hof- und Landesangelegenheiten sind 
also in Hinsicht auf diese Beamtungen schon geschieden, durch 
Personalunion allerdings häufig, wie wir sehen werden, verbunden. 
Eine Ausnahme macht die Finanzgebahrung. Hof- und Landes - 
finanzen laufen noch ineinander, deshalb gehört auch der Rent- 
meister 2 ) beiden Verwaltungen an. Er hat ebenso die Einkäufe 
für die Küche und den Stall zu besorgen, wie die Einziehung der 
Zölle, Renten und Gülten, die Einlösung der verpfändeten Burgen 
und die Gehaltszahlungen an die Amtleute und Diener. Ja indem 
erstere Aufgabe vorangestellt wird, schlägt wieder der noch stark 
privatwirtschaftliche Charakter der Zentralverwaltung durch. Der 
Rentmeister dürfte 2 — 3 Gehilfen gehabt haben 3 ). Recht ansehn- 
lich ist die Kanzlei besetzt; Kanzler und erster Schreiber mit je 
einem Sekretär und drei weitere Schreiber sammt Boten zu Fuß 
und zu Roß bilden ihr Personal 4 ). 

Der Rat des Landesherren weist noch den lockeren Zusam- 
menschluß und die Zusammensetzung aus Prälaten, hohen Vasallen, 
Erb- und Hofbeamten und Amtleuten wie in den vorangehenden 
Jahrhunderten auf 5 ). Der Rentmeister ist schon seit längerer Zeit 



1) Das Gutachten gedenkt der Erbbeamten garnicht. Die darin auftretenden 
Hofbeamten sind fast alle schon im Dienstrecht des 12. Jb. als niedere Schicht 
zu erkennen (Mitteil, aus dem Stadtarchiv von Köln, Heft 2). Der Hofmeister 
kommt Anfang des 13. Jh. hinzu, zuerst auch von niederem Range (Ennen, 
Quellen 2, 29, a. 1205—8), 1296 als Ritter (a.a.O. 3. 429). Über die Erbämter 
unvollständig Walter, Das alte Erzstift . . . Köln, § 22. Über das Erbmarschall- 
amt s. Annalen f. d. Gesch. d. Niederrheins, 26,27, S. 317 ff.; über das Erb- 
kämmereramt Strange, Nachrichten über adelige Familien und Güter 2, S. 70 ff. 

2) Das Amt wird 1344 genannt, Lacomblet, U.B. 3,417, dann 1372, Mitteil. 
7, S. 65, No. 2783, Johann v. Kelz, nach Ennen, Quellen 5, 105 Kanonich von 
St. Aposteln-Köln. 

3) Es werden ihm 5 Pferde am Hofe gefüttert. 

4) Über die ähnliche Besetzung der Trierer Kanzlei und die genaueren Ein- 
zelnheiten ihrer Organisation s. Richter in den Mitteil, der k. preuß. Archivver- 
waltung 17, 1911, über Kleve s. Schottmüller, S. 40 ff. 

5) Unter unsern Gutachtern vertritt erstere der Dompropst v. Mainz, Graf 
Heinrich v. Nassau-Beilstein (s. über ihn Kisky, Die Domkapitel der gcistl. Kur- 
fürsten 66, No. 78), fehlen die zweiten, ist von den dritten nur der Hofmeister 
Heitgin v. Weier mit seinem Titel genannt, sind Rolman v. Dadenberg, Scheiffart 
v. Merode, Johann v. Eynenberg zu Landskron als Amtleute bekannt (vgl. La- 
comblet, U.B. 4, 218). Andere Ratslisten s. bes. a.a.O. 174, 221, 22ö, 253. 



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UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



154 Hermann Aubin 

hinzugezogen *). Zwei neue Momente aber werden jetzt bemerk- 
bar. Unter den Geistlichen treten bereits gelehrte Räte, Doktoren 
der Rechte auf 2 ), deren Prälaturen nicht Anlaß sondern Belohnung 
ihrer Ratstätigkeit sind; in ihnen haben wir wohl vorzüglich die 
Verfasser des Gutachtens zu sehen 3 ). Auch darin, daß der frü- 
here Rentmeister 4 ) noch als Ratgeber herangezogen wird, zeigt 
sich der Wert, den man auf richtige Fachausbildung nach den 
jetzigen Bedürfnissen zu legen beginnt. Und zweitens schließt 
sich innerhalb des weiteren Kreises der „Freunde", die nur bei 
wichtigen Anlässen einberufen werden, die ständige Umgebung des 
Erzbischofs, die naturgemäß immer zunächst um Rat gefragt wer- 
den konnte, erkennbar als engerer Kreis der eigentlichen „Räte" 
zusammen 5 ). Der Kanzler und einige Hofbeamte, sicher Hof- 
meister und Marschall, gehören ihm an. Außerdem werden regel- 
mäßig 2 — 3 von den Freunden auf längere Zeit an den Hof ge- 
laden. Fest abgeschlossen ist freilich auch dieser engere Rat noch 
nicht. Es hängt vom Willen des Landesherrn ab, wen er jeweils 
zuziehen will. 

Wertvoller als diese Bestätigung des bekannten Bildes der 
Zentral Verwaltung im 15. Jh. ist nun der Einblick in ihr Funk- 
tionieren, wie ihn eben das Gutachten gewährt. Daß die Re- 
gierung noch ganz beim Landesherren liegt, ist bei Dietrich v. Mors 
kein leeres Wort. Vielmehr führte er das Regiment in der Tat 
persönlich bis in alle Einzelnheiten. Bis zu den kleinsten Dingen 
will er Alles selbst besorgen. Ohne seine Unterschrift darf kein 
Pergament oder Papier, keine Tinte für die Kanzlei eingekauft 



1) Vgl. oben S. 153, Anm. 2. Auch jetzt ist er ein Geistlicher, Arnold 
v. Unkel, Stiftsherr von S. Cassius in Bonn. 

2) Heinrich v. Erpel, Propst zu S. Severin-Köln, und Tilmann v. Linz, 
Propst zu S. Florin-Koblenz. Ersterer kommt noch 1441, Lacomblet, U.B. 4, 263 
als geistlicher Rat vor, über letzteren, der kurtricrischer Protonotar (= Kanzler) 
gewesen war, Richter, a.a.O. 28 (f. Während er mit Trier noch bis 1439 in Ver- 
bindung stand, trat er schon 1438 in kölnische Dienste über, Lacomblet, U.B. 4, 
228. 1440 ging er als Gesandter mit dem Grafen v. Neuenahr nach England, 4, 241. 
Keiner war aber Kanzler, dieser sollte erst mit Tilmanns Hilfe gesucht werden. 

3) Die beiden sollen nach eiuer Randnote auch die Kanzlei verbessern. Trier 
hatte schon 1426 eine schriftliche Kanzleiordnung erhalten, s. Richter, S. 19. 

4) Johann up me Grave, s. S. 151, Anm. 3. Als Rentmeister ist er von 1418 — 
1421 belegt, s. Archiv für Geschichte und Statistik des Vaterlandes, 1785, 173ff. 

5) Den Ausdruck „heimliche Räte", der im 14. Jb. vorkommt, Mitteil. 7, 
S. 65, 9, S. 19, No. 3191, gebraucht das Gutachten nicht. Er fehlt auch in den 
gleichzeitigen Urkunden. n Geleerde vrunde u werden mit Rechtsfragen beiaßt, 
Mitteil. 22, S. 17 u. 59, a. 1442 u. 1444. 



Original from 



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Ein Gutachten über d. Verbesserung d. kurköln. Zentralverwaltung etc. 155 

werden, sodaß ihr manchmal das Schreibmaterial ausgeht. Die 
von den Räten bereits verhörten Parteien verhört er stets noch- 
mals selber. Er erteilt Gesandten ganz allein Audienzen, sodaß 
er keine Zeugen für seine Worte und seine Räte keine Kenntnis 
der Angelegenheiten haben, zumal er ihnen auch keine regelmäßige 
Einsicht in die Korrespondenzen gewährt. Dietrich liebt es auch, 
selber den Gesandten seine Antworten zu geben, statt sie von 
Räten vortragen zu lassen, deren Worten er nötigen Falles eine 
gewünschte Deutung geben könnte. Dabei überlastet er sich noch 
mit Austrägen, welche vor die zuständigen Gerichte oder Amt- 
leute gehörten, und mit fremden Angelegenheiten. 

Begreiflich ist es, daß da die eigenen Sachen vernachlässigt, 
daß manche überstürzt ohne Sachkenntnis erledigt werden, andere 
liegen bleiben, daß Befehle erteilt werden, welche nicht ausführbar 
sind und nur vermehrte Mühe bereiten, und so der Erzbischof bei 
aller Arbeit doch nicht mehr durchkommt. 

Den größten Schaden aber richtet das persönliche Regiment 
in den Finanzen an. Dietrich gibt das Geld mit vollen Händen 
aus, nimmt Anlehen auf, kauft Kleinode und Pferde auf Borg, um 
alles zu verschenken. Bischöfe und Prälaten, Boten, Herolde und 
Pfeifer erfreuen sich besonders seiner Gunst. Daß der Erzbischof 
Befreundete veranlaßt, für ihn zu bürgen — und dann anscheinend 
im Stiche läßt — hat seinen Kredit besonders in der Stadt Köln 
erschüttert. Indem er Schuldverschreibungen mit eigener Hand 
ausstellt, bringt er die Rechnungsführung ganz durcheinander. Ein 
wunder Punkt der Finanzgebahrung ist besonders der Hofhalt. 
Jede Unordnung hier mußte umso fühlbarer die Finanzen treffen, 
als ja der Holhalt an sich schon einen unverhältnismäßig großen 
Anteil der Einkünfte verschlang. Und eine Kontrolle des Auf- 
wandes war hier besonders schwer, weil der Hofhalt noch zum 
guten Teil aus Naturaleinnahmen bestritten wurde '). Man glaubte 
daher aus dem Vollen wirtschaften zu können. Gerade hier kommt 
die Freigebigkeit des Fürsten am ungezügeltsten zum Aasbruch. 
Dietrich verschwendete zudem für sein eigenes Vergnügen. Er 
hielt für seine Jagdleidenschaft einen übergroßen Troß von Jägern 
und' Hunden. Aber auch ungeladen aß mancher an des Erzbischofs 
Tafel, fraß manches Pferd aus seiner Krippe. Es war so schwer, 
Gast und Schmarotzer zu unterscheiden, feste Ordnung in den 
Hofstaat zu bringen, den deß Erzbischofs überhasteter Ortswechsel 
nicht zur Ruhe kommen ließ. Dessentwegen ist auch die Kanzlei 

1) Vgl. die KentmeieterrechnuDgen von 1416—1421 oben S. 154, Aura. 4. 



Original fron» 



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156 Hermann Au bin 

nicht im Stande, eine umfangreichere Registratur, die wichtige 
Vorbedingung geordneter Geschäftsführung, anzulegen, und muß 
sich mit den leicht mitzuführenden Registerbüchern begnügen 1 ). 

Das Urteil über diese Art von Regierung hat Dietrich selbst 
ausgesprochen in der Aufforderung zu dem Gutachten. Die oben 
angeführten Worte enthalten kurz gesagt die Bankerotterklärung 
des persönlichen Regiments. Die Regierungsaufgaben sind dem 
Landesherrn über den Kopf gewachsen. Nur entsteht die Frage, 
wieweit denn diese Tatsache bezeichnend für die ganze Epoche, 
wieweit sie auf die Persönlichkeit des Erzbischofs zurückzuführen ist. 

Dietrich war, als ihm das Regieren in der bisherigen Form 
zu schwer wurde, schon ein sehr erfahrener Landesherr, denn er 
saß seit etwa 25 Jahren auf dem Kölner Stuhle. Das Charakter- 
bild, welches wir von ihm besitzen, zeigt ihn allerdings mehr als 
Krieger, denn als Verwalter 2 ). Die Seite der inneren Regierung 
mittelalterlicher Fürsten ist jederzeit schon wegen der Art der 
Quellen weniger beachtet worden. Und so werden wir, statt an 
unser Gutachten mit einem sicheren, aus der Persönlichkeit des 
Regenten gewonnenen Schlüssel heranzutreten, vielmehr es selbst 
als Quelle für diese betrachten müssen. 

Manche Züge finden wir darin, welche zwar nicht notwendig 
durch die Zeit bedingt, aber doch den damaligen Fürsten allgemein 
sind. Die bis an Verschwendung grenzende „Milde" haben die 
Dichter schon seit Jahrhunderten als vornehmste Fürstentugend 
gerühmt. Die Jagdleidenschaft teilte Dietrich mit den meisten 
Standes- und Zeitgenossen. Andere Züge aber sind ihm besonders 
eigen. Das Charakteristikum seiner äußeren Politik 3 ), die Viel- 
geschäftigkeit, springt auch aus unserer Quelle sogleich in die 
Augen. Deutlich wird jetzt aber auch die Unrast und Kleinlich- 
keit, mit der Dietrich seine Geschäfte betrieb und welche sicher- 
lich auch zu den Mißerfolgen seiner auswärtigen Politik beige- 
tragen haben werden. Ihre Wurzel haben diese Eigenschaften in 
einem mehr eigenwilligen als großzügigen Selbstgefühl, das sich 
ebenso in der trotzigen Verfolgung seiner politischen Projekte wie 



1) Nach Ilgen, bei Richter, S. 122, kommt die Registerführung in den nie- 
derrheiniseben Territorien allgemein in den 30er und 40er Jahren des 14. Jh. 
auf. Aber erst aus der 2. Hälfte des 13. Jh. werden die Akten reichlicher. Unser 
Stück gehört mit zu den ersten. 

2) S. den Artikel von Cardauns in der Allg. Deutschen Biographie. 

3) Zum Folgenden s. J. Hansen, Zur Vorgeschichte der Soester Fehde, 
Westdeutsche Zeitschrift, Erg.-Ii. III, 188G. Derselbe, Westfalen und Rheinland 
im 15. Jh. I. Publikationen aus den k. preußischen Staatsarchiven 34, 1388. 



I , Original froni 

. UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



Kin Gutachten über d. Verbesserung d. kurköln. Zentral Verwaltung etc. 157 

in der Selbstherrlichkeit seines inneren Regimentes äußerte. Wie 
weit maß die Desorganisation der Verwaltung gediehen gewesen 
sein, wenn ein solcher Mann ein so offenes Bekenntnis seines Ver- 
sagens ablegte! 

Wir würden aber Dietrich Unrecht tan, wenn wir die zutage 
liegenden Schäden der kölner Regierung einzig auf Rechnung seiner 
Persönlichkeit setzten, wie das seine Ratgeber taten. Die Über- 
lastung des Erzbischofs rührte nicht allein von persönlichstem Ge- 
scbäftsübereifer her. Die vielen Austräge, mit denen er sich zu 
schaffen machte, sind ein allgemeiner Zug der Zeit, weil die or- 
dentliche Rechtsprechung zu langsam und ungenügend geworden 
war. Was die Räte sonst unter fremden Angelegenheiten verstanden, 
um welche sich Dietrich unnötig bekümmerte, sagen sie nicht- Über- 
blicken wir aber einmal die Aufgaben seiner äußeren Politik: da 
sind unvermeidliche Kirchensachen, wie die Stellungnahme zum 
Schisma und Konzil, welche langwierige Verhandlungen der Kur- 
fürsten im Gefolge hatten 1 ), da ist die Erfüllung der Reichs- 
pflichten, die Teilnahme an den Husittenkriegen, an den Reichstagen, 
an den gerade damals kurz aufeinanderfolgenden Königswahlen 
von 1436 und 1438, die z. T. bis in unsere Jahre sich hinziehende 
Vermittlung in der holland-brabanter und der geldrischen Erb- 
folgefrage und die Reformation der Fehme im Auftrage des Kaisers *). 
Diese diente freilich auch territorialen Expansionstrieben gleich 
der Administration des Bistums Paderborn , welche Dietrich seit 
1415 führte und zur Inkorporation steigern wollte. Beides sind 
Glieder in der Kette der von Philipp v. Heinsberg (1167—1191) 
und Knno v. Falkenstein (1366 — 1370) inaugurierten Politik, welche 
auf Abrundung und Festigung der kölnischen Herrschaft in West- 
falen hinauslief. Die eingeborenen Räte des Erzstifts mögen sie 
als fremde Angelegenheiten betrachtet haben, von denen der Kur- 
fürst besser die Hände weggelassen hätte. Das Streben nach Ver- 
größerung ist aber ein notwendiger Ausfluß der staatlichen Unfer- 
tigkeit der deutschen Territorien gewesen. Keines konnte sich 
ihm entziehen, das nicht Gefahr laufen wollte, von den Nachbarn 
überflügelt zu werden. Gerade Dietrich mußte das spüren. Wir 
vermögen unser Gutachten nicht aufs Jahr zu datieren. Aber so- 
viel ist sicher, daß es in die Zeit fällt, da sich die Soester Fehde 

1) W. Puckert, Die kurfürstliche Neutralität während des Basler Concils 
1858; M. Birk, Der Kölner Erzbischof Dietrich Graf von Moers und Papst 
Eugen IV. 1881). 

2) S. Lindner, Die Fehme. Die entscheidende Reformation von Arnsberg 
fällt ins Jahr 1437. 



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158 Hermann Aubin 

vorbereitet, welche über die Vormachtstellung Karkölns am Nieder- 
rhein entscheiden sollte und, indem sie für Kleve entschied, das 
Erzstift für immer in die Stellung eines Territoriums dritter Größe 
zurückwarf. Die geistlichen Staaten waren bei diesem Wettbewerb 
gegenüber den weltlichen mit Heirat und Erbschaft arbeitenden 
Fürsten zweifellos im Nachteil. Pfründenkumulation konnte ihn 
nicht ausgleichen. Die Natur des geistlichen Fürstentums gab 
seiner Expansionspolitik nur zu leicht die Form des Nepotismus. 
Dietrich hat diesen in größtem Stile betrieben. Und ich glaube 
nicht zu irren, daß gerade sein Eintreten für die Brüder in 
Münster 1 ), Osnabrück 2 ) und Utrecht 3 ) den kölner Räten damals 
mit Recht ein Dorn im Auge war und sie zum Einspruch ver- 
anlaßte. Wie immer dem auch sei, wir haben soviel gesehen, daß 
der politische Aufgabenkreis des Kölner Erzbischofs auch unab- 
hängig von seinem Willen eine außerordentliche Ausdehnung an- 
genommen hatte. Was aber an dem einen Beispiel gezeigt wurde, 
gilt doch m. m. von allen seinen Fürstengenossen. 

Da6 Ziel einmal gewollt, mußte man auch die Mittel wollen. 
Die verschwenderische Freigebigkeit Dietrichs besonders an Bischöfe 
und Prälaten wird durch seinen Kampf um die Bistümer, vielleicht 
auch durch den Kirchenstreit zwar nicht entschuldigt, aber er- 
klärt. Das gilt z. T. von der Zerrüttung der Finanzen überhaupt. 
Ein verschwenderischer Fürst konnte in dem Staatshaushalt jener 
Zeit allerdings umso mehr Unheil anrichten, als die eigentlichen 
Staatsausgaben darin noch zurückstanden. Aber die Finanzmisere 
ist den damaligen Territorien allgemein und letzten Endes eben 
auf die Steigerung ihrer Aufgaben und den Existenzkampf zurück- 
zuführen. Bei dem Mangel eines wirklichen Staatskredites und 
der ungenügenden Ausbildung des Steuerwesens trug die Beschaf- 
fung des vermehrten Geldbedarfes freilich wieder noch ganz privat- 
wirtschaftliche Formen, trat die persönliche Kreditfähigkeit des 
Fürsten noch gefährlich in den Vordergrund. 

Wenn wir uns also von der Gegenwartsperspektive der kölni- 
schen Räte freimachen, ist sehr wohl zu erkennen, daß die geschil- 
derten Mißstände keine absonderlich gearteten kurkölnischen, son- 
dern Durchschnitts zustände der damaligen Territorien sind, welche 

1) Dies liegt weiter zurück, H. v. Moers wurde 1424 in Münster gewählt. 

2) Administrator von Osnabrück wurde Heinrich mit Dietrichs Hufe 1441. 

3) 1423 und wieder 1433 unterstützte Dietrich die Kandidatur seines Bruders 
Walram daselbst und wurde noch lange durch dessen Kampf mit dem Bischof 
Rudolf v. Diepholz beschäftigt. Moll , Kerkgeschicdinis van Nedcrland, 1866, II, 
1. S. 210 führt ein Schreiben Dietrichs an Deventer von 1437 an. 



Original From 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Ein Gutachten über d. Verbesserung d. kurköln. Zentralverwaltung etc. 159 

in Kurköln die Doppelstelluno; des Erzbischofs-Kurfürsten höch- 
stens kompliziert. Sie müssen begriffen werden aas der ganzen 
geschichtlichen Entwicklung, welche aus einem hohen Geistlichen 
einen Reichsfürsten, aus einem großen Grund- und Lehnsherren einen 
Landesherren gemacht hatte, der in die Händel im Reiche, ja schon 
darüber hinaus in die europäische Politik 1 ) verstrickt war. Sein 
Aufgabenkreis war angeschwollen, der Verwaltungsapparat aber, 
mit dem er ihn bewältigen sollte, hatte damit nicht Schritt gehalten. 
Indem er dem Landesherrn nur beliebig verwendete Hilfsorgane 
ohne Übersicht des Ganzen bot, war das persönliche Regiment un- 
vermeidlich. Wie es ausfiel, das hing freilich von dem Wesen des 
Landesherren ab. Bier erst ist der Platz, wo der besonderen Eigen- 
schaft Dietrichs zu gedenken ist. Und da muß allerdings betont 
werden, daß seine Vielgeschäftigkeit, Eigenwilligkeit und Unrast 
sehr viel dazu beigetragen haben, daß die hergebrachte Regierungs- 
form in Kurköln damals schon am Ende ihrer Leistungsfähigkeit 
angelangt war. Auf der anderen Seite aber müssen wir das we- 
nigstens unter den gegebenen Umständen seiner Selbstherrlich- 
keit zugute rechnen, daß sie dem Erzstifte eine Günstlingswirt- 
schaft erspart hat. 

Sehen wir von diesen hinzutretenden Momenten ab, so darf 
das aus dem Gutachten gewonnene Bild im allgemeinen auch auf 
die übrigen Territorien übertragen werden. Kann man nicht noch 
weiter gehen und sagen, daß die Folgen des persönlichen Regi- 
ments hier mit einer gewissen zeitlosen Allgemeingültigkeit ge- 
zeichnet sind? Was sich im 15. Jh. vor der Einführung der Rats- 
behörden zugetragen hat, das hat sich später wiederum nach ihrer 
Zurückdrängung durch die Kabinettsregierung abgespielt. Das 
Versagen der preußischen Zentralregierung nach dem Tode Frie- 
drichs d. Gr. bewies, allerdings in gesteigerten Verhältnissen, neuer- 
dings, daß ein persönliches Regiment nur bei einem überragenden 
Regenten möglich ist. Seine Nachfolger gaben das Beispiel der 
Günstlingswirtsehaft und der Regierung mit Hilfsorganen ohne 
Kopf. Unter Friedrich Wilhelm III. war man mit der Kabinetts- 
regierung etwa wieder da angekommen, wo wir Dietrich v. Mors 
um 1440 gefunden haben. 

Und das Problem der Abhilfe war damals im Grund dasselbe, 
wie nach dem Zusammenbrache Preußens. Wenn wir weiter Kleines 
mit Großem vergleichen dürfen, so kam es schon damals darauf 



1) Dietrich war Pensionär von England, Lacomblet, U.B. 4, 229, a. 1438, 
ein Bündniß mit Frankreich kam 1444 zustande, 4, 255, 



Original frorn 
UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



160 Hermann Anbin 

an, die Handhabung der Regierung anf eine verantwortliche, mit 
der Übersicht über das Ganze ausgestattete Zentralbehörde zu 
übertragen. Damit wurde die doppelte Aufgabe gelöst, den Lan- 
desherren zu entlasten und die Regierung den Zufälligkeiten seiner 
Veranlagung zu entziehen. 

Haben die Ratgeber Erzhischof Dietrichs dieses Problem auch 
erfaßt und die Mittel zu seiner Lösung gefunden? Daß unter 
ihren. Verbesserungsvorschlägen die Bitten, der Kurfürst möge 
die gerügten Mißbräuche und Eigenwilligkeiten unterlassen und 
sich zu einer geordneten Geschäftsführung verstehen, einen breiten 
Raum einnehmen , entspringt ihrer aufs Persönliche eingestellten 
Betrachtungsweise. Auch war ja eine freiwillige Einschränkung 
des Landesherren in seiner Regiernngstätigkeit eine unerläßliche 
Voraussetzung jeder fruchtbaren Reform. Darüber hinaus haben 
die Freunde Dietrichs dann auch erkannt, daß, wenn der Erzbischof 
entlastet werden und die Regierungsmaschine besser funktionieren 
sollte, sie ihm brauchbare Organe an die Hand geben müßten. 
Zu diesem Ende greifen sie einmal auf eine schon in Dietrichs 
ersten Regierungsjahren x ) und sonstwo 2 ) versuchte Einrichtung 
zurück. Im Ober- und Niederstift sollen je ein oder zwei Land- 
drosten „die dage leysten ind die lant weren", Kommissare also 
der Zentrale, welche zugleich die Kräfte der Lokalverwaltung 
zusammenfassen. Ferner sind die bestehenden Hilfsorgane zu ver- 
bessern, vor allem zu stärken. Der Kanzler muß die deutsche und 
lateinische Sprache beherrschen 3 ). Der Kanzlei soll eine Ordnung 
gegeben 4 ) , sollen Packpferde für die Registerbücher gesichert 
werden. Die Amtleute und anderen Diener haben jährlich Rech- 
nung zu legen 5 ). Das Hauptaugenmerk aber erforderte der Rat, 
dessen stetige Tätigkeit sichergestellt werden muß. Für die Rats- 
sitzungen sind feste Stunden anzuberaumen 6 ), den Räten ist Ein- 
sicht in die Korrespondenz, Kenntnis aller Botschaft zu gewähren, 
Räte sind zu den Audienzen als Zeugen und Sprecher zuzuziehen. 



1) Mitteil. 7, S. 90, a. 1417, 3./5. u- 12./5. 

2) Z.B. in Paderborn vor Dietrichs Administration 1413, s. H. Aubin, Die 
Verwaltungsorganisation des Fürstbistums Paderborn im Ria. 191 l r S. 122 ff. Ähn- 
liche Bewandtnis wird es mit dem Ober- und Niederstift in Trier, Utrecht, Munster 
gehabt haben. 

3) Für ihn und alle Beamten wird auch das Indigenat gefordert. 

4) S. oben S. 154 Anm. 3. 

5) Der Staat der Einnahmen in Geldern bei Nyhoff, Geschiedenis van Gel- 
derland I, setzt diese Regel dort schon 1340 voraus. 

6) Und zwar Morgens um 7 und Nachmittags um 2 Uhr je 1 — V/ 2 Stunden. 



OriqFnal From 



UNIVERSITY 0F CALIFORNIA 



Ein Gutachten über d. Verbesserung d. kurkoln. Zentralverwaltung etc. 161 

Die Zusammensetzung des Rates, das Nebeneinander des engeren 
und weiteren Kreises wird aber nicht angetastet. Ja das Verlangen, 
daß Hofmeister, Marschall, Küchenmeister, Schenk und Spinder 
geeignet sein müssen, an dem Rate teilzunehmen, könnte als ein 
absichtliches Beharren bei der hergebrachten Verbindung von Hof- 
und Ratsstellen aufgefaßt werden, wenn es nicht erkennbar aus 
Ersparnisrücksichten gestellt wäre. Wir sehen daran freilich, daß 
es z. T. die in den kleinen territorialen Verhältnissen besonders 
notwendige Verwendung der vorhandenen Kräfte in mehreren 
Amtern gewesen ist, welche die Ausbildung einer eigenen mit 
studierten Fachmännern besetzten Ratsbehörde empfindlich auf- 
gehalten hat. 

Der Rat bleibt also auch nach der geplanten Reform ein nicht 
festbegrenzter Kreis von Vertrauensleuten, deren Berufung jedes- 
mal im Belieben des Fürsten steht. Die Zuständigkeit freilich dieses 
in seinem Gefüge noch unfertigen Rates soll erweitert werden. 
Der Erzbischof möge den Räten das Recht des Einkaufs von 
Kanzleibedarf übertragen, die Parteisachen einfach nach ihrem 
Vortrag entscheiden und ihnen überhaupt die gewöhnlichen Geschäfte 
zur selbständigen Erledigung überlassen. Auch diese Vorschläge 
zielen, gleich der Statthalterschaft der Landdrosten auf Entlastung 
des Landesherren ab, wie die Freunde ausdrücklich versichern. 
Aber es lag doch in der Natur der Sache, daß beides zugleich auf 
eine Einschränkung der Rechte des Landesherren hinauslief, der 
sich eine3 Teiles derselben zugunsten seiner Beamten begeben sollte. 
Dieses Hauptproblem der Reform haben nun die kurkölnischen 
Räte mehr ans ihrer praktischen Erfahrung gespürt, wie klar 
erfaßt. Daß der entscheidende Punkt auf einer Stufe mit der 
rechtzeitigen Fertigstellung der Speisen und der Einschränkung 
des Schlaftrunks behandelt wird, zeigt die ungenügende Durch- 
denkung der Materie. Wir müssen aber auch die Neuheit des An- 
sinnens in Rechnung stellen. Nur unsicher und bescheiden wagen 
die Gutachter der Allmacht des Landesherren entgegenzutreten. 
Ein Freiherr vom Stein war jedenfalls nicht unter ihnen. Sie 
bitten, daß Dietrich ihre Vorschläge „gnedenclich upnemen ind 
verstain wille, die zo mynren ind zo meiren na unss herren guet- 
duncken*. Das ist mehr wie eine Ergebenheitsformel. Denn sie 
versichern ihm auch, sie hätten den Räten das Recht der Unter- 
schrift für kleinere Mandate nur zum Besten des Erzbischofs ge- 
fordert. Wenn sie dem gleich hinzufügen: „Ind of ungelouve of 
anders dair in vele, des billich nyt syn en sal, die zo straifen, 
als id sich geburt u , so weisen sie uns noch auf einen Grund hin, 

11 



i , Original from 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



162 Hermann Aubin 

welcher den Übergang von Regierungsrechten an die Räte hinderte. 
Noch mußte sich ja erst die Tradition eines Beamtentums heraus- 
bilden, auf dessen Ehrenhaftigkeit und Pflichttreue der Landes- 
herr sich fest verlassen konnte. So darf es uns nicht wunder- 
nehmen, daß der eigene Wirkungskreis der Räte nicht fester be- 
grenzt und die Zuweisung ihrer Befugnisse letzten Endes doch 
wieder in das Belieben des Landesherren gestellt ist. 

Wie aus allen diesen Gründen unser Verbesserungsvorschlag 
vor der Einrichtung einer eigentlichen ständigen Ratsbehörde Halt 
macht, so sehr auch die Einzelvorschläge dahin drängen, so greift 
er auch auf dem Gebiete des Finanzwesens noch keineswegs durch. 

Hier ist der Gedanke der Beschränkung der landesherrlichen 
Eigenmächtigkeit durch anerkannte Regeln der Verwaltung am 
weitgehendsten beim Hofhalt durchgeführt. Hier ist er freilich 
auch am wenigsten neu 1 ) und der bis ins Einzelne genau aus- 
gearbeitete Hofstaat ist wiederum zuerst von dem Verlangen nach 
Ersparnissen diktiert 2 ). Wenn der Erzbischof ihn seinen Hof- 
beamten als feste Richtschnur übergab, dann band er freilich auch 
sich in gewissem Grade, dann waren Garantien zugleich gegen 
seine Verschwendung gegeben und diese Absicht tritt ebenso un- 
verkennbar hervor. Mit dem Hofstaat ist ein wichtiger Teil des 
Ausgabenbudgets festgelegt. Der Plan, auf diese Weise Ordnung 
in das Finanzwesen zu bringen, wird weiter verfolgt, indem Die- 
trich nahegelegt wird, den Zoll zu Linz für seine Almosen, den 
zu Bonn für die Verschreibung von Schuldzinsen, Leibrenten und 
Mannlehen vorzubehalten. Auch das ist kein ganz neuer Einfall 
der Räte. Die Begründung bestimmter Ausgaben der Hofhaltung 
auf bestimmte Einnahmen findet sich in Kleve bereits in der 2. 
Hälfte des 14. Jh. 3 ), ja in kleinem Umfange schon 1340 in Geldern 4 ). 
Neu ist immerhin die Ausdehnung auf nicht unmittelbar dem Hofe 
angehörende Ausgaben. Der Badgetgedanke schreitet, vom Hof halt 
seinen Ausgang nehmend, fort zum Schuldendienste und Pensions- 
wesen. Einen vollkommenen Etat selbst nur für die Hofhaltung 



1) Schon der Hofdienst des 12. Jh. (Mittcil. 2) stellt eine Vorstufe dar. 

2) Wenn der Herzog von Geldern damals 100—200 Pferde und 250 Esser 
am Hof hatte (s. Nyhoff, a. a. O. S. LX1II, Anm. 1), so ist es für einen Kurfürsten 
eine starke Einschränkung, mit 130 Pferden und 100 Menschen auszukommen. 

3) Nach gütiger Mitteilung von Geh. Rat Ilgen aus den klevischen Register- 
büchern: Zur Bestreitung der Küche werden 1376 bestimmte Zollgefälle ange- 
wiesen. 

4) Staat der Ausgaben von 1340 bei Nyhoff a.a.O., das geringe „tägliche 
Geld" des Hofhalts. 



I Original from 

iiHIVER SITY OF CALIFORNIA 



Ein Gutachten über d. Verbesserung d. kurköln. Zentralverwaltung etc. 163 

hat man allerdings auch in den kritischen Jahren um 1440 in Kur- 
köln nicht aufgestellt, obwohl man bereits über eine Übersicht 
ihrer Gesamterfordernisse, dank der Buchführung des Rentmeisters 
verfügte 1 ). Noch weniger hat man lange Zeit noch an ein all- 
gemeines Landesbudget gedacht, dem sich auch in der Unberechen- 
barkeit der Ausgaben und der schlechten Kreditorganisation schier 
unüberwindliche Hindernisse in den Weg stellten. Ein anderes lag 
wieder in der selbstwilligen Verfügung des Landesherren über seine 
Einkünfte. Sollte die Balancierung gewisser Ausgaben- und Ein- 
nahmeposten auch nur in dem begrenzten Umfange unseres Gut- 
achtens ihre Wirkung tun, so durfte der Landesherr letztere 
nicht mit anderen Ausgaben belasten. Diese Gefahr zu verhüten, 
ist das Gutachten nicht über Ermahnungen an den Erzbischof hin- 
ausgekommen. Eine bindende Erklärung der Fürsten, nicht über 
die festgelegten Einkünfte zu verfügen 2 ), ist anscheinend noch nicht 
in den Gedankenkreis der Räte getreten. 

Unsere Betrachtung hat gezeigt, daß man um die Mitte des 
15. Jh. das Bedürfnis nach Reform der Zentralverwaltung schon 
lebhafter empfand, weil das persönliche Regiment des Landes- 
herren der gesteigerten Aufgabenlast nicht mehr gewachsen und 
die Arbeit diesem besonderen Landesherren über den Kopf ge- 
wachsen war. Auch hatte man schon die Richtung erkannt in 
welcher die Abhilfe zu suchen sei und war auf dem erkannten 
Wege ein Stück vorangegangen. Und zwar schon seit längerer 
Zeit, nicht etwa daß unser Gutachten das bewirkt hätte. Die 
Räte Erzbischof Dietrichs können ja keineswegs Originalität für 
ihre Gedanken in Anspruch nehmen. Und auch ihre Zusammen- 
fassung meist schon vorgefundener Einzelratschläge bezeichnet 
keine Epoche. Wir haben darin nur den zufälligen Darchschnitt 
einer allmählich ablaufenden Entwicklung vor uns, in welcher das 
Gutachten höchstens einen neuen Meilenstein darstellt. Noch ist 
die Zeit nicht ganz reif für die Lösung des Problems, immerhin 
erkennen wir, daß es sich schon stark verdichtet und zur Lösung 
hindrängt. Noch sucht man ihm zu genügen durch einzelne Flicken 
an dem Bau der alten Zentralorganisation. Die grundsätzliche 



1) Die später 1469 als Bedarf des Hofhalts angeschlagenen 8—12000 fl. 
(Walter, a.a.O. S. 410, §21) werden schon in einem älteren Aktenstück erwähnt 
und sind wahrscheinlich auf den Hofhalt zu beziehen. (St. A. Düsseldorf.) 

2) Diese formelle Bindung erfolgt bezeichnender Weise in Berg, als 1512 
ein Kölner Kaufmann das Rentmeisteramt mit bestimmten Einkünften in General- 
entreprise übernimmt. (St. A. Düsseldorf.) 

ii* 



Original From 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



164 Hermann Anbin Ein Gutachten etc. 

Umformung wagte man noch nicht zu denken. Dietrich hat nun 
erklärt, nichts mehr ohne den engeren Rat tun zu wollen *). Aber 
viel Hoffnung auf eine gründliche Heilung bestand gewiß nicht. 
Die bald ausbrechende Soester Fehde, obwohl gerade sie die Dring- 
lichkeit einer neuen Regierungsform nur noch deutlicher dartun 
mußte, hat alle etwa in Angriff genommenen Ansätze dazu über 
den Haufen geworfen. Das beweist der Zustand, in welchem Die- 
trich bei seinem Tode 1463 das Erzstift und besonders dessen Fi- 
nanzen zurückließ. Umso stärker machte sich nun das Verlangen 
nach einer grundsätzlichen Reform geltend 2 ). Es ist hier nicht 
mehr der Platz, darauf einzugehen. Aber zur abschließenden Be- 
leuchtung der besprochenen Gesichtspunkte sei gesagt, daß erst 
der Druck der Landstände einen noch unfähigeren Regenten ver- 
mocht hat, in die Beschränkung seiner Regierungsgewalt durch 
eine ständige Ratsbehörde wenigstens vorübergehend einzuwil- 
ligen 3 ). Diese Bestätigung der oben vorgetragenen Ansichten über 
die Hemmnisse der Entwicklung wird noch eindrucksvoller, wenn 
man dazu hält, daß auch in dem zweiten Territorium, in dem es 
schon so früh zur Ausbildung eines ständigen Ratskollegiums kam, 
in Tirol, wiederum die Unfähigkeit des Regenten der Anlaß, die 
Landstände aber die durchdrückende Kraft gewesen sind 4 ), und daß 
in Kleve, welches 1486 als nächstes Territorium am Niederrhein 
mit einem ständigen Rate nachfolgt, weil gleichfalls das persön- 
liche Regiment versagt 5 ), die Rate, welche dem Herzog eine feste 
Ratsordnung abdrängen, zugleich die Interessen der Stände wahr- 
nehmen 6 ). Nicht nur die Drohung heimzureiten, sondern der Rück- 
halt vor allen an den Ständen gab ihren Forderungen das Gewicht, 
alle entgegenstehenden Hindernisse zu überwinden. 



1) Dem Gutachten liegt eine kurze Aufzeichnung über die Ratssitzung bei, 
in der sich der E. B. dazu erklärte. Er schränkte die Pferdezabl einiger Beamten 
noch weiter ein, gab aber für sich zu diesem Punkt nur allgemeine Vertröstungen. 

2) S. die Erblandesvereinigung bei Walter, a.a.O. S. 391, § 17. 

3) Ratsordnung von 1469, ebenda S. 405. 

4) S. Th. Mayer a.a.O. 

5) Die Räte sagen dem Herzog bündig, „dat sich min gnedige lieve herre 
srlver persönlick wat anders schicken ind regieren moet", Schottmüller, a.a.O. 
S. 84, § 2. 

6) So wird man die Ansichten Schottmüllers, S. 7 ff. und Küchs, a.a.O. aus- 
gleichend vereinigen dürfen. 



Original from 
^^. - . UNIVBRSITY OF CALIFORNIA 



Die deutschen Kaufleute und die 
Anfänge des Buchdrucks in Spanien 

Von 

Aloys Schulte l ) 

Die Verbreitung der grüßten und folgenreichsten aller Er- 
findungen, die einem Deutschen gelungen sind, durch die Länder 
der Kultur zu verfolgen ist man seit langer Zeit bemüht gewesen. 
Jeder Beitrag dazu ist willkommen geheißen worden und so hoffe 
ich, daß auch diese kleinen Funde wie Ihnen, hochverehrter Herr 
Kollege, dem Meister der Kulturgeschichte, so auch andern Lesern 
nicht überflüssig erscheinen werden. Sie berühren auch eine eigent- 
lich noch ungeschriebene Seite der Inkunabelgeschichte, das ist die 
Frage, wie weit hat das Kapital und die deutsche Kaufmannschaft 
an der Errichtung der Buchdruckereien sich beteiligt. Schon 
Guttenberg hatte seinen Fast neben sich. 

Nach Spanien kamen schon längst süddeutsche Kaafleute, vor 
allem aus Oberschwaben. Auch war es wohl bekannt, daß der älteste 
Drucker von Valencia einem der zahlreichen oberschwäbischen 



1) Diese Studie beruht abgesehen von den noch anzugebenden Archivalien 
auf Häbler: Typographie ibörique du quinzieme siüclc 1901. — Bibliografia 
ibcrica del siglo XV, 1.2, 1903 u. 1917. — Hans Rix von Chur in Zttchr. f. 
Bücherfreunde, 7 (1903), 137—162.— Zur ältesten Geschichte des Buchdrucks in 
Spanien. Zentralbatt für Bibliothekswesen, 26 (1909), 146—163. — Zur Drucker- 
geschichte von Valencia. Zeutralblatt, 28 (1911), 253—259. — Zur Druckertätig- 
keit des Alfonso Kernandez de Cordoba. Zentralblatt, 32 (1915), 196—202. — 
Zur Einführung des Buchdrucks in Spanien iu Ztschr. f. Bücherfreunde, N. F. 7, 2, 
177 — 185 (1916). — Weiter wurden benutzt: Serrano y Morales, Diccionario 
de Impresores Valencianos. Valencia 1898/9. — San per e y Miquel, De la intro- 
ducciön y establecimiento de la Imprenta en las Coronas de Aragon y Castilla. 
Barcelona 1909. — P. A. Lambert, Notes sur divers incunables d' Aragon in- 
ädits ou peu conuus. Extrait du Bulletin hispanique de Janvier-Mars 1910. Paria 
1910. — Manuel Serrano y Sanz, La Imprenta de Zaragoza es la mas antiqua 
de Espafia. Zaragoza 1915. — Die Schriften von Gonzalez Hurtcbise, Juan Maria 
Sanchcz, Eudal Canibell u. a. lagen mir nicht vor. 



/ ■ Original frorn 

A ,l UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



166 Aloyfl Schulte 

Familien angehörte, die zu gemeinsamen Handelsbetriebe in der 
vor der Zeit der Fngger umfangreichsten deutschen Handelsgesell- 
schaft, in der großen Ravensburger Gesellschaft vereinigt waren, 
die, weil fast immer ein Humpis als erster Regierer an ihrer Spitze 
stand, auch als Humpisgesellschaft bezeichnet wird. Was ich an 
neuen Quellen beisteuern kann, entstammt größtenteils den Resten 
der Papiere dieser Gesellschaft, die sich glücklicher Weise erhalten 
haben und ebenso glücklich vor der drohenden Vernichtung be- 
hütet worden sind. In meiner jetzt in den Druck gehenden „Ge- 
schichte der großen Ravensburger Handelsgesellschaft 1380 — 1530" 
werde ich nur kurz auf diese Dinge eingehen können. Sie ist in 
Spanien, genauer in den Ländern der Krone Aragon, die bedeu- 
tendste Vertretung deutschen Handels gewesen, auch die ans ihr 
sich abzweigenden Konkurrenzgesellschaften der Mötteli und Anken- 
reute blieben dem Handel nach Spanien treu. Sie alle hatten 
Gelieger, wenigstens zeitweise, in Barcelona, Zaragoza und Va- 
lencia, die Humpis auch wohl in Perpignan. Diese hatten auch Ge- 
lieger in Avignon, Lyon und Genf, Vertreter hielten sie wohl auch 
in Bouc bei Marseille und in Bonrg en Bresse. Wenn ich noch 
die weiteren Gelieger in Mailand, Genua und Venedig, in Brügge- 
Antwerpen, in Nürnberg und Wien, vielleicht auch in Budapest 
aufführe, so ergibt sich ein ungefähres Bild der Verbreitung des 
Handels der Gesellschaft. Ihr Sitz war Ravensburg, aber auch 
Konstanz hatte einen Rest älterer Bedeutung damals noch bei- 
behalten. Ihre Gesellen waren fast ausnahmslos Bürger ober- 
schwäbischer Reichsstädte. 

Andere Nachrichten entnehme ich dem Stadtarchive von Kon- 
stanz und sehr wertvolle bot auch das Ulmer Stadtarchiv in den 
Geschäftspapieren, die Clemens Ankenreute bei einem Prozesse 
gegen die Gesellschaft der Ulmer Patrizier Wolfgang Ferber und 
Jakob Ehinger vorlegte. 

Um den ersten Buchdruck in Spanien streiten sich Valencia, 
Zaragoza und Barcelona. In allen drei Fällen waren die kapita- 
listischen Unternehmer aus dem Kreise der großen Ravensburger 
Gesellschaft hervorgegangen, ja standen wohl noch in ihren Diensten, 
mindestens ist das für Valencia sicher. 

Die spanische ältere Druckereigeschicbte ist durch archivalische 
Quellenstudien seitens einer Reihe von Spaniern gefördert worden, 
der beste Kenner der Drucktypen der Inkunabelzeit Konrad Häbler 
hat dieses Gebiet aber ganz systematisch ausgebaut und immer 
zu den neuen Funden Stellung genommen, so daß ich an der Hand 






Original from 
JJN1VEÜSITY OF CALIFORNIA 



Die deuteeben Kaufleute und die Anfänge des Buchdrucks in Spanien 167 

eines zuverlässigen Führers mich in diese mir sonst fernstehenden 
Dinge einmischen kann. 

Der älteste Valencianer Druck, der datiert ist, bietet ein Proto- 
koll über einen dichterischen Wettstreit, der am 25. März 1474 
stattgefunden hat: (Obres Trobes en lahors de la Verge Maria). 
Dann folgen aus dem Jahre 1475 ein lateinisches Wörterbuch und 
ein lateinischer Sallust. Die Akten eines Prozesses geben uns für 
den ältesten Valencianer Buchdruck eine wesentliche Aufklärung '). 
Ajn 28. Januar 1475 bestellte der gleichzeitig als Faktor der 
Ravensbarger Gesellschaft nachweisbare Jacob Vizland (Wissland) 
aus Isny in Oberschwaben bei dem Genuesen Michael Berni$o 
200 Ries Papier zum Preise von 33 sueldos Valencianos für das 
Ries, also das ganze Quantum für 330 & Valenc. lieferbar mit dem 
ersten von Genua oder Savona nach Valencia abgehenden Schiffe. 
Mit diesem kamen am 4. Juli 64 Ries. Wegen des eingetretenen 
Papiennangels sah sich Jacob genötigt, seine Tätigkeit — sein 
magisteri — einzustellen und die Arbeiter zu entlassen. Nun war 
auch Ende April 1475 nach Valencia eine Pestepidemie eingeschleppt 
worden, die sich verbreitete. Im Juli lag auch Jacob schon lange 
Zeit schwer erkrankt darnieder, er wurde in das von einem andern 
Gesellen derselben deutschen Gesellschaft gestiftete Kloster Valle 
de Jesus unweit der Stadt gebracht und machte dort am 25. Juli 
sein noch großenteils erhaltenes Testament 2 ). In ihm setzte er 
seinen zur Zeit abwesenden Bruder Philipp, der ebenfalls der Ge- 
sellschaft angehorte, zum alleinigen Erben ein und machte neben 
ihm zu seinem Bevollmächtigten und Testamentsvollstrecker : „micer 
Tibaut puclin, general procurador e factor de la gran companya 
e raho appellada dels Alamanys", also Thiebald Bucklin, der auch 
selbst in den Ravensburger Papieren durch seine Hand vertreten 
ist. Als die erste Zahlung 4 Monate nach dem Eintreffen des 
Papiers fällig wurde, also Anfang November, erfolgte die Zahlung 
durch Philipp, der also wieder heimgekehrt war, Jacob war ge- 
storben. 

Da nun Bernifo im Januar 1476 auch den Rest des Papiers 
lieferte, erhob Philipp den Rechtseinwand, ßernigo habe seinen 
Bruder durch seine Säumigkeit gezwungen, seine Tätigkeit einzu- 
stellen und seine Arbeiter zu entlassen, es sei ihm großer Schaden 
erwachsen, der Genuese sei aller aus dem Vertrage sich ergebender 



1) Serrano y Mondes, S. 59G— C03. 

2) Abgedruckt bei Serrano y Morales S. 595. 



Original from 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



168 Aloya Schulte 

Rechte verlustig. Ein Schiedsgericht entschied am 30. März 1476, 
daß Philipp noch 76 Ries abnehmen müsse. 

Philipp hat den Druckereibetrieb nicht aufgegeben, er wagte 
sich sogar an die Drucklegung einer katalanischen Bibelübersetzung, 
die laut dem Schlußblatte auf Kosten Philipp Wislands in der 
Zeit vom Februar 1476 bis März 1477 gesetzt und gedruckt wurde 1 ). 
Es unterliegt keinem Zweifel, daß Philipp einfach die Tätigkeit 
seines Bruders als Druckunternehmer fortsetzte. 

Das älteste Buch Spaniens, das seinen Drucker nennt, ist der 
dritte Teil des Summa Thomas von Aquino: „impressa Valentie per 
magistrum Lambertum palmart Alemannum Anno MCCCLXXVII, 
die vero. XVIII. mensis Augusti". Dieser aus der Diözese Cöln 
stammende, in Paris zum magister artium promovierte findet sich 
mit Philipp Wißland (durch die Typen erwiesen) in Verbindung, 
er war wohl der Korrektor und literarische Beirat, Jacob und 
Philipp hingegen die Geldgeber und kaufmännischen Leiter. Man 
hatte sich gleich an eine große Aufgabe gemacht, oder sollte man 
mit dem dritten Teile das Unternehmen begonnen haben? 

Nun erfahren wir aus unsern Papieren, daß bei der großen 
Krisis der Ravensburger Gesellschaft von 1477, als plötzlich eine 
Reihe von älteren und bedeutenden Gesellen ihren Austritt er- 
klärten und eine neue, die Ankenreute Gesellschaft begründeten, 
die Frage der Stellung Philipps Wislands zur Gesellschaft der 
Angelpunkt, mindestens der äußere Vorwand war. Die Gesell- 
schaft hatte bereits einen Laden für den Kleinverkauf in Va- 
lencia. Nur in dieser Stadt hatten die Ravensburger neben ihrem 
Hause eine „Bodega", wo sie im Kleinen Eisenwaren, Mützen und 
undere Waren an den Mann zu bringen versuchten. Wir erfahren, 
daß schon Jacob Wiesland, obwohl er der Gesellschaft Diener 
war, daneben eine Butig aufgeschlagen hatte. Es wird Jacob 
auch in seinem Testamente als „mercader e botiguer" bezeichnet. 
Nun verlangten die vier Führer der Bewegung, zu denen auch 
Bucklin gehörte, daß die bodega, die Philipp zu Valencia hatte, 
von der Gesellschaft übernommen und geführt werde. Wir hören 
weiter, das das Gelieger in Valencia ohne Auftrag ihm Gelder 
geborgt hatte 2 ). Neuen Kredit ihm zu geben, wurde von Ravens- 
burg aus verboten. Der letzte Rechnungsführer von Valencia 
Anton Ankenreute hatte seinem Nachfolger Jacob Rudolff die 



1) n a despeses del magnifich cn phiiipp vizlant nicrcader Ia vila de jsne de 
la Alta Alemanya u . 

2) Provisorische Nr. meines Manuskripts 5, 24. 



i . Original from 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Die deutschen Kaufleute uud die Anfänge des Buchdrucks in Spanien 169 

Rechnung so übergeben, daß der abgehende dem neuen die sehr 
hohe Summe von 697 S Val. schuldete x ). Das braucht nicht die 
Schuld der Wisslands zu sein, zeigt aber auf jeden Fall, daß die 
Gesellen, die bis dahin in Valencia regiert hatten, für außer der 
Gesellschaft liegenden Zwecke bereitwillig Gelder hergegeben hatten. 
„Die ßodega übernehmen wollten wir aber nicht, denn wir meinten 
nicht, daß es für eine Gesellschaft gut wäre; denn sollten die 
Massips und andere Kunden inne werden, daß wir eine eigene 
bodega hätten, so würden sie nicht viel von uns kaufen, wie es 
vorher mit Jacob auch geschehen sei*. Einen klaren Einblick ge- 
winnt man nicht; ich finde keine andere Deutung, als daß die be- 
stehende bodega der Gesellschaft solche Waren vom Einzelverkauf 
ausschloß, welche die großen Kunden auch verkauften, also vor 
allem die deutsche Leinwand, daß Jacob und Philipp aber darüber 
hinausgingen und trotz des Konkurrenzverbotes tatsächlich auf 
ihre eigene Rechnung eine bodega betrieben. Diese bodega kann 
also nicht nur Bücher feilgeboten haben, sondern man führte auch 
andere Waren, sonst wäre der Hinweis auf die Massips und andere 
Kunden nicht verständlich. Die Massips werden oft als die besten 
Kunden der großen Gesellschaft bezeichnet. Bücher hat die Ge- 
sellschaft, so weit die Papiere Nachricht geben, nie geführt. 

Nun ist es aber undenkbar, daß Philipp mit einer dreifachen 
Stellung rechnete, mit seiner Tätigkeit in dem Gelieger, in seiner 
Bodega und mit seinen Druckunternehmungen. Ich kann nur an- 
nehmen, daß seine Bodega zugleich das Druckerei- und Buchver- 
triebsgeschäft umschloß. Ist das richtig, so wollte er der Gesell- 
schaft diese Unternehmungen mit übertragen. 

Konnte die Gesellschaft sich darauf einlassen? Sollten sie 
ihren Warenhandel um einen Artikel vermehren wollen, der die 
Augen der geistlichen und weltlichen Behörden weit mehr auf sich 
ziehen mußte, als Safran- und Leinwandballen. Jene Bibelüber- 
setzung war mit Genehmigung der eben in Valencia eingerichteten 
Inquisition erschienen. Später hat diese Behörde jenes Buch aber 
so sehr verfolgt, daß nur das Schlußblatt heute noch vorhanden 
ist. Vielsagend sagt die Gesellschaft: „Was Anschläge sie sonst 
vor sich gehabt haben, weiß Gott wohl. Dabei lassen wir es 
bleiben, jetzt zumal". Leider läßt dieses Verschweigen uns im 
Dunkeln tappen. 

Der Buchdruck war von Anfang an ein kapitalistisches Unter- 
nehmen. Die Kosten des umfangreichen Handwerkszeuges, die 



l) 5, IC. 



Original Frort! 



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170 Aloys Schulte 

Arbeitslöhne, die Kosten für das Papier maßten vorgelegt werden, 
um dann erst langsam durch den Verkauf der Bücher ersetzt zu 
werden und den Gewinn zu erzielen. Da lag es sicher sehr nahe, 
daran zu denken, das Hauptgut der Gesellschaft für ein solches 
Unternehmen zu gewinnen. 

So hat wohl dieser oder jener Gesellschafter sich mit Buch- 
druck und Buchhandel beschäftigt, die große Gesellschaft aber hat 
wie alle ihre Schwestern es von sich gewiesen, diesem Zweige sich 
zuzuwenden, der eine Persönlichkeit erfordert, der den örtlichen 
Markt genau kennt und sich die Zuneigung der Käufer durch lange 
Bekanntschaft sichert. Ein so schneller Wechsel, wie er bei dem 
Personale der Gesellschaft erfolgte, hätte für einen Buchhandel 
nur schädlich sein können. Noch viel mehr war der Buchverleger 
an den Ort seiner Druckpressen gebunden. Und schließlich hat 
doch kein im Auslande tätiger Buchdrucker sein Unternehmen 
einem Enkel überliefert. Die Gunst der Verhältnisse blieb immer 
nur so lange diesen Verbreitern der größten deutschen Erfindung 
treu, bis sich ein einheimischer Stand von Buchdruckern gebildet 
hatte! 

Eine einheimische Kraft hatte auch Jacob Wissland sich schon 
herangezogen in dem an dem Drucke der Valenciabibel beteiligten 
Alfonso Fernandez de Cordoba, der von Haus aus Goldschmied 
war. Uns berührt seine weitere Tätigkeit nicht. Nur die Frage 
ist noch zu stellen, war Philipp Wissland noch weiter an dem 
Buchdrucke beteiligt. Jedenfalls nicht lange. 

Die Ankenreute Gesellschaft hat die Wisslandsche Druckerei 
nicht gepflegt, wie Philipp selbst auch nur kurze Zeit beim Drucke 
blieb. Wohl ist Philipp noch zunächst in Valencia geblieben, dann 
erscheint er 1478 März in Nürnberg und auf der Frankfurter 
Ostermesse '). 1484 findet man ihn wieder in Valencia, er erhielt 
von der Behörde 6 Kisten Zucker ausgeliefert 8 ). Er wird zwar 
einfach als Felippus de bislant alamannus bezeichnet, aber er war 
doch wohl sonder Zweifel Vertreter der Ankenreutegesellschaft 3 ). 
Nach Rieber ist Philipp am 17. Dez. 1485 in Ulm gestorben, wo 
seine Nachkommen verblieben 4 ). Sein Totenschild prangt noch 



1) 60, 40*. 61,2.5. In Lyon, wo er nach der Meinung der Humpis das Ge- 
lieger für die Ankenreute übernehmen sollte, ist er nicht nachzuweisen. 

2) Serrano y Morales a. a. O. S. 606. 

3) Später erscheint noch Jons bizlant mercator alimanus in Valencia (1492). 
Serrano y Morales S. 606. 

4) Württemb. Vierteljahrshefte N. F. 12,169. 



1 Original from 



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Die deutschen Kaufleuie und die AnfäDge des Buchdrucks in Spanien 171 

heute nnter dem Turme des Ulmer Münsters. Seine Gattin 
war eine Krafft von Ulm 1 ). Fortan wurden sie den Ulmer Ge- 
schlechtern zugezählt und das Geschlecht gehörte auch in Isny zu 
den besten und wohlhabendsten Familien der kleinen Reichsstadt. 

Bei der Begründung einer Buchdruckerei an einem fremden 
Orte mußten mehrere Personen gewonnen werden, denn kaum je 
waren alle erforderlichen Eigenschaften in einer Person vereinigt. 
Es handelte sich um eine starke Arbeitsvereinigung und in jenen 
Zeiten der Anfänge um Zusammenschluß von Persönlichkeiten ver- 
schiedener technischer Ausbildung. Ganz neu war der Beruf des 
Setzers. Der Satz war, da ja Abkürzungszeichen verwendet wurden, 
weit verwickelter als später, der Setzkasten mußte also weit mehr 
Abteilungen enthalten, als für zwei Alphabete. Der Setzer stand 
also auf einer höheren Stufe. Weiter war ein Korrektor erforder- 
lich, der das Latein, in dem die meisten gedruckten Bücher ge- 
schrieben waren, gründlich verstand und endlich einer, der das 
Kapital hergab. Auch war es angenehm, wenn einer vorhanden 
war, der als Gold- oder Silberschmied die Patrizen schneiden und 
die Matrizen gießen konnte. Schon neben Guttenberg stand Fust, 
der Kapitalist, und Schöffer, der auch in der Technik gewandte 
Universitätsstudent, die Setzer bleiben im Dunkeln. 

Wir dürfen kaum glauben, daß die beiden Wissland die „Kor- 
rekturen" lasen, von den Ravensburger Genossen sind viele latei- 
nische Zitate als Schriftproben oder auch sonst aufgeschrieben er- 
halten, aber sie schrieben nach dem Ohre in einer schrecklichen 
Orthographie. Weder die Wissland noch die Hürus hatten aka- 
demische Schulung, sie hatten als Kaufmannslehrlinge angefangen 
und waren wohl mit 15 oder 16 Jahren nach Spanien oder Italien 
oder den Niederlanden als Lehrlinge gekommen. Ebenso wenig 
dürfen wir sie als Setzer tätig denken, eher als technische Leiter. 
In ihrer Heimat Isny, aber auch nicht in Ravensburg oder Kon- 
stanz konnten sie den technischen Betrieb kennen lernen, wohl in 
Ulm, wo 1473 Johann Zainer von Reutlingen seine Tätigkeit be- 
gann, auch in andern schwäbischen Städten waren schon Drucker- 
pressen aufgestellt (Augsburg 1468, Blaubeuern 1475, Esslingen 
1472, Lauingen 1473 und im Kloster Schussenried 1478). In den 
Orten der Gelieger der Gesellschaft waren meist schon Druckereien, 
in Nürnberg seit 1470, in Genua seit 1474, in Mailand seit 1469, 
in Venedig seit 1469, in Brügge seit 1475, in Lyon seit 1473, 
Genf folgte erst 1478. Ulm, Basel und Nürnberg könnten ein- 



1) Bach in Württ. Vierteljahrshefte N. F. 2,157. 



Original frorn 
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172 Aloye Schulte 

gewirkt haben oder hatten die Wissland von den Frankfurter 
Messen aus dem Buchdrucke von Mainz ein Augenmerk zugewendet? 
Mit ihnen arbeitete in Valencia zusammen Lambert Palmart, der 
auf der Universität Paris studiert hatte und aus dem Sprengel von 
Köln stammte. 1474/5 war er wohl der Korrektor und der lite- 
rarische Beirat der Wissland. Sein Name erscheint allein in Ver- 
bindung mit dem am 18. August 1477 abgeschlossenen Drucke der 
„Tertia pars" der Summa des Thomas von Aquino. Der große 
Bibeldruck war nach dem Kolophon sein Werk. 

Es ist wohl mit Sicherheit festzustellen, daß die Wissland im 
Wesentlichen die Hergabe der Geldmittel und den Vertrieb be- 
sorgten, Lambert Palmart der Korrektor und literarische Beirat 
war, während der Goldschmied Alfonso Fernandez de Cördoba als 
der Hersteller der Lettern und vielleicht als technischer Leiter 
anzusprechen sein wird. Es ist aber keinerlei Beweis erbracht 
worden, daß Fernandez schon mit Jacob Wissland in Verbindung 
stand, es macht vielmehr den Eindruck, daß er erst die gothischen 
dem damaligen spanischen Geschmacke entsprechenden Typen für 
Philipp Wissland geschnitten hat. Palmarts und Fernandez' wei- 
tere Tätigkeit hat uns hier nicht zu beschäftigen, Philipp Wiss- 
land scheint die seine bald eingestellt zu haben. Es ist wohl 
anzunehmen, daß er alle seine Geldmittel der Ankenreutegesell- 
schaft zuwandte. So gewinnt man den Eindruck, daß Jacob seine 
ganze Liebe dem Druckereibetriebe schenkte, Philipp ihn nur 
fortsetzte und bei geänderter Lage von ihm abließ, nachdem die 
Ravensburger Gesellschaft die Sache zu übernehmen abgelehnt und 
auch die Ankenreutegesellschaft das gleiche getan hatte. 

Auch für Barcelona sind die Anfänge der Buchdruckerkunst 
zu erörtern. Als die ältesten Drucker sind in Barcelona zwei 
Deutsche zu erweisen: Johannes de Salzburga und Paulus de Con- 
stantia. Als Kriegsbeute kam dorthin eine italienische Ausgabe 
der Rudimenta des Perottus. Die beiden entschlossen sich auf 
Bitten von Gelehrten Barcelonas zu einem Nachdrucke. Am 14. De- 
zember 1475 war der Druck fertig. P. Lambert hat in der Ka- 
thedralkirche von Zaragoza den Druck aufgefunden. So kann es 
sein, daß nach dem Ausbruche der Pest Wisslands Arbeiter mit 
dem Handwerkszeug sich nach Barcelona begaben und dort von 
Paul Hürus von Konstanz verwendet wurden. In dem Kolophon 
des Perottus heißt es: „cum Johannes peyronus . . . ac alii quidam 
litterati homines legissent maxime admirati, a Johanne de Sals- 
burga et Paulo de Constantia germanis, qui tum ibi forte aderant, 



COriqinal froni 
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Die deutschen Kaufleute und die Anfänge des Buchdruck« in Spanien 173 

imprimi curarant" *). Das legt es nun freilich nahe, daß Paul 
Hürus 1474/5 in Valencia Genosse Jacobs gewesen ist, wie es 
Häbler jetzt mit P. Lambert für möglich hält. Die Ravensburger 
Papiere sind für diese Zeit so mangelhaft erhalten, daß man Paulin 
Hürus weder in Valencia noch in dem damals sehr viel kleineren 
Gelieger von Barcelona sicher nachweisen kann. Wohl aber war 
ein Pauloß 1471 in Brügge und Antwerpen 2 ). Einen andern wirk- 
lichen Paul oder Paulin kann ich bei der Gesellschaft in jener 
Zeit nicht nachweisen, wohl mehrere Polay-Pelagius, aber der 
Buchdrucker heißt nie nach dem alten Patrone des Konstanzer 
Bistums, sondern eigentlich Paulin. Und am meisten spricht für 
die Identifikation des Panloß in Antwerpen mit Paulin Hürus, daß 
die Brüder Pauls, Moritz und Hans vielfach und mit Vorliebe von 
der Gesellschaft in Flandern verwendet wurden. So halte ich es 
für sehr wahrscheinlich, daß der Antwerpener Pauloß und der 
Drucker Paulin Hürus ein und dieselbe Person sind. Wenn man 
auf den Namen Pauly allein gehen kann, so war Paul Hürus 
Mai 1474 in Valencia 3 ). Man maß aber vorsichtig sein;- denn 
gleichzeitig war in Valencia Vertreter der Gesellschaft Junker 
Palle (= Pelagius, Poläi) Schindelin. 

Auf die beiden Drucker Johann von Salzburg und Paul Hürus 
geht dann wohl auch ein Druck des Pestbuches des Valascus de 
Taranta in einer Übersetzung von Juan Villar zurück, den wir 
allerdings nur ans einer Notiz kennen. Er soll 1475 in Barcelona 
hergestellt worden sein 4 ). 

Paul Hürus wandte sich dann von Barcelona nach Zaragoza. 
Dort wirkte schon 1475 Matheus Flandrensis als Buchdrucker. 
Paul verband sich nun mit dem aus Einbeck stammenden Heinrich 
Botel, der schon als Kenner des Druckereibetriebes am 15. Januar 
1473 mit Georg vom Holz aus Haltingen und Johannes Planck 
von Hall als Geldgebern einen Vertrag über die Einrichtung einer 
Druckerei geschlossen hatte, dabei war aber die vorgesehene Geld- 
summe sehr gering 5 ). Man brauchte einen kapitalkräftigeren Mann 
und das war Hürus. Am 22. Oktober 1476 verbriefte in Zaragoza 



1) P. Lambert a. a. 0. S. 3 (25). 

2) 1,3,8. 3) 1, 11. 

4) Eine 2. Ausgabe von 1507 ist erhalten. Vgl. Sanperc. 

5) Serrano y Sanz hält den Vertrag für ausgeführt und weist dieser Ge- 
sellschaft eine Reihe von Drucken zu, Häbler bringt schwere Gründe dagegen 
vor, denen ich mich anschließen möchte. Danach mußte die Geschichte des An- 
fangs der Zaragozaner Druckereien ein ganz verschiedenes Gesicht bei Serrano 
y Sanz und Häbler annehmen. 



Original frorn 
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174 Aloys Schulte, 

der Notar LaLuessa: Anrricus de Saxonia (eben Botel) et Paulas 
de Constantia, gebürtig aus Deutschland, Meister der Drucker- 
kunst, zur Zeit wohnhaft in Zaragoza, verpflichten sich gemeinsam, 
allen denen, die bis zum Ende Oktober zu Händen des Notars 
Pedro La Luessa mit Unterschrift des Namens anerkennen werden, 
daß sie die Gesetze des Landes zu besitzen wünschen, innerhalb 
sechs Monaten vom Tage Aller Heiligen ab gerechnet, ein Exemplar 
dieser Landesgesetze vollständig und abgeschlossen zu liefern zum 
Preise von 60 sueldos Währung von Jaca; doch maß jeder Be- 
steller als Anerkenntnis bei La Luessa einen Goldgulden ara- 
gonischer Währung anzahlen, der ihm entweder auf den Kaufpreis 
angerechnet, oder, falls der Druck nicht zu Stande kommen sollte, 
zurückerstattet wird. Man wird Paul Hürus also wohl als den 
ersten bezeichnen müssen, der ein Buch auf Subskription erscheinen 
ließ. Der Plan, die Gesetze des Landes zu drucken, hat vielleicht 
Paul nach Zaragoza geführt, am Sitze der Regierung war Druck 
wie Vertrieb sehr viel leichter als in dem Nebenlande Catalonien. 

Ob damals der Versuch gelang, ist unsicher. Die auf. die 
Typen und andere Gründe sich stützenden Erwägungen Häblers 
führten ihn zu dem Ergebnisse: „Es ist nicht ausgeschlossen, daß 
der uns erhaltene Druck der „Fori Aragonum" ein Erzeugnis der 
in der Subskription vom 23. Oktober 1476 gegebenen Vergesell- 
schaftung der Drucker Heinrich Botel, der Priester war, und Paul 
Hürus gewesen ist. Dann müßte diese Vereinigung von sehr kurzer 
Dauer gewesen sein"; denn Heinrich Botel druckte August 1479 
in Lerida. Paul Hürus ist auf alle Fälle der erste, der auf den 
Gedanken kam, ein Gesetzbuch eines Landes in die Presse zu legen, 
Lambert Palmart hat das 1482 in Valencia nachgeahmt. 

Blieb aber Bürus der Eigentümer der Druckerei in Zaragoza? 
Hier setzen nun die Nachrichten unserer Papiere ein. Im August 
1480 schrieben die Herren von Ravensburg nach Spanien: „Item, 
liebe Freunde allenthalben, als wir bis hieher geschrieben hatten, 
ist uns eine Masse von Briefen gekommen bei P a Hürus, einer von 
Valencia vom 2. Juli, einer von Barcelona vom 11. passat, einer 
von Avignon vom 24. passat und einer von Lyon vom 7. dito. 
Diese Briefe sind uns alle zugekommen am 21. dito" '). Wir er- 
kennen mit Sicherheit, daß Paul Hürus auf seiner Reise von Spa- 
nien her sämtliche Gelieger der Gesellschaft besuchte und ihre 
Briefe mitnahm und persönlich in Ravensburg ablieferte. Würde 
man nichts von seiner Buchdruckertätigkeit wissen, so würde man 



l) 10,33. 



C Original from 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Die deutschen Kaufleute und die Anfange des Buchdrucks in Spanien 175 

in Paul einen Gesellen der Gesellschaft sehen, der in Valencia oder 
Barcelona von einem anderen abgelöst von dort heimkehrte. Sicher 
ist, daß Paul der Gesellschaft sehr nahe stand, denn sonst hätte 
er nicht immer die Gelieger aufgesucht und was hätte ihn, den Kon- 
stanzer, sonst veranlassen sollen, sich nach Ravensburg zu be- 
geben? Moritz Hürus, sein älterer Bruder, war ein angesehenes 
Glied in ihr, und Hans, der jüngere Bruder, hatte eben seine Lehr- 
zeit vollendet. Ein zwingender Grund ist es nicht. Ich finde 
Pauls Namen in den sonst doch nicht ganz seltenen Papieren der 
Gesellschaft über Spanien weiter nicht. So mag es zweifelhaft 
bleiben, ob er 14*^5 oder 1480 noch Geselle war, sicher aber war 
er einst es gewesen, gleich seinen Verwandten. 

Eine neue Aufklärung der Zaragozaner Druckgeschichte brachte 
die Auffindung eines Exemplars des Missale Caesaraugustanum von 
1485. In dem Geleitworte sagt der Erzbischof von Zaragoza 
Alfonso von Aragon, daß Paul Hürus sich schon seit vielen Jahren 
durch seine sorgfältigen und schönen Druckereierzeugnisse bekannt 
gemacht habe 1 ). Dann verschwindet er wieder. Dafür erscheint 
1488 — 1490 in Zaragoza als Drucker Hans Hürus. Er war 1474 
in Flandern Lehrling: „item von Hartmann Hürus Sohn wegen, 
so in Flandern ist, daß er die Kost zahle in Flandern im Hause" 2 ). 
Sein Vater hatte wohl schon damals Konstanz verlassen und lebte 
wohl als ein Junker zu Mammern auf dem Kelnhofe. Am 8. April 
1478 kam Hans von Frankfurt wieder nach Brügge 3 ). Später ist 
er nicht nachzuweisen. 

Hans Hürus war der erste Buchdrucker in Spanien, der sein 
Verlegerzeichen führte 4 ). Seine Verlegertätigkeit ist durch den 
Schlußvermerk des Druckes der Ordenanzas Reales des Diaz de 
Montalvo gesichert; er lautet: „Fue emprentado este libro en la 
noble e magnifica cibdad de «jaragoga ä! aragon: por Joan Hurus 
alaman de Constancia: enel aiio del nacimiento de nuestro senor 
Hill. CCCCXC. a. IIJ. de Junis"; wie durch das Missale von Huesca 



1) „applicuitque huc et iam multos annos cum summa fide ac probitate in Lac 
urbe versatus est: honestissimus vir et in mercatorum ordine laudatissimus Paulus 
huniB Constantiensis. qui et libros summa cum fide : litterarum forma: punctorum 
distinctione : et tota scribendi arte (que ortbographia dicitur) observata: eleganter 
imprimi curat: et eosdem iusto ac etiam minori quam estimati sint sex florenorum 
aureorum precio venumdat . . . adeo ut si quis recte considerare velit : impressor 
tnagis in his imprimendis nobis morcm gerere quam sue utilitati consuluisse 
videatur". Lambert 16 (38). 

2) 1,1, 3) 82,6. 

4) H ab ler, Typographie Tafel 40. Tauls Tafel 41. 



Original frorn 
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176 Aloys Schulte 

von 1488 und andere Werke. Er gab damals auch das Meßbuch 
für das Bistum Huesca heraus oder vielmehr verwendete er die 
meisten Bogen des von seinem Bruder hergestellten Meßbuches für 
Zaragoza, und fügte einige Deckblätter ein und einige Bogen. Das 
ältere Meßbuch war in 350 Exemplaren hergestellt worden, aber 
es waren so viele Exemplare übrig geblieben, daß diese Anpassung 
für Huesca lohnend erschien. Für kleine Diözesen die kirchlichen 
Bücher herzustellen, war, wie man sieht, doch kein sicheres Ge- 
schäft. Möglicherweise war Paul Hürus aus Zaragoza gewichen, 
da ihn die Tätigkeit und dann die Ermordung des Inquisitors 
Peter Arbues bedenklich gemacht hatte. Vielleicht! Häbler hat 
gezeigt, daß Hans Hüru6 mindestens von 1488 bis 1490 in Zara- 
goza tätig war. 

Dann erscheint von 1490 an wieder Paulin Hürus. Unter den 
spanischen Druckern der Frübzeit ist er der interessanteste. Er 
war ein gebildeter Mann, der nicht nur Werke nachdruckte, son- 
dern sich um die Schriften der Gelehrten von Zaragoza bemühte, 
von denen einige sie ihm widmeten, ja er gab die Anregung zu 
Büchern, wie ein moderner Verleger, indem er die Drucklegung 
versprach. Er war auch darauf aus, die Bücher gut auszustatten 
nicht nur mit schönen Lettern, sondern auch mit Holzschnitten, 
die zu Hunderten auf die Schrift verteilt wurden. Er hat nicht 
nur da schon in deutschen Werken gebrauchte verwendet, sondern 
er ließ sich sehr viele neu herstellen, zum Teil von deutschen 
Künstlern, die er heranzog. So wurden reich illustriert der „Te- 
soro de la pasion" des Andres de Lli (Heli), der Boccaccio, die 
„Mujeres illustres" von 1494, der „Triunfo de Maria" des Martin 
Martinez de Ampies von 1495, der „Viaje de tierra santa" des 
Deutschen Breitenbach und die „Officia quotidiana" von 1499. 

Paulle Huruß erscheint häufiger in den Papieren des Clemens 
Ankenreute aus Zaragoza 149B. Dieser war, wiewohl Mitglied der 
Ankenreutegesellschaft, doch zugleich auch als Kommissionär der 
Ulmer Gesellschaft des Wolfgang Ferber und Jakob Ehinger in 
Aragonien tätig. Aus den darauf bezüglichen Papieren ergibt 
sich Folgendes. 

Paulle zahlte dem General von Aragon mehrfach die Gelder 
für die Einfuhr. So schickte er auch seinen Jörg für die Inte- 
ressen Wolff Ferbers nach Calatayud und verrechnete die Kosten 
mit Clemens *). Auf ihn gehen wohl auch die Büchersendungen 



1) fol. 9t. Kleine Auslagen für Wolff Ferber 4S T . 



C. I , Original froni 

UNIVEßSITYOF CALIFORNIA 



Die deutschen Kaufleute und die Anfänge des Buchdrucks in Spanien 177 

zurück, die an Moritz Hiirus oder Lauch nach Konstanz gingen 1 ). 
Von Wolff am Graben, dem Faktor Ferbers, erhielt er von der 
Ostermesse in Lyon 77 % Wismut 2 )- Was hat das zu bedeuten? 
Die Notiz leuchtet in die Erfindung der Buchdruckerkunst. Hans 
Sachs hat unter den Holzschnitt Jost Ammanns, der den Schrift- 
gießer daFstellt, die Verse gesetzt: 

Ich geuß die Schrifft zu der Druckrey, 
Gemacht aus Wißmat, Zin und Bley! 
Unsere Stelle lehrt uns, daß dieses damals meist aus dem Erz- 
gebirge kommende Metall, das dem weichen Blei die notwendige 
Festigkeit gab, schon vierzig Jahre nach der Erfindung verwendet 
wurde. War sie aber nicht überhaupt für sie eine Vorbedingung ? 
War nicht Guttenberg bei den Zinngießern in die Lehre gegangen? 
Soweit ich die Literatur über die Erfindung übersehe, hat man 
niemals den Namen des Wismut genannt, nun haben wir eine 
Frage stellen können, die andere, die Techniker, beantworten 
müssen. War Wismut oder das Schwestermetall Antimon eine 
Vorbedingung der beweglichen Lettern? 

Eine wertvolle Angabe bietet auch das Verkaufsbüchlein. In 
ihm heißt es 2 dozenas cadrans de ffust grans, cost la dossena 
asi 7/3. 9 cadrans pettits cost 3 dins la pessa. 

Daneben steht anf der Gegenseite unter Verkauf: „19 quati- 
rantos an Johan de Nassera 11 ß tlS ) und mit anderer Tinte : v „nam 
Koberger 1 unnd Paulle Hurus". Da übrig bleiben „3 grans 9 klains", 
so waren an Koberger und Hürus nur je ein Stück gegangen 4 ). 



1) Auf der Rechnung über 9 Ballen Pelzwerk schreibt Clemens außen auf: 
„Item mer Volff, es sind fül buecher und ouch grimbel in der ballo n° 6, da thS r 
ains, was des grümelß sig inn der ballo n° 6, di ß[en]d Lachin zfi denn denn furchen, 
gehurt an Maricy Huros genn Constenz all send Lauch es in per Constentz". In 
dem Ballen waren Fuchsfelle. 

2) n All% fyra di pasqua li tremeti de Lio 77 8 wismat, cost 5(3 14 g , son 
per Paulle Hurufl 6 9 1 ß- u Weiter: „Den Paulli Hurusß contra per el pagui 
per arestar lo Bartollmen Fferer 13 ß 6^. per son german Morissi 2 flassadea 
miganes blanques (mittlere weiße Bettdecken), costend a 40 pessa e la una de 
tenir vermel (von roter Farbe) 16 ß per tot 5 ü 8 ß 

1 petyta cost 1 „ 12 ß 

7 onz oltinettes (Töpfchen??) costend 5 „ 19 ß 

per port e dret de tot ffins a Lio 1 „ 10 ß. u 

3) Johan de Nassera, vyssino de Cobel, war nicht Buchdrucker; denn er 
kaufte auch Merceria, Burdat, Leinwand und Faden und verkaufte Tierfelle. 

4) In die zweite Rechnung wurde der Rest übertragen, auf der Verkaufs- 
seite heißt es: „Resta honn ich 9 quadrantt zu Sargossa gelaussen Lorenzo". 
Über den Verbleib von 3 Stück fehlt jeder Ausweis. 

12 



Original frorn 
UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



178 Aloys Schulte 

Unter cadrans de fust sind Tafeln von Holz zu verstehen, 
wie sie der Holzschneider braucht und in spanischem Holze nicht 
findet. 

Aus den Eintragungen folgt, daß Paulin Hüros, der eine große 
Zahl von deutschen Holzstöcken für die Illustration seiner Bücher 
verwendete, doch auch in bescheidenem Umfange in Spanien selbst 
Holzschnitte herstellen ließ, und daß auch ein Koberger dasselbe 
tat. Es kann nur Hans Koberger sein, der Vetter des berühmten 
Nürnberger Verlegers Anton Koberger, der bisher nur für die 
Jahre von 1498 an als Faktor seines Vetters in Lyon nachgewiesen 
werden konnte '). Es liegt der Gedanke nahe, daß Koberger, der 
auch in Basel und Lyon drucken ließ, es auch in Zaragoza viel- 
leicht bei Hürus getan hat. Wozu hätte er sonst eine Holzschnitt- 
tafel in Zaragoza gebraucht? 

Die Heimat hatte Paul Hüru9 aber nicht vergessen. Von 1494 
an wollte er heimkehren. Wie uns einer seiner gelehrten Freunde 
Gonzalo Garcia de Santa Maria in der Vorrede zu dem auf Paula 
Vorschlag verfaßten Cato in Versen erzählt, bemühten sich seine 
Freunde, den Verleger in Zaragoza zu behalten. Das letzte Buch, 
das seinen Namen trägt, ist ein Diaz, „de Albeyteria" vom 16. Ok- 
tober 1499. 

Dann setzen die deutschen Nachrichten aus Konstanz ein. In 
der Konstanzer Steuerliste von 1500 2. Hälfte steht „Hüruß, Paule 
und Agtli gend 10 11 järlichs". 1504 steht Agtlin flurussin für sich, 
dann folgt: „Pauli Hürus hus git 5/3", so bleibt es bis 1523. 1505 
rückt Paulin Hüruß in den großen Rat ein, verschwindet aber 1506 
wieder. Diese amtliche Tätigkeit paßte ihm nicht, es heißt im 
Ratsbuche von 1508 — 1510 (zu 1510 Samstag vor Invocavit): „Paulin 
Hüruß will wieder her ziehen, wenn man ihn Gerichtes und Rates 
erliesse". Dessen war man bereit. 1500 schuldete er den Fuggern 
1000 Dukaten, die er ihnen durch die Gesellschaft auf der Frank- 
furter Herbstmesse bezahlen ließ 2 ). Nach Kindler von Knobloch 3 ) 
hatte er fünf Kinder, sein ältester Sohn trug den Namen Onofrius, 
seine Tochter Euphrosine heiratete Dominikus Hochrütiner von 
St. Gallen, der später das Ravensburger Gelieger von Zaragoza 
übernahm. 

Wenn ich geneigt bin, in Paulin einen früheren Teilhaber der 
Gesellschaft zu sehen, so ist er es doch nicht geblieben. Sein 



1) Hase, Oskar, Die Koberger 2. Aufl. S. 28G. 

2") 72,11. 1513 erscheint seine Frau in Konstanz. 22,5. 

3) Oberbadisches Geschlechterbuch 2, 185. 



I . Original froni 

_ UtUiiEBSITY 0F CALIFORNIA 



Die deutschen Kaufleute und die Anfänge des Buchdrucks in Spanien 179 

Name kommt in den Listen über ganze und halbe Gewinnung nicht 
vor, wohl aber erscheint er als Gläubiger der Gesellschaft: 1503 
und 1507 mit 2000 8, 1510 mit 1037 S. Er stand also auch dann 
mit der Gesellschaft in freundlichen Beziehungen. 

Am 30. Juli 1500 wurde ein vorher (1499) schon von Paul 
Hürus herausgegebenes Buch: „Of&cia quotidiana sanctae horae 
cnjuslibet diei" — also ein handliches Büchlein, in dem die kleinen 
Hören des kirchlichen Brevieres nach dem Gebrauch der Diözese 
Zaragoza zusammengestellt sind — neu ausgegeben; am Schlüsse 
ist zu lesen: „Impresse . . . per discretos et peritos viros ac fideles 
socios Georgium coci. Leonardum hutz et Lupum appentegger Ger- 
manicae nationis". Dieser Wolf Appentegger ist schon von Häbler 
dem patrizischen Geschlechte der Stadt Konstanz zugewiesen 
worden. Weitere Nachricht legen auch seine Beziehungen zur 
Gesellschaft klar wie sein weiteres Leben. 1503 erscheinen Koch 
und Hutz als verbunden, 1505 siedelte Hutz nach Valencia über, 
Koch aber ist bis 1534 in Zaragoza nachzuweisen. Appentegger 
erscheint nur dieses eine Mal. 

Er war aber wohl der eigentliche Nachfolger von Hürus; 
denn seine Mutter war Anna Hürus, nach Kindler von Knoblochs 
Stammbaum müßte man sie für eine Schwester Paulins halten, aber 
Wolff bezeichnet selbst „Palin" Hürus als seinen Vetter 1 ), es muß 
also die Mutter Wolffs eine Tante Paulins gewesen sein. 

Wolff ist aber nicht sofort nach 1500 von Zaragoza fortgezogen. 
Ihm war April 1506 das Gelieger in Zaragoza eine kleine Summe 
schuldig 2 ). 1507 schuldete er dem Gelieger zu Lyon 325 fl 8 ), davon 
hatte er in Deutschland 120 fl abbezahlt. .,Mit dem Reste — lautet 
die Weisung — rechne mit ihm lauter ab". Als sein Wohnsitz 
wird Konstanz bezeichnet. Er besuchte also schon damals die 
Lyoner Messe. 1510 maß er wohl Mitglied der Gesellschaft ge- 
wesen sein; denn er erhielt für einen Ritt nach Lyon, Marseille 
und Aiguesmortes 20 fl Ehrung. 1513 ist er wieder auf der August- 
messe in Lyon für die Gesellschaft, 1515 auf der Ostermesse 4 ). 
Seine Ehrungen d. h. die auf der alle drei Jahre stattfindenden 
Rechnung zugebilligten Entschädigungen, schwankten sehr; 1514: 
100 fl, 15*7: 40, 1520: nichts, 1525: 160 fl. Von 1508—1518 saß 
er im großen Rate zu Konstanz, von 1519 — 26 im täglichen Rate. 
In den Steuerregistern fand ich ihn von 1500 an, 1526 erscheint 
seine Witwe, sein Vermögen stieg in der Zeit von 300 + 1036 Ä 



1) 22,5. 2) 33,10. 3) 21,2. 

4) Eio Bericht von jener und eine Weisung für diese sind erhalten nr. 22. 23. 

12* 



Original from 
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180 Aloys Schulte, Die deutschen Kaufleute und die Anfänge usw. 

auf 1150 + 3531. Vogt seiner Kinder wurde der alte Moritz Hürus. 
1513 fand er sein Haus in Konstanz, „daß Gott erbarm" 1 ). 

Das Bild, das sich ergibt, zeigt, daß dieser Sohn des 1494 
gestorbenen Vaters, Ludwig Appentegger, der zuletzt abwechselnd 
Vogt und Bürgermeister war, sich den städtischen Pflichten nicht 
entzog, zuerst als selbständiger Kaufmann auftrat, vielleicht bis 
1507 noch in Zaragoza Geschäfte betrieb, dann aber von Konstanz 
aus im Dienste der Gesellschaft unregelmäßig tätig war und nament- 
lich nach Lyon seine Wirksamkeit ausdehnte. Dort muß er sich 
gut ausgekannt haben. 

Unser Nachweis über die Lebensschicksale der Wißland und 
Hürus hat gezeigt, daß sie nicht von der Technik der neuen Kunst 
ausgingen, auch nicht wie so viele andere durch gelehrte Studien 
zu ihr gebracht wurden, daß sie vielmehr als Kaufleute die neuen 
Erfindungen ausnützen wollen, doch waren sie so weit gebildet, 
daß ein Paulin Hürus als Freund und Gönner der Gelehrten er- 
scheint, einer der ersten in der langen Reihe der geistig hoch- 
stehenden Verleger war. Die Gesellschaft selbst bat es aber offenbar 
abgelehnt, sich dieser Tätigkeit zu widmen und sie tat wohl daran, 
ein blühender Verlag setzt einen einzigen Leiter voraus, der auf 
lange Zeit seine Berechnungen macht, der von seinem Kapitale 
nicht sofort die Frucht erwartet und der sorgsam alle persönlichen 
Beziehungen pflegt. Sich ewig ablösende Obmänner und Rech- 
nungsführer, die von Ravensburg abhängig waren, hätten diese 
Anforderungen nicht erfüllt. 

Aber auch nach einer andern Seite ist das Ergebnis bemerkens- 
wert. Wie Guttenberg, so gehörten die Wißland, Hürus und 
Appenteger den Geschlechtern, dem Stadtadel, wenn man diesen 
Ausdruck gebrauchen kann, an, wie sonst, soweit ich das übersehe, 
nur die Koberger. Und wie Guttenberg, so haben die Hürus 
und Koberger dem Buchverlage den großen Zug gegeben in das 
Monumentale, mit der Neigung zur Kunst! 



1) 22,5. 



Original frorn 
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Erasmus und die 
clevischen Kirchenordnungen von 1532 1 3 

Von 

Justus Hashagen 

I. Erasmus 1 äußere Beziehungen zur clevischen 
Kirchenreform. 

Die Jahre 1532 und 1533 bedeuten einen letzten Höhepunkt 
in der kirchlichen Reformtätigkeit des Herzogs Johann III. von 
Cleve (1511 — 1539). Ein über die rheinische Landesgeschichte 
hinausgehendes Interesse gewinnen sie dadurch, daß Erasmus an 
den betreffenden Maßnahmen beteiligt ist. 

Erasmus' Interesse 'für den clevischen Hof wird spätestens in 
der Zeit rege geworden sein, als sein Schüler und Freund Konrad 
Heresbach am 1. September 1523 *) zum Erzieher des Jnngherzogs 
Wilhelm bestellt wurde. Schon aus dem nächsten Jahre, 1524 2 ), 
datiert der älteste erhaltene Brief an den gerade damals am Hof 
aufgenommenen Johann von Vlatten 3 ). Während nichts darüber 
bekannt ist, ob Erasmus mit dem Herzoge Johann in Briefwechsel 
gestanden hat, sind aus den Jahren 1529 und 1531 zwei Schreiben 
an den Jungherzog erhalten. Sie haben wenigstens insofern eine 
allgemeinere Bedeutung, als sie gewiß nicht nur für die Augen 
des 1516 geborenen Knaben bestimmt sind. Wenn sich der Ge- 
lehrte in dem ersten, schon in Freiburg i. B. am 1. Juli 1529 4 ) ge- 
schriebenen Briefe keine seiner gewöhnlichen Übertreibungen zu- 
schulden kommen läßt, so scheint er mit Heresbach über den 
Prinzen und seine Erziehung häufiger korrespondiert zu haben, 
wobei die besonders von Heresbach in den Mittelpunkt gestellte 



1) A. Wolters, Konrad v. Heresbach und der clevische Hof zu seiner Zeit 
(1807) S. 34. 

2) Opera omnia ed. Clericus III 2 Nr. 328, S. 1704 f. 

3) 0. Redlich: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 41 (1903), S. 1G3. 

4) Nr. 1001, S. 1210 f. 



Original frorn 
,A ,v UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



182 Justus Hashagen 

religiöse Erziehung besprochen worden sein dürfte. Doch ist diese 
pädagogische Korrespondenz verschollen. In einem Briefe an 
Vlatten vom 11. Febr. 1B25 1 ) wird sie nur flüchtig gestreift. 
Emmas' eigener Brief an den Jungherzog, ein Master beißpiel für 
humanistischen Byzantinismus, kann dafür zwar keinen Ersatz 
bieten. Er zeigt aber, wie viel dem betriebsamen Gelehrten schon 
1529 daran lag, die Aufmerksamkeit des niederrheinischen Hofes 
auf sich zu ziehen. Darnach hat Heresbach, wie dieser auch selbst 
erwähnt 2 ), seinem Lehrer die Anregung gegeben, er möchte dem 
Prinzen eine seiner Schriften widmen . . . Lange Zeit hat Erasmus 
nichts finden können, was der Größe des Prinzen irgendwie ange- 
messen war. Aber da hat er sich der klugen Schuldner erinnert, 
die ihre Gläubiger mit Früchten aus ihrem Garten beschenken. 
So wählt er denn anstatt eines Korbes Kirschen den Aufsatz: De 
pueris ad virtutem et literas liberaliter instituendis . . . und als 
zwei Quitten aus dem Garten eines Armen zwei Schriften des 
Ambrosius. Aber schon am 2. Oktober desselben Jahres 3 ) gesteht 
er Vlatten, daß er den Titel dieser Dedikationen vergessen habe. 
Man sieht, er legt im vertrauten Kreise den Gaben keinen beson- 
deren Wert bei. Der Jungherzog antwortet am 10. November 4 ) 
mit einem huldvollen, wohl von Heresbach inspirierten Dank- 
schreiben 6 ): er wolle nicht dem Beispiele des Dionysius folgen, 
der Gelehrte gewonnen habe, um durch sie für seinen Weltruhm 
sorgen zu lassen. Vielmehr strebe er nur darnach, daß die Ge- 
lehrten ihn zur Verwaltung seines ihm künftig anvertrauten 
„Sparta" tüchtig machten. Zugleich schenkt der Prinz dem Erasmus 
einen Becher mit der Inschrift: &ya9ov datfiovog. Daß auch das 
eingravierte Bildnis des Jünglings darauf zu sehen war, erfährt 
man aus dem überschwenglichen Dankbriefe des Beschenkten von 
1531 6 ). Da der Prinz das Vorbild des Dionysius, der die Gelehrten 
nur mißbraucht habe, verwerfe, so passe auf ihn der sophokleische 
Vers : £otpoi tvQccvvot, räv 6oq>&v Gwovelu, und sehr liebenswürdig 
findet er die Bescheidenheit des jungen Fürsten, der ein so großes 



1) Nr. 330, S. 1706A. 

2) An Vlatten 1521) Jan. 1., Redlich Xr. 4, S. 177. 

3) Nr. 350, S. 1742 E. 

4) ed. F. Wächter in der Zeitschrift des Bergischen Gescbichtsvereins 30 
(1894) Nr. 1, S. 201 f. 

5) Oegenüher dem Spanier Christophorus Mesias nennt Erasmus den Jung- 
herzog am 30. März 1530 virtuti natus und bezeichnet seinen Brief als amoris 
plenas: Nr. 1103, S. 1285 C. 

6) Nr. 1211, S. 1428 f. 



I , Original from 

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Erasmus und die clevischen Kircheuordnungen von 1j32 ; 3 183 

und prächtiges Reich als Sparta bezeichnet habe. Wahrscheinlich 
stammt der Vergleich, der sich beim Herzog Wilhelm zu dem 
Wahlspruche Spartam, quam nactus es, adorna l ) verdichtete, von 
Erasmus selbst; wenigstens hatte er schon 1526 (V 692 E) in der 
Christiani Matrimonii Institutio darauf angespielt und später im 
Ecclesiastes von 1536 (S. 820C) ausdrücklich geschrieben: Nemo 
rex sibi videtur humilis, etsi minus patentem ditionem sortitns est: 
hoc ipso magnus est, quod Spartam, quae contigit, regaliter ad- 
ministrat - . . Auch Piatons Vorbild, fährt der Weise in dem 
Dankschreiben fort, gelte hier, der von dem Fürsten verlangt: 
non ut sophistico more disputent de principiis rerum, de infinito, 
de tempore, de motu, de exhalationibus, deque Ins, quae humi 
gignuntur . . ., sed ut * . . omnia . . . facta ... et consilia sua rei- 
publicae commodis et honesto metiantur. Es ist die einzige Stelle, 
wo unter dem klassischen Flitter dieses ostensiblen, von den Un- 
arten humanistischer Epistolograpbie beeinflußten Briefwechsels 
etwas wie eine Hindeutung auf die damals von neuem belebte 
clevische Kirchenreform hindurchschimmert. Weit greifbarer ist 
am Schlüsse der Lobspruch auf das Herzogspaar, das gegen die 
Straßenräuber eine so standhafte und gerechte Energie an den 
Tag lege (wie die bei Scotti, Cleve Nr. 22 f. im Auszuge gedruckten 
Verordnungen vom 13. März und 5. Mai 1530 beweisen). Erasmus 
bricht ab, damit er den Prinzen nicht ermüde, ehe dieser an das 
Studium des neuen von Erasmus gewidmeten Werkes herantritt. 
Es sind die durch eine besondere Anpreisung des Prinzenerziehers 
Heresbach ausgezeichneten Apophthegmata lepideque dicta princi- 
pum, philosophorum ac diversi generis hominura ex graecis pariter 
ac latinis auctoribus selecta cum interpretatione commoda dicti 
argutiam aperiente*), die vor dem sechsten und siebenten Buch 
noch besondere Erläuterungen für den Jungherzog bieten (S. 273 f., 
321 f.): ein später Nachklang zu den Adagia. Schon der clevische 
Humanist Arnold Heimerick hatte sich 1484 mit seinem Libri So- 
phiologici in dieser bei allen Humanisten beliebten Gattung ver- 
sucht 3 ). — So zeigt der kurze Briefwechsel des Erasmus mit dem 
Jungherzog Wilhelm zusammen mit den gewidmeten Werken das 
Vorwalten der humanistisch - pädagogischen Interessen. Die am 
Niederrhein schon damals brennende Religionsfrage wird in diesen 



1) Wolters, S. 59, Anm. 3. 

2) IV 85—380. Vgl. Burigny-Henke, Das Leben des Erasmus II (1762) S. 343. 

3) F. Schröder in den Annalcn des historischen Vereins für den Nieder- 
rhein 100 (1917), S. 173. 



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184 Just us Hashagen 

Briefen, die doch nicht nur als Stilübungen abgetan werden können, 
nicht berührt. 

Erst als man am clevischen Hofe zu der Erkenntnis gelangte, 
daß die am 11. Januar 1632 ') veröffentlichte Kirchenordnung schon 
wegen ihrer Kürze und ihres vermittelnden Charakters der Er- 
läuterung bedürfe, beschloß man, die Hilfe des Erasmus anzurufen. 
Näheres ergibt sich aus einigen nicht besonders klaren Sätzen in 
einem Schreiben Heresbachs an Vlatten vom 15. August 2 ). Darin 
heißt es : ... Decretum est ad proximas nundinas proficisci, ut 
nosti; optarim praetextum quam splendidissimum aliquem cömmi- 
nisci, Deliberatum fuit de articulis ad Erasmum mittendis, ut ille 
de religione pro harum ditionum ratione aliquid consuleret; stabat- 
que sententia: D. Olichsleger et me eo mittere. Sed prius visum 
fuit cancellario 3 ), ut de articulis in consultationem vocandis inter 
consiliarios deliberaretur. Te obsecro, ut, si haec non succedat 
profectio, saltim mihi non denegetur venia. Si videretur, significato ; 
et, quo voletis, ad vos veniam . . . Man kann diese Mitteilungen 
und Wünsche Heresbachs nur verstehen, wenn man berücksichtigt, 
daß er hier nicht nur von der geplanten amtlichen Konsul tations- 
reise zu Erasmus, sondern auch von einer von ihm selbst herbei- 
gesehnten privaten wissenschaftlichen Reise spricht. Auf diese 
bezieht sich augenscheinlich der erete nach Humanistenart recht 
unbestimmt gehaltene Satz. Vlatten wisse, schreibt ihm der Freund, 
daß die Reise an sich beschlossen sei. Es bedürfe nur noch eines 
möglichst glänzenden Vorwandes dafür. Als dieser Vorwand soll 
für Heresbach der Wunsch des Hofes dienen, den Erasmus über 
die Kirchenordnung zu hören. Es ist zunächst beschlossen worden, 
sie dem Erasmus vorzulegen, und zwar durch Olichsleger und 
Heresbach selbst. Vorher solle jedoch auf Veranlassung des 
Kanzlers Ghogreff eine Rätekonferenz in Düsseldorf dazu Stellung 
nehmen. Da nun Heresbach offenbar von der Befürchtung geplagt 
wird, daß diese Konferenz die Konsultation des Erasmus als ent- 
behrlich bezeichnen und damit die von ihm herbeigesehnte Reise 
überflüssig machen könne, so bittet er den Freund dringend, ihm 
auf alle Fälle den Urlaub für seine wissenschaftliche Reise zu er- 



1) 0. Redlicb, Jülich-Bergische Kirchenpolitik am Ausgange des Mittelalters 
und in der Reformationszeit I (1907) Nr. 240, S. 246—252. (Publikationen der 
Gesellsch. für rhein. Geschichtskunde 28.) 

2) ed. Redlich in der Zeitschrift des Bergischen Geschichts Vereins 41 (1903) 
Nr. 7, S. 180. Vgl. Kirchenpolitik I 255, Anm. 1. 

3) Gemeint ist Johann Ghogreff, ein Altersgenosse Vlattens. Redlich S. 164. 
Wolters S. 143 f. 



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Erasmus und die clevischeu Kirchenordnungen von 1532/3 185 

wirken. Heresbachs Befürchtungen sind jedoch unbegründet. Ob- 
wohl das wenig später 1 ) aufgesetzte Konferenzprotokoll*) über die 
Konsultationsreise nichts enthält, muß sie gutgeheißen worden 
sein; denn Heresbach hat im September 3 ) die Reise zu seinem 
Lehrer nach Freiburg i. B. angetreten und sich dann von dort 
zum zweiten Male nach Italien begeben, wo er nach griechischen 
Rechtsquellen forscht 4 ). 

Über die Verhandlungen, die im Herbst 1532 zwischen Heres- 
bach und Erasmus in Freiburg i. B. über die Deklaration der 
Kirchenordnung stattgefunden haben, ist leider nichts bekannt. 
Sie wurde am 8. April 1533 b ) erlassen. Und schon am 20. 6 ) be- 
willigte Herzog Johann 'aus sonderlicher Gnade und Zuneigung* 
dem für so etwas immer empfänglichen Gelehrten eine jährliche 
Pension von dreißig Goldgulden. Leider wird in der Urkunde über 
die Art der Mitarbeit des Empfängers an der Deklaration kein 
Wort verloren, und auch Vlatten schreibt ihm am 3. Mai 7 ) nur, 
indem er sich wieder in humanistischen Allgemeinheiten bewegt: 
Illustrissimus Juliae princeps agnoscit ingenue : tuum erga diciones 
suas in fidei et religionis christianae negocio fidele, prudens et 
salutare consilium rei publicae suae (jam plurimis in locis misere 
labefactatae) felicissime cessisse . . . Dies optimistische Urteil über 
den „glücklichsten" Erfolg der von Erasmus mit vorberatenen 
Deklaration eignet sich nun zwar auch dieser selbst am 25. Juli s ) 
und in einem undatierten y ) wohl in dieselbe Zeit zu setzenden 
Briefe an. Es hat sich aber nur zu bald als echt humanistische 
Übertreibung herausgestellt. 

Zugleich kündigt Vlatten dem Erasmus an, daß Dr. Karl 
Harst, einer seiner Jugendfreunde, ihm die ausgesetzte Pension 
überbringen werde. Ostendet quoque ordinacionis [i. e. declarationis] 
capita, ut aliquando dilucide et succincte tuam operam in Preca- 



1) Redlich S. 254 Anm. 2; S. 255 Anm. 1. 

2) ed. Lacomblet: Archiv für die Geschichte des Niederrheins V (1865) 
S. 91—94 und C. A. Cornelius, Geschichte des Munsterischen Aufruhrs I (1855), 
S. 216-219. 

3) Wolters S. 67. 

4) R. Stintzing, Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft I (1880) S. 299 
mit falschem Datum. Wolters S. 69. 

5) Redlich Nr. 249, S. 259—278. 

6) W. Vischer, Erasmiana, Baseler Rektoratsprogramm 1876, S. 83 f. 

7) J. Föratemann und 0. Günther, Briefe de6 D. Erasmus. Beiheft 22 zum 
Zentralblatt für Bibliothekswesen (1904) Nr. 183, S. 215. 

8) III 2 Nr- 373, S. 1759 A. 

9) III 2 Nr. 512, S. 1892 A. 



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186 Justiis Hashagen 

cionem Dominicam, Symbolum et Precepta Domini concionatoribus 
no8tris impartire non graveris. Harst wird also seinem alten 
Freunde die fertige Deklaration vorlegen und ihn zugleich bitten, 
für die niederrheinischen Prediger eine klare und kurze Anweisung 
über Vater Unser, Glaubensbekenntnis und Dekalog zu verfassen. 
Diese zweite Reise eines clevischeA Rates zu Erasmus hat also 
nicht mehr wie die erste Heresbachs l ) den Zweck der Vorberatung 
der damals bereits fertigen Deklaration, sondern nur noch die Ab- 
fassung dreier theologisch - volkstümlicher Anweisungen für die 
Pfarrer durch Erasmus. Über den Erfolg der Sendung Harsts sind 
wir nur durch seinen kurzen Schlußvermerk *) zu seiner lateinischen 
Übersetzung der Deklaration unterrichtet: Hanc ordinationem . . . 
ego ... ex jussu d. Erasmi . . ., cum apud illum Friburgi . . . 
essem, verti in lingnam latinam, ut Erasmus ordinationem intelli- 
geret (nam ipse in lingua Germanica non erat adeo perfectus) et 
deinde suum Judicium indicaret. Harst muß also die Deklaration 
dem Erasmus erst ins Lateinische übersetzen, da dieser der deut- 
schen Sprache nicht mächtig genug ist, um sie zu verstehen. Daß 
der Holländer Erasmus die in der Sprache der jülich-bergischen 
Kanzlei verfaßte Deklaration nicht verstanden habe, könnte auf- 
fallen. Noch merkwürdiger wäre das, wenn ihm die im nieder- 
fränkischen (clevischen) Dialekt geschriebene Fassung vorgelegt 
worden wäre s ). Immerhin hatte der internationale Humanist schon 
früh das Niederländische so weit verlernt, daß er sich schon 1502 
deswegen weigerte, in Löwen eine Vorlesung zu halten 4 ). Es ist 
bekannt, daß die modernen Sprachkenntnisse des großen Gelehrten 
auch sonst recht gering waren, nicht nur die deutschen 5 ), sondern 
auch die englischen, französischen und italienischen 6 ). 

Die Konferenz mit Harst scheint Erasmus wenig ernst ge- 
nommen zu haben. In seinem Briefe an Vlatten vom 2B. Juli 



1) Nach Wolters S. ü9 kehrte er Anfang Juni von Italien nach Cleve zurück 
und besuchte den Erasmus auf der Rückreise zum zweiten Male. Vielleicht traf 
er bei ihm schon mit Harst zusammen. 

2) Redlich S. 278. 

3) Auch von hier aus bestätigt sich wohl Redlichs Vermutung, daß die jülich- 
bergische Fassung die ursprüngliche sei (S. 278 f.). 

4) H. de Jongh, L'ancienne facultd de thlologie de Louvain (1911) S. 112. 
Vgl. W. Chlebus: Zeitschrift für historische Theologie 15 II (1845) S. 29. 

5) Außer den von de Jongh Anm. S angeführten Stellen sei auch auf F. Geß, 
Akten und Briefe zur Kirchenpolitik Herzog Georgs von Sachsen verwiesen 
(Schriften der Kgl. Sachsischen Kommission für Geschichte 10, 1905: I 354 8S , 
451, ff., 745 19 f.). 

6) Vgl. außer de Jongh v. Burigny-Henke I S. 149 ff. 



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Erasmus und die cleviscbGD Kirchenordnungen von 1532/3 187 

(III 2 Nr. 373, S. 1758 f.) erwähnt er den Besuch des Rates auf- 
fallenderweise überhaupt nicht. Auch Erasmus' sonstiger Brief- 
wechsel mit Vlatten enthält, soweit er nicht verschollen ist, keine 
Hindeutung auf die niederrheinische Kirchenreform. Erasmus* 
Interesse dafür scheint nicht sehr groß gewesen zu sein. Gewiß 
hat er sich dem amtlichen Auftrage, die Deklaration mit vorzu- 
beraten, nicht entzogen. Als man dies sein Entgegenkommen je- 
doch zum erwünschten Anlaß nimmt, ihn weiter als Beirat für 
die begonnene Kirchenreform zu benutzen, winkt er sofort ab, und 
der bald aasbrechende Kampf um Münster wird vollends verhindert 
haben, daß er wieder zur clevischen Kirchenreform Stellung nahm. 
Durch einen genaueren religiös-kirchlichen Ratschlag glaubt der 
ängstliche Gelehrte, wie er an Vlatten schreibt, seine Sicherheit 
zu gefährden; denn wenn man sich am Niederrhein auf seinen Rat 
hin zu Neuerungen entschlösse, würden die abergläubischen Painser 
Theologen sofort schreien, Erasmus sei das Haupt der neuen Mo- 
deratorensekte. Seine Äußerung über die Deklaration ist dürftig. 
Er sagt nur: Legi ordinationem ... ducis, cujus pia monita utinam 
populus mallet sequi quam auscultare quibusdam erroribos, qui 
suum agunt negotium, non Jesu Christi . . . Precor, ut Christus 
propitius dignetur adesse piis coeptis optimi ducis, quibus utinam 
ego tantum opus adferre valeam, quamvis opto! Das ist aber nur 
ein frommer Wunsch, für dessen Verwirklichung Erasmus selbst 
nichts tat. Doppelseitig wie immer ist sein Ratschlag für die 
Zukunft: man solle die aufrührerischen Prädikanten am Niederrhein 
zum Schweigen bringen oder ihnen wenigstens Zügel anlegen; 
andererseits solle man berechtigte Klagen des Volkes allmählich 
et absque tumultu abstellen. Im selben Sinne heißt es am Schlüsse 
eines etwa gleichzeitig nach Augsburg gerichteten kirchenpolitischen 
Reformvorschlags: Si utrinque adhiberetur moderatio, fortassis . . . 
tumulti redirent in . . . tanquillum statum. Hoc consiliura secutus 
est Dux Juliacensis . . . *) Des neuen besonderen clevischen Auf- 
trags aber, theologische Instruktionen zu schreiben, entledigt sich 
Erasmus kurzer Hand dadurch, daß er auf seine schon vorliegenden 
einschlägigen Schriften verweist, darunter auf die Explanatio Sym- 
boli *), deren ßämtliche Exemplare auf der Frankfurter Messe binnen 



1) III 2 Xr. 512, S. 1891 f. Vgl, l'b. Woker, De Erasmi . . . studiis irenicis 
(Bonner Dissertation 1872) S. 37, 40 1., der jedoch ebenso wie Wolters S. 69 ft'. den 
letzten Satz fälschlich auf das ganze Brieffragment bezieht. 

2) V 1133 — 1190. Zum Vaterunser bemerkt er: De ea |>ie scrinsit etiam 
Lutherus. 1532 hatte er in den gegen die Zensur der Pariser Theologen ge- 
richteten Deklarationen sogar geschrieben: Lutherus pic ... ac rhristiane disseruit 



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188 Juetus Hashagen 

drei Stunden an den Mann gebracht worden seien. Was bedarf 
es da, darf man zwischen den Zeilen lesen, noch neuer Abhand- 
lungen? Auch verweist er auf eine neue Arbeit. Es ist die dem 
sächsischen Freunde Julius Pflugk schon am 31. Juli gewidmete 
Schrift: De sarcienda ecclesiae concordia deque sedandis dissidiis, 
die noch im Erscheinungsjahr fünf lateinische, eine deutsche und 
eine flämische Ausgabe erlebte, jedoch schon 1558 auf den Löwener 
Index kam 1 ). 

Das ist alles, was sich über Erasmus' äußere Beziehungen zu 
den clevischen Kirchenordnungen ermitteln läßt. Man erfährt nur, 
daß er an der Vorberatung der werdenden Deklaration und an 
der Begutachtung der fertigen Deklaration beteiligt gewesen ist. 
Es steht also fest, „daß eine Konsultation des Erasmns in Sachen 
der Kirchenordnung erst stattgefunden hat, als es sich um deren 
Deklaration handelte". Das ist von Redlich S. 255 Anm. 1 gewiß 
treffend betont werden. Nun sind aber Deklaration und Kirchen- 
ordnung naturgemäß nahe verwandt, was in der Edition äußerlich 
leider nicht kenntlich gemacht worden ist. Sie weisen sogar so 
weitgehende Übereinstimmungen 2 ) auf, daß, wenn die Deklaration 
von Erasmus beeinflußt ist, wahrscheinlich auch die Kirchenordnung 
seinen Einfluß zeigt. Das ist schon von Maurenbrecher 3 ) richtig 
hervorgehoben, wenn man auch den Hinweis auf gedruckte Credo- 
und Gebetsformulare in der Kirchenordnung 4 ) mit Woker, S. 47 
nicht ohne weiteres auf Arbeiten des Erasmus beziehen kann. 
Jedenfalls finden sich aber schon in der Kirchenordnung Spuren 
des Erasmischen Geistes, nur daß eine direkte Einwirkung des 
Erasmus auf diese Ordnung allerdings noch nicht erfolgt ist 5 ). Man 
begreift aber, daß ältere Forscher sie eben wegen jener nahen 
inneren Verwandtschaft unbesehen behauptet haben, zumal da der 
mit den clevischen Verhältnissen vertraute Lutheraner flamelmann 



de fiducia meritorum, operum et virium nostrarum ac de tota tiducia transferenda 
in Deum et ejus promissa . . . (IX 886E; vgl. 887 E). 

1) V 4C9— 50C. E. Gossart im Bulletin de la classe des lettres der Brüsseler 
Akademie 1902, S. 429 f. Vgl. K. Völker, Toleranz und Intoleranz im Zeitalter 
der Reformation (1912) S. 186 ff. 

2) Eine ist schon von Woker, S. 47 festgestellt worden. Es sind aber in 
Wirklichkeit viel mehr. 

3) Geschichte der katholischen Reformation I (löSO) S. 415. Vgl. M. Deckers, 
Hermann v. Wied, (1840; S. 54. 

4) Redlich S. 247 „, 248 M . 

5) Woker S. 35 f. übertreibt den rein erasmischen Charakter der Kirchen- 
ordnung und stellt das äußere Verhältnis des Erasmus zu Kirchenordnung und 
Deklaration S. 46 ff. irrig dar. 



I , Original froni 

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Erasmus und die clevisclicn Kirchenordnungen von 1532/3 189 

aus Vlattens eigenem Monde gehört haben wollte, daß schon die 
Kirchenordnung dem Erasmns zur Ausfeilung (limanda) übergeben 
worden sei ! ). 

So viel aber läßt der vollständige Überblick über Erasmus' 
äußere Beziehungen zu den Kirchenordnungen schon zur Genüge 
erkennen, daß diese äußeren Notizen für sein inneres Verhältnis 
zu ihnen kaum das Notdürftigste an die Hand geben. Über dies 
innere Verhältnis kann man daher nur zu etwas mehr Klarheit 
gelangen, wenn man den Gedanken der Kirchenordnung in den 
Schriften des Erasmus nachspürt. Andererseits zeigt aber der 
behandelte äußere Verlauf doch auch mit voller Deutlichkeit, daß 
Erasmus nicht als einziger Vater der clevischen Kirchenordnungen 
gelten kann. Ehe man deshalb daran geht, einiges spezifisch Eras- 
mische in diesen Ordnungen aufzuzeigen, bedarf es eines Blickes 
auf andere Ableitungsmöglichkeiten. Leider ist auch diese Vor- 
untersuchung dadurch erschwert, daß man über die Vorgeschichte 
der Kirchenordnungen im Schöße der clevischen Regierang ebenso- 
wenig etwas näheres weiß wie über die Mitarbeit des Erasmus 
und seiner niederrheinischen Freunde und Schüler. 

II. Landesherrliche Anregungen. 

Wie die ganze landesherrliche Kirchenpolitik ihr charakte- 
ristisches Gepräge nicht erst im Reformationszeitalter erhalten 
hat, so lassen sich auch Vorläufer der Kirchenordnungen bis ins 
späte Mittelalter zurückverfolgen. Ein solcher ist, wie Redlich 
S. 119* mit Recht bemerkt, schon eine Verordnung des Herzogs 
Wilhelm IV. (1475—1511) von Jülich-Berg vom 26. November 1491 2 ). 
Die Anregung dazu hatte besonders des Herzogs Beichtvater, der 
Dominikaner Mathias von Luxemburg, gegeben, von dem man nur 
weiß, daß er am 12. Dezember 1494 3 ) durch die theologische 
Fakultät der Universität Köln auf die Verteidigung der Unbe- 
fleckten Empfängnis Maria verpflichtet wurde. Die vornehmlich 
auf ihn zurückgehende Verordnung trägt freilich weder in ihrer 
Adresse noch in ihrem Inhalt schon einen allgemeinen Charakter ; 
denn sie wendet sich nur an einige Landdechanten und ist inhalt- 



1) Historiae ecclesiasticae rcnati evangelü per Inferiorem Saxoniaro et West- 
phaliam . . . 1586 (Opera 1711, S. 985). 

2) Redlich Nr. 90, S. 74 f. 

3) II. Keussen, Regesten zur Geschichte der Universität Köln (Mitteilungen 
aus dem Kölner Stadtarchiv 3G/37, 1918) Nr. 2039 b, S. 537; vgl. auch Nr. 2200, 
S. 299. M. v. L. wurde am 13. Sept. 1491 in Köln immatrikuliert: Matrikel II 
(1919) S. 301. 



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UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



190 .Tustus Hashagen 

lieh als Bußordnang gedacht, weshalb Beichte, Buße and Gebet 
besonders hervortreten. Als solche läßt sie sich in noch einge- 
schränkterer Form schon etwa ein Menschenalter früher nach- 
weisen 1 ). Auf die Ausgestaltung der Messelitargie und das wür- 
dige Verhalten des Volkes während der Messe wird besonderes 
Gewicht gelegt. Freitagsprozessionen werden angeordnet. Wenn 
hier als ihre nötigsten Erfordernisse neben der Litanei Andacht, 
Demut und Innigkeit hingestellt werden und auch beim Gebete 
auf die Innigkeit besonders hingewiesen wird, so darf man schon 
darin das Streben nach verinnerlichter Frömmigkeit erblicken, wie 
es für die damals gerade am Niederrhein einen hoben Aufschwung 
zeigende Bewegung der Devotio Moderna charakteristisch ist. Schon 
in den Kreisen der Brüder vom Gemeinsamen Leben war die 
Forderung der Innigkeit als Hauptforderung aufgestellt worden 2 ). 
Dieselbe Forderung findet sich dann in den kirchenregimentlichen 
Akten des Niederrheins damals und später so häufig 3 ), daß man 
von einem Schlagwort sprechen darf, das die späteren Ordnungen 
der Reformationszeit mit denen des fünfzehnten Jahrhunderts ver- 
bindet. Jedenfalls ist das Interesse für religiöse Verinnerlichung 
nicht erst durch Erasmus in die clevische Kultusgesetzgebung 
hineingekommen. "Wie in den späteren Verordnungen, so liegt 
auch schon 1491 der Nachdruck auf Gebet und Beichte. Es darf 
in diesem Znsammenhange ferner erwähnt werden, daß sich schon 
Wilhelms IV. Vorgänger, Herzog Gerhard von Jülich-Berg (1437 
bis 1475) im Besitze einer deutschen Bibel befand, die er an den 
Herzog Adolf von Cleve ausleiht. Wir besitzen noch dessen Dank- 
schreiben vom 29. Januar 1446 4 ). Herzog Wilhelm IV. von Jülich- 
Berg selbst aber kann noch mehr als die clevischen Herzoge als 
religionspolitischer Vorläufer seines Eidams, des Herzogs Johann IIL, 
des Schöpfers der Kirchenordnungen, gelten. Die ganze positive 
innerkirchliche Reformtätigkeit dieses rührigen Fürsten 5 ), wie sie 
sich besonders auf den Kultus mit Einschluß der Prozessionen er- 
streckt, liefert einen eindrucksvollen Kommentar zu der Verordnung 
von 1491 und einer weiteren über die Freitagsprozessionen vom 



1) Redlich Nr. 31, S. 33 vom 28. April 1462 (Leider nur Regest). Vgl. 218 
Anm. 2. 

2) Cl. Lüffler in den Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 
102 (1918) S. 102. 

3) Redlich 34 25 , 190„, 191 6j 218 M , 219 n 235 19 , 288 l7 . 

4) Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 33 (1897) S. 140. Vgl. Red- 
lich S. 100* Anm. 3. 

5) Überblick bei Redlich S. 101 f.* 







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Erasrnus und die cleviBchen Kirchenordnungen von 1532/3 191 

5. März 1499 l ) und der späteren Zeit zugleich wichtige Anregungen, 
die auch für die Kirchenordnungen Johanns III. nicht verloren 
gehen. Auf seine Gattin Maria setzte die altgläubige Partei gleich- 
wohl besondere Hoffnungen. Der Dominikaner Bernhard von 
Luxemburg hielt vor ihr zu Caster im Jahre 1516 33 Fasten- 
predigten, und Jakob von Hochstraten widmete ihr 1524 seinen 
Dialogus de veneratione et invocatione sanctorum contra perfidiam 
Lutheranam 2 ). Der Franziskanerobservant Nikolaus Herborn rühmt 
ihre Frömmigkeit ganz besonders, als er die ersten beiden Auflagen 
seines Enchiridion von 1528/9, ihrem Gatten, der ihn angeblich oft 
um dies Werk gebeten hat, dediziert 3 ). 

Zwar erließen Herzog Johann and seine Gattin am 26. März 
1525 die oft zitierte scharfe Verordnung gegen Luther, und der 
Herzog bekannte sich nicht nur am 15. und 26. Mai 1526 in 
Briefen an den Herzog Heinrich den Jüngeren von Braunschweig 
ausdrücklich zu ihr, sondern gab auch noch am 16. Januar 1531*) 
dem Kaiser in dieser Richtung die bündigsten Versicherangen, 
weshalb man jenes Mandat wohl nicht nur auf taktische Erwä- 
gungen zurückführen kann 6 ). Das hinderte ihn jedoch andererseits 
nicht, auf der Bahn kirchlicher Reformtätigkeit weiter voranzu- 
schreiten. Epoche macht hier eine längere, offenbar an das ganze 
Volk gerichtete Verordnung vom 3. Juli 1525 e ), die sich jedoch 
noch nicht als reine Kirchenordnung darstellt, sondern sich noch 
ausgiebig auch mit weltlichen Dingen beschäftigt. Auch ihr kirch- 
licher Inhalt geht über den der späteren Kirchenordnungen inso- 
fern hinaus, als sie auch die Gesetzgebung gegen die Tote Hand, 
gegen die Juden und gegen den Wucher hineinzieht. Trotzdem 
ist diese Verordnung schon ein echter Vorläufer der Kirchen- 
ordnungen, weil ihre Aufmerksamkeit vornehmlich auf die Reform 
des geistlichen Standes, des Predigtamtes und der Zeremonien ge- 
richtet ist. Abgesehen von Übereinstimmungen in Einzelheiten 
sind die kirchenpolitische Grundlage und der religiöse Gehalt 1625 

1) .Redlich Nr. 154, S. 132 f. 

2) N- Paulus, Die deutschen Dominikaner im Kampfe gegen Luther. S. 108, 
106. (Erläuterungen ... zu Janssens Geschichte des deutschen Volkes 4, 1903.) 

3) Münchener Staatsbibliothek Polem. 1260. Vgl. L. Schmitt im 62. Er- 
gänzungshefte der Stimmen aus Maria-Laach (1896) S. 95, 100. 

4) Redlich Nr. 225, S. 229 ff., S. 238 Anm. 2. Nr. 230, 8. 237 f. Nr. 237, 
S. 244. 

5) So Wolters S. 49. Redlich in der Zeitschrift des Bergischen Geschichts- 
vereins 29 (1893) S. 193. C. Schmitz in Grevings Reformationsgeschichtlichen 
Studien und Texten 23 (1913) S. 45. 

6) Redlich Nr. 227, S. 232—236. 



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,A ,l UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



192 Justus Hashagen 

schon dieselben wie 1532/3. Wenn die Verordnung von 152B die 
finanzielle Ausnutzung kirchlicher Amtshandlungen verbietet, wie 
das eine ähnliche bergische schon am 14. Febr. 1521 *) getan hatte, 
so berührt sie damit einen Gegenstand, auf den die sogleich zu 
beleuchtende Verordnung von 1530 und die Deklaration von 1533 
zurückkommen. Das Wort Gottes soll 'ohne Eigennutz 1 und 'um- 
sonst' verkündigt werden, ist die allemal wiederholte Forderung 8 ). 
Auch das Disputieren 3 ) in den Schenken und die Station ierer 4 ) 
werden hier schon ähnlich verworfen wie später. In dem Aus- 
schluß der Mönche von der Pfarr Verwaltung ist man 1525 sogar 
radikaler als später 5 ). Doch hält sich die Verordnung von jeder 
größeren Annäherung an die ja erst wenige Monate zuvor aufs 
schärfste bekämpften Lutheraner sorgfältig fern. Und wenn sie 
auch den Zwang zu Seelenmessen untersagt, so greift sie damit 
doch keineswegs „den Unterbau der Lehre an, auf welcher die 
Messe ruht 1 '. Ebenso wenig verrät die Verordnung „Heresbachs 
Ideen in jeder Zeile" °). Wenigstens läßt sich der Nachweis dafür 
aus den erhaltenen Schriften Heresbachs nicht führen. Die Ver- 
ordnung ist ein sicheres Zeugnis für die Vermittlungspolitik des 
Hofes. Deshalb konnte auch das Auftreten des sächsischen 
Lutheraners Friedrich Mecum beim Düsseldorfer Religionsgespräche 
am 29. Febr. 1527 tiefere Nachwirkungen kaum hinterlassen 7 ). 

Indem eine neue Verordnung vom 18. Juli 1530, die am 
12. Sept., 24. Okt. 1530 und am 29. April 1531 8 ) abermals einge- 
schärft wurde, wiederum auf gute Predigt und Prediger besonderen 
Nachdruck legt, ist sie ein weiteres Bindeglied zwischen den 
Kirchenordnungen und ihren Vorläufern. Sie gebrauchte auch zum 
ersten Male den Ausdruck 'Wort Gottes und Evangelium', während 
es 1525 nur 'Wort Gottes 1 gehießen hatte 9 ). Auf die Kirchen- 
ordnung wird 1530 ferner schon ausdrücklich hingewiesen. Sie 
muß also schon damals geplant gewesen sein. Von ihr ist auch 
die Rede, wenn Herzog Johann wenig später 10 ) an die Lippstädter 

1) Redüch Nr. 219, S. 223. 

2) Redlich 233 30 f., 242 „ff., 246 „ff., 247 14 . 

3) Redlich 235 4i , 242„, 251 30 - II 1 (1911) S. 6 34 . 

4) Redlich 234 10 , 264,0. Vgl. S. Riezler, Geschichte Bayerns 6 (1903) S. 234 
Anm. 1. 

5) Vgl. Redlich II 2 (1915) S. 5ff* 

6) So Wolters S. 49 ff. 7) Schmitz S. 45 f. 

8) Redlich Nr. 235, S. 242 f. II 2 S. 3* 

9) Die Kirchenordnung spricht allein vom „heiligen Evangelium". 

10) H. Hamelmanns geschichtliche Werke her. von Cl. Löffler, II 332 (Ver- 
öffentlichungen der Historischen Kommission der Provinz Westfalen 5, 1913). 



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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 193 

schreibt, sie möchten sich, wenn sie eine Kirchenordnung wünschten, 
nnr noch ein wenig gedulden: se editumm Ordinationen), quae citra 
controversiam tolerabilis esse debeat. 

Wenn dann die am 11. Januar 1532, wie man sieht, nach sorg- 
fältiger Vorbereitung endlich erlassene, „von den Gelehrten vor- 
beratene" *) Kirchenordnnng so wenig befriedigte, daß sie so bald 
schon eine besondere Deklaration nötig machte, so könnte man im 
Hinblick auf wichtige Ereignisse der Reichsgeschichte wohl ver- 
muten, daß beim Herzog eine Zeit lang die Absicht bestanden 
habe, die Kirchenordnung mehr auf die Wünsche der Neugläubigen 
zuzuschneiden. Am 23. Juli 1632 war der Nürnberger Religions- 
friede geschlossen worden und am 16. August mit Johann Frie- 
drich dem Großmütigen, dem Eidam des clevischen Herzogs, einer 
der überzeugtesten Lutheraner unter die regierenden Fürsten auf- 
gerückt. Es ist möglich, daß die erwähnte Rätekonferenz auch 
zu dem Zwecke einberufen wurde, die Kirchenordnung mit den seit 
ihrer Veröffentlichung im Reiche zu Ungunsten der altgläubigen 
Partei eingetretenen Veränderungen in Einklang zu bringen 2 ). Die 
radikalere Richtung erzielte jedoch in Düsseldorf keine Mehrheit. 
Gegen sie vor allem wird man auf der Notwendigkeit einer Konsul- 
tation des Erasmus bestanden haben. Das Ergebnis ist die De- 
klaration vom 8. April 1533, die trotz einiger Zugeständnisse nach 
links mit der Bärchenordnung im wesentlichen übereinstimmt und 
die Kontinuität der gesetzgeberischen Entwicklung abermals er- 
kennen läßt. 

Überblickt man diese Reihe der allgemeinen kirchlichen Ver- 
ordnungen aus den Jabren 1491 — 1530, von der man nicht weiß, 
ob sie vollständig ist, so ergeben sich zwischen ihnen und den 
Kirchenordnungen von 1532/3 zahlreiche Parallelen. Bereits in 
jenen findet man herkömmliche religiös-kirchliche Anschauungen 
der clevischen Regierung, Grandgedanken der spezifisch clevischen, 
auf die Initiative des Landesherrn und seiner Räte zurückgehenden 
Kirchenreform vielfach ausgesprochen. Wenigstens die Haupt- 
gegenstände der Kirchenordnungen sind im allgemeinen schon in 
den älteren Verfügungen behandelt, und zwar wesentlich im gleichen 
Sinne. Wenn sich nun auch diese aus den älteren in die jüngeren 
Ordnungen wenigstens der Hauptsache nach herübergenommenen 
Materien vielfach, wie noch zu zeigen ist, mit Grundgedanken des 
Erasmus berühren, so können sie doch wenigstens äußerlich nicht 



1) Redlich II 2 S. 4* Anm. 2. 

2) L. Keller im Historischen Taschenbuch VI 1 (1882) S. 135 ff. 

13 



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194 Justus Hashagcn 

auf Erasmus zurückgeführt werden, da sie lange vor ihm von den 
clevischen Kirchenreformern in Bearbeitung genommen worden sind. 
Um so weniger hat hier Erasmus als eine wesentlich Neues 
schaffende Kraft wirksam werden können, als jene älteren Ver- 
ordnungen mit der gesamten Reformtätigkeit der Herzöge durchaus 
in Einklang stehen. Freilich enthalten die Kirchenordnungen gegen- 
über ihren Vorläufern auch ein bemerkenswertes Plus, da sie sich 
beispielsweise auch mit dem Credo, der Taufe, dem Abendmahl, 
den Fasten und den Heiligen beschäftigen. Wenn man Be- 
stimmungen über diese wichtigen Gegenstände in älterer Zeit 
durchweg vermieden hat, während sie jetzt in den Kirchen- 
ordnungen sorgfältig ausgestaltet werden, so ergibt sich schon 
daraus allerdings zur Genüge, daß der Inhalt der Kirchenordnungen 
mit dem Hinweis auf ihre niederrheinischen Vorläufer allein nicht 
erklärt ist. 

Andrerseits stammt die immer wieder betonte rechtliche Grund- 
lage dieser Verfügungen mit Einschluß der Kirchenordnungen nicht 
von Erasmus, sondern aus der Initiative des landesherrlichen 
Kirchenregiments. Als ihr natürlicher Ausfluß stellt sich schon 
die Verordnung von 152B dar, die vom Herzoge „als Landes- 
fürsten" erlassen wird. Indem sie ferner ihre Giltigkeit bis zum 
Eingriff eines Konzils, des Kaisers und der Reichsstände begrenzt, 
stellt sie sich auch damit auf den Boden des Reformationsrechts 
der weltlichen Gewalt, über die auch auf dem Düsseldorfer Reli- 
gionsgespräch verhandelt wurde 1 ). Auch die Verordnung von 
1530 läßt über diesen Punkt keinen Zweifel. Indem ferner als 
Motive neben dem Seelenheil auch die „Besserung des Lebens" und 
die „Erhaltung des Friedens" angegeben werden, trägt man neben 
dem religiös-kirchlichen deutlich genug auch dem moralischen und 
landespolizeilichen Interesse Rechnung. Eben diese Verordnung 
von 1530 ist aber in die Kirchenordnung inseriert. Die beiden 
zugrunde liegende Rechtsauffassung wird auch von der Deklaration 
selbstverständlich geteilt. Auch gegen die Lutheraner war man 
nicht wie im benachbarten Geldern auf Grund eines päpstlichen 
Indultes, sondern auf Grund der landesherrlichen Polizeigewalt 
vorgegangen *). Freilich charakterisiert diese sich zugleich immer 
als landesherrliches Kirchenregiment und darf trotz ihres Fern- 
bleibens vom dogmatischen Gebiete nicht als „eine rein politische" 
bezeichnet werden 8 ). 

1) Schmitz S. 99 f. 2) Redüch S. 229 Anm. 1. 

3) So Wilhelm Meier in den Beiträgen zur Geschichte des Herzogtums Cleve 
(1909) S. 354 f. 



i , Original froni 

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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 195 

Es könnte zunächst befremden, daß sich Erasmus herbeiließ, 
an einer Kirchenreform mitzuarbeiten, die nicht von den legalen 
kirchlichen Instanzen ausging, sondern vom landesherrlichen Kirchen- 
regimente, also von der weltlichen Gewalt, wo doch Erasmus und 
seine Schüler die Initiative und die Machtentfaltung des Staates 
auf diesem Gebiete sonst grundsätzlich bekämpften '). Doch wenig- 
stens Heresbach zollte später dem kirchenregimentlichen genius 
loci in dieser Hinsicht im elften Kapitel seiner von der praktischen 
clevischen Kirchenpolitik stark beeinflußten Schrift de re publica 
Christiane administranda von 1570 2 ) seineji Tribut, indem er mit 
Berufung auf die schon der laienfreundlichcn Publizistik des Mittel- 
alters geläufigen historischen Gewährsmänner und Präzedenzfalle 
sogar Konstantins Erlaß an die Bischöfe beifällig zitierte: 'Tpetg 
. . . bIöco rijs lxxXrj<jtag y kyh ö\ %(ov ixrbg vxb &eov xa^aGta^ivog 
ixiöxoitog. — Dem Standpunkte des Erasmus aber scheint die cle- 
vische Kirchengesetzgebung wenigstens ihrer formalrechtlichen 
Grundlage nach zu widersprechen. Und wenn der Gelehrte seiner- 
seits über diesen Widerspruch hinwegsah und seine Mitarbeit 
trotzdem zur Verfügung stellte, so könnte man darin einen Beweis 
erblicken für das Vorwalten des religiösen gegenüber dem kirchen- 
rechtlichen und kirchenpolitischen Interesse bei dem alternden 
Erasmus. 

Aber auch sonst war Erasmus in seiner letzten Zeit kein un- 
versöhnlicher Gegner des landesherrlichen Kirchenregimentes mehr. 
Darauf läßt schon die bittere Kritik schließen, die auch noch seine 
Alterstraktate an den ihre geistlichen Amtspflichten vernach- 
lässigenden Bischöfen übten. In der Regel betont Erasmus zwar, 
daß nur die geistliche Gewalt das Reformationsrecht habe. Dem 
herzoglich-sächsischen Kanzler Simon Pistoris gegenüber beschränkt 
er es noch im Oktober 1526 3 ) auf die proceres ecclesiae, denen er 
freilich dabei die äußerste Vorsicht empfiehlt 4 ). In der kurz 
vorher verfaßten Christiani Matrimonii Institutio äußert er sich 
ausführlich in ganz ähnlichem Sinne a ). Auch noch seine gegen die 
Zensur der Pariser theologischen Fakultät gerichteten Deklarationen, 
die 1532 in zweiter Auflage erschienen 6 ), wahren diesen Stand- 

1) Wolters S. 50. L. Keller in der. Zeitschrift des Bergischen Geschichts- 
vereins 15 (1879) S. 125. 

2) Sammelband seiner Schriften von 1592 S. 262ff. Vgl. Wolters S. 204 ff. 

3) cd. Geß II Nr. 1340, S. C38f. (1917). 

4) De sarcienda ecclesiae concordia (1533): V 499 B ff., 504 f. Ecclesiastes 
(1535): 840 Bff. 

6) V 627 E, 642 f. 
G) Paulus S. 205 f. 

13* 



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196 Justus Hashagen 

paukt in ausdrücklichem Gegensatz zu Luther 1 ). Auch bei Erasmus 
ist das Konzil die für das Reformationswerk entscheidende In- 
stanz 2 ), und die Fürstenknechte unter den Bischöfen sind ihm 
besonders zuwider 3 ), wie er denn schon in der Adagia seiner 
Pürstenkritik freien Lauf gelassen hatte 4 ). Da er aber andrer- 
seits die weltliche Fürstengewalt schließlich doch sehr hoch be- 
wertet und kaum eine Gelegenheit verstreichen läßt, ohne ihr seine 
Ehrerbietung zu bezeugen, so wird es begreiflich, daß er die Ein- 
griffe der weltlichen Fürsten ins kirchliche Gebiet nicht überall 
ablehnt, sie zum mindesten duldet und dann den Fürsten nur das 
Verantwortlichkeitsgefühl auf dem staatskirchenrechtlichen Gebiete 
zu stärken sucht. Wo er in seinem Ecclesiastes von 1535 5 ) fest- 
stellen muß, 'daß in einigen Gegenden allein der Wille des Fürsten 
Bischöfe und Äbte schaffe 1 , verwirft er diesen Zustand nicht, son- 
dern dringt nur darauf, daß die Fürsten bei diesem Geschäft et 
animum et Judicium adhibeant Christianum. Dann müßten sie aber 
auch den von ihnen Ernannten die gebührende Ehre und den ge- 
bührenden Gehorsam erweisen. Aus Anlaß einer Kritik des auch 
von der clevischen Regierung seit alters bekämpften Inkorporations- 
onwesens nennt er als verantwortlich nebeneinander G ) Bischöfe 
und Fürsten und verlangt von ihnen, daß sie 'diejenigen, welche 
die Einkünfte beziehen, auch zur Verwaltung ihres Amtes nötigen' 7 ). 
Die Herstellung der ihm so sehr am Herzen liegenden Polyglotte 
erwartet er von der Fürsorge der Fürsten 8 ). Von einer Gleich- 
ordnung der geistlichen und der weltlichen Gewalt ist jedoch bei 
ihm nirgends die Rede. Als er 1524 8 ) einmal von der Bestellung 
guter Beichtväter und der Bestrafung oder Absetzung der schlechten 
spricht, .meint er: praesulum aut etiam magistratuum partes erant 
. . . deligere quam maxime idoneos. Er ist sich des Zugeständnisses, 
das er hier der weltlichen Gewalt macht, durchaus bewußt. Seine 



1) IX 828 D. Vgl. Stichart, Erasmus. Seine Stellung zu der Kirche und 
zu den kirchlichen Bewegungen seiner Zeit (1870) S. 27 ff., 167. 

2) De sarcienda ecclesiae concordia: V 502 D, 503 C, 504 C, 505 A; III 2 
Nr. 512, S. 1891 E. Vgl. J, Lindeboom, Erasmus. Onderzoek naar zijne theologie 
en zijn godsdienstig gemoedbestaan (Leidener theologische Dissertation 1909) 
S. 110. 

3) Ecclesiastes (1635): V 823 F, 832 A, 1069 E. 

4) F. v. Bezold, Geschichte der deutschen Reformation (1886) S. 223. 

5) V 819 D. E; vgl. 823 F. 

6) Vgl. Stichart S. 277, 279, 285. 

7) Stichart S. 109 f. 

8) Stichart S. 238. 

<») Exomologesis : V 156 E. 



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Erasmus und die clevischea Kirchenordnungen von 1532/3 197 

Haitang zum landesherrlichen Kirchenregiment ist ähnlich zwie- 
spältig wie die des Herzogs Georg von Sachsen l ), mit dem er auf 
so vertrautem Fuße stand, so daß es nicht wunder nimmt, wenn 
dessen Rat Georg v. Carlowitz, der im Gegensatz zq seinem Herrn 
das Reformationsrecht den „layischen Häuptern" zuweisen will, 
darin von Erasmus beeinflußt wird 2 ). Nach dem allen wird man 
annehmen dürfen, daß Erasmus an der Begründung der clevischen 
Kirchenreform auf das landesherrliche Kirchenregiment um so 
weniger Anstoß nahm, als er von der vorzüglichen Qualifikation 
der niederrheinischen Landesherrn zu diesem großen Werke über- 
zeugt war. Immerhin ist und bleibt aber auch die Rechtsgrund- 
lage der clevischen Ordnungen etwas, was nicht von Erasmus hin- 
eingebracht, sondern von ihm höchstens geduldet wurde. 

III. Erasmus 1 direkter Einfluß auf die clevischen 

Kirchenordnungen. 

Mancherlei Schwierigkeiten stehen der sicheren Ermittelung 
der erasmischen Bestandteile der clevischen Kirchenordnungen ent- 
gegen. Übereinstimmungen in ganz allgemeinen Gedanken reichen 
nicht aus, um einen direkten Einfluß des Erasmus auf die Kirchen- 
ordnungen sicherzustellen. Denn abgesehen davon, daß Bibel 
und Kirchenlehre einen fonds common darbieten, aus dem beide 
unabhängig voneinander geschöpft haben können, sind gerade die 
beiden allgemeinen Hauptmerkmale der Kirchenordnungen , der 
Biblizismus und der Moralismus, nicht erst erasmisch, sondern be- 
reits entscheidende Bestandteile der Devotio Moderna. Daß Erasmus 
ihr darin tief verpflichtet ist, hat man 8 ) erst neuerdings vortreff- 
lich aufgezeigt. Aber auch die clevische Kirchengesetzgebung ist, 
wie bemerkt, schon direkt von ihr berührt. Die große Rolle, die 
die Brüder vom Gemeinsamen Leben gerade am Niederrhein ge- 
spielt haben, ist bekannt 4 ). Auch im Hinblick auf die boden- 
ständige Vorgeschichte der Kirchenordnungen wird man das Neue, 



1) 0. A. Hecker, Religion und Politik in den letzten Lebensjahren Herzog 
Georgs (1912) S. 10—15, 17 ff., 109—119. 

2) Hecker S. 62 f., 73 ff., 77 f. Vgl. 102, 104 f., 107. 

3,i P. Mestwerdt, Die Anfänge des Erasmus: Humanismus und Devotio Mo- 
derna: Studien zur Kultur und Geschichte der Reformation 2 (1917) S. 87 ff., 
113, 119 ff., 133 ff., 141 ff., 147 ff., 227 ff. H. Ernst, Dio Frömmigkeit des Erasmus : 
Theologische Studien und Kritiken 92 (1919) S. 66, 59, 61 ff-, 76. Vgl. schon 
L. Keller in der Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 15 (1879) S. 121. 

4) E. Liesegang, Niederrheinisches Städtewesen vornehmlich im Mittelalter : 
Gierkes Untersuchungen 52 (1897) S. 6. 



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198 Justus Hashagen 

was ihnen die Mitaxbeit des Erasmus gebracht hat, nicht über- 
schätzen dürfen. 

Andrerseits ist es jedoch nicht möglieb, alles in den Kirchen- 
ordnungen aus den älteren Anregungen zu erklären. Die äußeren 
Zeugnisse über die Mitarbeit des Erasmns wiegen trotz ihres dürf- 
tigen Umfang8 zu schwer, als daß man sie übersehen könnte. 
Direkter Einfluß des Erasmus auf die Kirchen Ordnungen macht 
sich wenigstens an solchen Stellen bemerkbar, wo Übereinstimmungen 
in speziellen Anschauungen und in den Formalien vorliegen. Für 
die Charakteristik der clevischen Kirchenordnungen ist aber natür- 
lich nicht nur dasjenige bedeutsam, was sie von Erasmus über- 
nehmen, sondern auch dasjenige, worin sie von ihm abweichen, 
was meistens auf die äußere Tatsache zurückzuführen ist, daß es 
sich um Kirchenordnungen handelt und nicht um theologische 
Schriften, die für Gelehrte, oder um vertrauliche briefliche Äuße- 
rungen, die für intime Freunde bestimmt sind. Es würde auch 
nicht genügen, nur die Schriften des Erasmus vor 1533 heranzu- 
ziehen. Auch die Arbeiten seiner letzten drei Lebensjahre ver- 
dienen Beachtung, da sie bei Erasmus häufig auf älteres Material 
und ältere Erwägungen zurückgehen und mit seinen früheren 
Werken sowohl nach der kritischen wie nach der erbaulichen Seite 
eine größere Übereinstimmung aufweisen, als gewöhnlich zugegeben 
wird. Das gilt namentlich von dem großen homiletischen Alters- 
werke, das Erasmus unter dem Titel Ecclesiastes sive Concionator 
Evangelicus ein Jahr vor seinem Tode veröffentlichte und seinem 
Freunde, dem Augsburger Bischof Christof v. Stadion, widmete, 
der den Protestanten noch mehr Zugeständnisse machte als die 
niederrheinischen Kirchenreformer. Mit ihrem weit über das Thema 
hinausgreifenden Inhalt berührt sich diese Homiletik so vielfältig 
mit den ebenfalls homiletisch besonders interessierten clevischen 
Kirchenordnungen, daß man annehmen darf, Erasmus habe einzelne 
der in ihr niedergelegten Gedanken schon 1532/3 bei den Verhand- 
lungen mit den clevischen Räten ausgesprochen. Der Inhalt ist 
aber nach Ausweis seiner älteren Schriften vielfach überhaupt 
früheren Datums. Ein äußeres Zeugnis für den Zusammenhang 
zwischen dem Ecclesiastes und den Kirchenordnungen darf man 
vielleicht auch darin erblicken, daß am clevischen Hofe der all- 
gemeine "Wunsch bestand, der Gelehrte möchte das Buch dem 
Herzog widmen 1 ). Ferner wird der Ecclesiastes in dem späteren 



1) Heresbach an Erasmus 1535 Juli 28.; L. K. Entboven, Briefe an Erasmus 
(1906) S. 155. 



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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 199 

Kirchenordnungsentwurfe Herzog Wilhelms V. vom 12. Januar 1567 l ) 
am Schlüsse des zweiten homiletischen Kapitels, S. 285, ausdrück- 
lich empfohlen. Nicht minder zweckdienlich ist es, auch spätere 
Äußerungen niederrheinischer EraBmianer, insbesondere Heresbachs, 
dessen einschlägige Hauptwerke meist erst nach seinem Tode ver- 
öffentlicht wurden, zum Vergleiche heranzuziehen, da auch in ihnen 
vielfach nur ältere Fäden weitergesponnen werden. Angesichts der 
labilen Geistesverfassung Heresbachs und angesichts anerkennender 
lutherischer Urteile, die trotz aller sonstigen scharfen Kritik doch 
immer wieder auftauchen, wird man endlich lutherische Einflüsse 
gewiß nicht ganz von der Hand weisen dürfen. Die allgemeine 
konfessionelle Kompromißströmung, die in den dreißiger Jahren 
einsetzt, wird über Erasmus hinans nicht ohne Einfluß geblieben 
sein. Der aufrichtige Vermittlungswille der clevischen Kirchen- 
ordnungen, der mehr in dem liegt, was sie verschweigen, als in 
dem, was sie verfügen, ist unverkennbar und von fast allen Beur- 
teilern hervorgehoben worden. Vielleicht bot er auch lutherischen 
Anregungen Raum. Aber immerhin stehen sie nur ganz in zweiter 
Linie und können gegenüber den bodenständig-clevischen und den 
erasmischen nicht aufkommen. 

Was zunächst diejenigen Artikel der Kirchenordnungen be- 
trifft, die den älteren Ordnungen noch fehlen, so zeigt sich in 
denen über die Taufe, die damals als besonders aktuell gelten 
können, der Einfluß des Erasmus. Wie die Kirchenordnungen so 
behandelt auch Erasmus, wo er von der Taufe spricht, mit Vor- 
liebe zwei Gegenstände: die Bedeutung der Taufe und die Not- 
wendigkeit der Belehrungen der Eltern und Paten im Hinblick 
auf die Kinder. Man nannte diese Belehrungen die Catechismi, 
und dasselbe Interesse für sie wie die Kirchenordnung (249 u) be- 
kundet Erasmus' Apologia adversus-articulos . . . per monachos . . . 
in Hispaniis exhibitos von 1528 (IX 1062 B), wenn sie klagt: In- 
fantes hodie sine vero Catechismo baptizentur. Kirchen Ordnung und 
Deklaration dringen ferner übereinstimmend darauf, daß die Täuf- 
linge später über den Sinn ihrer ersten Gelübde unterrichtet 
werden (249 12 ff., 270 10 f.). Dafür interessiert sich auch die Apo- 
logie (IX 1061 C— F)- In den Deklarationen gegen die Pariser 
theologische Fakultät von 1531/2, S. 820 Af., empfiehlt Erasmus, 
die Täuflinge zum Besuch von Predigten anzuhalten, in quibus 
illis dilucide declaretur, quid in se contineat professio baptismi. 

1) J. D. von Steinen, Beschreibung des Reformationshistorie des Herzogthums 
Cleve (1727) Beilage 10, S. 263—388. Vgl. Wolters, S. 175 ff. Redlich in der 
Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 47 (1914) S. 204 Anm. 50. 



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200 Juetus Hashageu 

Sie sollen dann nach der Predigt privatim von rechtschaffenen 
Männern, also wohl von Laien, geprüft werden, ob sie verstanden 
haben : quod susceptores illorum nomine polliciti sunt in baptismo. 
Für Renitente empfiehlt Erasmus schonende Behandlung. Auch 
der Ecclesiastes legt auf diese Unterweisung durch den Catechista 
das größte Gewicht (V 831 D). Erasmus ist gelegentlich noch 
weiter gegangen und hat sich mit der Forderung der Wiederholung 
des Taufgel iibdes 1 ) durch die Herangewachsenen täuferischen An- 
schauungen genähert, ferner nicht nur in den Deklarationen von 
1529 (IX 851 E) den apostolischen Ursprung der Kindertaufe be- 
stritten, sondern auch noch 1533 den Eltern die Verschiebung der 
Taufe bis zur Mündigkeit der Kinder freigestellt (III 2 Nr. 512, 
S. 1891 E). Wenn die Kirchenordnungen ihm auch darin aus nahe- ' 
liegenden Gründen nicht folgen, so lassen sie doch wie er die 
eigentlich kirchliche Lehre von der Taufe stark zurücktreten und 
übergehen das Firmungssakrament ebenfalls. Beiden gemeinsam 
ist das Streben nach Verinnerlichung, wie Erasmus schon in den 
Kolloquien 2 ) die Heiligungskraft des bloßen Taufzeremoniells in 
Frage gestellt hatte. 

Ahnlich ist das Verhalten zum Abendmahl. Erasmus 1 gelegent- 
liche Hinneigung zur Freigabe des Laienkelchs 3 ) wird von der 
clevischen Regierung im Gegensatz zu später zwar noch nicht ge- 
teilt. Aber auch hier wird die heiß umstrittene Abendmahlslehre 
als solche von der Kirchenordnung nur ganz kurz berührt, wenn 
sie sich auf die Feststellung beschränkt: „daß in dem . . . Sakra- 
ment . . . wahrhaftig Leib und Blut Christi sei* (249i6ff.). Während 
die Deklaration auf diesen Fundamentalsatz überhaupt nicht wieder 
zurückkommt, fordert sie wie Erasmus im Ecclesiastes (V 831 E) 
um so energischer eine Unterweisung des Volkes über Kraft und 
Bedeutung des Sakraments und'faßt diese im wesentlichen moralisch, 
worüber sie ausfuhrliche Anweisungen gibt (270 f.). Sie bewegt 
sich damit auf alterasmischem Boden. Denn schon das von den 
landesherrlichen Visitatoren am Niederrhein noch 1533 den Pfarrern 
empfohlene 4 ) Enchiridion von 1501 5 ) hatte die moralisierende Ver- 
geistigung des Sakraments ergreifend gepredigt und es auf bibli- 
scher Grundlage als Symbol christlicher Einigkeit gefeiert. Das 
tat der großer Ireniker aber auch noch ein Menschenalter später 

1) Lindeboom S. 129 f. 

2) Stiebart S. 131. 

3) Stichart S. 217. Lindeboom S. I4G. 

4) Redücb II 1 (1911) S. 355, 503. 

5) V 30 F, 31 A, 35 F. 



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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 201 

am Ende eines enttäuschungsreichen Lebens im Ecclesiastes l ), und 
die für den Frieden arbeitende Deklaration folgt ihm darin 
(270s4ff.) gerne und untersagt es besonders, dat die prediger dat 
. . . sacrament ... zu ursach der zwidracht . . . leren, usdeilen und 
misbruichen (271ioff.). 

Die von den Kirchenordnungen berührte Fastenfrage beschäf- 
tigte auch Erasmus von jeher lebhaft. Schon mit Rücksicht auf 
seine schwache Gesundheit konnte er einer rigorosen Fastenaskese 
nicht das "Wort reden. Auch hier widerstand ihm alle Übertreibung 
um so mehr, als er bei seinen von ihm selbst unablässig so hoch 
gepriesenen patristischen Vorbildern, bei Ambrosius und bei Augustin 
(im Gegensatz zu dem strengeren, durch die Askese schließlich zu- 
grunde gerichteten Basilius), ebenfalls einen gemäßigten Stand- 
punkt vertreten fand 2 ). Wenn Bickel von Augustin sagt, daß der 
Zweck des Fastens bei ihm „die Zügelung und Beherrschung ver- 
werflicher und unsozialer Triebe" sei, und daß er dabei auf die 
Gesundheit stets Rücksicht nehme, so gilt das auch von Erasmus. 
Die clevischen Kirchenreformer stehen auf demselben Standpunkt, 
wenn sie auch aus der besonders reich entwickelten Fastenlehre 
des Erasmus nur einen bescheidenen Ausschnitt bieten. Was sie 
im Einzelnen sagen und anordnen, begegnet durchweg auch bei 
Erasmus. Ebenso wenig wie er verwerfen sie die Fasten. Denn 
sie schätzen sie als Mittel zur Zähmung des Fleisches 3 ), so auch 
Erasmus in" der vielbeachteten Epistola Apologetica de interdicto 
esu carnium an seinen Freund, den Baseler Bischof Christof v. 
Utenheim, (1522): ad dominandam corporis lasciviam, ne ferociat 
ad versus spiritum (IX 1197 C), und zehn Jahre später in den De- 
klarationen: jejunium admonet ab omnibus carnis cupiditatibus 
temperandum 4 ). Kranken und Schwachen erteilen die Kirchen- 
ordnungen Dispens (2516, 27633 ff.), da das 'Gesetz der Kirche* dem 
nicht entgegenstehe. So auch Erasmus in der kurz nach der De- 



1) V 820 F. Vgl. Stichart S. 219, 221. Lindeboom S. 136, 140, 144. 

2) E. Bickel, Das asketische Ideal bei Ambrosius, Hieronymus und Augustin : 
Neue Jahrbücher 37 (1916) S. 457 ff. 

3) 250 1,. Kbenso im Entwurf zum Gutachten über die Augustaua, den u. a. 
Ylatten und Heresbach beim AVormser Religionsgespräche im Dez. 1540 erstatten 
(Redlich 313«), und Heresbach, Chri6tianae jurisprudentiae epitome (1586) IV 11 
S. 102 f.: Quamquam ex libertate Christiana nemo certis dierum jejuniis astringetur 
. . ., ad carnem tarnen laseivientem coercendam et ad sobrietatem conservandam 
quisque sibi legem indicere debet pro naturae suae constitutione eumque eibum et 
potum vitare, quo 6entit se ad lasciviam . . . provocari. 

4) IX 889 E. Vgl. Lindeboom S. 110. 



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202 Justus Hashagen 

klaration fertiggestellten Schrift über die Eintracht der Kirche: 
hos nequaquam obligat ecclesiae constitutio x ). Aber die Nächsten- 
liebe darf dadurch nicht gekränkt und der Nächste darf nicht ge- 
ärgert werden: darin sind die Kirchenordnungen (2517 f.) ebenfalls 
mit Erasmu8 2 ) einverstanden. Aber auch die Kirchenordnungen 
bleiben ebenso wenig wie Erasmus im Äußerlichen stecken. Man 
solle nicht nur an den Fasttagen fasten, sondern 'in degelicher 
meesicheit und afbroch 1 leben, damit der Körper dem Geist unter- 
tänig gemacht werde, sagt die Deklaration (27624—32). Erasmus 
empfiehlt in seinen Deklarationen in scharfen Antithesen ebenfalls 
(IX 828 C) : ut pro indicta abstinentia certorum ciborum succederet 
perpetua sobrietas in omni ciborum genere, und den Protestanten 
hatte er die Apostel vorgehalten, die zwar keine gebotenen Fast- 
tage gekannt, aber doch täglich gefastet hätten 5 ). So herrscht 
in allen Hauptsachen Übereinstimmung, und die Fastenartikel der 
Kirchenordnungen enthalten kaum einen Satz, der sich nicht auch 
bei Erasmus fände. Freilich legen sie sich auch hier eine größere 
Zurückhaltung auf, als Erasmus besonders in seinem apologetischen 
Fastenbriefe an den Baseler Bischof getan hat. Auch sind sie 
vorsichtig genug, sich nicht auf die ebenso gelehrte wie geistvolle 
geschichtliche und biblische Kritik einzulassen, der Erasmus die 
kirchliche Fastenlehre unterzog 4 ). 

Eine ähnliche Zurückhaltung beobachten sie anders als Erasmus 
gegenüber den Heiligen. Während Erasmus die nicht durch die 
Bibel bezeugten Heiligen und allzu häufige Heiligenpredigten ver- 
warf und besonders die dabei üblichen Übertreibungen und den in 
ihnen grassierenden Aberglauben bekämpfte, sagen die Kirchen- 
ordnungen von dem allen zwar nichts ; aber sie warnen wie Erasmus 
und noch schärfer später Heresbach 6 ) vor der Anbetung der Hei- 
ligen (275g2) und sehen in ihnen, wofür sie sich auf Augustin be- 
rufen, besonders moralische Vorbilder 6 ). Der Mahnruf des Enchiri- 



1) V 504 E. Vgl. Declarationes von 1532: IX 827 A, 828 A f. Lindeboom 
S. 48 ff. 

2) Declarationes: IX 832 B. Explanatio Symboli: V 1172 Bf. Concordia: 
V 504 F. Colloquia bei Stichart S. 129. Ecclesiastes : V 284 F. Ebenso der 
Entwurf des Wormser Gutachtens 314 5 . 

3) Epistola contra quosdam, quise falso jaetant Evangelicos (1529): X 1578 F. 
Epistola Apologetica etc.: IX 1197 E. 

4) Lindeboom S. 48 ff., vgl. 110 f. und v. Burigny-Henke I 459 f. 

5) Christianae Jurisprudentiae Epitome (1586) II 1 f., S. 37 ff. IV 31 S. 123. 

6) 275 2& ff., ebenso der Entwurf zum Wormser Gutachten 312 ift und Heres- 
bach II 2 S. 42. IV 31, S. 123. 



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EraBmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 203 

dions: Christum facito in sancis imiteris 1 ) ist auch der ihre. An 
einer berühmten Stelle hatte Erasmus im Lobe der Narrheit dar- 
über geklagt, daß so viele am helllichten Tage der Matter Gottes 
eine Kerze anzündeten, währenft so wenige ihr wirklich nach- 
eiferten. Gegen die Veräußerlichung der Heiligenverehrung mit 
Einschluß der für jedes Land und jedes Gebrechen spezifischen 
hatte er damals und vorher im Enchiridion scharfe Streiche ge- 
richtet 2 ). Er wagt sie aber auch noch in seiner Freiburger Spät- 
zeit. So schreibt er am 7. März 1530 an den Erzbischof Sadolet 
(III 2 Nr. 1094, S. 1270 D): Praeposterum sentio, cum cereolis ac 
picturis divos venerantnr tota vita cum illorum moribua pugnantes. 
Und auch in der Schrift über die Eintracht der Kirche muß er 
den bei der Heiligenverehrung weit verbreiteten Aberglauben zu- 
geben (V 501 A). 

Wenn die Deklaration S. 266 f. die Prediger zur Bekämpfung 
des Volksaberglaubens anhält, so ist das im allgemeinen gewiß im 
Sinne des aufgeklärten Erasmus, nur daß er selbst ähnlich wie 
andere Humanisten noch tief in Dämonen- und Hexenwahn ver- 
strikt ist. In seiner Exomologesis von 1524 (V 150 F) figuriert 
unter den schweren Verbrechen auch noch die collusio*cum impuris 
spiritibus. Am 19. November 1533 3 ) berichtet Erasmus von einer 
Hexe, die in Eylchove bei Freibarg nach achtzehnjährigem Ehe- 
bruch mit einem Teufel verbrannt worden ist. Ohne den Schatten 
eines Zweifels berichtet der sonst stets bereite Spötter von diesem 
armen Geschöpfe : Confessa est, quod per amatorem suum [i. e. dae- 
monem] in hoc oppidum miserit aliquot magnos saccos pulicum. 
Nun weiß Erasmus, woher seine Plagegeister stammen. — ■ 

Aber auch in den Artikeln der Kirchenordnungen, die ihrem 
allgemeinen Inhalte nach schon von ihren niederrheinischen Vor- 
läufern berührt worden waren, stößt man überall auf spezifische 
Gedanken, Wünsche und Forderungen des Erasmus. Es ist gewiß 
kein Zufall, daß beide, die Kirchenordnung und Erasmus, während 
sie sonst in der Sakramentslehre keineswegs allen Anforderungen 
der Orthodoxie genügen, doch auf Buße und Beichte die größte 
Aufmerksamkeit richten. Das gemeinsame Interesse für die mora- 
lische Auswertung und Auswirkung der Religion, für den 'ritter- 



1) V 31 E, vgl. Cf. III 2 Nr. 512, S. 1891 C. 

2) IV 453 C, 454 A f 443 f., 450 D, 466 C, 467 A, 445 C. V26f. Vgl. Burigny- 
I lenke I 503. II 491 ff. 

3) III 2 Nr. 1260, S. 1480 D. Zu Erasmus' Aberglauben vgl. Burigny- 
Henke II 296 ff. 



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204 Juatus Hashagen 

liehen' Kampf gegen den Teufel und die Sünde ! ) steht bei- beiden 
im Hintergrunde. Erasmus hatte ihm 1524 in einem besonders 
gehaltvollen, aber scharf kritischen Traktate Rechnung getragen. 
Der Titel ist: Exomologesis sive'modus confitendi 2 ). Der Traktat 
ist von den Beichtartikeln der Kirchenordnungen eifrig benutzt 
worden. Nach der Deklaration, S. 272a f., soll jeder sich befleißigen, 
die Sünde 'mehe zu lassen und zu schuwen, dan die mannichfeldic- 
heit und alle umbstende sorgfeldiglich zu erzellen'. Besserung ist 
wichtiger als detaillierte Beichte. Auch Erasmus schildert ihre 
Gefahren: Nimis anxia recensio generum, specierum, circumstantia- 
rum . . . avocat animum a caritate in Deum ac gignit odium ac 
desperationem . . . Haec anxie ac singulatim confiteri et audientem 
onerat supervaeuis et confitentem inutili metu perturbat 3 ) . . . 
Absit anxietas enumerandi commisea et circumstantias . . . Praecipua 
cura est, ut, quod admissum est, detestamur . . . 4 ). Qui in hoc 
. . . statu [sc. in extremis] torquent hominem . . . anxia circum- 
stantiarum discussione, singulorura criminum enumeratione : au rem 
piam faciant, ipsi viderint 5 ) . . . 

Auch bei der Beichte biegen jedoch die Kirchenordnungen dann 
von ErasmiS ab, wenn seine Kritik sich weiter herauswagt, wie 
in der Exomologesis, die die Verführung zur Sünde und besonders 
zur Heuchelei durch Beichtfragen eingehend darstellt 6 ) und des- 
halb auch die Verbreitung deutscher Beichtspiegel unter der un- 
gefestigten Masse verwirft 7 ). Erasmus' Kritik richtet sich aber 
nicht nur gegen die Beichtpraxiß, sondern auch gegen die kirch- 
liche Lehre. Ob die Beichte durch Christus eingesetzt wurde, ist 
ihm zweifelhaft. Er kann gelegentlich die Absolution des Priesters 
zu einer lediglich deklarativen Handlung abschwächen 8 ) und wird 
nicht müde, die direkte Beichte vor Gott besonders in articulo 
mortis zu empfehlen. Die Exomologesis (V 158 A) äußert sogar 



1) 250„. Vgl. Erich Schmidt, der christliche Ritter, ein Ideal des 16. Jahr- 
hunderts, Deutsche Rundschau 04 (1890) S. 196 ff. P. Weber, Beiträge zu Dürers 
Weltanschauung, Studien zur deutschen Kunstgeschichte 23 (1900) S. 18—27. 

2) V 145—170. Vgl. Burigny-Henke I 429 Anm. b. II 488 ff. W. E. Eber- 
hardi: Zeitschrift für historische Theologie 9 III (1839) S. 112 und Erasmus' 
Rechtfertigungsschreiben an die Löwener Theologen vom 1. Juli 1528 (III 1 Nr. 963 
S. 1087 ff.). 

3) Exomologesis V 155 D, vgl. 151 D, 153 C, lbO C. 

4) Concordia V 502 B. 

5) De praeparatione ad mortem vom 1. Dez. 1533: V 1311 D. 

6) V 153 C ff. Vgl. Stichart S. 76 f. 

7) V 160 Bf. Vgl. Lindeboom S. 128. 

8) Lindeboom S. 126. 



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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 205 

den Wunsch, jeder möchte mit Beicht- und Absolutionsrecht aus- 
gestattet werden. Derartiges sucht man in den clevischen Kirchen- 
ordnungen natürlich vergebens; denn gegenüber dem zu Hetero- 
doxien neigenden Erasmus beobachten ihre Verfasser eine feste 
Zurückhaltung. 

Dagegen ist wieder der allgemeine Zeremonialartikel ihrer 
Deklaration sowohl in seiner dogmatischen Grandlage wie in seinen 
Ausführungsbestimmungen, die beide den Zweck der Verinner- 
lichung der Zeremonien verfolgen, ganz von Erasmus abhängig. 
Die Deklaration lehrt (274 a— 10): Dat, glich wie der minsch 
beid an seel und licham geschaffen und erloest, ouch beide deil 
dat loin des ewigen levens erwarten: dat darumb sich geburt, 
dat der ganz minsch, beide mit live und seel, Got . . . diene . . ., 
dan wie die begirde der selicheit in der seien gelegen, so bedarf 
auch die krankheit und tracheit des lichams nach siner art snlcher 
bewegung und vermanonge zu der gotselicheit. Das war auch die 
Lehre der Pariser Theologen, die Erasmus in seinen Deklarationen 
ausnahmsweise einmal von ganzem Herzen billigte: Quod . . . do- 
cent nos utriusqae hominis cultum debere Deo, qui corporum pariter 
ac animarum dominus est: rem piam docent et vehementer ex 
animi mei sententia 1 ). In der Beichtschrift (V 149 C) sagt er selbst: 
Quonjam totns homo peccatis serviens sese erexit adversum Deum, 
par est, ut corpore quoque sese submittat . . . Hanc ob causam 
prisci gubernatores ecclesiae . . . ritus . . . visibiles ac cerimonias 
adhibuerunt . . . Und wenn die clevische Deklaration die Zeremo- 
nien als äußere Zeichen innerlicher Dinge und inwendiger Gott- 
seligkeit preist (274 n. n) so wiederholt sie nur, was schon der 
junge Erasmus im Enchiridion mit hinreißender Beredsamkeit dar- 
gelegt hatte, und woran er auch in seinem Alter, in der Beicht- 
schrift und in den Deklarationen festhielt. Nicht minder ist die 
biblische Begründung (27429) echt erasmisch. Von einer Ver- 
werfung der Zeremonien ist aber weder bei Erasmus noch bei 
seinen niederrheinischen Schülern und Freunden die Rede. In den 
Einzelheiten finden sich natürlich auch Abweichungen. So hatte 
der Ecclesiastes gerade das Wetterläuten verworfen"). 

Besonders die dem Predigtamte gewidmeten Teile der Kirchen- 
ordnungen stehen ganz unter dem Einflüsse des Erasmus. Man 
wird ihn schon in der besonderen Hochschätzung des Predigt- 
amtes 3 ) erblicken. Mit Erasmus wird auf ordentliche Berufung der 

1) IX Ö90 E. Vgl. Epistola Apologetica de interdicto esu carnium S. 1197 C. 

2) 275 tl ff. 

8) Ecclesiastes V 771 C f., 823 f., 831 f. 



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206 Justus Hashagen 

Prediger genau geachtet. Im Gegensatz zu den Schwärmern wird 
verfügt (262 22 ff.): Dat nit acht gegeven werd uf die, so ire be- 
roffung uf himliche [himmlische?] Offenbarung zehen, dwil sie salchs 
mit miraculen und der heilsamer lere des friddens nit beweren. 
Auch bei Erasmus l ) sind die Wunder die Gewähr der apostolischen 
Predigt, während in dem Kirchenordnungsentwurf von 1567 im 
Gegensatz zur herrschenden katholischen Lehre 2 ) die Wunder ver- 
schwunden sind 3 ). Wenn die Deklaration die Absetzung mangel- 
hafter ordentlich berufener Prediger durch das Volk verbietet 
(262aoff.), so waren diese auch von Erasmus in Schutz genommen 4 ). 
Es heißt dann in der Deklaration weiter (26242 — 2632): Dat all 
. . . ufroerisch furnemen . . . zuletzt ein unselich und erschrecklich 
end gnomen, und dabi us der Schrift die exempel der ufroerischen 
Chore 5 ), Dathan, Abiron ... furzußalden. Die Erzählung aus 
Numeri 16 erfreute sich damals im Anschluß an die Patristik 
(Irenaeus adv. haereses IV 43) großer Beliebheit und wurde ver- 
schieden verwertet, von dem Franziskanerobservanten Nikolaus 
Herborn in seiner 1527 *) gedruckten Schrift über die Ordens- 
gelübde z. B. zur Abschreckung vom Ungehorsam. Innerlich damit 
verwandt ist die breite Paraphrase, die Erasmus gleich am An- 
fange seiner Schrift über die Eintracht der Kirche (V 473 D bis 
477 C) den drei alttestamentlichen Sündern, auf die auch sein 
Schüler Heresbach mehrfach zurückkommt 7 ), widmet, wobei er 
Korah als den Prototyp aller die Einheit der Kirche zerreißenden 
Häresiarchen und auch wohl als Vorläufer Luthers hinstellte 8 ). 
So hat denn jenes alttestamentliche Zitat auch in der clevischen 
Deklaration gewiß ein besonderes Gewicht. Andrerseits sind auch 
die in den niederrheinischen Verordnungen üblichen Warnungen 
vor eigennütziger Ausbeutung kirchlicher Amtshandlungen und vor 
Disputationen in den Schenken oft genug auch von Erasmus (und 
von Heresbach 1 *)) erhoben worden. 



1) Epistola contra quosdam, qui se falso jactant Evangelicos (1529); X 1578 A. 

2) J. Marx, Olevian (1846) S. 28. 

3) v. Steinen, S. 271. 

4) Stichart, S. 63 f. 

5) So ist statt chore zu lesen. 

6) L. Schmitt im 67. Ergänzungshefte der Stimmen aus Maria-Laach (1896) 
S. 82. EbenBo in Johann Groppers Enchiridion (1538) f. 36 a. 

7) Sammelband S. 17 und 377. Psalmorum . . . explicatio (1578) S. 15 
und 466. 

8) Vgl. Hecker S. 36 f. 

9) Christiane Jurisprudentiae Epitome IV 13, S. 103. Sammelband S. 266. 



Original frorn 
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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 207 

Daß sich die Deklaration so ausführlich 1 ) mit der Frage der 
Zulassung der Bettelmönche zur Predigt beschäftigt, hat seinen 
äußeren Grund darin, daß sie diese Zulassung im Gegensatz zu 
der Verordnung von 1530 und im Anschluß an die Meinung der 
Rätekonferenz 2 ) ausspricht. Die Bedenken gegen die Mönchs - 
predigt, die hier noch einmal vorgebracht werden, waren auch 
Erasmas nicht fremd. Noch im Ecclesiastes (V 785 A ff.) hat er 
patristische Belege für ungeeignete aus Klöstern hervorgegangene 
Prediger zusammengestellt. Weit schärfer war er natürlich im 
Lobe der Narrheit zugefahren 3 ). Aber auch für die Zulassung der 
Mönche konnten sich die niederrheinischen Gesetzgeber auf den 
Vielgewandten berufen. Im Ecclesiastes a. a. 0. verwahrt er sich 
gegen die Unterstellung, als wenn er glaube, daß aus den Klöstern 
(nimirum et illic animi vere spirituales) nicht auch treffliche Pre- 
diger hervorgehen könnten. Und wenn die Deklaration (263 so) 
auf die Gelehrsamkeit der Mönche verwies, so hatte Erasmus sogar 
im Enchiridion (V35a) schon erklärt: Neque clam me est inter 
eos esse plurimos, qui literis et ingenio adjuti spiritus mysteria 
degustarunt. Die in der Einleitung der Deklaration (261 4 ff.) ge- 
troffenen Bestimmungen über die Reform klösterlicher Seelsorge 
decken sich fast ganz mit den lichtvollen Ausführungen des 
Ecclesiastes (V 809 E) und haben noch später bei Heresbach 4 ) 
einen Nachklang gefunden, wenn er schreibt: Exercitia fierent 
in monachorum sodalitiis declamationum ecclesiasticarum, ut hinc, 
velut e vivariis ecclesiarum, pastores peti possint, quoties opus . . . 

Ahnliches ließe sich für die ausführliche Homiletik der 
Kirchenordnungen (247 20 ff., 265 f.), insbesondere für ihre Emp- 
fehlung der patristischen Exegese, ihre Behandlung der Obscuri- 
tates, der Allegorien u. ä. aufzeigen. Es sind die Gedanken 
des Ecclesiastes, die neben denen der älteren Programmschrift : 
Ratio seu methodus perveniendi ad veram theologiam von 1518 
(V 133 Äff.) überall anklingen. Auch der gleichsam öffentlich- 
rechtliche, politisch-sozial beruhigende Zweck der Predigt (zu ge- 
horsam, frid und einigkeit) ist erasmisch. Den Beziehungen der 
Kirchenordnungen und des Erasmus zur vortridentinischen Homiletik ) 
und Theologie überhaupt 6 ) wäre dabei noch weiter nachzugehen. 



1) 261!-*, 263 j — 26435. 2) Lacomblet, Archiv V 93. 

3) IV 775 Äff. Vgl. Stichart S. 106 ff. 4) Sammelband S. 2G9, vgl. S. 323. 

6) Ein lehrreiches Beispiel ist die Methodus Praedicandi des Franziskaner - 
observaoten Nicolaus Herbonra von 1529, beigebundea der 2. Auflage seines in 
Köln bei Peter Quentel erschienen Enchiridion: Staatsbibliothek München Polem.1260. 

6) H. Lämmer, Die vortridentinische Theologie des Reformationszeitalters 1858. 



Original from 
A ,( UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



208 Justua Hashagen 

Die im Vorstehenden nur für einen kleinen Teil der Kirchen- 
ordnungen durchgeführte Vergleichung mit den Schriften des 
Erasmus entrückt ihre Beeinflussung durch ihn allen Zweifeln. 
Freilich darf man sie sich nicht so vorstellen, als wenn das eras- 
mische Gut erst bei der Vorberatung der Deklaration hineinge- 
kommen sei. Es findet sich ja schon vorher in der Kirchen Ordnung 
und erklärt sich weniger aas der direkten neuerlichen Einwirkung 
des Erasmus auf das clevische Reformwerk, als vielmehr aus den 
älteren Anregungen, die Erasmus in Wort und Schrift den in der 
Kirchenreform führenden Persönlichkeiten am niederrheinischen 
Hofe vermittelt hatte. Eben die zahlreichen erasmischen Bestand- 
teile der Kirchenordnungen werfen ein helles Licht auf die geistige 
Machtstellung des Erasmus in den clevischen Landen. 

IV. Erasmas' indirekter Einfluß. Die Erasmianer. 

Unter den Erasmianern am clevischen Hofe scheint der Aachener 
Scholaster und Propst Johann von Vlatten (c. 1500—1562) *) inner- 
lich dem Erasmus am nächsten gestanden zu haben. Schon 1523 
wurde dem für die Wissenschaften begeisterten Jüngling die Ehre 
zuteil, daß ihm Erasmus seine Ausgabe von Ciceros Tuskulanen 
widmete 2 ), wobei er den Wunsch aussprach, Cicero möchte der 
ewigen Seligkeit teilhaftig geworden sein. Aus der Korrespondenz 
zwischen Erasmus und Vlatten, die die Jahre 1524 — 1533 3 ) um- 
spannt, haben sich leider nur sechzehn Stücke erhalten, die wiederum 
das Vorwalten der humanistischen, besonders der christlich-humani- 
stischen Interesse erkennen lassen und die Frage der Kirchen- 
reform nur gelegentlich berühren, obwohl sie fast alle der Zeit 
nach dem in Erasmus' spätere Entwicklung so tief einschneidenden 
Kampf gegen Luther angehören. 

Schon der erste der erhaltenen Briefe des Erasmus an Vlatten 
vom 21. Juli 1524 4 ) ist ein Zeugnis für eine besondere Intimität 
der beiden Männer. Wenn als Hauptthema der Korrespondenz 5 ) 
immer wieder der Wunsch hervortritt, den gefeierten Gelehrten 

1) W. Harleß in der Allgemeinen Deutschen Biographie 40 (1896) S. 87 ff. 
Redlich in der Zeitschrift des Bergischen Geschieh ts Vereins 41 (190b) S. 162 ff. 
P. Kalkoff: Zschr. für die Gesch. d. Oberrheins 71 (1917) S. 318 Anm. 1. 

2) III 2 Nr. 649, S. 1880ff. Vgl. Wolters S. 145 f. 

3) Eine unzulängliche, teilweise willkürliche Übersicht findet sich bei A. Hora- 
witz, Erasmiana IV: Sitzungsberichte der Wiener Akademie 108 (1885) S. 779 ff. 

4) III 2 Nr. 328, S. 1704 f. 

5) Vgl. die Briefe der Kölner Humanisten Sobius und Hermann v. Neuenahr 
an Erasmus vom 28. Dez. 1526 und 31. März 1529 bei Förstemann Nr. 58 S. 63; 
Nr. 104 S. 119. 



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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 209 

zur Übersiedelung nach dem Niederrhein zn bestimmen, so erklärt 
sich dieser Wunsch auf Vlattens Seite gewiß zunächst aus den 
brennenden humanistischen Interessen. Aber diese sind zugleich 
christlich-humanistisch und stehen in innerer Beziehung zur clevi- 
schen Kirchenreform. Auch um ihretwillen wird man Erasmus' 
Anwesenheit herbeigesehnt haben 1 ). Erasmus spricht am 11. Febr. 
1526*) von der Möglichkeit eines Wiedersehens mit dem nieder- 
rheinischen Freunden. Diese Aussicht begeistert Vlatten in einem 
Aachener Briefe vom 9. April 3 ) zu folgenden Sätzen : Tuum ad- 
ventum omnes boni cupidisBime expectant; cordatissimi enim quique, 
pectus divinum Erasmicum huc ut se conferat, cum ob vite integri- 
tatem tum ob erudicionis et moderacionis specimen, Cristum pre- 
cantur. Wie schon diese Sätze eine entfernte Hindeutung auf die 
Religionsfrage enthalten, so nimmt der inzwischen zum herzog- 
lichen Rat beförderte Freund 4 ) in einem weiteren am 30. November 
1527 (Nr. 79 S. 92) aus Speyer an Erasmus gerichteten Schreiben 
sogar zu Erasmus' Schriften vom Freien Willen in charakteristischer 
Weise Stellung. Zwar meldet Vlatten die Billigung der Schrift 
durch alle Urteilsfähigen. Aber er läßt den Empfänger des Briefes 
in aller geziemenden Bescheidenheit und Ehrfurcht nicht im Zweifel 
darüber, daß er, Vlatten, als echter Humanist den von anderer 
Seite so heiß ersehnten, nunmehr endlich erfolgten Eintritt des 
Gelehrten in den literarischen Kampf gegen Luther im Interesse 
der Erforschung der heiligen Schriftsteller und des ganzen Christen- 
tums bedauere, da er befürchten müsse, daß Erasmus, wenn er sich 
immer mehr „in diese Tragödien", womit Vlatten einen Lieblings- 
ausdruck des Erasmus aufnimmt, verwickeln lasse , von seiner 
gelehrt-christlichen Aufgabe (juxta donum Tibi a Christo elargitum) 
abgezogen werde: jam veterum multi preclari pii Codices, qui ex 
Te . . . nitorem. illustrationem, injurie vindicationem constantissime 
sperant, de se plane actum esse pertimescent. Diese Briefstelle 
ist ein wertvolles Selbstzeugnis des niederrheinischen Humanismus. 
Es ist das Urteil des christlichen Humanisten, der es beklagt, daß 
sich Erasmus überhaupt mit 'solchen Leuten', wie er die Lutheraner 
nennt, eingelassen habe. Die Abneigung gegen das Luthertum, die 
daraus spricht, wird am damaligen clevischen Hofe sicher nicht 
auf Vlatten beschränkt geblieben sein. 

Die kirchlich-konservativen Interessen drängten sich auch bei 

1) Vgl. Wolters S. 60. 

2) III 2 Nr. 330, S. 17043 A. 

3) Förstemann Nr. 37, S. 30. 

4) Redlich a. a. 0. S. 164. 

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210 Justus Haahagen 

Erasmus allmählich wieder mehr in den Vordergrund. Am 8. März 
1528 (Nr. 85 S. 98 f.) bedankt sich Vlatten von Speyer aus für die 
Widmung des Dialogs 'de optimo genere dicendi 1 , des sogenannten 
Ciceronianus *), der im Gegensatze zu den übertriebenen Ciceroni- 
anern eine rückläufige Bewegung zu gunsten des auch von Vlatten 
immer wieder verherrlichten christlichen Humanismus einschlug: 
Vlatten sendet dem Erasmus nicht nur einen Becher, sondern stellt 
ihm auch sein Haus zur Verfügung, worauf Erasmus schon am 
19. sehr freundlich antwortet 2 ). Ein weiteres Schreiben des 
Erasmus vom 24. Januar 1529 **) zeigt von neuem die Stärke der 
rein humanistischen Interessen, durch die die beiden gelehrten 
Freunde mit einander verbunden sind. In dieser Zeit hat der alte 
Plan, den Erasmus an den Niederrhein zu ziehen, noch einmal 
greifbarere Gestalt angenommen. Vlatten berichtet dem Freunde 
am 7. April 1529 4 ) von den [verlorenen] Eingaben, die er deswegen 
an den Herzog gerichtet habe. Aber Erasmus lehnt am 2. Ok- 
tober 6 ) ab : Audio ne Coloniam G ) quidem satis tranquillam esse, et 
illic theologos coepisse nuper in me grunnire . . . Vlatten wieder- 
holt von Augsburg aus am 28. Juni 1530 7 ) den Appell: Deum precor, 
ut Te christianae reipublicae nostrae sanum et incolumem con- 
servet . . ., quo tandem infelici et misere Germaniae . . . elabora- 
tissimis sanctissimisque Tuis dogmatibus suppetias, Tua christiana 
mediocritate atque modestia ferre queas . . . Igitur age, ut peri- 
clitanti orbi christiano et in extremis laboranti coram adsis .... 
Aber in völligem Pessimismus lehnt Erasmus die Übersiedelung an 
den Niederrhein am 9. Juli 1530 8 ) abermals ab, und auch Vlattens 
Augsburger Antwort vom 9. August 9 ) ist ähnlich wie ein Brief 
Heresbachs an Vlatten 10 ) im Hinblick auf den unversöhnlichen 
Gegensatz zwischen dem Kaiser und den Lutheranern auf einen 
trüben Ton gestimmt; er ergeht sich in dunklen Andeutungen, wenn 
er der Befürchtung Ausdruck verleiht, ne Meretrix illa ßabylonica 



1) I 971— 10:*6. Vgl. III 2 Nr. 1003 S. 1136 C. Wolters S. 146 f. L. Geiger, 
Renaissance und Humanismus (1882) S. 534. Lindeboom S. 158. 

2) III 1 Nr. 947, S. 1070. 

3) III 2 Nr. 1008, S. 1140 ff. 

4) Förstemann, Nr. 105, S. 120. 

5) III 2 Nr. 350, S. 1742. 

6) Vgl. Wolters S. 18 f. 

7) Förstemann Nr. 130, S. 145. Ebenso Simon Riquinus, medizinischer Pro- 
fessor an der Universität Cöln am 29. März Nr. 121, S. 135 f. 

8) III 2 Nr. 1120, S. 1207. Vgl. Wolters, S. 59. 

9) FOrstemann Nr. 133, S. 149. 
10) Redlich Nr. 6, S. 178. 



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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 211 

de suo poculo bona ex parte proceribus misceat . . . Am 17. Sep- 
tember *) verwandte sich Vlatten sogar für das Fegefeuer. — Aber 
die Hoffnung, daß Erasmus doch noch an den Niederrhein komme, 
will Vlatten nicht aufgeben, obwohl er von Erasmus hat hören 
müssen: Aquisgranum nimium habere priscae ruditates atque in- 
epte supersticiones, Coloniae regnare monachos. In der Tat ver- 
harrt Erasmus bei seiner "Weigerung. Am 15. März 1B31 *) be- 
schränkt er sich auf warme Freundschaftsversicherungen. 

Wie schon der Briefwechsel zeigt, wurde Vlatten vom Herzog 
schon seit 1527 zu wichtigen Missionen verwandt. Am 28. Juni 
1530 (Nr. 130, S. 145) erzählt er Erasmus von einer zweimaligen 
Heise nach Italien. 1534 8 ) verhandelt er wegen der Münsterechen 
Sache mit dem sächsischen Kurfürsten. Nicht minder tritt er bei 
den kirchenpolitischen Verhandlungen in der Heimat hervor, und 
zwar offenbar 'auf dem rechten Flügel' 4 ). Was er am 16. Januar 
1562 5 ) schreibt, darf auch schon auf seine frühere Haltung bezogen 
werden: Abusus . . . multos in ecclesiam Dei irrepsisse non ignoro. 
Tollantur impii abusus, maneant res; auferantur Schismata, sectae 
et haereses, maneat sacrosanctae scripturae auctoritas. Tollantur 
caeremoniae scripturis non conformes, conformes vero modis Omni- 
bus ferendae et pie exercendae . . ., nur daß er in älterer Zeit den 
Biblizismus wohl noch nicht so weit getrieben hätte. Denn wenn 
auch über seine Mitarbeit an den Kirchenordnungen nichts näheres 
bekannt ist, und wenn man sonstige kirchlich-religiöse Äußerungen 
von ihm nur wenig besitzt, so möchte man doch annehmen, daß 
die immer noch maßvolle Fassung der Deklaration besonders auf 
seine Einwirkung zurückgeht, wie er sich denn auch die Beteili- 
gung am landesherrlichen Visitationswerke unter der merkwürdigen 
Begründung, es gehe 'über seine Vernunft' 6 ) zu entziehen suchte, 
freilich ohne Erfolg. Die überaus einflußreiche Stellung, die er am 
Hofe seit 1527 einnahm, wird er vor allem zur Verbreitung der 
erasmischen Einflüsse, denen er selbst von Jugend an ausgesetzt 
war, benutzt haben. Von einer Annäherung an Luther war dabei 

1) ed. Wächter in der Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 30 (1894) 
Nr. 3, S. 204 f. Vgl. Mcstwerdt S. 232 f. Redlich S. 278 Anm. 1. 

2) 111 2 Nr. 1171, S. 1372f. Vgl. Nr. 1200 S. 1418 F (an den Kölner Pa- 
trizier Joh. Rinck 1531 Sept. 4). Über einen weiteren Brief Vlattens s. Redlich: 
Zeitschrift des Bergischen Gescliichtsvereins 41 (1908) S. 161, Anm. 4. 

3) Weimarer Ernestinisches Gesamtarchiv 779 f., 47 f. 

4) Harleß S. 8f. 

5) An den Lemgoer Pradikanten Moritz Piderit bei Löffler, Hamelmanns 
Geschichtliche Werke II 285. 

6) Redlich II 2 S. 7* ohne Quellenangabe. Vgl. I 356 f. 



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212 Juatus Hashagen 

keine Rede. Eine gleichzeitige Dominikanerchronik nennt ihn and 
Ghogreff 'und Olichsleger als immunes a Latheranica factione 1 ). 

Ahnliches gilt von Dr. Karl Harst (1492— 1563), der später 
ebenfalls zu den bedeutendsten clevischen Diplomaten gehörte 2 ). 
Doch stand er religiös-kirchenpolitisch wohl mehr links als 
Vlatten, während Heresbach (1496— 1576) *) in den uns interessie- 
renden Jahren den Standpunkt seines Freundes Ylatten noch 
durchaus geteilt zu haben scheint. Erst später nähern sich bei- 
spielsweise seine Anschauungen über die Abendmahlslehre 4 ) und 
ebenso die über das landesherrliche Kirchenregiment denen der 
Lutheraner, wenn er schreibt: Quae [i. e. cura ecclesiarum] etsi 
episcopus incumbere debebat, at illis dormientibus magistratus, 
qui custos est a Deo constitutus non solum . . . secundae, verum 
etiam primae tabulae, eandem solicitudinem non negliget inspiciat- 
que, ut . . . doctrine pure ännuncietur et sacramenta legitime ad- 
ministrentur 5 ). Schon seit 1527 *) unterhielt Heresbach einen 
freundschaftlichen Briefwechsel mit Melanchthon. Sogar an Erasmus 
wagte Heresbach vorsichtig Kritik zu üben 7 ). Aber noch seine 
meist erst nach seinem Tode gedruckten Schriften bieten zahlreiche 
Parallelen zu den Kirchenordnungen und zu Erasmus und können 
deshalb aushilfsweise zur Bestimmung der erasmischen Elemente 
in den Kirchenordnungen benutzt werden 8 ). 

Zahlreiche Erasmianer gab es auch unter den Geistlichen des 
niederrheinischen Landes. In ihren Bibliotheken förderten die 
Kirchenvisitationen häufig Schriften des Erasmus zutage, und zwar 
die Paraphrasen 62 mal, das Enchiridion 7 mal, die Explanatio 
Symboli 6 mal, je 1 mal die Colloquia, den Ecclesiastes und die 
Postilla, dazu die zahlreiche meist von Erasmus herausgegebene 

1) C. K rafft, Bullinger (1870) S. 106, Anm. 2. 

2) W. Harleß in der Allgemeinen Deutschen Biographie 10 (1879) S. 647 ff. 
Erasmi Opera III 1 Nr. 650 S. 751 E (1523). 

3) Neben Wolters s. Redlich in der Zeitschrift des Bergischen Geschichts- 
vereinB 41 (1908) S. 165 ff. Kirchenpolitik I 120*. 

4) Sammelhand S. 380. 

5) Ebd. S. 323-, vgl. S. 363 und Christianae Jurisprudentiae Epitome 
(15S6) f. 3a der Vorrede und V 17 S. 138. 

6) Wolters S. 56. Vgl. C- Krafft, Briefe und Dokumente aus der Zeit der 
Reformation (1875) Nr. 49, S. 97 f. 

7) De educandis . . . prineipum liberis (1570): Sammelband, S. 3. Vgl. 
Lebermann, Die pädagogischen Anschauungen Heresbachs: Würzburger Disser- 
tation 1906, S. 126 ff. Wolters behandelt den „Gegensatz" zwischen E. und H. 
mehrfach übertrieben: S. 8, 10, 16 f., 27 f., 39 ff., 57, 69, 200. 

8) Zur Ergänzung von Wolters sei auf den von Burigny-I lenke II 307 f. er- 
wähnten Brief des Erasmus vom 25. Mai 1523 über Heresbach verwiesen. 



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Erasnius und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 213 

patristische Literatur wie Ambroaius, Augustin, Basilius, Chryso- 
stomus, Clemens Alexandrinus, Hieronymus, lrenäus, Lactantius 
u. a. nebst den Schriften anderer Erasmianer wie Fisher, Johann 
Gropper, Nausea, Wizel u. a. *). Die Bonner Universitätsbibliothek 
besitzt einen Sammelband von Schriften des Erasmus, die bei 
Johann Gymnich in Köln gedruckt sind, darunter die Schrift über 
die Eintracht der Kirche und den Brief gegen die falschen Evan- 
gelischen. Nach Ausweis eines handschriftlichen Eintrags ist der 
Sammelband von Winand Schellart v. Obbendorff, Deutschordens- 
ritter zu Coblenz, dem Pfarrer Reiner Brewers 2 ) in [seiner Unter- 
herrschaft] Gürzenich geschenkt worden. Auch dieser Sammelband 
könnte darauf hinweisen, daß bei den niederrheinischen Geistlichen, 
was Erasmus betrifft, der Humanismus hinter den erbaulichen An- 
regungen, die sie aus den "Werken des Meisters schöpfen, zurück- 
tritt. 

Anhaltspunkte für den Nachweis indirekter erasmianischer 
Einflüsse in den clevischen Kirchenordnungen können ferner auch 
die Beschlüsse der Kölner Provinzialsynode von 1536 und das 
Enchiridion Johann Gropper6 von 1538 3 ) bieten, weil sich zwischen 
ihnen und den clevischen Kirchenordnungen viele Berührungspunkte 
finden, nur daß Canones und Enchiridion gegenüber der ELirche 
vielfach eine kritischere Haltung einnehmen 4 ) (aus dem Gropper- 
schen Entwürfe wurden mehrere allzu scharfe Artikel entfernt, 
darunter einer gegen die Stationarier 5 )): schon wegen ihrer Red- 
seligkeit, weil sie es nicht so wie die clevischen Kirchenordnungen 
verstehen, über die heikelsten Streitfragen ein vorsichtiges Still- 
schweigen za beobachten. Das gilt besonders von Groppers weit- 
schweifiger Arbeit und seiner Satisfaktionslehre 6 ). Im übrigen ist 
jedoch die erasmische Grundlage in Köln im wesentlichen dieselbe 
wie in Cleve. So werden auch hier die Paten besonders vermahnt 7 ). 
Ebenso wird die einigende Bedeutung des Altarsakraments unter 

1) Redlich II 1 (1911) S. 868 ff. 

2) "Wird bei Redlich nicht erwähnt. Über Schieiden s. Annalen des Histori- 
schen Vereins für den Niederrhein 99 (1916) S. 165 Anm. 5. 

3) Canones Concilii Provinciali6 Coloniensis . . ., quibus adjeetum est Encheri- 
dion ... 1538 (folio). 

4) Das verkennt J_i. Ennen, Geschichte der Reformation im Bereiche der 
alten Erzdiözese Köln (1849) S. 116. 

5) AV. van Gulik in den Erläuteruogen ... zu Janssen« Geschichte des 
deutschen Volkes 5 (1906) S. 49. Auch Heresbach bekämpft sie: Sammel- 
band S. 269. 

6) Enchiridion f. 97 b ff. 

7) VII 4 f. 25 b. Enchiridion f. 80 b. 



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,A ,l UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



214 Justus Ilashagen 

Ablehnung des Laienkelchs 1 ) besonders hervorgehoben. Was Ca- 
nones und Euchiridion über Fasten 2 ), Heilige 3 ) und Beichte 4 ) 
sagen, entspricht ganz den clevischen Kirchenordnungen. Nicht 
minder ist man in den Forderungen für Prediger und Predigt 
einig. Die Mönchspredigt wird auch in Köln zugelassen 5 ), aber 
zugleich der MönchsbilduDg 6 ) besondere Aufmerksamkeit zugewandt. 
Den exegetischen Autoritäten, die in der Deklaration zur Aus- 
legung der Allegorien empfohlen werden (266 12 f.), fügen die Ca- 
nones noch den Ambrosius hinzu 7 ). Diese und andere Überein- 
stimmungen sind jedoch kaum derart, daß sie die clevischen Kirchen- 
ordnungen als Quelle der Canones nahe legen. Sie erklären sich 
vielmehr aus der gemeinsamen erasmischen Grundlage. Denn auch 
am Bonner Hofe war Erasmus eine Zeitlang Autorität 8 ). Deshalb 
konnte wenigstens für einige Jahre zwischen ihm und dem Düssel- 
dorfer trotz des ererbten landschaftlich-kirchenpolitischen Gegen- 
satzes eine gewisse religiös-kirchliche Übereinstimmung Platz greifen. 
Auch fand zwischen den kurkölnischen und den clevischen Räten 
besonders unter dem Eindruck der Münsterschen Gefahr 9 ) einige 
Jahre hindurch ein lebhafter Gedankenaustausch über Fragen statt, 
die sich mit den in den Kirchenordnungen behandelten berühren, 
so Ende 1535 in Neuß und Anfang 1537 in Köln 10 ). 

Auch in der Stadt Köln besaß Erasmus manchen Anhänger. 
Man braucht nur an Hermann Weinsberg zu erinnern 11 ). Dasselbe 
gilt bekanntlich in noch größerem Umfang von den Niederlanden 12 ). 
Auch im inneren Deutschland gab es eine weitverzweigte eras- 
mische Partei 13 ), deren Verhältnis zu den clevischen Kirchenord- 



1) VII 15 f. 27 a; 23 f. 28 a. Enchiridion f. 116 a. 

2) IX 4f.S4b; 6 f. 34b, 35a. 

3) VI 23f.24b; IX 16f.36b. Enchiridion f. 110, 266f. 

4) VII 33 f. 30a. Enchiridion f. 181. 

5) IV 7 f. fol. 18 a. 

6) X 6 f. 88 b; vgl. 261 , ff. der Deklaration. 

7) VI 24 f. 24 b. Vgl. Enchiridion Erasmi: V 8D. 

8) Wolters S. 83, 91 ff. Redlich S. 80* C. Varrentrapp, Hermann v. Wied 
(1878) S. 69 f., 121 f. Keller in der Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 
15 (1879) S. 132 f. 

9) Redlich Nr. 259, S. 285 f. 

10) Redlich Nr. 262, S. 289 ff., Nr. 264 ff., S. 299 ff, Nr. 267 f., S. 301 f. Vgl. 
315 Anm. 2. 

11) J. Stein, Hermann Weinsberg als Mensch und Historiker. Bonner Disser- 
tation (1917) S. 28 f. 

12) F. Pijper, Erasmus en de nederlandsche reformatie (1907) S. 17 ff. 

13) Keller a. a. O. S. 134 ff. 



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Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen von 1532/3 215 

nungen noch näherer Untersuchung bedarf. Bisher hat man nur 
den Einfluß der Kirchenordnung der brandenburgischen Markgrafen 
Casimir und Georg von 1526 nachweisen können 1 ). Aber auch 
das Vorgehen des Markgrafen Philipp von Baden 2 ) bietet manche 
Parallele zur niederrheinischen Kirchenpolitik. Vom Herzogtum 
Sachsen 3 ) ist schon die Rede gewesen. Besonders auf Herzog 
Georgs kirchenpolitisches Testament von c. 1535 4 ) wäre zu ver- 
weisen. Auch Braunschweig unter Herzog Heinrich dem Jüngeren 
wäre hier zn erwähnen, nicht minder sogar Bayern 5 ). Die Pa- 
rallelen, die sich aus diesen und anderen Territorien zur clevischen 
Vermittlungspolitik zusammenstellen ließen, entkleidet diese ihres 
oft vorschnell angenommenen 6 ) Ausnabmecharakters und Sonder- 
daseins. 

Damit werden die clevischen Kirchenordnungen in einen 
breiteren Rahmen hineingerückt und erscheinen dann als lehr- 
reiche Dokumente aus der Geschichte des allgemeinen vorjesuiti- 
schen Reform- oder Kompromißkatholizismus 7 ), der trotz älterer 
Versuche eine neue umfassende ideengeschichtliche Würdigung ver- 
diente. 

V. Die clevischen Kirchenordnungen 
im protestantischen und katholischen Urteil. 
Als Zeugnisse des Reformkatholizismus sind die clevischen 
Karchenordnungen von Anfang an in beiden Lagern, besonders im 
lutherischen, einer scharfen Kritik begegnet, von der zum Schlüsse 
einige charakteristische Beispiele angeführt sein mögen, weil sie 
weiteres zur Würdigung der Kirchenordnungen bieten, wenngleich 
sie eine sachlich-geschichtliche Beurteilung naturgemäß fast ganz 
vermissen lassen. 



1) Redlich 112 S. 5*. 

2) R. Fester: Zeitschrift für Kirchengeschichte 11 (1890). G. Bossert: Zeit- 
schrift für die Geschichte des Oberrheins 56 (1902). P. Kalkoff, Das Wormser 
Edikt etc. (Historische Bibliothek 37, 1917). 

3) G. Wolf in den Neuen Jahrbüchern 17 (1906) S. 41 3 ff. L. Cardauns: 
Quellen und Forschungen aus den italienischen Archiven 10 (1907) S. 101 — 151. 

4) Archiv für alte und neue Kirchengeschichte 2 (1814) S. 397—408, be- 
sonders S. 403 f. 

5) Riezler IV (1899) S. 77 ff, 104f„ 232, 497, 504 ff. VI (1903) S. 363ff. 
Kalkoff S. 52 ff. 

6) Von M. Lehmann, Preußen und die katholische Kirche : Publikationen aus 
den Kgl. Preußischen Staatsarchiven 1 (1878) S. 22f. Vgl. Redlich 112 S. 2*. 

7) Mit Redlich S. 1* von einer * national- katholischen Reformpartei' zu 
sprechen, ist wohl kein Anlaß. 



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216 Justua Hashagen 

Im Weimarer Ernestinischen Gesamtarchiv findet sich anter 
Akten betr. die Anfangs der Reformation in Soest und Lippstadt 
ein Gutachten des Soester Superattendenten und der dortigen 
Prädikanten über die Deklaration aus dem Jahre 1534 x ), das auf 
Befehl des Rates nur die nicht schriftgemäßen Artikel heraus- 
greift und gegen sie, ohne über den reichen positiven Inhalt der 
Deklaration ein Wort zu verlieren, den schärfsten Widerspruch 
zum Ausdruck bringt. Ausführlicher gehalten ist die Denkschrift 
Spalatins und Mecums aus etwa derselben Zeit (f. 100 — 105). Mecum 
war als Kenner der clevischen Verhältnisse zu einer solchen gut- 
achtlichen Äußerung sicher besonders berufen. Den Historiker 
muß freilich auch diese Arbeit enttäuschen. Ihr Titel lautet: Von 
der Ordnung und religionsachen und ceremonien, so in den lendern 
Gulich und Cleve etc. ausgangen, etliche bedencken des churfürsten 
zu Sachßen predigern Georgii Spalatini und Friderichen Mecums. 
Kritisch beleuchtet werden in dieser Denkschrift nur die Zere- 
monialartikel mit Einschluß von Fasten und Beichte und die Be- 
stimmungen über die Prediger. Im übrigen besteht schon hier 2 ) 
die Neigung, die Deklaration lutherischer auszulegen, als sie ge- 
meint war. Jedenfalls haben sich die Gutachter keine sonderliche 
Mühe gegeben, in den Geist der Deklaration tiefer einzudringen. 
Sie benutzen vielmehr die Gelegenheit, ihr eigenes entschlossenes 
Luthertum gegenüber der Deklaration laut zu verkünden und zeigen 
sich über die schwierigen niederrheinischen Verhältnisse so schlecht 
unterrichtet, daß sie die Wittenberger Theologen zur clevischen 
Kirchenreform heranzuziehen empfehlen und den dortigen Predi- 
gern kurzer Hand Luthers Katechismen und Postille, die Augustana 
und die Apologie als Richtschnur aufdrängen wollen, ähnlich wie 
der Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige seinem clevischen 
Schwiegervater, dem Herzog Johann, am 5. Sept. 1533 f. 13 a die 
lutherische Visitationsordnung zur Nachachtung übersandte. 

Die oberflächliche und tendenziöse Behandlung, die die clevische 
Kirchenordnung bei Spalatin und Mecum erfahren hatte, machte 
in lutherischen Kreisen Schule. Das Schreiben, das Hermann 
Hamelmann zur Verteidigung seines eigenen kirchenordnungs- 
widrigen lutherischen Verhaltens im Juli 1555 s ) an den Kanzler 
Vlatten über die Deklaration richtete, geht zwar mehr auf Einzel- 



1) Nr. 779 f. 98 f. 

2) Ähnlich V. L. v. Seckendorff, Commentarius historicus et apologeticus de 
Lutheranismo 1G94 III 7, § 25 additio 1 p. 6G f . v. Steinen (1727) S. 21. 

3) ed. CI. Lüfflcr, II 239—250. Vgl. Wolters S. 147 f. 



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Erasmus und die clevischea Kirchenordnungen von 1532/3 217 

heiten ein, kommt aber einem wirklichen Verständnisse der De- 
klaration nicht viel näher als die Wittenberger. Interessant ist 
nur, daß Hamelmann zu seinen Gunsten mehrfach den Erasmus 
anruft. Später hat er auch seiner Kirchengeschichte l ) eine ver- 
kürzende lateinische Paraphrase der Kirchenordnung mit kritischem 
Kommentar eingefügt, wobei er mitteilt, daß die Auslegung des 
Dekalogs von Erasmus korrigiert worden sei, die aber ebensogut 
von den Heiden oder den heutigen Türken herrühren könne ! Wie 
vollkommen dieser fanatische Eiferer die Kirchenordnung und ihre 
löbliche Neigung zur Verinnerlichung mißverstanden hat, zeigt die 
Kritik des Gebetsartikels. Hier hatte die Kirchenordnung (248 29 ff.) 
mit voller Absicht Gebetsversäumnis mit Diebstahl, Raub und 
anderen Übeltaten auf eine Stufe gestellt. Hamelmann erklärt das 
für eine Gotteslästerung; denn Gott nach Weise der Epikuräer 
nicht anzurufen sei eine Sünde wider den Heiligen Geist und also 
eine viel größere Sünde als jede Verletzung des Nächsten. Den 
Erasmianismus der Kirchenordnung hat Hamelmann S. 991 übri- 
gens mit dem Scharfblicke des Hasses sofort erkannt, ebenso wie 
angeblich Luther, dessen drastisches Diktum über die Kirchen- 
ordnung bisher nur durch Hamelmann bekannt geworden ist, der 
es von boni viri in Superiori Germania gehört h^ben will. In 
ähnlicher Weise wird dann S. 992—1001 auch noch die Deklaration 
behandelt, aber oberflächlicher und natürlich kritischer als 15BB. 
Zu 270 e f. erklärt Hamelmann ganz offen, daß er den Text nicht 
verstanden habe. 

Und doch hatten die Kirchenordnungen eine lange Nach- 
wirkung 2 ). Auf sie beruft sich noch am 14. Januar 1546 ^ ein 
Vertrag zwischen den Solinger Pfarrgenossen und der Zisterzienser- 
abtei Altenberg, ebenso Herzog Wilhelm V. selbst in einer allge- 
meinen Verordnung vom 16. Juli 1556*). Ja, noch am 3. Sep- 
tember 1581 b ) wurde die Beachtung der Kirchenordnung anbe- 
fohlen. — Das hundertjährige Jubiläum der Kirchenordnung wurde 
am Niederrhein sogar gefeiert, und zwar von den evangelischen 
Gemeinden unter preußischer Herrschaft, und der verdiente Kirchen- 
historiker Werner Teschenmacher, dessen niederrheinische Refor- 



1) Historiae ecclesiasticae (Opera 1711 S. 985— 990). 

2) Vgl. Redlichs Sachregister unter 'Kirchenordnungen', besonders II 2 S. 24*. 
J. Hashagen: Göttingische Gelehrte Anzeigen 1916, S. IC f. 

3) Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins G (18G8) S. 187 ff. 

4) v. Steinen, Beilage 7, S. 156 f. 

5) H. F. Jacobson, Geschichte der Quellen des evangelischen Kircheurechts 
der Provinzen Rheinland und Westfalen IV 3 (1844) S. 30, Anm. 52 a. 



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218 Justus Hashagen 

mationsgeschichte leider noch immer angedruckt ist, verfaßte als 
Pestschrift eine Repetitio . . . catholicae et orthodoxae religionis, 
quae . . . ante saecalum a papatu reformata in Cliviae . . . ducatibus 
. . . hactenns ex Dei verbo tradita et conservata est *). Auch die 
brandenburgische Regierung verwies noch 1660*) auf die Kirchen- 
ordnungen. Andrerseits erinnerte der katholische Kontrovers- 
theologe Stalenus noch 1649 3 ) an die in der Deklaration ent- 
haltene Prozessionsordnung. 

Je mehr sich jedoch während des siebzehnten Jahrhunderts 
der Protestantismus am Niederrhein festigte, um so mehr fingen 
die clevischen Kirchenordnungen als Dokumente eines beiderseits 
überwundenen Kompromißkatholizismus an, historisch zu werden. 
"Weiteren Kreisen bekannt wurden sie durch die freilich unzu- 
längliche Veröffentlichung v. Steinens 4 ), der schon die Kirchen- 
ordnung im Anschluß an Hamelmann als Werk des Erasmus be- 
zeichnete 5 ). Dasselbe tat J. P. Berg (f 1800) in seiner noch im 
achtzehnten Jahrhundert verfaßten, est 1826 veröffentlichten um- 
sichtigen Reformationsgeschichte der Länder Jülich etc. Jedoch 
wandte sich Berg bereits von der „zu bitteren'* Beurteilung der 
Deklaration ab, die sie bei Hamelmann erfahren hatte, und cha- 
rakterisierte die letztere richtig als „mehr erasmianisch als pro- 
testantisch", während er dem Gutachten Hamelmanns von 1555 
noch seine Anerkennung zollte. Er teilte ferner mit, daß die 
Deklaration in Nürnberg gedruckt sei 6 ). Außer den von Redlich 7 ) 
angeführten Drucken hat sich ein von diesen in Kleinigkeiten 
abweichender im Weimarer Ernestinischen Gesamtarchiv 8 ) erhalten. 
C. H. E. v. Oven meinte in J. A. v. Recklinghausens Reformations- 
geschichte der Länder Jülich etc. 9 ) von den Kirchenordnungen 

1) D. A. C. Borheck : Bibliothek für die Geschichte ... des niederrheinischen 
Deutschlands (1801) S. 75 ff. J. P. Hassel: Zeitschrift des Bergischen Geschichts- 
vereinB 1 (18G3) S. 184, 187 f. 

2) A. Wolters, Reformationsgeschichte der Stadt Wesel (1868) S. 55 Aura. 1. 

3) Beiträge zur Geschichte des Herzogtums Cleve, S. 336. 

4) Beilagen lf., S. 95—147. Vgl. J. P. Hassel, S. 182. 

5) J. O. Sardemann, Geschichte der Reformation der Stadt Wesel (1840) 
S. 27, vermutet in Heresbach den Verfasser, ebenso M. Goebel, Geschichte des 
christlichen Lebens in der rheinisch-westfälischen Kirche I (1849) S. 80. 

6) S. 40, 45, 133 f. 

7) I 278; 11 2 S. 7*, Anm. 2. 

8) Nr. 779 f., 76—97. Ferner einer in Marburg : Keller, Historisches Taschen- 
buch VI 1 (1882) S. 138. 

9) S. 92. Vgl. Jacobson, S. 19 ff. Goebel I 80 f. C. Varrentrapp, Herrn, v. 
Wied (1878) S. 70. E. Demmer, Geschichte der Reformation am Niederrhein 
(1885) S. 20 f. fi. Simons, Synodalbuch (1910) S. 8. 



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Erasmus und die clevischen Kj rchenordnungen von 1532/3 219 

ganz treffend, daß „sie auf das geistige Leben und die intellektuelle 
Bildung des damaligen clevischen Hofes mehr Licht werfen als 
irgend eine Verordnung* 1 . Ausführlicher hat sich A. Wolters 1 ) 
mit den "Kirchenordnungen beschäftigt. Da er aber eine Quellen- 
untersuchung versäumt, so fällt seine Kritik teilweise in die Ver- 
ständnislosigkeit der älteren Lutheraner zurück. Auch teilt er 
mit ihnen die Neigung, trotz starker kritischer Bedenken die 
Kirchenordnung für lutherischer zu halten, als sie sind, weil er 
es nicht für nötig befunden hat, den Spuren des Erasmus in ihr 
im einzelnen nachzugehen. Zutreffender sind die Bemerkungen 
H. Heppes 2 ). 

Einen Fortschritt in der Beurteilung der Kirchenordnungen 
und in ihrer Einordnung in die ganze Geschichte des vortriden- 
tinischen Reformkatholizismus brachte erst das Werk Mauren- 
brechers 9 ). In einem Aufsatze Kellers wurde er durch genaue 
Kenntnis der örtlichen Verhältnisse noch gesteigert 4 ). Auch 
v. Bezold wußte die Bedeutung der Kirchenordnungen, obwohl er 
sich auf Einzelheiten nicht einlassen konnte, mit einem einzigen 
Satze in helles Licht zu rücken 5 ). Ebenso bot G. Egelhaaf 6 ) im 
allgemeinen eine richtige Charakteristik, wenn auch die Parallele 
zwischen Johann III. und Heinrich VIII. Bedenken erregt. 

Hinter diesen vorzüglichen Leistungen der allgemeinen deut- 
schen Geschichtschreibung blieb die Behandlung der Kirchenord- 
nungen bei lokalen protestantischen Kirchenhistorikern in neuster 
Zeit abermals zurück. Teilweise erneuerte sie in konfessionellem 
Eifer wieder die älteren Fehler. So zitiert noch E. Dresbach 7 ) 
die oben gerügte verständnislose Bemerkung Hamelmanns, ohne 
ein Wort der Kritik hinzuzufügen. Auch sonst ist er, ohne eine 
selbständige Analyse der Kirchenordnungen zu versuchen, von den* 
älteren einseitigen Darstellungen abhängig geblieben. Ahnlich ist 
die kurze Würdigung der Kirchenordnungen bei H. Rothert 8 ) zu 
beurteilen. 



1) Heresbach S. 63 ff. Reformationsgeschichte der Stadt Wesel (18G8) S. 50 ff. 
Ähnlich Rembert, die Wiedertäufer in Jülich (1899) S. 52. 

2) Geschichte der evangelischen Kirche von Cleve-Mark und der Provinz 
Weatphalen (1867) S. 27, 29, 56. 

3) Geschichte der katholischen Reformation I (1880) S. 352 f., 355 f., 415. 

4) Historisches Taschenbuch VI 1 (1882) S. 141—150. 

5) Geschichte der deutschen Reformation (1886) S. 654. 

6) Deutsche Geschichte im 16. Jahrhundert II (1892) S. 235 ff. 

7) Reformationsgeschichte der Grafschaft Mark (1909) S. 18G. 

8) Die Kirchengeschichte der Grafschaft Mark: Jahrbuch des Vereins für 
die ev. Kirchengeschichte Westfalens 14 (1912) S. 62 ff. 



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220 .1 ustus Hashagen, Erasmus und die clevischen Kirchenordnungen usw. 

Die Äußerungen von katholischer Seite sind spärlicher. 
M. Deckers ! ) bot außer einer kurzen nicht üblen Würdigung 
eine den Ansprüchen freilich nicht immer genügende hochdeutsche 
Übersetzung der Deklaration. L. Ennen 2 ) übertrieb, "wenn er 
von der Kirchenordnung behauptete, daß „sie wenig echt katho- 
lischen Geist verriet", fand aber für andere Heterodoxien der 
Kirchenordnungen manch treffendes Wort. Eine allgemeinere 
gute Charakteristik verdanken wir der verständnisvollen Feder 
von C. A. Cornelius 8 ) und seinem Schüler Woker (1872). Die 
Bemerkungen Pastors 4 ) und Hergenröthers 5 ) bedeuten demgegen- 
über keinen Fortschritt. 

Das letzte Wort über die clevischen Kirchenordnungen ist 
noch nicht gesprochen. Ihre geschichtliche Charakteristik kann 
nur dann auf einen festen Boden gestellt werden, wenn der Nach- 
weis ihrer Quellen, der im Vorstehenden neu begonnen ist, mög- 
lichst allseitig und vollständig durchgeführt wird. Doch wäre ein 
solcher Nachweis nur das Mittel zur Erreichung höherer Ziele 
der Ideengeschichte, deren grundlegende Bedeutung für eine tiefere 
Erkenntnis des Reformationszeitalters gerade durch die Forschungen 
des Jubilars, dem diese Festschrift gewidmet wird, immer wieder 
ans Licht gestellt worden ist. 



1) H. v. Wied (1840) S. 54 f., 59. 

2) Geschichte der Reformation im Bereiche der alten Erzdiözese Cola (1849) 
S. 87 ff. 

3) Geschichte des Münsterischen Aufruhrs I (1855) S.89f. II (1860) S. 165 ff. 

4) Die kirchlichen Reunionsbestrebungen während der Regierung Karls V. 
(1879) S. 165. Vgl. G. Drouven, Die Reformation in der Kölnischen Kirchen- 
provinz . .. (1876). 

5) Kirchengeschichte IIP (1886) S. 83. 



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Simon Lemnius als Lyriker 

Von 

Georg Ellinger 

Mehr durch sein Schicksal als durch seine Dichtungen hat 
Simon Lemnius frühzeitig die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. 
In dem heißblütigen Bündner war etwas Ungezügeltes; er ver- 
mochte sich in die Anschauungsweise seiner Umgebung nicht zu 
fügen. Dieser Mangel an notwendiger Rücksicht führte seilen 
Zusammenstoß mit Luther herbei; verhängnisvoll für sein Leben 
und Nachleben, hat das Zerwürfnis ihm gleichwohl einen größeren 
Hintergrund verliehen, als er sonst den neulateinischen Poeten 
zuteil geworden ist. Der Haß, mit dem der Reformator ihn ver- 
folgte, wurde in der lutherischen Überlieferung zäh festgehalten; 
allein da Luthers Riesenzorn in keinem Verhältnis zu Lemnius' 
Vergehen stand, konnte ein Rückschlag nicht ausbleiben. Daß es 
gerade Lessing war, der die Revidierung des Prozesses vornahm, 
hebt Lemnius ebenfalls aus der Reihe seiner neulateinischen Kol- 
legen heraus. Wenn nach alledem die Teilnahme für Lemnius 
hauptsächlich am Biographischen haftete, so ließen sich doch seine 
Dichtungen schon um deswillen nicht übersehen, weil sie die Ver- 
anlassung zu Luthers Vorgehen gegeben haben. Aber auch darüber 
hinaus verdienen sie eine genauere Würdigung, schon deshalb, weil 
aus ihnen die Persönlichkeit des Dichters meist lebendig heraus- 
tritt. Aus diesem Grunde lohnt es sich, die Lyrik des Lemnius 
eingehend zu betrachten, wobei auch die Epigramme so weit heran- 
gezogen werden müssen, als in ihnen lyrische Bestandteile ent- 
halten sind '). 



1) Eine Bibliographie kann hier nicht gegeben werden. Doch sei auf die 
jüngste biographische Darstellung von Paul Merker ausdrücklich hingewiesen: 
Simon Lemmas. Ein Humanistenleben. Straßburg 1908. Um eine eingehende 
Studio zu Lemnius* Leben und Dichten, die der treffliche Philologe Georg Wentzel 
plante, sind wir leider durch dessen frühzeitigen Tod gekommen ; nur einen schwachen 
Ersatz kann der Bericht über einen Vortrag bieten, in dem Wentzel die Grund- 



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222 Georg Ellinger 

Sicher gehen die Anfänge der poetischen Tätigkeit des Lemnius 
in die frühe Jugend zurück. Aber weder aus dem Beginn seiner 
gelehrten Studien in der bündnerischen Heimat, noch aus den sich 
daran anschließenden Wanderjahren in der Schweiz, Südfrankreich 
und Süddeutschland hat sich ein poetisches Zeugnis erhalten. Erst 
als Lemnius 1530 — etwa achtzehnjährig — nach München kommt 
und hier der Unterweisung des vortrefflichen Wolfgang Winthuser 
(Anemoecius) teilhaftig wird, fällt einiges Licht auf seine poetische 
Entwicklung» Einer seiner Mitschüler, sein Freund und Landsmann 
Marcus Tatius Alpinus, veröffentlichte 1533 eine Gedichtsammlung: 
„Progymnasmata" ; sie liefert auch für die Lebensgeschichte des 
Lemnius manchen Ertrag, da sie uns in den Freundeskreis ver- 
setzt, dem er während seiner Münchener Jahre angehörte. Dieses 
Büchlein enthält nun auch zwei Gedichte des Lemnius an Tatius, 
das eine noch in München, das andere bald nach seinem Weggange 
entstanden. In dem ersten, einer sapphischen Ode, ladet er den 
Freund zum Nachtmahl ein. Aber er kann ihm keinen guten 
Wein, sondern nur Bier vorsetzen, und mit den Speisen, die er 
aufzutischen vermag, ist es auch nicht weit her. Verschmäht der 
Freund das Angebotene, erwartet er anderswo einen köstlicheren 
Schmaus, so soll er ihn nach dem Abendessen zu einem Spazier- 
gange abholen. Der Ausblick auf die gemeinsame Wanderung 
verrät Liebe zur Natur. Diese spürt man auch in dem zweiten, 
umfangreichen, den Hexameter verwendenden Gedicht. Da ver- 
gegenwärtigt er dem Jugendgenossen die mannigfachen Freuden, 
die ihm das heimatliche Bündnerland bieten kann, und er formt 
die ihm vorschwebenden Heimatserinnerungen zu ganz lebendig 
angeschauten Bildern um. Von den Feldern, wo Mädchen und 
Männer bei der Erntearbeit sind, geht es zu den lauschigen Stellen, 
die Schutz vor der Sonne gewähren ; man sieht, wie die summende 
ßienenschar über die Wiese hinfliegt, wie der Platz unter der 
Fichte, wie der Rasen zur Ruhe ladet, und das nahe Flüßchen mit 
leisem Murmeln den Müden in Schlummer wiegt, wie der Spätherbst 
für seine Unwirtlichkeit durch Gelegenheit zu Wild- und Vogel- 
jagden entschädigt. Es könnte demnach scheinen, als ob Lemnius 
ein Lied zum ausschließlichen Preise der bündnerischen Heimat 
hätte anstimmen wollen. Aber gerade das Gegenteil trifft zu. 
Denn die zweite Hälfte des Gedichtes ist durchaus auf den Ton 
des ubi bene, ibi patria gestimmt. Überall finden sich die gleichen 



zügc eines Teiles seiner Arbeit mitgeteilt hat; vgl. Deutsche Litteraturzeitung, 
1919. Gesellschaft für deutsche Litteratur, Februarsitzung. 



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Simon Lemnius als Lyriker 223 

Reize wie im Vaterlande (was an zahlreichen Beispielen pedantisch 
ausgeführt wird), darum genieße die Freuden, die dir dein jewei- 
liger Aufenthalt bietet. 

Landes hanc igitur sedem quamcomque tenebis, 
Ac dum fata sinunt, laetus ne parce, sed audax 
Utere, namque dies illud fert crastina secum; 
Sume tibi gratus, quaecumque supervenit hora, 
Et quocumque loco te fata mauere jabebunt, 
Te semper referas, vitam duxisse beatam. 

Wesentliche Züge des fertigen Poeten erscheinen hier bereits aus- 
gebildet. Das Herauskehren eines Grundtriebes seiner Natur, der 
ihn beherrschenden Unrast, weist ebenso vordeutend auf sein spä- 
teres Schaffen wie die Fähigkeit, ein Naturbild fest und sicher 
vor den Leser hinzustellen. In der Ausführung verrät sich aller- 
dings noch der Anfänger* Es handelt sich dabei nicht bloß um 
sprachliche Härten und metrische Fehler, die Lemnius auch später 
nie vollständig vermieden hat, sondern noch mehr um Mängel des 
Auf bans ; er versteht es in dem größeren Gedichte noch nicht, die 
Gegensätze wirksam herauszuarbeiten und den Übergang von dem 
einen Teil zum andern sicher zu bewerkstelligen. Es war daher 
vielleicht Selbsterkenntnis, wenn er sich in den für die Öffentlich- 
keit bestimmten Versuchen zunächst auf kurzgeschürzte Stücke 
beschränkte; wenigstens wird man so viel sagen dürfen, daß durch 
die Hinwendung zum Epigramm die ihm noch anhaftende Schwer- 
fälligkeit schneller überwunden worden ist. 

Diese Dichtungsgattung bevorzugte Lemnius in Wittenberg, 
wo er nach einem kurzen Besuch der Universität Ingolstadt 1534 
landete. 1538 erschienen dann die zwei Bücher Epigramme mit 
einer Widmung an den Erzbischof Albrecht von Mainz, und diese 
selbst sowie zahlreiche Schmeichelgedichte an den Mainzer Kirchen- 
fürsten wurden die Ursache von Luthers Grimm, der die Gefangen- 
setzung, Flucht und Relegation des Lemnius zur Folge hatte. Die 
in dem harmlosen Büchlein enthaltenen Epigramme im engeren 
Sinne liegen außerhalb des Kreises dieser Betrachtung; was es an 
lyrisch-epischen Bestandteilen enthält, fällt wenig ins Gewicht. 
Mit Schilderungen wechseln Gelegenheitsgedichte, auch ein wenig 
glücklicher und geschmackvoller Abstecher in das Gebiet der geist- 
lichen Lyrik findet sich, aber nur selten, etwa in einem warmen 
Trauergedicht auf einen Freund, wird eine mäßige Anziehungs- 
kraft ausgeübt. Höher hebt sich schon der Ton, sobald die Liebe 
ins Spiel kommt; man erkennt in diesen Stücken, wie Lemnius 



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224 Öeorg Ellinger 

sich an den italienischen Neulateinern, etwa an Fontanns, geschalt 
hat, so wenn er in dem Gedicht „Bajae" den Gedanken, daß der 
Liebe Glut niemals erstickt werden kann, mit Hilfe mythologischer 
Gestalten episch einkleidet: die Nymphen und Dryaden wollen 
sich an Amor rächen, der sie oft verwundet; sie entwenden dem 
bei Bajae sanft Eingeschlafenen die brennende Fackel und suchen 
vergebens sie im Wasser auszulöschen. Aber alle die in den 
ersten beiden Büchern angeschlagenen Akkorde sind nur Vor klänge; 
in das Gebiet der eigentlichen Lyrik gelangen wir erst mit dem 
dritten Buch (Sommer 1538), in welchem Lemnius die volle Schale 
seines Zornes über Luther ausgießt und das Unrecht, das ihm in 
Wittenberg widerfahren, mit beweglichen Worten beklagt. Da 
findet er auch für Freundschaftsempfindungen glücklichen Aus- 
druck; und wenn er für seinen verehrten Lehrer Melanchthon, für 
seine Freunde Sabinus und Stigel eintritt, wenn er ihnen bezeugt, 
daß sie nicht, wie man ihnen Schuld gegeben, an seinen Epigrammen 
irgendwie beteiligt gewesen seien, so dienen gerade die starken 
Wortanhäufungen dazu, die Stimmung des Dichters heraustreten 
zu lassen. In dem Schlußwort des dritten Buches erhält dann 
sein Schicksal eine zusammenfassende allegorische Darstellung: 
einst hat er am Eibstrom gesungen, Sturm und Wetter haben ihn 
fortgerissen, das Geschick sucht ihn heim wie den Dulder Odysseus, 
bis ihm ein Freund den rechten Weg zeigt, der ihn im märkischen 
Sand einen Hafen und am Rhein im Erzbischof Albrecht den 
Schützer und Gönner finden läßt. Unzweideutiger enthüllt sich 
wirkliches Geschehen in der dem dritten Buche beigegebenen 
„Klage an Erzbischof Albrecht", einer längeren Elegie, mit der wir 
den Boden der eigentlichen Lyrik des fertigen Dichters betreten. 
Nach kurzem Eingang hebt der Bericht an: Luther, teils wegen 
der Erzbischof Albrecht gespendeten Lobsprüche , teils aas Neid 
reizt die ganze Stadt gegen Lemnius auf. Alle Freunde verlassen 
ihn, nur zwei bleiben ihm treu (Stigel und Sabinus), und diese 
beiden verhelfen ihm zur Flucht. Nun ist er zu Albrecht geflohen 
und ruft dessen Schutz an, denn seine Verehrung für Albrecht war 
die Ursache seiner Verfolgung: „weil meine Epigramme Dein Lob 
verkündigen", ruft er aus, „wird mein zerbrochenes Schiff mitten 
auf den Fluten umhergetrieben". — Die Elegie zeichnet sich durch 
manche eindrucksvollen Züge aus; man fühlt die Kraft des per- 
sönlichen Erlebnisses hindurch, und deutlich ist zu erkennen, wie 
Grimm und Hoffnung dem Verfasser die Feder führen. Die Bilder 
stehen lebhaft vor der Seele des Lemnius; er vergegenwärtigt z.B. 
ganz anschaulich, wie der Drucker seiner Epigramme verhaftet 



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Simon Lemnius als Lyriker. 225 

wird, -wie man ihm Fesseln anlegt, wie seine Knaben weinend auf 
der Schwelle stehen nnd des Vaters Knie umklammern. Noch 
klarer aber tritt naturgemäß das heraus, was ihn selbst betrifft. 
So wenn er seine Flucht aus Wittenberg am frühsten Morgen 
schildert: es war noch kaum Licht, der rosige Tag nicht ange- 
brochen, die Vögel schwiegen noch; es war die Stunde, wo der 
Hirt das Vieh auszutreiben pflegt- Lebendig weiß er auch in 
seinen schwankenden Gemütszustand hinein zu versetzen: wie er 
auf der Flucht erschöpft unter einem Baum sitzt und sich gern 
zurückwenden möchte. 

Progredior rursus, sed terque quaterque revertens, 
Moenia dum specto pesque manusque tremunt. 
Quoque magis specto, magis est fugisse voluntas, 
Et dubium retraho spe meliore pedem. 
Haereo dumque diu, melior sententia vincit, 
Et moveo porro sicut et ante pedes. 

Ebenso stehen ihm auch die äußeren Bilder der Flucht noch klar 
vor Augen, so seine Wanderang in der Sommerhitze: nirgends ist 
die Quelle eines Baches, wo man seinen Durst stillen kann, nir- 
gends zeigen sich dichte, Schatten gewährende Laubbäume. — Die 
Fähigkeit, Äußeres und Inneres zu einem einheitlichen Bilde zu 
verschmelzen erscheint hier bereits ausgebildet. 

„Wie die Flamme den Phönix erneuert", sagt Lemnius am 
Eingange des dritten Buches, „so hat die Flamme unsere Bücher 
wiedergeboren; das Feuer, das mir mein Werk geraubt, hat es 
mir zurückgegeben". Die Glut des Hasses gegen Luther, der, wie 
es in der eben erwähnten „Klage" heißt, „die Schuldlosen ver- 
dammt, aber die Schuldigen freispricht", verleiht dem dritten Buch 
der Epigramme den stürmischen Atem, und hinter dem Grimm 
über das ihm zugefügte Unrecht treten alle anderen Regungen 
zurück. Allein die wilden Triebe einer ungebändigten Natur ließen 
sich wohl eine Zeitlang hemmen, aber nicht vollständig unter- 
drücken. Bereits in der frechen Satire auf Luther: „monacho — 
pornomachia" (1540) und schon vorher in der Satire auf Johann 
Eck (1538) machten sich seine gemeinen Instinkte zügellos Luft; 
und das Hauptwerk der nächsten Zeit atmet den gleichen Geist, 
wenn auch die Formen erheblich gemäßigter sind. In Chur, wo 
Lemnius seit 1539 als Lehrer zur Ruhe gekommen war, schuf er 
seine Liebesgedichte, die unter dem Titel amorum libri IV 1542 
erschienen sind. Die römischen Elegiker, namentlich Ovid und 
Properz, der auf die Gestaltung der neulateinischen Dichtung den 

15 



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226 Georg Ellinger 

stärksten Einfluß ausgeübt hat, sind für das Werk vorbildlich 
gewesen; von den humanistischen Dichtern acheint Titus Vespa- 
Bianus Strozza auf ihn eingewirkt zu haben ; mit dem französierten 
Italiener Publius Faustus Andrelinus hat Lemnius nicht bloß den 
schon durch Ovid nahe gelegten Titel seiner Gedichtsammlung 
gemein, sondern er steht auch unter seinem Einflüsse. Inwieweit 
er durch den Franzosen Johannes Vultejus angeregt ist, bedarf 
noch näherer Untersuchung, doch scheint ein Zusammenhang zu 
bestehen, wie denn überhaupt Beziehungen des Lemnius zu der neu- 
lateinischen Dichtung Frankreichs wahrscheinlich sind. 

Betrachtet man zunächst die drei ersten Bücher der hier ver- 
einigten Elegien, so fällt die häufige Wiederkehr einer Form auf; 
es ist die Anrede an die ferne Geliebte. Entweder der Dichter 
hat sich mit seiner Schönen entzweit, oder die Liebenden sind 
durch irgend einen widrigen Zufall von einander getrennt worden, 
und nun hört man die Klagen des einsamen Dichters, seine Trauer 
über Verlust und Trennung, sein sehnendes Verlangen, wieder mit 
der Geliebten vereint zu sein. Dabei wird der Schmerz regelmäßig 
dadurch gesteigert, daß sich Lemnius die ehemals genossenen oder 
zu erwartenden Freuden der Liebe ausmalt. Dies geschieht mit 
so krasser Deutlichkeit und in so widerlicher Weise, daß die 
Schilderungen des sinnlichen Genusses jeden Reiz verlieren. Man 
muß die nur kurze Zeit früher entstandenen Elegien des Johannes 
Secundus daneben halten , um den außerordentlichen Abstand 
zwischen künstlerischer Veredlung des Naturtriebes und dem 
bloßen Schwelgen in den wüsten stofflichen Vorstellungen zu er- 
kennen. Auf derartigen Schilderungen ruht auch der Hauptnach- 
druck in den Elegien, in denen Lemnius erzählend von seinem 
Liebesglück berichtet. Das geschieht in zwei Gedichten (L 3 und 
IL 1). In der Erfindung stehen sich beide nahe. Der Dichter 
wird auf ein schönes Mädchen aufmerksam gemacht, das sich ihm 
willig zeigt; Mißgünstige wollen sein Glück stören; er aber weiß 
sich ihrem Drängen zu entziehen und sich mit seinem Liebchen zu 
verschwiegenen Liebesfreuden in ein einsames Haus zu retten. 

Die Tatsache, daß jede Idealisierung des Sinnengenusses fehlt, 
und daß man es nur mit den Ausbrüchen der rohen Begierde und 
den Vorstellungen einer verdorbenen Phantasie zu tun hat, schädigt 
den Gesamteindruck und beeinträchtigt unwillkürlich auch die 
Vorzüge. Trotzdem lassen diese sich nicht verkennen. Zunächst 
darf die leidenschaftliche Glut der Sprache nicht unterschätzt 
werden; namentlich die Klagen, Wünsche und brünstigen Seufzer 
des von seiner Geliebten getrennten oder mit ihr entzweiten 



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Simon Lemmas als Lyriker. 227 

Dichters sind ganz auf den Ton glühender Liebesrhetorik gestimmt, 
und es gelingt Lemnius , durch die Kraft des Ausdrucks eine 
starke Wirkung zu erzielen. Ferner sucht er nicht ohne Glück 
die Umgebung mit den brennenden Trieben des Innern in Ein- 
klang zu bringen, die Natur mit dem eigenen Liebesleben zu 
einem einheitlichen Bilde zu verweben. Handelt es sich dabei 
auch vielfach um herkömmliche Mittel der Liebespoesie, so klingt 
doch etwas Persönliches durch diese Schilderungen hindurch; man 
vergleiche etwa die Worte, mit denen der Dichter die ferne Ge- 
liebte zu sich auf das Land lädt (I, 2) : 

Dulcis amica, veni, felix invitat et aura, 

Invitant volucres arboribusque comae. 
Quaeque patet nitidis sedes pulcherrima campis, 

Et circa fluidas undique gramen aquas. 
Ipsa domus medios altissima prospicit hortos, 

Sidera quae snmmo culmine celsa terit. 
Per medias herbas rivus tibi garrulus undas 

Ducit et insomnos murmure cogit aquae, 
Mitibus et volucres demulcent vocibus auras .... 

Wie es ihm in einzelnen Fällen glückt, die äußere Umgebung aus 
der poetischen Situation heraus lebensvoll zu gestalten, so ver- 
steht er auch da, wo nicht bloß monologische Rede des Dichters, 
sondern wirkliche Handlung gegeben wird, anschaulich zu erzählen 
und die auftretenden Gestalten zu vergegenwärtigen. Durch wech- 
selnde Bilder wird zuweilen (z. B. in der erwähnten Elegie II, 1) 
eine Art dramatischer Bewegung erreicht. Auch in der Ausfüh- 
rung der . Einzelzüge zeigt sich manches Reizvolle; ein gutes Bei- 
spiel bildet die Elegie: an Illyris (III, 2), in der zum Glück über- 
haupt die Schilderung des Sinnengenusses etwas gedämpft worden 
ist; da findet sich die zierliche Erzählung, wie ihm der Traum 
den Besitz der Geliebten vorspiegelt, wie er in ihren Armen zu 
ruhen und ihre Küsse zu fühlen meint, wie ihn dann aber der 
anbrechende Morgen aus seinem Wahn reißt, 

Et vagor inde domo tristi sed tristior ipse, 

Aspicio tristi triste cubile loco 
Laetaque concubitu quondam coenacula nostro, 

Conscia delitiis illa fuere tuis. 
Invenio thalamum, qui saepe cubilia nobis 

Ambobus pariter gaudia mille dedit: 
Hie fueras vultu toties speciosa soluta, 

Hie sparta fueras tu mihi pressa coma. 



15 



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228 Georg Ellinger 

Anziehend ist es auch, wenn der Dichter in leiser Lyrik auf sein 
persönliches Geschick eingeht und von hier aus wieder den Über- 
gang zu seinem Liebesleid findet, wenn er von dem Unglück spricht, 
das ihn im Leben so oft heimgesucht : frühzeitig hat er die Mutter, 
dann den Vater verloren; ein jüngerer Bruder ist ihm an der 
Pest gestorben (wie in den Feldern die welkgewordene Rose ab- 
fällt); seine Schwester lebt in unglücklicher Ehe; er selbst hat 
herumschweifend viel Schweres erduldet , aber am schwersten 
empfindet er es doch, daß die Geliebte, die ihn ehemals beglückte, 
so lange abwesend ist. (111,2; ähnliche Mitteilungen aus seinem 
eigenen Leben IV, 1.) 

Derartigen Vorzügen stehen nun aber auch beträchtliche Mängel 
gegenüber. Vor allem fällt die Armut der Erfindung auf; Anlage 
und Aufbau wiederholen sich in ermüdender Weise, und es kann 
nicht anders sein, als daß sich bei den gleichen Situationen auch 
unwillkürlich dieselben oder ähnliche Wendungen einstellen, etwa 
I, 1 Ah quoties dixi: ,iunge oscula', iunxit et illa. II, 2 Ah quoties 
mixtis coniunximus oscula Unguis. (Das „A quoties" zieht sich 
von den römischen Elegikern durch die ganze neulateinische Liebes- 
poesie; es findet sich z.B. auch bei Lemnius' Vorbild, dem älteren 
Strozza.) Die aus der häufig eintretenden Wiederkehr verwandter 
Motive sich ergebende Eintönigkeit wird durch die leidenschaft- 
liche Sprache keineswegs verdeckt, und die Brutalität der Schil- 
derungen steigert noch den auf diese Weise entstehenden Über- 
druß, Wieder muß man, um zu zeigen, wie ein wirklicher Dichter 
auch diesem begrenzten Gebiet immer neue Töne abgewinnen kann, 
auf Secundus verweisen; aber selbst mit Celtis kann Lemnius 
einen Vergleich nicht aushalten. — Daß auch das humanistische 
Zöpfchen zuweilen ergötzlich wackelt, wird man mehr Zeit und 
Richtung als Lemnius selbst anrechnen. Es mag noch hingehen, 
wenn die Allgewalt der Liebe durch Beispiele aus dem klassischen 
Altertum pedantisch belegt wird (II, 1); aber nicht ohne Beige- 
schmack der unfreiwilligen Komik ist es, wenn der Dichter sich 
durch klassische Vergleiche der Geliebten gegenüber in ein bes- 
seres Licht zu setzen sucht: er hält sie neben Helena und Hippo- 
damia, sich selbst schätzt er aber höher ein als Paris und Pelops ; 
jener war ein schimpflicher Ehebrecher, dieser hat den Tiscbge- 
nossen zu noch schimpflicherer Speise gedient, beide aber haben 
nicht die liedspendenden Musen gekannt, 

Ast ego Castalidas procul ad Permessidos undas 
Audivique sacras hie cecinisse deas. 



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Simon Lemnius als Lyriker 229 

Doctus et ad calamos dictat mihi carmen Apollo, 

Inque mea fluitat Pegasis unde domo. 
Nee mecum pariter forsan certaverit ulluß, 

Qui patriae consors dicitur esse meae. 
Non sim formosus, tarnen est mihi musa iocosa, 

Gratiaque est chartis invidiosa meis. 

Einförmig wie die Motive der Liebespoesie sind auch die von 
Lemnius verwendeten mythologischen Einkleidungen. Da erscheint 
Apollo, von den Musen begleitet, und mahnt ihn, von der wahn- 
sinnigen Liebe zu lassen und sich der Dichtung zuzuwenden. Oder 
Venus zeigt sich plötzlich dem sie anrufenden Dichter und belehrt 
ihn darüber, wie er die Gunst der Geliebten erringen könne. 
Phöbus und Merkur begegnen ihm auf dem Spaziergange und 
weisen ihn auf ein schönes Mädchen hin, das er denn auch bald 
gewinnt. Ähnlich gestaltet sich die Einkleidung in einer anderen 
Elegie, wo Venus den Dichter auffordert, die Jugendzeit für die 
Liebe auszunutzen; sie rät ihm, nach dem Markte zu gehen, er 
würde dort ein schwarzbraunes Mädchen (nigra puella, eine Rhä- 
tierin) treffen ; gerade die letzten beiden Beispiele offenbaren die 
Ärmlichkeit der Erfindung besonders deutlich, da auch die an 
den mythologischen Eingang sich anschließenden Teile eine auf- 
fallende Verwandtschaft aufweisen. — 

Eine besondere Stellung nimmt das vierte Buch ein. Aller- 
dings fehlen die in den ersten drei Büchern angeschlagenen Töne 
keineswegs. Die Elegie: „an Marulla" mahnt wieder in leiden- 
schaftlicher Liebesklage das Mädchen, ihn nicht länger zu ver- 
schmähen. Zahlreiche Motive und Behandlungsformen aus den 
früheren Gedichten finden sich ein, so wenn Lemnius, um Eindruck 
auf die Geliebte zu machen, hervorhebt, daß er zwar nicht schön sei, 
daß aber sein Dichterruhm die Welt erfülle. Auch wenn er in 
leiser Lyrik den Wohlstand eines Freundes, dessen Weinberge 
auch ihm zugute kommen, der eigenen Armut gegenüberstellt und 
dabei manche Mitteilungen über seine frühere Lage gibt — so 
sind das ebenfalls schon bekannte Klänge. Daneben kommen aber 
doch andere Neigungen des Dichters zu Wort, obgleich er über 
die bisher verwendeten Formen nicht hinausgelangt. Der Kampf 
zwischen Liebesglut und Wissensdrang bildet den Grundgedanken 
eines Gedichtes (IV, 3), und die Ausführung ist nicht ohne Reiz. 
Amor erfleht von der mächtigen Mutter Schonung für das Herz 
des Dichters, der aufs neue von Liebespfeilen verwundet werden 
soll; die Bitte wird ihm gewährt, und Erato selbst überreicht dem 



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230 Georg Ellinger 

Dichter als Heilmittel für die Liebe den Livius; diesen sendet 
Lemnius nun einem Freunde, indem er zugleich einen Überblick 
über die Heldentaten der Römer gibt. Aber lange vermag ihn 
doch die Wissenschaft nicht zu schützen; denn nach einiger Zeit 
kommen Venus und Amor wieder über die Alpen, und der Dichter 
kann trotz aller Bitten dem Geschoß des Liebesgottes nicht ent- 
gehen : 

Ipse Pericleas artes Romamqne reliqui, 
Atque Cupidineos cogor inire modos. 

Noch eine unmittelbarere Wirkung als dieses Gedicht erzielt ein 
anderes (IV, 2); in allegorischer Einkleidung versinnbildlicht es 
die Hinwendung zur vaterländischen Poesie. Erst in verhältnis- 
mäßig später Zeit hat Lemnius Hand an die Ausführung seines 
Schweizerepos: Rhaeteis gelegt; die Elegie vergegenwärtigt die 
Zeit, in der der Plan zu dieser Dichtung in ihm auftauchte. Auch 
hier geht er, wie in der zuletzt behandelten Elegie und einem 
Gedicht des ersten Buches (I, 4), von einem inneren Zwiespalt aus; 
am Bachesrande liegt er schlafend, von dem Murmeln des Wassers 
eingelullt, da erscheinen ihm Venus und Apollo ; Venus heißt ihn 
erwachen und ihr Lob singen; Apollo fordert ihn dagegen zum 
Preise der vaterländischen Geschichte auf. Da erwacht der Dichter, 
und sofort steht der Entschluß in ihm fest, seine Muse in den 
Dienst des Vaterlandes zu stellen und so seine vaterländische Ge- 
sinnung zu bekunden. Die Heldentaten, von denen die heimische 
Geschichte berichtet, sind der Besingung würdig und denen des 
Altertums gleich zu stellen. Der Dichter aber will sich durch die 
Vaterlandsliebe aus den Verirrungen emporheben und die ursprüng- 
liche Kraft des Geistes wieder erringen. 

Diese Worte klingen wie ein Gelöbnis, und es sieht aus als 
ob Lemnius dem erotischen Übermaß damit den Abschied habe 
geben wollen. In der Tat lenkte seine Muse bald in ruhigere 
Bahnen ein, und nur ausnahmsweise lugte die derbe Sinnesfreude 
noch durch. Vorläufig nützten ihm freilich alle guten Vorsätze 
nichts ; sein wenig vorbildliches Leben und dessen unverhüllte Ab- 
spiegelung in den amores hatten in Chur großen Anstoß erregt, 
die Schul stelle wurde ihm gekündigt, aber nach einem zweijäh- 
rigen Aufenthalt in Italien lief er wieder als Lehrer an einer 
anderen Schule in den alten Hafen ein. Aus dieser letzten Churer 
Zeit (1544—50) stammen seine Eklogen und die schon erwähnte 
„Rhaeteis". Nur das erste, 1547 — 50 entstandene und ein Jahr 
nach des Dichters Tode veröffentlichte Werk kommt hier in ße- 



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Simon Leranius als Lyriker 231 

tracht. Die schon im Altertum vorbereitete Wendung, daß die 
Hirtendichtung sich zur äußerlichen Maskenform wandelte, war 
durch Petrarca und Boccaccio endgiltig herbeigeführt, von Baptista 
Mantuanus nur teilweise beseitigt worden. Im 16. Jahrhundert 
trat bei den Neulateinern Italiens die Allegorie zwar nicht voll- 
ständig zurück, aber man begann die pastoralen Motive freier zu 
gestalten und die alte starre Eklogenform zu überwinden. Da- 
gegen hielt man in Deutschland an ihr fest; zu derselben Zeit, in 
der Naugerius und Flaminius die anmutigsten kleinen idyllischen 
Kunstwerke schufen , dichteten Eoban Hesse , Euricias Cordus, 
später auch Lemmas* Freund Stigel ihre Eklogen, in denen das 
Hirtenkostüm selten etwas anderes als eine äußerliche Einklei- 
dung darstellt. Dieser deutschen Entwicklung schließt sich nun 
Lemnius an; wenn er unter seinen Vorbildern auch Naugerius 
nennt, so kann ihm dieser nur gelegentlich bei den Einzelschilde- 
rungen aus dem ländlichen Leben vorgeschwebt haben; gelernt 
hat er jedenfalls nicht viel von ihm. Lemnius* Werk enthält fünf 
Eklogen; die erste, „der Parnaß" gibt einen Überblick über die 
Stätten, in denen die neulateinische Poesie der Schweiz Unter- 
kunft gefunden hat ; die zweite und dritte behandeln eigene Er- 
lebnisse des Dichters, während die beiden letzten den Ruhm der 
französischen Könige Franz I. und Heinrichs IL verkünden. In 
der vierten Ekloge beklagen die Hirten den Tod des Daphnis 
(Franz L); die Form der ihm erteilten Lobsprüche hat mit der 
Art, in der Stigels Ekloge: „Jolas" Karl V. preist, viel Ähnlich- 
keit ; ein Zusammenhang ist wohl nicht ausgeschlossen. Die fünfte 
Ekloge bringt den üblichen Wettstreit zwischen zwei Hirten: der 
eine besingt die Taten des Herkules, der andere rühmt dagegen 
den gallischen Herkules (Heinrich IL); unwillkürlich denkt man 
an die Einkleidung von Bojardos, in der Erfindung freilich reicher 
ausgestatteter Ekloge (Nr. 10), wo dem alten Herkules ein neuer 
(Herkules von Este) gegenüber gestellt wird. Irgend ein wiiklich 
fesselnder Zag findet sich allerdings bei Lemnius so wenig wie 
bei Bojardo; es kommt noch dazu, daß die fünfte Ekloge ihre 
Vorgängerin wiederholt, ja teilweise ausschreibt. Auch die erste 
Ekloge bietet in der Ausführung wenig Bemerkenswertes; nur 
dem zweiten und dritten Idyll geben die zugrunde liegenden Er- 
lebnisse einen stärkeren Rückhalt. In der zweiten Ekloge sieht 
man Lemnius in Schäfertracht auf der Flucht aus dem pestver- 
seuchten Chur; den Hirten, mit denen er auf dem Wege zusammen- 
trifft, berichtet er von der verheerenden Wirkung der furchtbaren 
Krankheit; und es erscheint bei dein Churer ganz angemessen, daß 



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232 Georg Elliuger 

er sowohl der täglichen Arbeit auf der Hochebene als der dem 
Älpler eigentümlichen Verrichtungen gedenkt: wie der Bauer wäh- 
rend des Mähens stirbt, wie der Hirt in der Felshöhle dahinsinkt 
unter den Käsen und der Fettmilch, die er soeben zum Zwecke 
des Käsemachens hat gerinnen lassen. Auch wenn er weiterhin 
lebhafte Einzelbilder entwirft, wird man eine unmittelbare Ver- 
gegenwärtigung anerkennen müssen, obgleich etwas äußerlich An- 
gelerntes bleibt, und beispielsweise Thomas Freigius mit seinen 
Schilderungen einer späteren Pest in Basel (1B83) uns weit mehr 
za ergreifen weiß. Aber immerhin, die Schilderungen haben etwas 
Eindringliches, nur wird die Wirkung durch die sich anschließenden 
Schulfuchsereien gestört, und Lemnius fällt mit seinen Hinweisen auf 
Seuchen im klassischen Altertum ganz aus der Rolle. Eine ähnliche 
zwiespältige Wirkung ergibt sich am Schluß des Gedichtes, wenn der 
eine Hirt den anderen nachhause schickt, damit er der Gattin den 
Gast verkünde : da schreibt er vor, was zuhause für die Bewirtung 
geschehen, wie die Frau Salat holen, Eier zum Rührei einschlagen, 
Selchfleisch aus dem Rauchfang nehmen und zwei Böcke ausweiden, 
auch Kastanien, Apfel und Birnen pflücken soll; aber dieses artige 
Bild ist durch den geschwollenen Vergleich der Gattin mit Lao- 
damia, Penelope und Cornelia entstellt. Ruht in der zweiten Ekloge 
der Hauptnachdruck auf dem Unglück, das den Dichter aus Chur 
vertrieben, so faßt die dritte in ähnlicher Einkeidung den ganzen 
Verlauf der Flucht ins Auge. Sie zeigt wie der Dichter über 
Pfaffers, Sargans, Zürich, Baden nach Basel gelangt; in begeisterten 
Preisliedern auf diese Stadt klingt das Gedicht aus. Den Glanz- 
punkt der Reisebeschreibung bildet die Schilderung der Bäder von 
Pfäffers; sie sucht das Unheimliche des finstern Schlundes mit den 
gleichen Farben nahe zu bringen, wie sie Hütten in seinem bekannten 
Brief verwendet. 

Dem durch die Eklogen abgeschlossenen Gesamtbilde der Lyrik 
des Lemnius vermögen einige kleinere Stücke keine neuen Züge 
hinzuzufügen. Wie sich die weitere Entwicklung des Dichters ge- 
staltet haben würde, wenn er nicht der Pest, vor der er geflohen^ 
nach seiner Rückkehr doch zum Opfer gefallen wäre (1550), läßt 
sich nur vermuten. Vielleicht hätte sich das alte Feuer auch bei 
unverfänglichen Gegenständen wieder eingestellt. Das ist möglich, 
aber nicht wahrscheinlich. Denn sowohl die Eklogen wie die Rhaeteis 
zeigen ein Nachlassen der Kraft. Die in den amores hervortretenden 
Vorzüge sind meist geschwunden, die Schattenseiten aber geblieben, 
ja sie haben sich noch beträchtlich verstärkt. Schwerlich war also 
noch ein weiteres Fortschreiten zu erwarten. So werden die amores 



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Simon Lemnius als Lyriker 233 

als der Höhepunkt dieses Dichterlebens gelten müssen. Ihre Be- 
deutung ist mit dem bereits Gesagten noch nicht erschöpft. Denn 
man wird dem Werke nicht gerecht, wenn man lediglich den ästhe- 
tischen Maßstab anlegt. Die Stellung des Lemnius innerhalb der 
neulateinischen Literatur kann nur von einem andern. Standpunkt 
aus erschlossen werden. Mehr noch als in den Epigrammen und 
Satiren rückt Lemnius nämlich in den amores die eigene Person 
in den Vordergrund. Das geschieht mit einer unverächtlichen Kraft. 
Ohne beschönigende Zutaten stellt er sein wohlgetroffenes, wenig 
schmeichelhaftes Bild vor den Leser hin : eine wilde, ungebändigte 
Natur mit heißen Trieben und leidenschaftlichem Begehren. Der 
eigentliche Wert der vielfach von Unselbständigkeit und Schablone 
eingeengten neulateinischen Dichtung ruht gerade darauf, daß sie 
der Individualität wieder zu ihrem Rechte verholfen hat. Daß 
Lemnius diesen Grundzug zwar in abstoßender Weise, aber mit 
ungewöhnlicher Stärke verkörpert, sichert ihm auch innerhalb der 
Entwicklung der neulateinischen Poesie einen festen Platz. 



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Der junge Friedrich und die Anfänge 
seiner Geschichtsschreibung 

Von 

Georg Küntzel 

Ein hohes Menschentum und eine große sachliche Aufgabe be- 
rührten und durchdrangen sich in dem Königtum Friedrich des 
Großen. Die Jahre von 1740 — 1755 sind die Höhezeit, in der 
Mensch und König, Schöpferdrang und Leistung, geistiger Lebens- 
genuß und pflichtmäßiges Handeln, die Macht- und die Kulturidee 
des Staates in schönstem Einklang schienen. Friedrich lebte da- 
mals in dem wonnigen Bewußtsein einer persönlichen Leistung, die 
sein Volk auf die Bahn eines entscheidenden politischen, wirtschaft- 
lichen und geistigen Fortschrittes empörgerissen hatte. Seine 
großen geschichtlichen Werke, die Histoire de nion temps und die 
Histoire de la maison de Brandenbourg, sein politisches Testament 
von 1752, sein frisches Zupacken auf dem Gebiete der Verwaltung, 
sein geistiges Schwelgen in der Tafelrunde von Sanssouci legen 
beredtes Zeugnis von der lebensprühenden, allseitig ausladenden 
Ergiebigkeit, Vielseitigkeit und Beweglichkeit seines Geistes ab. 
Der Eroberer Schlesiens, der sieggekrönte Feldherr, der König, 
der den Wipfel des gebeugten Palmbaumes hoch hatte wieder 
emporschnellen lassen, der Staatsmann, der in der zunächst an- 
brechenden Friedenszeit mit Leidenschaft an die Hebung des wirt- 
schaftlichen Behagens des Volkes und die Aussaat geistigen Sa- 
mens herantrat, schien die Universität „Potsdam" und die „Bürger- 
krone der Humanität" miteinander versöhnt zu haben, in denen er 
noch 1739 Voltaire gegenüber Gegensätze hatte sehen wollen. 
Schwung und Kraft , Begeisterung und Erfahrung , systemvolle 
Klarheit und gediegene Sachkenntnis waren ineinander geflossen. 
Der geniale Mensch in Friedrich hatte die ihm congeniale Stellung 
errungen, die Freiheit, die er 1735 als den Inbegriff seines We- 
sens bezeichnet hatte, war ihm im doppelten Sinne zuteil geworden: 



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Der junge Friedrich und die Anfänge seiner Geschichtsschreibung 235 

in der inneren Unabhängigkeit von fremdem Druck und Zwang 
sowohl als der Möglichkeit fast unbegrenzter schöpferischer Tätig- 
keit nach außen. 

Es war ein langer und dornenvoller Weg gewesen, den Frie- 
drich hatte zurücklegen müssen, bis seine natürliche Anlage zu 
Großzügigkeit, Geistigkeit und Grazie in wechselnder Umgebung 
unter Kämpfen und Reibungen die Hülle jugendlicher Unreife ab- 
zustreifen und in wachsender Reinheit sich zu sich selbst zu ent- 
wickeln vermocht hatte. Die Geschichte des jungen Friedrich zeigt 
die Entfaltung keimartiger Anlagen, die in Selbstbehauptung, Ab- 
wehr und Angleichung an die Umwelt, erzwungenem und freiwil- 
ligem Lernen zur Blüte reifen. Wir verfolgen hier kurz diesen 
inneren Werdegang Friedrichs bis in die Rheinberger Zeit hinein, 
da er mit ungeheurem Sprung sich über seine preußische Mitwelt 
hinausschwang und in der freien Wahl Montesquieu's und Vol- 
taire's zu seitffcn neuen Führern die Tiefe seiner geistigen Sehn- 
sucht, seinen leidenschaftlichen Anteil an den höchsten Fragen der 
Menschheit und die Fähigkeit zur Selbstbehauptung auch gegen- 
über diesen größten Geistern des damaligen Europa bewies. Die 
ernste stille Zwiesprache, die Friedrich hier zu pflegen begann, 
die geistige Auseinandersetzung mit den Toten der Geschichte 
und den fremden Geistern Frankreichs, seine Geschichtsphilosophie 
und Weltanschauung, die ihm hieraus erwuchs, sind die Vorbe- 
reitung und das Rüstzeug für den aufgeklärten Absolutisten von 
1740 geworden. 

Innerhalb der großen Familie Friedrich Wilhelms 1. ist es 
nur zwischen dem Vater und seinen Kindern Friedrich und Wil- 
helmine zu dem bekannten schweren Zerwürfnis gekommen; wohl 
ein Beweis dafür, daß nur hier die verborgenen Eigenwerte und 
Eigenwilligkeiten des Charakters stark genug waren, um die Le- 
bensgewohnheiten und die Erziehungsrichtung Friedrich Wilhelms I. 
als unerträglichen Zwang zu empfinden. Wilhelmine hat den 
Kampfplatz unter dem Verlust ihresjLebensglückes als Besiegte ver- 
lassen müssen, Friedrich selbst hat Schwung- und Widerstands- 
kraft genug besessen, um trotz der aufgezwungenen und glück- 
losen Ehe sich selbst in schöpferischem Königsleben durchzusetzen. 
Mit der mißlungenen Flucht von 1730 ist die Zeit offner und 
trotziger Auflehnung gegen den Vater vorbei, und es beginnt die 
Epoche seiner Einschulung in die bestehenden Verhältnisse. Ein 
erster ganz selbständiger Versuch, die Stimmung des Königs im 
Sturmschritt durch eilfertiges Eingehen auf die religiösen, wirt- 
schaftlichen und militärischen Lieblingsideen seines Vaters zu ge- 



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236 Georg Küntzel 

winnen, ist kläglich gescheitert. Friedrich maßte sich zu geduldiger 
Anpassung an Lebensform, Umgang und Arbeitweise bequemen, die 
der heroische Sinn des unversöhnten und mißtrauischen Vaters ihm 
vorschrieb. Innerlich blieben sich Vater und Sohn in der Küstriner 
Zeit — von einem ersten kurzen Aufblitzen gegenseitigen Verstehens 
in Jer Begegnung zwischen Vater und Sohn am 15. 8. 1731 abgesehen 
— noch überwiegend fremd. Friedrich Wilhelm I. empfand mit 
vollem Rechte, daß der Sohn die väterliche innere Welt nach wie 
vor ablehue. Für Friedrich blieb das, was er „Wusterhausen" 
nannte, das Fegefeuer, gekennzeichnet durch die sinnlose Parforce- 
jagd und das würdelose Kneipenleben im Tabakskollegium. Er 
sah in der liebevollen wirtschaftlichen Kleinarbeit des Königs nur 
pedantische Beschränktheit, und in der Soldatenfreudigkeit nur 
geistlosen Despotismus. Er war noch nicht reif genug, um hinter 
diesen Erscheinungen den tiefen sittlichen Ernst des aufbauenden 
Arbeitlebens Friedrich Wilhelms 1. zu empfinden, wie umgekehrt 
Friedrich Wilhelm I. seinerseits auf den Schöngeist Friedrich 
und seine kindlich unreifen Äußerungen mit völliger Verständnis - 
losigkeit herabsah. Das ernste Pflichtgefühl des Vaters und der 
Sinn für Schönheit und Geistigkeit stießen sich in ihrer beider- 
seitigen Verhüllung zunächst noch grundsätzlich ab. Wie welten- 
fern Friedrich Wilhelm I. dem Grundwesen seines Sohnes damals 
noch gegenüber stand, zeigt mit erschreckender Deutlichkeit sein 
naiver Versuch, den Sohn durch eine Frau nach seinem väterlichen 
hausbackenen Geschmack zu seinem Ideale eines bürgerlich soliden 
deutschen Arbeitlebens zu erziehen. 

So hat Friedrich in seiner Küstriner Zeit überwiegend sich 
in einer Abwehrstellung empfunden, um sein vermeintliches Ich 
gegen Hineinzwängung in ihm fremde Bahnen zu sichern. Er 
hat die auferlegten religiösen und wirtschaftlichen Vorschriften 
und Arbeiten hingenommen aber nicht angenommen. Er hat sich 
in Küstrin trotz aller königlichen Befehle mit Hilfe seiner Um- 
gebung eine weit größere Bewegungsfreiheit verschafft, er hat in 
dem ihm zugewiesenen Umgang willig gelebt, aber einen tieferen 
geistigen Einfluß nicht aus Küstrin empfangen. Es war auch 
niemand in seiner Umgebung, der ihm durch menschliche und sach- 
liche Ueberlegenheit wirklichen erzieherischen Halt hätte bieten 
können. Der Präsident von Münchhov trat ganz zurück. Der 
Kammerdirektor Hille hatte es schon als Bürgerlicher schwer, die 
kurzsichtige adlige Voreingenommenheit des jungen Friedrich zu 
überwinden und scheint seine Stellung zu dem auch durch ein 
gewisses Reklamebedürfnis , Wichtigtuerei mit hohen Gönnern, 



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Der junge Friedrich und die Anfänge seiner Geschichtsschreibung 237 

Zurschautragen seiner humanistischen Bildung, 'sowie endlich ein 
bewnßtes Pochen auf seine bürgerliche Amtskarriere Friedrich 
gegenüber erschwert zu haben. Vollends aber sind seine unmittel- 
baren Lebensgefährten Waldow, Rohwedel und Natzmer keine Per- 
sönlichkeiten gewesen, um auf den jungen Friedrich starken Ein- 
druck zu machen. Es waren brave und redliche Menschen und Frie- 
drich von Herzen ergeben, aber nicht geistig reich genug, um das 
tägliche Zusammenleben in dem engen Kreise wirklich ausfüllen 
zu können. So bildet sich eine gewisse Langeweile und Stickluft 
aus, man sitzt und gähnt, empfindet die Kleinstadt als Gefängnis 
und wird auch durch gelegentliche kleine übermütige Streiche und 
Abenteuer nicht befriedigt. Eine geistgetragene wirklich erzie- 
herische Zeit kann dieses Leben in diesem „Kloster" nicht genannt 
werden. Die sachlichen Aufgaben und die persönliche Umgebung 
erwiesen sich nicht als bedeutsam genug, um den Kronprinzen zu 
erfüllen und empor zu führen, und Essen, Musik, Tanzen auch wohl 
Lektüre, Zukunftsphantasien, vor allem aber das Verseschmieden 
in französischer Sprache füllen äußerlich sein Leben aus; ernste 
Arbeit und „Plaisiers" streiten noch in seiner Seele um den Vor- 
rang. Wohl erkennen bereits gutmeinende Freunde wie Waldow 
und Rohwedel. auchHille, daß in dem jungen Friedrich das Zeug zu 
einem bedeutenden Herrscher stecke, aber sie würden es mit Recht 
als eine Katastrophe betrachten, wenn Friedrich bereits jetzt zur 
Regierung käme. Einzelne scharfe Lichtblicke, z. B. in dem be- 
kannten Natzmerbriefe von 1731, werden hier und da erkennbar, 
aber im Ganzen überwiegt noch der Dilettantismus der inneren 
Unausgefülltheit. Friedrich erzählt im Juni 1731 mit Stolz dem Grafen 
Seckendorf, daß er in 2 Stunden 100 französische Verse machen 
könne, daß er Moralist, Philosoph, Physiker, Mechaniker und Mu- 
siker sei. Ein Bonmot, so sagte damals Seckendorf, gehe dem 
Kronprinzen über die Wirklichkeit. Wir empfinden die geistige 
Regsamkeit Friedrichs, seine seelische Empfänglichkeit, seinen lite- 
rarischen Gestaltungstrieb; aber noch fehlt der Ernst der Jahre 
und die Sammlung um festes Ziel und Inhalt, und geistige 
Spielerei und tändelnde Formgewandtheit drängen eine ernste 
Problembehandlung zurück. Gegenüber dem steten Versuch ihn 
erzieherisch umzugestalten, überwiegt noch die eigenwillige oft 
zynische Selbstbehauptung , trotzdem sich auch weiche Seiten 
bereits ankündigen. Kunstvolle Verstellung gegen den Vater, 
Grumbckow und Seckendorf, leichtes Genießen des Tages kenn- 
zeichnen das äußerliche Lebensbild dieser Küstriner Zeit. Frie- 
drich ist stark genug sich der Erziehung des Vaters noch we- 



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238 Georg Küntzcl 

sentlich zu entziehen , aber noch nicht reif genug, um ein eignes 
Lebensideal voll Pflicht und Zieleinheit aufzubauen. Ungebrochen, 
aber auch ungewonnen hat er Küstrin 1732 verlassen, um als 
Oberst seines Regimentes die nächsten 4 Jahre in Nauen und 
Ruppin zu verleben. 

Der Kampf um Freiheit und Selbstbehauptung findet hier 
selbstverständlich seine Fortsetzung. Aber die schwerste Zeit ist 
vorüber, so kritisch auch die Tage der freudlosen Heirat 1733 
waren, und so oft auch das Mißtrauen des Königs wieder aufflackern 
mochte. Deshalb muß auch Friedrich in der kunstvollen Diplo- 
matie dem Vater gegenüber fortfahren, wobei ihm nach wie vor 
Grumbckow mit seiner genauen Kenntnis des Terrains unentbehr- 
lich bleibt. Auch andere Offiziere wie v. Hacke und Derschau 
müssen ihm helfen, durch Beschaffung von Geld und langen Kerlen 
vor dem Könige zu bestehen. Grumbckow wird angespannt, um 
einen vom König verlangten Pachtanschlag zu verfertigen. Aber 
innerlich läßt Friedrich niemanden von ihnen in seine Welt hinein 
blicken. Im Gegensatz zu Küstrin ist er hier der Herr über sich 
und seine Offizierumgebung geworden. Trotz des kameradschaft- 
lichen Zusammenlebens mit dem ihm unterstellten Offiziercorps hält 
er, der Thronfolger, doch auf Entfernung. Er lebte hier geistig nach 
außen hin viel einsamer als in Küstrin. Von den Offizieren seiner 
Garnison, die uns ManteufFel als „meist sehr leichtsinnig und un- 
wissend" schildert, ist ihm keiner nahe getreten. Er hat nie- 
manden in Ruppin, bei dem er sich geistig und seelisch Rats er- 
holen könnte. Er ist in einer Umgebung, die ihm nichts mehr 
bieten kann als er selbst in sich hat. Eine geistige Lebensgemein- 
schaft, eine geistige Tafelrunde besteht nicht. Und doch beginnen 
hier äußere Lebenserfahrungen und selbst gewählte geistige Ar- 
beit aufbauende Werte in sein Leben zu bringen. Er wird zu- 
nächst begeisterter Soldat, als ein falsches Gericht über den Tod 
des Pfalzgrafen v. Neuburg die Eröffnung der Jülich-Bergischen 
Frage zu bringen schien. Sofort ist der anfängliche Spott über 
den Exerzierteufel verschwunden, sobald die Verwendung des 
Heeres im Ernstfalle als Möglichkeit auftaucht. Er ist kriegs- 
lustig und ruhmbegierig, die größere Freiheit, die er im Felde 
haben würde, die Abwechslung und die Leidenschaft zur Tat bringen 
ihn in Wallung. Mit beschwingter Phantasie sieht er bereits die 
neuen Untertanen auf den Knien huldigen, und seine Verehrung 
für französische Kultur hemmt ihn keinen Augenblick in dem er- 
warteten Kampfe mit Frankreich. Stärker natürlich noch wirken 
seine ersten wirklichen Kriegserfahrungen 1734/35. Er begegnet 



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Der junge Friedrieb und die Anfänge seiner Geschichtsschreibung 239 

hier der fast schon geschichtlich gewordenen Heldengestalt des 
greisen Prinzen Engen v. Savoyen, vor dem trotz seiner körperlich 
und geistigen Altersschwäche Friedrichs sonst stets breiter Spott 
verstummt. Er beobachtet mit scharfem Blick die Unordnung im 
österreichischen Heere und wird später den einzigen österreichischen 
Regimentskommandeur Freiherr v. Riedesel, der seine Trappe in 
Zucht gehalten hatte, in seine Dienste ziehen. Im Vergleich, mit 
dem Auslande geht ihm umgekehrt Sinn und Achtung für die 
preußische Heeresordnung auf und damit eine Ahnung von der 
positiven Lebensarbeit seines Vaters. Auch persönlich hat er sich 
bemerkenswert furchtlos und kaltblütig im feindlichen Feuer ge- 
zeigt, so sehr er damals freilich auch noch geneigt war, Krieg 
nnd Schlacht als Kitzel für persönlichen Mut und fürstlichen Ruhm 
zu betrachten. Wir gewahren deutlich, wie ihn das Leben erzog. 
Indem er aus Preußen herauskam, das hohe Spiel des Krieges 
persönlich erlebte, wird er ruhiger und sachlicher im Urteil, kri- 
tischer gegen sich selbst, aufmerksamer auf die bisher bespöttelte 
Welt des Vaters. Diese langsame Annäherung an das Lebenswerk 
seines Vaters konnte auch dadurch nur vorübergehend gestört 
werden, daß Friedrich während der schweren Erkrankung Friedrich 
Wilhelms L im Herbst 1734 mit höchster Ungeduld und kind- 
licher Gefühlsverhärtung sehnsüchtig den Tod des Königs er- 
wartete l ) und in der Hoffnung auf die eigne Thronbesteigung sich 
in eigenmächtigen geheimen politischen Verhandlungen mit dem 
französischen Gesandten La Chetardie eine empfindliche politische 
Schlappe zuzog. Der Friedensschluß und die Gesundung des 
Vaters führten ihn wieder nach Neu-Ruppin und warfen ihn nur 
mit erneuter Wucht auf sich selbst und eigne geistige Fort- 
entwicklung zurück. 

Denn dies gibt der Neuruppiner Zeit Friedrichs eine neue Be- 
deutung. Soweit es ihm irgend möglich war, entzog er sich dem 
geistesarmen Umgang mit seinen Offizieren, dem Aufgehen in dem 
äußeren Lebensgenuß, um im streng geregelten Lebenslauf täglich 
einige Frühstunden ernster Bücherarbeit abzugewinnen. So wenig 
er lukullischen Freuden grundsätzlich auswich, so gewiß begann 
jetzt die Materie vor dem Geiste zurück zu treten und strenge 
Geistesarbeit die dilettantischen Tändeleien der Küstriner Zeit 
abzulösen. In Küstrin vermochte er die Freiheit, so weit er sie 



1) Vgl. W. v Sommerfeldt, die philosophische Entwicklung des Kronprinzen 
Friedrich. Forsch, zur brandenb. u. preuß. Gesch. 31, 1918; G. B. Volz , die 
Krisis in der Jugend Friedrichs des Großen. Histor. Zeitschrift 118. 



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240 Geor.g Küntzel 

sich zu schaffen im Stande war, noch nicht recht zu verwerten. 
Jetzt genießt er die größere Freiheit, die er mit Wissen seines 
Täters erhalten hatte, in volleren Zügen und baut sich aus seinen 
geliebten Büchern seine Welt auf. „Ich unterhalte mich mit den 
Toten und diese meine stumme Unterhaltung ist mir nützlicher 
als jede, die ich mit den Lebenden haben kann". Mag er daneben 
das alte Verseschmieden auch im Stillen noch fortsetzen so hat 
sein Leben doch in Ruppin die entscheidende Richtung auf Ernst, 
Sammlung und Geistigkeit gewonnen. 

Die beiden neuen Seiten, die wir in dem Ruppiner Leben Frie- 
drichs beobachten, seine steigende Erkenntnis der väterlichen Le- 
bensarbeit und der wachsende Ernst in der Vergeistigung des 
eigenen Lebens erfahren nun in der Rheinsberger Zeit schnelle 
und machtvolle Verstärkung. Reisen nach Ostpreußen öffnen ihm 
vollends die Augen über den Vater, kindliches Sohnesgefühl be- 
ginnt sich natürlich zu regen, und um so schmerzlicher nur emp- 
findet seine geöffnete Seele plötzlich heftige und unverschuldete 
Rückfälle des väterlichen Mißtrauens. Aber im ganzen ist ja be- 
kannt, wie glücklich und frei sich Friedrich in seinen Rheinsberger 
Jahren gefühlt, und wie dankbar er stets dieser Zeit gedacht hat, 
da er mit Riesenschritten aus dem geistigen Schatten zu philoso- 
phischer Lebensgestaltung vorwärts schritt. Hier zuerst in seinem 
Dasein konnte er in freigewähltem Umgang leben, hier zuerst eine 
geistige Lebensgemeinschaft mit Männern und Freunden bilden, 
die ihm zunächst in systematischer Durchbildung überlegen waren. 
Hier konnten in dem glücklichen Gefühle geistigen Reifens im 
Verkehr mit wahrhaft edlen Menschen die weichen Seiten seines 
Wesens, Freundschaft und Dankbarkeit sich stärker zu entfalten 
beginnen als bisher, da er sich mehr in Fechterstellung gegenüber 
der väterlichen Zwangserziehung befunden hatte. Aber umso lehr- 
reicher und reizvoller ist es zu beobachten, wie schnell Friedrich 
das aufnimmt, was seine Freunde die Keyserling, Suhm, Jordan, 
Fouque , Camas und Manteuffel ihm zu bieten haben, und wie 
schnell er alsbald seine geistigen Flugversuche in einsame Höhen 
beginnt, in denen er sich nur noch mit den auserlesensten Geistern, 
vor allem Montesquieu und Voltaire trifft. Suhm und Manteuffel 
waren es, die bei dem unaufhörlichen geistigen Trommelfeuer, das 
Friedrichs Wissensdurst auf sie eröffnete, ihn zu ihrem philoso- 
phischen Lehrmeister Wolff hinführten. Ich habe an anderer 
Stelle ') gezeigt, wie jubelnd hier Friedrich in dem Systemgeist 



1) Deutsche Marine-Rundschau Februar 1912. 



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Der junge Friedrich und die Anfänge seiner Geschichtsschreibung 241 

Wolffs mit scheinbarer Vollendung fand, wohin sein auf Logik und 
Systematik gestimmter Geist lange gedrängt hatte. Es ist unge- 
mein bezeichnend für Friedrich, wie schnell er sich die systema- 
tische Denkrichtung Wolffs zu eigen macht und sie auch auf die 
übrigen Probleme insbesondere des politischen Lebens zu übertragen 
entschlossen ist; nicht minder aber auch, daß Friedrichs kritischer 
Geist nicht so unbedingt wie etwa Manteuffel in verba magistri 
schwört, in der Frage der Unsterblichkeit der Seele seinen abwei- 
chenden Standpunkt beibehält und sich von der Wendung über 
seine Freunde und Wolff hinaus zu Voltaire, auch durch die Be- 
denken nicht abbringen läßt, die Manteuffel über den persönlichen 
Charakter Voltaires äußerte. So steigt Friedrich, indem er sich 
geistig mit dem anerkannten Haupte der europäischen Aufklärung 
zu messen unterfing, durch eigne Willenskraft über die geistige 
Gemeinschaft mit seinen Freunden hinaus. Erst in der Ausein- 
andersetzung mit Voltaires geistsprühender Vielseitigkeit hat auch 
Friedrich die eigenen geistigen Kräfte voll entwickelt. 

Neben Voltaire aber hat keiner der europäischen Denker seiner 
Zeit so stark und erregend auf Friedrich eingewirkt wie Montes- 
quieu. Spiegelt sich in Friedrichs Antimachiavell vornehmlich 
Voltaires Einfluß wieder, so zeigt die viel erörterte l ) seinerzeit 
unveröffentlicht gebliebene politische Flugschrift Friedrichs von 
1738, die er im Zusammenhang mit den Jülich-Bergischen Wirren 
unter dem Titel: „Consid^rations sur l'ätat präsent du corps po- 
litique de l'Europe" schrieb, auf Schritt und Tritt zwar nicht in 
der Nutzanwendung aber doch im sachlichen Gedankenaufbau und 
der Methode der historisch-politischen Analogieschlüsse die un- 
mittelbare Einwirkung von Montesquieus berühmten Considerations 
sur les causes de la grandeur des Romains et de leur d^cadence« 
Es ist deswegen sehr begreiflich, daß Friedrich in der Niederschrift 
seiner Denkwürdigkeiten 1747 neben der Henriade Voltaires, die 
er höher als die Odysee und die Dias Homers stellt, kein Werk 
der Weltliteratur so begeistert herausstreicht 2 ) wie Montesquieus 
Römergeschichte, von der er sagt, daß sie ein Werk von vollen- 
deter Schönheit sei und die Quintessenz an philosophischem Gehalt 
darstelle, den der Menschengeist aus der Politik Roms gewinnen 
könne. -II explique la raison de tout; ce livre et les lettres per- 



1) Vgl. Meinecke, Histor. Zeitschrift 117. 

2) Posner in Publikationen ans den K. Preuß. Staatsarchiven 4, 1%. Vgl. 
znm ganzen auch Posner: die Montesquieu-Noten Friedrichs II. Histor. Zeitschr. 

47, 1882. 

16 



i , Original from 

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242 Georg Küntzel 

sanes . . . sont peut-etre les uniques au monde oü il y ait moins 
de mots que de pensöes et qui soient aussi pötillants d'esprit sans 
se d£mentir jamais". Nun hat allerdings Friedrich sich in seinem 
Urteil über Montesquieu sehr wesentlich gewandelt : während er 
in der Ueberarbeitung seiner Denkwürdigkeiten von 1775 den 
schmeichelhaften Vergleich Voltaires mit Homer sachlich unver- 
ändert stehen ließ, strich er das ausführliche Lob Montesquieus 
völlig, was um so auffälliger ist, als er dem auch 1747 bereits 
mitgenannten Werke des Abb£ de Vertot über die römischen Re- 
volutionen die Kennzeichnung „klassisches Werk" hinzufügte '). 
Wenn so auch daran kein Zweifel sein kann, daß Friedrich den 
politischen Denker in Montesquieu später geringer eingeschätzt 
hat, so bleibt die Frage doch offen, worauf sich der Wandel des 
Urteils bezieht. Es bedarf der Untersuchung, ob diese Selbständig- 
keit Friedrichs Montesquieu gegenüber erst eine Folge der eignen 
politischen Lebenserfahrungen gewesen ist, oder ob Friedrich be- 
reits 1738 sich nicht mit Haut und Haaren dem französischen 
Denker verschrieben hatte, und somit das hohe Lob von 1747 nicht 
sowohl völlige sachliche Uebereinstimmung als vielmehr den Dank 
für ungewöhnlich reiche geistige Anregung bedeutet. 

Montesquieus Römerbuch wird als eines der denkgewaltigsten 
geschichtlichen Werke der Aufklärung Ewigkeitswert in der Ent- 
wicklung der Geschichtswissenschaft behalten. Ich hebe hier nur 
einige wichtigste Grundzüge heraus, die den typischen Einfluß der 
Aufklärung zeigen; wir sehen hier in vorbildlicher Vollendung 
das energische Suchen nach dem letzten Urgrund allen Geschehens, 
den Montesquieu darin findet, daß Roms Wachstum sich gründet 
auf dem planvollen Willen des römischen Volksgeistes zur Welter- 
oberung, und Roms Niedergang sich daraus erkläre, daß in dem 
räumlich gewachsenen Riesenreiche der Pulsschlag dieser belebenden 
Urkraft nicht kräftig genug war, um überall in der alten Stärke ge- 
fühlt zu werden. Die Kunst, unendlich verwickelte geschichtliche Ge- 
schehnisse unter eine einheitliche Formel zu bringen und somit die 
Mannigfaltigkeit des Geschehens auf einfachste letzte Gründe zu- 
rück zu führen, feiert hier einen Triumph, wie er ähnlich etwa in 
Augustins Werk vom Gottesreich erreicht worden war. Hiermit 
hängt auch die großartige Geistigkeit eng zusammen, die das Buch 
durchzieht, da ja eben die eigentümliche Anlage des Volkscha- 
rakters und seine Abschwächung alles erklärt. Dem allgemeinen 
Suchen der Aufklärung nach großen, geistigen, geordneten Zu- 



1) Oeuvres 2,37. 



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Der junge Friedrich und die Anfänge seiner Geschichtsschreibung 243 

sammenhängen entsprach diese Geschichtsbetrachtung aufs beste. 
Sie war recht eigentlich eine Problemgeschichte, die sich über das 
Stofflich-Materielle erhob, durch geistige Fragestellung einen „phi- 
losophischen" Gehalt aus der Geschichte zu gewinnen und die trei- 
benden Grundkräfte zu erkennen suchte, die den äußeren Gescheh- 
nissen zu Grunde lagen. Sie war getragen von dem tiefen Be- 
dürfnis des auf Einheit und Systematik drängenden Geistes der 
Aufklärung, auch in dem geschichtlichen Leben restlose Klarheit, 
Einheit der Zusammenhänge, innerliche Verknüpfung der Tatsachen 
und Zeiträume wiederzugeben, kurz, die große Linie zu finden, die zu 
dem Bilde einer geschlossenen Totalität des Weltgeschehens führen 
sollte. Vor einer solchen Anschauung konnte es kein Zufall in 
der Geschichte mehr geben, der Satz vom zureichenden Grunde 
mußte wie in den logischen Gedankensystemen, so auch in jeder 
geschichtlichen Darstellung zur Geltung kommen. Montesquieu 
hat einen tiefen Blick in das Wesen geschichtlicher Zusammen- 
hänge getan, wenn er hierbei die grundlegende Verursachung and 
den äußeren Anstoß unterschied. Als eines echten Jüngers der Aufklä- 
rung ist seine Geschichtsbetrachtung vollkommen säkularisiert : wie 
es keinen Zufall gibt, so auch keine Wunder, da alles in natürlicher 
Begründung sich vollzieht. Weil der Volksgeist die alleinige trei- 
bende Grundkraft in der Entwicklung Roms ist, so folgt daraus 
auch seine genuine Betrachtungsweise ; es zeigt sich eine organisch 
einheitliche Entwicklung im Auf- und Abstieg des Römervolkes, 
ohne wechselseitige Beeinflussung oder entscheidendes Eingreifen 
starker Persönlichkeiten. Endlich ist Montesquieus Geschichtsbetrach- 
tung durch und durch pragmatisch. Es handelt sich in der Geschichte 
stets um Menschen gleicher Wesensart und gleicher Leidenschaften, 
und daher ist die Geschichte wie ein großes Lehrbuch auch für 
die Gegenwart verwendbar. Hier wurzelt auch seine Vorstellung, 
daß bestimmte Formen des politischen Lebens auch bestimmte ge- 
schichtliche Wirkungen auf die im Grunde eben gleichbleibenden 
Menschen ausüben, und somit die Geschichte den Rang einer Wissen- 
schaft der Politik gewinnt. Es gibt ewige Grundsätze, die in dem 
geschichtlichen Ablauf der Menschheitsgeschicke sich stetig wieder- 
holen. So strebt der Rationalismus Montesquieus letzten Endes 
immer wieder dahin, die allgemeinen Grundregeln zu finden, unter 
denen sich die Völkerschicksale vollziehen. Nicht der Einzelver- 
lauf der Geschichte Roms, sondern was in ihm an typischen Lehr- 
werten erkennbar ihn, reizt ihn zu untersuchen. Er möchte gern 
eine ewig gültige politische Gesundheitsregel für das gesellschaft- 
liche Leben der Menschen schlechthin aufstellen, so z. B. wenn er 

IG* 



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244 Georg Küntzel 

ein kräftiges Staatsleben nur da findet, wo in dem corps politique 
nnion, agitation und libertä vorhanden sind. 

Wer Montesquieas „Betrachtungen" denjenigen Friedrichs von 
1738 vergleicht, wird nach Form und Inhalt starke Uebereinstim- 
mungen finden. Die ganze Methode Friedrichs aus geschichtlichen 
Wirkungen auf die Ursachen und aus der Erkenntnis der trei- 
benden Kräfte auf die zu erwartenden künftigen Wirkungen zu 
schließen, ist Geist vom Geiste Montesquieus. Die Kunst der Syn- 
these, Einzelerscheinungen zu einem geschlossenen planvollem System 
zusammen zu sehen, lange historische Ketten zu bilden, fundamen- 
tale und accidentielle Ursachen und Gründe zu unterscheiden, den 
Satz vom zureichenden Grunde unter Ausschluß der Zufälligkeiten 
anzuwenden, die Ueberzeugung von der unveränderlichen Gleich- 
heit der Menschen in Vergangenheit und Gegenwart, die Verwen- 
dung der geschichtlichen Analogie, das Suchen von Lehre und Regel, 
der Blick für die großen Grandfragen des politischen Geschehens 
und die universale europäische Weite seines Gesichtsfeldes be- 
zeugen den tiefgreifenden Einfluß Montesquieus auf Friedrich und 
erklären seine feurige Bewunderung für den großen französischen 
Denker. 

"Trotz alledem aber hat Friedrich sich seine geistige Selbst- 
ständigkeit auch Montesquieu gegenüber bewahrt. Er bat sich in 
seine Denkrichtung und Methode so hinein gelebt, daß er frei mit 
ihr schalten kann. Die Verwendung seines geschichtlichen Lieb- 
lingsbeispiels Philipp's v. Macedonien , vor allem aber die scharf 
umrissene Uebcrtragung der Absicht planvoller Welteroberung, 
wie Montesquieu sie den Römern zugeschrieben hatte, auf Frank- 
reich, zeigen die souveräne Freiheit Friedrichs in der politischen 
Erörterung nach der Methode Montesquieus. Dabei aber ist Friedrich 
in den für Montesquieu vielleicht wichtigsten sachlichen politi- 
schen Grundanschauungen seinem selbstgewählten Lehrmeister nicht 
gefolgt. 

Vor allem hat Friedrich den Grundgedanken Montesquieus 
vom nationalen Volksgeist nicht übernommen; vielmehr ist der 
Grundgedanke sowohl seiner .,Considörations u als auch seines „Anti- 
machiavell", die eine große geistige Einheit darstellen, ein direkt 
entgegengesetzter. Wenn er aus Frankreichs Politik den geheimen 
Plan der Welthegemonie erschließt, wenn er als das Ziel Oester- 
reichs die Herstellung einer absoluten Herrschaft im Reiche be- 
zeichnet, so ersprießen ihm beide Zielrichtungen nicht so wohl aus 
einer unabänderlichen Willensrichtung des französischen oder öster- 
reichischen Volksgeistes, als vielmehr der Fürsten an der Spitze 



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Der junge Friedrich und die Anfänge seiner Geschichtsschreibung 245 

dieser Staaten oder der Höfe, denen in Frankreich kluge Minister, 
ein Richelieu oder Fleury dienen, so wie ja auch einst der per- 
sönliche Ehrgeiz Philipps von Macedonien nnd nicht ein macedo- 
nischer Volksgeist das Schicksal Griechenlands besiegelt hatte. 
Nur wenn man auf diesen Grundgedanken und diese Grandab- 
weichnng Friedrichs von Montesquieu den Blick gerichtet hält, 
ergibt sich die im wesentlichen widerspruchlose Einheit in Frie- 
richs „Considerations", denn der Grundgedanke Friedrichs ist, den 
Fürsten die vrais intörets gegenüber der gloire pretendue zu lehren, 
ihnen die Fürsorge für ihre Untertanen als das höhere Ziel gegen- 
über grenzenloser Machterweiterung hinzustellen, den falschen un- 
gemessenen Ehrgeiz nach Eroberung durch den wahren Ehrgeiz 
nach Humanität zu besiegen, geradeso wie er im Antimachiavell 
hoffte, durch die Aufklärung der Fürsten über Wesen und Pflichten 
ihres Amtes der Humanität zum Siege über den Machiavellismus 
zu verhelfen. Friedrichs geschichtliche Grandanschauung ist eben 
weit persönlich-monarchischer als die von Montesquieu in seinem 
Römerbuch entwickelte Ansicht. Auch Friedrich kennt einen Na- 
tional- oder Volksgeist, der den Menschen und Völkern unablegbar 
anhaftet, aber er ist für ihn nur eine geistige Eigenart, mit der 
der handelnde Staatsmann rechnen muß, aber nicht die eigentliche 
treibende und zielesteckende Kraft. Der Antimachiavell bringt 
hierin die erwünschte Ergänzung zu Friedrichs Considerations. 
Hier führt er z. B. aus 1 ), daß Adel, Heer, Liebe und Glück des 
Volkes die festeste Stütze des Staates sei, ohne des Volksgeistes 
zu erwähnen. Der Fürst und nicht etwa der Montesquieusche 
Volksgeist ist für Friedrich le premier principe de Tactivit^ dana 
le corps de l'etat 2 ). Jedermann gibt zu, heißt es an anderer 
Stelle 9 ), daß die Macht eines Staates nicht in der Ausdehnung, 
sondern in der Zahl und dem Reichtum der Untertanen besteht. 
Der Fürst und nicht der Volksgeist ist die Seele des Staates. Als 
Grund für den Sturz des Römerreiches bezeichnet Friedrich 4 ) in 
Berührung aber nicht Gleichheit mit Montesquieu das ewige Usur- 
pieren mit der daraus folgenden Kräfteüberladung und Zersplitte- 
rung, jedoch nicht die innere Schwächung des Volksgeistes. Vor 
allem aber klärt uns das 4. Kapitel des Antimachiavell 5 ) über die 
hier untersuchten Anschauungen Friedrichs auf. Es gibt ein 
genie de nation, das wesentlich mitbestimmend ist für die ver- 
schiedenen „Temperamente" der Staaten. Le genie de la nation 



1) Oeuvres 8, 67 f. 2) Ebenda 71. 3) Ebenda 77. 4) Ebenda 71. 

5) Ebenda 73. 6) Ebenda 100. 






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246 Georg Küntzel 

franraise ist la leg£rit(5 et l'inconstance. Trotzdem haben die 
französischen Herrscher mit machiavellistischer Kunst es verstanden 
unter zielbewußter Ablenkung dieser Nationaleigenschaften die un- 
erschütterliche absolute Monarchie zu begründen. Man sieht: die 
gleichbleibende auf Welteroberung gerichtete Politik Frankreichs, 
die Friedrich in seinen Consid^rations schildert, kann nicht in dem 
unsteten Volkscharakter der Franzosen sondern nur in dem ste- 
tigen Willen ihrer Herrscher wurzeln. Der Volksgeist ist für 
Friedrich wie Wachs, dem man eine gewollte Form geben kann. 
Man kann, wie die französischen Herrscher es getan haben, mit 
diesem Volksgeist gleichsam Fangeball spielen, freilich nur, wenn 
man seine Eigenart genau kennt. Anstelle des aktiven Kraftbe- 
griffes des Montesquieuschen esprit de nation ist bei Friedrich 
ein mehr passives g£nie de nation getreten. Politische Macht und 
gänie de nation decken sich auch in der Schilderung seiner Denk- 
würdigkeiten nicht. 

Dementsprechend hängt auch das Schicksal der Staaten we- 
sentlich ab von den Männern, die an ihrer Spitze stehen *). Die An- 
schauung Montesquieus, daß nur in den Anfängen der Staatenge- 
schichte Staatsmänner von entscheidender Bedeutung für das geschicht- 
liche Leben seien, nachher aber das kollektive Wirken des Volks- 
geistes in angemessenen Einrichtungen an deren Stelle trete, kann 
nicht nach Friedrichs Geschmack gewesen sein. Er lehnt es in seinen 
Randbemerkungen zu Montesquieu spöttisch ab, sich durch ihn in 
eine Kollektivbegeisternng für die Römer stürzen zu lassen, und 
in der Tat widerspricht dieser kollektivistischen Anschauung Mon- 
tesquieus Friedrichs Bekenntnis zu dem allbelebenden Fürsten 
als dem Repräsentanten des Volkes im Antimachiavell oder seine 
Bemerkung durchaus, daß der Fürst die Gußform sei, in der sich 
alle Gedanken des Volkes vereinigten. Folgerichtig kann deshalb 
auch Friedrich nicht alle Voraussetzungen gebilligt haben, die Mon- 
tesquieu für ein gesundes Staatsleben aufstellte. Gewiß verlangt 
auch Friedrich union, agitation und libertö, aber diese Montes- 
quieuschen Begriffe nehmen bei Friedrich, einen grundsätzlich andern 
Sinn an. Nicht auf die agitation im Volke kann es ankommen, 
sondern auf die activitö des Fürsten, die union im Volke- wird 
wesentlich in der Einheit der Staatsleitung und des Bewußtseins 
der Untertanen gesucht zu ihrem Glück regiert zu werden. Vor 
allem aber hat Friedrich völlig verschiedene Vorstellungen von 



1) Ich behalte mir vor, auf die Frage des in sich beruhenden Staates nach 
der Ansicht Friedrichs an anderer Stelle zurück zu kommen. 



» gle 



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Der junge Friedrich und die Anfange seiner Geschichtsschreibung 247 

Freiheit gehabt. Der Montesquieu/sehe Gedanke ist der der poli- 
tischen Freiheit, die geknüpft ist an Teilung der Gewalten im Staat 
und an Einrichtungen, die dem Volke eine staatsbürgerliche Be- 
tätigung in irgend welcher Form gestatten. Friedrich dagegen 
versteht unter Freiheit lediglich geistige Gedankenfreiheit, die 
gerade der aufgeklärte absolute Fürst berufen ist, in die Erschei- 
nung treten zu lassen. Niemals hat infolgedessen Friedrich sich 
mit Montesquieus Gedanken der Gewalten teilung befreunden können 
und es jederzeit geradezu als Pflichtverletzung abgelehnt nach der 
Forderung Montesquieus auf die justitia distributiva zu verzichten. 
Deshalb muß auch Friedrichs Freiheitsbegriff, so stark er ihn auch 
betont *), nicht in der ständisch-politischen Richtung Montesquieus 
gesucht werden. Sein Ideal ist die aufgeklärte absolute Monarchie 
gewesen und geblieben, und niemals ist sein Gedanke der gewesen, 
seine Untertanen durch allmähliche Erziehung für politische Frei- 
heit reif zu machen. Nicht die virtii im staatsbürgerlichen Sinne 
Machiavellis und Montesquieus ist Friedrichs Ziel gewesen, son- 
dern der Wunsch hat ihn beseelt unter dem Schutze eines starken 
Staates auf der Grundlage eines wirtschaftlich blühenden Volkes 
die Voraussetzungen zu schaffen, unter denen objektiv hochwertige, 
geistige Leistungen auch in Preußen erwartet werden können, 
damit die Deutschen den Vorsprung einholten, den zur Zeit noch 
Italiener, Engländer und Franzosen besaßen 2 ). Politisches Frei- 
heitsbedürfiiis, so wird man Friedrich verstehen dürfen, läßt wie 
das Auftreten von Revolutionen im allgemeinen auf Schuld der 
Fürsten schließen. Die Anerkennung der englischen parlamenta- 
rischen Freiheit, die sich im Antimachiavell findet 3 ), steht ebenso 
wie die warmen Worte, die Friedrich 1747 der schweizerischen 
Freiheit in Bern widmete 4 ), nicht recht im Einklang mit seinem 
grundsätzlichen fürstlichen Staatsideal und ist deshalb auch in der 
späteren Bearbeitung teils gestrichen, teils sehr bezeichnend ge- 
mildert worden 5 ). Dagegen sind die positiven Freiheitsforderungen, 
die Friedrich bereits im Antimachiavell aufstellte von ihm unab- 
änderlich bis zu seinem Tode festgehalten worden. Sie bedeuteten 
für ihn das Menschenrecht auf Toleranz 6 ) d. h. die Anerkennung 
des Rechts, die vraie religion als tiefstes Herzensbedürfnis ohne 

1) Oeuvres 8, 91: II n'y a point de sentiment plus inseparable de notre rtre 
que celui de la liberte. 

2) Vgl. auch Dilthey, das 18. Jahrhundert und die geschichtliche Welt. 
Deutsche Rundschau 108 (1901), 256 ff. 

3) Oeuvres 8, 125. 4) Publikationen 4, 187. 5) Oeuvres 2, 30. 
6) Oeuvres 8,98. 



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248 Georg Küntzel 

kirchliche Einschränkung unter dem Schutze des Fürsten zu pflegen. 
Sie bedingten ferner die sorgfältige Berücksichtigung der Tatsache 
seitens des Fürsten, daß Fürst wie Staat in völliger Gleichheit 
ihrer Interessen keine Sklavenseelen l ) gebrauchen könnten, son- 
dern charakterfeste, selbstdenkende kluge Menschen zugleich die 
besten Untertanen abgeben. Nicht auf dem Gehorsam feiger Seelen, 
sondern auf der Liebe der Untertanen und ihrem Bewußtsein, daß 
gerade der Fürst ihre Interessen wahre und somit den Zweck der 
ursprünglichen Begründung des Fürstenamtes dauernd erfülle, kann 
für Friedrich der gesunde Staat aufgebaut werden. Freiheitsbe- 
dürfnis der Untertanen und absoluter aufgeklärter Staat wider- 
sprechen sich nicht, da beide in der Einheit absoluter und objek- 
tiver Ziele sich versöhnen. Montesqnieus Ideal ist moralische 
Tüchtigkeit durch politische Selbstverantwortlichkeit zu erzielen, 
Friedrichs Ideal ist unter dem Schutze des Staates höchstwertige 
objektive Kulturleistungen zu ermöglichen, der virtii Montesqnieus 
tritt das bonheur, die humanitö und geistig literarische oder Er- 
finderleistung aus dem Grunde der Nation gegenüber. 

Diesen Grundanschauungen entspricht denn auch schließlich, 
daß Friedrich dem Lobe ,'und den inneren sittlichen Folgen, die 
Montesquieu an die republikanische Staatsform knüpfte, nicht un- 
bedingt zu folgen vermochte. Obwohl beide sich in der Vorur- 
teilslosigkeit begegnen, mit der der Eine als Bürger eines monar- 
chischen Staates der Andere als preußischer Thronerbe unbefangen 
die Vor- und Nachteile der verschiedenen Staatsformen erwägen, 
so weichen sie doch in der Bewertung der Republik wesentlich 
von einander ab. Montesquieu sah in der Republik die Gleichmäßig- 
keit einer ehrgeizigen Kräftespannung und kriegerischen Grund- 
stimmung gewährleistet; er glaubte, daß in der Republik grund- 
sätzlich besser verwaltet, Günstlingsherrschaft vermieden werde, 
ein Gehorsam gegen die Gesetze nicht aus Furcht sondern aus 
innerer Neigung statthabe, das Volk keine Eifersucht zeigen könne 
gegen Führer, die es sich selbst gewählt habe, endlich daß die 
Parteiungen im Rahmen erträglicher Bewegtheit die Einheit des 
Staates nicht hinderten, sowie ja auch aus Disakkorden im Reich 
der Töne ein harmonischer Akkord erklinge. Wie hätte Friedrich 
mit seinem fürstlichen Idealismus diese Anschauungen teilen können! 
Zu einem erheblichen Teil fand er die an die Republik geknüpften 
Erwartungen sicherer erfüllt unter einer aufgeklärten Monarchie, 
zum anderen Teil konnte er angesichts des französischen Beispiels 



1) Oeuvres 8, 117. 



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Der junge Friedrich und die Anfänge seiner Geschichtsschreibung 249 

nicht zageben, daß gerade die Republik an sich kriegerisch sei; 
endlich bekannte er im Antimachiavell *), daß zu einer gut laufenden 
Republik im Grunde Uebermenschen gehörten, da für gewöhnlich 
die Republik gegenseitigen Neid, Unstetigkeit und Schwäche nach 
innen und außen zeige. 

Vielleicht ist endlich noch ein stimmungsmäßiger Unterschied 
zwischen Montesquieu und Friedrich zu beobachten- Montesquieu 
bricht einmal bei der Betrachtung des Sturzes selbst der glanz- 
vollen Römerherrschaft in die müden Worte aus: wozu all diese 
Kräfte und Arbeit, wenn doch allem Leben der Tod als Schicksal 
folge. Auch Friedrich keimt idie Vorstellung 2 ), daß Völker und 
Staaten gleich dem Menschenleben oder den Gestirnen aufgehen, 
glänzen und untergehen, erblühen und sterben, aber für sich, seinen 
Staat und sein Volk fühlt er sich gleichsam am Sonnenaufgang 
voll Kraft und Jubel über den Aufstieg, den zu leiten er sich fähig 
und berufen fühlte 3 ). 



1) Oeuvres 8,91. 2) Ebenda 8,91, 1,240. 

2) Auf die Beziehungen Friedrichs zu Voltaire komme ich an anderer Stelle 
zurück. 



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Der Kuchenheimer Religionsklub 
(1791/92) 

Von 

Gisbert Beyerhaus 

Die Geschichte des religiösen Lebens liefert eindrucksvolle 
Belege, daß das Wehen des Geistes sich nach Analogie natur- 
wissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit nicht bestimmen läßt. Die tief- 
sinnigen Versuche eines einsam ringenden Denkers, Jahrhunderte 
vor Taine das Werden der großen .Religionsstifter milieutheoretisch 
zu erklären, ragen zwar aus der Flut moderner Hypothesen wie 
Inseln aus dem Ozean empor. Aber bei aller Einsicht in die kli- 
matologische Bedingtheit des religiösen Lebensprozesses kann den- 
noch nicht verborgen bleiben, daß hier — wie in späteren mate- 
rialistischen Ableitungen — die eigentlich entscheidende 1 ) Frage 
unbeantwortet bleibt: weshalb das an gewissen Punkten der Erd- 
oberfläche beobachtete seelische Phänomen gerade als Religion 
erkennbar wird. So wertvolle Zusammenhänge im allgemeinen die 
Abhängigkeit geistiger Kräfte von geographischen Faktoren 2 ) schon 
rein heuristisch erschließt, so unfruchtbar erweist sich dies Er- 
kenntnisschema für ein genetisches Begreifen der religiösen Er- 
fahrung, sobald diese in ihrer Mannigfaltigkeit der Forschung zum 
Bewußtsein kommt. An unscheinbarer Stätte sprudelt plötzlich 
geheimnisvolles Leben, und am farbigen Abglanz einer bescheidenen 
Episode leuchten die Konturen einer internationalen Geistesbe- 
wegung auf. 

Der mehr oder weniger seperatistische Zusammenschluß reli- 
giöser Menschen im Pietismus stellt zunächst nur den historischen 
Ausgangspunkt der Kämpfe dar. Aber wie man sein Wesen sonst 
auch bestimmen mag: die Gesellschaftsstruktur des Zeitalters ist 
gerade hiervon aufs tiefste beeinflußt worden. An dem neuen 
Lebensideal, das in freigeistigen Bewegungen seine Hüllen sprengt, 

1) Vgl. für das Folgende Simmel, Georg: Die Religion. 2. Aufl. (Frankf. 
1912), S. 100, 55 ff. 

2) Vgl. z.B. Rohrbach, Paul: Weltpolitisches Wanderbuch (1915), S. 150. 



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,A " UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



Der Kuchenheimer Religionsklub (1791/92) 251 

läßt sich die soziologische Auswirkung separatistischer Gedanken 
nur ganz vereinzelt beobachten. Zwar drängt auch hier die Macht 
des religiösen Erlebens, das Schauen der gottgewollten Wahrheit, 
zu einer jSymphonesis* gleichgestimmter Seelen 1 ). Aber der ent- 
scheidende Gegensatz der ,reinen Gemeinde* zu abtrünnigen ,Welt* 
fand auf dem Boden der Aufklärung kein Korrelat, das zur Über- 
windung der ,empirischen Zersplitterung' ähnliche Energien ent- 
fesselt hätte. Und den spezifischen Religionswert' ihrer einsamen 
Kontemplation durch Wechselwirkung zu steigern, bat gerade den 
tiefsten Vertretern einer selbständigen Frömmigkeit toddrohende Ver- 
folgung versagt. Weder Bodin noch De Spinoza ward es vergönnt, 
der Welt ihr Letztes zu offenbaren, geschweige denn ihre Gedanken 
aus dem Echo gleichgesinnter Volksgenossen zurückzuempfangen. 
Je gewaltsamer das objektivierte Kirchentum in den einzelnen 
Konfessionen und Gruppen jede oppositionelle Regung unterband, 
um so instinktiver mußten sich der religiöse Individualismus und 
Subjektivismus mit den radikalen Tendenzen der neuzeitlichen 
Weltkultur verbrüdern und eigene, den kirchlichen Rahmen spren- 
gende Organisationsformen moralisch-religiösen Lebens erzeugen *), 
An beiden entgegengesetzten Gemeinschaftidealen, dem separatis- 
tischen und dem universalistischen, haben wir den Religionsklub 
zu messen, der im Winter 1791/92 am Mittelrhein ins Leben trat 
und dessen Bestrebungen der Bannspruch der kirchlichen Behörde 
ungeahnte Resonanz gewann. 

Nach den eschatologischen Offenbarungen der H. Schrift sollten 
die Anzeichen des nahenden Weltunterganges sich den Gläubigen 
durch eine gesteigerte Verbreitung dämonischer Irrlehren und 
durch einen Massenabfall zu erkennen geben. An ähnliche Weis- 
sagungen mochte sich der letzte Bonner Kurfürst Maximilian Franz 
erinnert fühlen, als ihn am 11. Mai 1792 Dechant und Kapitel 
seines Hohen Domstifts Köln 3 ) mit der unheimlichen Nachricht 
überraschten: in Kuchenheim, sozusagen vor den Toren seiner 
Residenz, habe sich ein katholischer Klub zur Verbreitung von 

1) Ein Gegenstück zu Wilh. Christoph Kriegsmann: De Symphonese 
Christianorum . . . Frankf. 1*177, worin nicht nur das Recht, sondern auch die 
Notwendigkeit der Konventikelbildung vertreten wird, sucht man unter den theore- 
tischen Begründungen der Aufklärung vergebens. 

2) Es genügt an die Ethikzirkel, Kollegianten und Mennoniten zu erinnern, 
deren Erforschung wir den bahnbrechenden Arbeiten von Mein sma und Dunin- 
Borkowski zur Entwicklungsgeschichte De Spinozas verdanken. 

3) Immediatbericht ausgefertigt von Job. Gottfried Joppen, Dr. utr. jur., 
Assessor bei dem geistlichen Hofgericht und des weit), Hofgerichts Kommissarius, 
vgl. Kurkölnischer Hofkalender 1702, S. 5. 



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252 Gisbert Beyerhaus 

Häresien aufgetan. Die vielseitigen Bedürfnisse der religiösen 
Konzentration hatten nun zwar das Kommen des Satansreiches 
noch im 18. Jahrhundert oft genng in greifbare Nähe gerückt, 
und auch am Rhein hatte die Erbauungsliteratur die Sprache 
der letzten Dinge wahrlich nicht verschmäht 1 ). Aber in diesem 
Fall schien die Stellang des Berichterstatters von vornherein die 
Annahme zu verbieten, daß es sich um asketisch-religiöse Über- 
treibungen einer erregten Predigerphantasie handeln könnte. Einer 
solchen Deutung widersprachen vor allem der hochamtliche Cha- 
rakter des eingelieferten Materials sowie die Fülle seiner konkreten 
Einzelheiten. Fanden sich doch nicht nur Anstifter und Verführte 
in einem förmlichen Ketzerkatalog verzeichnet. Auch der Inbe- 
griff des Neuen und Heterodoxen war bereits in Gestalt von ne- 
gativen Glaubensartikeln abgegrenzt. 

Die Möglichkeit einer religiösen Organisation auf aufkläre- 
rischer Basis lag zweifellos längst in der seelischen Entwicklung 
der Zeit. Aber angesichts der besonderen Gefahren, die einer 
Verwirklichung auf dem Boden geistlicher Territorien immerhin 
noch entgegenstanden, möchte sich an die Person des entscheidenden 
Anregers ein besonderes Interesse heften. Wer war es, der in 
dem abgelegenen Winkel des kurkölnischen Amtes Hardt ein 
solches Unternehmen ins Leben rief? Während der Bericht des 
Offizialats die Frage der Anstiftung offen läßt, wird im Verhörs- 
protokoll des Schultheißen, übermittelt durch Assessor Joppen, ,ein 
Pursch von 23 Jahr und seiner Profession ein Schneider', Matthias 
Hartzheim aus Esch (ca. 4 km nordöstlich Kuchenheims), für den 
Anstoß verantwortlich gemacht 2 ). Mit Hilfe eidlicher Zeugenaus- 
sagen wurde er durch den Schultheiß überführt, folgende An- 
schauungen gesprächsweise vertreten zu haben: ,daß kein Fege- 
feuer, jedoch ein Dritter Ort der Reinigung sey; daß die Bilder 
in den Kirchen hölzerne Bilder, die man nicht verehren soll, und 
die Mutter Gottes allein im Himmel sey; daß Christus im Heiligen 
Sakrament des Altars nicht gegenwärtig und es einfältige Leute 
wären, die solches glaubten: denn Christus der Herr würde nicht 
in das gebackene Brot kommen*. In erweiterter Form und wo- 
möglich noch radikalisiert wird dann Hartzheims Programm vom 
Offizialat der Gesamtheit zur Last gelegt durch die Anklage, der 
Religionsklub sei auf der Basis folgender Irrlehren errichtet 
worden: ,als seyen die Gegenwarth Christi in dem h. h. Altars- 

1) Vgl. Schulte, Joh. Chrys.: P. Martin von Cochem. Freiburger Tfaeol. 
Studien H. 1 (1910), S. 160 f. 

2) Geb. 3. Mai 1763, vgl. Bürgermeisteramt Ludendorf: Taufregister Esch. 



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Der Kuehenheirner Religionsklub (1791/92) 253 

sakranient, die Jungfrauschaft Maria, die Verehrung der Heiligen, 
die Unfehlbarkeit der Kirche, die Abiäße, die Nutzbarkeit der 
guten Werke für die Seelen im Fegfeuer und selbst das Fegfeuer 
Undinge, welche mit gutem Grunde zu verläugnen wären*. Die 
Widersprüche zwischen beiden Darstellungen lassen sich mit dem 
im Düsseldorfer Staatsarchiv vorhandenen Quellenmaterial 1 ) nicht 
beheben. Und sie zeigen sich am empfindlichsten auf dem persön- 
lichen Gebiet, insofern der Offizialatsbericht von einer Mitwirkung 
Hartzheims überhaupt nichts weiß. Als Teilnehmer werden hier 
vielmehr folgende sieben Personen festgestellt: 

1. Dionysius Schophoven (,professionis sutor' f 8. Dez. 1805) 2 ), 

2. Hermann Schophoven (Sohn, geb. 3. Juli 1768), 

3. Jakob Nelles ( t professions agricola et mercator 1 , f 1. Juli 1829 

im Alter von 74 Jahren), 

4. Peter Joseph Fuss (,professionis faber lignarius', f 24. Dez. 

1830 im Alter von 72 Jahren), 

5. Engelbert Weisskirchen 9 ), 

6. Johann Cremer (,professionis sutor et agricola', f 23* März 

1819 im Alter von 59 Jahren), 

7. Johann Müller (geb. 21. Mai 1766 zu Esch) 4 ). 

Bis auf eine Ausnahme waren die hier genannten sämtlich in 
Kuchenheim ansässig. Nur Johann Müller stammte aus Esch, ein 
deutlicher Beweis dafür, daß der Heimatsort Hartzheims auch nach 
den Unterlagen dieser Quelle an dem Ärgernis mitbeteiligt war. 
Das Offizialat hat offenbar mit der Möglichkeit einer wesentlich 
breiteren Anhängerschaft gerechnet, doch werden im Ermittlungs- 
verfahren hierfür keine Anhaltspunkte genannt. So sind wir auf 
die vorliegende Teilnehmerliste angewiesen, um die Physiognomie 
des Kreises zu rekonstruieren. Aber bedeutet das nicht ein schier 
hoffnungsloses Beginnen angesichts des Dunkels, das die Beteiligten 
umhüllt? Was wissen wir denn eigentlich von der Bildungsge- 
geschichte dieser Korona, die schon ihrem Alter und Stande nach 

1) S. meine in Vorbereitung" befindliche Publikation: Quellen zur Geschichte 
der Aufklärung am Rhein im 18. Jahrhundert. Bd. II: Die geistlichen Territorien. 
Für die gütige Übersendung der Akten nach auswärts und die mir in Dusseldorf 
zuteil gewordene Förderung sage ich Herrn Archivdirektor Geheimrat Dr. II gen 
auch an dieser Stelle den wärmsten Dank. 

2) Die in Klammern eingefügten Daten und Berufsangaben entnehme ich 
den Personenstandsregistern des kath. Pfarramts Kuchenheim. 

3) Ein Engelbert AV. kommt in den Personenstandsregistern, wie mir ein- 
gehende Nachforschungen des Herrn Bürgermeisters Kaumanns bestätigen, nicht 
vor. W. muß also auswärts geheiratet haben und vor seinem Tode verzogen sein. 

4) Bürgermeisteramt Ludendorf: Taufregister Esch. 



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254 Giabert Beyerhaus 

jede einheitliche Gliederung und feste Organisation vermissen läßt? 
Soweit wir an Hand der Sterberegister die Berufe ermitteln 
können, gehörten die Klnbisten den bäuerlich-kleinhandwerkerlichen 
Kreisen an, die der Ortschaft noch in der Schilderung von A. J. 
Weidenbach *) das Gepräge geben- Aber welcher Psychologe möchte 
sich vermessen, hier schon der Ausübung eines bestimmten Hand- 
werks den ,Makel einer glanbensgefährlichen Beschäftigung' an- 
zuheften 2 )! 

Etwas näher kommen wir dem Verständnis der Klubbestre- 
bungen, wenn wir nach dem Charakter der Zusammenkünfte fragen. 
Der ausgezeichnete Bericht vom 8. Oktober 1792, den wir dem 
gleich zu erwähnenden Pfarrer von St. Nikolaus, Christian Joseph 
Thelen verdanken, beseitigt nahezu jeden hierauf gerichteten 
Zweifel. Was einzelne Leute seiner Pfarrei veranlaßte, sich im 
Winter 1791/92 unter dem Namen der ,Aufgeklärten', wie er 
schreibt, zu ,vergesellschaften ( , sind die Bedürfnisse eines Lese- 
kränzchens gewesen. Auf dessen Programm standen folgende 
Schriften : Eulogius Schneiders , Katechetischer Unterricht in 
den allgemeinsten Grundsätzen des praktischen Christentums* (1790), 
seine predigten' 3 ) und ,Gedichte ( (1790), ,die Thesen* des P. Thad- 
daeus Dereser und Michael Ignaz Schmidts ,Geschichte der 
Deutschen* 4 ). Wir haben es also mit einer sektiererischen Ver- 
einigung von katholischen Laien zu tun, deren Zweck sich dahin 
bestimmen läßt: den neuen Geist der Bonner Hochschule im Be- 
wußtsein der Mündigkeit der Vernunft zu prüfen und auf dem 
Wege von Diskussionen selbständig zu verarbeiten. Als das Cha- 
rakteristische erscheint das Vorgehen auf eigene Faust, der un* 
ausgesprochene, aber fast prinzipielle Ausschluß irgend welcher 
geistlicher Instanzen. Während dieser freireligiöse Charakter den 
Kuchenheimer Klub ohne weiteres von dem Vorbild der kirchlich- 
katholischen Vereinigungen des Jahrhunderts (Bruderschaften, So- 



1) Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius Abth. 111 Bd. 13, 
S. 92. 

2) Entsprechend der Fragestellung bei v. B e z o 1 d : Jean Bodins Colloquium 
Heptaplomeres u. der Atheismus des 16. Jahrhunderts in: Hist. Zeitschr. Bd. 113, 
S. 295 f. 

3) Hierzu wird man neben den ^Predigten für gebildete Menschen und den- 
kende Christen. Frankf. u. Leipz. 1790 1 vor allem die »Predigt über die christ- 
liche Toleranz auf Katharinentag 1785' und die Predigt ,Über den Zweck Jesu 
bei der Stiftung seiner Religion* vom 20. Dez. 1789, gemeinsam mit Dereser ver- 
öffentlicht, rechnen dürfen, vgl. den genauen Titel unten S. 260 Anm. 4. 

4) Tb. I— X (Ulm 1778—91) reichen bis 1648. 



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A ,v UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



Der Kuchenheimer Religionsklub (1791/92) 255 

dalitäten, Kongregationen) unterscheidet, läßt das Fehlen weib- 
licher Teilnehmer 1 ) jede Analogie zu den innerkirchlichen oder 
separatistischen Konventikelbildungen des Pietismus vermissen. 
Dieser scheinbar äußerlichen Abgrenzung von den üblichen reli- 
giösen Gemeinschaftsformen entspricht die Verschiedenheit des 
innneren Gehalts. 

Auch hier dürfte sich das "Wesen der Sache am einfachsten 
erschließen, wenn wir uns zunächst vergegenwärtigen, was die 
Eschenheimer Vereinigung nicht war. Sie verneinte weder Kirche 
noch Kultur, sie umschloß keine Gesellschaftslehre. Die Ideale 
der Apolitie z. B. lagen gänzlich außerhalb ihres Gesichtskreises. 
Wäre es nicht allzu paradox, könnte man also sagen : der Kuchen- 
heimer Religionsklub war im Sinn Luthers ein ,geistlich Ding' 2 ). 
Und doch hieße es den Charakter der Bewegung durchaus ver- 
kennen, wollte man 6ie einer bewußten Hinneigung zum Protestan- 
tismus bezichtigen. Schismatische Gedanken la£en ihrem naiven 
Empfinden offenbar völlig fern, und selbst der Offizial hat sich 
gescheut, einen solchen Verdacht auszusprechen. Der Anspruch 
der deutschen Aufklärungstheologen begegnet uns also auch hier, 
daß eine einzelne Gruppe sich dem Dogma der Kirche entgegen- 
stellt, nicht etwa um daraufhin eine neue selbständige Gemeinschaft 
zu gründen, sondern um sich mit ihrer »erleuchteten* Erkenntnis 
.innerhalb der Kirche selbst* 3 ) zu »behaupten*. 

Der Bonner Kurfürst war keineswegs gewillt, solche An- 
maßungen auf die leichte Schulter zu nehmen. Er erkannte in den 
verbreiteten Lehrsätzen nicht nur den ,error in ratione', das eine 
kanonistische Tatbestandsmerkmal der Häresie 4 ), verschärft durch 
das verabscheuungswiirdige äußerliche Bekenntnis zur Kirche, 'am 
dadurch die Vortheile Unserer Katholischen Unterthanen mitzu- 
genießen, Antheil an den Gemeinheiten und Aufnahme in den 
Zünften zu erhalten*. Der propagandistische Charakter der Be- 
wegung schien ihre Anhänger, jene ,niederträchtigen Menschen*, 
zugleich zu Störern der öffentlichen Ruhe und zu Verächtern der 



1) Das Zuhören von Frauen von einem Nebenzimmer aus, d. h. angesehen', 
schon bei Spener, vgl. Krüger, Gust. : Hdb. d. Kirchengcsch. I. IV: Die Neu- 
zeit. Bearb. v. Horst Stephan (Tüb. 1909), S. 31 Anm 4. 

2) Vgl. Köhler, Walther: Martin Luther und die deutsche Reformation. 
Aus Natur und Geisteswelt. Bd. 616 (1916), S. 82 f. 

3) Dilthey, W.: Ges. Schriften Bd. 2 (1914), S. 104 (von mir gesperrt). 

4) Entsprechend der Definition des Oldradus da Ponte, vgl. Hansen, Jos.: 
Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter und die Entstehung der 
großen Hexenverfolgung. Hist. Bibl. Bd. 12 (1900), S. 264. 



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256 Gisbert Beyerhaus 

Landesreligion zu stempeln, die nach den Reichsgesetzen zu be- 
strafen seien. So erging am 14. Mai 1792 an den Landdechanten 
zu Rheinbach, Pastor Franz Lothar Tils, die Weisung, die Unter- 
suchung gegen die Frevler mit Beschleunigung zu führen und sich 
zu diesem Zweck mit dem kurfürstlichen Amtsverwalter Johannes 
Tils ins Benehmen zu setzen. Die eingeforderten Berichte sind 
uns leider nicht überliefert, doch vermögen wir ihren Inhalt in 
etwa aus den Kurfürstlichen Entschließ angen vom 17. Sept. 1792 
zu entnehmen. Auch jetzt hielt der Kurfürst an dem Doppel- 
charakter des Verbrechens, Häresie in Idealkonkurrenz mit Störung 
der öffentlichen Ruhe, vorläufig fest. Aber während Max Franz 
— in merklicher Zurückhaltung — die weltliche Seite dem Gut- 
achten seines Hofrates überließ, gedachte er den geistlichen Teil 
um so sicherer selbst zu entscheiden. In seltsamer Verkennung 
des genius epidemicus der Zeit eröffnete er das Verfahren mit 
einer ganz persönlich zugespitzten Schuldfrage: Wie konnte ein 
so verruchtes Unternehmen in einer glaubensfesten katholischen 
Gemeinde überhaupt Wurzel fassen? Wo waren die berufenen 
Hüter des Heiligtums, als die Mächte der Finsternis zum Einbruch 
schritten? Von hier aus war es allerdings ebenso billig wie bequem, 
den gegenwärtigen Pfarrorganen am Orte des Ansteckungsherdes 
die Hauptverantwortung aufzuladen. Die beiden Pfarrer von St. 
Nikolaus und St. Lambert, Thelen und Müsch bekamen also die 
ganze Fülle des kurfürstlichen Zornes zu kosten. Ihre Predigt- 
weise und Katechese wurden in Bausch und Bogen als minder- 
wertig verdammt und alle ihre Rechtfertigungsversuche von vorn- 
herein mit dem Hinweis auf die vorliegenden ,Früchte £ ihrer Seel- 
sorge abgeschlagen. Als die Pfarrer dem gegenüber ihre uner- 
müdliche Gegenpropaganda auf der Kanzel ins Treffen führten, 
die ihnen nach Thelens Zeugnis sogar Hohn und Schimpfreden der 
Klubisten eingetragen, mußten sie sich sagen lassen, daß Religions- 
verächter im Predigtgottesdienst erfahrungsgemäß am wenigsten 
zu finden seien. Und die bloße Unterlassungssünde, daß bisher 
aus Kuchenheim kein Predigtmanuskript zur Begutachtung einge- 
liefert worden sei, sollte einen verdächtigen Mangel an Hirtentreue 
beweisen. Wie skrupellos Max Franz in der Wahl seiner Argu- 
mente war, zeigte vielleicht am auffälligsten das Bemühen, die 
katholischen Grundsätze bezüglich des Bibellesens in ihren Wir- 
kungen wiederum den Kuchenheimer Pfarrern zur Last zu legen. 
Sollte doch die unzulängliche Schriftkenntnis der Klubisten an 
ihrem Teil dazu dienen, eine Verletzung von Pastoralpflichten zu 



Original from 
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Der Kuchenheimer Religionsklub (1791/92) 267 

begründen, die der Korfürst in einem nachdrücklichen Verweise 1 
zu ahnden befahl. 

Angesichts der besonderen Schärfe dieses Disziplinarverfahrens, 
in dem sich auffällig genug eine konservativ kirchliche Tendenz 
mit einer echt aufklärerischen Motivierung durchdrang *), kann man 
sich der Vermutung kaum erwehren, daß dem Kurfürsten bezw. 
seinen Ratgebern die Rechtgläubigkeit der Gemaßregelten selbst 
verdächtig geworden war. Und doch steht nach den Akten ledig- 
lich fest, daß die Pfarrer sich bemüht haben, eines seit langem 
erkannten Ärgernisses selbständig Herr zu werden. Oder sollte 
am Ende die gelegentliche Weigerung Pfarrer Thelens, eine Regen- 
bittprozession auf den Michelsberg 2 ) zu geleiten (24. Mai 1785), 
bereits genügt haben, um seinen Glaubenseifer zu verdächtigen? 

Aber mit einer polemischen Erörterung der Schuldfrage und 
,bloßen Ketzerkatalogen' waren die Haeresien auch hier hier nicht 
,geschlagen ( . Es galt vielmehr wie im dritten Jahrhundert ,im 
einzelnen ihre Irrtümer aufzuzeigen, die Willkürlichkeit ihrer 
Schriftauslegung . . . und die Widersprüche in ihren Systemen 13 ). 
Zu diesem Zweck ward den Pfarrern befohlen, sämtliche Klubisten 
auf die Dauer von mindestens vier Wochen täglich in den be- 
strittenen Glaubenslehren zu unterrichten. Damit sollte eine An- 
leitung zu einem ehrfürchtigen, moralisch fruchtbaren Schrift- 
studium Hand in Hand gehen. Die Rücksicht auf das ,so oft 
mißverstandene Verboth des Bibellesens für den gemeinen Mann' 
habe hierbei gänzlich zu schweigen, zumal dasselbe , ohnehin heutiges 
Tags in unsern Gegenden von» Deutschland unausführbar 1 sei. Die 
eventuelle Wiederaufnahme der Klubisten in den Schoß der Kirche 
wurde von einem feierlichen Widerruf abhängig gemacht. Im 
Falle eines böswilligen Beharrens im Irrtum (,pertinacia in volun- 
tate') sah die Regierung einem entsprechenden Berichte entgegen. 

Ehe wir die Schicksale der Klubisten weiter verfolgen, ist es 
unerläßlich, nach dem Ursprung ihrer Häresien zu fragen. Je 
einfacher sich die Scbuldfrage für die kurfürstliche Regierung 



1) Vgl. Merkle, Sebastian: Die kirchliche Aufklärung im katholischen 
Deutschland (Berlin 1910), S. 76 ff. 

2) Vgl. Becker, Joh.: Geschichte der Pfarreien des Dekanats Münstereifel. 
A. u. d. T. Geschichte der Pfarreien der Erzidiözese Köln. Bd. 34 (Bonn 1900), 
S. 38. Diese aus Privataufzeichnungen (Vallenders , Familienbuch') stammenden 
Angaben sind als Stimmungsreflex höchst bezeichnend. 

3) Jülicher, Ad.: Die Religion Jesu u. die Anfänge des Christentums bis 
zum Nicaenum in: Kultur d. Gegenw. T. I Abt IV, l 3 (1910), S. 110. 

17 



i . Original ftom 



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258 Gisbert Beyerhaus 

bezw. ihre Pfarrorgane l ) gestaltet, desto schwieriger das Problem, 
auf welchem Wege die Bildung eines lokalisierten Ansteckungs- 
herdes bis zur Gründung einer freigeistigen religiösen Gesellschaft 
erfolgt sein mag. Was liegt näher als an verwandte Bestrebungen 
im Mainzer Kurstaat zu denken! Allein die Vermutung einer 
historischen Abhängigkeit läßt sich bei näherer Prüfung nicht 
aufrecht erhalten. Ganz abgesehen davon, daß die Gesellschaft 
der Freunde der Freiheit und Gleichheit* *) erst am 23. Oktober 
1792, also dreiviertel Jahr später ihre Gründungs Versammlung 
erlebt, verrät die Schöpfung Custines auch sonst tiefgreifende 
Unterschiede zu ihrer wahlverwandten Schwester am Mittelrhein. 
Während sich die Klubgemeinde dort zunächst fast ausschließlich 
aus den Kreisen der Intellektuellen, d. h. einer Oberschicht von 
Gelehrten, Beamten und Geistlichen ergänzt und erst infolge der 
Mitwirkung des franzosischen Generals, als , Regierungspartei' An- 
ziehungskraft für die unteren Stände gewinnt, sind hier unlitera- 
rische, bäuerlich-kleinhandwerkerliche Elemente die eigentlichen 
Träger der Entwicklung. Die gefürchtete Emanzipation des dritten 
Standes, die pietistischen Konventikelbildungen oft genug verdacht 
worden war 3 ), ist zur vollendeten Tatsache geworden. 

Aber das Wesen der revolutionären Kulturbewegung, die im 
Hintergrunde wirksam war, so sehr es von der sozialen Schichtung 
mitbestimmt werden mochte: es erschöpfte sich darin nicht. Was 
die Mainzer Klubisten von den Kuchenheimern trennt, ist nicht so 
sehr das soziale Moment als der Geist. Die Grundgedanken aller 
Klubbestrebungen in Mainz sind politischer Natur. Rousseau und 
Montesquieu sind die gefeierten Genien der Redner. Die Gedanken 
der Volksouveränität, der Gewaltenteilung, der Grund- und Men- 
schenrechte stellen so völlig den Inbegriff der erstrebenswerten 
Errungenschaften dar. daß sie sich sogar zum Traum eines franzö- 
sisch-deutschen Freistaats verdichten. Daß Dorsch und Blau, die 
streitbaren Führer der Mainzer Aufklärung auf die wirkungsvolle 
Gelegenheit verzichtet haben sollten, den Klub zu einer Propa- 
ganda auch für ihre religiös-kirchlichen Ziele auszubauen, ist bei 
ihrem Aktivismus freilich unwahrscheinlich. Aber aus den Ver- 



1) Vgl. die Kausalverknüpfung Pfarrer Thelens: ,Da nun durch solches 
Lesen die Katholische Religion ihnen verdächtig schiene, so ließen sie es 
sich endlich beygehen, auch andere in und außer Cochenheiia zu falschen Grund- 
sätzen zu verführen', Immediatbericht v. 8. Okt. 1792 (von mir gesperrt). 

2) Für das Folgende vgl. Bockenheimer, Karl Georg: Die Mainzer 
Klubisten der Jahre 1792 und 1793 (Mainz 1896), S. 52—59. 

3) Vgl. Mirfat, Carl; Artikel »Pietismus 1 in TRE 15 3 , S. 779. 



1 Original from 



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Der Kuchenheimer Religionsklub (1791/92) 269 

handlangen gewinnt man den Eindruck, als ob die religiöse Frage 
nur eine Frage gewesen wäre neben andern und als solche ein- 
gebettet blieb in die politischen Postalate der allgemeinen Menschen- 
rechte. Ganz anders in Kuchenheim, wo sich die neue Gemein- 
schaft um spezifisch religiöse Forderungen, eine Reduktion der 
katholischen Dogmatik, überhaupt erst kristallisiert. Selbst Schnei- 
ders Tiraden ,Von den gerechten Forderungen de§ Regenten an 
seine Unterthanen* , ), jenes Prunkstück Rousseauscher Deklamation, 
haben es nicht vermocht, die Kuchenheimer Klubisten ihrer politi- 
schen Indolenz zu entreißen. 

Sehen wir uns hiernach genötigt, die Kuchenheimer Gesell- 
schaft der , Aufgeklärten* im Gegensatz zu der Mainzer Gründung 
nicht als französischen Import, sondern als autochthon zu erklären, 
so erhebt sich die weitere Frage, in welchem Ideenzusammenhange 
das ketzerische Programm der Klubisten zu dem Pensum des Lese- 
kränzchens stand. War die Häresie erst ein Ergebnis von Lese- 
früchten im Sinne der genannten Schriften oder der Abfall bereits 
die Voraussetzung für eine Beschäftigung mit freigeistiger 
Literatur? Ein Kernproblem der Aufklärung wird damit berührt. 
Wie es nicht angeht, sie mit bloßen , Machinationen geheimer Ge- 
sellschaften* zu erklären, hieße es auch hier ,in sehr elementarer 
Weise Ursache und Symptom verwechseln* *), wenn man den Kuchen- 
heimer Religionsklub ohne weiteres auf ein paar verbotene Lesungen 
zurückführen wollte. 

Treten wir an eine Musterung des Lesestoffes im ein- 
zelnen heran, so scheidet Schmidts Geschichtswerk als Anstel- 
lungsquelle ohne weiteres aus. Selbst wenn die Leser in der 
Darstellung des Mittelalters die eingestreuten antiklerikalen Aus- 
fälle wirklich verstanden haben: das konnte sie schwerlich zu 
Ketzern machen. Und die epochemachende Behandlung der Re- 
formation — mußte sie ihnen nicht nach Schneiders blutrünstigen 
Tiraden gegen die ,römische Despotie* fast als schwache Speise 
vorkommen? Etwas wahrscheinlicher klingt es schon, wenn in 
dem Berichte Pfarrer Thelens der Karmeliter Thaddaeus Dereser 
als literarische Infektionsquelle erscheint 3 ). Ist auch die beweg- 
liche Klage des Kölner Domkapitels vom 20. Jänner 1790 wohl 
nicht wörtlich zu nehmen, daß ,jene ärgerliche . . . noch dazu in 

1) Vgl. Predigten f. gebildete Menschen S. 17 ff. 

2) Vgl. die trefflichen methodischen Richtlinien von Merkle a. a. 0. S. 44 ff. 

3) Vgl. über ihn Miinch, F. X.: Der äniere Lebensgang des Aufklärungs- 
theologen Dereser. Diss. theol. Bonn 1921 [wird gedruckt], durch die Güte des 
Verfassers mir bereits im MS. zugänglich gemacht. 

17* 



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260 Gisbert Beyerhaus 

deutscher Sprache aufgestellte Dissertationen des P. Thaddäus . . . 
fast in aller Händen' 1 ) seien: hier kamen wirklich die ge- 
wagtesten Ergebnisse der rationalistischen Exegese in der sen- 
sationellen Aufmachung von Flugschriften zu Wort. Dennoch 
sucht man nach unmittelbaren Berührungen zwischen Deresers 
kritischem Feldzug und den Anschauungen der Klubisten vergebens. 
Ganz abgesehen davon, daß seine Streifzüge bezeichnenderweise 
die Probleme und Fragestellungen des Neuen Testaments zu ver- 
meiden suchen, wird man auch in der Tonart der Polemik den 
Unterschied nicht verkennen. Zwar hat Dereser in deutschen An- 
merkungen zu einer lateinisch geschriebenen Abhandlung 2 ) den 
Rechtsanspruch des päpstlichen Primats offen geleugnet. Aber es 
ist beachtenswert, daß er bei der gleichen Gelegenheit die römi- 
schen Päpste gegen den eschatologischen Lieblingsgedanken der 
protestantischen Exegese (Papst = Antichrist) verteidigt 3 ). Und wie 
bleibt erst Deresers Standpunkt hinter dem sektiererischen Pro- 
gramm der Klubisten zurück, wenn die Predigt vom 18. Dez. 1789 
über die Gottheit Jesu sich zur Gegenwart des Heilandes im hei- 
ligsten Altarssakrament feierlich bekennt 4 )! 

So wären wir schließlich darauf angewiesen, die Kuchenheimer 
Häresie auf den zersetzenden Einfluß Eulogius Schneiders zurück- 
zuführen. Und scheint nicht alles dafür zu sprechen: die räum- 
liche Nähe des Bonner Wirkungskreises, das Kecke der Frivolität, 
die sich in dem Exminoriten verkörpert, und nicht zuletzt der 
fanatische Bekehrungseifer dieses echten Libertins? Dennoch stehen 
auch einer so nahe liegenden Deutung gewichtige Bedenken ent- 
gegen. Denn daß die Gegner dem verhaßten Renegaten jede Ge- 
sinnungslosigkeit zuzutrauen geneigt waren, kann zur Erhärtung 
der These allein nicht genügen. Zunächst ist vielmehr festzustellen, 
daß weder Hartzheims sog. Programm noch die Anklageformulie- 
rung des Offizialats sich aus Schneiders Schriften als Ganzes ab- 
strahieren lassen 5 ). Das versteht sich bei der Kampfesweise der 

1) Klage des Domkapitels zu Kölln gegen die Kurküllnischc Universität zu 
Bonn. Aus authentiscben Aktenstücken . . . von einem kath. Priester zu Ant- 
werpen. Freyburg 1790, S. 31 (cit. Münch). 

2) Commentatio biblica in effatum Christi Matth. IC, 18.19. Coloniae: 
Everaerts. Dies, tbeol. Bonn 1789, S. 14 Anm. ii. 

3) Ebenda S. 29. 

4) Tbaddaeus und Schneider: Jesus als Sohn Gottes und als Lehrer 
der Menschheit. Zwei Predigten . . . Bonn: Ilofbuchdruckerei 1790, S. 5. 

5) Von modernen Kritikern ganz zu schweigen, hat selbst keiner seiner 
zeitgenössischen Gegner (z. B. Pacca, Anth, Schott, Gassmann) den Versuch ge- 
macht, einen so dankbaren Vorwurf zu begründen, vgl. die Sammlung der Gegen- 



i . Original ftom 



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Der Kuchenhcimer Religionsklub (1791/92) 261 

katholischen Aufklärer am Ende von selbst. Aber auch im ein- 
zelnen wäre es den Klubisten schwer gefallen, in der Autorität 
des ehemaligen Bonner Professors eine Beglaubigung ihrer Häresien 
zu finden. Schlug ihnen der Protest gegen die lehramtliche Voll- 
macht der Kirche und ihre Ablaßpraxis, gegen Heiligenverehrung 
und Reliquienkult aus so mancher Zeile entgegen 1 ), so versagte 
der Führer, sobald ihr Wissensdurst sich in grübelnden Zweifeln 
über das zentrale Mysterium des katholischen Glaubens verlor. 
Ein Gedächtnismal zur Entfachung des Tugendeifers, so lasen 
sie*), sollte es sein; zugleich der erhabene Ausdruck eines demo- 
kratischen Gleichheitsprinzips, das den Fürsten seine Krone, 
den Bettler seine Armut vergessen läßt! Wie aber stand es um 
das Kardinalproblem ? Bedeutete das Stillschweigen über die 
Transsubstantiation schon eine Verneinung des Mysteriums oder 
lediglich den Versuch, sich an der Wahrheitsfrage vorbeizudrücken? 
Selbst wenn wir die Bildungshöhe der Klubisten im Verhältnis 
zu ihrer sozialen Schichtung noch so günstig bemessen, wie schwer 
mochte es ihnen fallen, aus so verwickelten, ja künstlich ver- 
schleierten Tatbeständen die Summe zu ziehen! Jedenfalls wird 
klar, daß trotz vorhandener Übereinstimmungen eine unmittelbare 
literarische Abhängigkeit der Kuchenheimer Freigeister von 
Eulogius Schneider gerade an dem entscheidenden Punkte nicht 
nachweisbar ist. 

Hält man aus nahe liegenden Gründen an Schneiders Vater- 
schaft trotzdem fest, so bleibt nur die Verlegenheitshypothese 
übrig, daß die dogmatische Zurückhaltung seines , Katechetischen 
Unterrichts' lediglich eine Maske war, die der Autor bei seiner 
mündlichen Propaganda zu lüften verstand. Auch dies Verfahren 
würde zwar der aufklärerischen Taktik im allgemeinen entsprechen. 
Nur fragt es sich, ob der Rationalismus des Exminoriten die ka- 
tholische Wandlungslehre wirklich in der plumpen Form des im 
Verhör ermittelten Ausspruchs als sinnlos und vernunftwidrig 
empfand. Und es fragt sich weiter : war sein freigeistiger Missions- 



scbriften bei Sägmüller, Joh. Bapt. : Die kirchl. Aufklärung am Hofe des 
Herzogs Karl Eugen von Württemberg (1906), S. 106 Anm. 2 u. Münch, F. X. : 
Der Kölner Stadtpfarrer Peter Antb in : Annalen des hist. Vereins für den Nieder- 
rhein 84 (1907), S. 203 Anm. 5. 

1) Die Belege am übersichtlichsten, wenn auch in polemischer Zuspitzung, 
gesammelt bei [Gassmann, Polychronius:] Freymüthige Gespräche zwischen 
einem Landwirth und Bönnischen Stutzer über den Katechetischen Unterricht . . . 
(Düsseldorf: Kaufmann 1791) S. 18 ff., 42 ff. 

3) Katechetischer Unterricht S. 27 f. 



| . Original from 



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262 Gisbert Beyerhaus 

trieb im Jahre 1791 agressiv genug, um sich mit solchen Gemein- 
plätzen in Bonns nächster Nähe auf die Dörfer zu wagen? Seit 
dem Erscheinen des ,Katechetischen Unterrichts' waren seiner ,Un- 
besonnenheit' *) schon durch die Wachsamkeit der Gegner immer 
stärkere Schranken gesetzt; seit Juni 1791 fühlte er sich von 
Aufpassern förmlich umstellt 2 ). Da nun die Eschenheimer Häresie 
nach allen vorhandenen Zeugenaussagen erst im Winter 1791/92 
zum Ausbruch kam, müßte die Mine verhältnismäßig lange vor 
dem Einsetzen jenes Überwachungssystemes gelegt worden sein. 
Auch dies ein Gesichtspunkt, der gegen die Annahme einer per- 
sönlichen Beteiligung Schneiders ins Gewicht fallen dürfte. 

Das letzte Wort soll damit nicht gesprochen sein, aber vor- 
läufig haben wir uns damit abzufinden, daß sich die Gründungs- 
geschichte des Religionsklubs im Dunkel verliert. Sei es nun, daß 
wir es zu tun haben mit den Wahrheitssuchen eines auf seinen 
Wanderfahrten dogmatisch zerfallenen Handwerksburschen; sei es, 
daß es sich handelt um die unbewußte Übernahme protestantischer 
Anschauungen durch das Medium der radikalen katholischen Auf- 
klärungstheologie : weder die umfangreichen Untersuchungsakten 5 ) 
zum Fall Schneider noch das Ermittlungsverfahren gegen die 
Klubisten erlauben uns, eine bestimmte Einflußsphäre als Infektions- 
quelle anzusprechen. 

Wie wenig die Klubisten an ihrer Kränzchenlektüre eine 
Rechtfertigung für ihre Freigeistereien gefunden haben, verrät 
der überraschend geringe Widerstand, den sie der geistlichen Be- 
arbeitung der altgläubigen Pfarrer entgegenzusetzen wissen. Bei 
dem dreisten Auftreten der Klubisten und der Schwere ihrer 
Häresie durfte man immerhin einen gewissen Mut der Überzeu- 
gungstreue erwarten. Statt dessen hat es nur eines eindringlichen 
Zuredens bedurft, um die Abtrünnigen einzuschüchtern und zum 
Widerrufe zu bewegen. Auch Hartzheim, der prahlerische Herold 
der neuen Erkenntnis, hat seinen Standpunkt, soweit wir sehen 
können, kampflos preisgegeben. Bereits nach acht Tagen (8. Okt. 
1792), lange bevor die Frist für den katechetischen Strafunterricht 
abgelaufen war, konnte Pfarrer Thelen seinem Kurfürsten trium- 
phierend über den günstigen Fortgang seiner Bekehrungsmethoden 



1) Öliger, Livarius 0. F. M., Eulogius Schneider als Franziskaner in: 
Franziskanische Studien. Jg. 4 (1917) H. 4, S. 389 f. 

2) Eulogius Schneider an Engelbert vom Brück: 1791 Juni G (Krefeld 
Privatbesitz Kinder L. F. Seyffardt. Hs. Orig. eigenh.). 

3) Bonner Universitätsbibliothek Cod. 420 (92 v. g.), eit. Öliger S. 387 
Anm. 3. 



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Der Kuchenheimer Religionsklub (1791/92) 268 

berichten und diesem Erfolge eine wenn auch verspätete Ehren- 
rettung seiner so schwer angefochtenen Hirtentreue entnehmen. 
Nichts berechtigt uns, die vollzogene Unterwerfung als eine Schein- 
kapitulation anzusehen. Die Kuchenheimer Häresie, welche die 
stattliche Ortschaft im Vorlande der Eifel vorübergehend zu einer 
Heimstätte des modernen Unglaubens stempeln sollte, brach viel- 
mehr, auf ihren Ansteckungsherd lokalisiert, in sich selber zu- 
sammen. Und die freigeistige Episode von 1791/92, die das spär- 
liche Eindringen der Aufklärung in die niederen katholischen 
Volksschichten, soweit ich sehe, in einzigartiger Form illustriert, 
endete mit einem vollen Siege der kirchlichen Restauration. 

Innerhalb dieses Entwicklungsprozesses darf die persönliche 
Haltung des letzten Kölner Kurfürsten Maximilian Franz unser 
besonderes Interesse beanspruchen. Der jüngste Bruder Josephs II., 
der bei der Einweihung seiner Bonner Akademie (1786) die »Frei- 
heit im Denken' gegen die ,Hirngespinnste des Aberglaubens* vertei- 
digen ließ, steht dogmatisch bereits wieder 1 ) im Dienste der 
Orthodoxie, während sein Kirchenrecht auch fernerbin die Züge 
des Febronianismus trägt. In diesem Zwiespalt, dessen Heraus- 
arbeitung zu den wertvollsten Erkenntnissen der neueren Forschung 
gehört 2 ), darf man vielleicht ein Stück Schicksal der kirchlichen 
Aufklärung im katholischen Deutschland sehen. 



1) Vgl. das Schreiben an Kurator Frbrn. vom Spiegel zum Diesenberg vom 
5. Febr. 1790: »Unser Wille ist jederzeit gewesen, und ist noch, daß auf unserer 
Bönnischen Universität die Katholische Glaubenslehre in voller Kernigkeit vorge- 
tragen, und daß allda nichts gelehrt werde, was gegen die Grundsätze der Ka- 
tholischen Kirche . . . anstößig seyn konnte', Abdruck in ,KIage des Dom- 
kapitels 4 S. 34. 

2) Vgl. die vortreflliche Arbeit von J. Rössler: Die kirchliche Aufklärung 
unter dem Speierer Fürstbischof August von Limburg-Stirum. Diss. thcol. Würz- 
burg. Speier 1914. 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 

Von 

Theodor Bitterauf 1 ) 

„Mir kommt es so vor", schreibt Caroline von Humboldt am 
19. Juli 1813 ihrem Gemahl, „als wenn es außer den Österreichern, 
die sich doch selbst einmal weit mehr als Österreicher als als 
Deutsche betrachten, nur zwei Kronen in Deutschlands Völkern 
gäbe: Bayern und Preußen, Süddeutsche und Norddeutsche. Die 
übrigen sind eine Art Teig, den diese Zentralpunkte an sich ziehen 
werden und müssen. Kann man Bayern nicht noch zurückgewinnen?" 2 ) 
Der Versuch, den größten Rheinbundstaat auf die Seite der Alli- 
ierten zu ziehen, war von Prenßen schon im Frühjahr 1813 gemacht 
worden, aber es ist bisher noch nicht hinreichend deutlich gewesen, 
warum Bayern die dargebotene Hand leichtherzig zurückgestoßen 
hat 8 ). Um hierüber Klarheit zu gewinnen, ist es notwendig, die 
Lage Bayerns vor dem Beginne der Verhandlungen und seine 
gleichzeitigen Beziehungen zu anderen Höfen ins Auge zu fassen. 

Da war vor allem von Wichtigkeit, wie man sich gegenüber 
den Forderungen Frankreichs verhielt. Der Brief Napoleons, 
der am 18. Januar 1813 fast gleichlautend an alle Rheinbundstaaten 
wegen der Ergänzung ihrer Kontingente erging 4 ), wurde von dem 
Minister Montgelas erst am 18. Februar nach den „allergenauesten 
Prüfungen" des Kriegsministers Triva mit einer Note beantwortet, 
die zunächst eine in ihrer Nüchternheit erschütternde Aufzählung 

1) Im Sommer lS'JG unmittelbar ehe Friedrich von Bczold den Wirkungs- 
kreis in seiner bayerischen Heimat mit einem größeren in Preußen vertauschte, 
machte auf mich als jungen Erlanger Studenten der Nachruf tiefen Eindruck, den 
er in seiner Vorlesung IL v. Treitschke widmete. Darum möge im Folgenden 
Treitschkes Urteil über eine Episode der bayerisch-preußischen Beziehungen einer 
kurzen Nachprüfung unterzogen werden. 

2) W. u. C. v. Humboldt in ihren Briefen IV, 67. 

3) Ulmann, Geschichte der Befreiungskriege I, 304. 

4) Cor. de Napoleon I. 24, 402 . . . Vorausgegangen war eine Note des fran- 
zösischen Gesandten Grafen Mercy-Argenteau vom 16. Januar über den Abfall Yorcks. 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 265 

der Verluste des russischen Feldzuges enthielt; danach wollte 
Bayern mit den Nationalmobilgarden 46000 Mann auf die Beine 
bringen, gewiß eine Achtung gebietende Leistung! Aber die Ka- 
vallerie glaubte der Kriegsminister erst im September ins Feld 
rücken lassen zu können und die Abrichtung der Rekruten konnte 
erst im Juni abgeschlossen sein; bis dahin war vielleicht der ganze 
Feldzug entschieden. Der König wiederholte in seinem Anwort- 
schreiben an den Kaiser vom 3. März die Angaben seines Ministers, 
forderte aber zugleich, um dem Offiziersmangel abzuhelfen, die 
Rückkehr der Brigade Rechberg von Crossen, der sich die Offiziere 
und Unteroffiziere der vernichteten Truppenteile angeschlossen 
hatten, und bat, einer Anregung des befreundeten sächsischen 
Kabinetts entsprechend, Kavallerie und Infanterie nicht mehr, wie 
im letzten Feldzug geschehen war, zu trennen. Da der Gesandte 
in Paris, Freiherr von Cetto, der Rede des Kaisers im Senat die 
versteckte Drohung entnahm, daß man Truppen in die Länder senden 
werde, wo die Regierungen die Völker nicht niederhalten könnten '), 
schloß Max Josef seinen Brief mit einer warmen Verteidigung 
seiner Untertanen und rühmender Erwähnung ihrer bewiesenen 
Opferwilligkeit 2 ). Wenige Tage nachher überbrachte der franzö- 
sische Ordonanzoffizier Laplace die Aufforderung Napoleons, drei- 
zehn Bataillone und alle verfügbare Kavallerie und Artillerie in 
Bamberg, Bayreuth und Kronach zu vereinigen 3 ). Max Josef ent- 
schied am 9. März, noch ehe der König von Württemberg wegen 
einer ähnlichen Einladung des Kaisers mit ihm hatte Fühlung 
nehmen können, dem französischen Ansinnen sei mit den verfüg- 
baren Truppen zu entsprechen: „Die Sicherheit meiner eigenen 
Staaten erfordert es; ich gestehe, daß ich die Revolutionskomites 
des Nordens mehr fürchte als die russischen Armeen. Ich hätte 
diese Verfügungen auch ohne Ersuchen des Kaisers Napoleon ge- 
troffen." Es war also nur eine Maßnahme zum Schutze der eigenen 
Grenzen, und Metternich hatte Unrecht, wenn er darin eine Er- 
schwerung der Pazifikation erblickte 4 ). Überdies bestanden die 
„verfügbaren Truppen" nach einer Note Trivas nur in 10 Batail- 
lonen, 6 Schwadronen und 2 Kompanien, im ganzen einschließlich 
des Fuhrwesens 8000 Mann. Das Kommando erhielt an Stelle des 
von Napoleon gewünschten Wrede, der erkrankt war, General 

1) Bericht Cettos vom 29. Jan. 

2) Doeberl, Bayern und die deutsche Erhebung wider Napoleon I. Abhand- 
lungen der Bayer. Akademie d. W., III. Kl, 24. Bd., 2. Abh., S. 412 f. 

3) Cor. de Nap. I« 25, 19. 

4) Bericht des Gesandten Freiherrn v. Rechberg vom 21. März. 






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266 Theodor Bitterauf 

Raglovich. Napoleon schien von dieser Haltung des Münchener 
Hofes befriedigt. Am 19. März teilte Maret dem bayerischen Ge- 
sandten mit, der Kaiser habe Befehl gegeben, die Brigade Rech- 
berg nach Bayern zurückkehren zu lassen, and in einer Audienz 
Cettos vom 1. April versprach Napoleon, überdies Kavallerie und 
Infanterie nicht mehr zu trennen ! ). Freilich mußte man am baye- 
rischen Hof zunächst sehen, wie die Brigade Rechberg, statt heim- 
zukehren, sich vielmehr von Bayern entfernte, von Crossen nach 
Meißen und von da gegen Dresden. Erst am 10. April gab der 
Vizekönig Eugen der Brigade den Befehl zur Heimkehr; noch 
Tags vorher hatte ein Bataillon an der Saale mit dem Feinde im 
Kampfe gestanden. Nicht mehr als 1030 Soldaten kamen am 
18. April in Bamberg an. Außer dem dreizehnten Regiment in 
Danzig und der in Thorn eingeschlossenen Brigade Zoller in der 
Stärke von 3600 Mann waren keine Truppen mehr bei den fran- 
zösischen Fahnen* 2 ). 

Man hat längst bemerkt, daß den bayerischen Rüstungen von 
vorneherein der Charakter einer bloßen Landesverteidigung gegeben 
wurde, und die Verhandlungen mit Sachsen und Württemberg be- 
weisen, daß man damit in erster Linie dem bayerischen und nicht dem 
französischen Interesse dienen wollte. Der französische Botschafter 
in "Wien, Otto, der früher am bayerischen Hofe beglaubigt war, 
sprach schon zu Anfang März die Ansicht aus, die bayerischen 
Truppen könnten in der Heimat einen größeren Dienst leisten als 
wenn sie bei der Armee wären. Bayerns Haltung könne den Süden 
Europas beschützen . . . Ein Aufstand in Bayern würde dem 
Wiener Hof einen Vorwand geben, ihn zu ersticken. Er bat jedoch 
ausdrücklich, man möge ihn nicht kompromittieren, er kenne die 
Pläne seines Kaisers nicht 3 ). Napoleon selbst ließ durch den 
Grafen Narbonne, der auf der Reise nach Wien am 14. März 
München passierte, dem König seine volle Zufriedenheit aussprechen, 
und der Graf, der als alter Freund Max Josefs von seiner Straß- 
burger Zeit her, als früherer Minister am bayerischen Hofe und 
als Gemahl einer Gräfin Paar einer guten Aufnahme sicher sein 



1) Berichte Cettos vom 20. März und 3. Aprü (letzterer im Auszug bei 
Doeberl 413). 

2) Über die bayerischen Rüstungen am besten: Heilmann, Feldzug v. 1813. 
München 1857. Vgl. desselben uuten angeführte Schrift über Wrede u. Erhard, 
J. N. Graf v. Triva f Bamberg 1892. Ich folge den Akten des Münchener Geh. 
Staatsarchivs, dem alle (nicht naher bezeichneten) Schriftstücke entnommen sind. 
Für die Rüstungen speziell Pol. Arch. 16. 

3) Ber. Rechbergs v. 7. März. 



,! Original ftom 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 267 

konnte, rühmte nachher die feste Entschlossenheit des Fürsten und 
seines Ministers, sich nicht vom Schicksal Frankreichs za trennen '). 
Allein vielleicht hatte der preußische Geschäftsträger Jouffroy 
doch richtiger beobachtet, wenn er schrieb, der König lasse seit 
dieser Zeit merken, daß er sich der Gewalt der Umstände fügen 
werde. Der Preuße war ,wie von seinem Leben" davon überzeugt, 
„daß die Rüstungen, die Bayern vorbereitet, für die gute Sache 
sind" 2 ) und wenn auch Fürst Schwarzenberg die Anschauungen 
des Ministers billigte, Bayern möge die betretene Babn weiter 
verfolgen und weitergehenden französischen Anforderungen nicht 
entsprechen, vor allem aber die Kavallerie als eine kostbare und 
notwendige Waffengattung schonen, so erklären sich diese ver- 
schiedenen Urteile doch nur daraus, daß man in München tatsäch- 
lich einen Weg eingeschlagen hatte, der unter Umständen zur 
völligen Einstellung der Heeresfolge und zur Neutralität führen 
konnte. Die Auflösung des Rheinbundes wäre ja der bayerischen 
Regierung schon im Februar unter vielen Gesichtspunkten nützlich 
erschienen, wenn auch das Aufhören jedes Schutzverhältnisses in 
einer Zeit der Konvenienzpolitik neue Gefahren in sich schloß 3 ). 
In den sechs Wochen von der Forderung der Rückkehr der 
Brigade Rechberg bis zu ihrer Erfüllung (Anfang März bis Mitte 
April) hat die französische Diplomatie in München nur einmal einen 
unzweifelhaften Erfolg errungen in der Ausweisung des preußischen 
Geschäftsträgers. Die schon im Januar einsetzenden Pourparlers 
mit Osterreich nahmen ihren Fortgang, aber in dem Augenblick, 
wo sie sich zu greifbaren Vorschlägen verdichteten, wurden sie 
durch die Ereignisse überholt. Ähnliches gilt von den Beziehungen 
zu den Rheinbundstaaten, namentlich Sachsen und Württemberg. 
Ein russischer und ein preußischer Annäherungsversuch führen 
nicht zum Ziel, aber sie gestatten heute einen tiefen Einblick in 
die gegensätzlichen Anschauungen der leitenden Personen, deren 
gewohnter Eifer in der Erfüllung ihrer Vasallenpflichten gegen 

1) Mercy- Argen teau, La Baviere en 1812 et 1813. Revue Contemporaine 
1869, 23 f. 

2) W. Oncken, Österreich u. Preußen im Befreiungskriege I, 344. 

3) La rt'siliation de la confe'deration du Rbin serait sans doute une chose 
;i de*sirer sous le point de vue de l'indt'pendance diplomatique et de la ccssion 
d'une multitude des charges one'reuses qui cn rrsultent, quoiqu'on ne puisse pas se 
dissimilier d'un autre cöte" que la cessation absolue et subite d'un Systeme protec- 
teur tel que celui qu'on trouvait dans la ci-devant Constitution germanique et re*- 
cemment dans la confederation ne fut sans inconvenieut dans le Systeme de con- 
venance qui s'est generalement introduit. Erlaß an d. Gesandten in Dresden v. 
7. Febr. 



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268 Theodor Bitterauf 

den Beherrscher des Rheinbundes doch schon im Erkalten war l ). 
Als die wichtigsten Beziehungen in der gegenwärtigen Krisis be- 
trachtete Montgelas von Anfang an die zwischen den Kabinetten 
von Wien und Paris ; aber er war sich auch nicht im Unklaren über 
die Gefahren, die für seinen Staat im Hintergrunde lauerten, auch 
dann, wenn der Wiener Hof die Vermittlung in gutem Glauben 
übernahm. Wohl hatte das Haus Habsburg nach dem Frieden von 
Luneville auf den Erwerb Bayerns verzichten müssen, aber jetzt 
war ein Viertel der österreichischen Monarchie zu dem neuen 
Königreich geschlagen , das schon wegen seiner geographischen 
Lage, wegen der Beschaffenheit seiner Erwerbungen und der Ge- 
sinnung seiner Untertanen unter allen Rheinbundstaaten eine Re- 
aktion am längsten zu fürchten hatte. Unverkennbar war ferner 
der Gegensatz zwischen der Politik des Ministers Metternich, der 
schon im Januar zweimal durchblicken ließ, daß er sich dem Mün- 
chener Hof nähern wolle und der Stimmung der Stadt Wien, der 
österreichischen Kriegspartei, die in dem Verzicht auf die Alpen- 
länder, dem Schlüssel zum Reich und zu Italien, ein Verbrechen 
am eigenen Vaterlande erblickte. Die Verhaftung des Freiherrn 
von Hormayer und die Entdeckung der Pläne zur Revolutionierung 
Tirols erzeugte neue Bedenken. Auch wenn für Salzbarg, Tirol 
und Vorarlberg Würzburg an Bayern kam, schien da nicht das 
Bündnis mit Frankreich noch immer besser als der Verlust der 
Militärgrenze und die erneute Abhängigkeit von seinem Nachbar? 
„Im übrigen", heißt es in einer königlichen Depesche nach Wien 
vom 3. März, sehe ich in einer neuen Beraubung und Verpflanzung 
der Souveräne kein geeignetes Mittel, die solide und dauerhafte 
Ruhe zu befestigen, die zu bedürfen alle Welt vorgibt, und die 
jeder doch wieder den Berechnungen seines Interesses und Ehr- 
geizes unterordnet. Ich habe folglich keinen andern Wunsch und 
kein anderes Begehren, als zu behalten, was ich habe, ohne irgend 
jemand etwas zu nehmen. In diesem Sinne nehme ich mir selbst 
vor, nachdrücklich und fest zu sprechen, und in diesem Sinn will 
ich, daß alle meine Minister sich vernehmen lassen, solange unser 



1) Das sei immerhin gegen Treitschke, Deutsche Geschichte im neunzehnten 
Jahrhundert I", 447 hervorgehohen. Der Raummangel gestattet nicht, auf die 
Haltung des Kronprinzen und Wredes näher einzugehen; über ersteren s. Heigel, 
Kronprinz Ludwig im Befreiungsjahr 1813, Quellen u. Abhandlungen zur neueren 
Geschichte Bayerns, N. F., 355 ff. ; über Wrede: Heilmann, Feldmarschall Fürst 
Wrede, 1881; Doeberl a.a.O. und die Zusammenstellung bei Ulmann a.a.O., 
305 Anm. 1. Dazu noch die Erzählung Wredes in W. u. C. v. Humboldt in ihren 
Briefen, 4, 408. 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 269 

Wort und unser Wille frei sind. Um Toskana dem Großherzog 
von Würzburg zu geben, müßte man anfangen, es zu erobern oder 
seine Abtretung erlangen, und ich weiß nicht, ob die Erreichung 
dieses einen oder andern Ziels so leicht wäre als man sich das 
vorstellt. Eine andere Bemerkung: Selbst wenn man von dem 
Grundsatze ausgeht, die Wiederherstellung Österreichs sei von 
Seite Deutschlands absolut notwendig, so kann diese Macht mit 
diesem Anspruch doch nur das Hausruckviertel und Tirol für sich 
reklamieren, aber nicht das früher bayerische Innviertel und Salz- 
burg, und Würzburg wäre nur ein sehr schlechter Ersatz für das, 
was von Seite Österreichs 1806 und 1809 gewonnen wurde"; 

Damit war das Ziel der bayerischen Staatsleitung kurz und 
bündig ausgesprochen, aber bis zu seiner Erreichung waren noch 
gute Wege. Man fürchtete, Österreich werde nach einigen un- 
fruchtbaren Schritten zur Pazifikation zu einer unglücklichen Neu- 
tralität greifen, die wie schon früher einmal zum Bruch führen 
müsse. Vielleicht war es dieser Hintergedanke, der ein gewisses 
Entgegenkommen gegen den Münchener Hof veranlaßt hatte. Die 
Frage war ferner, würde es Napoleon gelingen, Österreich auf 
seine Seite zu ziehen oder würde er Bedingungen stellen, die sein 
Schwiegervater den anderen Kabinetten schmackhaft machen konnte? 
In Wien dagegen klagte man noch wenige Tage vor der Abreise 
des Fürsten Schwarzenberg, der Ende März auf einer Mission nach 
Paris die süddeutschen Hauptstädte berührte, daß Bayern von allen 
Höfen dem Wiener sich nicht eröffnet habe 1 ). Der günstige Be- 
richt eines anderen österreichischen Staatsmannes, des Fürsten Paul 
Esterhazy über seine Eindrücke in München und schon vorher über 
seine Unterredungen mit dem bayerischen Gesandten in Dresden 2 ) 
war freilich nicht ohne Einfluß geblieben auf die Instruktion für 
Schwarzenberg 3 ). Letzterer versicherte , daß der Kaiser seine 
Staaten nicht auf Kosten seiner Nachbarn vergrößern wolle, aber 
er ließ auch durchblicken, zu einer anderen Zeit könne man Tirol 
gegen ein Äquivalent eintauschen , wenn der König freiwillig 
dafür zu haben sei. Montgelas vermißte jedoch auch bei ihm die 
Einzelheiten des angedeuteten Abkommens, zu dem er sich gern 
bereit erklärt hätte. Trotzdem war Schwarzenberg von seinem 

1) Rechberg 1. April. 

2) Berichte Pfeffels 13— IS. März, des Chevalier de Bray vom 18. April au 
d. König aus Regensburg. 

3) Oncken a. a. 0., I, 339. Doeberl 41G f. Luckwaldt, Österreich u. die An- 
fänge des Befreiungskrieges von 1813, 210. Vte. Jean d'Ussel, L/intervention de 
l'Autriche 330. 



. ! . Original from 

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270 Theodor Bitterauf 

Aufenthalt in München ebenso befriedigt wie Esterhazy. Metter- 
nich ließ den vorläufigen Bericht des Geschäftsträgers Hruby 
hierüber dem Gesandten Rechberg sogleich lesen. Am 7. April 
sah er den Baron mit Hertling zusammen bei sich zu Tische 1 ), 
„Nach einer Unterredung, die Ihr Minister mit unserem Geschäfts- 
träger hatte", rief er aus, scheint er die ganze Wichtigkeit der 
Krise zu fühlen und die Art unserer Betrachtung zu teilen. Wir 
brauchen Frieden, aber die Zwischenstaaten brauchen ihn auch, daß 
sie nicht zwischen zwei Kolossen vernichtet werden. Rußland soll 
keine Eroberungen machen. Frankreich soll groß bleiben und 
stark als Gegengewicht. Wir werden nicht zermalmt werden, 
denn in kurzem können wir imposante Kräfte entfalten. Aber in 
unserem Interesse liegt es, daß weder Ihr noch Sachsen die Opfer 
dieses schrecklichen Stoßes werdet. Sprechen Sie also und eröffnen 
Sie sich, die Zeit drängt. Ich lade Sie ein, diese Eröffnungen so 
schnell als möglich Ihrem Hofe zu schreiben. Man ist bei Euch 
nicht auf dem laufenden; die Ereignisse kommen mit Windeseile 
und das Feuer erstreckt sich weiter und weiter." Der wunde 
Punkt in der Stellung Österreichs zu den Staaten des Rheinbundes 
war das Fehlen eines starken Heeres an den Grenzen von Süd- 
deutschland, um den abtrünnigen Rheinbündlern den Schutz zu ge- 
währen, den sie bisher von Frankreich genossen hatten. Es rächte 
sich ferner, daß man in Wien sich noch immer die Möglichkeit 
einer Rückkehr zu den Verpflichtungen von 1812 offen halten 
wollte. Deshalb hatte Montgelas, noch bevor er sich mit Öster- 
reich einließ, mit Sachsen und nach den Eröffnungen von Schwarzen- 
berg auch mit Württemberg Fühlung genommen. 

In Dresden hatte König Friedrich August noch in einem Briefe 
vom 27. Januar seine unbedingte Anhänglichkeit an Napoleon aus- 
gesprochen und die Instruktion für den Ende Januar nach Wien 
abgehenden General Watzdorf war ebenfalls noch im Sinne un- 
wandelbarer Anhänglichkeit an das französische System abgefaßt 
gewesen. Am 22. Januar war der König bereits zur Reise nach 
Plauen entschlossen, wenn ihm das Vordringen der Russen den 
weiteren Aufenthalt in Dresden unmöglich machte. Ein Teil der 
königlichen Familie sollte dann unmittelbar sich nach Bayern be- 
geben, wo auch er sein Asyl aufschlagen wollte, wenn er seine 
Staaten verlassen mußte; am 18. Februar war als Zufluchtsort für 
die ganze Familie Regensburg in Aussicht genommen worden. 
Während demgemäß auf die Kunde von dem Durchbruch der Russen 



1) Ber. Rechbergs v. 8. April. 



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Bayern nnd Preußen im Frühjahr 1813 271 

auf der Seite von Schwedt ein Teil der Familie die Reise nach Bay- 
reuth antrat, verlegte Friedrich Augast am 25. Augast sein Hoflager 
nach Plauen. Bisher hatte der bayerische Gesandte, von Pfeffel, die 
Furcht als das treibende Motiv der sächsischen Politik erkannt; 
aber in Plauen wurde dann die Frage aufgeworfen, ob es nicht 
gute Politik sei, sich vor neuen Opfern durch Annahme eines Sy- 
stems zu schützen, das geeignet schien, die Neutralität des Landes 
zu sichern. In diesem Sinn wirkte die Kunde von den Exzessen 
der französischen Division Grenier in der Gegend von Wittenberg, 
von der Verbrennung der Holzbrücke bei Meißen, die auf Befehl 
Davouts bayrische Truppen unter Rechberg in der Nacht vom 
11./2. März ausführen mußten, von der Sprengung der drei mitt- 
leren Bogen der Dresdener Brücke durch General Reynier am 
19. März, die zu einer förmlichen Meuterei in der Hauptstadt den 
Anstoß gab. So fand Esterhazy den Boden wohl bereitet, als er 
am 12, März in Plauen eintraf. Er überbrachte eine schon von 
Watzdorf übermittelte Einladung des Kaisers Franz zu einer Reise 
des Königs in die kaiserlichen Staaten, auch sollte er dahin wirken, 
daß der König in Paris unzweideutig den Wunsch nach Frieden zum 
Ausdruck bringe. Nun teilte das sächsische Kabinett gewiß mit 
den anderen Rheinbundstaaten die Hoffnung, die ungeheuren Opfer 
nicht zu verlängern, die der Krieg bisher gekostet hatte. Aber 
wenn der Minister Graf Senfft damals von den Plänen des Vor- 
jahres zurückgekommen schien, wo man von dem russischen Feld- 
zug die Wiederherstellung des Königreichs Polen erwartet hatte, 
so war Friedrich August der einzige in seiner Familie, der auch 
jetzt noch auf diese Erhebung des Großherzogtums Warschau Ge- 
wicht legte, das sich für den Augenblick allerdings in den Händen 
der Russen befand. Napoleon hatte ihm positive Versicherungen 
gegeben, daß er es wieder erlangen werde. Wenn er sich nun zu 
lebhaft aussprach für den Frieden, so fürchtete er, der französische 
Kaiser könne sich dieses Versprechens für ledig erachten und er 
selbst werde den Frieden mit dem Verlust eines Teils seiner 
Staaten bezahlen müssen. So versagte er sich vorerst den Wün- 
schen Esterhazys, von denen Pfeffel durch den Fürsten und den 
Grafen Senfft unterrichtet wurde. Wenn man in München die 
vertraulichen Äußerungen des sächsischen Kabinetts in der Folge 
auch zum Anlaß nahm, ein Konzert mit ihm anzustreben, so wurde 
Montgelas durch Esterhazys Aufenthalt in der bayerischen Haupt- 
stadt doch in seiner Auffassung bestärkt, daß das sächsische Kabi- 
nett mit Osterreich weitergegangen sei als man glauben sollte und 
daß sein Weg bald zu einem vollständigen Systemwechsel führen 



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272 Theodor Bitterauf 

müsse, wie er ja am 20. April dann in der Tat eingetreten ist , ). 
Nun war aber Bayern Österreich gegenüber in einer ähnlichen 
Lage wie Sachsen gegenüber Preaßen, das Ende März einen Teil 
des Königreichs tatsächlich besetzt hatte. Die Besorgnis vor einer 
Einigung Frankreichs und Österreichs auf Kosten Bayerns stellte 
sich dem Zusammengehen mit Sachsen auf dieser Linie ebenso in 
den Weg, wie die Abneigung Sachsens gegen Preußen die Haltung 
des Königs Max Josef nach dem Besuch seines Schwagers in 
Regensburg gegenüber den preußisch - bayerischen Verhandlungen 
nachteilig beeinflußt hat. Montgelas wäre zu einem förmlichen 
Abkommen mit dem Königreich Sachsen bereit gewesen ; aber 
Senfft hielt ein solches für überflüssig. Man einigte sich in 
Regensburg im Grunde leicht über die Prinzipien und die Be- 
trachtungsweise der beiden Höfe. Allein Sachsen hielt damals 
noch wesentlich und absolut an der Allianz mit Frankreich und 
an der Erhaltung des Rheinbundes fest und glaubte durch dieses 
Mittel zu demselben Ziel gelangen zu können 2 ). Den entgegen- 
gesetzten Standpunkt hatte unter dem Beifall Bayerns Württem- 
berg eingenommen, wo König Friedrich Anfang April fest ent- 
schlossen war, alles, was von ihm abhing, für die Unabhängigkeit 
Deutschlands und seines Volkes zu tun. Die Versicherungen 
Schwarzenbergs hatten in Stuttgart die größten Hoffnungen er- 
weckt; in keinem Lande glich in den ersten Apriltagen die Lage 
mehr derjenigen Preußens als in Württemberg, wo beinahe alle 
Minister gebürtige Norddeutsche waren, wo die königliche Familie, 
der frühere unmittelbare Adel, die lutherische Geistlichkeit und 
das Volk auf das Zeichen warteten, gegen Frankreich zu handeln. 
Napoleon kannte die Stimmung, wenn er dem Gesandten Wintzin- 
gerode sagte : „Votre maitre croit que le lion est mort et qu'il 
peut pis ... dessus; mais il se trompe". Daher hielt man in Mün- 
chen noch für geraten eine Macht, mit der man verbündet war, 
nicht vor den Kopf zu stoßen. „Der Löwe schlummert nur und 

1) Nach den Berichten Pfeffels. S. a. Flathe, Geschichte des Kumaates u. 
Königreichs Sachsen, Bd. III. Onckcn, II. Bonnefons, Un allie* de Napoleon Fre- 
deric-Auguste. Das angeführte Werk v. Ussel und Brabant, In und um Dresden 
1313 (Deutsche Schlachtfelder 3). Die Kritik der Memoires du comte de Senfft 
bei W. Hegner, Die politische Rolle des Grafen Senfft und seine Memoiren, Greifs- 
walder Dissertation 1910 beruht, wie schon 0. E. Schmidt, Aus der Zeit der 
Freiheitskriege und des Wiener Kongresses (Aus Sachsens Vergangenheit 3), S. 35 
hervorhob, auf durchaus unzulänglichem Quellenmaterial. 

2) Instruktion für Pfeffel vom 31. März und dessen Bericht aus Regensburg 
v. 3. April. Instruktion für den bayerischen Gesandten in Stuttgart Glm. Verger 
v. 10. April. 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 273 

ist nicht tot". Aber man war sich beiderorts einig darüber, daß 
man das Land nicht von Truppen entblößen und diese nicht nach 
Frankreich entführen lassen dürfe. Im Fall einer Gefahr von 
Seite der Russen oder Preußen wollten die süddeutschen Fürsten 
ihre Staaten nicht verlassen, und sich nicht nach Frankreich oder 
in die Schweiz zurückziehen. Montgelas hielt auch für wesentlich, 
vor allem das Verhalten Österreichs zu beobachten und die Folgen 
der Eröffnungen Schwarzenbergs abzuwarten sowie den Verlauf 
des Feldzugs ; er konnte anders ausfallen als man dachte und noch 
einmal das Antlitz der Dinge ändern *). 

Daß in der Denkweise des bayerischen Ministers sich bereits 
ein gewaltiger Umschwung vollzogen hatte, beweist seine Bitte an 
den Kronprinzen, ihn fortan in politischen Fragen häufiger um 
sein Urteil befragen zu dürfen und die Versicherung, er hätte in 
diesem Punkt schon früher anders gehandelt, wenn nicht für ihn 
die äorge für das Interesse des Staates die erste Pflicht gewesen 
wäre. Dieses Anerbieten, das von Ludwig "mit Freuden aufge- 
nommen wurde, wäre doch sinnlos gewesen, wenn nicht der Mei- 
nung des Kronprinzen, der vor der Abreise nach Innsbruck sich 
für Neutralität ausgesprochen hatte, auch eine größere Berück- 
sichtigung zu teil werden sollte. Nicht unzutreffend vergleicht 
der österreichische Geschäftsträger in Stuttgart, Baron Binder, die 
Rolle des Ministers mit der Haltung des Grafen Haugwitz im 
Jahre 1806 und des russischen Reichskanzlers Rumjanzow 1812, 
indem er an die Spitze der Opposition getreten sei, die er nicht 
anders bekämpfen könne 2 ). Seit lange waren keine solchen Mei- 
nungsverschiedenheiten zwischen dem König und seinem Minister 
laut geworden wie bei den russischen und preußischen Vermittlungs- 
versuchen dieser Zeit. Bayern war damals am Berliner Hofe durch 
den Freiherrn von Hertling nicht eben hervorragend vertreten 3 ). 
Obwohl der Gesandte am 27. Januar nach der Abreise Friedrich 
Wilhelms III. nach Breslau angewiesen wurde, dem König un- 
mittelbar zu folgen, da der Aufenthalt in Berlin für das diplo- 
matische Korps in Abwesenheit des Monarchen und des Groß- 
kanzlers kein Interesse mehr biete, das Wohl des Dienstes aber 



1) Berichte Vergers seit dem 3. April und die in der vorigen Nr. angeführte 
Instruktion an denselben. Im allgemeinen: Pfister a. d. Lager des Rheinbundes 
1812 u. 1313, und Luckwaldt, bes. Kapitel 7. 

2) Heigel a. a. 0., 365. Luckwaldt, 205 Anm. 2. 

3) Das folgende nach M. A. III Peußen 17 des Geh. Staatsarchivs. Vgl. K. 
Frhr. v. Hertling, A. d. Papieren eines bayerischen Diplomaten 1810 bis 1813, 
Hist.-pol. Blätter, Bd. 147 (1911). 

18 



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274 Theodor Bitterauf 

die genaueste Einsicht in die Vorgänge bei den Kabinetten er- 
fordere, konnte er wegen unerquicklicher Geldschwierigkeiten, in 
die er geraten war, die Reise nach Breslau erst am 18. Februar 
abends antreten. Der Sicherheit halber wählte er die Straße über 
Dresden ; trotzdem wäre er zwischen Görlitz und Bunzlau beinahe 
den Russen unter dem Major Brendel in die Hände gefallen. Erst 
in der Nacht vom 1. zum 2. März erreichte er sein Reiseziel. In 
der letzten Zeit seines Berliner Aufenthaltes waren ihm doch schon 
Zweifel gekommen an der Loyalität des preußischen Kabinetts 
und in Breslau überzeugte er sich, daß der König die Massen — 
ein Heer von 100000 Mann — nicht mehr in der Hand hielt und 
sie jedenfalls nicht mehr in einem den nationalen Wünschen ent- 
gegengesetzten Sinn verwenden konnte. Bei seiner Ankunft war 
das Bündnis von Kaiisch bereits abgeschlossen ; aber obwohl Senfft 
ihn in Dresden auf die Verhandlungen mit den Russen wegen der 
Neutralität Schlesiens aufmerksam gemacht hatte, besaß er davon 
keine Kenntnis ; er baute bis zuletzt auf den Charakter des Königs 
und seines Ministers. Am 6. März teilte ihm Hardenberg die Ab- 
berufung des bisherigen preußischen Gesandten in München, des 
Grafen Goltz l ), der dann als erster Adjutant* bei Blücher seine 
militärische Dienstleistung wieder aufnahm, und die Ernennung 
Jouffroys, der früher der Petersburger Gesandtschaft und zuletzt 
Knesebeck in Kaiisch beigegeben war, zum Geschäftsträger ad 
interim an diesem Hofe mit. Am 13. März war Jouffroy an seinem 
Bestimmungsort eingetroffen, wo er durch seinen Vorgänger dem 
Minister vorgestellt wurde; am nächsten Tag hatte Goltz seine 
Abschiedsaudienz. Er hat bis zuletzt den Systemwechsel in seinem 
Vaterland und den Vertrag mit Rußland nicht zugegeben. Als 
dem Grafen St. Marsan nach der Kriegserklärung Preußens an 
Frankreich seine Pässe zugestellt wurden, machte sich auch Hert- 
ling auf eine solche Sommation gefaßt, um so mehr, da der säch- 
sische Vertreter Baron Thiollaz schon früher seinen Posten ver- 
lassen hatte. Am 29. März konnte er Montgelas den Empfang der 
erbetenen Pässe und zwar über Brunn und Wien anzeigen. In 
dem Umschlag, der sie enthielt, war ein Aufruf an die Deutschen 
mit eingelegt. Man hatte ihm vorgestellt, Preußen habe keinen 
Krieg gegen Bayern. Wenn die preußische Armee sich dem 
bayerischen Gebiet nähere, geschehe es nicht in feindlicher Ab- 
sicht. Auch der frühere preußische Vertreter in München hat die 
Ansicht vertreten, die Überstürzung, mit der Hertling dem Bei- 



1) Vgl. „Die Grafen u. Freiherrn von der Goltz, Straßburg 1885". 



( ~ v.l. Original from 

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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 275 

spiel des französischen Ministers gefolgt sei, werde von seiner 
Regierung nicht gebilligt werden, und heute ist aktenmäßig fest- 
gestellt, daß es sich wirklich um einen eigenmächtigen Schritt des 
Freiherrn handelte. 

Nach der Kriegserklärung Preußens an Frankreich war für 
Bayern die wichtigste Frage, ob man in Breslau ernstlich daran 
dachte, die Provinzen Ansbach und Bayreuth wieder zu erlangen, 
oder ob man sich an ihrer statt mit zur Abrundung besser geeig- 
neten Entschädigungen in Norddeutschland zufrieden geben würde. 
Hätte man in München die Instruktion Knesebecks vom Januar 
gekannt, so wäre jedenfalls für kommende Verhandlungen die Bahn 
frei gewesen; denn darin heißt es, den Königen und Fürsten des 
Rheinbundes müsse man ihren bisherigen Besitzstand zusichern 
mit Ausnahme des Königs von Westfalen. Auch wird darin die 
Unabhängigkeit Deutschlands von der französischen Herrschaft und 
an ihrer Stelle der Einfluß Österreichs im Süden, Preußens im 
Norden verkündigt. Am 16. März hatte der preußische Gesandte 
in Wien, Wilhelm von Humboldt, die Aufmerksamkeit seiner Re- 
gierung einem Wunsche des Grafen Metternich entsprechend auf 
diese Fragen gelenkt und dieser selbst schrieb am 23. März an 
seinen Vertreter Zichy in Breslau, wenn Preußen Absichten nähre 
auf die Fürstentümer Ansbach und Bayreuth, möge es diese Frage 
offen lassen, bis es sich der Haltung Bayerns nach allen Richtungen 
hin versichert habe, und falls man sich darüber nicht zu beklagen 
hätte, diese Abtretung aufschieben bis zu einem allgemeinen Ar- 
rangement. Am 31. März knüpfte dann Hardenberg den Verzicht 
auf die beiden Provinzen in einem Erlaß an Jouffroy an die Be- 
dingung, daß Bayern sich offen für die gemeinsame Sache erkläre, 
im entgegengesetzten Fall jedoch könne sein Herr sich in die Lage 
versetzt sehen, einen Aufruf an seine alten Untertanen zu erlassen. 
Diese Klausel entsprach keineswegs buchstäblich dem Wunsche 
Metternichs, der eine Beruhigung des Münchener Hofes „zum Lohne 
seines maßvollen Verhaltens" — mehr darf man zu Anfang nicht 
sagen, hatte er geschrieben — vorgeschlagen hatte, und der augen- 
blicklichen Lage des ersten Rheinbundstaates war sie so wenig 
angemessen, daß der preußische Geschäftsträger, wie wir noch sehen 
werden, sich selbst über sie hinwegsetzte *). 

Vorläufig aber hatte man in München nicht nur keine Garantie 
der Markgrafschaften für die Zukunft, man war vielmehr in Sorge 
über die nächsten Schicksale Frankens. Hertling hatte gemeldet, 



1) Oncken I, 126. 339 ff. 

18* 



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276 Theodor Bitterauf 

in dem Bureau des Freiherrn von Stein werde Tag und Nacht 
gearbeitet an der Organisation des Teils von Deutschland, in dem 
seine Agenten eine Erhebung und allgemeine Bewaffnung vor- 
bereiteten. Die Berichte der Lokalbehörden in Franken wurden 
ergänzt durch die Depeschen aus Wien: Von dort kam die Äußerung 
Steins, so lange Frankreich am Rhein sei, sei es auch an der Elbe 
und am Lech, das Projekt einer deutschen Verfassung, wie es im 
russischen Hauptquartier vorbereitet war, in dem unter anderem 
von der Erneuerung der Kaiserkrone auf dem Haupte Franzens 
die Rede war. In drei Wochen, meinte Rechberg, können die 
Russen Streifkorps nach Franken werfen, und wenn sie Deutsch- 
land insurgieren wollen, werden sie es in Bayreuth versuchen; 
dann würden sich ohne Zweifel auch die Bewohner der Berge er- 
heben. Die Pläne der russischen Partei, die nicht ohne Einfluß 
auf das Verhalten der russischen Generale und des russischen 
Kabinettes bleiben konnten, richteten sich auf Bayern, man fürch- 
tete einen Einfall in Franken. Schon hatte Metternich den baye- 
rischen Gesandten gefragt, ob man Anzeichen habe, daß Bayreuth 
von den Preußen bearbeitet werde. „Ich werde mich freuen, es zu 
hören", meinte er. „Denn wir könnten dagegen nicht gleichgültig 
sein. Nach meinen Nachrichten denkt Preußen nicht daran." Wenn 
aber der Zar dem preußischen Bundesgenossen den Besitzstand von 
1806 garantiert hatte, so waren seine Anerbietungen an den Kaiserhof 
noch größer : Oberitalien, alle Erwerbungen von Bayern, namentlich 
Tirol, Salzburg und das Innviertel. Das Auftauchen des russischen 
Diplomaten Stackeiberg in der österreichischen Hauptstadt, seine Be- 
ziehungen zur Hofburg, sein hochfahrendes Wesen ließen eine Zeit- 
lang das schlimmste befürchten. Erklärte sich doch General Belle- 
garde schon offen für das russische System; Rußland sei die ein- 
zige Rückenlehne Österreichs, hatte er in einer Konferenz gesagt. 
Humboldt machte kein Hehl daraus, daß er auch nach dem System- 
wechsel seines Staates auf seinem Posten bleiben werde, und 
Stackeiberg erwiderte auf eine Warnung Metternichs nur, er sehe 
nicht ein, warum er sich auf die Vorstädte beschränken solle, wenn 
man den preußischen Gesandten hier dulde. Bald aber zeigte sich, 
daß die Idee einer russischen Abhängigkeit in Wien noch ver- 
haßter war als die von Frankreich. Pfeffel hatte mit Beruhigung 
wahrgenommen, daß die Proklamationen, die Wittgenstein in Sachsen 
verbreitet hatte, die Markgrafschaften gar nicht erwähnten. Die 
Truppen in der Lausitz gaben allerdings vor, gegen- die Sachsen 
freundlicher gesinnt zu sein als gegen die Bayern ; in ihren Reihen 
galt es als ausgemacht, daß, sobald die Elbe überschritten sei, ein 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 277 

starkes Korps nach Bayreuth marschieren werde, und noch in den 
Depeschen aus Dresden, die Senfft nach seiner Ankunft in Regens- 
burg dem bayerischen Vertreter mitteilte, war von einer Expedition 
nicht nur nach Bayreuth, sondern auch nach Ansbach die Rede. 
Aber Pfeffel hatte jene Lagergespräche selbst nur als „Vorposten- 
politik" bezeichnet, die seinem Herrn willkommen sein müsse als 
Vorwand, kein neues Kontingent über Bayerns Grenzen zu schicken 
und Senfft nennt die geplante Expedition eine Nebensache, die den 
Operationen der neuen Koalition nur schaden könne. Da die Di- 
vision Raglovich die Linie von Hof bis Hochstadt am Main besetzt 
hatte, konnte man die weitere Entwicklung in München getrost 
abwarten und mindestens am 10. April war man dort völlig be- 
ruhigt. Die Ankunft russischer und preußischer Truppen sei wohl 
eine Möglichkeit, die man nie aus dem Auge verlieren dürfe, heißt 
es in einer Depesche von diesem Tage an den Generalmajor Verger 
in Stuttgart; aber es scheine vielmehr, daß die Russen und Preußen 
nach Kronach gehen, um gegen Würzburg zu operieren, wo Ney 
mit 16000 Mann stand, und nicht nach Hof. Die einzige beun- 
ruhigende Nachricht der letzten Tage war ein Rapport des Grafen 
Solms aus Hof gewesen vom 7. April um 9 Uhr morgens, daß eine 
bayerische Patrouille verschwunden und wahrscheinlich gefangen sei. 
Die Furcht vor Preußen konnte in München schon um des- 
willen nicht so groß sein, weil ihr, ehe noch der erwähnte Erlaß 
Hardenbergs dort eingetroffen war, von russischer Seite entgegen- 
gearbeitet worden war. Nach der Lösung der diplomatischen Be- 
ziehungen vor dem Krieg gegen Rußland, die übrigens in den 
freundschaftlichsten Formen geschehen war 2 ), hatte Bayern keinen 
Minister mehr am Zarenhofe, so daß man auf gelegentliche Hin- 
weise der übrigen Gesandtschaften angewiesen war. Die Zarin 
Elisabeth beabsichtigte zum Namensfest der Königin (28. Januar) 
eine Anzahl bayerischer Gefangener freizugeben 3 ), aber der Aus- 
führung dieses Vorhabens stellten sich Schwierigkeiten entgegen 
und badische Offiziere, die durch Wien kamen, wußten von einer 



1) Berichte Hertlings v. 15. März, Rechbergs v. 25. Febr. 7,16, 25. März, 
Pfeffels v. 25. März, 3. April. Über die Stimmung in Franken vergl. Bitterauf im 
Archiv für Kulturgeschichte XI, 63 ff. Die Münchener Dissertation v. Thürauf, 
Geschichte der öffentlichen Meinung in Ansbach - Bayreuth 1789—1815 (1918) ist 
leider infolge methodischer Fehler ungenügend. 

2) F. D. Martens, Recueil des traites et Conventions, T. VII (1885), 112 ff. 
Montgelas, Denkwürdigkeiten 257. 

3) Auszug eines Briefes der Königin v. Bayern an Prinzessin Amälie von 
Baden (kopiert an der Post) v. 15. Januar Pariser Archiv d. Ä. 



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278 Theodor Bitterauf 

großen Animosität der Russen gegen Bayern zu berichten. Auch 
der bekannte angebliche Abdankongsantrag Napoleons an Max Josef 
ist wahrscheinlich eine russische Erfindung l ). Kein Wunder, daß 
noch das Auftauchen Stackeibergs in Wien mit gemischten Gefühlen 
beobachtet wurde. Da erschien plötzlich am 20. März ein Emissär 
des Barons bei Rechberg mit der Eröffnung, der Augenblick nahe, 
wo man die Grenzen Bayerns berühren werde und darum bitte er 
den Freiherrn bei seiner alten Freundschaft mit ihm, seine Re- 
gierung zur Absendung einer vertrauenswürdigen Persönlichkeit 
nach Hof zu veranlassen, nur mit der Vollmacht, zuzuhören. 
Stackeiberg habe es für seine Pflicht erachtet, dem Zaren vor- 
zustellen, man müsse die Erbitterung Preußens zügeln und Ruhe- 
störungen in Bayreuth verhindern, solange man nicht die Ge- 
sinnungen des ersten und mächtigsten Rheinbundstaates kenne. 
So gerührt Rechberg durch diese Aufmerksamkeit schien, so ver- 
langte er doch zuerst die Forderungen zu kennen, die man an den 
russischen Unterhändler gestellt habe. Er gestand, was er von 
diesen auf eine Beraubung des bayerischen Königs errichteten 
Insinuationen wußte; es genüge noch einmal Provinzen zu ver- 
tauschen oder zu zerstückeln, um dem Kredit der deutschen Staaten 
und dem Vermögen aller Privatleute den letzten Schlag zu ver- 
setzen. Man dürfe nicht außer acht lassen, daß Bayern seine 
gegenwärtige Existenz durch die Abtretung von vier seiner schön- 
sten Provinzen erlangte, daß es unter russischer Vermittlung ge- 
zwungen wurde, die Rheinpfalz, die Wiege seiner Dynastie, her- 
zugeben, bald nachher das schöne Herzogtum Berg und das reiche 
Fürstentum Würzburg und noch 1810 für seine gegenwärtige Ab- 
rundung 230000 Einwohner in Schwaben und 300000 in Tirol ab- 
treten mußte. Kaum habe der König sich mit seinen neuen Unter- 
tanen beschäftigen können, so werde er wieder von allen Seiten 
bedroht. Stark durch die Liebe eines großen Teils seiner Völker, 
deren Hingabe ohne Grenzen sei, fordere er gewiß nichts besseres, 
als ihr Glück und ihre Ruhe durch eine allgemeine Pazifikation 
gesichert zu sehen. Der Kaiser von Rußland wisse, daß der König 
den Krieg nie gewünscht habe; er habe ihn nur geführt zu folge 
der im Angesicht Europas eingegangenen Verbindlichkeiten, die 
Rußland selbst seinerzeit anerkannt habe. Dem Zaren, der erklärte, 

1) Schicmann in hist. Zeitschrift, N. F., 54. Böhm, Forschungen zur Gesch. 
Bayerns XI. Nach Depeschen Rechbergs vom 26. Dezember, der über den Cha- 
rakter des Briefes allerdings nicht genau unterrichtet ist, wäre derselbe von einem 
früheren Mitglied der russischen Gesandtschaft in Berlin, Pcterson, in Wien mit- 
geteilt worden. 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 279 

keine Eroberungen machen zu wollen, sei es vorbehalten, den 
Frieden durch Beruhigung der Leidenschaften zu beschleunigen. 
Man müsse in dieser Beziehung die Unsicherheit aufhören machen 
und Garantien geben. Darauf antwortete der Unterhändler : „Wir 
haben kein Geheimnis, unsere Politik ist freimütig. Um Sie zu 
beruhigen, um Ihnen eben diese Garantien zu geben, wünschen wir 
den Mann in Hof zu sehen. Wir verkennen nicht Ihre geographische 
Lage, wir kennen die Liebe Ihrer Bayern, die bereit sind, sich für 
ihren Fürsten zu opfern; aber wir wollen nicht das Unglück des 
Krieges noch weiter ausdehnen und vermehren. Wenn wir hier 
(in Wien) Vorschläge gemacht haben, um eine große Macht in den 
Stand zu setzen, die Ruhe des Südens zu wahren, dürfen Sie 
dabei nicht verlieren. Diese Macht braucht eine starke Avant- 
garde. Im übrigen ist hier noch nichts abgeschlossen. Der Zar 
Alexander wird das Vertrauen derer anerkennen müssen, die die 
ersten sind, es ihm zu bezeugen. Schicken Sie und hören Sie. Es 
gibt andere, die uns schon gehört haben : Der König von Württem- 
berg; wenn wir, wie wir nicht zweifeln, unsere Waffen siegreich 
vorwärts tragen, könnte es zu spät sein. Was ich Ihnen hier sage, 
ist nicht mehr mein Auftrag, aber ich benachrichtige Sie, die Deut- 
schen auf unserer Seite sind gegen Sie aufgebracht. Man dispu- 
tiert über die größten Gewaltmaßregeln. Der Einfluß dieser 
Leute wird mit unseren Erfolgen noch wachsen. Sie bestehen 
darauf, daß wir nach dem Beispiel Frankreichs große Schläge 
führen und jeden vernichten, der sich gegen uns ausspricht". 

Diese Eröffnungen sind nicht nur bemerkenswert durch die Ent- 
hüllung der Gegensätze im russischen Lager, sondern vor allem 
wichtig als die erste Einladung der neuen Koalition an den mäch- 
tigsten Rheinbundstaat, mit ihr Fühlung zu gewinnen 2 ). Man 
wird sie der Lage Bayerns als durchaus angemessen bezeichnen 
dürfen. Die Sendung nach Hof verpflichtete zu nichts; die ver- 
lockende Aussicht auf die Garantie der bayerischen Staaten war 
nicht durch plumpe Drohungen getrübt, sondern durch den maß- 
vollen Hinweis auf die deutsche Partei im Gefolge des Zaren eher 
wirksam gesteigert. Von bindenden Verpflichtungen als Gegen- 
leistung war überhaupt nicht die Rede. Und dazu wäre man in 
München allerdings augenblicklich weniger als je im Stande ge- 
wesen. Nicht nur wegen der Unfertigkeit der eigenen Rüstungen. 
Als Rechbergs Brief am 30. März abends dem Minister überreicht 

1) Bericht Rechbergs v. 21. März an Montgelas. 

2) Daß die er6te Anknüpfung mit den Alliierten von Rußland ausging, 
betont ausdrücklich die Instruktion für Recbberg nach Berlin v. 1. Februar 1816. 



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280 Theodor Bitterauf 

wurde, befanden sich im Lande vier fremde Divisionen, die von 
Italien gekommen waren. Die erste befand sich auf dem Marsch 
nach Nürnberg, die zweite und dritte gegen Neuburg, Donauwörth 
und Nördlingen, die vierte sollte in der Gegend von Augsburg 
bleiben. Zwei Divisionen bestanden allerdings nur ans Rekruten 
und waren noch nicht vollständig organisiert; beider vierten war 
ein italienisches Regiment mit beträchtlicher Desertion, das sich 
sogar Ausschreitungen zu schulden kommen ließ. Der Kronprinz, 
der die Truppen auf ihrem Marsch durch Tirol beobachten konnte, 
meint, er habe nie einen schlechteren Geist bei einer Armee ge- 
sehen. „Die drei ersten Regimenter, schreibt er am 6. April, sind 
die einzigen alten französischen Regimenter ; die italienischen, nea- 
politanischen, kroatischen denken fast alle nur ans Entrinnen, die 
zuletzt angekommenen französischen scheinen aus Kindern gebildet 
zu sein, die kaum ihre Waffen tragen können." Trotzdem waren 
es im Ganzen 52000 Mann, deren Anwesenheit im Königreich die 
größte Vorsicht gebot. Und im Nordwesten in Würzburg sammelte 
Ney ein neues Korps. Gleichwohl muß Montgelas den König noch 
vor seiner Abreise nach Regensburg zum Besuch des sächsischen 
Königspaares am 1. April zur Annahme des russischen Vorschlages 
überredet haben. Denn es findet sich der Entwurf eines Antwort- 
schreibens an Rechberg vom 1. April, in dem die Absendung eines 
Unterhändlers nach Hof mit dem Wunsche des Monarchen moti- 
viert wird, Volkserhebungen in Süddeutschland zu verhindern und 
Proklamationen wie die gegen den König von Sachsen verbreiteten 
aus seinen Staaten fern zu halten. So lange freilich auf russischer 
Seite keine bestimmte Persönlichkeit genannt war, an die man sich 
wenden sollte , konnte dem Ansinnen nicht direkt entsprochen 
werden. Als Grundlage für die Verhandlungen waren die schon 
von Rechberg geforderten Garantien in Aussicht genommen; als 
Gegenleistung war, ohne das Wort selbst zu nennen, zweifellos 
beabsichtigt, Neutralität anzubieten. Denn wie sollte man in diesem 
Zusammenhang den Befehl des Königs sonst auffassen, „daß er in 
keinem Fall sich gegen Frankreich erklären oder offensiv vorgehen 
werde," und seinen unabänderlichen Entschluß, von dem er sich 
nie entfernen werde und der ihm absolut persönlich eigne. Hier 
sieht man die Kluft zwischen dem Monarchen und dem Minister, 
die erst im Herbst sich wieder geschlossen hat. Max Josef will 
seinem Volk den Frieden verschaffen, den es brauchte; aber er 
sieht nicht ein, daß er sich dazu von Napoleon trennen muß; sein 
Minister will, um sein Werk, das moderne Bayern, zu retten, die 
Garantien, die ihm bisher nur Frankreich bot, von den anderen 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 281 

Mächten und dafür bietet er Neutralität, innerlich doch wohl schon 
jetzt klar darüber, daß sie nicht stand halten wird, wenn auch 
die äußere Lage Bayerns weiteres noch nicht gestattet. 

Da die Depesche zu ihrer Expedition noch die Genehmigung 
des Königs bedurfte, blieb sie bis zu seiner Rückkehr von Regens- 
burg liegen. Montgelas aber benutzte die folgenden Tage, eine 
Klärung des Verhältnisses zu Preußen herbeizuführen l ). Bis zum 
4. April scheiterten jedoch alle Gespräche mit Jouffroy an der 
Tatsache, daß dieser eine amtliche Versicherang, Bayern den 
Bestand eines unabhängigen Staates zu lassen , nicht abgeben 
konnte. Daß das der Kernpunkt für den bayerischen Minister sei, 
hatte der Preuße schon vor der resignierten Bemerkung des Grafen: 
„Wenn man groß gewesen ist, will man nicht gern wieder klein 
werden" richtig erkannt; nur darin täuschte er sich, daß er von 
einer solchen Zusicherung die aktive Teilnahme Bayerns an dem 
Befreiungskampf mit 40000 Mann, die Sprengung des Rheinbundes, 
die Erhebung ganz Siiddeutschlands erwartete. Auch daß seine 
Frage, was Bayern erwarte, wenn den Verbündeten große Erfolge 
gelängen, ihre Wirkung verfehlte, kann uns nicht wunder nehmen ; 
die „Verlegenheit" des Grafen hatte einen ganz anderen Grund 
als Jouffroy glaubte; Montgelas dachte eben an die jüngsten russi- 
schen Eröffnungen, wenn er erwiderte: „Dann würden wir auf die 
Weisheit und die Mäßigung der Sieger rechnen, die stets, wie 
Rußland namentlich, laut ausgesprochen haben, welches Interesse 
sie an der Erhaltung Bayerns nehmen". Am 5. April erhielt 
Jouffroy den Erlaß Hardenbergs vom 31. März. Beigeschlossen 
war die Proklamation Kutusows, die die deutschen Fürsten für 
ihre Abtrünnigkeit von der deutschen Sache mit der verdienten 
Vernichtung durch die Kraft der öffentlichen Meinung und durch 
die Macht der gerechten Waffen bedrohte. Montgelas, dem der Auf- 
ruf noch an demselben Tag überreicht wurde, fürchtete einen ähn- 
lichen Erlaß an die fränkische Bevölkerung. Gleichwohl hat er am 
folgenden Tag die Abreise Hertlings von Breslau bedauert und 
den preußischen Geschäftsträger eingeladen , sich zu längerem 
Aufenthalt zu rüsten. Die amtlichen Zusicherungen, die er aus 
dem Munde Jouffroys nunmehr vernehmen durfte, bereiteten ihm 
die freudigste Überraschung, und beide Staatsmänner waren in 
der Betrachtung der Lage Bayerns völlig einig. Auch Jouffroy 
gab zu, daß bei der Umzingelung des Landes durch die italienischen 
Truppen das geringste Zeichen einer Sinnesänderung zur Aufhebung 



1) Zum Folgenden Oncken I, 337 ff. Doeberl 364 ff. Dazu Pol. Archiv IG. 



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282 Theodor Bitterauf 

des Königs führen müsse. Bayern könne der guten Sache nur 
vorarbeiten, wenn es sich allen Forderungen Frankreichs versage 
und insgeheim für eine tätige Mitwirkung die Mittel vorbereite, 
die es den verbündeten Heeren zuführt, sobald diese in der Nähe 
sind. Das Gespräch wurde durch das Erscheinen eines Adjutanten 
unterbrochen, der dem Minister meldete, der König sei eben aus 
Regensburg zurückgekehrt und wünsche ihn zu sehen. Montgelas 
hatte die erhaltenen Zusagen als im Wunsche seines Herren ge- 
legen, als geeignet bezeichnet, alle seine Sorgen zu zerstreuen; 
aber auf das Drängen des Geschäftsträgers wußte er keinen änderen 
Bescheid als : Sagen Sie, daß wir nicht bereit und außer Stande 
sind, das allermindeste zu tun. Trotzdem hat ihn Jouffroy wohl 
richtig verstanden, wenn er von Bayern ein geheimes Versprechen 
späteren Übertrittes zu den Verbündeten zu erlangen hoffte, und 
darum hat er die bis heute umstrittene Note vom 7. April verfaßt. 
Sie beginnt im Stile des Kalischer Aufrufes mit dem Abschluß des 
russisch-preußischen Bündnisses, als dessen Zweck die Unabhängig- 
keit Deutschlands und die Befreiung von der Fremdherrschaft an- 
gegeben wird; daran schließt sich in derselben Tonart der „erste" 
"Wunsch der verbündeten Monarchen, „die Fürsten der schönen 
Sache zuzuführen, die die Gewalt der Umstände bisher in einem 
System festgehalten hat, das ihrer Würde gleich entgegen ist wie 
den teuersten Interessen ihrer Völker". Die spezielle Nutz- 
anwendung dieser allgemeineren Grundsätze auf Bayern nimmt 
eigens auf die vorangehende Unterredung mit dem Minister bezug : 
Wenn Max Josef endlich die Partei Frankreichs verlasse, um sich 
mit den Verteidigern der guten Sache zu vereinigen, heißt es da, 
werde der König von Preußen auf keine Maßregel eingehen, die 
die Abtrennung einer der gegenwärtigen bayerischen Provinzen 
zum Ziele habe. Da aber noch keine bestimmte Zusage der baye- 
rischen Regierung erfolgt war, da die preußische Armee sich 
Franken näherte und keine Zeit mehr zum Zögern war, bestand 
der Minister auftragsgemäß auf einer schleunigen und genauen 
Erklärung über die Gesinnungen des Königs. Man hat nun ge- 
meint, Jouffroy sei damit in Widerspruch mit sich ßelbst geraten; 
mündlich habe er Neutralität, schriftlich in seiner Note bewaffneten 
Anschluß an die Verbündeten gefordert. Der Diplomat selbst hat 
noch später seine Note nur als eine Einladung zur Neutralität 
betrachtet wissen wollen; und in der Tat, wenn er es hier als 
unvermeidlich für den Augenblick und für die folgenden militäri- 
schen Operationen bezeichnet hatte, zu wissen, ob sein Herr Bayern 
als Feind zu behandeln habe oder auf einen baldigen System- 



1 Original ftom 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 283 

Wechsel hoffen dürfe, war diese Sprache für den, der sie verstehen 
wollte, deutlich genug. Auch in der mündlichen Unterredung ist 
das Wort Neutralität nicht gefallen; es war sorgfältig umschrieben 
worden. Um wie viel mehr mußte der Beamte in einem offiziellen 
Aktenstück vorsichtig sein, da er von seiner Regierung nur den 
Auftrag hatte, die Vereinigung mit den Verbündeten zu erzielen. 
Eben darum bat er um eine erneute Konferenz mit Montgelas, das 
Ziel der Note in einer für beide Teile befriedigenden Weise — 
durch das Anerbieten der Neutralität — zu erreichen. Auch von 
einer Überschreitung seiner Instruktion kann nicht die Rede sein ; 
Montgelas selbst glaubte nicht daran, und ein späterer Erlaß 
Hardenbergs billigt ausdrücklich das Verhalten des Geschäfts- 
trägers. Die Weisung vom 31. hatte es dem Gutachten des Unter- 
händlers überlassen, den darin enthaltenen Andeutungen alles hinzu- 
zufügen, was er für geeignet halte; man wußte damals im preußi- 
schen Hauptquartier wohl kaum, daß Bayern durch die italienischen 
Truppen am freien Entschlüsse gehemmt sei, und diesen Umständen 
wollte Jouffroy Rechnung tragen. 

Gleichwohl hat seine Note beim König, als sie ihm am 8. April 
überreicht wurde, den übelsten Eindruck hervorgerufen, wegen 
der Form, in die sie gekleidet war; er beschwerte sich bei der 
Königin über das Ungestüm des Verfassers, der ihm durchaus die 
Hände binden wolle. Gewiß hat man Jouffroy Unrecht getan, 
wenn man seinen Namen in Verbindung brachte mit dem Aufruf 
der bayerischen Offiziere, die in Königsberg in die deutsche Legion 
eingetreten waren oder ihm gar Beziehungen zu Tirol angedichtet 
hat. Schwerer als die wegwerfenden Worte des Ministers zu Mercy 
nach dem Abbruch der Verhandlungen, er habe in seinem Leben 
keinen größeren Narren gesehen als diesen Menschen, wiegt schon 
seine Klage über die weder der Zeit noch den Umständen ange- 
messenen Alternativanträge und über die zu große Lebhaftigkeit 
der Personen, durch die sie gemacht würden. Mercy versichert, 
Jouffroy habe in München die unschicklichsten Reden geführt und 
sich wie ein Schulbube benommen, und eine unverdächtige Zeugin 
iet gewiß die Gattin des früheren preußischen Gesandten, Frau 
Gräfin Goltz, die am 18. April ihrem Gemahl unter Belegen für 
ihre Meinung versichert: „Nein, der paßt einmal nicht in die diplo- 
matische Karriere; davon hat er hier während seines kurzen Auf- 
enthalts mehrere Proben gegeben* 2 ). Freilich im Grunde ist Jouffroy 

1) Bericht Mercys v. 13. April, Pariser Archiv. 

2) Resultats de la surveillance de diverses correspondances 1813, Pol. Ar- 
chiv 16. 



| . Original from 



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284 Theodor Bitterauf 

doch nur die Pace gegangen, die ihm durch den Kalischer Aufruf 
vorgezeichnet war, und dieser hat wie überall so auch in München 
seine Wirkung gänzlich verfehlt. „Man hat Ströme von Blut ver- 
gossen", heißt es in einer Weisung an Rechberg aus diesen Tagen, 
„um den Jakobinismus zu zerstören, und am Ende von 20 Jahren 
kommt man auf die nämlichen Formeln zurück". Die Revolution 
zu verhüten, hatte der König in Napoleons Forderung gewilligt, 
Truppen nach Franken zu senden; aus demselben Grund hatte er 
sich bereit erklärt, durch einen Unterhändler in Hof die russi- 
schen Vorschläge entgegenzunehmen. War aber die Sprache 
Kutusows die Sprache der russischen Regierung, dann hatte es 
keinen Sinn mehr, auf sie zu hören. Und noch eines kam hinzu. 
Senfft hatte von Bayerns Könige in Regensburg ganz richtige 
Eindrücke empfangen, wenn er schreibt, der freimütige Tadel des 
Fürsten gegen das französische Kabinett, sein gewohntes Mißtrauen 
gegen Österreich, seine hohe Vorstellung von den Mitteln Napoleons 
habe seinen politischen Äußerungen das Gepräge der Inkonsequenz 
gegeben; er sei noch ganz mit dem französischen System verknüpft 
gewesen *). Jetzt klagte er über die preußischen Vorschläge seiner 
Gemahlin: „Wie kann man verlangen, daß ich mich erkläre? Ich 
wäre verloren, wenn das geringste davon bekannt würde. Und 
wie kann man im Übrigen auf irgend welche Erfolge rechnen 
gegen so gewaltige Waffenrüstungen seitens Frankreichs? Und 
der Note an Rechberg wegen der Sendung nach Hof hat er am 
9. April seine Genehmigung versagt. „Vier französische Divisionen 
in Bayern, der Marschall Ney an der Grenze, Rechberg bei der 
Armee und umgeben von französischen Spionen" hat er daneben 
geschrieben. Seine Meinung ging jetzt vielmehr dahin, es sei 
schicklicher sich nicht in Verhandlungen dieser Art einzulassen 
und lieber die Wirkung der Sendung des Fürsten Schwarzenberg 
nach Paris und die Entfaltung der Pläne Österreichs abzuwarten. 
Rechberg möge das dem Emissär begreiflich machen in der Form, 
die er für angemessen halte. Damit ist die erste Hand, die 
Bayern von den Franzosen herüberziehen wollte zar Sache der 
Befreiung, zurückgestoßen worden, zurückgestoßen durch die Ini- 
tiative des Königs. Daß sein Minister andrer Meinung war, be- 
weist eine Äußerlichkeit; wenn er die Befehle des Königs gegen 
seinen Willen zur Ausführung bringen mußte, setzte er sie in 
Anführungszeichen. Zum erstenmal vielleicht mochte der Minister 
bedauern, daß nicht sein alter Gegner Ludwig auf dem Throne 



1) Mdmoircs du comte de Senfft 212. 



i . Original ftom 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 285 

saß. Der hatte ihm am 6. April geschrieben: „Es gibt nur ein 
Mittel, bei der gegenwärtigen Lage der Dinge, das ist Neutralität 
während der Fortdauer dieses Krieges . . . Wir stehen am Rande 
des Abgrunds, Sie können uns noch retten, aber jeder Tag, der 
nicht den Russen die Kunde bringt, daß wir neutral bleiben, kann 
uns verderben". 

Und um wenigstens nach der andren Seite hin zu retten, was 
hier aus Laune und Schwäche zwecklos preisgegeben war, ver- 
tröstete er am 10. April (wohl in der Frühe) Jouffroy wegen der 
Antwort auf seine Note vom 7., der König habe ihm noch keine 
Befehle darüber gegeben. An demselben Tag übergab Mercy den 
Moniteur vom 5. April mit dem Berichte Bassanos über den Abfall 
Preußens *). In einer Note war die sofortige Rückberufung aller 
politischen oder andren Agenten Bayerns aus Preußen, die Ent- 
lassung der preußischen in Bayern gefordert. In einem Billet 
an den Minister bezeichnete es der Franzose noch überdies als 
schicklich, daß JoufFroy am Abend bei den Majestäten nicht mehr 
im Schauspiel erscheinen dürfe. Er hatte gegen den Preußen 
Verdacht geschöpft, daß er mündliche Erklärungen gemacht habe, 
und darum bestand er wohl auf so eiliger Ausführung des ihm 
gewordenen Auftrages. Nun war für Montgelas guter Rat teuer. 
Wäre man mit JoufFroy näher gestanden, so hätte man ihn er- 
suchen können, nicht zu erscheinen, oder sich zurückzuhalten und 
Reden und Gebärden zu meiden, die ohne im Interesse des Dienstes 
gelegen zu sein, nur zwecklos die Aufmerksamkeit auf ihn lenken 
mußten; aber es gab niemand, der ihm das hätte beibringen 
können. So konnte man ihm nur erklären, daß seine Mission 
beendigt sei, woraus das übrige folgte. Oder aber man mußte 
den Hebel bei Mercy einsetzen, die Erklärung sei für den Augen- 
blick unmöglich und es solle keine weiteren Folgen haben, wenn 
der Geschäftsträger an diesem Abend zum letzten Mal im Theater 
erscheine. Bei dem Mißtrauen des Franzosen gegen den preußi- 
schen Unterhändler war aber auch das ein kitzliges Unterfangen, 
und der Minister meinte, eine solche Eröffnung könne nur vom 
Könige selbst ausgehen. Mit dem Stuttgarter Hof, dem man sich 
gerade genähert hatte, konnte man sich aus Zeitmangel über diese 
Frage nicht mehr beraten ; man wußte nur, König Friedrich sprach 
nicht mehr mit dem preußischen Minister an seinem Hof. 

Von diesen Vorschlägen des Grafen fand keiner Gnade vor 



1) Auch das Material zum Folgenden ist in dem schon von Doeberl benutzten 
Akt Pol. Archiv 16 (= K. grün 84/16) enthalten. 



Original from 



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286 Theodor Bitterauf 

den Augen Max Josefs. Er hielt es für natürlicher, dem Geschäfts- 
träger sofort seine Pässe zuzustellen mit der Erklärung, da die 
Ankunft Hertlings in Wien gemeldet worden sei, bestünden keine 
Beziehungen mehr zwischen den beiden Höfen '). Montgelas hat 
in der Note vom 10., die Jouffroy am nächsten Tag zugestellt 
wurde, eine bessere Motivierung mit einer milderen Form zu ver- 
binden gewußt. Der König habe erfahren, daß ein preußisches 
Korps sich feindlich den Grenzen nähere, er sei gleichzeitig unter- 
richtet worden, daß die Feindseligkeiten zwischen Frankreich und 
seinen Aliierten und Preußen begonnen haben; bei dieser Ordnung 
der Dinge und in dieser Lage der Geschäfte glaube er, die Mis- 
sion als beendet betrachten zu können. Jouffroy war nach dieser 
Mitteilung wie aus den Wolken gefallen; nach allem, was der 
Minister selbst ihm früher gesagt hatte, konnte er auf jede andere 
Erklärung eher gefaßt sein, und er vermutete daher in dieser 
Entscheidung sofort einen fremden Einfluß. Nach den diplomati- 
schen Gewohnheiten war es nichts besonderes, wenn er gleich am 
11. April Montgelas noch um die Erlaubnis bat, ihm Adieu sagen 
zu dürfen und um seine guten Dienste, daß er auch noch bei dem 
König und der Königin empfangen werde. Unziemlich mag man 
höchstens seinen Wunsch finden,, daß es der König eines Tages 
nicht bereuen möge, mit einer Macht gebrochen zu haben, die ihm 
ihre schützende Hand entgegenstreckte. Da er zwei Tage ohne 
Antwort blieb und dieses Schweigen ihm die unweigerliche Ab- 
sicht, mit Preußen zu brechen offenbarte, erbat er am 13. April 
seine Pässe zur Reise über Regensburg nach Österreich; aber 
gleichzeitig bemerkte er dem Minister schriftlich, seine Note vom 
7. sollte nur Neutralität fordern. Montgelas konnte sich nicht 
mehr in eine Diskussion über Einzelheiten mit ihm einlassen, ohne 
die Befehle seines Fürsten zu übertreten; aber als Privatmann 
erlaubte er sich in seiner Antwort vom 16. die Bemerkung, es sei 
schwer gewesen, bei der Lektüre jenes Aktenstückes zu vermuten, 
es handle sich um Neutralität. Ein Brief von Hardenberg be- 
stärkte den Gesandten in seinem Wunsche, den Grafen noch ein- 
mal zu sprechen. Zweifellos hielt er jenen Erlaß in Händen 2 ), 

1) D'aprfea la demande de Mr. Mercy il me parait naturel de faire expedier 
sur le champ les passeports a Mr. Jouffroy, en lui disant, que la noavelle e*tant 
venue de l'arrivee de Hertling a Vienne, les rapports entre les deux cours n'exi- 
stoient plus. 10 A. 1813. Max Jos. (Eigenhändig mit Bleistift.) 

2) Jouffroy an Montgelas 16. April. Onckeu 1 345. Der „Avr. 1813" da- 
tierte Erlaß stellt sich nach seinem Inhalt als Antwort auf die ebenda S. 338 
erwähnte Depesche des Geschäftsträgers dar. Vgl. Doeherl 367 Anm. 2. Das 
M. St. hat Abschrift eines andern Erlasses an Jouffroy d. D. Breslau 9. April. 



. I , Original ftom 

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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 287 

der unter Mitteilung eines Briefes von Nesselrode zum Beweise 
des Wohlwollens des Zaren die Integrität des Königsreichs oder 
geeignete Entschädigungen für allenfalls notwendige Rückabtre- 
tungen verhieß. Auch wenn der König „seine Streitkräfte mit 
den unsrigen nicht eher sollte vereinigen können, als bis er freiere 
Bewegung hat", heißt es da, „müßten sie wenigstens aufhören uns 
zu bekämpfen, und der Zeitpunkt ihres Anschlusses an die ver- 
bündeten Heere müßte bestimmt werden". Es war also eine 
Herabminderung der früheren Forderungen, die unter anderen 
Umständen wohl hätten zum Ziele führen können. Montgelas 
fühlte die Wichtigkeit des Augenblickes und holte aufs neue die 
Befehle seines Königs ein. Aber dieser bestand auf seinem Willen, 
dem Unterhändler die Pässe zu schicken, ohne ihn einer weiteren 
Antwort zu würdigen *). Am Abend des 16. verließ er die bayeri- 
sche Hauptstadt, nicht ohne noch einmal unter Bezugnahme auf 
ßeine Instruktion sein Verhalten gerechtfertigt cu haben. Er ver- 
sprach zum Schluß, die Erklärung des Königs als eine Folge der 
Lage des Landes hinzustellen, die noch nicht offen zu handeln 
erlaubte. 

So war die preußische Unterhandlung vollständig gescheitert. 
Aber die Schuld lag nicht an dem Grafen Otto oder an dem Frei- 
herrn von Cetto, in denen Jouffroy die Zerstörer seines Werkes 
gesehen hatte. Der eine hatte ja die vorsichtige Zurückhaltung 
Bayerns ausdrücklich gebilligt, der andere ging allerdings nicht 
so weit wie Karl de Gimbernat, der in einem Brief an den König 
den Abfall Friedrich Wilhelms als sein Testament bezeichnete, 
aber Napoleon hatte ihm gegenüber von diesem Ereignis als einem 
willkommenen gesprochen. Doch hatte der bayerische Gesandte 
schon in einer früheren Depesche darauf hingewiesen, die neue 
Armee sei mit der alten nicht zu vergleichen, und diese Bemer- 
kungen hatten ihren Eindruck in München nicht verfehlt. Ebenso- 
wenig wußte man in den kritischen Tagen am bayerischen Hofe 
von einem angeblichen Siege Morands; vorläufig unkontrollierbare 
Privatbriefe aus Kassel sprachen sogar von seiner Niederlage, von 
der Besetzung der westphälischen Hauptstadt durch den Feind 2 ). 
Der wahre Grund für den unerfreulichen Ausgang der Mission lag 
in dem verhängnisvollen Diensteifer, mit dem der bayerische 



1) II faut lui envoyer ses passeports et la reponse que j'ai approuvec ce 
matin et sans lui faire d'autre re'ponse. Max Joseph. (Eigenhändig.) 

2) Gimbernat an d. König 3. April. Cettos Bericht vom gleichen Tag (zum 
Teil bei Doeberl 413) und vom 8. März. Über Morand Oncken 347. Doeberl 3G5. 
Erlaß an Rechberg vom 11. April. 



i Original From 



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288 Theodor Bitterauf 

Herrscher anf Mercys Geheiß die Rolle des französischen Prä- 
fekten spielte. Es war ein jäher Brach mit seiner eigenen Ver- 
gangenheit, mit den guten alten Zweibriickenschen Traditionen, 
der Bayern dauernd um die Garantie seiner fränkischen Provinzen 
von Seite Preußens gebracht hat und in seinen Folgen erst im 
Jahre 1866 überwunden worden ist. 

Nicht so tragisch hat man das Scheitern der Verhandlungen 
mit Bayern in der Umgebung des Zaren betrachtet. Ein Unbe- 
kannter, der vorgab dem König Dank schuldig zu sein, der im 
besten Einvernehmen mit dem Minister Stein als Mitglied der 
Kommission zur Verwaltung der deutschen Angelegenheiten, so 
viel an ihm lag, gute Grundsätze geltend zu machen versprach, 
hat am 12. April aus Dresden eine anonyme Note an Montgelas 
gerichtet, die nach dem Zeugnis des Ministers nicht ohne Einfluß 
auf die bayerische Politik der Folgezeit geblieben ist. Es ist 
wohl Gagern, dem man die Nachricht verdankte, man wolle Öster- 
reich in Absicht auf Bayern nicht vorgreifen, und wenn man mit 
dem Wiener Hof zu München einverstanden sei, so möge es gut sein. 
Wäre das aber nicht, so sehe er doch noch Raum, hier in Dresden 
zu traktieren. Der Chevalier de Bray werde perhorresziert, aber 
wenn man jemand aus der Königlichen Staatskanzlei an ihn sende, 
so könne er als sein Privatsekretär gelten '). Es ist verständlich, 
daß man in München den letzteren Weg nicht betreten hat. Auch 
den weiteren Vorstellungen Stackeibergs schenkte man kein Gehör. 
Er hatte am 24. April Weisung vom 18. erhalten zu Verhandlungen 
mit Rechberg im* Namen Rußlands und Preußens, aber auf der 
vierten Seite waren sie wieder zurückgenommen auf die Kunde 
von der Entfernung des preußischen Geschäftsträgers. Es ist 
wahr, Metternich hat Euer Verhalten gerechtfertigt, erzählte der 
Baron dem bayerischen Gesandten am folgenden Tage; aber alles 
hängt davon ab, ob Ihr Euch Eure Truppen in Bayreuth habt 
entführen lassen oder ob Ihr festgeblieben seid 2 ). Er sprach 
dann von den allgemeinen Verhältnissen, von der Notwendigkeit, 
Österreichs Grenzen wiederherzustellen; aber Bayern müsse Kom- 
pensationen erhalten, die Markgrafschaften bedürften eine not- 
wendige Abrundung, Würzburg. „Preußen und Österreich sind 
unsere Avantgarde, Sachsen und Bayern müssen die ihrige sein. 

1) Pol. Archiv 16. Montgelas, Denkwürdigkeiten 278. S. Gagern, mein Anteü 
an der Politik IV, 16 ff. 22. 

2) Am 23. April verfügte Max Joseph, das Korps Raglovich solle dem An- 
sinnen Napoleons (Cor. de Nap. 25, 206) entsprechend dem General Bertrand 
unterstellt werden. 



Original ftom 



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Bayern und Preußen im Frühjahr 1813 289 

Alle beide müssen stark und in sich geschlossen sein. Wir hätten 
nichts ausgerichtet ohne das Gleichgewicht widerherzustellen nnd 
Ihr werdet bei der Berechnung dieses Gleichgewichts eine Stelle 
finden *). So gerne man in München die Garantie des Besitz- 
standes und die Bereitwilligkeit, die Tauschobjekte im Einver- 
nehmen mit den Beteiligten zu fixieren vernahm, so wußte man 
doch nicht, ob Stackeiberg einfache Neutralität oder aktive Mit- 
wirkung im Auge hatte. Man entnahm seiner Insinuation ferner, 
daß die Verbündeten nur passiv intervenieren würden in den Arran- 
gements, die von anderen Staaten direkt mit Österreich getroffen 
würden, und schloß daraus mit Recht, daß schon lange geheime 
Verbindungen zwischen dem Wiener Hof und der Koalition be- 
stehen müßten 2 ). So war auch diesmal das Ergebnis der rassischen 
Vorstellungen, daß man sich nur um so energischer an Osterreich 
hielt, wie ja schon Gagerns Note nahegelegt hatte. Auch der 
Kronprinz hat sich nachher dafür ausgesprochen, direkt mit Met- 
ternich und nicht mit Stackeiberg zu verhandeln. Das hatte frei- 
lich, wie die Folgezeit lehren sollte, den Nachteil, daß man in eine 
gewisse Abhängigkeit von dem Wiener Hofe geriet; was hätte 
Bayern anfangen sollen, wenn man ihm dort kein Gehör geschenkt 
hätte? Aber, wie die Dinge lagen, war kein anderer Ausweg 
mehr möglich. 



1) Ber. Rechbergs v. 25. April. 

2) Ileige], a. a. 0. 390. 



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( . Original ftom 



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Ferdinand Rose (1815—1859), 

ein vergessener politischer Philosoph und Vorkämpfer des 
Völkerbundgedankens 

(Ein Beitrag zur Geschichte des politischen Denkens) 

Von 

Rudolf Reuter 

„Neu ist, was eine Zeit lang 
vergessen war". Machiavelli. 

In der Entwicklung des politischen Denkens spielt die Vor- 
stellung vom ewigen Frieden, vom Ideal-Reich und vom Völker- 
bund eine bedeutsame Rolle l ). Der Traum vom goldenen Zeitalter 
des dritten Reiches, dem ein ewiger Friede lacht, von der Verei- 
nigung aller Völker und Nationen unter einem milden Szepter ist 
so alt wie sein Widerspiel, die unerbittliche Wirklichkeit des 
Haders und blutigen Zwistes. Die Phantasie der Dichter aller 
Zonen und Zeiten malte jenen erhofften Zukunftszustand in allen 
Farben aus 2 ), aber auch die Denker und Staatsmänner beschäf- 
tigten sich mit ihm. Im allgemeinen handelte es sich hierbei um 
Pläne, die von egoistisch-dynastischen Voraussetzungen ausgingen 
und den ewigen Frieden dadurch herbeiführen wollten, daß alle 
Völker sich einer politischen Macht als Vormacht beugten. Der 
Gedanke des allgemeinen ewigen Friedens auf Erden und damit 
verbunden der Plan eines Bundes aller Völker ist zunächst eng 
mit der jedesmaligen Politik verknüpft, so in Dantes Plan einer 
Universalmonarchie, an deren Spitze der deutsche Kaiser römischer 
Nation stehen sollte, oder 300 Jahre später in dem Plan einer 

1) Vgl. hierzu Albert Goedeckemeyer, Die Idee vom ewigen Frieden, 
Lpz. 1920; Eduard Spranger, Völkerbund u. Rechtsgedanke, Lpz. 1919; Karl 
Heyer, Der Völkerbund, in Hochland XVI. (1918/19) S. 287—294); HansPrutz, 
Die Friedensidee, ihr Ursprung, anfänglicher Sinn und allmählicher Wandel, München 
u. Leipzig 1917; eine Übersicht über die große Völkerbundliteratur bietet Hans 
Wehberg, Führer durch die Völkerbundliteratur, München 1920. 

2) C. F. W. Behl, Pazifismus u. Dichtung. Lit. Echo 31. Jahrg. (1918/19) 
Sp. 1287—1293, Th. Ziehen, Der Krieg und die Gedanken der Philosophen und 
Dichter vom ewigen Frieden. Lpz. 1916. 



1 Original from 



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Ferdinand Rose 291 

christlichen Republik und eines allgemeinen Friedens für Europa, 
den Heinrich IV. von Frankreich um 1606 von seinem Minister, 
dem Herzog von Sully, ausarbeiten ließ 1 ). Einen kraß egoistisch- 
politischen Charakter trägt auch etwa 100 Jahre später das Werk 
des Abb6 Charles-Ir(5n£e Castel de St. Pierre, das den Titel trägt : 
„Projet de traitö pour rendre la paix perp^tuelle entre les souve- 

rains chr^tiens " und 1713 — 1717 in Utrecht erschien 2 ). 

Das philosophische Denken bemächtigte sich erst viel 
später des Problems und zwar zunächst in negativer Form, Leibniz 
z. ß. verhielt sich durchaus ablehnend gegen die Schrift des Abbe 
de St.-Pierre, und in Spinozas politischem Traktat ist von dem 
ewigen Frieden keine Rede; der Krieg wird darin als etwas Natur- 
notwendiges, Unabänderliches hingenommen. Im Jahre 1784 hat 
Kant in seinem Aufsatz „Idee zu einer allgemeinen Geschichte 
in weltbürgerlicher Absicht" zum ersten Male von einem im Laufe 
der Geschichte mit Notwendigkeit kommenden Völkerbund ge- 
sprochen. Im Jahre 1795 übergab er dann die Abhandlung „Zum 
ewigen Frieden" der Öffentlichkeit und rückte dadurch die Frage 
in das helle Licht der philosophischen Spekulation 8 ). Im Gedanken- 
system Kants bedeutet diese Schrift die Ausdehnung und Anwen- 
dung der Grundsätze der Kritik der praktischen Vernunft auf die 
große Politik, auf die gesamte Menschheitsentwicklung. „Die Idee 
des ewigen Friedens", so sagt Kant, „kann, obgleich nur sehr von 
weitem, selbst beförderlich werden, ihn herbeizuführen", sie ist 
also für die praktische Vernunft ein unbedingt zu setzendes Postulat, 
ein regulatives Prinzip oder mit anderen Worten : die Idee des 

1) Th. Ziehen a.a.O. S. 62f., Tony Kellen, Der dauernde Frieden. (Aus 
d. Gesch. d. Friedensbestrebungen.) Frankf. zeitgemäße Broschüren XXXVIII (1919), 
Hamm i. W. S. 253— 2G4 (populäre Darstellung). In diese Kategorie gehört auch 
die Proklamierung des Weltfriedens durch Franz I. nach dem siegreichen Feldzug 
gegen die Schweizer i. J. 1516, von dem ein Brief des Erasmus v. Rotterdam 
handelt. (Hochland XVI. 1018/19 S. 211.) 

2) Ziehen a. a. 0. S. 63/64, K eil en a. a. 0. S. 253—264, Friedrich v. 
Oppeln-Bronikowski , Der Traktat vom ewigen Frieden von 1713. (Ein ge- 
schichtlicher Beitrag zum Völkerbund.) Deutsche Revue, XLVI. Jahrg. (1921) 
S. 151—164. Auf Abbtf de St.-Pierre fußt auch Rousseau, der im wesentlichen 
nur referiert. Vgl.: Jean Jacques Rousseaus Schriften „Zum ewigen Frieden" 
ins Deutsche übertragen u. m. einer Einleitung über die Bedeutung des Abbd de 
Saint-Pierre u. Rousseaus für die Friedensbewegung herausgegeben von Botho 
Laser st ein. Mit Vorwort von Prof. Dr. Georg Friedr. Nicolai, Berlin 1920, 
außerdem R. Fester, Rousseau u. die deutsche Geschichtsphilosophie, Stutt- 
gart 1890. 

3) K. Vorländer, Kant und der Gedanke d. Völkerbundes, Lpz. 1919; 
Ziehen a.a.O. S. 70—80; Kellen a. a. 0. S. 265— Tit. 

19* 



i . Original from 



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292 Rudolf Reuter 

verwirklichten ewigen Friedens wird aufgestellt als Leitidee für 
die Annäherung an den ewigen Frieden. Äußerlich kleidet Kant 
seine Gedanken in die Form eines rein politischen FriedenBinstru- 
mentes, rein praktischer Vorschläge. Kants Nachfolger in der 
Behandlung des Friedensproblems gaben diese äußere Form, durch 
die Kant an die bisherige Art der Behandlung des Problems un- 
mittelbar anknüpfte, fgänzlich auf, ihre Erörterungen über das 
Ideal-Reich gehören innerlich und äußerlich der reinen Spekulation 
an x ) , was natürlich nicht ausschließt , daß sie auch für die prak- 
tische Politik große Bedeutung bekamen 2 ). Es würde zu weit 
führen, hier die Entwicklung des Gedankens vom Idealreich in 
der idealistischen Philosophie von Kant bis Hegel darzulegen. 
Eckart von Sydow bringt das Resultat dieser Entwicklung treffend 
auf die kurze Formel,: „Allen Theorien von Kant bis Hegel ist 
die Entwertung der Individuen gemeinsam" 3 ). 

Die unvermeidliche Antithese zu der dem praktischen Leben 
sich immer mehr entfremdenden idealistischen Spekulation war der 
positivistische Junghegelianismus eines Feuerbach und J. D. Strauß 
sowie der naturwissenschaftliche Materialismus der BOer Jahre. 

Eine bewußte, schöpferische und auch das Problem des Ideal- 
reiches des Völkerbundes fördernde Synthese der gesamten vorher- 
gegangenen Philosophie kann man die Individualitätsphilo- 
sophie 4 ) nennen, deren Begründer und Hauptvertreter Ferdinand 
Rose aus Lübeck ist. Er war dort am 27. Sept. 1815 als Sohn 
eines Kornmaklers geboren worden 5 ). Zuerst sollte er Buchhändler 



1) Vgl. Eckart von Sydow, Der Gedanke des Ideal-Reichs in der idea- 
üatischen Philosophie von Kant bis Hegel. Lpz. 1914. 

2) Herrn. Heller, Hegel und der nationale Staatsgedanke in Deutschland." 
Ein Beitrag zur politischen Geistesgeschichte. Lpz. 1921. Heller überschätzt 
Hegels Einfluß, die Bedeutung der Romantik tritt dafür zurück. 

3) Eckart von Sydow, a. a. 0. S. 117. 

4) Außer Rose ist für diese Richtung nur noch sein Schüler und Freund 
Emanuel Schärer (1818 — 1898) zu nennen; er veröffentlichte: 1) Über den Stand- 
punkt und die Aufgabe der Philosophie in unserer Zeit (Habilitationsrede). Zürich, 
1846; 2) Beiträge zur Erkenntnis des Wesens der Philosophie, Zürich, 1846. 
3) John Locke, s. Verstandestheorie u. s. Lehren über Religion, Staat und Er- 
ziehung, psychologisch-historisch dargestellt. Leipzig 1860. 

5) Als Quellen für seine Lebensgeschichte kommen in Betracht: 

a) Em. Seh ärer, Job. Anton Ferdinand Rose aus Lübeck. Eine Lebens- 
skizze. Zeitschrift f. Philosophie u. philos. Kritik ; Neue Folge, Band 78 
(Heft 1), Halle, 1881. S. 34—70. Diese Skizze ist nur ein Auszug aus 
einer ausführlichen , nicht veröffentlichten Biographie Roses , die auf 
Geibel bei der Lektüre des Manuskripts einen „ergreifenden" Eindruck 
machte (Karl Litzmann, Em. Geibel, Berlin 1887. S. 77—79). 



| . Original from 



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Ferdinand Rose 293 

werden, kehrte jedoch schon nach kurzer Zeit diesem Berufe den 
Rücken, um zu studieren. Auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt 
schloß er mit Em. Geibel, den Brüdern Theodor und Tycho Mommsen, 
Carl C. T. Litzmann, Marcus Niebuhr, Georg und Ernst Curtius, 
W. Wattenbach, Theodor Storm und Heinrich Mantels Freundschaft ; 
besonders eng waren seine Beziehungen zu Geibel, der ihm na- 
mentlich in den letzten zehn Jahren seines Lebens in Krankheit 
und Not unermüdlich half. In diesem Freundeskreise nahm Rose 
eine hervorragende Stellung ein; er muß außerordentlich anregend 
gewesen sein; allerdings machte sich damals auch schon ein starkes 
Selbstgefühl und ein Mangel an Maß und Form bemerkbar, an dem 
er sein ganzes Leben litt. Seinen Altersgenossen war er in der 
Kenntnis der zeitgenössischen Philosophie und Literatur weit voraus. 
Nach Absolvierung des Gymnasiums studierte er 1836 — 1840 in 
Berlin, Basel und München Philosophie und Kunstgeschichte, hielt 
sich vorübergehend in Paris auf, war 1847 Privatdozent in Basel 
und 1848 — 1849 in Tübingen. Durch seine geradezu krankhafte 
wirtschaftliche Sorglosigkeit sowie sein Unvermögen, sich auch nur 
zeitweilig unterzuordnen, geriet er überall bald in Schwierigkeiten 
aller Art, die die Erreichung seines Ziels, ein öffentliches akade- 
misches Lehramt, immer wieder vereitelten. 

Nachdem er in Tübingen durch Schulden unmöglich geworden 
war, lebte er als Privatgelehrter und Volksschriftsteller kurze 
Zeit in Stuttgart, wo er als Redakteur der „Laterne" und der 
„Deutschen Volkswehr" eine angestrengte politische Tätigkeit ent- 
faltete, die ihm im April 1850 den polizeilichen Befehl eintrug, 
„binnen drei Tagen Land Württemberg zu meiden, weil er durch 
einen Leitartikel seines Blattes als Fremder die Achtung gegen 
die Landesgesetze verletzt habe ul ). Rose wandte sich, wohl ohne 
bestimmten Plan, rheinabwärts, erkrankte in Koblenz und mußte 
liegen bleiben. Auch nach der Genesung blieb er dort, siedelte 
im Frühling 1853 nach Kraft bei Andernach über, um, wie er 
dem stets getreuen Freund und Helfer Em. Geibel schrieb, „in 



b) Carl C. F. Litzmann, Em. Geibel. Aus Erinnerungen, Briefen und 
Tagebüchern. Berlin 1887, vor allem S. 77—101. Litzmann benutzte 
den Nachlaß Roses, der damals (1887) noch im Besitze Schärers in 
Bern war, sowie aus Geibels Nachlaß etwa 100 Briefe Roses an Geibel. 
Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, Roses Nachlaß wieder aufzufinden. 

c) Artikel von Schramm-Macdonald in d. A.D.B. XXIX. Bd. (1889) 
S. 186/187. 

d) Th. Storm, Einleitung zu den neuen Fiedelliedern. 
1) Litzmann a. a. O. S. 81. 



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294 Rudolf Reuter 

der Landluft Gesundheit und Frische der Seele und vor allem — 
Arbeitskraft wieder zu finden". Hier und in dem benachbarten 
Ochtendung verbrachte er als Privatgelehrter und Hauslehrer den 
Rest seines Lebens. Seit 1856 verschlimmerte sich sein Zustand 

— er litt an Lungentuberkulose und später noch an Wassersucht 

— immer mehr. Im folgenden Jahre raffte er sich zwar noch 
einmal auf, um sich in Zürich um einen Lehrstuhl für Philosophie 
zu bewerben, brach aber schon in Mainz völlig zusammen und 
mußte nach Kruft zurückkehren, wo er in Einsamkeit und Armut 
am 27. November 1859 starb, nachdem er am 27. September des- 
selben Jahres zum Katholizismus übergetreten war 1 ). 

Rose hat seine philosophischen Ansichten in mehreren Schriften 
niedergelegt, von denen gedruckt wurden: 

1) Über die Erkenntnisweise des Absoluten. Basel, 1841. 

2) Über die Kunst zu philosophieren. Habilitationsrede. 
Basel, 1847. 

3) Die Ideen von den göttlichen Dingen und unserer Zeit. 
Ankündigungsschrift des Systems d. Individualitätsphilo- 
sophie. Berlin, 1847. 

4) Eine Rezension von Friedrich Fischers „Metaphysik vom 
empirischen Standpunkte ans dargestellt" in den Göttiüger 
gelehrten Anzeigen, 1847, S. 1337—1364. 

5) Die Psychologie als Einleitung in die Individualitäts- 
philosophie. Göttingen, 1856. 

6) Die volkstümliche Darstellung seiner männlich -starken, 
positiv -christlichen Weltanschauung in den „Reden des 
Magister Wanst" im zweiten Buch der Volksgeschichte 
„Hans Fallinbrei's Jugend-, Lehr- und Wanderjahre", 
die zuerst 1845 in dem Volkskalender „Der deutsche 
Pilger durch die Welt« (S. 123-143) erschien und 1846 
in die „Schwanke und Geschichten für das deutsche 
Volk" aufgenommen wurde. 

Für Roses Stellung zur praktischen Politik ist außer- 
dem zu beachten die im Jahre 1848 geschriebene Geschichte des 
Jahres 1848, die unter dem Titel „Die deutsche Volksbewegung 
von Gottes Gnaden" 1849 in Stuttgart erschien, sowie die Briefe 
an Em. Schärer aus den Jahren 1848—1852 2 ). 

1) Herrn Pfarrer Riotte in Kruft bei Andernach bin ich zu großem Danke 
verpflichtet für die Übermittlung von Auszügen aus dem Sterbe- und Taufregister 
der Pfarrei Kruft sowie verschiedener Mitteilungen über Persönlichkeiten, mit 
denen Rose in Kruft und Ochtendung verkehrte. 

2) Von Em. Schärer veröffentlicht in der Augsb. Allgem. Ztg., 1873 Nr. 251 



Original from 
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Ferdinand Rose 295 

Außer diesen Werken hat der schaffensfrohe Mann eine Reihe 
von Büchern und Abhhandlungen begonnen oder vollendet, die 
aber weder veröffentlicht, noch bis jetzt trotz eifrigen Suchens 
nach dem Nachlaß als Manuskripte wieder aufgefunden wurden '). 

Die Individualitätsphilosophie Roses wollte die Philosophie 
dem praktischen Leben, das praktische Leben der Philosophie ver- 
söhnen. In diese synthetische Arbeit bezog Rose auch die alte 
Vorstellung eines Ideal-Reiches, eines am Ende der Menschheits- 
entwicklung stehenden Bundes aller Völker ein; dieser Ge- 
danke ist geradezu als Krone und Schlußstein des 
ganzen Systems zu bezeichnen. 

Daß Rose in seinem Leben der weit- und tiefwirkende Erfolg 
versagt blieb, liegt vor allem daran, daß er seine Gedanken in 
das Gewand der zur Zeit verlästerten Spekulation kleidete, dann 
aber auch an der Tatsache, daß er seiner Zeit geistig um mehrere 
Menschenalter voraus war. 

Der schon erwähnte Freund und Gesinnungsgenosse Roses 
Dr. Emanuel Schärer 2 ) hat im Jahre 1873 den Versuch gemacht, 
Roses Wirken der Vergessenheit zu entreißen. Aber auch damals 
fanden Roses Gedanken keine günstigere Aufnahme als 20 Jahre 
früher. Seitdem ist wieder ein halbes Jahrhundert verstrichen; 
das Werk Roses ist vollends in Vergessenheit geraten. Noch mehr 
als damals gilt heute, was Th. Storm ungefähr zur Zeit der 



u. 252 (8. u. 9. Sept.), ö. 3813/3814 u. 3831/3832 unter dem Titel: „Ein verges- 
sener politischer Philosoph". 

1) Unvollendet bzw. unveröffentlicht gebliebene Arbeiten: In Roses Nachlaß 
befanden sich nach Schärers Angabe (Zeitschr. f. Phil. u. philos. Kritik, 1861, S. 69) 
Hegels Standpunkt zur Philosophie und zu ihren Gegnern. Ein Friedcnsartikel. 
1838. — Die Prinzipienentwicklung der Geschichte der neueren Philosophie. Zwischen 
1838—1842. — Über Volkserziehung. Etwa 1840. — Über die Aufgabe aller Phi- 
losophie. 1843. — Encyklopaedie der Philosophie. Etwa 1846. — Denkschrift an 
die Philosophen-Versammlung in Gotha 1847. — Über das Wesen u. d. Organismus 
des Geistigen oder Personlichen 1848. — Gespräche eines Philosophen mit einem 
Menschen. 1859 — 59; es handelt sich bei diesem Werke um eine allgemein ver- 
ständliche Darstellung s. philos. Grundideen. Vgl. Litzmann, a. a. 0. S. 96. 

Von Rose, Schärer und Litzmann werden außerdem erwähnt : Psychologie 
der Menschheit. — Die anormalen Bewußtseins -Zustände der einzelnen und der 
Nationen 1856 (vgl. Litzmann, a. a. 0. S. 93). — Über den allgemeinen Ursprung 
des Bösen und des Übels sowie der vis inertiae in der Natur und im Menschen, 
1858 (vgl. Litzmann, a. a. 0. S. 96). — Der erste Band einer populären Weltge- 
schichte. Rose bezeichnet dieses Werk als „eine Anwendung seiner Ansicht von 
der göttlichen Erziehung des Menschengeschlechtes auf das historische Material, 
wie es in den besten modernen Werken vorliegt" (Litzmann a. a. 0. S. 83). 

2) Vgl. oben S. 292 Anm. 4. 



Original troro 



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296 Rudolf Reuter 

Schärerschen Bemühungen in der Einleitung zu den neuen Fiedel- 
liedern wehmütig ausrief: „Armer Magister Wanst! .... Wer 
kennt die gedruckten Bände Deiner „Individualitätsphilosophie", 
die nach Deiner Versicherang ihrem Jahrhundert vorausgeeilt war, 
und in welchem Krämerladen sind die nicht gedruckten, zum Teil 
bei strengem Winterfrost im angeheizten Zimmer ausgearbeiteten, 
übrigen Bände zu Dütcn umgewandelt worden?" Die letzten 
50 Jahre sind aber doch von großer Bedeutung für die Entwick- 
lung des politischen Denkens in Deutschland geworden. Heute, in 
den Tagen der tiefsten nationalen Not können wir nicht ohne Er- 
griffenheit uns immer wieder als einzigen Trost die Tatsache vor 
die Seele stellen, daß die deutschen Stämme und Völker zu einer 
innerlichen Einheit geworden sind, die keine Macht der Welt mehr 
aufheben kann, daß in der Tat mit stets wachsendem Bewußtsein 
an der Verwirklichung der Volksindividualität gearbeitet worden 
ist und wird. Rückwärtsblickend muß man aber wohl auch sagen, 
daß das Bewußtsein von dieser Einheit und den daraus folgenden 
Verpflichtungen der einzelnen Glieder nicht überall stets lebendig 
war, daß uns bei der Verwirklichung unserer Volksindividualität 
oft die Klarheit über das Ziel fehlte, daß Sonderinteressen für 
Gesamtinteressen gehalten wurden, daß wir in der zweckvollen 
Organisation unseres Staatslebens oft verhängnisvolle Irrwege 
gingen. Für all' dies hatte Rose wertvolle Winke gegeben; — 
er blieb ungehört. In einsamer Größe voll überlegener Klarheit 
des Geistes ragt er heute aus der Vergangenheit in unsere Zeit 
hinein, voller Wirkungsmöglichkeiten durch die Frische und Lebens- 
nähe seiner Gedanken. Geistig ist er einer der Unsrigen, darum 
sei heute sein Andenken erneuert. 

Ferd. Rose stellt sich in seinen Schriften dar als ein würdiger 
Nachfolger und Erbe der großen Denker der deutschen idealisti- 
schen Philosophie. Der überall durchschimmernde Untergrund seiner 
reichen schöpferischen Persönlichkeit ist eine tiefe Religiosität, die 
ihn aber nicht, wie wir es etwa bei dem älteren Schelling fest- 
stellen müssen, dazu verleitete, alles im mystischen Dunkel un- 
klarer Religiosität und Schwärmerei untergehen zu lassen. Mit 
offenen Augen und kühlem Verstände steht er vielmehr der sich 
gerade zu seiner Zeit immer mehr erschließenden Erfahrungswelt 
gegenüber, der er in seinem Gedankengebäude volles Recht wider- 
fahren läßt. Von der erkenntnistheoretischen Grundlage seiner 
Philosophie und ihrem Verhältnis zu seinen Vorgängern, vor allem 
zu Kant, Fichte, Schelling und Hegel ! ), und seinen Zeitgenossen 

1) Über dieses Verhältnis äußert er sich selbst eingehend in der Schrift 



Original from 



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Ferdinand Rose 297 

soll hier ebensowenig die Rede sein wie von den Einzelheiten seines 
wechselvollen Lebens, seinem Verhältnis zu seinen Jngenfreanden 
Geibel und Storm sowie seiner umfangreichen, seiner Zeit ebenfalls 
weit vorauseilenden Tätigkeit als Volksbildner und Volksschrift- 
steller '). Das alles soll eingehend behandelt werden in einem dem- 
nächst erscheinenden größeren, Friedrich von Bezold gewidmeten 
Werke, in dem Roses Leben und Wirken eine kritische Würdigung 
finden soll. 

Hier handelt es sich nur um Roses soziologisch-poli- 
tische Gedankengänge und deren Beziehungen zur Politik 
seiner Tage und der Zukunft, in der nach Roses unerschütterlicher 
Überzeugung die Menschheit sich innerlich als höchstes, allum- 
fassendes Individuum und äußerlich als christlicher Völkerbund 
verwirklicht haben wird. Wir werden uns bei der Darstellung 
der Gedanken Roses möglichst an den Wortlaut der in Frage 
kommenden Werke halten, da Roses Schriften nur schwer erreichbar 
sind, weil es keine Gesamtausgabe von ihnen gibt, und die Exem- 
plare der Einzelschriften geradezu zu Seltenheiten geworden sind. 

Für Rose ist und bleibt Philosophie die notwendig wahre 
apriorische Wissenschaft vom Wesen der Dinge 2 ). Von den em- 
pirischen Erfahrungswissenschaften unterscheidet sie sich als spe- 
kulative Erfahrungswissenschaft wesentlich, indem sie dem orga- 
nischen System der Zwecke, die Empirie aber den ewig atomisti- 
schen Reihen von Ursachen und Wirkungen nachforscht. 

Der leitende Grundgedanke, von dem Roses Philosophie 
„mit klarem Bewußtsein, alle frühere Philosophie halb bewußter 
oder unbewußter Weise ausgeht, ist die spekulativ-erfahrungsmäßge 



von 1841 „Über die Erkenntnis weise des Absoluten", dasselbe Thema bebandelt 

E. Schärer in seinen „Beiträgen zur Erkenntnis des Wesens der Philosophie" 
Zürich, 1840. 

1) In Frage kommen hierfür Roses Schriften: a) Schwanke und Geschichten 
für das Deutsche Volk, Berlin, 184G; b) Der neue Eulenspiegel oder Deutschland 
vor hundert Jahren und jetzt. 1. Abschnitt: Eulenspiegel- Perückenmacher. 2. Ab- 
druck; Tübingen, 1849, das einzige Werk Roses, das eine 2. Aufl. erlebte; der 
2. Abschnitt, der „die neue Zeit mit ihren großen Schwächen und schwachen 
Großen" behandeln sollte, ist nicht erschienen; c) die schon erwähnte Geschichte 
des Jahres 1848; d) Das Volksschriftenwesen in der „Deutschen Vierteljabrßschrift" 
1845, 4. Heft. S. 149—170; e) Der Völkskalender „Der Pilger durch die Welt* 
(Stuttgart 1844/1845), dessen Hauptmitarbeiter Rose war, daneben beteiligten sich 

F. Freiligrath, E. Geibel, J. Kerner, A. Kopisch, F. Kugler, G. Schwab u.a.; 
f) Lübecker Chronik, Lübeck 1842; g) Lebensbilder aus Nord und Süd, Stuttgart 1844. 

2) Besprechung v. Fischers Metaphysik, Gott. gel. Anz. 1847, S. 1350, vgl. 
auch Rose, Erkenntnistheorie des Absoluten. 



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298 Rudolf Reuter 

Erforschung des organischen Systems der menschlichen Lebens- 
zwecke" 1 ), in der durch die ganze Breite und Tiefe der Lebens- 
anschauung die Erkenntnis durchgeführt wird, „daß durchaus nur 
das Individuelle die wirkliche Form des Lebens ist, während das 
bis jetzt sogenannte Allgemeine nicht das Wesen der Dinge be- 
zeichnet, sondern nur gewisse Beziehungen der Dinge zu einander, 
welche einer Reihe der verschiedenartigsten Dinge gemeinschaftlich 
sind" *). Die Methode, durch die diese Erkenntnis zu erlangen 
ißt, bezeichnet Rose als „rein historische Darstellung der Entwick- 
lung des individuellen Lebens der Menschheit" 3 ). Daß das letzte 
Ziel der Individualitätsphilosophie, das Menschheitsindividuum, 
nicht ein Begriff, ein leerer abstrakter Gedanke ist, wird verbürgt 
durch das klare menschliche Selbstbewußtsein, in dem wir durch 
spekulativ-erfahrungsmäßige Erkenntnis der Menschheitsentwicklung 
die Ideen von den göttlichen Dingen — die Gottesidee, die Frei- 
heitsidee und die Idee des ewigen Lebens — intellektual anschauen. 
Diese Ideen selbst finden aber ihre Verwirklichung in immer mehr 
sich entfaltenden Stufen nur im Menschheitsindividuum. 

Der zentrale Begriff der Individualitätsphilosophie ist demnach 
der Begriff des Individuums, der geklärt wird durch die 
Einsicht in das Wesen des organischen Lebens; denn wenn auch 
der Name „Individuum" ein ungeteiltes Wesen bezeichnet, so ist 
es doch ein teilbares Lebensganzes, bei dem die Gesamt- 
heit als Ganzes in allen Teilen unbeschadet ihrer Selbständigkeit 
als Teile, allgegenwärtig ist 4 ). Die in allen Teilen des Indivi- 
duums allgegenwärtige Gesamtheit des Individuums ist aber ein 
Wille, und nur solche Lebenserscheinungen, bei denen die Eigen- 
tümlichkeit unseres Erkenntnisvermögens gestattet, sie als Mani- 
festation eines Willens, oder mit anderen Worten ihrem Wesen, 
ihrer Individualität nach zu durchschauen, können Objekt philoso- 
phischer Erforschung sein. Wenn zum Begriff der Individualität 
gehört einmal die Selbständigkeit der Glieder, andererseits die 
organische Einigung derselben durch das in jedem Willensakt als 
allgegenwärtig sich betätigende Ich, während der räumliche Zu- 
sammenhang der Glieder des Leibes als etwas Zufälliges, als 
eine Nebensache erscheint, so kann man auch die Familie, den 
Stamm, das Volk, den Staat und endlich die Menschheit Indivi- 
duen nennen. 



1) Rose, Psychologie, S. 3. 2) Ebenda, S. 5. 3) Rüse, Ideen . . ., S. 6. 
4) Rose, Psych., S. 11. 



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Ferdinand Rose 299 

Scharf und klar formuliert Rose den Lebenszweck der ein- 
zelnen menschlichen Individualitäten. 

1) Der Lebenszweck der Familie besteht darin, den 
ganzen Organismus menschlicher Entwicklung in Bewe- 
gung zu setzen und für die Menschen aller Zeiten den 
Übergang vom Erhaltungs- zum Erhöhungsleben zu ver- 
mitteln d. h. sie aus der traurigen und sündvollen Iso- 
lierung als Einzelmensch zu befreien, um sie organisch 
an dem Gesamtleben der höheren Individualitäten d. h. 
ihres Stammes, Volkes, Staates, je nachdem sie zur 
Zeit entwickelt sind, teilnehmen zu lassen 1 ). 

2) Die erste Stufe des Erhöhungslebens ist das Stamm- 
leben 2 ); dieses Stammleben ist „das bewußte Resultat 
des bald freundlichen, bald feindlichen Zusammenlebens 
der Menschen mit der natürlichen Außenwelt". 

3) Aus dem Zusammenleben verschiedener Stämme erwächst 
organisch das Volksleben, dessen natürliche Grund- 
lage die Gemeinschaft der Sprache, der Sitte, des Privat- 
lebens usw. ist. Aus den zusammen und nebeneinander 
lebenden Stämmen, die sich noch nicht ihrer inneren 
Zusammengehörigkeit bewußt sind, werden erst Völker, 
„wenn große, gewaltige Taten einzelner Männer oder 
der Gesamtheit des Volkes die Volks-Individualität sozu- 
sagen personifizieren und anschaulich vor den Augen 
aller hinstellen" 3 ). 

Schon die ersten Anfänge einer Teilnahme am Leben der höheren 
Individualitäten wecken das Bewußtsein der Gottebenbildlichkeit 
in den Menschen. Auf dem Volksstandpunkt erfährt dieses Be- 
wußtsein eine ganz wesentliche Steigerung 4 ). 

Jede der menschlichen Individualitäten (Mensch, Stamm, Volk 
usw.) hat ihr eigentümliches Gottesbewußtsein, hat bis zu einem 
bestimmten Grade die Gottebenbildlichkeit verwirklicht; so kann 
man, vom Bewußtsein der menschlichen Individualitäten aus be- 
trachtet, von einem „theogonischen Prozeß" sprechen. Erst auf 
dem Menschheitsstandpunkt wird und kann es ein Gottesbewußt- 
sein geben 5 ). 

4) Zwischen diesem Ziel aller Menschheitsentwicklung und 
dem Volksleben befindet sich noch der Standpunkt 
des Staates, wo das Leben nach Zwecken durchor- 



1) Rose, Psysch., S. 19. 2) Rose, Ideen, S.62. 3) Rose, ebenda, S.64— G6. 
Psych., S. 23 u. 25. 4) Ebenda, S. 28. 5) Ebenda, S. 29. 



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300 Rudolf Reuter 

ganisiert ist. „Das Charakteristische des Staates ist, 
daß die Glieder desselben erkannt haben, ihr Gesamt- 
leben habe denselben Zweck und dieser oder jener Weg 
zur Verwirklichung sei der passendste" l ). Das Staats- 
leben ist die Periode des durch Verträge organisierten 
menschlichen Zusammenlebens 2 ). 
Mit dieser Periode, in der sich nach Roses Ansicht um die 
Mitte des 19. Jahrhunderts auch Preußen-Deutschland befand, hat 
sich Rose besonders eingehend beschäftigt. Die Frage, ob die 
einzelnen Staaten Monarchien, Oligarchien oder Republiken sein 
sollen, will er ganz nach der Individualität der verschiedenen 
Staaten beantwortet haben, „wesentlich ist nur, daß diese monar- 
chische, aristokratische oder republikanische Exekutiv-Gewalt nie, 
weder mit noch ohne ihre Schuld, mit den wahren Interessen des 
Landes in feindlichen Konflikt kommen kann" 3 ). Sein poli- 
tisches Ideal'ist anfangs die republikanische Mon- 
archie, über deren Wesen er sich am 21. Mai 1848 in einem 
Briefe an Em. Schärer so ausspricht : „Von unten an bis hinauf 
ein streng, aber mit Schonung deutscher Lebens- und Abstam- 
mungsverhältnisse korporativ gegliedertes Selfgovernment, an der 
Spitze ein Mann nicht nur der Zweckmäßigkeit, sondern auch der 
Pietät, und von ihm ausgehend ein System der strengsten Zentra- 
lisierung, daß auch der untergeordnetste an seiner Stelle seine 
Pflicht tut" 4 ). Ein Jahr später gestand er, der Glaube, seine 
schwarz-rot-goldenen Einigungsgedanken könnten durch die Fürsten 
verwirkliebt werden, sei eine große Torheit gewesen 5 ); sein Ideal 
in Bezug auf ein wahrhaft freies Volksleben wird seitdem die 
Schweiz. 

Das Verhältnis der Einzelglieder (Gemeinden, Städte, 
Provinzen und Völker) zum Staatsganzen liegt Rose beson- 
ders am Herzen. Er ist ein ausgesprochener Feind einer über- 
triebenen Zentralisation; diese Gegnerschaft gründet sich auf die 
Auffassung vom Staat als einem organischen Zweckverbande, 
und diese Auffassung entspricht nach Roses Meinung in besonderer 
Weise den deutschen Verhältnissen um die Mitte des 19. Jhdts. 6 ). 
Für ein wirklich organisches , freiheitliches Staatsleben ist 
nach Roses Auffassung das praktische Vereinsleben von 
so ausschlaggebender Bedeutung, daß er die Volksrepräsen- 



1) Rose, Ideen . . ., S. 66/67« 2) Ebenda, S. 66. 8) Psych., S. 50. 

4) E. Schärer in d. Allgem. Ztg. 1873 S. 3814 (8. Sept.). 5) Ebenda, Brief v. 
16. Nov. 1849. 0) Rüse, Ideen . . ., S. 7Q/77. 



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Ferdinand Rose 301 

tation darauf aufgebaut wissen will. Schon im März 1848 stellt 
er die Pflege des praktischen Vereinslebens als die nächste und 
wichtigste Forderung hin und macht für ihre Erfüllung ins ein- 
zelne gehende Vorschläge 1 ). 

Aus dem nach Interessen organisierten Vereinsleben muß — 
wie schon erwähnt — die Volksrepräsentation erwachsen. Eine 
rein formale Demokratie lehnt Rose entschieden ab. „Die Volks- 
repräsentation u , so heißt es in der Psychologie von 1856 2 ), „darf 
nicht eine solche der Staatsbehörden oder der politischen Parteien 
sein ; sie muß das Volk selbst repräsentieren seiner inneren Orga- 
nisation entsprechend". 

Über das Wahlverfahren zu dieser Volksvertretung und 
die Geschäftsordnung in ihr spricht sich Rose wiederum sehr 
eingehend aus 3 ). Die auf der Interessenvertretung aufgebaute 
Volksvertretung sichert nach Roses Überzeugung der Exekutiv- 
gewalt jederzeit die klarste Einsicht in das beständig wechselnde 
Leben des Volkes; ein Zwiespalt zwischen Exekutivgewalt und 
Volkswillen ist aber unmöglich, da sie sich gegenseitig verant- 
wortlich sind. 

Die höchste Instanz, die über allen Organen des Staats- 
lebens steht, ist ein Rat der Alten, ein vollkommen demokratisches 
Oberhaus, das gebildet wird aus den noch fungierenden oder früher 
fungierenden Mitgliedern der höchsten Gerichtshöfe, aus bestimmten 
ehemaligen Mitgliedern der Exekutivgewalt sowie erfahrenen und 
bewährten Mitgliedern der Volksvertretung 4 ), 

Schließlich ist noch die Appellation an das Volk vorge- 
sehen in der Weise, „daß die strittige Sache in allen zur Zeit im 
Staate existierenden Interessen-Vereinen erwogen und entschieden 
wird, indem jeder Verein eine Stimme für oder wider abgibt" 5 ). 
5) Schon von den bisher skizzierten soziologisch- politischen 
Gedankengängen Roses muß man sagen, daß sie zur Zeit 
ihrer Veröffentlichung in hohem Maße Zukunftsmusik 
waren; der Boden für die Aufnahme solcher Gedanken 
war damals noch nicht vorbereitet. Erst ein weiteres 
halbes Jahrhundert politischer Arbeit hat manches von 
dem, was Rose bereits mit prophetischem Blick als not- 
wendig für Deutschland erkannte, verwirklicht oder aber 
als wünschenswert im politischen Bewußtsein der Deut- 

1) Brief an Schärer v. 16. 3. 1848 i. d. Allgem. Ztg. v. 8. 9. 1873; vgl. auch 

Rose, Gesch. d. J. 1848 S. 292/293. 2) Rose, Psych., S. 50. 3) Ebenda, 

S. 51/52 ; Allgem. Ztg. 1873, S. 3813 (Brief v. 16. März 1848). 4) Rose, Psych. 
S. 52. 5) Ebenda. 



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302 Rudolf Reuter 

sehen geweckt. Noch mehr gilt diese Feststellung für 
Roses Darstellung der Verwirklichung des christ- 
lichen Menschheitsindividuums , zu dem natur- 
notwendig das Staatsleben hindrängt. 
Unter „christlichem Menschheitsindividuum" versteht Rose „die 
nach der ganzen Breite ihrer Lebenserscheinungen und ihrer 
Lebenszwecke bewußt und im organischen Fortschritt 
wieder Christus gewordene Menschheit" x ). Diese Menschheit ist 
„die Verwirklichung der höchst möglichen Begriffe, den sich über- 
haupt je Menschen vom Wesen der Gottheit als Schöpfer des 
Menschen bilden können; sie ist die Verwirklichung der Gotteben- 
bildlichkeit des Menschen, indem die Gottes -Idee, die Freiheits- 
Idee und die Idee des ewigen Lebens in ihr zum ewigen Leben 
kommen, und alle Seiten des Lebens dann nur ein Erzeugnis des 
Zusammenwirkens derselben sein werden" 2 ), Geht man dagegen 
bei der Definition von der menschlichen Natur aus, so kann man 
sagen: im Menschheitsindividuum verwirklicht sich einst die höchst 
mögliche Stufe innerlicher und äußerlicher Entwicklung des mensch- 
lichen Wesens, die Gott bei der Schöpfung bezweckte. Diesen 
Begriff vom Wesen der Menschheit „als des Individuums, in dem 
sich am Ende der menschlichen Entwicklung alles Menschliche in 
höchster Vollendung verwirklicht" 3 ), bezeichnet Rose als durchaus 
unrationalistisch. Die Geschichte des Einzel- und des Gesamt- 
lebens, die Psychologie des Einzelmenschen und die der Menschheit 
bieten das Erfahrungsmaterial für die intellektuale Anschauung 
des überpersönlichen Begriffs „Menschheit" Der geschichtliche Weg 
zu der organischen Einheit des Menschheitsindividuums ist gerade* 
nie abbiegend oder gar sich rückwärts wendend; was uns alsAb- 
biegungen, Stillstand oder gar Rückschritt erscheint, beruht darauf, 
daß der nie rastende Hauptstrom menschlicher Entwicklung stets 
nur von wenigen zu einer Zeit lebenden Menschen oder Nationen 
repräsentiert wird. 

Da der vollkommen christliche Wille das Band ist, das die 
Glieder des Menschheitsindividuoms organisch eint, müßte das ge- 
samte öffentliche Leben umgestaltet werden, „sowohl unsere ja 
nur auf dem Prinzip von Gewalt und Überlistung, Eigennutz und 
Lüge basierte Diplomatie als auch das innere Leben der ein- 
zelnen Staaten" 4 ). 

Weder der Papst noch irgend ein irdischer Herrscher kann 



1) Rose, Psych., S. 32. 2) Rose, Ideen . . ., S. 0. 3) Ebenda, S. 10. 

4) Rose, Psych., S. 48. 



Original ftom 



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Ferdinand Rose 303 

und darf an der Spitze dieses Bundes aller Völker stehen, 
da bei ihnen die Versuchung besteht, die jedem Menschen ankle- 
benden Schwächen und Fehler durch den Deckmantel der Gewalt 
zu heiligen *). „Das Haupt des christlichen Menschheitsindividuums 
kann nur ein nach rein republikanischen Formen organisierter 
Kongreß von Abgeordneten nicht der einzelnen Menschen, sondern 
der Staaten sein. Dieser Kongreß garantiert die Sittlichkeit 
der Diplomatie, indem er feststellt: Vor allem den Grundsatz 
der Nichtintervention oder das Recht jedes Staates, seine 
inneren Angelegenheiten selbst zu ordnen und nicht anders als 
durch Lehre und Beispiel für die Staatsform, welche er nun einmal 
für die beste hält, bei anderen Nationen Propaganda zu machen. 
Er garantiert aber auch die innere Sittlichkeit der Staaten, 
indem er nur Abgeordnete solcher Staaten zuläßt, welche in der 
Tat klar bewußt auf dem Standpunkt des christlichen Menschheits- 
Individuums stehen und deshalb Organe desselben sein können und 
wollen" *). Für diesen Völkerbund ist außerdem absolute Toleranz 
in Glaubenssacben notwendige Lebensbedingung. 

Der Mann, dessen politisch-philosophische Gedankengänge hier 
in enger Anlehnung an seine Schriften skizziert wurden, sah keine 
Frucht seiner Lebensarbeit reifen. Arm und verlassen verschied 
er in einem entlegenen Dörfchen; aber bis zum letzten Atemzuge 
bewahrte er sich den festen Glauben an die Größe und Heiligkeit 
seiner Erdenarbeit. Er war bis zum Tode überzeugt, daß seine 
Bestrebungen und Leistungen in künftigen, über den großen End- 
zweck des Menschenlebens klareren Zeiten anerkannt und ihrem 
Werte nach gewürdigt würden 3 ). 

Diese Zeiten der Vollendung sind noch nicht gekommen, — . 
aber der 1859 verstorbene Ferdinand Rose kann uns auch heute 
noch mit ein Führer zu ihnen sein. 



1) Rose, Psych., S. 49. 2) Ebenda, S. 49. 3) Theodor Storm, Briefe 
in die Heimat aus den Jahren 1853 bis 18G4, hrsg. v. G. Storm, Berlin 1907, 
S. 104 f. 



Etwaige Mitteilungen über Rose, besonders über den Verbleib 
des Nachlasses werden freundlichst erbeten an Dr. R. Reuter, 
Köln a. Rh., Vorgebirgstr. 41, der außer der Röse-Biographie auch 
die Neuherausgabe der wichtigsten Schriften Roses in Angriff ge- 
nommen hat. 



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Die Stellung der Rheinlande in der 
deutschen Geschichte 

Von 

Walter Platzhoff 

Die Ereignisse der letzten Jahre, der Waffenstillstand, die 
Besetzung des linken Rheinufers und der Friede von Versailles, 
haben die Rheinlande in den Vordergrund des politischen Inter- 
esses gerückt, nicht allein in Deutschland , sondern in der ganzen 
Welt. Französischerseits ist das alte Verlangen nach der „natür- 
lichen Grenze" im Osten erneut erhoben worden, aber bisher sind 
alle Versuche zu einer Losreißung der Rheinlande von Deutsch- 
land an dem Widerstand des rheinischen wie des gesamtdeutschen 
Volkes und an dem Einspruch der alliierten und assoziierten Mächte 
gescheitert. Für die Zugehörigkeit der Rheinlande zum Deutschen 
Reich braucht der historische Beweis nicht geführt zu werden, sie 
ist über jeden Zweifel erhaben. Anders steht es mit der Stellung 
der Rheinlande innerhalb Deutschlands. Unser Zusammenbruch, 
die Pläne einer Neuordnung des Reiches und einer Aufteilung 
Preußens haben die Frage in Fluß gebracht, und hierfür fehlt, 
wenigstens in weiteren Kreisen, der historische Unterbau. Die 
deutsche Geschichtsforschung ist von einer Unterlassungssünde 
nicht freizusprechen, sie hat die rheinische Geschichte über Gebühr 
vernachlässigt 1 ). 

In den ersten Jahrhunderten des Mittelalters standen die 
Rheinlande im Brennpunkt der deutschen Geschichte. Sie waren 



1) Eine wissenschaftliche Geschichte des Rheinlandes besitzen wir noch nicht. 
Zu den alteren, populär gehaltenen Arbeiten von K. Lamprecht, Skizzen zur rhein. 
Geschichte (Leipzig 1887) und P. J. Kreuzberg, Geschichtsbilder aus dem Rhein- 
lande (Bonn 1904) vgl. jetzt den Aufsatz von P. Wentzcke, Die geschichtliche 
Einheit des Rbeintals in „Die Westmark" 1. Jahrg. Nr. 1 (1921). Einige allge- 
meine Gesichtspunkte gibt das anregende Buch von A. v. Hofmann, Das deutsche 
Land und die deutsche Geschichte (Stuttgart 1920). 



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Walter Platzhoff, Die Stellung der Rheinlande usw. 305 

das Herz des Karolingerreiches und nach den Erbteilnngen und 
Zwistigkeiten unter den Nachkommen Ludwigs des Frommen von 
Heinrich I. endgültig für Deutschland gewonnen worden. Mit 
Recht hat man gesagt, daß Heinrich erst mit dem Erwerb der 
Gebiete an Mosel, Maas und Niederrhein die neue Völkergemein- 
schaft der Alamannen, Franken, Sachsen und Bayern zum Deutschen 
Reich ausgestaltet und abgerundet hat. Aachen ward die Krönungs- 
stadt der deutschen Könige, der Dom von Speier ihre Gruft. Das 
Rheinland war das wichtigste Ausstrahlungsgebiet der nationalen 
Kultur. Hier erhoben sich die blühendsten Städte und die drei 
vornehmsten Erzbistümer des Reiches, von hier aus verbreiteten 
sich die großen kirchlichen Reformbewegungen nach Osten. In 
den rheinischen Domen und Kirchen feierte die romanische Bau- 
kunst in Deutschland ihren höchsten Triumph. Durch das deutsche 
Volksepos, das Nibelungenlied, erhielt der Strom seine nationale 
Weihe. Mainz sah 1184 in seinen Mauern das glänzendste Hof- 
fest, das je ein Deutscher Kaiser veranstaltet hat. Unter den 
Pfalzgrafen des Reiches nahm der von Lothringen, später bei Rhein 
genannt, weitaus den ersten Platz ein, unter den Reichsverwesern 
bei Abwesenheit oder Minderjährigkeit des Königs finden wir mehr- 
fach die Erzbischöfe von Köln, so Bruno 1., Anno und Engelbert I. 
Freilich war das Rheinland von vornherein nicht ganz fest in der 
Hand der Könige, und der Versuch Ottos I., durch ein von ihm 
ernanntes Beamtentum, die Bischöfe, zu regieren, scheiterte hier 
wie im ganzen Reich in dem Investiturstreit. Wiederholt kam es, 
wie in allen deutschen Gauen, zu Aufständen und Abfallversuchen, 
aber die kraftvollen Herrscherpersönlichkeiten der Salier und Staufer 
wußten sie schnell niederzuwerfen. Beide Kaisergeschlechter stützten 
sich in erster Linie auf das Rheintal. 

Das änderte sich mit dem Verbluten des Stauferhauses und 
mit dem Interregnum. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts ver- 
schiebt sich das Schwergewicht des Reiches mehr und mehr nach 
Osten, die Rheinlande verlieren ihre zentrale Stellung und werden 
allmählich an die Peripherie gedrängt. Zwar bilden sie noch 
keineswegs die Grenze, die in West und Nord vorgelagerten Teile 
des ehemaligen Lotharingien gehörten nach wie vor zu Deutsch- 
land, obwohl die äußersten Stücke bedenklich abbröckelten. Auch 
die Bedeutung der Rheinlande für die Reichsgeschichte wird zu- 
nächst nicht gemindert, gerade im 13. und 14. Jahrhundert spielen 
sie hier eine ausschlaggebende Rolle. In dem sich jetzt bildenden 
Kurkollegium sitzen unter den sieben Kurfürsten vier Rheinländer, 
neben den drei Erzbischöfen der Pfalzgraf bei Rhein; Rhense, wo 

20 



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306 Walter Platzhoff 

ihre Gebiete aneinanderstießen, war seit 1308 der Tagungsort der 
Kurfürsten. Bei den Königswahlen von 1257, 1273, 1292 und 
1308 sind die rheinischen Kurfürsten die eigentlichen „Königs- 
macher" gewesen, ihre Uneinigkeit hat die unglückseligen Doppel- 
wahlen von 1257 und 1314 wesentlich verschuldet. Wie Wilhelm 
von Holland war anch Richard von Cornwallis ein „Rheinland- 
könig", der seine Erhebung neben den alten weifisch- englischen 
Beziehungen vor allem den Handelsinteressen der Stadt Köln zu 
verdanken hatte. Indes von einer wirklichen Herrschaft aller 
dieser Könige am Rhein kann nicht die Rede sein. Ihr Einfluß 
währte nur so lange wie ihre Anwesenheit. Da sie stets von 
kurzer Dauer war, wurden die Rheinlande immer wieder sich selbst 
überlassen und damit den unaufhörlichen Fehden zwischen den 
einzelnen Fürsten und Herren und der Auflösung von Zucht und 
Ordnung preisgegeben. 

In dieser Notlage, angesichts des Versagens der Reichsge- 
walten und des drohenden Chaos ist noch während des Inter- 
regnums zum ersten Male der Gedanke an die organisierte Selbst- 
hilfe im Rheinland erwacht. Der rheinische Bund von 1254 *), 
der das ganze Rheintal umfaßte, bildet das erste Glied in der Kette 
von Unions- und Sonderbündnisbestrebungen, die sich seitdem jahr- 
hundertelang durch die rheinische Geschichte zieht. Ausgegangen 
war die Anregung von den Städten, deren gerade damals ver- 
heißungsvoll aufblühender Handel unter der allgemeinen Unsicher- 
heit und Gewalttätigkeit besonders empfindlich zu leiden hatte. 
Der ursprüngliche Zweck des Bundes war die Wahrung und Durch- 
führung des Landfriedens sowie die Regelung des Zollwesens, die 
Beseitigung der zu Unrecht und in unerträglicher Menge erhobenen 
Zölle. Dadurch, daß sich eine Reihe geistlicher und weltlicher 
Fürsten anschloß, schien sich der Band zu einer, wenn auch lockeren 
politischen Einheit des Rheinlandes auszuwachsen. Jedoch die 
unfertige Organisation und zumal die Gegensätze zwischen den 
Interessen der Städte und Fürsten sprengten ihn schon bald wieder, 
nur eine starke Zentralgewalt hätte die in ihm liegenden Kräfte 
zu einheitlicher Wirkung zusammenfassen können. Das lehrt die 
Geschichte aller Sonderbünde im alten Reich. So hat schon dieser 
erste rheinische Bund wie alle seine Nachfolger die Ohnmacht des 
auf sich selbst gestellten Rheinlandes erwiesen. 

Während in Ost- und Süddeutschland allmählich große ge- 



1) Vgl. neben dem alteren Werk J. Weizsäckers die Arbeiten von F. Zur- 
bonsen in Westdeutsche Zeitscbr. 2 und Forschungen zur deutschen Gesch. 23. 



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Die Stellung der Rheinlande in der deutschen Geschichte 307 

schlossene Territorien entstanden , die sich immer weiter aas- 
dehnten und die benachbarten kleinen Herrschaften aufsogen, hat 
im Rheinland die Entwicklung den entgegengesetzten Verlauf ge- 
nommen. Seit der Teilung des Herzogtums Lothringen (959) be- 
fand es sich in einem unaufhaltsamen Zersetzungsprozeß. Schon 
im 13. Jahrhundert zerfiel es in eine Unzahl kleiner und kleinster 
Gebiete, und diese Zersplitterung ist bis zum Untergang des alten 
Reiches nicht behoben, sondern noch gesteigert worden. Zur Er- 
klärung reichen die geographischen Bedingungen, die in manchen 
Gegenden das Aufkommen von politischen Zwergbildungen be- 
günstigten und forderten, sowie das Fehlen der Stammeseinheit, 
eines Stammesherzogtums oder einer Mark nicht aus. Der ent- 
scheidende Grund liegt in der Existenz der geistlichen Territorien, 
vor allem der drei Erzbistümer Köln, Trier und Mainz, die von 
den Kaisern des früheren Mittelalters besonders reich ausgestattet 
waren und zudem die geographisch wichtigsten Punkte des Rhein- 
tales in der Hand hatten. Ihre Beseitigung war wegen ihrer 
festen Verankerung in der kirchlichen und politischen Verfassung 
des Reiches unmöglich, anderseits konnten die geistlichen Herren 
infolge der ganzen Struktur ihrer Staaten keine solche Erwerbungs- 
und Eroberungspolitik treiben wie ihre weltlichen Standesgenossen 
und das Rheinland nicht unter ihrer Herrschaft zusammenfassen. 
Knrköln hat zwar lange Zeit, vom 13. bis zum 15. Jahrhundert, 
die Schaffung eines Einheitsstaates am Niederrhein erstrebt, aber 
alle seine Versuche sind an dem unüberwindlichen Widerstand der 
benachbarten weltlichen Fürsten gescheitert. Nicht nur an äußerer 
Macht, auch an innerer Kraft und Organisation blieben die geist- 
lichen Territorien immer weiter hinter den weltlichen zurück. 

Die Kleinstaaterei war für die Rheinlande und ganz Deutsch- 
land um so verhängnisvoller, als bereits im 13. Jahrhundert ein 
äußerer Feind an ihre Tore klopfte, der innerlich erstarkte französische 
Königsstaat. Die Kapetinger forderten das Erbe des Karolingerhauses 
zurück *). In erster Linie richtete sich ihre Begehrlichkeit auf die 
westlichen, dem Reich entfremdeten und großenteils romanisierten 
Gebiete des alten Lotharingien, aber darüber hinaus schielten die 
französischen Kronjuristen schon damals nach der Rheingrenze, 
die ihnen nicht allein als die „natürliche", sondern infolge der 

1) Grundlegend hierfür ist das Buch von F. Kern, Die Anfänge der franzö- 
sischen Ausdehnungspolitik bis zum Jahr 1308 (Tübingen 1910). Eine bis in die 
jüngste Zeit geführte Zusammenfassung gibt A. Schulte, Frankreich und das linke 
Rheinufer (* Stuttgart 1918); von französischer Seite besonders A. Sorel, L'Europe 
et la rövolution fran^aise Bd. I (Paris 1885). 

20» 



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308 Walter Platzhoff 

Gleichsetzung Frankreichs mit Gallien auch als die historisch be- 
rechtigte erschien. Die Ohnmacht des Reiches und die Zersetzung 
seiner Westmark spornten die welschen Aspirationen noch mehr 
an. F. Kern hat dargetan, wie die Staatsmänner Philipps des 
Schönen eine förmliche „Technik der Machterweiterung" ausge- 
bildet haben, die bis auf die Gegenwart für Frankreich muster- 
gültig geblieben ist. Sie begannen mit der „friedlichen Durch- 
dringung", und eines der wichtigsten und wirksamsten Mittel hierzu 
ward die Bündnispolitik. Eine ganze Kette von französischen 
Allianzen schlang sich um die westlichen Reichsgebiete. Die im 
19. Jahrhundert sogenannte „fünfte Waffe" Frankreichs, das Ka- 
pital, erwies sich bereits im 13. Jahrhundert als unwiderstehlich. 
Scharenweise traten die lothringischen und rheinischen Dynasten 
in den einträglichen Herrendienst der Kapetinger ein. Das für 
die deutsche Geschichte so unheilvolle Pensionswesen hat zuerst 
im Nordwesten Wurzeln geschlagen, die niederrheinischen Fürsten 
haben darin ihren Standesgenossen im Reich ein trauriges Beispiel 
gegeben *). 

Freilich hatten die französischen Könige in dieser Beziehung 
damals einen gefährlichen Konkurrenten in den verfeindeten eng- 
lischen Herrschern, die ihnen durch Überbieten den Rang abzu- 
laufen suchten und zeitweilig auch abliefen. Wiederholt, zumal 
unter Adolf von Nassau und Ludwig dem Bayern sah es so aus, 
als ob das Rheinland zu einer französischen oder englischen Inter- 
essensphäre herabsinken sollte. Ernannte doch der wittelsbachische 
Kaiser 1338 seinen Verbündeten, Eduard III. von England, zum 
Reichsvikar mit besonderen Rechten über den Niederrhein! Indes 
wie diese Eintagswürde stellten alle Anknüpfungen mit dem Insel- 
staat keine ernstliche Bedrohung für das Rheinland dar. Schon 
wegen der geographischen Lage und wegen der ganz anderen Ziele 
der Plantagenets war eine Annexion oder eine dauernde Pene- 
tration paeifique durch England damals ausgeschlossen. Um so 
schwerer wogen die französischen Gelüste. 

Nachdem Kaiser Albrecht I. Philipp dem Schönen 1299 bei 
ihrer Zusammenkunft in Quatrevaux zwar nicht, wie seine Gegner 
ausstreuten und französische Imperialisten ihnen nachgebetet haben, 
die Rheinlinie, wohl aber die Maas als Grenze zugestanden hatte, 
suchte Frankreich immer weiter vorzudringen. Durch seine enge 



1) Einzelnachweise bei F. von Bezold, Das Bündnisrecht der deutschen Reichs- 
fürsten (Bonn 1904) S. 7 f. 



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Die Stellung der Rheinlande in der deutschon Geschichte 309 

Verbindung mit dem Avignoner Papsttum wußte es sich auch auf 
die Besetzung der rheinischen Bistümer Einfluß zu verschaffen. 
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts saßen auf den Stühlen von Mainz, 
Trier und Köln Kreaturen und Vertrauensmänner Frankreichs. 
Mit Recht hat F. Kern darin das erste Auftauchen der Rhein- 
bundidee erblickt. Jedoch schon damals ist sie von Frankreich 
überspannt worden und hat deshalb die daran geknüpften Hoff- 
nungen nicht erfüllt. Denn als nach der Ermordung Albrechts I. 
(1308) König Philipp seinen Bruder Karl von Valois als Kandi- 
daten für das Kaisertum aufstellte, erlitt er eine Niederlage, die 
um so empfindlicher war, als gegen den Kapetinger ein westdeut- 
scher Fürst und noch dazu ein Vasall der Krone Frankreich, Hein- 
rich von Lützelburg, gewählt wurde. Französische Allianzen und 
Renten nahmen die rheinischen Herren bei ihrer nachgerade sprich- 
wörtlich gewordenen Geldgier nur allzu bereitwillig an, aber sich 
unter das Joch des übermächtigen Nachbarn zu begeben, waren 
sie nicht gesonnen. So angesehen, hat die Erhebung Heinrich VII. 
gerade für das Rheinland eine entscheidende Bedeutung. Sein 
Königtum beruhte auf rheinisch-lothringischer Basis, aber es be- 
wies, wie hundert Jahre später die Regierang Ruprechts von der 
Pfalz, daß das deutsche Königtum einer großen geschlossenen Haus- 
macht nicht mehr entbehren konnte. Und eine solche ließ sich in 
dem zersplitterten, von geistlichen Territorien durchsetzten Rhein- 
land nicht errichten. Auch die Lützelburger haben sie im Osten 
des Reiches, in Böhmen begründet. 

Die Wahl von 1303 und dann der heraufziehende englisch- 
französische Krieg haben der rheinischen Politik der Kapetinger 
zunächst ein Ende bereitet. Wiederaufgenommen wurde sie im 
15. Jahrhundert von einem Seitenzweig ihres Hauses, den Herzögen 
von Burgund. Der von ihnen geschaffene burgundische Großstaat, 
der sich von der Nordsee bis zum Genfer See erstreckte, sollte 
nach ihren hochfliegenden , geradezu abenteuerlichen Plänen das 
Zwischenreich Lothars in seinem ganzen Umfang erneuern und in 
ein burgundisches Imperium ausmünden. In ihm sollten auch die 
Rheinlande aufgehen, die er schon von Nord und Süd, von Bra- 
bant, Lützelburg und der Freigrafschaft her umklammerte. Der 
erste Schritt war die Eroberung des Herzogtums Geldern, die Karl 
dem Kühnen 1471 leicht gelang; er hatte damit auch auf dem 
rechten Stromufer Fuß gefaßt. 

Bald darauf benutzte er den Streit des Erzbischofs von Köln 
mit seinem Kapitel und seinen Landständen, um das Erzstift und 



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310 Walter Platzhoff 

damit das Mittelstück des Rheinlandes an sich zu bringen 1 ). Der 
isolierte Erzbischof erkaufte seine Unterstützung mit der Über- 
tragung der Schirmvogtei, d. h. der tatsächlichen Herrschaft über 
das Stift. Errang sie der Herzog, so war nicht nur Kurköln, 
sondern das ganze Rheinland für Deutschland verloren. Das ward 
auch hier erkannt. Karls Trachten nach dem Rheinland, „das das 
Paradies deutscher Länder heißet", rief im ganzen Reich eine 
eine steigende Erregung und ein Erwachen des Nationalgefühls 
hervor, nach Fr. von Bezolds Worten 2 ) „wieder das erste tröstliche 
Zeichen, daß Deutschlands nationale Ehre noch nicht ganz und 
gar erstorben sei." Als der Burgunder 1474 die Stadt Neuß mit 
einer großen Armee umzingelte, rüstete sich die Bürgerschaft zu 
heldenmütiger Verteidigung. Zum Entsatz rückte ein Reichsheer 
mit dem Kaiser den Rhein hinunter, seit langem hatten sich die 
Reichsstände wieder zu einem gemeinsamen Unternehmen zusammen- 
geschlossen. Der unerwarte Widerstand und mehr noch die von 
ihm selbst verschuldete Abwandlung der europäischen Konstellation 
nötigten den Herzog nach zehn Monaten zur Aufgabe der Be- 
lagerung und der Schirmvogtei über das Erzbistum. Vor den 
Mauern der kleinen Stadt hatte sich das Schicksal der burgundischen 
Macht am Niederrhein und die Zukunft des Rheinlandes entschieden. 
Mit dem Tod des söhnelosen Herzogs sank 1477 auf dem Schlacht- 
feld von Nancy das burgundische Reich ins Grab. Ist es auch 
nur eine ephemäre Erscheinung gewesen, die von ihm drohenden 
Gefahren haben die enge unlösbare Verbindung der Rheinlande 
mit dem Deutschen Reich vor aller Welt erhärtet. An der deut- 
schen Gesinnung der Rheinländer, an ihrem unerschütterlichen 
Willen am Reiche festzuhalten, war nicht zu zweifeln. Mochte 
der Anmarsch des Reichsheeres auch erschreckend langsam vor 
sich gehen, die Tatsache allein flößte den Verteidigern von Neuß 
neuen Mut ein und zeigte den rheinischen Fürsten, daß sie gegen 
die Einmischungs- und Einverleibungsgelüste des Auslandes an dem 
Reiche einen allerdings nicht zu überschätzenden Rückhalt besaßen. 
In der nur zu begründeten Besorgnis vor einer völligen Auf- 
lösung des Reiches, in der Notwendigkeit ihr zu steuern und den 
Zusammenhalt zu stärken, lag einer der wesentlichsten Antriebe 
zu den Versuchen einer großzügigen Reichsreform um die Wende 
des 15. und 16. Jahrhunderts 5 ). Sie sind bekanntlich an dem Gegen- 

1) Vgl. vor allem H. Diemar, Die Entstehung des deutschen Reichskrieges 
gegen Karl den Kühnen (Westdeutsche Zeitschr. 15). 

2) Geschichte der deutschen Reformation (Berlin 1890) S. 59. 

3) Hierüber wie über alle verfassungsgeschichtlichen Fragen F. Härtung, 



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Die Stellung der Rheinlande in der deutseben Geschichte 311 

satz zwischen König und Ständen gescheitert, aber die in dieser 
Zeit geschaffene Kreiseinteilung hat die geschichtliche Einheit des 
Reiches auch nach außen hin unterstrichen. Die Rheinlande worden 
nicht zu einem Kreis zusammengefaßt. Während die drei Erz- 
bistümer mit der .Kurpfalz den kurrheinischen Kreis bildeten, 
wurden die übrigen Territorien mit den westfälisch -niedersäch- 
sischen Gebieten bis nach Bremen zu dem niederrheinisch -west- 
fälischen Kreis vereinigt, ein Beweis, daß man damals die Rhein- 
linie nicht als trennend ansah, nicht einmal für das landschaftliche 
Leben. Eine wirkliche Rolle haben freilich die Kreise in der 
deutschen Gesamtgeschichte bis nach dem 30jährigen Kriege kaum 
gespielt. 

Wie eng die rheinische Entwicklung noch immer mit der all- 
gemeinen Reichsgeschichte verknüpft war, offenbarte der geldrische 
Erbfolgestreit von 1537 bis 1543*). Durch die dynastische Ver- 
einigung von Kleve-Mark mit Jülich-Berg war im deutschen Nord- 
westen ein stattliches Territorium entstanden, das sich auf beiden 
Ufern des Rheins von Sinzig bis nach Emmerich erstreckte, und 
dem nach dem Urteil eines Zeitgenossen zu einem Königreich 
nur der Name fehlte. Die Herzöge stiegen noch höher als sie 
1538 durch einen Vertrag mit dem letzten Herrn von Geldern 
und Zütphen dessen Lande und damit die bisher fehlende Land- 
verbindung zwischen Jülich und Kleve, sowie die Herrschaft über 
die Rheinarme erlangten. Jedoch eine solche Machterweiterung 
wollte Kaiser Karl V. an der Grenze seiner niederländischen Be- 
sitzungen nicht zulassen, zumal da Herzog Wilhelm zum Luthertum 
neigte und mit dem Haupt der deutschen Protestanten, mit Kur- 
saebsen verschwägert war. Der politische Gegensatz verquickte 
sich mit dem konfessionellen. Gegen den Habsburger suchte der 
Herzog bei Frankreich und dem Schmalkaldischen Bund Unter- 
stützung. Da er den Entschluß, sich offen zur neuen Lehre zu 
bekennen, zu spät fand, ließen ihn die untereinander uneinigen 
Schmalkaldener in unbegreiflicher Verblendung im Stich. Gänzlich 
isoliert, wurde er 1543 von dem Kaiser in wenigen Wochen zu 
Boden geworfen, er mußte Geldern und Zütphen und die bereits 
eingeleitete Reformation seiner Lande preisgeben. Geldern wurde 
den habsburgischen Niederlanden einverleibt und ging mit ihnen dem 
Reich verloren. In der Geschichte der deutschen Reformation 



Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart (Leipzig 
1914). 

1) Das hat P. Heidrich, Der geldrische Erbfolgestreit (Kassel 1896) ins 
rechte Licht gerückt. 



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312 Walter Platzhoff 

bezeichnet der jülichsche Feldzug einen Wendepunkt. Die Schmal- 
kaldener hatten sich politisch als völlig unfähig erwiesen. Das 
erkannte jetzt auch der Kaiser, der ihnen eine solche Kläglichkeit 
nicht zugetraut hatte. Diese Erfahrung brachte in ihm den bereits 
1541 gefaßten Entschluß, sie mit Waffengewalt niederzuzwingen, 
zur vollen Reife. Drei Jahre darauf führte er ihn im Schmalkal- 
dischen Kriege aus. 

Das Vordringen der evangelischen Lehre in den j ülich-klevi- 
sehen Gebieten und der gleichzeitige Übertritt des Erzbischofs von 
Köln Hermann von Wied hatte dem Protestantismus die groß- 
artige Aussicht auf eine Festsetzung am Niederrhein eröffnet. Sie 
war mit dem Siege Karls V. zunichte geworden. Denn zu dem 
Scheitern des Kölner Reformationsversuches trug die Niederlage 
Herzog Wilhelms entscheidend bei. Nordwestdeutschland schien 
für das katholische Bekenntnis gerettet zu sein, der geistliche 
Vorbehalt des Augsburger Religionsfriedens sicherte den Fortbe- 
stand der geistlichen Fürstentümer. Indes die evangelische Be- 
wegung ließ sich dadurch nicht unterdrücken, sie konnte und wollte 
der Hoffnung nicht entsagen, ganz Deutschland zu gewinnen. Und 
in diesem Kampf mußte der Besitz des Rheinlandes den Ausschlag 
geben. Hier lag die Hochburg der römischen Kirche im Reich, 
ihre Eroberung mußte nicht nur den deutschen, sondern den ge- 
samten Katholizismus aufs schwerste treffen, eine Landbrücke zu 
den evangelischen Niederlanden schlagen und den Protestanten 
das Übergewicht im Reich wie im Kurfürstenkollegium verleihen. 
Der Ausgang des universalen Ringens zwischen den beiden Kon- 
fessionen und die kirchliche und politische Zukunft Deutschlands 
hingen von der Entwicklung im Rheinland ab. In beiden Lagern 
war man sich dessen bewußt und suchte das Rheinland zu be- 
haupten bezw. zu erobern. Die sogenannte Freistellungsbewegung 
der protestantischen Aktionspartei richtete sich in erster Linie 
auf die rheinischen Stifter, die Bündnispläne der Gegenseite zielten 
auf die Begründung eines festen katholischen Blockes von Bayern 
und Osterreich über das Rheintal zu den spanischen Niederlanden. 
Von vornherein hatte der durch das Trienter Konzil geeinte, durch 
den Jesuitenorden gestärkte Katholizismus einen gewaltigen Vor- 
sprung vor den in sich gespaltenen und größtenteils in Tatenscheu 
versunkenen Protestanten. Zudem be^aß er einen mächtigen Rück- 
halt an dem Führer der Gegenreformation, Philipp II. von Spanien, 
der schon wegen seiner niederländischen Provinzen den angrenzenden 
rheinischen Gebieten eine besondere Aufmerksamkeit schenkte. 



Original from 
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Die Stellung der Rheinlande in der deutschen Geschichte 313 

Wiederum trat Kurköln in den Vordergrund des Kampfes 1 ). 
Die fortwährenden Reibungen zwischen den Erzbischöfen und dem 
Domkapitel, ihre weltliche Sinnesart und das erneute Eindringen 
der evangelischen Lehre hatten hier die alten Gegensätze wach- 
gehalten. Als Weihnachten 1582 der Erzbischof Gebhard Truchseß 
von Waldburg aus sehr irdischen Motiven seinen Übertritt und 
die Freigabe des evangelischen Bekenntnisses öffentlich ankündigte, 
griffen seine Gegner zu den Waffen. Abermals war die kirchliche 
Zukunft des Niederrheins in Frage gestellt, denn der Ausgang 
des Kölner Streites mußte auch in den benachbarten jiilich-klevi- 
schen Landen die Entscheidung zwischen den Vorstößen des Prote- 
stantismus und den Restaurationsbestrebungen der Gegenpartei 
bringen. 

Indes ebenso wie 1543 erkannten die protestantischen Fürsten 
die Bedeutung der Stunde nicht. Mit einziger Ausnahme des 
Pfalzgrafen Johann Casimir schauten sie dem Kampf untätig zu, 
während das Kapitel und die Landstände des Erzstiftes sofort von 
Spanien und Bayern Unterstützung erhielten. Unter diesen Um- 
ständen mußte der Kölner Krieg in kurzer Zeit mit dem vollen 
Sieg des Katholizismus enden. Die beherrschende Position der 
alten Kirche am Niederrhein war gewahrt und befestigt, die ka- 
tholische Mehrheit im Kurkollegium gesichert. Die Sache und 
das Ansehen des Protestantismus hatten einen schwereu Schlag 
erlitten. Anstelle des abgesetzten Gebhard Truchseß wurde der 
junge Prinz Ernst von Bayern auf den Kölner Stuhl erhoben. Die 
Hoffnung auf einen lückenlosen katholischen Block im Nordwesten 
Deutschlands blieb zwar durch den nicht mehr auszurottenden Pro- 
testantismus in Kleve-Mark eine Schimäre. Dafür ward jetzt hier 
eine Art von bayrischer Sekundogenitur begründet, dadurch daß 
Kurfürst Ernst zu den bereits früher erlangten Bistümern Lüttich 
und Hildesheim auch noch Münster gewann. Eine Umwandlung 
dieses geistlichen Besitzes in einen festen Hausbesitz war aller- 
dings ebenso ausgeschlossen wie die Herstellung einer territorialen 
Verbindung mit dem Stammland Bayern. Aber der Einfluß des 
Hauses Witteisbach im Rheinland wie im ganzen Reich war un- 
geheuer gestiegen; Kurköln ist fast zwei Jahrhunderte, von 1583 
bis 1761, ununterbrochen in seiner Hand geblieben. 

Noch einmal rückte das Rheinland in den Brennpunkt der 
großen europäischen Gegensätze: durch die jülich-klevische Erb- 

1) Grundlegend M. Lossen, Der Kölnische Krieg (Gotha 18S2/97) , für die 
allgemeine Entwicklung M. Ritter, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegen- 
reformation und des 30 jährigen Krieges (Stuttgart 1889,1908). 



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314 Walter Platzhoff 

folgefrage. Denn sie stellt nicht nur eine der vielen berüchtigten 
„querelies allemandes" dar, hinter ihr verbargen sich das kon- 
fessionelle Ringen und der bestimmende Faktor der europäischen 
Politik des 16. und 17. Jahrhunderts, der Antagonismus zwischen 
Habsburg und Frankreich. Es handelte sich doch nicht allein 
darum, welcher deutschen Fürstendynastie das reiche Erbe zufallen 
würde, viel mehr stand auf dem Spiel: sollten die Lande einen 
katholischen oder protestantischen Herrscher erhalten, .sollten sie, 
wie man vor allem in Madrid wünschte, verkappt oder offen der 
habsburgischen Hausmacht angegliedert werden, oder sollten sie 
wie bisher ein Gegengewicht gegen den habsburgischen Besitz in 
den Niederlanden bilden. Deswegen trat König Heinrich IV. von 
Frankreich mit der evangelischen Union für die beiden nächsten 
Anwärter, Brandenburg und Pfalz-Neuburg, ein und schien auch 
vor einem Waffengang nicht zurückzuscheuen. Kurz bevor er 
sich zu seinem Heer an die Grenze begeben wollte, wurde er am 
14. Mai 1610 von Ravaillac ermordet. Seine Katastrophe und der 
bald darauf erfolgte Ausgleich der Prätendenten haben den schon 
damals unabwendbaren Krieg zwischen Frankreich und Habsburg 
noch einmal hinausgeschoben, haben es verhindert, daß er um das 
Rheinland und in dem Rheinland ausbrach. Er hat sich bekannt- 
lich 8 Jahre später an dem böhmischen Aufstand entzündet, das 
Rheinland wurde in ihm ein wenn auch stark heimgesuchter Neben- 
schauplatz. 

Der Erbfolgestreit selbst wurde durch eine Teilung der Lande 
beendet. Jülich-Berg bildete unter den inzwischen zum Katholi- 
zismus übergetretenen Pfalzgrafen von Neuburg einen neuen Klein- 
staat, Kleve mit Mark und Ravensberg erhielt der Kurfürst von 
Brandenburg. Damit hatte der Hohenzollernstaat auf beiden Ufern 
des Rheins Fuß gefaßt 1 ). Zwar blieb Kleve lange Zeit ein ent- 
legener, räumlich völlig abgetrennter Außenposten, der sich dem 
Gesamtstaat nicht leicht einfügen ließ, und sowohl der Große Kur- 
fürst wie Friedrich der Große haben mit dem Gedanken gespielt, 
dieses „disjectum membrum" gegen Gebiete in Mitteldeutschland 
umzutauschen, um hier einen geographisch abgeschlossenen Staats- 
körper zu schaffen. Aber für die Geschichte des Rheinlandes ist 
es von entscheidender Bedeutung geworden, daß das erstarkende, 



1) Die p]ntwicklung und Wandlungen der preußischen Politik am Rhein be- 
leuchtet am besten R. Koser, Die Rheinlandc u. die preuß. Politik (Westdt. Zeit- 
schr. 11, jetzt wieder abgedruckt in Koser, Zur preuß. u. deutschen Geschichte 
[Stuttgart 1021] S. 401 ff.j. 



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Die Stellung der Rheinlande in der deutschen Geschichte 315 

bald zu einer europäischen Macht heranwachsende Brandenburg- 
Preußen in seinen Kreis eintrat. 

Immer tiefer wurde das Rheinland in die Strudel der inter- 
nationalen Politik hineingerissen. Von jeher hatte diese seine Ent- 
wicklung maßgebend beeinflußt, zum Unterschied von den übrigen 
deutschen Territorien, die durch ihre geographische Lage dem Be- 
reich und den Interessen des Auslandes weit mehr entzogen waren. 
Selbst über sein Geschick zu bestimmen, machten ihm seine Zer- 
splitterung und klägliche Machtlosigkeit unmöglich. Wie fast alle 
die Koalitionskriege des 17. und 18. Jahrhunderts auf seinem Boden 
ausgetragen wurden — im spanischen Erbfolgekrieg erschienen 
hier zum ersten Male englische Truppen — , so mußte es in den 
diplomatischen Verhandlungen die Beschlüsse der Mächte unge- 
fragt über sich ergehen lassen. Es sank vollends zu einem Ob- 
jekt der großen Politik herab. Denn der Rückhalt, den es einst 
am Reich besessen hatte, war durch dessen Zerfall immer zweifel- 
hafter geworden und durch den Westfälischen Frieden völlig unter- 
miniert. Und doch bot das Reich den kleinen und kleinsten Herren 
am Rhein die einzige Grundlage ihrer Existenz und die einzige 
Deckung gegen äußere Gefahren. Die eigene Ohnmacht, die durch 
das neuerlangte Souveränitäts- und Bündnisrecht nicht verhüllt 
werden konnte, und der äußere Druck zwangen sie am Reiche 
festzuhalten. Daraus erklärt es sich, daß hier der Reichsgedanke 
nicht erlosch, sondern sich viel stärker behauptete als in den 
großen Territorialstaaten. Von den kleinen geistlichen und welt- 
lichen Fürsten im Westen und Süden Deutschlands, für die all- 
mählich die Bezeichnung das „Reich" schlechthin aufkam, ist der 
letzte Versuch zu einer Weiterbildung oder Wiederbelebung der 
Reichsverfassung ausgegangen *). 

Es war der alte, bereits 1254 eingeschlagene Weg der Einungen 
und Sonderbündnisse. Auf diese Weise wollte man die eigene 
Existenz und die vielberufene n Libertät u schützen, die Neutralität 
der hartbedrückten Lande in den europäischen Gegensätzen sichern 
und zugleich den Zusammenhalt und die Leistungsfähigkeit des 
Reichsverbandes stärken. Der förderal istische Gedanke sollte der 
Träger einer neuen „Reichspolitik" werden. Zum eifrigsten Ver- 
fechter dieser Pläne warf sich der Erzkanzler des Reiches, Kur- 
fürst Johann Philipp von Mainz auf. Sein Werk war der Rhein- 
bund von 1658, der zwar nach Mitteldeutschland übergriff, dessen 
Kern aber die Rheinuferstaaten bildeten. Indes ebensowenig wie 



1) Hierüber zusammenfassend Härtung S. 90 t}'. 



. ! . Original ftom 

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316 Walter Platzhoff 

der rheinische Bund von 1264 hatte diese rheinische Allianz auf 
sich allein angewiesen Aussicht auf Bestand. Sie konnte der An- 
lehnung an eine wirkliche Macht von Anfang an nicht entbehren 
und hatte nur zu wählen, bei welcher, bei Osterreich oder Frank- 
reich, sie sie suchen wollte. Da das Erzhaus den Fürsten als die 
größere Gefahr für ihre Libertät, der allerchristlichste König als 
deren traditioneller Beschützer erschien, fiel ihnen die Entschei- 
dung nicht schwer. Am Tage nach der Begründung des Rhein- 
bundes trat Ludwig XIV. als Mitglied in ihn ein. Sich den 
französischen Interessen dienstbar zu machen, waren die Fürsten 
keineswegs gewillt — das beweist die gleichzeitige Kaiserwahi 
des Habsburgers Leopold I. — aber eben darauf hatte es Mazarin 
abgesehen. Als die französischen Tendenzen nicht mehr zu ver- 
kennen waren, löste sich der durch die inneren Gegensätze schon 
gelockerte Rheinbund nach wenigen Jahren wieder auf. Der Traum 
einer selbständigen rheinischen Politik neben und zwischen den 
Mächten war abermals an der rauhen Wirklichkeit zerschellt. 

Die französischen Diplomaten hatten in dem Rheinbund das 
große Rad erblicken wollen, dessen stete Bewegung alles übrige 
mit sich fortziehen werde. Denn angesichts des unaufhaltsamen 
Niedergangs des Deutschen Reiches nahm das Frankreich Richelieus, 
Mazarins und Ludwigs XIV. das alte Programm wieder auf, der 
Gewinn der Rheingrenze wurde nach der Niederwerfung Spaniens 
das offen ausgesprochene Ziel seiner Ausdehnungspolitik. Mit der 
Erwerbung der österreichischen Besitzungen und Rechte im Elsaß 
durch den Westfälischen Frieden hatte sich Frankreich nach einem 
Ausspruch Richelieus den „Eintritt in Deutschland" geöffnet und 
die Flankenstellung am Oberrhein verschafft, von Metz und Dieden- 
hofen aus hielt es das Moseltal unter seinem Druck. Durch den 
Raub der Reunionen wurde diese Position weiter ausgebaut. Zu- 
gleich suchte der König freilich vergebens nach dem Vorbild der 
burgundischen Herzöge durch die Eroberung der spanischen Nieder- 
lande den anderen Hebel der großen Zange zur Abpressung des 
linken Rheinufers in die Hand zu bekommen. 

Auch in dem Trachten nach Köln wiederholte sich das Spiel 
Karls des Kühnen. Die Schwächlichkeit des wittelsbachischen Kur- 
fürsten Maximilian Heinrich und die Käuflichkeit seines allmäch- 
tigen Ministers, des Grafen Wilhelm Egon Fürstenberg, hatten das 
Erzbistum zum Mittelpunkt des französischen Allianzsystems im 
Reiche gemacht. Der bedeutendste Publizist dieser Jahre, der 
österreichische Diplomat Lisola, warnte bereits 1672 den Kaiser, 
„daß die Franzosen was immer sie vorgeben, vornehmlich die Herr- 



1 Original ftom 



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Die Stellung der Rheinlande in der deutschen Geschichte 317 

schaft des Rheines anstreben ; and da ihre Macht am Oberrhein .... 
genügend gesichert erscheint, fehlte zur Vollendung dieses Werkes 
nichts, als ihre Tyrannei auch dem Niederrhein aufzubürden 1 ). 
Wie richtig er ihre Taktik durchschaute, zeigte sich, als nach dem 
Tode des Kurfürsten (1688) Ludwig XIV. die Wahl Fürstenbergs 
durchzusetzen suchte und nach der hierbei erlittenen Niederlage 
zu den Waffen griff. Die Absicht, Kurköln unter seinem Einfluß 
zu behalten, war einer der Gründe zu dem sogenannten dritten 
Raubkrieg. 

Aber jetzt erwies sich auch, daß zur Verteidigung des Rhein- 
landes gegen den frechen Überfall ganz Deutschland einig war. 
Die Raubpolitik des Königs hatte schon vorher eine steigende 
nationale Erbitterung wachgerufen, zur Abwehr scharten sich alle 
deutsche Fürsten, ohne Unterschied der Konfession, mit dem Kaiser 
zusammen. Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg war es, der 
1689 den letzten Stützpunkt der Franzosen im Erzstift, die Stadt 
Bonn eroberte. Zur Wiedergewinnung aller reunierten Gebiete 
reichten allerdings die Kraft und die Geschlossenheit des Reiches 
nicht aus, aber das Kernstück des linken Rheinufers blieb vor der 
französischen Schutzherrscbaft bewahrt. 

Trotzdem und trotz des Verlustes der kontinentalen Hege- 
monie hielt auch das geschwächte Frankreich des 18. Jahrhunderts 
an der „ewigen Forderung des Königreichs Austrasien a *) fest. 
Nachdem die Gewalt nicht zum Ziele geführt hatte, versuchte 
man es erneut mit der friedlichen Durchdringung, für die die terri- 
toriale Zerklüftung des Rheinlandes nach wie vor den denkbar 
günstigsten Boden abgab. Konnte man in der ersten Hälfte des 
Jahrhunderts auf die mit Habsburg verfeindeten Witteisbacher 
zählen, so fiel 1768 das militärisch äußerst wichtige Kurtrier an 
einen nahen Verwandten und eifrigen Anhänger der Bourbonen, 
den Sachsen Clemens Wenzeslaus s ). Mit einem Vorfeld aus ohn- 
mächtigen neutralen Kleinstaaten wollten sich einsichtige franzö- 
sische Staatsmänner zunächst begnügen. Daß Österreich sich immer 
mehr aus der Westmark zurückzog und für italienische Erwerbungen 
Straßburg und Lothringen opferte , war in Paris höchst will- 
kommen. 

Eben deshalb richteten die Patrioten am Rhein schon damals 



1) A. F. Pribram, Franz Paul Freiherr von Lisola u. die Politik seiner Zeit 
(Leipzig 1894) S. 537 f. 

2) So Sorel a.a.O. S. 415. 

3) Die französische Diplomatie berichtet 1787 von ihm „L'electeur de Treves 
voudrait etre Francis" (Sorel 417 A. 2). 



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318 Walter Platzhoff 

ihr Augenmerk auf die zweite deutsche Großmacht, auf Preußen, 
das gerade damals eine einheitliche, schlagfertige Armee schuf. 
Der Trierer Kurfürst Franz Georg von Schönborn bat 1734, in 
den Nöten des polnischen Erbfolgekrieges, den König Friedrich 
Wilhelm I. um seine Waffenhilfe, aber dieser lehnte ab unter 
Hinweis auf die Absendung seines kaiserlichen Auxiliarkorps und 
auf den eigenen Bedarf 1 ). Der linksrheinische Besitz der Hohen- 
zollern war inzwischen durch die Grafschaft Mors und das Ober- 
quartier von Geldern vergrößert und abgerundet worden, aus 
dem Nachlaß des Hauses Neuburg verlangte Friedrich Wilhelm L 
das Herzogtum Berg. Aber weder der Kaiser noch Frankreich 
gönnten ihm einen Macbtzuwachs am Rhein. Als Kardinal Fleury 
in seinem Gegensatz zu Habsburg dem König 1739 insgeheim den 
Anfall von Berg garantierte, nahm er die Hauptstadt Düsseldorf 
und den Uferstreifen von dort bis zur Siegmündung ausdrücklich 
aus. Vom Strom selbst sollte der neue Militärstaat ferngehalten 
werden. Damals hatte es den Anschein, als ob der heraufziehende 
Krieg zwischen Österreich und Preußen sich im Rheinland ent- 
fachen werde. Da trat wie bei der jiilich-klevischen Erbfolge der 
Tod dazwischen: der letzte Habsburger sank vor dem letzten Neu- 
burger ins Grab. Der Kampf entbrannte um eine reichere Beute. 
Um Schlesiens willen verzichtete Friedrich IL auf die Ansprüche 
am Rhein. 

So blieb das Rheinland ohne einen starken Rückhalt, denn 
das morsche Reich und seine Kreisverfassung boten nicht mehr 
den geringsten Schutz. Daran scheiterte auch die letzte Selb- 
stähdigkeitsregung des deutschen Episkopates gegenüber dem rö- 
mischen Kurialismus in der Emser Punktation. Um so ungehemmter 
konnte sich der französische Einfluß sowohl in politischer wie be- 
sonders in geistiger Beziehung ausdehnen. Als die Ideen von 
1789 und ihnen folgend die Revolutionsheere sich in unwidersteh- 
lichem Strom über das Rheinland ergossen, stürzte seine Klein- 
staaterei, die über 150 Territorien und Herrschaften, die es auf- 
wies, wie ein Kartenhaus zusammen. 

Das alte Ziel der französischen Expansionspolitik war jetzt 
erreicht. Das ganze linke Rheinufer wurde einverleibt, Osterreich 
über den Inn, Preußen über die Elbe zurückgeworfen. Zwischen 



1) Feldzüge des Prinzen Eugen Bd. 19 (Wien 1S91) S. 180. — Über die 
Politik Triers vgl. die noch ungedruckte Bonner Dissertation von H. Goering, 
Die auswärt. Politik des Kurfürstentums Trier unter Franz Georg von Schön- 
born (1917). 



t . Original from 



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Die Stellung der Rheinlande in der deutschen Geschichte 319 

ihnen und dem neuen Karolingerreiche ward, wie Sieyes es schon 
1795 gefordert hatte, ein Gürtel intermediärer Staaten geschaffen, 
die Napoleon zu dem Rheinbund zusammenfaßte. Das „dritte 
Deutschland", die rheinische Allianz des 17. Jahrhunderts, lebte 
als Trabant des Korsen wieder auf. Irgendwelche Selbständigkeit 
und Handlungsfreiheit nach außen gestattete der Protektor nicht; 
von den vierzig Artikeln der Rheinbundsakte wurden bezeich- 
nenderweise nur diejenigen über die militärischen Leistungen der 
Mitglieder ausgeführt. Zwei Jahrzehnte stand das Rheinland 
mittelbar und unmittelbar unter französischer Herrschaft. Sie 
wurde je länger desto mehr als Fremdherrschaft empfunden. Die- 
jenigen Rheinländer, die wie der Kreis des jungen Görres anfangs 
eine „unabhängige cisrhenanische Republik" begeistert begrüßt 
hatten, kamen, durch die Wirklichkeit belehrt, schon bald von 
ihren Illusionen zurück. Görres sah bereits 1800 „eine tiefe Kluft 
zwischen dem französischen und dem teutschen Nationalcharakter 
bevestigt", und in seiner Abhandlang r Über den Fall Teutsch- 
lands und die Bedingungen seiner Wiedergeburt" (1810) nennt er 
es unter allen Verblendungen die unseligste, „wenn ein Volk seine 
Eigentümlichkeit verläßt , wenn es , mißkennend seine innerste 
Natur, in fremde Kreise hinübertaumelt" '). Aus eigener Kraft 
konnte sich das Rheinland nicht befreien, erst der Übergang der 
Allierten über den Strom bereitete 1814 der Fremdherrschaft ein 
Ende. 

Während der langen Verhandlungen des Wiener Kongresses 
über das Schicksal des Rheinlandes drohte noch einmal eine 
Wiederkehr der alten unseligen Zustände. Der Plan, den König 
von Sachsen auf dem linken Rheinufer für sein an Preußen ab- 
zutretendes Stammland zu entschädigen, mußte die Kleinstaaterei 
und die politische Ohnmacht der deutschen Westmark verewigen. 
Den Vorteil davon hätte Frankreich gehabt, und doch war es 
gerade sein Vertreter Talleyrand, der dieses Projekt hintertrieb 
und im Verein mit England und Österreich Preußen das linke 
Ufer förmlich aufzwang. Es war, wie R. Koser treffend urteilt 2 ), 
„das größte Verdienst, das je ein französischer Staatsmann um 
Deutschland sich erworben hat". Nur widerstrebend übernahm 
die Monarchie Friedrichs des Großen die Grenzwacht am Rhein, 



1) Über Görres' Stellung zur französischen Herrschaft zusammenfassend 
.1. Hashagen, Das Rheinland u. die franzos. Herrschaft (Bonn 1908) S. 406 ff., 
besonders 456 ff. 

2) A. a. 0. S. 414. 



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320 Walter Platzhoff, Die Stellung der Rheinlande usw. 

und die Masse der Rheinländer trat nicht freudig in den pro- 
testantischen, straff organisierten Militär- und Beamtenstaat ein. 
Das Einleben vollzog sich beiderseits nicht ohne Reibungen und 
Konflikte. 

Die Stellung des Rheinlandes in der deutschen Geschichte 
des 19. Jahrhunderts erhält ihr Gepräge durch den gewaltigen 
wirtschaftlichen Aufschwung und die führende Rolle, die die Pro- 
vinz in der Entwicklung des deutschen Parteiwesens spielte. Das 
Aufblühen war nur möglich auf Grund der Zugehörigkeit zu 
Preußen, die neben dem Anschluß an ,ein großes einheitliches 
Wirtschaftsgebiet die Sicherheit nach außen bot und allen Ein- 
mischungsgelüsten der Nachbarn einen Riegel vorschob. Frank- 
reich ließ seine alten Absichten auf die Rheingrenze auch unter 
der Restauration, dem Bürgerkönigtum und erst recht unter dem 
dritten Napoleon nicht fallen *). Nur um diesen Preis wollte der 
Kaiser die nationale Einigung Deutschlands zulassen und damit 
dem neuen Gebäude von vornherein den Eckstein ausbrechen. Die 
Schlachten von Königgrätz und Sedan haben auch über das Ge- 
schick des Rheinlandes entschieden. Der Wiedergewinn Elsaß- 
Lothringens beseitigte Frankreichs Ausfallstore und Keilstellung 
am Oberrhein und an der Mosel, er deckte das Rheinland an 
seiner empfindlichsten Flanke. 

Der Ausgang des Weltkriegs hat die deutschen Erfolge von 
1870/71 zunichte gemacht. Wiederum ist das Rheinland des 
Deutschen Reiches Schicksalsland. Heute sieht es sich von einer 
doppelseitigen Umklammerung bedroht, im Süden durch Frank- 
reich, im Norden durch das mit ihm verbündete, um Eupen-Mal- 
medy vergrößerte Belgien. Allein kann es sich der Gefahr nicht 
erwehren. Das lehrt jedes Blatt seiner Geschichte. Sie zeigt 
aber auch, wo die starken Wurzeln seiner Kraft liegen: in dem 
festen, unerschütterlichen Zusammenhalt mit dem Reich. Nicht in 
einer lockeren staatsrechtlichen Verbindung, wie sie von 1648 bis 
zur Auflösung des alten Reiches bestand und mehr und mehr ver- 
sagte, sondern in der engsten politischen, wirtschaftlichen und 
geistigen Gemeinschaft mit ihm. Und darum kann die Verzahnung 
nicht dicht genug sein. 



1) 1868 forderte Charles Muller, Nos frontieres du Rhin, auf grund der 
Einheit des Rheintales zu dem französischen Straßburg ein französisches Köln ! 
Eine Fülle von weiteren Belegen in dem angeführten Buch von A. Schulte. 



Original From 

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Die Vereinigten Staaten und Europa 

Ein geschichtlicher Rückblick 1 ) 

Von 

Friedrich LuckwaJdt 

Das Verhältnis der Vereinigten Staaten von Amerika zu der 
Staatenwelt Europas hat die deutsche Öffentlichkeit lange recht 
wenig beschäftigt. Das Interesse für amerikanische Dinge, das an 
sich sehr wohl vorhanden war, richtete sich überwiegend auf Fragen 
der inner- und wirtschaftspolitischen Entwicklung. Man konnte 
meinen, alte und neue Welt wären, gegenseitig unbeeinflußt, ganz 
ureigene Wege gegangen. Nun sind die Hauptlinien ihrer Ge- 
schichte tatsächlich auf weite Strecken rein nebeneinander ver- 
laufen, ohne sich zu schneiden. Aber zu andern Zeiten hat es doch 
starke Wechselwirkungen gegeben, und diese Wechselwirkungen 
fordern umsomehr eine Betrachtung, als das vorläufig letzte Er- 
gebnis: das entscheidende Eingreifen Amerikas in den großen Krieg 
der europäischen Mächte nur so wirklich erklärt und begriffen 
werden kann. 



1) Der folgende Aufsatz ist ans einem Vortrag entstanden, den ich auf 
Einladung des damaligen Generalgouverneurs von Polen, Generaloberst von Beseler, 
am 19. Januar 1918 in Warschau hielt. Ich hatte mir das Thema im Mai 1917 
gewählt, also ehe mir die eindringende und umfassende Abhandlung zu Gesicht 
kommen konnte, die Erich Brandenburg unter dem gleichen Titel im Juli und 
August 1917 in der Deutschen Rundschau veröffentlichte (Bd. 172, S. 21 ff. und 
S. 175 ff.). Dann war mir diese Arbeit, obwohl sie im ganzen anders, mehr nach 
der Gegenwart orientiert ist, im einzelnen von erheblichem Nutzen. Daneben bin 
ich zu besonderem Dank verpflichtet der ausgezeichneten Untersuchung von Her- 
mann Oncken, Amerika und die großen Mächte (Historisch-politische Aufsätze und 
Reden I, S. 37 ff.). Von amerikanischen Werken nenne ich als grundlegend Archi- 
bald H. Coolidge, Die Vereinigten Staaten als Weltmacht, deutsch von Walter 
Lichtenstein, und Willis F. Johnson, America's Foreign Relations, 2 Bde. Im 
Übrigen verweise ich auf die Literaturangaben zu den entsprechenden Abschnitten 
meiner „Geschichte der Vereinigten Staaten", 2 Bde., 1920. 

21 



Original from 



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322 Friedrich Luckwaldt 

Natürlich hat die Untersuchung auszugehen von den Umständen, 
unter denen die englischen Kolonien in Nordamerika begründet 
wurden. Diese Gründungsgeschichte ist sehr eigenartig und sehr 
lehrreich. Sie schlägt sogleich stark und voll den Grundakkord 
an, auf den alles weitere abgestimmt ist. Kolonisten pflegen ge- 
trieben zu werden von dem Streben nach mehr Reichtum, mehr 
Macht, mehr Abenteuer. Solch Streben ist für die Ansiedler in 
der einen der beiden Kolonien, die die Eckpfeiler der späteren 
Union bildeten, Virginia, tatsächlich der Antrieb gewesen. Die 
zweite Niederlassung aber in Massachusetts, in Neuengland, ent- 
sprang wesentlich aus religiösen, idealistischen Motiven. Die Pilger- 
väter, die sich 1620 auf der Maiblume einschifften, waren nicht 
„Schaum oder Hefe der Gesellschaft", sondern fromme, gesetzte 
Männer, die die neue Welt nur aufsuchten, weil sie in der alten 
ihrem Gott nicht nach ihrer Art als puritanische Sektierer mit 
freier Gemeindeverfassung dienen konnten. Sie standen auf dem 
Boden des kalvinistischen Prädestinationsdogmas, wonach gewisse 
Menschen zum Heil vorherbestimmt sind. Solche Menschen meinten 
sie und meinten die meisten, die ihren Spuren folgten, zu sein. 
Sie fühlten sich ganz alttestamentlich als auserwähltes Volk. „Gott 
siebte eine ganze Nation, um erlesenen Samen in diese Wildnis zu 
senden' 1 sagte Gouverneur Stoughton noch am Ende des 17. Jahr- 
hunderts. Inzwischen hatte das Beispiel der Pilgerväter fort- 
gesetzt Nachahmung gefunden. Verfolgte Katholiken gründeten 
Maryland, verfolgte Quäker New Jersey und Pennsylvania. Penn 
bezeichnete seinen Staat ausdrücklich als „ein heiliges Experiment". 
Amerika erschien ihm und jenen anderen als eine Art Kanaan, als 
ein gelobtes Land, wo sie die neuen Ideale christlichen Lebens 
verwirklichen konnten, und diese Ideale hatten nun von vornherein 
auch ihre politische Seite. Der Kirchenverfassung, die demokratisch 
war im altchristlichen Sinn, sollte die Verfassung von Staat und 
Gesellschaft entsprechen. Daheim in England hatte die große Re- 
volution der vierziger und fünfziger Jahre des 17. Jahrhunderts 
vergebens versucht, das durchzusetzen. Mindestens zur guten Hälfte 
war sie rückgängig gemacht, abgelenkt, umgebogen worden. In 
Amerika wirkte sie dauernd nach. Die Kolonisten blieben erfüllt 
von dem Geist Cromwells, Miltons, Harringtons, der ihre Vorfahren 
übers Meer getrieben hatte, und trotz aller wirtschaftlichen und 
kulturellen Abhängigkeit vom Mutterland waren sie sich deshalb 
bewußt, daß ihr Kirchen- und Staatswesen eine höhere, fortge- 
schrittenere und gottwohlgefälligere Entwicklungsstufe darstellte. 

So wurde es möglich, daß, als man nach 1763 von London aus 



i . Original from 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 323 

versuchte, sie stärker an den Zügel zu nehmen, der Unabhängig- 
keitskrieg die Antwort war. Die amerikanische Revolution ist, 
wie aus tausend Einzelzügen klar wird, noch eine entfernte Nach- 
wirkung der englischen fünfviertel Jahrhunderte zuvor. Sie ent- 
stand äußerlich aus sehr materiellen, fast kleinlichen Steuer- und 
Handelsstreitigkeiten. Aber sehr bald betonten die amerikanischen 
Patrioten daneben und darüber hinaus die großen allgemeinen 
Gegensätze: Amerikas Freiheit und europäische Tyrannei. In der 
gelesensten Kampfschrift der Zeit, Paines „ Common Sense", heißt 
es: „Jeder Fleck der alten Welt erliegt unter Bedrückung. Man 
hat auf die Freiheit Jagd gemacht rund um den Erdkreis. Oh, 
nehmt Ihr die verfolgte auf und bereitet bei Zeiten eine Zufluchts- 
stätte für die Menschheit". Noch lebte in vielen Gemütern die 
religiöse Vorstellung von der Messias-Mission des amerikanischen 
Volkes fort, durch das Gott den anderen Völkern den Weg zeige. 
Nun verschmolz damit die Aufklärungsphilosophie des Zeitalters. 
Weil Vernunft und Natur hier auf dem jungfräulichen Boden der 
neuen Welt nicht durch so viele störende Reste der Vergangenheit 
überwuchert seien, legte man sich die Aufgabe bei, die ursprüng- 
lichen Menschenrechte, die unantastbaren Rechte der freien Per- 
sönlichkeit, erstmals zur Anerkennung zu bringen. Die Unab- 
hängigkeitserklärung vom 4. Juli 177ö stellte sie eindrucksvoll an 
die Spitze. 

Und was sehr wichtig werden mußte, die europäische Welt 
ging bereitwilligst auf die amerikanische Auffassung ein. Die 
Sache der aufständischen Kolonien war die Sache aller aufge- 
klärten Geister, aller „Philosophen" in ganz Europa. Ihr Kampf 
galt als Freiheitskampf der Menschheit. Sogar im Preußen Fried- 
richs des Großen erschien eine Ode, die m Europa tröstete, daß es 
sich auf Amerikas Spuren ein neues Glück gewinnen könnte: 

Und Du, Europa, richte das Haupt empor; 

Einst glänzt auch Dir der Tag, wo die Kette bricht, 

Du, Edle, frei wirst. Deine Fürsten 

Scheuchst und, ein glücklicher Vulksstaat, grünest" *). 
Auch fand das Beispiel Amerikas wirklich wenigstens in einem 
Teil Europas, in Frankreich, Nachahmung. Es kann gewiß nie- 
mand einfallen, die französische Revolution in erster Linie auf den 
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zurückführen zu wollen. Aber 
ein Zusammenhang, ein recht enger sogar, bestand freilich. Nicht 



1) K. Tb. Heigel, Deutsche Geschichte vom Tode Friedrichs d. Gr. bis zur 
Auflösung des alten Reiches I, 276. 

21* 



1 Original ftom 



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324 Friedrich Luckwaldt 

nur zufällig ist Lafayette, der Mitkämpfer Washingtons, eine der 
leitenden Persönlichkeiten auch in den Anfängen der französischen 
Bewegung, der „Befreier zweier Welten", wie man ihn gepriesen 
hat- Im großen wie im kleinen, von den Menschenrechten ange- 
fangen bis zu manchen Einzelheiten der Gesetzgebung wurden 
amerikanische Muster kopiert. 

In Amerika hörte man gern davon. Die Begeisterung für die 
französische Revolution war in weiten Kreisen sehr lebhaft und 
laut und hatte nun wieder ihrerseits wichtige Folgen. Niemals 
vorher oder nachher war die Einwirkung Europas auf die neue 
Welt so stark und unmittelbar. Bis dahin hatte sich trotz des 
Unabhängigkeitskrieges mancher Rest englisch-aristokratischer 
Sitte und Auffassung erhalten. Jetzt unter dem Einfluß der 
französischen Revolution bildete sich eine eigene bald siegreiche 
Partei, die sich mit Betonung republikanisch nannte und den folge- 
richtigen Ausbau der demokratischen Staats- und Gesellschafts- 
verfassung im Sinne weitestgehender Gleichheit und Einzelfreiheit 
verlangte. Jefferson, der eigentliche Vater der amerikanischen 
Demokratie, erklärte ausdrücklich, die Regierung beschränken zu 
wollen auf einige wenige einfache Pflichten, die einige wenige 
Personen ausübten. Einmal meinte er paradox, er zweifle, ob 
nicht ein Zustand gleich dem indianischen ganz ohne Regierung 
der beste sei. Es ist dieselbe Losung: möglichst wenig Staat 
und möglichst viel Individuum, die unter demselben Einfluß von 
Frankreich her unter den deutschen Geisteshelden der Zeit ver- 
breitet war 1 ). 

Aber während sie in Amerika zunächst nur immer fester 
Wurzel schlagen sollte, unterlag sie auf dem alten Kontinent sehr 
bald ganz andersartigen Bestrebungen. Indem die französische 
Revolution über Wohlfahrtsausschuß und Direktorium in die Militär- 
diktatur Napoleons ausmündete, wuchsen in Europa überall die 
Anforderungen und Befugnisse des Staates. Nicht nur Freiheit 
und Eigentum, auch Leben und Gesundheit der einzelnen wurden 
ihm rücksichtslos geopfert. Es begann jene furchtbare Reihe von 
Kriegen, die durch mehr als zwei Jahrzehnte einer den andern 
ablösten. 

So mußte sich unter dem Feldgeschrei: hie Staatsallmacht, hie 
Einzelrecht, hie Krieg, hie Frieden der Gegensatz zwischen alter 
und neuer Welt nun vollends herausstellen. Anfangs war zwar 
in manchen amerikanischen Kreisen Stimmung, aus republikanischem 



1) F. Meinecke, Das Zeitalter der deutschen Erhebung S. 23. 



I . Original from 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 325 

Gemeingefühl und Haß gegen England an Frankreichs Seite in den 
Kampf einzutreten; aber Washington als Präsident leitete die 
Politik dennoch im Sinne strenger Neutralität und Selbstbehaup- 
tung. Noch seine berühmte Abschiedsadresse von 1796. die den 
Amerikanern als eine Art Evangelium gilt, lehrte in eindringlich 
wiederholten Sätzen, daß dauernde und eingewurzelte Abneigungen 
gegen gewisse Völker und leidenschaftliche Neigungen für andere 
ausgeschlossen sein und dafür gerechte und freundliche Gefühle 
gegen alle gepflegt werden müßten. Das Volk, das einem anderen 
gegenüber sich gewohnheitsmäßigem Haß oder gewohnheitsmäßiger 
Liebe überließe, sei gewissermaßen ein Sklave. „Europa hat eine 
Reihe ursprünglicher Interessen, die zu uns keine oder nur eine 
ganz entfernte Beziehung haben. Warum sollten wir, indem wir 
unser Schicksal mit dem von irgend einem Teil Europas verweben, 
unsern Frieden und unser Glück in die Netze europäischen Ehr- 
geizes und Interesses, europäischer Nebenbuhlerschaft, Stimmung 
oder Laane verstricken? Die richtige Politik für uns ist, unsern 
Kurs zu nehmen frei von dauernden Bündnissen mit irgendeinem 
Teil der fremden Welt". Auch Jefferson, Washingtons zweiter 
und sein bedeutendster Nachfolger, blieb, obwohl er persönliche 
Sympathien für Frankreich hatte, diesem Programm treu: „Frieden, 
Handel und aufrichtige Freundschaft mit allen Völkern, verwickelnde 
Allianzen mit keinem' ; . Er war überzeugter Amerikaner und Pa- 
zifist. Der Glaube, daß Amerika etwas Höheres und Besseres sei 
als Europa, hat keinen beredteren Prediger gehabt als ihn. Im 
Ton des Sehers pries er gleich in seiner Antrittsrede von 1801 
die wachsende Nation, die reißend schnell fortschritte zu Ge- 
schicken, die sich dem Bereich des sterblichen Auges entzögen, 
dabei — hier zeigt sich das Überlegenheitsgefühl gegenüber Eu- 
ropa — freundlich abgetrennt durch Natur und den weiten Ozean 
von dem verwüstenden Morden eines andern Erdteils, zu hoch- 
gesinnt, um die Entwürdigungen der andern zu ertragen, im Be- 
sitz eines gelobten Landes mit Raum genug für tausend und aber- 
tausend Generationen. Möchten die andern Völker nur Sinn für 
die Macht haben und das Recht vergessen, für die Amerikaner 
nahm er in Anspruch, daß ihre Interessen immer unzertrennlich 
seien von ihren moralischen Pflichten. Eine naive Vorstellung, die 
die Amerikaner noch heute veranlaßt, überall da, wo ihr Interesse 
liegt, eine moralische Pflicht zu entdecken. Inmitten der allge- 
meinen Vernichtung von Leben und Eigentum sollten sie friedlich 
die Früchte ihres Fleißes genießen und in gesegneter Gegenwart 
einer noch größeren Zukunft entgegenreifen. 



| . Original ftom 



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326 Friedrich Luckwaldt 

Tatsächlich brachte die Selbstzerfleischung Europas Amerika 
die Möglichkeit, sich in einer Art selbständig zu entwickeln, die 
sonst undenkbar gewesen wäre. Ursprünglich hatte es als eine 
Anmaßung, fast als eine Lächerlichkeit erscheinen können, daß die 
dreizehn Kolonien, die 1776 ihre Unabhängigkeit erklärten, sich 
schlankweg „Vereinigte Staaten von Amerika" nannten. Denn sie 
waren fast noch ganz auf den atlantischen Abhang, den Raum zwi- 
schen dem Alleghany-Gebirge und dem atlantischen Ozean, also einen 
geradezu verschwindend kleinen Teil des Kontinents, beschränkt. 
Dann hatten sie im Frieden von 1783 freilich durchgesetzt, daß ihnen 
alles Land bis zum Mississippi zuerkannt wurde. Aber jenseits des 
Mississippi in den altfranzösischen Kolonien von Louisiana gebot 
Spanien, ja die wichtige Flußmündung, Neu-Ürleans, war in seiner 
Hand. Nun, da im Verlauf der großen Welthändel Spanien Loui- 
siana an Frankreich zurückgeben mußte und Napoleon schließlich 
fürchtete, es gegen die Feindschaft Englands doch nicht behaupten 
zu können, gelang es der geschickten und sehr energischen Diplo- 
matie Jeffersons, den ersten Konsul zu bestimmen, daß er 1803 
Louisiana für 80 Millionen Francs an die Vereinigten Staaten ver- 
kaufte. Es war eins der ganz großen Ereignisse der amerikanischen 
und der Weltgeschichte ; denn nunmehr erst mit dem Louisianakauf 
gewann die Union den Vorrang wenigstens in Nordamerika und 
volle Sicherheit gegenüber Spanien und Frankreich. 

Zugleich aber neben der äußeren, politischen förderte der Fort- 
gang des Krieges dann auch die innere, wirtschaftliche Unabhängig- 
keit von der alten Welt. Die amerikanische Volkswirtschaft war 
zunächst noch nicht allzuweit über den Kolonial zustand hinaus- 
gewachsen. Die Arbeit richtete sich in erster Linie auf Gewinn 
von Rohprodukten. Fabrikate wurden überwiegend eingeführt. Es 
gab noch recht wenig Industrie. Neben dem Landbau waren viel- 
mehr Handel und Schiffahrt Quellen des Reichtums. Insbesondere 
die Schiffahrt beschäftigte einen unverhältnismäßig großen Prozent- 
satz der Bevölkerung. Der Krieg begünstigte das anfangs, da 
wegen der Vernichtung der französischen, spanischen und holländi- 
schen Handelsflotten Amerikas Reeder und Matrosen goldene Ernte 
hielten. Je länger je mehr aber sahen sich die Kriegführenden 
veranlaßt, dem amerikanischen Handel, der zum nicht geringen 
Teil Schleichhandel war, entgegenzutreten. Die englische und die 
französische Regierung überboten sich in vexatorischen Maßnahmen. 
Frankreich hielt sich wenigstens nur an die Schiffe. England ver- 
griff sich daneben an amerikanischen Matrosen. Unter dem Vor- 
geben, daß sie britische Staatsangehörige seien, wurden sie zum 



Original ftom 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 327 

Dienst auf seiner Kriegsflotte gepreßt. Darüber gab es Zwischen- 
fälle, die es fast unmöglich machten, den Frieden zu bewahren. 
Jefferson, der dem Krieg doch widerstrebte, wußte sich schließlich 
keinen anderen Rat, als 1807 durch ein Embargo jeden Handel 
mit Europa zu verbieten. „Zu unserem Glück, sagte er später 
einmal, kann der Mammuth, Frankreich, nicht schwimmen, und der 
Leviathan, England, sich nicht auf dem Trockenen bewegen, und 
wenn wir ihnen aus dem Weg bleiben, können sie nicht an uns 
heran". Andere verglichen die Politik der der Schildkröte, die in 
Gefahr ihren Kopf unter den Panzer zurückziehe. Die übermäßige 
Inanspruchnahme von Arbeitskraft und Kapital durch die Schiff- 
fahrt hörte auf. Dafür wuchs die Industrie außerordentlich. Das 
Ideal einer in sich geschlossenen Wirtschaft, bei der Bauer und 
Gewerbetreibender im Land selbst ihre Produkte tauschten, wurde 
aufgestellt. Von dem Embargo von 1807 führt eine direkte Linie 
zu der modernen amerikanischen Schutzzollpolitik. 

Allerdings seinen nächsten Zweck, die Erhaltung des Friedens 
erreichte es schließlich nicht, schon weil es sich gegen die starken 
Widerstände der geschädigten Handels- und Schiffahrtsinteressen 
nicht voll aufrechterhalten ließ. 1812 unter dem neuen Präsidenten 
Madison rissen eine Reihe junger Politiker, die man die Kriegs- 
falken nannte, und unter denen Henry Clay die erste Rolle spielte, 
den Kongreß zur Kriegserklärung an England fort. Aber die 
Nation begann den Krieg jetzt in ganz anderem Geist, als sie 
ihn 1793/4 geführt haben würde. Von einer Bundesgenossenschaft 
mit Frankreich war so wenig die Rede, daß einige Fanatiker sogar 
einen dreieckigen Krieg zugleich gegen England und Napoleon 
empfohlen hatten. Vielmehr beseelte die Männer der Kriegspartei 
ein ausgesprochen amerikanischer Patriotismus, der schon fast im- 
perialistische Züge trug 1 ). Ihnen ging es um die Größe und Zu- 
kunft ihres Volkes, von dem sie meinten, daß es durch Hinnahme 
so vieler Beleidigungen für den Judaslohn von Handelsvorteilen 
seine Seele verkaufe. Es müsse aus einer Nation von Krämern 
wieder eine Nation von Helden werden. Etwas von der neuen 
lebendigen, aggressiven Staatsgesinnung, die die eiserne Zeit in 
Europa erzeugte, ging unwillkürlich auch auf Amerika über und 
setzte sich gegen den bequemen ruheseligen Individualismus der 
älteren Demokratie. Daneben kam inbetracht, daß man England 
für genügend geschwächt und gefesselt hielt, um ihm Kanada ab- 



1) Sehr stark, vielleicht ein wenig zu stark herausgearbeitet von Oncken, 
a. a. 0. S. 50 ff. 



. l , Original ftom 

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328 Friedrich Luckwaldt 

nehmen nnd damit das Werk des Loaisianakaafes fortsetzen, aach 
im Norden volle Ellbogenfreiheit gewinnen zn können. Die Ge- 
legenheit schien günstig, um das Ideal eines einigen freien Nord- 
amerika seiner Verwirklichung einen gewaltigen Schritt näher zu 
führen. Jefferson, schon nar noch ein Zuschauer, da er sich 1809 
ins Privatleben zurückgezogen hatte, schrieb zuversichtlich, die 
Eroberung Kanadas werde ein militärischer Spaziergang sein und 
die schon weit vorgeschrittene Katastrophe Englands vollenden. 
Dann aber malte er sich als Folge von Englands Niederlage eine 
Revolution aas: „eine Republik dort gleich der unseren und eine 
Einschränkung seiner Seemacht würde seine Erhaltung selbst für 
uns von Wert machen". Schon etwas früher (2. Januar 1812) 
hatte er noch bezeichnender gemeint: „Wir sollten beten, daß 
die europäischen Mächte sich dermaßen in Balance und Kontre- 
balance untereinander halten, daß ihre eigene Sicherheit all ihre 
Kräfte daheim erfordert und sie die übrigen Teile der Erdkugel 
in ungestörtem Frieden lassen. Wenn wir stark genug wären, 
unserer Halbkugel das Gesetz aufzuerlegen, so müßte es darin 
bestehen, daß der Meridian, der mitten durch den atlantischen 
Ozean läuft, die Grenzlinie zwischen Krieg und Frieden bildet, 
diesseits von der keine Feindseligkeiten begangen werden und der 
Lowe und das Lamm in Frieden nebeneinander ruhen sollten". 
Also das Ideal war, „unserer Halbkugel*' das Gesetz zu geben, 
aber ein Gesetz des Friedens. Imperialistische und pazifistische 
Strömungen gingen schon damals nicht nur im Volk, sondern im 
einzelnen Staatsmann merkwürdig durcheinander. Der Krieg dann 
verlief doch anders, als man erwartet hatte. Es zeigte sich, daß 
Amerika einen falschen Zeitpunkt für sein Eingreifen gewählt 
hatte. Das Jahr 1812 war das Jahr des russischen Gottesgerichts, 
des großen Glücks wechseis in Europa. England, das man als ganz 
isoliert und zu drei Vierteln besiegt angesehen hatte, stand auf 
einmal wieder an der Spitze einer mächtigen Koalition da. Es 
bekam starke Kräfte für Amerika frei, konnte Kanada mit Glanz 
behaupten und den Krieg auf amerikanisches Gebiet hinübertragen. 
Bekanntlich hat 1814 ein englisches Heer die Bundeshauptstadt 
Washington besetzt und einen großen Teil der öffentlichen Gebäude, 
darunter das Kapitol, mutwillig zerstört. In Amerika ließ die 
Kriegsbegeisterung, die von vornherein nicht allgemein gewesen 
war, unter diesen Umständen sehr bald nach. Man war schließlich 
froh, zu Weihnachten 1814 einen Frieden zu erhalten, der alles 
beim alten ließ. Äußerlich war es durchaus ein Mißerfolg. 

Aber die öffentliche Meinung empfand ihn nicht als solchen. 



Original ftom 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 329 

Sie verweilte gern bei der Erinnerung einzelner Heldentaten zu 
Land und See, die natürlich vorgefallen waren, und fand im übrigen 
Trost, ja Stolz in dem Bewußtsein, ganz allein ohne die fremde 
Hilfe, deren man vor vierzig Jahren noch bedurft hatte, die ganze 
Macht des Mutterlandes bestanden zu haben. In diesem Sinne wird 
wohl von einem zweiten Unabhängigkeitskrieg gesprochen. Jetzt 
erst meinte man, das Band mit Europa endgültig zerschnitten zu 
haben. 

Und das nächste Jahrzehnt dann brachte, ohne daß man das 
Schwert hätte zu ziehen brauchen, eine gewaltige Verstärkung 
der Stellung gegenüber den europäischen Mächten. Der Louisiana- 
kauf hatte den Vereinigten Staaten den ersten Platz in Nord- 
amerika gesichert. Die Vormacht ganz Amerikas waren sie damals 
noch nicht geworden. Zunächst noch besaß Spanien ein weit 
größeres Gebiet mit einer weit größeren Bevölkerung: zu den Ko- 
lonien in Süd- und Mittelamerika hinzu noch Florida und Mexiko, 
Mexiko einschließlich der heutigen Unionsstaaten Texas, Neu-Mexiko, 
Californien, Utah, Nevada, Arizona und ansehnlicher Teile von 
Colorado und Wyoming. Indessen seine Herrschaft wankte doch 
eigentlich schon seit dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg. 
Während der napoleonischen Zeit sank sie vollends dahin, und als 
das restaurierte Königtum der Bourbonen nach 1814 den Versuch 
machte, seine alten Rechte wieder auszuüben, führte das allerorten, 
hier früher, dort später zu offenem Abfall. Auf den Trümmern 
des spanischen Kolonialreichs in Amerika erstanden eine Reihe 
von Republiken. 

Den Vereinigten Staaten konnte nichts erwünschter sein, als 
diese Entwicklung. Sie benutzten zunächst einmal die Gelegen- 
heit, um die Hand auf Florida zu legen. Wichtiger aber als die 
neue Erweiterung ihres Landbesitzes war, daß ihnen nun offenbar 
die Hegemonie in Amerika zufiel. Die neuen Schwesterrepubliken 
würden teils gewillt sein, teils gezwungen werden können, auf 
Ratschläge und Wünsche von Washington aus zu hören. Min- 
destens hatte man die Befriedigung, daß das republikanische System, 
das man selbst als vortrefflich erprobt hatte, sich nun mit Aus- 
nahme von Alaska, Kanada, Brasilien und den paar Kolonien in 
Guyana das ganze amerikanische Festland erobert hatte, und diese 
Befriedigung war umso größer, als die Nachrichten aus Europa 
erkennen ließen, daß dort nach dem Sturz Napoleons ein Rückfall 
fast in mittelalterliche Staatsauffassungen eingetreten war. Die 
drei Monarchen von Rußland, Österreich und Preußen hatten die 
Heilige Allianz begründet, in deren Stiftungsurkunde sie sich ihren 



i . Original from 



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330 Friedrich Luckwaldt 

Völkern gegenüber gut patriarchalisch als Familienväter bezeich- 
neten, und die neue christlich gefärbte Kollektivdespotie schien 
dann einigermaßen die höhnischen Verse Lord Byrons zu recht- 
fertigen : 

„Da habt Ihr die Dreieinigkeit auf Erden: 
Drei Narren wollten ein Napoleon werden". 

Überall, wo sich Völker gegen angestammte Mißregierang erhoben, 
in Griechenland, in Neapel, in Portugal, in Spanien wurde pünkt- 
lich interveniert. Auf Deutschland lasteten die Demagogenverfol- 
gungen. Österreich erstarrte unter dem Polizeidruck des Metter- 
nichschen Regimes. Flüchtlinge, Unzufriedene erschienen, die alte 
Welt anklagend, die neue feiernd, auf amerikanischem Boden. Wie 
sie empfanden, zeigt etwa ein Brief des klugen Deutschen Franz 
Lieber, der im Freiheitskrieg geblutet hatte, aber dann bald als 
Demagog schikaniert und verhaftet worden war. Er schreibt: „Ich 
glaube, daß die Sitten und Einflüsse des Mittelalters seiner Zeit 
für die Entwicklung der Völker nötig waren, jetzt aber dämmern 
neue und größere Ideen auf, die Europa zu versteinert oder ver- 
knöchert ist, auf- oder anzunehmen. Die neuen Ideen werden in 
Amerika Boden linden , viele haben schon Wurzel geschlagen. 
Niemals, soviel ich weiß, gab es eine Regierung, die so ganz zum 
Besten des Volkes eingerichtet gewesen wäre, keine Nation hat 
je so rasche Fortschritte gemacht". Ahnlich klingt es aus den 
Schriften eines anderen noch größeren deutschen Flüchtlings Friedich 
List. Und selbst der alte Goethe in der Ferne schrieb: 

^Amerika, Da hast es besser 
Als unser Kontinent der alte, 
Hast keine verfallenen Schlösser 
Und keine Basalte". 

In Europa Stockung, Versumpfung, auch wirtschaftlich, in Amerika 
frohes Regen aller Kräfte, Ausbreitung der Besiedlung, Wachsen 
der Volkszahl, Wachsen des Reichtums. So sahen es viele der 
Neuankömmlinge- So stellte sich das Bild erst recht für die Ame- 
rikaner selbst dar. Das Überlegenheitsgefühl, das sie nicht verlassen 
hatte, als der ungeheure Genius Napoleons Europa sein Gepräge 
gab, wuchs zu doppelter Stärke an, seit man dort ein trauriges 
Geschlecht von Epigonen und Philistern am Werk sah, die Ent- 
wicklung der Menschheit zurückzuschrauben. 

So war nach jeder Richtung der Boden gut vorbereitet, damit 
dies Überlegenheitsgefühl seinen bis heute maßgebenden Ausdruck 



Original from 
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Die Vereinigten Staaten und Europa 331 

fand. Unter dem vereinten Einfluß der Revolutionen in Südamerika 
und der Bestrebungen der Heiligen Allianz wurde 1823 die be- 
rühmte Monroedoktrin formuliert 1 ). 

Ihren ursprünglichen Inhalt hat man richtig in die Worte 
zusammengefaßt : Amerika den Amerikanern. Sie machte das Zu- 
geständnis, daß die Vereinigten Staaten sich nicht in die inneren 
Verhältnisse irgendwelchen europäischen Landes einmischen und 
bestehende Kolonien in Amerika nicht antasten würden. Aber die 
Begründung neuer Kolonien verbot sie: die amerikanischen Kon- 
tinente dürften zufolge der freien und unabhängigen Verfassung, 
die sie sich errungen hätten und behaupteten, nicht mehr als 
Gegenstand für zukünftige Kolonisation durch europäische Staaten 
angesehen werden; und dann stellte sie neben den Grundsatz der 
Nichtkolonisation den der Nichtintervention : „Das politische System 
der verbündeten Mächte ist von dem Amerikas seinem Wesen nach 
verschieden. Wir sind deshalb den guten Beziehungen, die zwischen 
den Vereinigten Staaten und ihnen bestehen, die Erklärung schuldig, 
daß wir jeden Versuch, es auf irgend einen Teil dieser Halbkugel 
auszudehnen als gefahrlich für unsern Frieden und unsere Sicher- 
heit betrachten müßten". 

Wie die Dinge lagen, war es dieser Punkt, der im Augenblick 
die größere Bedeutung hatte. Man fürchtete, daß Frankreich und 
Rußland versuchen könnten, die jungen noch von keinem euro- 
päischen Staat anerkannten spanisch -amerikanischen Republiken 
wieder monarchischer Herrschaft zu unterwerfen. Zuerst der eng- 
lische Minister Canning hatte bei dem amerikanischen Gesandten 
in London einen gemeinsamen Protest dagegen angeregt. In Amerika 
begriif man sogleich die ganze Tragweite der Frage. Der alte 
Jefferson, der noch einmal seinen Rat geben durfte, bezeichnete 
sie als die wichtigste seit der Unabhängigkeitserklärung. „Diese 
machte uns zu einer Nation. Jetzt heißt es den Kompaß und 
Kurs feststellen, nach dem wir durch den Ozean der Zeit steuern 
müssen. Die erste und grundlegende Regel für uns sollte sein, 
uns nie in die Zänkereien Europas zu verfangen, die zweite, nie 
zu dulden, daß Europa sich in cisatlantische Dinge mischt. Ame- 
rika, Nord und Süd, hat eine Reihe von Interessen, die von denen 
Europas verschieden und ihm eigentümlich sind. Deshalb sollte 



1) Für das Einzelne: Georg Heinz, Die Beziehungen zwischen Rußland, 
England und Nordamerika im Jahre lb23. Beiträge zur Genesis der Monroe- 
doktrin und Herbert Kraus, Die Monroedoktrin in ihren Beziehungen zur ameri- 
kanischen Diplomatie und zum Völkerrecht. 



1 Original from 



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332 Friedrich Luckwaldt 

es auch sein eigenes System haben, getrennt und abseit von dem 
Europas. Während Europa sich bemüht, der Sitz des Despotismus 
zu werden, sollte unser Bestreben sein, unsere Halbkugel zum 
Sitz der Freiheit zu machen" - Seine Meinung war, die englische 
Anregung dankbar anzunehmen. Dem Präsidenten Monroe und 
seinem Staatssekretär John Quincy Adams aber erschien es wür- 
diger, daß die Union nicht als Boot im Kielwasser des britischen 
Kriegsschiffes daherkomme. So wurde die Erklärung scheinbar 
ohne Rücksicht auf England in der üblichen Jahresbotschaft an 
den Kongreß am 2. Dezember 1823 niedergelegt. 

Ob Europa sie respektieren würde, war Europas Sache. Einen 
Bestandteil des Völkerrechts bildete die Monroedoktrin unzweifel- 
haft nicht. Sie war nichts als ein einseitig aufgestelltes poli- 
tisches Programm, das sich in erster Linie an die eigenen Lands- 
leute wandte; für diese aber wurde sie tatsächlich, wie Jefferson 
gewünscht hatte, der Kompaß, nach dem sie durch das Meer der 
Zeit steuerten. Dabei lag der Nachdruck nicht auf den negativen, 
beschränkenden Teilen. Die Nichteinmischung in europäische An- 
gelegenheiten war schon Monroe selbst schwer gefallen. Ursprüng- 
lich hatte er in starken Worten seine Sympathie mit den unter- 
drückten Völkern in Griechenland , Portugal und Spanien aus- 
drücken wollen. Wenn doch das eigene politische System so viel 
reicher an Segen war, hatte man dann nicht vor Gott und den 
Menschen die Verpflichtung, es auch nach Europa auszubreiten? Und 
erst recht das Versprechen, die bestehenden europäischen Kolonien 
in Amerika unangetastet zu lassen, war nur gegeben mit dem 
Hintergedanken, daß sie im natürlichen Lauf der Dinge bald von 
selbst abfallen würden. Das entscheidende war durchaus die po- 
sitive Zielsetzung, daß den Vereinigten Staaten die Aufgabe ge- 
wiesen wurde, jeder weiteren europäischen Kolonisation und Inter- 
vention in Nord- und Südamerika entgegenzutreten. Aus dieser 
freiwillig übernommenen Schutzpflicht mußte sich mit einer ge- 
wissen inneren Notwendigkeit allmählich ein Aufsichtsrecht ergeben. 
Die Monroedoktrin tendierte letzten Endes nach einem panameri- 
kanischen Protektorat hin. Gleich anfangs wurden panamerika- 
nische Bestrebungen wach. Als 1825 einige Republiken des spa- 
nischen Amerika einen Kongreß nach Panama ausschrieben und 
auch die Union einluden, übrigens unter ausdrücklicher Berufung 
auf die Monroedoktrin, empfahl John Quincy Adams, jetzt nicht 
mehr Staatssekretär, sondern Präsident, zwei Vertreter zu ent- 
senden , indem er in starken und geheimnisvollen Worten auf die 
Bedeutung der Sache hinwies. Es könne sein, daß im Laufe vieler 



1 Original from 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 333 

Jahrhunderte sich keine zweite so günstige Gelegenheit bieten 
werde, um den wohltätigen Zwecken der göttlichen Vorsehung zu 
dienen. Auch Henry Clay sprach von dem Markstein einer neuen 
Epoche in der Weltgeschichte. 

Am Ende lief dieser erste Versuch einer panamerikanischen 
Organisation trotz der pathetischen Ankündigung sehr kläglich ab 
und sollte erst in den achtziger Jahren wieder aufgenommen 
werden ; denn in den Sklavenstaaten der Union herrschte eine aus 
ihren häuslichen Sorgen wohl verständliche Abneigung gegen jedes 
nähere Verhältnis zu den spanisch-amerikanischen Republiken, wo 
Mulatten und Mestizen hohe Amter verwalteten, und wieder diese 
Mischlinge nahmen Anstoß an der Sklavenwirtschaft und dem 
angelsächsischen Rassenhochmut, der den Yankee noch heute viel- 
fach in Südamerika unbeliebt macht. In Washington kümmerte 
man sich bald so wenig um Südamerika, daß 1845 eine Botschaft 
des Präsidenten Polk das Verbot europäischer Kolonisation mit 
wirklichem Nachdruck nur noch für alle Teile des nordamerika- 
nischen Kontinents einschärfte. 

Diesen nordamerikanischen Kontinent aber suchte man umso 
vollständiger in seine Hand zu bringen. Innerhalb der alten 
Grenzen wuchs die Nation und breitete sich aus. Bis 1837 hatte 
sich die ursprüngliche Zahl der Kolonien auf 26 verdoppelt, und 
die Zählung von 1840 ergab 17 Millionen Einwohner gegen noch 
nicht B l /a im Jahre 1800. Die Erfindung der Eisenbahnen ermög- 
lichte rasche Verteilung über weite Räume. Die extensive Art 
der Wirtschaft, namentlich des Baumwollbaus, zwang dazu. Die 
Bevölkerung füllte also das Land bis zum Mississippi auf und 
drang unaufhaltsam in den fernen Westen vor. Das Gebiet des 
Louisianakaufs genügte dem Landhunger nicht mehr. Ein förm- 
liches Expansionsfieber erfaßte die Menschen. Poeten und Politiker 
schwärmten von „unserer augenscheinlichen Schicksalsbestimmung", 
our manifest destiny, und meinten damit die Herrschaft über .den 
ganzen nördlichen Kontinent. Insbesondere die Küstenlande am 
Stillen Ozean reizten die Phantasie. Man hatte dort zunächst nur 
ein mit England geteiltes Mitbesitzrecht an dem sogenannten 
Oregon zwischen dem mexikanischen Californien und dem rassischen 
Alaska. Nun verlangte die öffentliche Meinung stürmisch, daß die 
Regierung Oregon ganz bis zu 54° 40' für sich fordere. Eine Zeit 
lang, 1845, schien ein dritter Krieg mit England möglich. Überall 
erscholl das Feldgeschrei: Fifty four forty or fight. Schließlich 
begnügte man sich mit einer Teilung längs des 49. Breitengrades, 
die auch Kanada eine breite Front nach dem Stillen Ozean beließ. 



| . Original from 



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334 Friedrich Luckwaldt 

Aber was man im Nordwesten preisgab, nahm man sich alsbald 
im Süden. Dort hatten die europäischen Mächte versucht, in Mexiko 
nnd dem 1836 von Mexiko abgefallenen Texas irgendwie Fuß zu 
fassen. Gerade auch in Deutschland interessierte man sich für 
Texas. 1842 bildete 6ich unter dem Protektorat des Herzogs von 
Nassau und Teilnahme vieler anderer hoher und höchster Herren 
wie des Prinzen von Preußen und des Herzogs von Coburg der 
sogenannte Mainzer Fürstenverein mit dem Ziel, die deutsche 
Amerikaauswanderung nach Texas zu leiten und dies so allmählich 
zu einem deutschen Staat umzubilden. Erst recht England war 
eifrig bemüht, die junge Republik unter seinen Einfluß zu bringen. 
Mindestens verlangte es, daß Texas ein Staat für sich bliebe, und 
hob bei den Erörterungen darüber die Notwendigkeit hervor, 
für ein Gleichgewicht in Nordamerika zu sorgen. Das war das 
letzte, was man in Washington zugegeben hätte. Präsident Polk 
erklärte in einer geharnischten Botschaft, das Gleichgewichtssystem, 
das die Eifersucht der europäischen Herrscher erfunden habe, gelte 
nicht für den nordamerikanischen Kontinent: „Wir müssen stets 
das Prinzip aufrecht erhalten, daß das Volk dieses Erdteils allein 
das Recht hat, über seine Geschicke zu entscheiden. Wenn ein 
Teil desselben, der einen unabhängigen Staat bildet, sich mit un- 
serem Bunde zu vereinigen wünscht, so wird diese Frage von ihm 
und uns ohne fremde Einmischung zu entscheiden sein". Noch 
1845 wurde die Annexion von Texas wirklich vollzogen, und im 
nächsten Jahr (1846) begann man einen Krieg gegen Mexiko, um 
Californien und Neu-Mexiko zu gewinnen. Hier konnte man sich 
auf keinen Wunsch der Bevölkerung berufen. Es war ein nackter 
Eroberungskrieg, so schamlos, wie ihn nur je ein europäischer Staat 
vom Zaun gebrochen hatte. Der Ausgang aber war siegreich. Nach 
Einnahme der Hauptstadt wäre es möglich gewesen, ganz Mexiko 
zu „absorbieren", wie man damals sagte, und wenn das schließlich 
nicht geschah, obwohl mancherorten Stimmung dafür war, so ließ 
man sich im Frieden von Guadalupe Hidalgo (2. Februar 1848) 
doch fast die Hälfte des mexikanischen Gebietes abtreten. 

Das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Europa wurde davon 
nach zwei Seiten betroffen. Sie bekamen eine Reihe neuer wirt- 
schaftlicher Trümpfe in die Hand: alsbald ergab sich, daß die er- 
oberten Provinzen ungeheure Schätze an Gold, Silber und Kupfer 
bargen; und dann wurde die Union durch den Gewinn des Gol- 
denen Tores von San Francisco eine pazifische Macht. In weit 
höherem Maß als bisher nahm sie in Ostasien den Handels- und 
politischen Wettbewerb mit den europäischen Völkern auf. 1853 



| . Original from 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 335 

und 1854 entsandte sie die Flotten expeditionen Perrys, durch die 
die Abgeschlossenheit Japans endgiltig durchbrochen wurde. Sie 
trat dem Plan eines Isthmusdurchstichs näher. 1850 schon kam die 
erste Abrede darüber mit England, der Clay ton - Bulwervertrag, 
zustande. Abenteurer suchten sich in Mittelamerika festzusetzen. 
Beamtete Diplomaten forderten im Ostender Manifest (1854) von 
Spanien unter Drohungen den Verkauf Kubas. Es war, als wenn 
die Entwicklung Amerikas zur Weltmacht, die sich dann nach 1898 
vollzog, schon ein halbes Jahrhundert früher einsetzen wollte. 

Aber eine schwere innere Krisis hielt den äußeren Fortschritt 
schließlich noch einmal auf. Nicht ohne Zusammenhang mit den 
mexikanischen Eroberungen zog seit 1849 der große Bürgerkrieg 
zwischen Norden und Süden, zwischen den freien Staaten und den 
Sklavenstaaten langsam, aber sicher herauf. 1861 brach er offen 
aus. Weil bei der Präsidentenwahl von 1860 mit Abraham Lincoln 
der Kandidat der ihnen feindlichen neuen republikanischen Partei 
gesiegt hatte, erklärten elf Südstaaten ihren Austritt aus dem 
alten Bund und gründeten eine neue sogenannte Konföderation, 
als deren Hauptzweck die dauernde Sicherung der Negersklaverei 
erschien. Der Norden nahm das nicht hin. Er schickte sich zu 
gewaltsamer Unterwerfung der „Rebellen" an. Der gewaltigste 
Bürgerkrieg der Weltgeschichte, in dem allmählich drei Millionen 
Männer gegeneinander in Waffen traten, nahm seinen Anfang. 

Damit ergab sich für Europa eine große Chance. Die Süd- 
staaten wünschten nichts sehnlicher als eine Intervention Frank- 
reichs und Englands zu ihren Gunsten. Wäre es dazu gekommen, 
so hätte der Süden, der ohnehin bis 1863 sehr gute Aussichten zu 
haben schien , leicht seine Unabhängigkeit durchsetzen können. 
Statt einer angelsächsischen Republik in Amerika hätte es deren 
zwei gegeben, und die zweite wäre als Ackerbauland von Europa 
wirtschaftlich und politisch abhängig geblieben. Das Ausspielen 
und Abschließen Amerikas gegen Europa hätte aufhören müssen. 
An den europäischen Höfen verkannte man solche Möglichkeiten 
auch nicht ganz. Namentlich Kaiser Napoleons unruhiger Ehrgeiz 
fand sich dadurch angeregt. Er benutzte die Gelegenheit zunächst 
einmal zu dem Versuch, seiner Nation, die einst das Herz des 
Erdteils, Kanada und Louisiana, beherrscht hatte, in der äußersten 
Südwestecke eine neue Stellung zu gewinnen. Als gäbe es keine 
Monroedoktrin , richteten französische Truppen das Kaiserreich 
Mexiko auf, allerdings mit dem Habsburger Maximilian als Titel- 
träger. Auch einer Intervention für die Südstaaten wäre Napoleon 
sehr geneigt gewesen, aber ohne England mochte er nicht vorgehen, 



i ' , , I . Original from 



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336 Friedrich Luckwaldt 

und für die englischen Minister bestanden neben starker Verlockung 
doch stärkere Bedenken. Sie trauten Napoleon nicht recht, sie 
waren in Sorge wegen Rußland, weil dieses, aus Anlaß der pol- 
nischen Frage mit den Westmächten überworfen, demonstrativ, 
einmal 1863 sogar durch Sendung einer Flotte, für die rechtmäßige 
Unionsregierung eintrat, und vor allen Dingen sie mußten Rück- 
sicht auf die Stimmung der Arbeiterschaft nehmen, die keinen 
Krieg zum Besten der Sklaverei geduldet hätte. So begnügten 
sie sich, die Sezessionsstaaten unter der Hand mit dem und jenem 
zu unterstützen, ihnen namentlich ein paar Kaperschiffe ausrüsten 
oder bauen zu lassen, darunter die berühmte Alabama, die der 
amerikanischen Reederei gewaltigen, erst im letzten Krieg endlich 
verwundenen Schaden taten. Aber weder trat England vermittelnd 
zwischen die Kämpfenden noch protestierte es gegen die Blockade 
der Südstaaten durch den Norden, obwohl die Zurückhaltung der 
Baumwolle eine ungeheuer ernste Krisis für die englische Textil- 
industrie heraufführte. Die Unionsflotte konnte ihren Gegnern 
fast alle Einfuhr und Ausfuhr sperren, und diese wirtschaftliche 
Abschnürung , das allmähliche Absterben ihrer Volkswirtschaft, 
fast mehr noch als die zahlenmäßige Überlegenheit des Nordens 
ließ die Sezession zusammenbrechen, nachdem sie auf manchem 
Schlachtfeld gesiegt und durch den Heroismus ihrer Soldaten, die 
Fähigkeit ihrer Führer und die Opferfreudigkeit des Volkes die 
Feinde beschämt hatte. Die Analogie zu Deutschlands Schicksal 
im Weltkrieg ist oft und mit Recht hervorgehoben worden. Seit 
1863 ging es mit der Sache der Sezession bergab. 1864 hielt sie 
sich noch. Im April 1865 kapitulierten ihre letzten Heere. Die 
Union war wiederhergestellt. 

Und einen Augenblick konnte es scheinen, als würden die 
Energien, die der innere Krieg entfesselt hatte, sich nun gleich 
nach außen wenden. Der Staatssekretär Seward hatte vor Aus- 
bruch des Bürgerkrieges sehr ernstlich den merkwürdigen Plan 
entwickelt, die drohende Krisis dadurch zu beschwören, daß man 
einen Krieg gegen Frankreich und Spanien oder auch gegen Eng- 
land vom Zaun bräche, die Parole: Amerika gegen Europa aus- 
gäbe. Dann, nachdem er damit nicht durchgedrungen war, hatte 
er während des Bürgerkrieges natürlich alle mögliche Zurückhal- 
tung geübt. Selbst die Verletzung der Monroedoktrin durch Na- 
poleon in Mexiko war er klug genug gewesen zu ignorieren. Nun 
aber, der inneren Sorgen ledig, verlangte er von England katego- 
risch Entschädigungen für die Handelsverluste, die die Union durch 
die Tätigkeit der auf britischen Werften gebauten Sezessionskreuzer 



1 Original ftom 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 337 

erlitten hätte. Solche Entschädigungen sind nach langjährigen, 
zuletzt schiedsgerichtlichen Verhandlungen dann wirklich 1872 in 
Hohe von 15 7» Millionen Dollar gezahlt worden. Und was wich- 
tiger war, er zwang Napoleon, seine Truppen aus Mexiko heraus- 
zuziehen, worauf denn der Kaiserthron des unglücklichen Maxi- 
milian, ihn selbst unter seinen Trümmern begrabend, zusammenfiel. 
Auch Rußland wurde, freilich in Gute, vom amerikanischen Kon- 
tinent entfernt. Für die damals hoch scheinende Summe von 
7,200000 Dollar überließ es 1867 Alaska an die Union, die so die 
englischen Besitzungen in Kanada auch von Nordwesten umklam- 
merte. Würden sich diese da auf die Dauer halten können? In 
den Debatten über die Alaskafrage sagte ein Abgeordneter, Spal- 
ding: „Ich glaube, wenn irgend etwas unter dem Himmel vom 
Schicksal bestimmt ist, so ist es, daß die amerikanische Flagge im 
Laufe der Zeiten über jedem Fußbreit dieses amerikanischen Kon- 
tinents wehen soll. Unsere stolze Republik wird nicht auf ihren 
Gipfel kommen, bis sie den ganzen amerikanischen Kontinent und 
alle dazu gehörigen Inseln regiert". Als man dazwischenfragte : 
auch Südamerika?, bejahte er unbedenklich. Aus demselben pan- 
amerikanischen Traum heraus sprach Sewart 1868 davon, daß in 
30 Jahren Mexiko die Hauptstadt der Vereinigten Staaten sein 
würde ! ). 

Ganz so rasch gingen die Dinge dann aber nicht. Wir haben 
oft die Erscheinung, daß auf heroische Perioden solche mit mehr 
philisterhafter Grundstimmung folgen. Die Menschen, die unter 
der Geißel von Revolution oder Krieg ihr letztes an Kraft her- 
geben mußten, haben genug von großer Zeit, von Staat, von Vater- 
land, sie wollen wieder in Ruhe sich selbst und ihren Interessen 
leben. Das war schon in Europa oft so trotz des herkömmlich 
starken Staatsgefiihls. Wie viel leichter konnte es in Amerika 
bei von jeher so ausgeprägtem Individualismus eintreten. Die 
große Masse des Volkes überließ sich nach 1865 ausschließlich der 
Dollarjagd, die nie mehr als damals der amerikanischen Entwick- 
lung das Gepräge gab. Zu imperialistischer Politik hatte sie gar 
keine Neigung. Schon der Kauf Alaskas fand starken Widerstand, 
und als die Regierung versuchte, in die Inselwelt übergreifend, 
San Domingo und das dänische St. Thomas zu annektieren, stieß 
sie beim Kongreß auf entschlossene Ablehnung. Nicht einmal ein 
Aufstand auf Kuba, der doch zehn Jahre dauerte, reizte zur In- 
tervention. Die Vereinigten Staaten hatten durch ein Menschen- 



1) Oncken a. a. 0. 70 f. 



22 



Original From 



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338 Friedrich Luckwaldt 

alter sozusagen gar keine politische Geschichte. Fast nur von wirt- 
schaftlichen Fragen nnd Kämpfen kann der Historiker erzählen. 
Auch im Verhältnis zu Europa traten die wirtschaftlichen 
Momente in den Vordergrund. Der alte idealistisch motivierte 
Gegensatz amerikanischer Freiheit und europäischer Tyrannei verlor 
viel von seiner Schärfe. In den Jahren nach 1848 war er noch 
einmal stark hervorgetreten. Namentlich die Unterwerfung der 
ungarischen Freiheitsbewegung durch Osterreich und Rußland hatte 
laute Proteste hervorgerufen. Kossuth war bei einer Amerikareise 
als Held und Märtyrer gefeiert worden, und der Staatssekretär 
Webster hatte eine Beschwerde des österreichischen Geschäfts- 
trägers von Hülsemann mit dem berühmten Hülsemannbrief zurück- 
gewiesen, der im Hochgefühl amerikanischer Überlegenheit Öster- 
reich bedeutete, daß es, verglichen mit der Union, nur „ein Fleck 
auf der Erdoberfläche" (a patch on the earth's surface) sei. Seitdem 
waren Österreich und Ungarn in die Reihe der Verfassungsstaaten 
eingetreten. Auch das Deutsche Reich war in konstitutionellen For- 
men errichtet worden, Frankreich gar hatte sich 1870 als Republik 
aufgetan. Nur Rußland zeigte noch ein ausgesprochenes Gegenbild 
des amerikanischen Systems. Andererseits dies amerikanische System 
hatte Schattenseiten entwickelt, die kein leidlich offenes Auge über- 
sehen konnte. Die Regierung durch das Volk war zu einer Regierung 
durch die Politiker geworden, und diesen Politikern heftete sich viel- 
fach der Verdacht an, daß sie käuflich und unehrlich seien. Ein 
Skandal löste den andern ab. Selbst Minister wurden hereingezogen. 
Die Beschämung darüber war ziemlich allgemein. Man vermied, sich 
Europa gegenüber auf das hohe Freiheitspferd zu setzen. Umso 
stolzer war man darauf, wie man im wirtschaftlichen Wettbewerb 
neben Europa auf-, ja über Europa hinauskam, und hier bildete 
sich nun je länger je mehr ein neuer, nicht weniger gefährlicher 
Gegensatz heraus. In den Vereinigten Staaten waren sehr früh 
schutzzöllnerische Bestrebungen ans Licht getreten, namentlich in- 
folge des Embargos von 1807. Indessen das Interesse der Fabri- 
kanten des Nordens hatte ein Gegengewicht gefunden in den Frei- 
handelswünschen der Pflanzer des Südens; übermäßig hohe Tarife 
waren jedesmal bald wieder abgebaut worden. Bis zum Bürger- 
krieg griff keine dauernde Überspannung des Schutz prinzips Platz. 
Der Bürgerkrieg aber bewirkte, daß der freihändlerische Einfluß 
der Südstaaten fortfiel, dazu machte er vermehrte Einnahmen nötig, 
die am bequemsten durch Zölle zu erzielen waren. So wuchs eine 
immer höhere Zollmauer um das Land empor. Und nach dem Krieg 
war die inzwischen mächtig entwickelte Industrie stark genug, um 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 339 

allen Bestrebungen auf Ermäßigung entgegenzutreten. Das Ende 
von manchen Reformversuchen , von langjährigen Kämpfen , De- 
batten, Intrigen war 1890 der McKinleytarif, dessen Sätze viel- 
fach geradezu auf Prohibition hinausliefen. 

Für das Verhältnis zu Europa konnte das nicht günstig sein. 
Man mag über die relativen Vorzüge von Freihandel und Schutz- 
zoll sonst denken, wie man will, sicher ist: Freihandel wirkt im 
Sinn des Friedens, Schutzzoll im Sinn des Krieges, mindestens 
im Sinn von Konflikten. Der McKinleytarif verstimmte die eu- 
ropäische Welt tief und ernstlich. Gerade auch in Deutschland 
wurde viel über ihn geklagt. Immerhin war wichtiger etwas an- 
deres, das mit ihm nur mittelbar im Zusammenhang stand. Mit 
unter dem anregenden Einfluß des Hochschutzzolles, wenn auch 
nicht durch ihn allein, nahm die Kapitalanhäufung und Güterpro- 
duktion in Amerika solchen Umfang an, daß der innere Markt ent- 
fernt nicht genügte. Man mußte den Überschuß nach außen abzu- 
stoßen suchen, und weil doch die meisten europäischen Kultur- 
staaten sich auch durch Schutzzölle absperrten, entstand die wei- 
tere Notwendigkeit, möglichst viel nicht europäische Länder in 
direkte oder indirekte Abhängigkeit von sich zu bringen. Der 
moderne Industriekapitalismus führte wie überall zum Imperialismus. 
Die Dollarjagd, die sich den imperialistischen Träumen nach 1865 
zunächst feindlich erwiesen hatte, brachte sie ein Menschenalter 
später neu und in viel gewaltigerem Ausmaß auf die Tagesord- 
nung. Bald sprach man von Dollardiplomatie. 

Zunächst warde versucht, den europäischen Mächten in Süd- 
amerika den Rang abzulaufen. Schon 1889 feierte die halbver- 
gessene allamerikanische Idee den Triumph, daß auf Betreiben 
und unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Blaine ein „Kongreß 
der drei Amerikas", Nord, Mittel und Süd, in Washington zu- 
sammentrat und die anfangs recht bescheidene, allmählich aber zu 
wirklichem Einfluß gediehene Geschäftsstelle amerikanischer Repu- 
bliken begründete (seit 1910 Pan-American Union genannt). Dann 
als 1895 ein alter Grenzstreit zwischen Venezuela und Britisch 
Guayana auflebte und Venezuela unter Berufung auf die Monroe- 
doktrin an die Hilfe der Union appellierte, mischte sich die ame- 
rikanische Regierung tatsächlich ein. Der Staatssekretär ülney 
erklärte in einer alsbald veröffentlichten Instruktion vom 20. Juli 
1895: „Heute sind die Vereinigten Staaten faktisch souverän auf 
diesem Kontinent, und ihr Befehl ist das höchste Gesetz in den 
Fragen, auf die sie ihre Einwirkung beschränken. Warum? — 
man beachte das auch stilistisch krause Gemisch von naiver Selbst- 



l . Original ftom 



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340 Friedrich Luckwaldt 

gerechtigkeit und robustem Machtgefühl — Nicht aus bloßer Freund- 
schaft oder gutem Willen für sie. Auch nicht einfach wegen ihres 
hohen Charakters als eines zivilisierten Staates, oder weil Weis- 
heit, Gerechtigkeit und Billigkeit die unveränderlichen Kennzeichen 
ihrer Handlungen sind, sondern deshalb, weil zu allen anderen 
Gründen hinzu ihre unbeschränkten Hilfsmittel in Verbindung mit 
ihrer isolierten Lage sie zu Herren der Situation und für jede 
einzelne Macht oder alle zusammen praktisch unverwundbar machen". 
Der weitere Verlauf der Sache war nicht ganz nach Wunsch. Eng- 
land stellte sich auf den Standpunkt, daß die Monroedoktrin keine 
internationale Geltung habe, und beantwortete eine drohende Bot- 
schaft, die Präsident Cleveland daraufhin erließ, mit einem Feldzug 
gegen amerikanische Papiere, der der amerikanischen Bankwelt in 
wenigen Tagen Hunderte von Millionen Dollar kostete. Immerhin 
schließlich lenkte es halbwegs ein, der Streit wurde durch Schieds- 
gericht entschieden, und die amerikanische öffentliche Meinung, die 
in kriegerischer Begeisterung aufgeflammt war, schrieb sich den 
Sieg zu. 

Wahrscheinlich wäre der Ausgang weniger befriedigend ge- 
wesen , wenn nicht in die letzte Phase des Streits das Krüger- 
telegramm des deutschen Kaisers gefallen wäre, das erstmals den 
großen deutsch - englischen Gegensatz klar herausstellte. Europa 
war den Vereinigten Staaten noch nie als geschlossene Einheit 
gegenübergetreten. Die Rivalität seiner Mächte hatte bewirkt, 
daß immer irgend eine es in ihrem Interesse fand, vielmehr die 
Partei Amerikas zu nehmen wie Rußland während des Bürger- 
krieges. Aber doch kein europäischer Staat war je ganz und für 
die Dauer auf Seiten der Union gewesen. Insbesondere England 
hatte sich außer bei der ersten Verkündigung der Monroedoktrin 
allemal sehr geneigt gezeigt, amerikanische Anmaßungen zurück- 
zuweisen. Von angelsächsischer Interessengemeinschaft war noch 
wenig die Rede. Der einzelne Amerikaner und der einzelne Eng- 
länder hatten viel aneinander auszusetzen. Gerade aus englischer 
Feder stammen die bissigsten Satiren auf amerikanisches Leben 
wie etwa die Amerika -Kapitel in Dickens' Martin Chuzzlewit. 
Und die beiderseitigen Regierungen gerieten schon wegen gewisser 
kanadischer Grenzfragen und der streitigen Fischereirechte an der 
Küste Neufundlands von Zeit zu Zeit in mehr oder minder ernste 
diplomatische Konflikte. Auch in Mittel- und Südamerika und in 
Westindien beobachtete England die Union mit argwöhnischen 
Blicken. Das war in Washington bekannt und hielt sicher mehr 
als einmal amerikanische Unternehmungslust in Schach. 



1 Original from 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 341 

Da schuf denn seit Ende 1895 das Aufkommen des englisch- 
deutschen Gegensatzes für die Union eine ganz neue günstige 
Lage. England hielt die deutsche Handelskonkurrenz und den 
deutschen'Imperialismus für die so unendlich viel nähere und größere 
Gefahr, daß es den Vereinigten Staaten fortan eigentlich in allem 
und jedem entgegenkam. Auf einmal wurde Amerika in London 
Trumpf. Die größte See- und Handelsmacht Europas ging mit 
fliegenden Fahnen in das Lager Amerikas über. 

Die Wirkung davon zeigte sich sozusagen im Augenblick. 
Gewiß, die ungeheure Aktivität der amerikanischen Auslandspolitik 
seit 1898 darf man nicht allein darauf schieben, daß sie bei England, 
statt wie bisher Hemmnisse, einen Rückhalt fand. Sie hatte eine 
Menge innerer Gründe. Aber jener Stellungswechsel Englands spielte 
doch eine sehr große Rolle. Gleich der Krieg gegen Spanien 
um Kuba 1898 hätte vielleicht nicht angefangen und jedenfalls 
nicht mit so vollem Erfolg durchgeführt werden können, wenn 
die Union nicht Englands Kabinett und öffentliche Meinung so 
geschlossen hinter sich gehabt hätte. Es gibt ja hier noch viele 
ungelöste Fragen, namentlich die, zu welchem Zweck das deutsche 
Geschwader nach den Philippinen gesandt wurde. Aber in Ame- 
rika glaubte man ziemlich allgemein, daß nur England eine euro- 
päische Intervention vor oder während des Krieges verhindert 
habe. Indem das übrige Europa mit wenig verhehltem Mißwollen 
doch untätig zusah, ermöglichte die englische Freundschaft den 
Vereinigten Staaten, im Lauf weniger Wochen die spanische Flotte 
zu vernichten, Kuba und Porto Rico zu besetzen und einen Frieden 
zu erzwingen, der ihnen überdies noch die Philippinen und die 
Ladroneninsel Guam zusprach. Es war ein Wendepunkt in ihrer 
Geschichte. Anfang 1900 bemerkte einer der Botschafter in 
Washington, daß er, obgleich erst seit kurzem in Amerika, doch 
zwei verschiedene Länder kennen gelernt habe, die Vereinigten 
Staaten vor und nach dem spanischen Krieg. In Amerika selbst 
drückte man die Wandlung gern so aus, daß die Provinzialepoche 
der amerikanischen Geschichte abgeschlossen und die Union in die 
Reihe der Weltmächte eingetreten sei. 

Tatsächlich war die auffälligste Änderung, daß die amerika- 
nische Politik ihre Beschränkung auf Amerika aufgab. Nicht daß 
Bie in Amerika das geringste von ihrem alten Programm nachge- 
lassen hätte. Im Gegenteil, sie fuhr mit vermehrter Rücksichts- 
losigkeit fort, Amerika europäerrein zu machen. Die Monroe- 
doktrin erhielt immer weitergreifende Auslegungen. Zunächst 
einmal über die Inselwelt und Mittelamerika wurde ein faktisches 



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342 Friedrich Luckwaldt 

Protektorat begründet. Aber während sie die amerikanischen 
Sonderrechte voll behauptete , erkannte die Union europäische 
Sonderrechte nirgends mehr an. In vielen nichtamerikanischen 
Fragen trat sie mit dem Anspruch auf, gehört zu werden. Sie 
hielt ihre Hand schützend über China, sie vermittelte den Frieden 
zwischen Rußland und Japan, ihre Vertreter tagten mit auf den 
Konferenzen vom Haag und von Algeciras. Dabei wurde der 
Monroedoktrin vor Unterschrift der Protokolle der Tribut ge- 
wisser Vorbehalte gezollt, aber viel wollten die nicht mehr be- 
deuten. Der Geist, aus dem heraus Monroe seine Botschaft er- 
lassen, hatte sich doch vollkommen verändert. Für die älteren 
Generationen waren Europa und Amerika zwei getrennte Welten 
gewesen, die möglichst geschieden zu halten waren. Einen Ozean 
von Feuer hatte Jefferson zwischen sie zu legen gewünscht. Nun 
kamen sie in immer regere Wechselbeziehungen und glichen sich 
auch wohl mehr und mehr an. Die Art, wie die Union Porto Rico 
und die Philippinen, die Philippinen gegen den leidenschaftlichen 
Widerspruch der Bevölkerung, als abhängige Kolonien behandelte, 
statt sie als freie Staaten aufzunehmen, war europäisch und nicht 
amerikanisch. Andererseits in Europa machte das demokratische 
System dauernd Fortschritte. Die radikale Bewegung der Sozial- 
demokratie kam nicht von Amerika nach Europa, sondern von 
Europa nach Amerika, und man mochte billigerweise zweifeln, ob 
nicht die Lage der arbeitenden Klassen in Deutschland, England, 
Frankreich besser und gesicherter sei als in der neuen Welt. 
Amerikanische Reformer selbst hoben das gelegentlich hervor und 
verlangten umfassendere Fürsorge des Staates, weil das amerika- 
nische System der Einzelfreiheit nur zu der härtesten aller Ty- 
ranneien, der des vertrusteten Großkapitals, führe. 

Indessen, wie wenig Grund mehr dafür sein mochte, die alte 
messianische Idee, daß die Amerikaner das auserwählte Volk wären 
und die Menschheit erlösen müßten, war doch keineswegs tot. Zu 
fest war sie in den geschichtlichen Überlieferungen verankert, zu 
sehr ein Stück des noch immer mächtigen Puritanerglaubens. 
Sogar ausgesprochene Machtmenschen wie Roosevelt brachten es 
fertig, bei aller Nachahmuüg europäischer Methoden doch mit fast 
religiöser Inbrunst von dem „amerikanischen Ideal" zu schwärmen. 
Strenge Konsequenz ist ja nicht in der angelsächsischen Art. Voll- 
ends aber die noch immer sehr zahlreichen Elemente träumten 
von der Befreiung der Welt, die unter Ablehnung der neumodischen 
Machtpolitik nach außen wie im Innern die Rückkehr zu den allein 
wahren Grundsätzen der Demokratie Jeffersons verlangten. 



i ' , . I . Original ftom 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 343 

Und das Schicksal wollte nun, daß die Präsidentenwahl von 
1912 in Wilson einen Mann gerade aus diesen Kreisen ins Weiße 
Haus brachte. Wilson war eine richtige Weltverbesserernatur. 
„Sein Denken und sein Temperament waren wesentlich theolo- 
gisch" sagt der Engländer Keynes 1 )? der ihn 1919 in Versailles 
beobachtete und ein überzeugend wirkendes Bild von ihm ge- 
zeichnet hat. Gleich die Rede, mit der er am 4. März 1913 die 
Präsidentschaft übernahm, verkündete geheimnisvoll, daß man sich 
einem neuen Zeitalter des Rechts und der Befreiung nähere; und 
welche Rolle er Amerika bei der Heraufführung dieser goldenen 
Zeit zuwies, setzte er mit hingerissenen Worten am Unabhängig- 
keitstag (4. Juli) 1914 auseinander: „Ich weiß nicht, ob es jemals 
für die ganze Menschheit eine Erklärung ihrer Unabhängigkeit 
und ihrer Beschwerden geben wird, aber ich glaube, daß eine 
solche Urkunde, wenn sie jemals geschrieben würde, im Geist der 
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verfaßt sein wird, und 
daß Amerika hoch das Licht emporhält, daß über alle Generationen 
hinwegleuchten und den Fuß der Menschheit zu dem Ziele der 
Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens führen wird". Als 
dann gleich danach der Weltkrieg ausbrach und die Völker Eu- 
ropas sich wieder wie ein Jahrhundert zuvor zur Zeit Jeffersons 
selbstmörderisch zerfleischten, ergab sich für ihn ganz natürlich 
von Anfang an der Wunsch, die große Gelegenheit zu benutzen, 
um, wie er später einmal gesagt hat, die Monroedoktrin über die 
ganze Welt auszudehnen, die amerikanischen Grundsätze als die 
„Grundsätze nicht einer Provinz oder eines einzelnen Erdteils, 
sondern der befreiten Menschheit" überall zur Geltung zu bringen. 
Amerika sollte Europa den Frieden geben und zwar einen ameri- 
kanischen Frieden, der der Triumph der Freiheit, der Gerechtig- 
keit und des Rechts darstelle. Vorbedingung dafür war, daß nicht 
etwa Deutschland einen vollen Sieg gewann. Denn das deutsche 
Regierungssystem mit seinem streng monarchischen und stark 
militärischen Zuschnitt erschien dem Präsidenten als die Verkör- 
perung der veralteten europäischen Methoden. Er gewährte des- 
halb der Entente sehr bald eine gewisse indirekte Unterstützung 
durch Duldung der Waffenlieferungen, deren Neutralitätswidrig- 
keit er bestritt, und durch Einspruch gegen den deutschen Untersee- 
bootkrieg, in dem er eine klare Verletzung amerikanischer Rechte 
fand. Aber eine direkte Teilnahme am Kampf hatte er ursprüng- 



1) Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages, übersetzt von M. J, 
Bonn und C. Brinkmann S. 27—42. 



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344 Friedrich Luckwaldt 

lieh kaum in der Absicht, nicht mir, weil er Pazifist war, sondern 
wohl auch, weil er wirklich ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte, 
einen Frieden ohne Sieg wünschte, der nicht die Quelle neuer 
Kriege werde. Seine große Vermittlungsaktion im Dezember 1916 
war ernst gemeint, wenn sich vielleicht auch bereits der Hinter- 
gedanke mit ihr verknüpfte, den Verhandlungen eine Richtung auf 
Änderung der deutschen Regierung zu geben. 

Nun erwies sich damals, daß Europa noch nicht friedensreif 
war. Die Gegensätze hüben und drüben drängten auf klare Ent- 
scheidung. Der Vierverband stellte unannehmbare Bedingungen 
auf und Deutschland durchbrach die Vorverhandlungen durch über- 
eilte Ankündigung des unbeschränkten Unterseebootkrieges. Damit 
glaubte Wilson den Augenblick gekommen, wo Amerika offen 
Partei nehmen müßte. Er brach sofort (3. Februar 1917) die diplo- 
matischen Beziehungen zu Deutschland ab, und nachdem die rus- 
sische Revolution die Gefahr eines deutschen Sieges vergrößert 
hatte, forderte und erreichte er vom Kongreß die Kriegserklärung 
(6. April). Der Beschluß bedeutete etwas ganz Neues in der Ge- 
schichte der Vereinigten Staaten, so wenig dies Neue unvorbe- 
reitet sein mochte. Es handelte sich nicht wie bei den bisherigen 
Kriegen gegen europäische Mächte, England und Spanien, um die 
Befestigung und Ausbreitung der amerikanischen Macht auf der 
eignen Seite des großen Wassers, sondern Amerika griff auf die 
andere Halbkugel über, um deren Umgestaltung nach dem Bild 
seiner Staatsideale zu vollenden. Natürlich spielten geschäftliche 
Motive hinein. Ausschlaggebend aber waren insbesondere für 
Wilson selbst nicht realpolitische, sondern ideologische Erwägungen. 
Dem Präsidenten war es wirklich ein Kampf nicht gegen das 
deutsche Volk, sondern gegen das, was er „selbstsüchtige autokra- 
tische Gewalt" nannte, und nicht für die Entente, sondern für 
Demokratie, Völkerrecht, Völkerfrieden, Völkerbund, „für den end- 
giltigen Frieden der Welt und die Befreiung ihrer Völker". Es 
ist unmöglich, die Fülle eindrucksvollster, in sich zusammenstim- 
mender Kundgebungen, die er in diesem Sinne erließ, als Heuchelei 
abzutun *). 

Nur freilich die Wirkung seiner Reden und Taten war so 
durchaus anders als die erklärte Absicht, daß man ihn schließlich 
mit Don Quixote hat vergleichen wollen 2 ). Er besaß zwar Energie 

1) Am bequemsten zuganglich sind die Kundgebungen in der von Ahrens 
und Brinkmann besorgten deutschen Ausgabe: Wilson. Das staatsmännische Werk 
des Präsidenten in seinen Reden. Berlin 1919. 

2) Keynes S. 31 : Der blinde und taube Don Quixote. 



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Die Vereinigten Staaten und Europa 345 

und Fiihrergabe genug, um die finanzielle, wirtschaftliche, militä- 
rische Macht der Union in geradezu gewaltigem Ausmaß zu ent- 
wickeln, übrigens nach Rezepten, die großenteils dem geschmähten 
Deutschland abgesehen waren. Auch die propagandistische Kraft 
seiner Ideen war nicht gering. Das Außerordentliche geschah: 
Amerika brachte den europäischen Krieg geistig und auf dem 
Schlachtfeld zur Entscheidung. Indem die deutsche Regierung im 
Oktober 1918 keinen andern Ausweg mehr zu haben meinte, als 
sich nach Washington um Frieden zu wenden, schien die stolzeste 
Stunde der amerikanischen Geschichte zu schlagen. Noch nie hatte 
Europa so klein, Amerika so groß dagestanden. Aber sogleich, 
schon bei dem Notenwechsel mit Deutschland und dann vollends 
bei den Verhandlungen in Versailles wurde klar, daß der Präsi- 
dent von seinem Sieg nicht den rechten Gebrauch zu machen 
wußte. Er hatte Europa erlösen wollen und kannte Europa nicht. 
Sein Geist, der zu Zeiten so hohen Flug nahm, fand sich auf der 
Erde gegenüber Wirtschafts- und Territorialfragen nicht zurecht. 
Gerade dadurch, daß er unter Verletzung aller Traditionen der 
amerikanischen Präsidentengeschichte als „Kreuzfahrer" selbst 
nach Europa ging, brachte er sich in eine falsche Situation, wo 
die Mängel seines Charakters und seiner Intelligenz erschreckend 
in Erscheinung traten. Unwissend, ungewandt, voll von Vorur- 
teilen gegen den geschlagenen Feind und in eitler Sorge um seine 
persönliche Geltung, ließ er zu, daß sein ursprüngliches, sicher sehr 
anfechtbares Friedensprogramm der 14 Punkte vollkommen ver- 
fälscht wurde. Die Friedensschlüsse mit Deutschland und Oster- 
reich bezeichneten nicht, wie er noch einmal verkündet hatte, den 
„Anfang eines neuen Zeitalters, in dem eine neue Staatskunst die 
Menschheit zu neuen Höhen des Strebens und Vollbringens empor- 
heben wird* ; vielmehr waren sie ungerechter, gehässiger und be- 
drückender als irgendwelche Verträge, die das alte Europa, auf 
sich allein gestellt, je zusammengeflickt hatte. Das einzige, was 
der Präsident als Zeichen eines neuen , amerikanischen Geistes 
hervorheben mochte, war der Völkerbund, obwohl auch bei dessen 
Ausgestaltung seine Vorschläge oft nicht berücksichtigt waren, 
und als er froh wenigstens dieses Erfolges in die Heimat zurück- 
kehrte, entschied sich beinahe tragisch seine vollständige Nieder- 
lage: er stieß bei der öffentlichen Meinung seines eigenen Landes 
auf eine Ablehnung, die er, bald auch körperlich zusammenge- 
brochen, nicht überwinden konnte. 

Das amerikanische Volk hatte sich im ganzen willig in den 
europäischen Krieg hineinführen lassen. Den europäischen Frieden 

23 



Original From 



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346 Friedrich Luckwaldt, Die Vereinigten Staaten und Europa 

mochte es nicht garantieren. Weil es das Gefühl hatte, mit der 
Weltbeglückungsmission gründlich gescheitert zu sein, zeigte es 
Neigung, sich auf daß Programm der vollen Selbständigkeit und 
Isolierung, auf die großen Lehren von Washingtons Abschieds- 
adresse und die ursprüngliche Monroedoktrin zurückzuziehen. Gerade 
der Völkerbund war sehr unpopulär. Der Senat verweigerte den 
Beitritt. 

Dennoch ist es nicht wahrscheinlich, daß die Union ihm dauernd 
fern bleiben wird. Es handelt sich wohl mehr nur um eine vorüber- 
gehende, wenn auch heftige Reaktion gegen die praktische Aus- 
führung der Ideen Wilsons. An sich wurzeln diese Ideen tief in 
der amerikanischen Vergangenheit; und schon deshalb dürften sie 
eine Zukunft haben. Auch kommt in Betracht, daß sie in Süd- 
amerika stark gezündet haben, und endlich das innere Schwerge- 
wicht der Dinge drängt in ihrer Richtung. Eine Tatsache, wie 
die Teilnahme der Vereinigten Staaten am Weltkrieg läßt sich 
nicht gleichsam ungeschehen machen. Sie muß und wird weiter 
wirken. Die endgiltigen Lösungen freilich lassen sich noch nicht 
voraussehen. Wir leben in einer Zeit der Fragen, nicht der Ant- 
worten. 



1 Original ftom 



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der Urzeit Germaniens, des Frankenreichs und 

Deutschlands im frühen Mittelalter 

(bis 919 n. Chr. Geb.) 

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„Mit großem Verständnis und gestützt auf ein außeror- 
dentliches Wissen, verfolgt der Verfasser die innere Ent- 
wicklung des deutschen Volkes. Der Einfluß Griechenlands und 
Roms auf Germanien wird an Hand der Geschehnisse wirkungsvoll darge- 
stellt. Daneben kommt aber auch die Selbständigkeit und frühe Blüte unserer 
eigenen Sprache, Literatur und Kunst zu ihrem vollen Recht. Die besondere 
deutsche Eigenart ist trefflich herausgearbeitet, neue Probleme drängen sich 
von selbst dem Leser auf; ein Zeugnis der Tiefe und der großen Linie, die 
durch das ganze Buch geht. Das sehr anschaulich geschriebene 
Werk ist nicht nur dem Historiker von Fach, sondern jedem 
g ebi Id eten Laien warm zu empfehlen. Gerade wir Deutsche wissen 
ja leider viel weniger von der Geschichte des eigenen Volkes als von jener 
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Historikers kann sich das gebildete, politisch-geschichtlich 
interessiertedeutsche Publikum gar nicht wünschen. In glück- 
lichster Weise vereint der Verfasser gediegenes Wissen von dem Gegenstand 
und die Fähigkeit, es weiteren Kreisen zu vermitteln." [Preuß. Jahrbücher.] 

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sicheres ruhiges Urteil und einen scharfen Blick für den Kern 
einer Persönlichkeit mit." [Kölnische Zeitung.] 

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politischen und geistigen Leben seit dem 18. Jahrhundert 

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als Schriftsteller oder Redner sich um öffentliche Fragen zu sorgen hat, 
empfohlen werden. Der Verfasser urteilt stets unparteiisch und 
wissenschaftlich, mit derselben Strenge gegen die Gegner des Deutsch- 
tums wie gegen seine aus blinder Liebe oder Bosheit irrenden Feinde sich 
wendend." (Hessische Landeszeitung.j 

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i . Original ftom 



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Deutschlands 

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Das Staatensystem Europas vor dem Krieg, sein Wesen und seine 
Wurzeln. — Irland. — Die Rheinlinie (Frankreich gegen Deutschland, 
Holland, Belgien, Luxemburg, Elsaß-Lothringen, Schweiz). — Die öster- 
reichisch-ungarische Erbmasse (Deutsch-Österreich, Tschechland, Ungarn, 
Rumänien, Italien). — Die türkische Erbmasse (Aufteilung der Türkei, 
Balkan). — Die russische Erbmasse (Polen, Ukraine, Litauen, Baltland, 
Finnland). — Die nordschleswigsche Frage. 

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Neuere Geschichte Englands 

Entwicklung seiner Kultur-, Rechts-, Wirtschafts- und 

Staatengeschichte vom Mittelalter bis zum Weltkrieg 

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in 3 Bänden dargestellt von Prof. Dr. Karl Or6ans, Konstanz 

/Bücherei der Kultur und Geschichte, Bände 13—15/ 

Jeder Band brosch. etwa 24.— M, in Halbleinen geb. etwa 30.— M 

Das Werk fußt hauptsächlich wenn auch nicht ausschließlich auf eng- 
lischen Quellen und stellt die gesamte Geschichte Englands vom Aus- 
gang des Mittelalters bis zum Wettkrieg im Zusammenhang der europäischen 
Begebenheiten dar. Alle Seiten des geschichtlichen Lebens werden mit be- 
sonderer Hervorhebung des Oeistes- und Wirtschaftslebens zu einander in 
Beziehung gesetzt. 

Die politischen Beziehungen 
zwischen Deutschland und England vom 
Ausgang des Mittelalters bis zum Jahre 1815 

von Georg v. Schoch, General d. Inft. a. D. 

/Bücherei der Kultur und Geschichte, Band 20/ 

Preis: broschiert 22.— M, in Halbleinen geb. 28.— M 

Gezeigt wird das Entstehen der von England im eigenen Interesse 
ausgenutzten Theorie des europäischen Gleichgewichts. Aus 
der Darstellung geht vor allem die Erkenntnis hervor, daß im Bündnis mit 
England sehr oft die Leistungen Englands — z. B. bei der Bekämpfung 
Napoleons- weit hinter dem Einsatz auf deutscher Seite zurückgeblieben sind. 

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